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Rubrik handeln

Gegen den Hass

Von Anke Johannsen

Da ist es wieder, dieses Störgefühl, das mich seit geraumer Zeit begleitet. 

Ganz Deutschland hasst die AfD! – Feststellungen wie diese begegnen mir zu Beginn des Jahres 2024 immer häufiger. In diesem Fall auf einer Online-Business-Platform. 

Menschen finden sich in diesen Tagen zu Demonstrationen ein, und das in einer Größenordnung, die wir uns noch vor geraumer Zeit nicht hätten vorstellen können. Wobei wir sie uns gewünscht haben. 

Es war eine Investigativ-Recherche, die das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Dass es rechte Strömungen gibt, das wussten wir ja schon. Dass es antidemokratische, faschistische Kräfte gibt, die dem Anschein nach ungebremst ihre Wirkung entfalten, auch. Aber wir wussten nicht, wie wir hierzulande damit umgehen sollten. Wir, die stille Mehrheit, von der immer die Rede war, und in deren Richtung immer wieder angemahnt wurde, sie müsse lauter werden. 

Demonstrationen als Zeichen – und danach?

Die Demonstrationen seien nur ein erster Schritt, heißt es nun. Es sei gut, dass immerhin sichtbar werde, dass jene Menschen, die sich extremen Parteien zugehörig oder nah fühlten, eben bei Weitem nicht die Mehrheit darstellten. Wie aber kann die jetzt sichtbare, aber irgendwie immer noch stille Mehrheit von nun an nicht nur punktuell sichtbar, sondern auch flächendeckend lauter werden? Wie unsere demokratischen Verhältnisse stärken, wenn nicht sogar verteidigen? Wie sich Gehör verschaffen, analog wie digital, um den öffentlichen Diskurs in eine Richtung zu lenken, die nicht von Spaltung, sondern von Gestaltung zeugt – damit wir auch in Zukunft in einem vielfältigen und zukunftszugewandten Land leben können?

Ich lande bei Fragen wie diesen wieder bei meinem Störgefühl, meiner Ratlosigkeit. Denn ein lauter war bisher gleichzusetzen mit einem Schreien. Einem Zurück-Hassen. 

Ganz Deutschland hasst die AfD!

Das bin ich nicht. Ich möchte nicht hassen. Niemanden.

Die Sache mit dem Hass

Hass ist nicht klug. Er ist blind. Er ist rückwärtsgewandt. Er ist reaktiv. Er macht es sich leicht.

Wenn ich eines in den letzten Jahren, in denen ich stiller als viele Andere war, verstanden habe, dann dies:

Wer auf Menschenfeindlichkeit und Hass mit Menschenfeindlichkeit und Hass antwortet, macht es nicht besser – auch und vor allem dann nicht, wenn er sich für moralisch überlegen hält. 

Denn das mit der Moral ist so eine Sache. Sie handelt davon, sich auf der richtigen Seite der Geschichte zu wähnen. Im Recht zu sein. 

Und recht haben zu wollen, das wissen wir alle aus müßigen Konflikten im Berufs- und Privatleben, ist so ziemlich das Gegenteil von einem angenehmen und gelingenden Miteinander.

Die richtige Seite der Geschichte

Natürlich will auch ich auf der richtigen Seite der Geschichte stehen. Ich will verhindern, dass Menschen großes Unrecht oder unendliches Leid angetan wird. Jede mitfühlende Zelle in mir will das. Jeder spontane Impuls. Ich will Menschen an den Kragen gehen, die sich Unschuldige zum Opfer machen. Will auf sie losgehen. Sie einschüchtern und kleinmachen, damit sie aufhören. 

Als würden sie dadurch wirklich aufhören! 

Denn wenn ich die Sache pragmatisch betrachte und mich frage, wohin all das führen würde, muss ich mir eingestehen: Es würde tatsächlich nirgendwo hinführen. Ich würde mich beteiligen an einer Spirale von Hass und Gewalt und wäre dabei womöglich genauso blind und unklug, wie ich es den Anderen zum Vorwurf mache.

Dann meldet sich der Teil in mir zu Wort, der sich seit Jahren mit Konfliktlösung, familiärer Prägung und Traumata beschäftigt. Diese Stimme sagt nicht: 

Hab Verständnis für Menschen, die anderen Menschen Leid antun.

Sie sagt:

Du hast ein Verständnis davon, was Menschen dazu bringen kann, sich im Schmerz von sich selbst zu spalten und sich und Andere zu hassen. Wenn du klug sein und dem Hass etwas entgegensetzen möchtest, wendest du dich diesem Schmerz zu. Erst deinem, und dann dem der Anderen.

