beziehungsweise – weiterdenken https://www.bzw-weiterdenken.de Forum für Philosophie und Politik Thu, 07 Jan 2021 17:57:49 +0000 de-DE hourly 1 Kapitel 8: Abstrakte Beziehungen und formalisierte Rechte: wie Gesellschaft denken? https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/01/kapitel-8-abstrakte-beziehungen-und-formalisierte-rechte-wie-gesellschaft-denken/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/01/kapitel-8-abstrakte-beziehungen-und-formalisierte-rechte-wie-gesellschaft-denken/#comments Sat, 02 Jan 2021 09:48:21 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16886 Zum 20. Jubiläum der Flugschrift „Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik“ wurde das Büchlein im Christel Göttert Verlag neu aufgelegt und wird hier im Forum auch erstmals online veröffentlicht (hier der Link zum Anfang). Dies ist das 8. Kapitel: Abstrakte Beziehungen und formalisierte Rechte.

Wenn eine neue Ordnung der Beziehungen die Voraussetzung für Kultur und die wesentliche Aufgabe der Politik ist, ist es notwendig, nicht nur das konkrete Zusammenleben von Müttern, Töchtern und Söhnen, Nichtmüttern, Eltern, Großeltern, Vätern, Nachbarinnen, Freunden, Zusammenlebenden oder Alleinlebenden im Auge zu haben, sondern auch abstrakte Beziehungen zwischen allen Mitgliedern der Gesellschaft, die nicht über konkrete Verhandlungen, sondern über allgemein gültige Regeln vermittelt sind.

Wie aber funktioniert Beziehung auf dieser abstrakten Ebene? Derzeit beobachten wir einerseits die Klage, dass das Leben immer anonymer und individualisierter wird, dass man die lebendige Kraft von Beziehungen überall beschneidet, und andererseits die Forderung nach mehr Selbstverantwortung der einzelnen, nach weniger Staat, weniger Gesetzen.

Es ist ein historischer Fortschritt darin zu sehen, dass der Rechtsstaat die Ansprüche und Abhängigkeiten der einzelnen so weit formalisiert hat, dass die Menschen nicht mehr der Willkür ihrer unmittelbaren Umgebung – ihrer Väter, Ehemänner, Gönner – ausgeliefert sind. Rechte sind in einer industrialisierten und zunehmend anonymisierten Gesellschaft unabdingbar.

Wenn somit gesetzlich verankerte Rechtsansprüche als eine Formalisierung von Hilfe und Fürsorge verstanden werden können und damit auf der Grundlage gegenseitiger Abhängigkeit funktionieren, so tendieren sie doch dazu, gerade diesen Bezug unsichtbar zu machen. Dies geschieht, wo der Besitz individueller, formaler Rechte – entgegen ihrer ursprünglichen Intention – als ein Garant von Unabhängigkeit interpretiert wird. Dadurch kann die Vereinzelung zugleich gefördert werden, unter der wir ebenso leiden können wie unter unguten Abhängigkeitsverhältnissen.

Aus: Ulrike Wagener, Dorothee Markert, Antje Schrupp, Andrea Günter: Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik. Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim 1999, Neuauflage 2019

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Was hat meine Kleidung mit mir zu tun? https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/12/was-hat-meine-kleidung-mit-mir-zu-tun/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/12/was-hat-meine-kleidung-mit-mir-zu-tun/#comments Sun, 27 Dec 2020 20:09:34 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16854

Männer in Kamelhaarmänteln – ein Titel wie für einen spannenden Film, dachte ich und wurde neugierig. Der jugendliche Dandy auf dem Titelblatt, mit einem Fuss tänzelnd, keck und kess in die Welt schauend, weckt weitere Neugier. Die ersten Sätze liessen mich dann mit dem Buch zur Kasse des Buchladens gehen.

“Protect me from what I want”, so geht es mit dem Wünschen los. Und bald stellt sich die Frage „Machen Kleider Leute?“ Beim Lesen wird klar: die Antwort lautet Ja. Haben wir schon immer geahnt, auch wenn wir gern unabhängig von Äusserlichkeiten wären.

