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Mein Antisemitismus

Von Dorothee Markert

Als ich in den 1950er- und 60er-Jahren aufwuchs, war der Antisemitismus aus der Nazizeit nicht wirklich verschwunden, aber er wurde leise geäußert oder nur dort, wo Menschen glaubten, unter Gleichgesinnten zu sein. Schon früh bekam ich die in einem merkwürdigen Tonfall gesprochenen Überlegungen mit, ob ein bestimmter Name wohl jüdisch sei. Als ich als Kind in der Passionszeit das Leiden Christi intensiv miterlebte und mitbetrauerte, waren es für mich die Juden, die dafür verantwortlich waren, dass ihm das angetan wurde. Erst später begriff ich, dass Jesus und seine Anhänger:innen ja selbst Juden und Jüdinnen waren.

Wie sehr einige Personen aus meiner erweiterten Familie und meinem familiären Umfeld noch an den alten Zeiten hingen, wurde so gut verborgen, dass ich es erst spät und oft eher zufällig mitbekam. Beispielsweise war ein angeheirateter Onkel bei der Waffen-SS gewesen und bezog immer noch eine entsprechende Zeitung, ging auch regelmäßig zu einem Stammtisch alter Kameraden. Eine Patentante besuchte einen „Kulturkreis“, bei dem es um das „gute Deutschtum“ ging. Eine andere Verwandte, immerhin Grundschullehrerin, schwärmte vom Arbeitsdienst und verharmloste den Holocaust. Aus einem zufällig mitgehörten Gespräch zwischen ihr und einem von mir sehr geschätzten Freund der Familie, der Rektor und später Schulrat gewesen war, erfuhr ich vor wenigen Jahren, dass er davon ausging, alles, was seit 1945 über die Nazizeit geschrieben, gelehrt und gesprochen worden war, gebe nur die Sichtweise der „Sieger“ wieder, sei also keinesfalls wahr.
Es ist nicht auszuschließen, dass auch die vielen Bücher über den Holocaust, die ich als Jugendliche und während meines Studiums las, dazu beitrugen, dass sich negative Aussagen über Juden, die den Menschen während der Nazizeit eingebläut worden waren, auch auf diesem Weg in meinem Kopf festsetzten. Trotzdem hielt ich mich natürlich für gefeit gegen jegliche antisemitische Regung und ging davon aus, dass die letzten Reste jenes „ewig gestrigen“ Denkens mit dem Sterben der Nazi-Generation vollends verschwinden würden.
Doch so war es nicht.


Mit 23 Jahren hatte ich mein Coming-out als Frauen liebende Frau, das heißt, ich akzeptierte etwas endgültig, was ich längst wusste, aber nicht hatte wahrhaben wollen. Und ich fing an, mit anderen darüber zu reden. Während ich bei den ersten pubertären Versuchen, etwas über meine Sexualität herauszufinden, durch Sätze behindert worden war, die mir der Pfarrer eingeredet hatte – „sich aufheben für den Richtigen“ –, hinderte mich jetzt eine Moralkeule aus dem „kleinen Prinzen“ am freien Ausprobieren ohne schlechtes Gewissen: „Was man sich vertraut gemacht hat, dafür ist man verantwortlich“. Und so kam es, dass aus dem, was besser Ohne-Night-Stands oder kurze Affären geblieben wären, krampfhafte Beziehungsversuche wurden, die alle Beteiligten unglücklich machten, so dass ich oft lieber allein blieb, wenn ich ahnte, dass aus einer netten Begegnung nicht unbedingt etwas „fürs Leben“ werden würde.
In dieser Zeit hatte ich eine Affäre mit einer Frau in einer anderen Stadt. Ich lernte sie bei einer Filmveranstaltung mit Diskussion kennen, wo sie die Anwesenden in ihre Wohnung einlud, um weiterzureden. Als ich dort ankam, war ich beeindruckt von der schönen, großen Altbauwohnung, vom Umgang der Frauen, die etwa fünf Jahre älter waren als ich, mit ihren zwei- bis dreijährigen Kindern, die als gleichwertige Personen behandelt, also mir beispielsweise ebenso vorgestellt wurden wie die Erwachsenen. Es schmeichelte mir, dass die Gastgeberin sich besonders um mich bemühte und mich schließlich zum Übernachten einlud, als die anderen gegangen waren. Verliebt war ich nicht, mir hätte es wahrscheinlich genügt zu reden und allenfalls ein bisschen zu kuscheln. Doch es war klar, dass meine Gastgeberin die Gelegenheit nutzen wollte, um herauszufinden, ob die Tatsache, dass sie in ihrer mehrjährigen Beziehung mit ihrem Mann noch nie einen Orgasmus gehabt hatte, daran liegen könnte, dass sie in Wirklichkeit Frauen begehrte. So ließ ich mich darauf ein.

