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Rubrik Blitzlicht

Ich bin gegen Gewalt, Waffen und Krieg, aber …

Von Dorothee Markert

… nach Putins Überfall auf die Ukraine befürwortete ich ohne langes Hin und Her Waffenlieferungen, damit dieses Land eine Chance hat, sich zu verteidigen. Das vertrug sich schlecht mit meinem bisherigen Selbstbild. Doch wenn ich genau hinschaue, war ich in meinem Pazifismus auch vorher nicht so gefestigt, wie ich glaubte.

Krieg sei etwas Hundsgemeines, sagte mein Vater. Er hatte seine Jugend und die jungen Erwachsenenjahre in Uniform verbracht, bis zu seiner Gefangenschaft in dem Glauben, das Richtige zu tun. Und ich war durch jene Aussage, mein christlich geprägtes Aufwachsen und den Zeitgeist zu einer überzeugten Pazifistin geworden.

Bis ich mit 21 Jahren durch den Schulungsleiter einer ultralinken Gruppe an einem einzigen Nachmittag „einsah“, dass ich mich mitschuldig machte an der Ausbeutung von Werktätigen und an imperialistischen Kriegen, wenn ich nicht auf der richtigen Seite zu kämpfen begann. Als die USA dann Nordvietnam bombardierte, sammelte ich Geld für Waffen für Nordvietnam.

Ich blieb nicht in der Linken, doch mir blieb die Überzeugung, dass man gegen Ungerechtigkeit kämpfen muss. Aber natürlich nicht mit Gewalt, sondern mit Worten und einem konsequenten Engagement für gerechtere Verhältnisse. Bei den großen Friedendemonstrationen konnte ich also wieder dabei sein. 

Im Rahmen der Frauenbewegung lernte ich in einem Wen-Do-Selbstverteidigungskurs, mir die Scheu abzutrainieren, einem Angreifer Gewalt anzutun und das Risiko einzugehen, ihn dabei auch zu töten. Und ich übte auch in den letzten Jahren wieder Karate, um notfalls in der Lage zu sein, mich und meine Frau zu verteidigen. 

Wenn ich mir selber gegenüber ehrlich bin, war ich auch nicht eindeutig gegen den Einsatz von Waffen, als es darum ging, den Völkermord in Bosnien zu beenden. Und auch nicht beim Krieg gegen die Taliban. Ja, und zur Unterstützung der syrischen Revolution hätte ich mir sogar gleich zu Beginn ein Eingreifen des Westens gewünscht, um eine Flugverbotszone durchzusetzen, was auch nur mit Waffengewalt möglich gewesen wäre. 

Autorin: Dorothee Markert
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 20.06.2022
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Claudia von der Tauber sagt:

    Mir fielen die Überlebensstrategien der Amazonen ein: Als die matriarchalen, friedliebenden Städte vielmals angegriffen wurden von patriarchalen Kriegern, veränderten Teile der Bevölkerung ihre Struktur und übernahmen den Gebrauch von Pfeil und Bogen und das Reiten auf Pferden von ihren Feinden und überlebten noch tausend Jahre. Gründeten Städte und halfen anderen Städten bei der Verteidigung.
    Auch hier ging es ums Überleben.

  • Ulrich Wilke sagt:

    Liebe Dorothee,
    ich habe eine ähnliche Entwicklung wie du durchgemacht.
    Inzwischen weiß ich:
    Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben,
    wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.

  • Dr. Gisela Forster sagt:

    Waffen sind dafür gemacht, Menschen zu töten.
    Wollen wir Menschen andere Menschen töten?
    Nein.
    Also dürfen wir auch keine Waffen einsetzen.

  • Voigt-Kehlenbeck sagt:

    Liebe Dorothee,

    mir fehlt das conclusio…und nun? Die Welt brennt, die Ressourcen werden mit Waffengewalt (= Menschenopfern) neu verteilt. Der Kapi- oder Imperialismus (damals und wie heute der “Feind”) aber sichert uns ein mehr oder weniger privilegiertes Leben …
    Und dennoch, prägen suns die Wertediskussionen der vergangenen Dekaden. Immer wieder neu justieren wir unser Frauen-/Männer-/Menschenbild angesichts menschenverachtender Politiken und bewusst herbeigeführter Destabilisierungen durch Kriege, gerechtfertigt von Machismen und Psychopathen (Trump in den USA, Putin in Russland, von vielen anderen von Männern regierten Regionen ebenso). Der Kitt ist immer der Begriff der Nation, die zu verteidigen sei. Nicht die Menschen, deren unversehrten Leben zu verteidigen ist- überall!
    Von China ist nicht weniger Kriegerisches zu erwarten, auch von der Türkei wird vielfach Absurdes erwartet.
    Für mich ist es nicht die Frage der Ächtung des Waffeneinsatzes, sondern die Kritik an der Propaganda zu Nation und dem vermeintlich bedrohten Volk, das machtvolle Männer genau dann im Munde führen, wenn es “ich”heissen müsste ( = ich, Machtmann mit gefährlicher Handlungsmacht in nicht demokratischen Regierungen). Conclusio, wir Frauen sollten uns einmischen den Begriff der Nation zu dekonstruieren, und uns nicht in die Diskussionen der männlichen Machthaber:innern verwickeln lassen, auch wenn es unsere Eindeutigkeit tangiert.
    Bleiben wir bei unserem Mitgefühl, und unserem Entsetzen, so ist dies das Privileg der Frauen. Sie wurden bislang nicht in die Logik männliche kriegsorientierte Identität eingebunden. Wir hatten, im Schatten des Patriarchats zum Glück Freiräume, Menschlichkeit zu entwickeln und zu verfechten . Lassen wir uns diese nicht nehmen.

  • “Proletarier aller Länder vereinigt euch im Frieden und schneidet euch die
    Gurgel ab im Kriege!”“ — Rosa Luxemburg an Krautsky

    „Ich dachte immer, jeder Mensch sei gegen den Krieg, bis ich herausfand, dass es welche gibt, die dafür sind, besonders die, die nicht hingehen müssen.“ — Erich Maria Remarque

    Wieviele 10.000e Tote und verwüstete Städte darfs denn mehr sein, für die Machtkämpfe der Reichen und Superreichen um den Zugriff zu den Ressourcen der Ukraine? Warum wohl haben USA und EU 2014 den von Neonazis mitgetragenen Maidan-Putsch gegen einen demokratisch gewählten Präsidenten unterstützt und dann entgegen sonstigen Gepflogenheiten sofort die Putschregierung anerkannt und diese dann militärisch und ideologisch aufgerüstet?

    “Im Krieg stirbt die Wahrheit zuerst” gilt mehr denn je!

    Wenn zwei nationalistische Psychopathenregime sich bekriegen, das schwächere sich für einen Proxykrieg mißbrauchen läßt, welchen Grund gibt es, sich auf die Seite einer Kriegspartei zu stellen, viele Waffen zu liefern, damit der Krieg noch länger und blutiger wird?

    Auf den nachdenkseiten, bei telepolis und anderen unaghängigen Medien gibt es viele kritische Hinweise. Auch in Mainstreammedien aus der Zeit vor der Invasion. Wer die vielen Puzzlesteine zusammensetzt wird feststellen, “wir” gehören auch hier nicht zu den Guten. Selten dass es einen Krieg gibt, wo eine Seite absolut gut und die andere abgrundtief böse ist. Das ist meistens nur Propaganda!

    Wer noch bei Verstand ist, stellt sich daher auf die Seite jener, die GEWALTFREI den Frieden der Menschen suchen, statt den Krieg für Staat und Kapital zu schüren!

    https://www.friedensbrief.at

  • 22.06.2022

    Je mehr Waffen geliefert werden, desto länger wird die kriegerische Auseinandersetzung dauern und viele Menschen werden auf beiden Seiten ihr Leben verlieren.
    Ich halte es für dringend angezeigt, dass parallel notwendige Dialoge zwischen den Mächten intensiviert werden müssen, um dem Blutvergießen ein Ende zu setzen ( siehe z.B. Vietnamkrieg, Irakkrieg). Ein Waffenstillstand ist geboten, um zu gegebener Zeit Friedensverhandlungen starten zu können.

    Helga Laurinat

  • Antje Schrupp sagt:

    @Gisela – Das ist nun eine etwas schlichte Argumentation, oder? Das würde ja in der Konsequenz bedeuten, dass die Gewalttäter die ganze Welt widerstandslos übernehmen können und alle anderen vergewaltigen, versklaven oder abmetzeln können. Willst du das wirklich? Kann ich nicht verstehen. Ich finde das eine verantwortungslose und leichtfertige Haltung.