Elke Heidenreich wirft liebevolle Blicke auf ihre eigene Kleidungsgeschichte, lässt in einem Brief an die 16jährige Elke die Unsicherheiten der Pubertät, das Unwohlsein im eigenen Körper aufleben. Sie integriert das ernste, traurige Mädchen, das ihr aus einem Jugendfoto entgegenschaut, in ihr heutiges Leben. Sie betrachtet die Kleidung der Menschen um sie herum, macht sich vergnügliche Gedanken dazu. 

Köstlich ihr Auftritt bei den Salzburger Festspielen, wo die feschen Damen der österreichischen Gesellschaft in der Toilette Heidenreichs Eröffnungsvortrag loben, ihr das Fesch sein allerdings absprechen. Heidenreich kommt aus der Toilettentür und sagt: „Aber fesch sind doch Sie!“

Heidenreich holt Modezaren und andere sogenannte Grössen von ihren Sockeln, spricht ihnen Vorbildfunktionen ab. Anhand der Röcke, Blusen, Schleifen ihrer Kindheit, an den Kleidern ihrer Mutter entfaltet die Autorin einen Teil ihrer Biographie. Tante Ernis Fähigkeiten und Fertigkeiten als Schneiderin werden geehrt und liebevoll erinnert. Die Moden der 1950er und 1960er Jahre erstehen vor dem inneren Auge dank Elke Heidenreichs detaillierten Beschreibungen.

Hier tauchen die Männer in Kamelhaarmänteln auf, besonders einer: ihr Vater. Da dieser tot ist, braucht sie keine anderen Männer in solchen Mänteln mehr.

Heidenreich kauft Schönheit, auch Stücke, die sie, da unpassende Grösse, gar nicht anziehen kann. Dann hängt sie das hellgraue in Venedig gekaufte Samtseidenkleid aus edler Schneiderkunst zum Träumen ins Schlafzimmer.

Und ich nehme mir vor, weniger auf die „weg damit“ Ratgeber zu hören – eine dieser AusräumspezialistInnen kommt übrigens auch vor – sondern mehr den Geschichten zu lauschen oder mir selber welche auszudenken.

Der Dandy auf dem Umschlagbild ist Frida Kahlo, die wir sonst in Farben- und Formenpracht kennen. Auch Fridas Kleidern ist eine Geschichte gewidmet.

Elke Heidenreich, Männer in Kamelhaarmänteln – Kurze Geschichten über Kleider und Leute, Hanser Verlag München 2020, 223 Seiten, 22 Euro.

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Die Vulva und das Heilige https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/12/die-vulva-und-das-heilige/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/12/die-vulva-und-das-heilige/#comments Wed, 23 Dec 2020 12:15:37 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16863

Als dieses Transparent vor anderthalb Jahren in Freiburg an der Universitätskirche hing, freute ich mich sehr. Nicht nur über die mutige politische Aktion von Maria 2.0 (hier haben wir schon einmal über diese Bewegung berichtet), sondern vor allem auch darüber, dass damit endlich wieder etwas zusammengebracht wurde, das in der Zeit vor den patriarchalen Religionen und ihrer Abwertung der Sexualität sowohl für Frauen als auch für Männer einmal selbstverständlich war: Ein heiliger Ort, eine heilige Frau und ihre heilige Vulva. Natürlich musste das Transparent nach ein paar Tagen wieder abgehängt werden, weil manche meinten, es beleidige ihre Muttergottes. Was für ein Unsinn! Dass die Vulva unendlich oft beleidigt, erniedrigt, missbraucht, geschändet, verletzt, verstümmelt und unsichtbar gemacht wurde im Lauf der patriarchalen Geschichte, nimmt ihr nicht ihre Bedeutung als der Ort, durch den wir alle zur Welt gebracht wurden und ohne die es kein neues menschliches Leben gäbe.