In den zwei Tagen und Nächten, die ich dort verbrachte, erfuhr ich viel aus dem Leben meiner Gastgeberin, beispielsweise auch, dass sie und ihr Mann sich im SDS kennengelernt hatten. Es beeindruckte mich, wie sie es schaffte, ihrem Hausfrauendasein Sinn zu verleihen, indem sie es vor allem als Lern- und Wohlfühlfeld für das Leben mit ihrem Kind gestaltete. Es war selbstverständlich, dass das Kind auch nachts jederzeit zu uns ins Bett kommen durfte, auch ins Schlafzimmer der Eheleute, wie sie mir erzählte. Da hatte ich Zweifel, ob ich das gut fand. Und es störte mich sehr, als sie stolz erzählte, wie locker ihr Sohn mit seinen sexuellen Bedürfnissen umgehe: Als ein gleichaltriges Mädchen zu Besuch gekommen sei, habe er zu ihr ganz cool gesagt: „Zieh dich aus!“ Dieses Locker-mit-Sexualität-Umgehen erinnerte mich stark an Erfahrungen mit linken Männern, für die Sexualität angeblich genauso ein Bedürfnis war wie Essen und Trinken, was sie bei jeder Gelegenheit betonten. Dass dabei vielleicht doch auch Intimität und Nähe eine Rolle spielen könnten, dämmerte ihnen wahrscheinlich erst dann, wenn ihre Partnerin sie verließ, da waren sie nämlich völlig am Boden zerstört und bekamen merkwürdigerweise auch von ihren Geschlechtsgenossen viel Mitgefühl und Zuspruch.
Eher zufällig erfuhr ich schließlich auch, dass meine Gastgeberin Jüdin war und wie schwierig ihr Aufwachsen gewesen war. Sie war die erste Jüdin, die ich kennenlernte, und ich reagierte schon auf besondere Weise darauf, mit Neugier, aber auch mit einer gewissen Befangenheit.
Als ich schließlich wieder in meine Stadt zurückfuhr, war ich froh über die Begegnung und die Erfahrung, wünschte mir jedoch kein weiteres Treffen. Wenn ich mich getraut hätte, das klar zum Ausdruck zu bringen, wenn ich mir eine Affäre bzw. einen One-Night-Stand hätte erlauben können (diese Begriffe kannte ich damals ja noch nicht einmal), wäre uns das Weitere erspart geblieben.

So bekam ich nun Anrufe, in denen sie mir sagte, dass sie sich in mich verliebt habe und dass sie mich am übernächsten Wochenende besuchen wolle, die Kinderbetreuung hatte sie schon organisiert. Ich wollte das eigentlich nicht, sagte aber schließlich trotzdem zu. Es war klar, dass sie vor allem mit mir ins Bett gehen wollte. Einem Mann gegenüber hätte ich mich in diesem Punkt leichter abgrenzen können, darin hatte ich ja schon viel Übung, aber ihr gegenüber wollte ich nicht so unfreundlich sein – einer, mit durch meine Schuld, verliebten Frau und einer Jüdin gegenüber. Dass ich mich entgegen meinem Bedürfnis dann nochmals auf Sex mit ihr einließ, führte bei mir zu einer immer stärkeren Aversion. Und da tauchte dieser antisemitische Gedanke in meinem Kopf auf, dass ihr „Fixiertsein auf Sex“ (in meiner Abneigung erlebte ich es so) vielleicht doch etwas „Jüdisches“ sein könnte. Darüber erschrak ich sehr, aber ich wurde den Gedanken nicht mehr los.


Irgendwie brachte ich das Wochenende hinter mich und schrieb ihr danach, dass ich keine Fortsetzung dieser Beziehung wolle. Und ich fühlte mich so schuldig, dass ich mich bei einer zufälligen Begegnung auf einem bundesweiten Lesbentreffen ein halbes Jahr später nicht wehrte, als sie mich vor anderen Frauen beschimpfte und weinend darüber sprach, was ich ihr Furchtbares angetan hatte. Meine antisemitischen Gedanken waren ja in meinem Erleben viel schlimmer gewesen als alles, was sie mir hätte vorwerfen können.