Wenn wir auf der richtigen Seite der Geschichte stehen wollen, darf es uns nicht darum gehen, recht zu haben. Auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen, heißt so liebevoll zu sein, wie wir nur irgend können. 

Dabei weiß ich spätestens seit der Lektüre von bell hooks’ Alles über Liebe, dass das Wort Liebe viel zu unpräzise ist, als dass es uns den Weg weisen könnte. Für mich mag bell hooks’ Ethik der Liebe, die von Fürsorge, Zuneigung, Verantwortung, Respekt, Hingabe und Vertrauen zeugt, eine hilfreiche Handlungsempfehlung sein – aber ist sie es auch für die stille Mehrheit? Und überhaupt: Sind Zuneigung, Verantwortung, Respekt, Hingabe und Vertrauen laut genug?

Es ist leichter, gegen etwas zu sein als für etwas

Ein entscheidender Wendepunkt in meiner ganz persönlichen Geschichte war jenes Jahr mit Anfang 30, als aus meinem Gegen ein Für wurde. Dabei ging es um die Erkenntnis, dass ich nicht länger der Gegenentwurf zu einem Elternteil sein wollte, dessen Lebensführung mich Zeit meines Lebens in Mitleidenschaft gezogen hatte. Ich begann zu begreifen, für was ich von nun an antreten wollte. Das machte mich freier als je zuvor. Es setzte ungeahnte Kräfte frei.

Bis heute kann ich anerkennen, dass mein unbändiger Überlebenswille sich in den ersten 30 Jahren meines Lebens vor allem aus einem Gegen gespeist hat, und dass dieses Gegen mich so lange begleitet und am Leben gehalten hat, bis es durch mein Für abgelöst werden konnte. 

Meiner Lebenserfahrung nacht trifft es also zu: Es ist leichter, gegen etwas zu sein als für etwas. Auch im öffentlichen, politischen Diskurs begegnet uns diese Aussage. Dabei sollten wir nicht verkennen – und das erleben wir ja gerade von rechts kommend –, wie viel Kraft in einem Gegen stecken kann. Vielleicht sollten auch wir uns diesen Effekt zunutze machen. Und vielleicht sollten wir dabei besser als bisher verstehen, was unser kraftvolles Gegen sein könnte.

Die Kraft, gegen etwas zu sein

Ich hätte gerne die Zeit, zu klären, für was wir als Gesellschaft, als Nation im Jahr 2024 stehen.

Allerdings glaube ich, dass wir diese Zeit, uns mit uns selbst und unseren Werten zu beschäftigen, gerade nicht haben. Möglicherweise wäre eine solche Klärung zum jetzigen Zeitpunkt sogar ein Vorwand, um nicht in die Gänge zu kommen und klar Position zu beziehen. Vielleicht können wir die Frage nach unseren Werten ja auch gar nicht klären. Vielleicht klären sie sich selbst, wenn wir nur anfangen, uns zu bewegen und zu äußern. 

Wenn meine Beobachtungen und Schlüsse der letzten Jahre einigermaßen zutreffen, wenn ich den Menschen in meinem Umfeld aufmerksam genug zugehört und die vielen klugen Menschen, deren Bücher ich gelesen habe, annähernd richtig verstanden habe, dann könnte uns schon sehr damit geholfen sein, wenn wir uns für den Moment darauf verständigen, dass wir uns gegen den Hass stellen, ganz gleich von welcher Seite er kommt. 

Vielleicht müssen wir nicht lauter werden, um besser gehört zu werden. Vielleicht reicht es ja, wenn viele von uns viel öfter als bisher eine unmissverständliche Position gegen jede Form von Abwertung und Hass einnehmen. Analog wie digital. Das würde bedeuten, dass wir Menschen, ob sie nun von links oder rechts herangerauscht kommen, ob von oben oder unten, dass wir also diesen Menschen mit der nötigen Entschlossenheit und einer unwiderstehlichen Gelassenheit entgegentreten und sagen: „Bitte! Nicht in dieser Tonalität.“ 

Autorin: Anke Johannsen
Redakteurin: Juliane Brumberg
Eingestellt am: 21.04.2024
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Marani sagt:

    Danke, dass du das aufgreifst Anke.
    Mir ging es genauso mit genau diesem Satz.
    Er hat mich enorm gestört und auch dazu geführt, dass ich mich an den Demonstrationen nicht beteiligen mochte.
    Es macht mir Angst, was sich da zusammenbraut an Wut und an Ressentiment.
    Auf beiden Seiten.
    Doch ich will es nicht hassen.
    Suche Verständigung über alle Gräben hinweg.

