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Rubrik erinnern

Kapitel 14: Das innovative Potential des „Ehrenamts“

Von Antje Schrupp, Dorothee Markert, Andrea Günter

Zum 20. Jubiläum der Flugschrift „Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik“ wurde das Büchlein im Christel Göttert Verlag neu aufgelegt und wird hier im Forum auch erstmals online veröffentlicht (hier der Link zum Anfang). Dies ist das 14 Kapitel: Ehrenamt.

Flugschrift
Flugschrift “Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn”

Aus der positiv zu wertenden Bedeutung, die Frauen der Sinnhaftigkeit ihrer Arbeit zumessen, erklärt sich ihre hohe Bereitschaft zu ehrenamtlicher Tätigkeit im sozialen, kulturellen und politischen Bereich. Dabei propagieren Frauen heute ein „modernes“ Ehrenamt, bei dem nicht mehr Selbstaufopferung für andere, sondern Selbstverwirklichungsmöglichkeiten, Spaß, Gestaltungsfreiheit und Gemeinsinn betont werden. Allerdings besteht die Gefahr, dass so der Glauben zementiert wird, diese Qualitäten seien mit bezahlter Berufstätigkeit nicht zu vereinbaren. Dass auch dies wieder eine falsche Alternative ist, zeigt das Ehrenamt berufstätiger Männer, sei es in Sport- und Musikvereinen, sei es in Parteien.

Ehrenamtliche Tätigkeit eröffnet die Möglichkeit, dass sich Frauen und Männer ganz auf die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit der gewählten Arbeit konzentrieren können und nicht auf öffentliche Finanzierung, also die Zustimmung institutioneller Autoritäten, angewiesen sind. Sie sollte daher nicht in großem Ausmaß in Bereichen sozialer Versorgung einspringen, deren Notwendigkeit gesamtgesellschaftlich anerkannt ist.

Ehrenamtliche Arbeit muss von wachem politischem Bewusstsein begleitet sein, so dass verhindert wird, dass die dort Tätigen durch ihren kostenlosen Einsatz an einer Qualitätsverschlechterung in der sozialen Versorgung mitwirken, indem sie Einsparungen ermöglichen oder überbrücken.

Wendet sich ehrenamtliche Tätigkeit dagegen Bereichen und Problemfeldern zu, die eben erst im Entstehen sind und deren Sinnhaftigkeit noch nicht allgemein anerkannt wird, kann ihr innovatives Potential zum Tragen kommen. Ehrenamtliches Engagement könnte so zum Seismographen für gesellschaftliche Veränderungen werden.

Dies funktioniert aber nur, wenn Frauen, die ohne Bezahlung arbeiten, dafür sorgen, dass dafür auf andere Weise Wertschätzung und Dankbarkeit ausgedrückt werden, um ein Unsichtbarwerden ihrer Arbeit zu verhindern. Hierfür müssen neue gesellschaftliche Dankbarkeitsrituale erfunden oder alte wiederbelebt werden. Diese werden dann ihren ganzen Sinn entfalten können, wenn die Unterordnung der Care-Arbeit unter die Gesetze der kapitalistischen Wirtschaftsordnung aufgebrochen ist.Aus: Ulrike Wagener, Dorothee Markert, Antje Schrupp, Andrea Günter: Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik. Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim 1999, Neuauflage 2019

Autorin: Antje Schrupp, Dorothee Markert, Andrea Günter
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 03.01.2022

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