Autorin: Dorothee Markert
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 14.06.2024

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Liebe Dorothee,
    vielen Dank für diesen Text. Der Titel ist in seiner Schlichtheit genial. Vielleicht sollten wir anderen uns anregen lassen, auch Texte mit diesem Titel zu schreiben. So könnten wir vielleicht den Allgemeinplätzen, dass immer nur die Anderen Antisemit*innen sind bzw. dass “natürlich alle schon mal einen antisemitischen Gedanken gedacht haben”, biographische Substanz geben und sie dadurch etwas handhabbarer machen.

  • Mein Antisemitismus: Kürzlich ist mir aufgefallen, dass ich manchmal Leute, die mir zunächst nichts sagen, die ich aber irgendwie speziell, zum Beispiel besonders nervig oder besonders exzellent finde, google. Und wenn ich dann einen Hinweis auf “jüdisch” finde, dann denke ich: Aha.

  • Dorothee Markert sagt:

    Liebe Ina, ja, das habe ich mir im besten Fall erhofft, dass mein Text andere auch zum Erzählen anregt, das half ein bisschen gegen die Unsicherheit, ob ich den Text überhaupt veröffentlichen soll. Vielen Dank dir!

  • Kathleen Oehlke sagt:

    Liebe Dorothee, danke für diesen sehr persönlichen Text. Ich bin froh, dass du dich dazu entschieden hast, ihn zu veröffentlichen.

  • Anne Newball Duke sagt:

    Liebe Dorothee,
    vielen Dank für das mutige Teilen. Mir ist eine Sache – meinen eigenen Antisemitismus betreffend – besonders aufgefallen: Ich kenne kaum antisemitische Vorurteile. ich kenne auch keins jener, die du angeführt hast. Ich weiß nicht, was da bei mir passiert ist; ich glaube, ich kann das nicht “aufnehmen” oder es ging immer durch das eine Ohr rein und durch das andere Ohr wieder raus, oder ich bin tatsächlich wenig damit in Berührung geraten. Ich habe über deinen Text viel nachgedacht die letzten Tage. Auch weil ich natürlich auch schon in “Gefahr geraten” bin durch mein Unwissen; beispielsweise weil ich nicht wusste, welche Tiere im Antisemitismus mit Juden verbunden werden und warum. Mein Kopf, meine Körperin kann dieses Wissen einfach nicht halten. Als ich mich dann in der bestimmten Situation voller Schreck stundenlang mit all den Tieren beschäftigt habe, fand ich das, was ich da fand, so… ja was ist das richtige Wort… so absurd und lächerlich, so “nicht-wissenswert”, dass ich außer einem Tier schon wieder alle vergessen habe. Wirklich. Ich würde in jeder Antisemitismus-Klausur durchfallen. Und nun frage ich mich, weil du auch die Frage stellst: ist es wichtig, dass ich all den Hass, all den Müll an Wissen in mich aufnehme, obwohl meine Körperin es anscheinend abstößt? Und könnte es sein, dass wenn ich das Wissen in mir trage, ich es dann ja wirklich – wie du sagst – auch verwenden könnte? Also: Bin ich davor gefeit, es nicht im antisemitischen Sinne anzuwenden, wenn ich das Wissen verkörperinnerlicht habe? Das klingt vielleicht wie eine dumme Frage. Wir brauchen Erinnerungskultur usw., das ist ja auch keine Frage. Und all der Horror, über den ich in der Schule lernen musste. Darüber, was Menschen sich gegenseitig antun. Was sie der Welt antun, auf der sie leben. Es ist ja keine Frage, dass ich das wohl wissen muss, damit es nie wieder passiert. Weil alles andere wäre ja im rechten Sinne a la: “das ist vorbei, lasst uns das endlich vergessen”. Oder? Oder sind das alles nur wahnsinnig enge “Gefährliche Nachbarschaften”? Ist dann nicht auch die Frage: “Mit wieviel Horror müssen wir uns ‘wappnen’, uns vollladen, damit das nicht mehr passiert?” Ist das gesund für die Körper*innen? Mit welcher Energie, aus welcher Position heraus baut eine Körper*in “neue Welten”, wenn er so voll mit Horror ist?
    Bei mir hat damals die Zahl “Sechs Millionen” gereicht. Ich habe die Zahl bis heute nicht verarbeitet. Meine Körperin hat sie damals aufgenommen und geht seitdem ständig wieder durch den Horror dessen, was diese Zahl bedeutet. Ich brauchte keine Filme, keine Aufklärung, nichts mehr. Ich wollte nur wissen, wie Menschen fähig sind, das zu tun. Wie es dazu kommen konnte.
    Ich finde es weiterhin eine wichtige und immer aktuelle Frage, wie Erinnerungskultur wirklich sinnvoll ist und wirkt. Ich meine, was jetzt an Antisemitismus unterwegs ist… woher kommt der? War er je weg? Hat die Erinnerungsarbeit gewirkt, wenn sie jetzt so einfach wegbröckeln kann? Also: War das gute Erinnerungsarbeit die letzten Jahrzehnte? War sie wirkungsvoll?
    Ich finde, wir dürfen nicht so viel Angst vor gefährlichen Nachbarschaften haben, wenn wir in diesen Fragen weiterkommen wollen. Das Ziel muss halt klar sein: Schluss mit Antisemitismus.
    Ich meine… ich bin ja eine sehr systemische Denkerin. Von mir ausgehend, aber systemisch, hehe. Meine Theorie ist, dass Antisemitismus und Rassismus und Misogynie usw. dem Europatriarchat inhärent sind, also das System nur mit diesen Formen der Diskriminierung usw. funktioniert. Das ist also keine hässliche Beule am System, das ist mittendrin. Von daher… für das gute Leben muss eh das Ziel sein, rauszuwachsen aus dem Europatriarchat. Das als Ziel fände ich für die Wirksamkeit und Nachhaltigkeit einer Erinnungskultur wichtig. Sonst ist es ja wirklich immer nur ein “Wappnen” und “Kämpfen”, dass es nie wieder passiert, mit der ständigen Bedrohung, dass es doch wieder passiert. Und dann frage ich mich(, wenn das Rauswachsen aus dem Europatriarchat also nicht das Ziel ist): Wenn es systeminhärent ist, wie kann dann ein guter und richtiger Kampf aussehen? Ist das dann nicht immer und immer wieder ein Kampf gegen Windmühlen? Das sind so Fragen, die du nochmal mit deinem Text in mir aufgeworfen hast, liebe Dorothee.

