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Der Thermomix

Von Antje Schrupp

Zehnter Beitrag aus der Serie „Küchengeschichte(n) – wie Haushaltsgeräte die Care-Arbeit veränderten und verändern“

Als Jutta diese Serie über Haushaltsgeräte vorschlug, kam mir sofort der Thermomix in den Sinn. Der Thermomix ist nämlich mein liebstes Haushaltsgerät. Nicht unbedingt das Wichtigste: Wichtiger sind natürlich Herd, Waschmaschine, Kühlschrank. Aber das liebste. Der Thermomix ist gleichermaßen nützlich wie luxuriös. Anders als auf Kühlschrank, Herd und Waschmaschine kann man locker auf ihn verzichten. Aber es ist schön, ihn zu haben.

Entsprechend hat der Thermomix es auch nur knapp in diese Serie geschafft, nämlich nur auf meinen besonderen Wunsch, wie Jutta schon im einleitenden Artikel klargestellt hat. Kann denn ein Gerät, über das nur eine kleine Minderheit der Haushalte verfügt, überhaupt „das Arbeiten im Haushalt und die Beziehungen der im Haushalt arbeitenden Personen verändern“, wie die Aufgabenstellung lautete? Andererseits: Wie verbreitet ist die elektrische Getreidemühle, deren Existenzberechtigung in dieser Reihe nie angezweifelt wurde?

Der TM31 war der letzte Thermomix ohne Wlan. Nach elf Jahren im Einsatz ist das Bedienfeld ein bisschen vergilbt, aber sonst funktioniert alles noch einwandfrei. | Foto: Antje Schrupp

Wer einen Thermomix hat, braucht keine Getreidemühle, denn Getreidemahlen kann der auch. Ebenso wie Zucker zu Puderzucker pulverisieren, wiegen, Sahneschlagen, Teig kneten, Gulasch kochen, Schokolade schmelzen, Zwiebeln hacken, Fisch dünsten und, wie ich in der Werbung für das neueste Modell gelesen habe, neuerdings angeblich sogar Kartoffeln schälen (was ich aber erst glaube, wenn ich es selbst ausprobiert habe). Er besteht aus einem 2,2-Liter-Metalltopf und einem großen, hässlichen weißen „Grundgerät“ mit Display, verfügt über einen Einsatz zum Schneiden, einem zum Mixen, einem Aufsatz zum Dünsten, fertig. Die Temperatur ist in Zehnerschritten von 30 Grad bis Verdampfen einstellbar.

Das Gerät ist eine ingenieurtechnische Kniffelarbeit der Firma Vorwerk in Wuppertal – ihr anderes Produkt neben dem berühmten Staubsauger. Noch immer ist der Staubsauger („Alles rund ums Reinigen“) zwar das Markenzeichen von Vorwerk und das erste, was auf der Startseite gezeigt wird, wenn man die Webseite aufruft, Umsatztreiber ist inzwischen aber der Thermomix („Alles rund ums Kochen“). Mit beiden Geräten stemmt sich die Firma seit Jahren gegen den Trend zu immer billigerer Wegwerf-Ware: Sie sind sehr, sehr teuer, halten dafür aber ewig. Mein Thermomix ist elf Jahre alt, kostete damals stattliche 1000 Euro, ist permanent im Einsatz und zeigt bis heute keinerlei Anzeichen von Verschleiß.

Die Besonderheit des Geräts besteht in der Kombination aus mixen/häckseln UND erhitzen. Den ersten solchen „Heizmixer“ brachte Vorwerk 1970 auf den Markt, „Thermomix“ heißt das Gerät seit 1980. Anfangs wurde er nur in Frankreich vertrieben, offenbar glaubte Vorwerk selbst nicht an einen Markt in Deutschland. Auf der Webseite wird das damit erklärt, dass in Frankreich mehr Soßen gekocht würden, aber ich glaube, es hat es auch mit einer hierzulande besonders verbreiteten Technikskepsis zu tun, vor allem, wenn „natürliche“ Dinge wie Essenkochen betroffen sind. Ein Freund von mir, der ein sehr guter Koch ist, behauptet, mit dem Thermomix würde jedes Essen versaut. Die Kräuter für die Frankfurter Grüne Soße zum Beispiel müssten unbedingt von Hand gehackt werden. Sagen wir so: Müssten sie das, würde es bei uns nicht im Frühjahr einmal die Woche Grüne Soße geben. Grüne Soße im Thermomix dauert grade mal zehn Sekunden.

Der Thermomix ist ein Gerät für Leute, die sich mit Technologie die Arbeit erleichtern wollen. Mich macht vor allem die Ungeduld zum Fan. Viele Gerichte brauchen viel Zeit und wenig Aufmerksamkeit. Sie müssen zum Beispiel lange auf niedriger Temperatur schmoren oder köcheln. Langsam emulgieren, sanft schmelzen, vor sich hin blubbern. Im Thermomix geht das, ohne dass man danebenstehen muss. Nichts kocht über, nichts brennt an, gerührt wird automatisch, die Temperatur gehalten auch. Praktisch bedeutet das bei mir: Ich lasse den Thermomix in der Küche arbeiten und sitze derweilen am Schreibtisch. Wenn die Zeit um ist, piept es aus der Küche, und schon ist der Kartoffelbrei fertig, oder die Suppe, die Soße, der Spargel. Zumindest ist das ein Aspekt des Thermomix: Er ermöglicht es der Köchin, die Küche zu verlassen, so wie der Elektroherd es der Hausfrau ermöglicht hat, das Haus zu verlassen.