  • Gudrun Nositschka sagt:

    Sich gemeinsam für unsere Demokratie und gegen faschistische Tendenzen einzusetzen geht auch ganz “ohne Hass”. Das durfte ich am Sonntag, den 14. April auf dem Markt/Brinnenpaltz in Mechernich öffentlich unter dem Motto: Wehret den Anfängen! “Nie wieder” ist jetzt! erleben. Dazu habe ich gerne mein Gesicht gezeigt.

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Für mich ein wunderbar klarer Text, erfüllt mit persönlichen Gedanken.
    Das so zu lesen erfreut mich sehr; mehr noch: es tut mir wohl.
    Und dann, nach mehrmaligem lesen dieses Textes, bemerke ich,
    wie ich mich zunehmend zurück lehne in mein wohlig sein…
    Holla, sag ich mir noch rechtzeitig, da stimmt was nicht!
    Und ich beginnnnne den Text in mir mit meinem Empfinden neu zu lesen.
    Da habe ich jetzt zu tun,
    und ich sage zuvor: danke, Anke!

  • Anne Newball Duke sagt:

    Liebe Anke,

    vielen Dank, dass ich teilhaben darf an deinen Gedankenprozessen der letzten Jahre und besonders der letzten Wochen.

    Ich möchte kurz von meiner Erfahrung erzählen: zunächst einmal mochte ich den Spruch auf den Demos auch nicht. Ich habe ihn erst mitskandiert, dann immer leiser, dann genuschelt, und dann habe ich gemerkt, dass der für mich nicht funktioniert; genau aus den Gründen, die du anführst.

    Für mich war aber das Gefühl nicht so neu, denn auch auf den Klimademos, die ich seit Jahren mitorganisiere, sind immer Sprüche dabei, die ich als ausschließend und nicht mitskandierwürdig empfinde. Ich lasse sie über mich ergehen, und versuche bei jeder Demo, neue Sprüche einzuspeisen, um die anderen ein bisschen rauszudrängen. (Und finde, dass es sich die Leute zu einfach machen, wenn sie sagen, wegen dem Spruch gehen sie nicht auf die Demos. “Dann überleg dir neue”, sag ich dann oft, weil mich das schon auch etwas ärgert. á la: “die machen das nicht gut/auch falsch, dann bin ich raus”, statt zu überlegen, “wie geht es für mich, und was kann ich beitragen, damit es anders wird.”)
    Aber ja, manche Sprüche sitzen einfach tief ;) Schon komisch, dass gerade jene, mit denen man klarmacht “du bist gerade nicht ich und machst dies und das genau jetzt gerade falsch” so viel mehr Power und Beständigkeit haben. Vielleicht ist es so eine Nebenwirkung… oder nein, nicht Nebenwirkung, sondern sogar ein wesentlicher Charakter von Aktivismus: dass man sich doch irgendwie im Recht fühlt, weil sonst wäre man ja gerade nicht hier auf der Straße und müsste FÜR der GEGEN etwas einstehen.

    Dadurch, dass du so ausführlich beschreibst, was das “gegen” in dir auslöst, verstehe ich, was du damit meinst, und bin komplett bei dir.

    Deswegen ist das, was ich jetzt schreibe, nur ein paar Gedanken zu dem, was ich in den letzten Wochen so erlebt habe.
    Und ich habe da bemerkt, dass es eine “gefährliche Nachbarschaft” bei er ganzen Dikussion um “für” und “gegen” gibt (Antje hat den Begriff der “gefährlichen Nachbarschaft” hier so treffend mit Inhalten gefüllt: https://www.bzw-weiterdenken.de/2018/07/gefaehrliche-naehe/

    Gerade in meinem Umkreis, wenn beim “Bündnis FÜR Demokratie und Menschenrechte” in Esslingen die Diskussion um das “gegen” aufkommt. Viele wollen “GEGEN Rechtsextremismus” aus dem Text gestrichen haben (Begründung: so negativ! So bekommen wir nicht alle!) und für ein “FÜR” ersetzt haben: also statt “Bündnis gegen rechts” eben “Bündnis für Demokratie…” usw. Ich finde es als Titel und Namen für das Bündnis total richtig so, aber ich finde es nicht ok, wenn das “gegen” auch aus dem Text gestrichen werden soll, oder – genauso …”schwierig” für mich – aufgelöst werden soll á la: “wenn wir gegen Rechtsextremismus sind, dann müssen wir auch gegen Linksextremismus sein”; auch das war Teil einer langen Debatte. Antje hat über den nur vermeintlich langen Weg zwischen links und rechts gesprochen, und die Idee findet sich ja auch irgendwie in Natascha Strobls Auseinandernahme der Hufeisentheorie an. Hier z.B. nachzulesen: https://rechteweltbilder.de/2020/12/15/hufeisentheorie/, aber sie hält eben auch die Unterschiede von links und rechts hoch.