  • Juliane Brumberg sagt:

    Liebe Dorothee, ich finde Deinen Text auch sehr mutig und sehr bewegend. Dass Du Dich mit Schuldgefühlen, der Jüdin gegenüber, die Du nicht liebtest, plagtest, kann ich gut nachvollziehen.
    Ich habe diesen unterschwelligen Antisemitismus, wenn auch in abgeschwächter Form, in meiner Kindheit auch kennengelernt. „Kann es sein, dass Herr Sowieso vielleicht Jude ist?“ Wenn ich jetzt darüber nachdenke, muss ich der Generation meiner Eltern gegenüber, sie sind beide Jahrgang 1926, auch Nachsicht üben. Sie waren zu jung, um Täter oder Täterin zu sein, aber sie haben ihre gesamte Schulzeit unter nationalsozialistischer Indoktrination verbracht – und da hat sich etwas in die Körper eingeschrieben, um auf Annes Kommentar Bezug zu nehmen. Allerdings waren meine Eltern keine Holocaust-Leugner, sie waren sehr betroffen, als sie das Ausmaß dessen erfuhren, was die Deutschen mit den Juden gemacht hatten. Mein Vater fand es so unvorstellbar, dass er es als 19jähriger amerikanischer Kriegsgefangener zunächst für Propaganda der Amis hielt.
    Ich selber bin erst mit über 60 Jahren dem ersten jüdischen Menschen persönlich begegnet, und zwar als wir die Autorin Adriana Altaras zu einer Lesung nach Ansbach eingeladen hatten. Da war ich als Deutsche, die viel über den Holocaust gelesen hatte, natürlich befangen und unsicher, aber sie hat es mir leicht gemacht, in einen guten Kontakt zu kommen.
    Mir war es als Nachgeborene ein Anliegen, mich der „deutschen Vergangenheit“ zu stellen und sie nicht zu verdrängen. Dabei half mir ein Buch von Monika Held, das ich hier (https://www.bzw-weiterdenken.de/2018/01/der-schrecken-verliert-sich-vor-ort/ vorgestellt habe). In der Folge nahm ich vor ungefähr 10 Jahren an einer sehr intensiven mehrtätigen Studienreise nach Auschwitz teil.
    Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich bei mir kein Antisemitismus in die „Körperin“ eingeschrieben hat, wahrscheinlich, weil ich spät genug geboren und anders geprägt wurde. Bis heute kann ich nicht verstehen, aus welcher Motivation heraus Menschen in voller Absicht judenfeindlich und antisemitisch sind, da es in Deutschland fast überhaupt keine jüdischen Menschen mehr gibt. Es hatte doch hier fast niemand Gelegenheit, schlechte Erfahrungen mit Juden oder Jüdinnen zu machen. Wieso dieser verallgemeinerte Hass auf eine Gruppe, die es in Deutschland gar nicht gibt? Insofern kann ich der These aus Annes Kommentar „dass Antisemitismus und Rassismus und Misogynie usw. dem Europatriarchat inhärent sind, also das System nur mit diesen Formen der Diskriminierung usw. funktioniert“ durchaus etwas abgewinnen.