Das Weihnachtsfest kommt dieser Wahrheit schon ziemlich nah. Immerhin steht im Mittelpunkt der christlichen Weihnachtserzählung eine Schwangere, die ein Kind zur Welt bringt, was viele Menschen in Entzücken versetzt und Arme und Reiche dazu bringt, vor diesem Wunder niederzuknien und durch Geschenke einen Beitrag zu leisten, dass es Mutter und Kind gut geht. 

Letzte Woche las ich in der Zeitung, dass – ebenfalls in Freiburg – ein Crowdfunding-Projekt gestartet wurde mit dem Ziel, etwas gegen die Tabuisierung der Vulva zu tun, die ja bisher fast nur in pornographischen Darstellungen sichtbar wird: Sie produzierten einen Abreißkalender mit 365 Aufnahmen von Vulven in all ihrer Unterschiedlichkeit, und der ist nun für 2021 schon ausverkauft. Wer also etwas über die Schönheit und Vielfalt von Vulven erfahren möchte, könnte beim Vulvaversity-Kollektiv darauf drängen, dass der Kalender nachgedruckt wird, oder gleich einen fürs nächste Jahr bestellen.

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Geburtshilfe – eine Weihnachtsgeschichte https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/12/geburtshilfe-eine-weihnachtsgeschichte/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/12/geburtshilfe-eine-weihnachtsgeschichte/#comments Sat, 19 Dec 2020 11:02:29 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16820 «Zeig her deinen Prachtburschen!» Balthasar, der Sterndeuter, klopfte Josef kameradschaftlich auf die Schultern. «Wir haben euch Geschenke mitgebracht. Das Beste, was wir gefunden haben.» Die drei Sterndeuter strahlten. Ihre Begeisterung für das grosse Himmelslicht, das sie heute entdeckt und mit dieser Geburt in Verbindung gebracht hatten, war ihnen anzusehen. Doch Josef blieb stumm. Bleich war er und seine Augen gerötet. «Wie heisst eigentlich euer Kind?» fragte Melchior. «Sollte es nicht ein königlicher Name sein in dieser besonderen Sternennacht?  

Foto: Debby Hudson /Unsplash

«Das Kind heisst Jesus. Und seine Eltern brauchen jetzt Ruhe.» Verblüfft schauten die drei Sterndeuter zum Hirten, der unscheinbar neben Maria kniete. «Jetzt legt eure Geschenke hin. Setzt euch und seid still. Betet für die Familie. Sie haben Grosses geschafft!» «Was will ein einfältiger Hirte uns weisen Sterndeutern sagen?», dachten sie. Doch sie wagten nicht, ihm zu widersprechen. Eine ruhige Selbstsicherheit lag in seiner Stimme. Sie knieten nieder und schwiegen und wunderten sich nicht einmal darüber, dass dieser Hirte näher bei Maria stand als Josef, und dass er das eingewickelte Kindlein in seinen Armen hielt, als wäre es sein eigenes.

Eine Weile war es ruhig im Stall. Josef weinte still seine Tränen. Maria schloss erschöpft die Augen und die Sterndeuter beteten. Dann begann das Kind zu weinen. «Es hat Hunger», sagte der Hirte. «Geht vor die Türe und schaut, dass niemand reinkommt. Das Kind und die Mutter brauchen Ruhe, sonst klappt es nicht mit dem Stillen.» Zu Josef sagte der Hirte: «Leg dich ein wenig hin. Du hast über 24 Stunden nicht geschlafen».

Als Josef sich hinlegte und die Augen schloss, zogen vor seinem inneren Auge noch einmal die Bilder der letzten Tage und Stunden vorbei. Wie Maria sich krümmte auf dem Esel, als die ersten Wehen kamen. Wie er verzweifelt ein Bett für sie suchte. Wie sie ihn bittend und voller Angst anschaute. Und wie sie am Ende dankbar waren für diese dunkle, kleine Stallhöhle mit etwas Heu und Stroh. Nur sie beide und die Tiere waren zunächst im Stall. Und fast kein Licht. Maria begann zu schreien vor Schmerz und wusste nicht, ob sie sich hinsetzen oder hinlegen sollte. «Ich kann nicht mehr», sagte sie. «Ich weiss nicht, wie man ein Kind zur Welt bringt! Du musst Hilfe holen!»

