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Rubrik Blitzlicht

“Wir sollten nicht glauben, Rechte zu haben”

Von Dorothee Markert

Das ist der italienische Titel eines 1988 auf Deutsch erschienenen Buches italienischer Philosophinnen, das mir lange sehr wichtig war. Der Titel zitiert eine Aussage der Philosophin Simone Weil, die sie mit folgenden Worten erläutert: „Das bedeutet nicht, die Gerechtigkeit in Frage zu stellen oder zu deformieren, aber wir können nicht mit Recht erwarten, dass die Dinge gemäß der Gerechtigkeit geschehen, zumal wir doch selbst weit davon entfernt sind, gerecht zu sein.“

Der deutsche Titel ist ganz anders, er heißt „Wie weibliche Freiheit entsteht“. Damals hat uns auch dieser Titel durchaus noch inspiriert, doch inzwischen ist das Wort „Freiheit“ mehr und mehr zu einem „verbrauchten Wort“ geworden.


Das Zitat von Simone Weil fiel mir im Zusammenhang damit ein, dass gerade das 75-jährige Jubiläum unseres Grundgesetzes gefeiert wurde. In den Reden und Artikeln dazu wurde immer wieder auf die scheinbar ganz neue Erkenntnis Bezug genommen, dass das Grundgesetz allein, so kostbar es ist, uns die Freiheiten nicht garantieren kann, die uns darin zugesprochen werden. Dass die Demokratie bedroht ist (und es immer schon war), scheint allmählich in den Köpfen anzukommen.

Ich möchte nun zum Grundgesetz-Jubiläum einen Vorschlag machen, an den ich schon gedacht habe, als ich noch Lehrerin war, und später nochmals, als in der Politik darüber gestritten wurde, ob die Kreuze aus den Klassenzimmern entfernt werden sollten:
In jedem Klassenzimmer, in jedem Raum in öffentlichen Gebäuden, in jeder „Amtsstube“, sollte dort, wo einst Kreuze hingen oder wo in autoritären Gesellschaften das Bild des Staatspräsidenten prangt, ein Plakat aufgehängt werden mit dem Satz aus dem Anfang des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Und dann sollte jede Gelegenheit genutzt werden – im Unterricht, in Dienstgesprächen, bei Konferenzen und Meetings – gemeinsam über aktuelle Situationen nachzudenken, in denen dieses Postulat nicht erfüllt, in denen die Würde eines Schulkindes, einer Lehrperson, eines oder einer Jugendlichen, eines Elternteils, … , irgendeines in unserem Land lebenden Menschen, nicht respektiert wurde. Und wie man das in Zukunft besser machen könnte. Ich glaube, dabei könnte gelernt werden, dass wir die uns in der Verfassung garantierten Rechte nicht ein für allemal haben, aber dass wir daran arbeiten können – und vor allem, dass wir das dürfen. Denn in autoritären Gesellschaften ist ja genau das verboten und oft sogar lebensgefährlich.

Autorin: Dorothee Markert
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 01.06.2024
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Gesa Ebert sagt:

    Liebe Dorothee,

    danke für diesen Beitrag! Auf Anhieb finde ich die Idee gut, den Satz aus Artikel 1 des Grundgesetzes in öffentlichen Räumen aufzuhängen, anstelle eines Kreuzes sowieso. – Was spricht dagegen? Vielleicht, dass der Satz sich schnell abnutzt, gar nicht mehr wahrgenommen wird? (Ich muss gestehen, dass ich immer ein merkwürdiges Gefühl habe, wenn Politiker/innen ihn zitieren.)

    Nebenbei, “Wie weibliche Freiheit entsteht” steht auch bei mir im Regal. Dieser Titel ist für mich sehr klar. Aber den Originaltitel, übersetzt mit “Wir sollten nicht glauben, Rechte zu haben” finde ich auch mit den Erläuterungen von Simone Weil dazu nicht sehr verständlich.

    Gesa Ebert

  • D. Weide sagt:

    Dem Vorschlag möchte ich mich voll und ganz anschliessen!!!

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Ja, der Satz, mit und in dem unser Grundgesetz beginnt, ist besonders;
    und so kurz nach welcher Zeit das geschrieben worden ist…
    Jetzt, nach Dorothees Gedanken hierzu, lassen mich die Fragen nicht los:
    Was ist das überhaupt “Würde”?
    Kann jede die ihr eigene Würde selbst erkennen,
    und wenn ja, wie würde ich meine Würde beschreiben?
    Bloß, wenn wir uns beim Kreuz nicht mehr Fragen gestellt haben,
    warum werden wir uns hier mehr Fragen stellen…-falls es welche gibt.
    …das würde ich gerne wissen.

  • Bari sagt:

    Liebe Dorothee
    Vielen Dank für den Beitrag
    Ich bin unsicher ob das Aufhängen des Artikels etwas bringt

    Mir fällt zur „Würde „ immer der Spruch ein: Würde ist ein Konjuktiv.
    Selbst heute ist die Würde der Frau nicht selbstverständlich nicht mal bei uns.
    Meine Hoffnung auf die junge Generation Frauen dass sie sich ihre Würde erkämpfen oder auch nur das Erreichte bewahren, ist gering.
    Vor allem bei den Wahlerfolgen der rechten Parteien
    Wählt demokratische Parteien liebe Leute
    Bari

  • Elfriede Harth sagt:

    Liebe Dorothee, sehr guter Vorschlag. Bei mir hängt dieser Spruch am Spiegel der Garderobe, also am Eingang meiner Wohnung. Ich denke oft, dass es wichtig ist, bei sich selbst anzufangen. Das Bewußtsein zu haben dass es in uns etwas gibt, das unantastbar ist und bleibt, was auch immer geschieht. Und dass das ein Massstab sein sollte für das eigene Verhalten.

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