    Ich hatte letzte Woche sogar die Diskussion, dass rechts ja auch nicht immer rechts sei. Wie bitte?? Und habe mich eben beruhigt, als ich Antjes Artikel nochmal gelesen habe… ok… vielleicht meinte die Person das so: es gibt die nationalistisch-rassistischen „Lokalisten“ à la AfD, Kurz, Putin, Erdogan, Trump, und auf der anderen die neoliberal-kapitalistischen „Globalisten“. Ok. Aber bringt das was, das zu diskutieren? ja, vielleicht ist es für das “Andocken” an den Standpunkt der anderen Person ganz gut, aber… ja. Das Produkt ist dann halt doch das gleiche. Ich verstehe den Sinn dieser Art von Argumentation null und tatsächlich bringt sie mich in Rage. Wohin soll diese Diskussion denn führen?

    Das hat jetzt wenig mit deinem Text zu tun, liebe Anke, aber das waren einfach Gedanken, die mir dazu gekommen sind, weil ich glaube, diese Art der Gespräche haben viele von uns gerade im Umfeld… und ich finde, es kommt hier auf Nuancen an. Wenn ich Relativierung heraushöre, dann werde ich einfach weiterhin fuchsig. Es ist so wichtig, auch klar zu haben, GEGEN was man ist und was eben der Ausgangspunkt auch all der Debatten und Demos und Bündnisse gerade war und ist: es hat sich Bewegung formiert GEGEN das, was in der Correctiv-Recherche herausgekommen ist. Dieser Grund für das In-Bewegung-Kommen ist erstmal doch nicht von der Hand zu weisen. Das “Für” muss jetzt wieder aufgebaut werden, ist für mich aber gerade nicht so sichtbar wie das “gegen”. Ich finde Gegenwind für diese Art der Menschenfeindlichkeit auch nur so dastehend – ohne gleich ein “Für” auf den Lippen zu haben – legitim und wichtig.

  • Antje Schrupp sagt:

    Liebe Anke, liebe Anne – ein Gedanke noch, als Ergänzung, nicht als Gegenrede: Ich glaube, es gibt neben der Frage des Gegen oder Für etwas zu sein auch noch einen anderen Unterschied, nämlich den, auf welche Art man “gegen” etwas ist. Ich würde Gegen und Für gar nicht als Widersprüche sehen, sondern eher als zwei Aspekte derselben Sache, wenn ich für weibliche Freiheit bin, muss ich eigentlich auch gegen patriarchale Strukturen sein usw. Natürlich ist das im Detail diskutabel, aber das Eintreten für etwas bedeutet meist ja auch, dass man anderes ablehnt. Also ich bin nicht gegen die AfD, sondern ich bin für eine freiheitliche Gesellschaft, in der die Würde aller Menschen geachtet wird, und die würde es eben mit AfD in der Regierung nicht geben, und deshalb bleibt mir eigentlich nichts anderes übrig als gegen die AfD zu sein.

    Das Problem, das ich beim Hassen sehe, ist eher, dass es eine bestimmte und zwar schlechte Art des Dagegenseins ist, nämlich eine von Gefühlen und Enttäuschungen getriebene. Hass ist oft nicht rational, sondern steigert sich rein, und das bedeutet, er ist nicht die vernünftigste und damit auch nicht die effektivste oder erfolgsversprechendste Art, sich gegen etwas zu stellen. Und das ist das Problem – denn wenn Dinge wirklich gefährlich sind (und ich finde die AfD wirklich gefährlich), dann hört sich “Ich hasse die” zwar radikal und konsequent an, in Wirklichkeit hilft es aber vermutlich nicht so wirklich dabei, die Gefährlichkeit einzudämmen. Wichtiger als hassen wäre eine nüchterne Analyse der Situation, realistische Einschätzung der Möglichkeiten und Optionen und dann konsequentes Handeln. Das geht ohne Hass besser.

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