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Den «Geist der Brüderlichkeit» überwinden: Ein Offener Brief an Antonio Guterres

Von Ina Praetorius

Angeregt durch den Erfolg der Schweizer Klimaseniorinnen vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, der ihnen Recht gab bei der Klage, das Land habe nicht genug für Klimaschutz getan, hat sich bzw-Autorin Ina Praetorius mit dem Zusammenhang von Care und Menschenrechte beschäftigt. Dabei ist ihr aufgefallen, dass im UN-Universum, also (im Prinzip) auf globaler Ebene, ziemlich viel Gutes passiert in Sachen Care-Politik. Gleichzeitig gibt es dort auch noch ziemlich viel zu tun.

Beides, die Anerkennung für Geleistetes und Vorschläge für mehr, hat sie in Form eines offenen Briefes an UN-Generalsekretär Antonio Guterres auf ihren Blog gestellt. Unterstützt wurde ich dabei von der GrossmütterRevolution, die mit den Klimaseniorinnen eng verbunden ist. Wir dokumentieren das englische Original hier in deutscher Übersetzung.


24. Mai 2024

Sehr geehrter Herr Guterres,

Im Juli 2020 habe ich mir Ihre Nelson-Mandela-Rede (pdf) angehört. Ich fühlte mich angesprochen, insbesondere von dieser Aussage:

«Man hat COVID-19 mit einem Röntgenbild verglichen, das die Frakturen im zerbrechlichen Skelett der Gesellschaften, die wir aufgebaut haben, sichtbar macht.  Die Pandemie deckt überall Irrtümer und Unwahrheiten auf:  die Lüge, dass freie Märkte eine Gesundheitsversorgung für alle gewährleisten können; die Fiktion, dass unbezahlte Arbeit keine Arbeit ist; die Täuschung, dass wir in einer post-rassistischen Welt leben; den Mythos, dass wir alle im selben Boot sitzen. Denn obwohl wir alle auf demselben Meer treiben, ist offensichtlich, dass einige von uns in Superjachten sitzen, während andere sich ans Treibgut klammern.»

Zum ersten Mal wurde mir bewusst, dass das, wofür ich seit Jahrzehnten eintrete, nämlich dass unbezahlte Sorgearbeit Arbeit und die Grundlage der globalen Wirtschaft ist, die höchste Ebene der Vereinten Nationen erreicht hat. Auch wichtige Erkenntnisse über die Ursachen der sozialen und ökologischen Ungleichgewichte, mit denen wir in der heutigen Zeit multipler Krisen konfrontiert sind, werden von UN-Vertreter*innen anerkannt.

In letzter Zeit scheinen in dieser Hinsicht weitere Fortschritte gemacht worden zu sein: Das United Nations Economist Network hat einen Weg zu neuen Ökonomien für nachhaltige Entwicklung (NESD) skizziert. Er enthält acht getrennte, sich ergänzende Ansätze, von denen einer die «Purple Economy (care economy+)» ist. Im Jahr 2021 wurde in Mexiko-Stadt die Global Alliance for Care gegründet, die eng mit UN Women verbunden zu sein scheint. Sie präsentiert sich als «die erste Multi-Stakeholder-Gemeinschaft, die Räume für den Dialog, die Analyse, den Erfahrungsaustausch und das Lernen über Care als Bedürfnis, als Arbeit und als Recht ermöglicht und fördert.» Eine von den UN Women im Jahr 2022 zusammengestellte Textsammlung zu bezahlter und unbezahlter Care-Arbeit zeigt, dass auch in anderen Einheiten des UN-Universums viel geforscht wurde: in ECLAC, ILO, IGB, WHO usw. Außerdem hat die UN-Generalversammlung im Jahr 2023 beschlossen, den 29. Oktober zum «International Day of Care and Support» zu erklären.

Ich möchte Ihnen und allen danken, die sich dafür eingesetzt haben, das Bewusstsein für den Wert der unbezahlten Care-Arbeit weltweit zu schärfen. Bestimmt war und ist es eine große Anstrengung, all diese vor allem von Frauen* geleistete Arbeit ansatzweise sichtbar zu machen, all die Statistiken, Theorien und institutionellen Rahmenbedingungen zu organisieren, die notwendig sind, damit unbezahlte Sorgearbeit endlich anerkannt, reduziert, umverteilt, entlohnt und repräsentiert und dass nicht zuletzt ihre entscheidende Rolle im Prozess des peacebuilding erkannt wird. 