  • Jutta Pivecka sagt:

    Liebe Dorothee, vielen Dank, dass Du diese Erinnerung aufgeschrieben und veröffentlicht hast. Wie tief verankert der Antisemitismus in unserer Gesellschaft, in unseren Familien, in uns ist, das wollen und können wir uns meist gar nicht eingestehen. Mir wurde es schlagartig klar, als ich einen Geschichte, die meine Großmutter in meiner Kindheit öfter erzählt hatte, plötzlich – als ich längst erwachsen war – erst verstand. Sie erzählte uns – voller Mitleid, wie mir als Kind erschien – von dem einzigen Juden, den sie gekannt hatte, einem armen Mann, der als Hilfsarbeiter auf den Bauernhöfen arbeitete. Wie arm er war, illustrierte sie, indem sie uns sagte, dass er sogar die “angedozten”, braunen Äpfel von der Wiese aufgelesen habe, die nach Ernte liegen geblieben waren, um sie seiner Familie mit nach Hause zu bringen. Ihre Erzählung schloß immer mit dem Erstaunen darüber, dass “sie” “den auch geholt haben”, d.h. deportiert und ermordet, “dabei war der doch so arm.” Als Kind habe ich nicht verstanden, was sie damit eigentlich sagte: Nämlich einerseits, dass Juden im Allgemein reich seien, und dass die Ermordung reicher Juden irgendwie doch verständlicher sei. Der Antisemitismus, auch und gerade der unserer Tage, war immer verbunden mit einem dummen, haß erfüllten Anti-Kapitalismus. Diese Verbindung zeigt sich schon in frühen kommunistischen Schriften (und das obwohl Marx selbst Jude war), die hier erschreckende Parallelen zu Hitlers Schriften aufweisen. Wenn man sich heutzutage unter Schülerinnen und Schülern umhört, ist das wieder virulent, die sogenannte “Israel-Kritik” wird gern verbunden mit Geraune über die “Rothschilds” oder “jüdische Bankiers” im Allgemeinen.

  • Dorothee Markert sagt:

    Danke für euer Verständnis, euer Weiterdenken und euer Teilen eigener Erfahrungen.
    @Anne: Dass Erinnerungskultur auch das Gegenteil bewirken kann, halte ich für sehr wahrscheinlich, vor allem dann, wenn sie auf der Wissensschiene läuft und nicht über Begegnung und Gefühle. Ich hab mit meinen Schulkindern immer schon in der 5. Klasse das Buch “Damals war es Friedrich” gelesen, in ganz kleinen Abschnitten, und wir haben immer wieder darüber gesprochen, beispielsweise bei Witzen, “über die nicht alle lachen können” und bei Mobbingsituationen in der Klasse. Mich bewegte am tiefsten (als Erwachsene) der Vortrag eines Zeitzeugen, der über seine plötzliche Ausgrenzung als Schulkind sprach.
    @Juliane: Ich hab ja auch keine jüdischen Menschen gekannt und hatte trotzdem diese antisemitischen Gedanken in mir. Bei meinen Eltern gab es einen großen Unterschied. Mein Vater, der als Jugendlicher bei der SA war und daher sehr wahrscheinlich auch Täter, hat während der Gefangenschaft eine wirkliche Umkehr erlebt, als er begriff, wie sehr er belogen worden war, und er bereute zutiefst, was er getan hatte. Das war ganz und gar glaubwürdig für mich. Die anderen Verwandten sprachen immer über ihren angeblichen Widerstand, beispielsweise das Verweigern des Hitlergrußes, denen glaubte ich weniger.
    @Jutta: Dass nicht alle Juden reich waren, sondern die Mehrheit extrem arm, ist auch so etwas, was ich sehr lange nicht wusste. Bei dem Musical Anatevka war ich beispielsweise sehr erstaunt über die Armut des Protagonisten, das schien mir eine Ausnahme zu sein, denn Juden waren doch reich!

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