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Im Jetzt geschieht das Altern.

Von Adelheid Ohlig

Der Umschlag sprach mich an: gelb-grüne Birkenblätter an dunklen Zweigen vor himmelblauem Grund. Auch der Titel lockte: Vor mir wird es Morgen. Wenn man die Worte ausspricht ist der Morgen doppeldeutig, er könnte auch klein geschrieben sein. Ähnlich zart wie der Einband auf mich wirkt, empfinde ich die 47 Kapitel dieses Buchs. Miniaturen von Beobachtungen am frühen Morgen, die Erinnerungen wecken.

In der Morgendämmerung sitzt die Autorin am Fenster, beobachtet das heller werden, das Ankommen des Tags, die Farben, die sich langsam aus dunklen Schatten lösen. Graugrün Sträucher und Bäume, 2 rot leuchtende Äpfel im Baum des Nachbarn.

Szenen aus der Kindheit entfalten sich an einem Morgen vor den inneren Augen, eines anderen Morgens sind es Geschichten aus der eigenen Schulzeit, ein andermal erinnert sie, wie sie selbst ihre Schulstunden – sie war Gymnasiallehrerin für Deutsch – vorbereitete.

Beim Aussortieren der Schullektüren, ihrer Vorbereitungspapiere kommt Nachdenken auf: «Sind die jungen Menschen dümmer oder einfach nur fauler geworden? Nein, sie kamen mir nur gleichgültiger, cooler, konsumorientierter vor, je älter ich wurde. Am Ende einer Lektion packten sie die Kopien, deren Produktion meine Abendstunden bis spät in die Nacht aufgefressen hatte, mit einer Selbstverständlichkeit ein, die mir einen Stich versetzte. Oder sie liessen die Blätter auf dem Tisch liegen, was mich wütend machte. …. Ja, ich selber hatte dazu beigetragen, indem ich sie verzogen hatte, verhätschelt und gefüttert mit meinen Papieren, mit all den mehrfarbigen Tabellen, Exposés und Anleitungen, mit Fastfood über literarische Epochen…Ich hatte einen immer grösseren Aufwand betrieben Texte produziert, Power Point Präsentationen erstellt…»

Besuch bei Freunden weckt Erinnerungen an ihre Zeit in Paris: «Der Duft von geröstetem Zopf erreicht mich…und der Duft trägt mich fort, weit fort, ins Quartier Latin…» Mit der Freundin aus Studientagen schwelgt die Autorin in den alten Zeiten. Weisst Du noch…Damals brausten sie mit einem Citroen 2CV in die Normandie, um die Sonne im Meer aufgehen zu sehen….

Beklemmend die Erinnerungen an die «Moralische Aufrüstung» einer evangelikalen internationalen Bewegung, der der Vater angehörte: «Aufgewachsen im Vaterland, moralisch erzogen mit der Vatersprache» Als sie aus der Vereinigung austritt, bewundert sie die Offenheit des Vaters, der ihr die Entscheidung nicht nachträgt. 

Das Aussortieren der alten Sachen ermüdet, zum Glück gibt es den Kater Apple, der «pfotet» ihr hinterher: «Wie gut du es doch hast, dein Katzenleben ist frei von Bindungen, Verlusten und Erinnerungen.» Im Bett liegend kommen Tränen…. Kathrin Burger schaut ihr Leben an, wendet ihre Gedanken nach innen, blickt mit anderen Augen auf Gewesenes: «Mein Haus ist mein Körper ist meine Seele ist mein Denken ist mein Gefühl ist mein Erinnern ist wieder mein Haus.»

Die Autorin führt mit ihren fein durch Worte gezeichneten Beobachtungen, Erinnerungen, sprachlichen Bildern vom Herbst über den Winter zum Frühling. Das Räumen brachte Klarheit und Frische. Die alten Strukturen verblassen. Nachgewachsen sind neue, organische, wie Blattwerk, das kommt und vergeht.

Wieder sitzt sie am Fenster, blickt gebannt hinaus, geduldig den Morgen erwartend: «Im Rücken schläft das Haus, mit meinem Mann, der vielleicht gerade einen Morgentraum träumt, mit all den Räumen, in denen wir als Familie gelebt haben und die wir nun zu zweit bewohnen….. Die Zukunft liegt nicht vor mir, sie wartet, für mich unsichtbar, hinter mir. Vor mir wird es Morgen.» Dieses letzte Bild erinnert mich an die Aymara, ein in den Anden, in Bolivien und Chile lebendes Volk. In ihrer Sprache deutet man für die Vergangenheit vor sich – denn das Vergangene hat man gesehen. Um auf die Zukunft zu verweisen, werden die Hände hinter den Rücken bewegt – das Neue ist den Augen noch verborgen.

Jeder Anfang ist leichtfüssig, jedes Ende wiegt klumpenschwer, schreibt Burger. Aber herausfordernd ist das Dazwischen, nämlich das Jetzt, in dem geschieht altern. «Die ersten Sonnenstrahlen verfangen sich im Astgewirr und spielen mit den Blättern…Das Gesicht der Frau, die im lichtflimmernden Blattwerk aufscheint, schaut ernst…sie erhebt sich aus dem Lehnstuhl, dreht sich um und geht durch den graugrüngoldenen Blättergrund davon.»

Kathrin Burger, Vor mir wird es morgen, Roman, Rotpunktverlag Zürich, Edition Blau, 2023, 187 Seiten, 25 Euro.

Autorin: Adelheid Ohlig
Redakteurin: Juliane Brumberg
Eingestellt am: 02.04.2024
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Gerhard sagt:

    Die Auffassung der Aymara gemahnt daran, daß wir alle die Welt anders sehen, daß wir alle sehr verschieden sind. Unabhängig von der Sozialisation.

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