Gleichzeitig hilft der Thermomix aber auch jenen beim Kochen, die es vielleicht nicht ganz so gut können. Die eigens für das Gerät geschriebenen Rezepte lesen sich wie Bedienungsanleitungen: Soundsoviel Gramm von diesem und jenem in den Topf füllen, dann X Minuten auf Stufe Y und mit Temperatur Z. Man kann nicht viel falschmachen. Seit die neuen Modelle auch mit dem Internet verbunden sind, ist dieses Prinzip noch verfeinert worden und heißt „Guided Cooking“. Dabei wählt man nur ein Rezept aus, und der Thermomix macht Schritt für Schritt alle Einstellungen allein. Es bleibt dann wirklich nichts anderes mehr zu tun, als die Zutaten bereitzustellen und auf Anweisung in der richtigen Reihenfolge in den Topf zu schmeißen. Natürlich lässt das ambitioniertere Köchinnen vor Entsetzen erschaudern. Auch ich bevorzuge eigene Rezepte und koche selten einfach nach, was mir die Datenbank von „Cookidoo“ vorgibt. Aber ich rümpfe nicht die Nase über diejenigen, die sich einfach den Vorgaben des Geräts anvertrauen. Bedürfnisse sind nun mal unterschiedlich. Und besser als irgendeine Fertigpizza im Ofen ist das Ergebnis allemal.

Lange Zeit – und auch zu „meiner“ Zeit noch – konnte man einen Thermomix nur kaufen, wenn man eine persönliche Thermomix-Beraterin hatte, die in die Geheimnisse des Geräts einweihte. Meistens fand man sie bei einem privaten Koch-Event, das in meinem Fall meine Schwester ausgerichtet hatte. Ich war nur hingegangen, weil ich mir einen netten Abend versprach, aber letztendlich war ich die einzige unter den acht Gästen, die tatsächlich ein Gerät kaufte. In den seither vergangenen Jahren hat das Image des Thermomix einen erheblichen Sprung gemacht. Als unter Corona das „Home-Cooking“ wieder Aufwind hatte, gab es nochmal einen Boom. Im Jahr 2021 wurden weltweit 1,5 Millionen Geräte verkauft.

Inzwischen kommt man nicht mehr nur über den Direktvertrieb durch Kundenberaterinnen an einen Thermomix, sondern kann ihn ganz normal und in Ladengeschäften kaufen – allerdings schickt mir meine Kundenberaterin von vor elf Jahren immer noch regelmäßig Mails und lädt mich zu allem Möglichen ein. Obwohl ich noch nie irgendwo hingegangen bin. Aber ich weiß, dass ich könnte! Heute sind der Netzwerkgedanke und das Gemeinschaftsgefühl, mit dem die Koch-Events Nutzerinnen zusammenbringen und an das Gerät binden sollten, aber über das Internet noch viel einfacher möglich: Auf der „Thermomix Rezeptwelt“ teilen die Nutzerinnen ihre Rezepte miteinander, und auf der aktuellen Version – dem TM6 – kann man sich die direkt aus dem Internet aufs Display herunterladen.

Hat der Thermomix nun also die Haushaltskultur verändert? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass er in meiner Küche einen festen Platz hat. Und, was ich im Zuge der Recherche zu diesem Artikel auch gemerkt habe: Wenn man mal rumfragt, haben mehr Leute einen zuhause rumstehen, als man meinen sollte. Übrigens auch unter meinen Kolleginnen in der bzw-Redaktion!

Autorin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 28.09.2022

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Anne Newball Duke sagt:

    Juhuuu, ich bin so eine Kollegin! :) Letzte Woche zum Beispiel erst wieder Milchreis mit Haferdrink gemacht (geht und schmeckt genauso gut wie mit Kuhmilch!), war dafür nur 2x á ca. eine Minute von meinem Text abgelenkt, um erst Milch und Salz, und nachm Aufkochen noch Reis reinzuschütten. Den Rest macht der Thermomix, kein Rühren und “oh shit, doch angebrannt”, nix. Ich und meine zwei Töchter glücklich.
    Wir haben ihn mittlerweile auch schon ziemlich lange… vielleicht auch schon 10 Jahre? Damals hat mich mein Mann übrigens gezwungen, mit zu so einem Koch-Event unter Latinas/os zu gehen. “Wenn du willst, dass ich auch endlich mal Kochverantwortung übernehme, dann stehen mit dem Gerät die Chancen gut.” (Technik und Männer… tja… ;) Das hat mich überzeugt, zumindest mitzugehen. Wir waren dann auch nur 2 Haushalte/Personen von etwa 8, die wirklich an dem Abend noch einen bei der Beraterin bestellte. Wir nutzen ihn beide, aber gefühlt nutze ich ihn öfter. Vor allem, seit so Familienlieblingsrezepte, die er immer umgesetzt hat, z.B. “Königsberger Klopse” aufgrund des Vegetarischwerdens von 2 Familienmitgliedern nicht mehr laufen. (Leider noch keinen leckeren vegetarischen Ersatz gefunden!)
    Ich bin auch eine von jenen, die nur in etwa 20% allen Kochens gerne kocht (beim Backen noch weniger). Etwa ein Drittel der restlichen 80% meiner Kochmomente bestreite ich mit dem Thermomix, und ich fühle dann immer eine große Dankbarkeit. “Ein Gerät versteht mich, ein Gerät nimmt mir die Hauptarbeit ab, danke, oh danke, liebes Gerät.”
    Ist es eigentlich nur ein Mythos, oder waren es damals tatsächlich Frauen, die den Thermomix entwickelt haben, weil sie einfach genau wussten, welches Küchengerät sie gern als Unterstützung in der Küche hätten?

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