  • Antje Schrupp sagt:

    @Martin: Wer behauptet denn, dass in diesem Krieg eine Seite “absolut gut” ist? Niemand. Was behauptet wird ist, dass es hier einen klaren Aggressor gibt und nicht irgendwie “beide Seiten gleichermaßen schuldig”. Zwischen diesen beiden Varianten gibt es ja noch mehr Zwischentöne. Auch die in dem verlinkten so genannten “Friedensbrief” (Ich finde, es ist ein “vor-der-blanken-gewalt-Kapitulieren-Brief”) behauptete “Gleichschaltung in Kriegsbegeisterung als einzig erlaubtes Argument” kann ich nicht erkennen. Es wird sehr differenziert und vielschichtig debattiert, gerade von denjenigen, die – mit großen Bauchschmerzen – sich für Waffenlieferungen aussprechen.

    Ich finde dazu diesen Text von Arnd Henze ganz großartig: https://www.zeitzeichen.net/node/9852?fbclid=IwAR3L5tBATxyMG3EuO_UWnJ4W8J7rUCXmBx2Mryadnqbvj6UylqPv_t12yc4

  • Antje Schrupp sagt:

    @Helga – Ja, deine Worte in Putins Ohr. Soweit ich es mitbekomme, telefoniert ja andauernd irgendjemand mit ihm, von Macron über Scholz bis Erdogan usw., scheint aber nichts zu helfen.

  • Jutta Pivecka sagt:

    Liebe Dorothee, Danke für dieses Blitzlicht.
    Für mich selbst ist es weniger schwierig, Waffenlieferungen an Ukraine zu befürworten, da ich nie Pazifistin war. Für mich galt, solange ich denken kann, dass “Deutschland den Pazifismus diskreditiert und ad absurdum geführt (hat), indem es praktisch vorgeführt und damit empirisch bewiesen hat, dass es Schlimmeres geben kann als den Krieg; dass Schrecken möglich sind, von denen nur eine starke Armee befreit.” (Wolfgang Pohrt). Den amerikanischen Soldaten, die Europa befreiten, bin ich immer sehr dankbar gewesen. Viele von ihnen ließen an der französischen Atlantik-Küste ihr Leben dafür, dass wir in einer – wie immer auch kritikwürdigen – Demokratie aufwachsen konnten. Als eine, die in eine tschechische Familie eingeheiratet hat, war für mich nach 1989 klar, dass die osteuropäischen Staaten einen militärischen Schutz vor dem imperialistischen Anspruch Russlands brauchten. Mit wem immer aus den baltischen Staaten, aus der Tschechoslowakei oder Polen ich in diesen Jahren sprach: Sie sagten mir das und ich hatte keinen Grund, ihnen nicht zu glauben.
    Ich gehe oft auf dem Friedhof in Frankfurt-Oberrad spazieren. Dort gibt es ein großes Gräberfeld für die niederländischen Zwangsarbeiter, die nach der Kapitulation deportiert und zu Tode geschunden wurden. Es treibt mir die Tränen in die Augen, wenn ich die Daten auf diesen Grabstätten sehe: Die meisten dort Begrabenen waren in ihren frühen Zwanzigern, auch einige in Frankfurt geborene Kinder sind darunter, die wenige Monate nach der Geburt, wohl an Unterernährung starben.
    Wer sich gegen den Verteidigungskampf mit Waffen gegen Putins Russland ausspricht, wer Waffenlieferungen an die Überfallenen verweigert, der muss sich eben auch klar dazu bekennen, dass nicht Frieden die Folge sein wird, die sein Handeln hervorbringt, sondern Folter und Ermordung jener, die die “Filtrationslager” nicht “überstehen”, Deportation, Zwangsarbeit und Zwangsadoption für viele und für die anderen dauerhaftes Leben unter einem Terrorregime mit fortgesetztem Morden. Das, so muss jemand dann sagen, halte er für weniger schlimm, als den fortgesetzten Krieg. Dies gehört zur Wahrhaftigkeit ebenso dazu, wie wir, die wir für Waffenlieferungen eintreten, auch sagen müssen, dass das den Tod vieler, vieler russischer Soldaten (und leider auch vieler ukrainischer Soldaten) bedeuten wird. Und ich sage: Ja, das ist mir bewusst, aber ich halte es für weniger schlimm, als den Sieg des Diktators und die Unterwerfung unter sein Regime und all die Toten und Gefolterten, die das mit sich bringen wird.
    In diesem Artikel wird die Welt beschrieben, in der man unter Vladimir Putins Herrschaft leben muss:https://www.dekoder.org/de/article/krieg-ukraine-gewalt-folter-armee
    Ich verstehe nicht, wie es damit einen “Interessenausgleich” geben kann.
    Es gibt in einem Konflikt gegen einen Diktator wie Putin mit imperialen und kolonialistischen Intentionen meiner Ansicht nach keine Möglichkeit mit “sauberen” Händen aus dem Konflikt herauszukommen.Gesprächsbereitschaft und “ziviler Widerstand” sind gegen diese Gewalt keine Option, sondern ermöglichen nur die dauernde Ausweitung dieser Gewaltstrukturen.