In diesem Brief möchte ich drei zusätzliche Maßnahmen vorschlagen, die von den vereinten Nationen ergriffen werden könnten und sollten, damit der Übergang von der immer noch dominierenden profitorientierten Wirtschaft zu der zukünftigen Care-zentrierten politischen Ökonomie gelingt, auf den die Menschheit für ihr Überleben auf dem verletzlichen Planeten Erde angewiesen ist.

Erstens: Die Care-zentrierte Wirtschaft der Zukunft kann kein „Frauenthema“ sein

Auch wenn es historisch Sinn ergibt, die Care-Ökonomie in Lila, der Farbe der Frauenbewegung, einzufärben, kann die Care-zentrierte Ökonomie der Zukunft nicht mehr als «Frauenthema» begriffen werden. Zwar hat das Patriarchat die gesamte Arbeit, die mit der menschlichen Geburtlichkeit, Abhängigkeit, Verletzlichkeit und Sterblichkeit direkt verbunden ist, den Frauen* und anderen untergeordneten Mitgliedern der menschlichen Spezies zugeschrieben. Diese hierarchische Konstellation ist aber keine Tradition, die es zu bewahren, sondern ein Problem, das es zu lösen gilt. Denn alle Menschen sind gleichermassen abhängig, verletzlich, sterblich und verantwortlich für den angemessenen Umgang mit der Conditio Humana. Care als «lila Thema» zu begreifen, das vor allem von Frauen* aufgegriffen und vertreten wird, während weiterhin Männer* und männerdominierte Communities die «Wirtschaft als solche» in mehr oder weniger unveränderter androzentrischer Weise betreiben, ist weder mit dem Menschenrecht, nicht «in Sklaverei oder Leibeigenschaft gehalten (zu) werden» (Art. 4 AEMR) noch mit der Dringlichkeit der sozioökonomischen Transformation vereinbar.   

Zweitens: Artikel 23 Absatz 3 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte muss umgesetzt – oder dann gestrichen werden

Aus Ihrer Aussage, es sei ein «Irrtum» und eine «Fiktion, dass unbezahlte Arbeit keine Arbeit ist», schließe ich, dass unbezahlte Care-Arbeit in Zukunft als Arbeit gelten soll. Dies muss Konsequenzen für die Auslegung und Umsetzung von Artikel 23 Absatz 3 AEMR haben:

«Jeder Mensch, der arbeitet, hat das Recht auf angemessene und befriedigende Entlohnung, die ihm und seiner Familie eine der menschlichen Würde entsprechende Existenz sichert und die, wenn nötig, durch andere soziale Schutzmassnahmen zu ergänzen ist.»

Dieser Absatz muss entweder umgesetzt oder gestrichen werden. Seine Umsetzung würde zu einer massiven finanziellen Umverteilung führen, die ihrerseits die wünschenswerte Umwälzung der bestehenden Wirtschaftssysteme in Gang setzen würde, da alle diese Systeme strukturell auf der externalisierenden Definition von unbezahlter Care-Arbeit als Nicht-Arbeit beruhen. Laut der amtlichen Statistik meines Heimatlandes Schweiz beispielsweise «machte die Bruttowertschöpfung der privaten Haushalte 41,4% der um die Haushaltsproduktion erweiterten Gesamtwirtschaft aus.» Diesen großen Anteil, oder anders ausgedrückt: die 12,5 Milliarden Stunden unbezahlter Care-Arbeit, die laut den Berechnungen von Oxfam täglich von Frauen und Mädchen weltweit geleistet werden, angemessen zu honorieren, käme einer ökonomischen Revolution gleich. Deshalb ist es unangemessen und unredlich, Artikel 23 Absatz 3 AEMR unrevidiert stehen zu lassen.

Drittens: Der «Geist der Brüderlichkeit» in Artikel 1 AEMR muss durch einen «Geist der gegenseitigen Fürsorge» ersetzt werden.