  • Rosemarie Kirschmann sagt:

    Liebe Frau Markert,,
    mit einer gewissen Fassungslosigkeit lese ich Ihren Beitrag zum Ukrainekrieg – und es ist nicht der einzige feministische Text, der mich fassungslos macht.
    Meine Perspektive ist ganz anders als die Ihre, und ich bin gespannt, ob Sie und das Redaktionsteam diesen Beitrag in den Kommentaren von “beziehungsweise weiterdenken” veröffentlichen ….
    Immer wenn ich an die gefallenen Väter, an die getöteten Partner, an die erschossenen Söhne auf beiden Seiten denke, wenn ich an die durch Panzer zerstörten fruchtbaren Landschaften, an die durch Raketen verbrannten Wälder, die verseuchten Seen und Flüsse, an die vielen sinnlos getöteten Tiere denke, an die vielen, vielen Opfer des Krieges denke, werde ich ohne Ende traurig.
    Das schmerzt mich mehr, als dass ich es noch in Worte fassen kann.
    Es ist grauenhaft, sinnlos, absurd falsch. Und es müsste nicht sein.
    Jede Zeit, auch die unsere, hat wirkungmächtige Strategien der Konfliktbearbeitung und des Interessenausgleichs entwickelt, die vielfach hilfreich eingesetzt wurden und werden. Die Konfliktparteien müssen nur wollen. Aber sie wollen nicht. Sie wollen nicht den Interessenausgleich, die Konfliktbearbeitung, sie wollen nicht die Bewältigungung der Gegensätze, sie wollen keine Abkommen schließen, sie wollen keine Lösung.
    Sie wollen siegen und triumphieren, sie wollen ihre Macht und Herrschaft durchsetzen, sie wollen den Gegner ruinieren und vernichten.
    Warum?
    Gewalt ist eine soziale Erscheinung, sie ist nicht die Natur des Menschen. In unseren zeitgenössischen Gesellschaften in Ost und West sind die meisten Bereiche als Kampf organisiert. Gewalt ist bei uns fast universell, sie ist Bestandteil unserer Wirtschaft, unseres Konsums. Natürlich nicht offensichtlich, sondern als ein verborgener Bestandteil all der Produkte, an denen das Blut der Minenarbeiter und der vernichteten Arten klebt. Gewalt und der Wille zur Herrschaft, zur Zerstörung und zum Besitzen sind die DNA der patriarchalen kapitalistischen Gesellschaften des Westens wie des Ostens. Und viele Menschen kennen einfach nichts anderes als Konflikte mit Gewalt zu lösen. Es ist der kollektive Anpassungsdruck eines materialistischen Glaubenssystems, der sie in ihrem Menschsein so beschädigt. Sie funktionieren so, und Gewalt gehört schlicht zu ihrem Sozialcharakter. Es fehlt nicht an den Mitteln zu einem gewaltfreien Interessensausgleich, sondern das Hindernis ist im Moment eine Art kollektiver egomanischer Erregungszustand bei den Konfliktparteien und ihren Anhängerschaften in Politik, Medien und Bevölkerung.
    Wir sind damit in einer historischen Sackgasse gelandet, die kurz vor einer Explosion steht, weil sie aus sich selbst heraus keinen Ausweg mehr findet.
    Es geht so nicht mehr weiter.
    Ich kenne eine andere Welt und sie ist möglich.Sie war in den Alten Gesellschaften das “Normal”, und sie lebt auch heute, aber halt in den Nischen. Den Nischen, die diejenigen erschaffen, die eine Sehnsucht, eine Hoffnung und auch einen Plan haben für diese andere Welt. Es ist die Welt der Werte des Lebendigen, der Zusammengehörigkeit, Anteilnahme, des Vertrauens, und des Wissens um die Verbundenheit mit allem was lebt, auch dann, wenn es anders ist, als ich es mir wünsche – das ist die DNA der anderen Welt.
    Die schlechte Nachricht ist, dass Machtgebaren, Dominanzstreben und Gewalt den Weg zu dieser anderen Welt absolut sicher blockieren, und den Weg zum Frieden.
    Und das weiß jede:
    Unsere Ziele erfordern, dass wir solche Mittel einsetzen, die dieselbe energetische Qualität haben wie unser Ziel, sonst wird es nix. Weil wir dann unser Ziel mit energetischem Gift kontaminieren, das zwangsläufig verhindert, dass ein lebensdienliches Ergebnis eintritt. Eine Endlosschleife der Destruktivität ist immer die Folge.
    Oder mit Gandhi: es gibt keinen Weg zum Frieden, Frieden ist der Weg.
    Eine schlechte Nachricht ist aber auch, dass die mögliche andere Welt gerade einen schlimmen Rückschlag erleidet.
    Aber es gibt auch gute Nachrichten.
    So viele Menschen stärken in sich selbst und in der Welt die Kräfte des Lebens, der Zusammengehörigkeit und des Mitgefühls, nähren die Fähigkeit, Widersprüche und Paradoxien zu ertragen, ohne in Gewalt und Hass zu fallen – gute Voraussetzungen für Frieden. Es gibt nicht nur diesen furchtbaren Krieg, es gibt gleichzeitig eine Revolution für das Leben. Wir alle kennen viele Menschen (und Bewegungen) , die vielleicht unsichtbar, aber alltäglich an der Revolution für das Leben mitwirken. Da geschieht eine Transformation, die weit über die Einzelne und die Kleingruppe hinausreicht, da entsteht ein FELD der Kräfte. die sich für das lebendige Leben verbündet haben. Feldkräfte übersteigen die Einzelkraft bei weitem. Dieses neue Feld hat die bedingungslose Unterstützung der Kosmischen Ordnung, weil es in Resonnanz mit ihr ist, und von ihr gewollt.
    Und vielleicht schaffen es alle, die auf ihre Weise an der Revolution für das Leben mitwirken, gemeinsam diesen Abgrund zu umschiffen, auf den die aktuelle Katastrophe zusteuert …
    In Verbundenheit mit allen, die an der Revolution für das Leben mit ihren Mitteln mitweben.

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Rosemarie, das würde mich schon interessieren,
    wie denn dein AlltagFriedensweg konkret aussieht… –
    Jetzt noch eine fragende Bemerkung:
    “In Verbundenheit mit allen, die an der Revolution für das Leben
    mit ihren Mitteln mitweben,“ lautete dein letzter Satz.
    Ich hoffe, du lässt diesen auch für das ukrainischer Volk gelten?!
    Sie kämpfen doch nicht gegen Putin, sondern sie verteidigen ihr Land
    und weben sozusagen miteinander für ihr ÜberLeben.

  • Lydia Elmer sagt:

    @Antje. “Es wird vielschichtig und differenziert debattiert.” Wirklich? Unter den Linke ist der Debattenraum seit Corona bedenklich geschrumpft. Auch unter Feministinnen. In der Schweiz gab es während der Pandemie etwa drei Tagesmedien, welche die Massnahmen kritisch kommentiert haben. Mit dem Krieg in der Ukraine ist es ähnlich. Da kommen spezifisch schweizerische Zusammenhänge, wie die Neutralität, etwas differenzierter zum Zuge. Und, Entschuldigung, ich finde deine Kommentare hier eher salopp-abwertend und nicht sonderlich “open minded”. Darüber wie Waffenstillstände ausgehandelt werden und wurden und welche Hindernisse und Widerstände es eventuell gibt, liesse sich sehr wohl diskutieren. Und die Ukraine ist ja nicht ganz widerstandslos, aber unterlegen, ja. Deshalb die Waffenlieferungsdebatte ja oder nein in Deutschland. Ich nehme jetzt hier nicht Stellung dazu, weil zu komplex für einen Kommentar. Abschliessend möchte ich nur sagen, dass man Kritik am Krieg üben muss, ob man jetzt eine Pazifistin ist oder nicht. Die Feministinnen, besonders sie, welche sich von früheren pazifistischen Überzeugungen distanzieren und sich als Waffenbefürworterinnen outen (im Fall der Ukraine), hinterlassen bei mir ein mulmiges Gefühl. Ich kann zum Beispiel nicht ganz nachvollziehen, warum ein solches Geständnis nötig ist.

  • Antje Schrupp sagt:

    @Lydia – Ich finde deine Einordnung, dass ich mit meiner Position nicht “Kritik am Krieg” üben würde, fehlgeleitet. Natürlich übe ich Kritik am Krieg, aber eben gegenüber denjenigen, die den Krieg angefangen haben, nicht gegenüber denjenigen, die hier die Opfer sind und sich gegen einen Aggressor wehren. Ich bin keine “Waffenbefürworterin”, ich bin nur dagegen, dass man Leuten, die sich mit Waffengewalt nehmen, was sie haben wollen, einfach kampflos das Feld überlässt. Und nichts anderes bedeutet es, wenn die Ukraine jetzt nicht militärisch unterstützt wird.