In ihrem ersten Artikel beschwört die AEMR einen «Geist der Brüderlichkeit». Dieser Begriff kann als Erklärungshintergrund für all die von Ihnen in Ihrer Nelson-Mandela-Rede erwähnten Irrtümer gelesen werden, insbesondere für die «Fiktion, dass unbezahlte Arbeit keine Arbeit ist». Zwar wird der moralische Begriff der Brüderlichkeit von wohlmeinenden Leuten oft als Synonym für allgemeine Solidarität verstanden. Aber auch das ist ein Irrtum, denn die Sprachforschung hat längst den Nachweis erbracht, dass im generischen Maskulinum formulierte Begriffe nicht per se alle Menschen oder die Menschheit als Ganze einschließen, sondern je nach den gegebenen Umständen nur Männer oder bestimmte männliche Eliten. Der naive Glaube, der «Geist der Brüderlichkeit» umfasse die Interessen aller Menschen, kann also leicht durch die patriarchale – oder fratriarchale – ursprüngliche Bedeutung des Begriffs unterlaufen werden. Tatsächlich impliziert der Begriff der Brüderlichkeit den ausdrücklichen oder unausdrücklichen Ausschluss aller Individuen, Gruppen und Sphären, die das Patriarchat als minderwertig, zum Beispiel als Sphären eines naturwüchsigen Dienstes am Wohlergehen der Herren betrachtete. Um diese Zweideutigkeit zu vermeiden, schlage ich vor, den Begriff durch einen «Geist der gegenseitigen Fürsorge» zu ersetzen:

«Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der gegenseitigen Fürsorge begegnen.»

Sehr geehrter Herr Guterres,

in unserer Zeit, in der die Anerkennung der Menschenrechte und anderer grundlegender Vereinbarungen der Menschheit ernsthaft bedroht ist, müssen sich die Vereinten Nationen darum bemühen, die größtmögliche Kohärenz in diesen Grundlagentexten sicherzustellen. Das erfordert mehr als den ständig wiederholten Appell, dass die Normen und Werte, die die Menschheit sich bis heute gegeben hat, immer und überall eingehalten werden müssen. Zusätzlich braucht es eine permanente Diskussion darüber, ob diese Texte so formuliert sind, dass sie diese allgemeine Anerkennung auch tatsächlich verdienen. Es braucht den Mut, sie zu revidieren, wenn sie sich als fehlerhaft erweisen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

Mit freundlichen Grüßen

Ina Praetorius

(Diesen Offenen Brief habe ich im April 2024 geschrieben, kurz nach der epochalen Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte zur Klage der Klimaseniorinnen. Anfang Mai habe ich ihn in der GroßmütterRevolution (GMR), die eng mit den Klimaseniorinnen verbunden ist, zur Diskussion gestellt. Die GroßmütterRevolution unterstützt die Anliegen, die in diesem offenen Brief an den UN-Generalsekretär formuliert sind).

Autorin: Ina Praetorius
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 07.06.2024
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Elfriede Harth sagt:

    Nicht nur die Klimaseniorinnen aus der Schweiz (ich bin auch eine Oma for Future!) und nicht nur die Großmütterrevolutionärinnen aus der Schweiz (ich bin eine schwer erziehbare Großmutter aus Deutschland!) unterstützen das!

    ICH AUCH!
    Herzlichen Dank für diese super Initiative!
    Elfriede

  • Anne Newball Duke sagt:

    Danke liebe Ina, was für ein toller Brief! Es ist zu wünschen, dass Antonio Guterres deinen Blog findet, oder ist er nicht auch direkt zustellbar? ;) Bis dahin lesen ihn hoffentlich viele Leute, und beschäftigen sich weiter intensiv mit dem Umbau der je eigenen und oft immer noch althergebrachten Vorstellungen davon, was Arbeit ist. Denn ich finde, selbst wenn ich die Ideen total unterstütze, werde ich ja gefühlt an jeder Straßenecke dieser Gesellschaft immer wieder auf den alten Arbeitsbegriff zurechtgestutzt. Es ist immer noch sehr viel “aufbegehrender” Energieaufwand für ein konstantes Weiterdenken notwendig.

  • Danke für die Reaktionen, Elfriede und Anne! Ich habe den Link zum offenen Brief ans UNO Headquarter geschickt, an die UNWomen, an die Global Alliance for Care, an Human Rights Watch und noch ein paar andere einschlägige Adressen. Wenn euch noch mehr relevante Empfänger*innen einfallen, schickt einfach den Link, auf Englisch oder Deutsch, was halt besser passt. Irgendwie wird das schon die richtigen Leute erreichen und was Gutes bewirken.

  • … und übrigens, was die “althergebrachten Vorstellungen davon, was Arbeit ist” angeht: “BGE Rhein-Main” veröffentlicht seit kurzem eine Reihe von interessanten Medienbeschwerden dazu. Denn bei ARD, ZDF u.a. hat man auch noch nicht verstanden, dass Arbeit mehr ist als Erwerb. Jede und jeder von uns kann solche Medienbeschwerden schreiben, damit sich da was verändert. Danke Eric Manneschmidt, dass du mit gutem Beispiel voraus gehst! Hier der Link: https://bge-rheinmain.org/ard-programmbeschwerde-falscher-arbeitsbegriff

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