  • Jenny Warnecke sagt:

    Liebe Dorothee,
    dein Text spricht mir aus der Seele. Es kommt einer zwar wie ein Widerspruch vor, aber es ist scheinbar ein Fakt. Meine Ukraine-Kontakte sagen, dass die Rechnung derzeit folgendermaßen ist: Je mehr Waffen aus dem Westen, desto weniger Tote.

    Wir dürfen auch nicht vergessen, dass wir durch das Blut sehr vieler alliierter Soldaten befreit wurden (gegen den Willen viel zu vieler). Die von dir aufgezählten Kriege sowieso – ja.

    Das derzeitige Ankommen (der Geflüchteten) ist übrigens sehr weiblich. Das liegt nicht nur an den geflüchteten Frauen und Kindern, sondern an den aktiven Helferinnen vor Ort, die fast alle Frauen sind – strukturiert, selbstlos, superschnell im Aufbau vom Nötigsten: Übersetzungspools über Telegram-Kanäle, Abholgruppen vom Bahnhof und Begleitung der Familien in die LEA (vor allem direkt nach Kriegsausbruch). – Vorbei an den Bahnhofsbeauftragten, die das gar nicht o.k. fanden und sofort Ukraine-Flaggen zur Erkennung, Warnwesten als Zeichen von Ansprechbarkeit und Flyer in ukrainischer Sprache verboten haben. Mit einem Willkommen und dem Weg mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur LEA (statt der städtischen Variante, die einen google-Map-Ausdruck hatte mit der Überschrift “Wenn eine Person Ihnen diesen Zettel zeigt, helfen Sie ihr bitte, den Weg zu finden [sic!]. Diese Gruppe – bestehend aus jungen Frauen, teilweise Mütter, hat sich wochenlang als Reisende getarnt an Gleis drei aufgehalten, bis der letzte Zug aus Berlin kam um 23 Uhr, weil auch die Anwesenheit auf dem Gleis verboten wurde – unglaublich. Dass die Stadt fortlaufend behauptet, es gebe kein Problem am Bahnhof, liegt an der “zu guten Arbeit” dieser Gruppe (der auch ein Mann angehört, ein Student aus Russland).
    Blöd war das vor allem für people of colour, die von den Aktiven nicht so leicht als “Ukrainer*innen” erkannt werden konnten. In Freiburg sind einige – u.a. eine junge alleinerziehende Frau aus Mariupol mit ihrer 1,5 Jahre alten Tochter – mit vietnamesischen Wurzeln (die glücklicherweise in einer Support-WG untergekommen ist.)

    Vor zwei Wochen habe ich über FAIRburg eine Konferenz gemacht mit den Aktiven, die seit dem 24. Februar ehrenamtlich durcharbeiten auf höchst nachhaltigem Niveau. Es gibt zahlreiche Strukturen, die im Ehrenamt aufgebaut wurden, die effektiv und nachhaltig sind, wie 3x pro Woche Kinderbetreuung im Haus der Jugend, damit die Mütter deutsch lernen können, musikalische Früherziehung für Kinder von ukrainischen Musikerinnen, Konzerte, Wandertage, Suppenkochtage (1x pro Woche für 50 Leute aus der LEA!), Deutschlernkurse in einem Vorort, weil alle Deutschkurse voll sind. Und das alles in einer Geschwindigkeit, die keine Institution hier hinbekommt.
    Ein spezielles Thema von Ksenia Myacheva (Engagiertes Freiburg) war die Folgeunterbringung von Haustieren – wohl sehr schwierig. Auch die Kommunikation der Behörden untereinander quasi nicht existent (Land = Regierungspräsidium, das in der LEA erstmals Tiere erlaubt und auch registriert und Kommune = Tiere in allen Unterkünften verboten – was die Folgeunterbringung sehr kompliziert macht.

  • Dorothee Markert sagt:

    Für die vielen Kommentare bin ich sehr dankbar. Besonders auch für die, die nochmals eindrücklich deutlich gemacht haben, was Waffen anrichten, und ihr Entsetzen und ihre Trauer zum Ausdruck brachten über die sinnlosen Zerstörungen und das große Leid, das hier nun schon so lange Tag für Tag weiter vermehrt wird.
    Dankbar bin ich auch für die, die verstanden und bestätigt haben, dass
    ein Sich-für-Waffenlieferungen-Aussprechen “nur mit großen Bauchschmerzen” möglich ist. Dass in meinem Blitzlicht eine “conclusio” fehlt, ja, die war mir nicht möglich, als ich es schrieb. Jetzt würde ich sagen, dass der Ukraine angesichts der ihr angetanen Gewalt geholfen werden muss, damit sie sich verteidigen kann.

  • Esther Gisler Fischer sagt:

    Die Verzagtheit von Frauen angesichts von Krieg und Gewalt erschreckt mich. Dabei könnten wir aus pazifistischen Quellen schöpfen: https://jacobin.de/artikel/die-linke-war-schon-immer-gegen-den-krieg-ukraine-luxemburg-lenin-marx-engels-spd/

  • Anne Newball Duke sagt:

    Ich denke seit einer Weile über Jeannette Pickerin Rankins Satz nach: “Man kann einen Krieg genauso wenig gewinnen wie ein Erdbeben.”, den ich in der ZEIT vor ein paar Wochen fand; unkommentiert, nur so als “Denkmoment” hingeworfen. Befrage ich meine Körperin, so ist alles klar: bei der Vorstellung an das Grauen des Krieges für jede* Involvierte – und ich fasse “involviert” hier weit – beginne ich zu weinen, und wenn ich mich länger hineinbegebe, verliere ich jede Hoffnung, ich sehe meine Töchter an und denke mittlerweile oft nur noch: wie lange kann ich das alles, die Gewalt, das ganze Grauen noch von ihnen derartig fernhalten, dass sie gut, also einigermaßen sicher und in Freiheit, aufwachsen? Als Klima-Aktivistin gelingt mir das schon seit drei Jahren nicht mehr wirklich, ihnen das Grauen vorzuenthalten. Aber noch ist es immer wieder in die Ferne drückbar, die Sonne scheint, das Eis schmeckt gut, das Leben ist schön. Andere Kinder, andere Menschen sind schon lange im Krieg, waren es teils immer, kennen keinen anderen Zustand. Der Kriegszustand ist für mich der für mich am weitesten Entfernteste von einem guten Leben für alle Würderträger*innen dieser Welt. All mein Denken befasst sich damit, nicht da hineinzugeraten. Mein Denken funktioniert gar nicht in andere Richtungen. Es wird dann waberig, unsauber, ungenau, von oben herab, unglaubwürdig, behauptend; nichts von dem will ich meinem Denken zumuten.

    Dann schaue ich auf die globalen Machtverhältnisse, darauf, wie ein souveränes Land angegriffen wurde, und mein Körperdenken soll sich nun anders einrichten. Es soll nun machtstrategisch denken; es soll denken: “Wie muss der Krieg ausgehen, damit wieder Frieden in Europa herrscht und nicht noch weitere Länder von Putin überfallen werden”. Ich fokussiere. Ich versuche wirklich zu fokussieren. Ich lese Berichte von Generälen. Aha, so ist das, und so kann es ausgehen, wenn dies und das und jenes eintritt. Ich bilde mir ein, mir eine Meinung zu bilden. Ich lege die Zeitung weg, ich leg das Handy beiseite, und es weint aus mir raus. Es weint und weint und weint. Tagelang, immer wieder, hier plötzlich, da wieder, in sehr unpassenden Momenten, wie peinlich. Okay, stähle dich, stähle dein Fühlen und Denken, du bist nutzlos in all deinem Weinen, damit hilfst du niemandem, sage ich mir. Aber wenn ich das ganze “alte Denken” nicht mehr ertrage, wenn es aus mir rauskotzt, wenn ich es lächerlich finde – ja sogar darüber lachen muss, so durchschaubar und gleichzeitig widerlich, wie es ist in all seiner Brutalität und Menschenverachtung. Ich kann es nicht ernst nehmen. Wie kann ich dann mein Denken ernst nehmen, das genau hier andocken soll? Wie kann ich ein Fühlen ernst nehmen, das diese gewollte Brutalität ernst nimmt? Ich weigere mich. Meine Körperin weigert sich.
    Ich versuche erneut, mich neu auszurichten, mein Denken auf eine andere Ebene zu bringen: Aber, sage ich mir, ich bin doch 100%ig gegen diesen von Russland ausgehenden Krieg, ich stehe auf der Seite der Ukainer*innen… also: warum stelle ich mich dann so gegen Waffenlieferungen, was will ich dann mit meinem Pazifismus, der einfach nicht aus meiner Körperin weichen will?
    Ich lese wieder den Satz von Rankin.
    Beide Diskurse passen nicht zusammen. Ich, so wie ich mich definiere, als Feministin, die ein Mehr sucht, die das gute Leben für alle sucht und die längst auf dem Weg ist, werde ich den Krieg immer auf der Erdbeben-Ebene wahrnehmen.
    Was will ich also? Die Ukraine muss den Krieg gewinnen, dann können wir wieder am guten Leben weiterdenken. Oder: Der Krieg muss egal wie beendet werden, das Morden und Sterben und Angsthaben und Fliehen und Leiden und Foltern und Vergewaltigen muss ein Ende haben, sofort, egal wie. Und dann denken wir das gute Leben an dieser Stelle weiter.
    Meine Körperin sagt wieder mal ganz klar: Der Krieg muss aufhören, sofort. Aber das ist wieder die Rankin-Ebene. Verlieren und gewinnen sind hier ganz anders beschrieben, meinen etwas ganz anderes. Eine Mutter verliert ihr Kind, das ist Verlieren. Hier geht es um das Existentielle, um das menschliche Erleben von verlieren und gewinnen. Bei dem Rankin-Satz gibt es keine europatriarchale Macht, die mitgedacht werden muss. Jede Person verliert im Krieg. Auf welcher Seite auch immer. Niemand – keine einzige Person – gewinnt irgendwas. Außer die Waffenindustrie, aber halt stopp, das ist schon wieder die andere Ebene.
    Ist es nun so schlimm, wenn ich nur diese Ebene denken kann? Ist mein Beitrag dann weniger wert? Ist mein Pro-Ukraine-Sein dann weniger wert? Weil ich zwar A sagen, aber dann nicht B sagen kann? Muss mein Denkvollzug, meine Schlussfolgerung – ich kann es nicht einmal “Denken” nennen – hier kohärent sein?
    Ich werde Waffenproduktion und -lieferungen usw. usf. nie, wirklich niemals zustimmen können. Und wenn ich es irgendwann täte, dann nur, weil ich gewaltvoll (gegenüber meinem Körpergefühl) überzeugt wurde. Das kann passieren. Aber es ist nichts, was aus mir oder meinem Denken herauskäme. Krieg ist nichts, was ich denken kann. Zerstörung von Leben ist nichts, wo mein Denken ansetzen kann. Und mein körperinneninterner Apparat, der auf Objektivität und Generälestrategie schalten soll, kann nicht fokussieren und verliert sich irgendwo, bevor er kohärente Aussagen in europatriarchaler Denkart machen kann. Das wäre dann sowas: Es geht um Nation und Staat und Selbstverteidigung eines Volkes, um die Gefahr der Ausweitung des Krieges bis zu uns, falls die Ukraine den Krieg verliert. Das ist ein anderes “Verlieren”. Es hat große Bedeutung in machtpolitischer Hinsicht. Es hat Folgen und zieht Konsequenzen nach sich. Verlieren und gewinnen sind hier nicht mit dem Rankin-Satz zu fassen.
    Was kann ich mit meinem Denken sehen? Ich sehe, das es jetzt in die letzten Kämpfe des Anthropozäns geht. Es wird höchstwahrscheinlich ziemlich schlecht für uns ausgehen; einige werden es schaffen; je reicher eine* ist, desto besser die Aussichten, desto länger kann sie* sich noch freikaufen aus der Scheiße. Mit diesem und auch sicher kommenden Kriegen und unserem Weitergang in der Fossilität ist das zivilisatorische Ende in etwa 80 Jahren besiegelt. Das ist keine Panikmacherei. Man muss nur Klimawissenschaftler*innen ernst nehmen und zuhören und wirklich einverleiben, was sie sagen. Krieg ist da natürlich eingedacht. Was schließe ich persönlich für mein Denken daraus? Ich gehe in kein Kriegsdenken hinein. Ich denke konsequent daran vorbei. Ich lasse mein Weinen zu, denn das ist ehrlich und echt, es fühlt die Menschen im Krieg, es bringt mir sie nahe, und es fühlt den Krieg wie ein Erdbeben. Ich rechne damit, dass der Krieg auch zu uns kommt. Aber ich tue jetzt dennoch alles dafür, dass es nicht passiert, indem ich woanders weiterdenke, nicht im und am Krieg. Das ist mein Beitrag. Er ist nicht unpolitisch. Ich höre nicht auf, aus meiner Körperin heraus zu denken, so lange es mit möglich ist. Dafür nutze ich mein Privileg, so lange es mir gegeben ist.
    Und wenn ich inkohärent bin, dann bin ich es. Vielleicht entsteht daraus ein neuer Weg, der aus dem Erdbeben herausführt.

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