Die zehn Minuten, die Josef brauchte, um ins Wirtshaus zu rennen und einen Menschen zu finden, den er ansprechen konnte, kamen ihm vor wie eine Ewigkeit. «Ist die Fruchtblase schon geplatzt?» fragte die Wirtsfrau. «Fruchtblase? Ich weiss es nicht!» sagte Josef. «Ich habe Angst, dass sie stirbt!» «Dann brauchen wir Salome, die Hebamme». Die Wirtin wollte sich sogleich auf den Weg machen, da kam der Wirt dazwischen: «Was sagst du da? Salome? Diese Hexe? Du weisst doch, was man über sie erzählt. Diese Frau hat bei uns nichts verloren!» «Willst du Maria sterben lassen?» Josef war verzweifelt. «Hör zu», sagte der Wirt, «ich habe dir meinen Stall angeboten. Ihr könnt bleiben, so lange ihr wollt. Aber diese Hexe kommt mir nicht ins Haus, hast du verstanden?» Tränen schossen in Josefs Augen. «Kannst du uns nicht helfen?» fragte er die Wirtin. «Das würde ich ja gerne. Aber ich bin keine Ärztin und auch keine Hebamme. Ein Kind zur Welt zu bringen ist kein Kinderspiel! Geh jetzt zu deiner Frau, Josef. Ich bring dir gleich Tücher und heisses Wasser.»

Verzweifelt rannte Josef zurück in den Stall. Maria lag gekrümmt am Boden, der nass war unter ihr, und stöhnte vor Schmerzen. «Ich weiss nicht, wie ich dir helfen soll». Josef begann zu weinen. Die Wirtin kam, brachte Tücher und Wasser, Essen und Trinken, eine Lampe und ein kleines Schnapsglas. Als sie Maria sah, wurde sie blass. «Trink das, Maria. Ich ruf jetzt die Hebamme!» «Aber dein Mann hat doch gesagt…», stammelte Josef. «Ich mach das schon», sagte die Wirtin und eilte aus dem Stall.

Die nächsten sechzig Minuten waren für Josef und Maria ein Albtraum. Die Schmerzen wurden schlimmer und Maria bat Josef, ihr die Kleider auszuziehen und Tücher bereitzulegen. Josef gab sein Bestes. Doch die Angst, dass er allein mit Maria bleiben würde und ihr ein Baby aus dem Körper ziehen sollte, blockierte ihn. Maria litt, mal schreiend, mal winselnd, mal still weinend und Josef wusste nicht, wohin mit seiner Hilflosigkeit.

Bis es an der Tür klopfte. «Maria? Bin ich hier richtig?» hörten sie eine tiefe, warme Frauenstimme sagen. Josef blickte auf und sah, wie ein Hirte den Stall betrat und sofort zu Maria eilte. Sorgfältig tastete er Marias Bauch und Unterleib ab. «Ich bin Salome, die Hebamme», sagte der verkleidete Hirte und Josef konnte für einen kurzen Moment wieder lächeln. «Eine Hexe, die wie ein Hirte aussieht.» Salome lachte. «Nur, dass ich keine Hexe bin, sondern eine ganz normale, ziemlich erfahrene Hebamme. Aber es wird dauern, bis die Herren und Wirten dieser Welt begreifen, wie sehr es uns braucht. Und jetzt pack mit an, Josef! Maria braucht unsere Hilfe».

Ruhig und bestimmt gab die Hebamme Anweisungen. Josef war froh, als er Maria mit seinen Armen festhalten und sie beim Atmen ermutigen konnte. Er war gefordert, als er Kräuter aufkochen und frische Tücher besorgen musste. Und er war überfordert, als er mehrere blutige Tücher auswaschen und der Hebamme ein ausgekochtes Messer bringen sollte.

«Vielleicht muss ich einen Schnitt machen», erklärte Salome. Die Geburt ging langsam voran. Maria verlor viel Blut und zwischendurch dachte Josef, dass er nicht nur sein Kind, sondern auch seine Frau verlieren würde. «Jetzt pressen! Mehr! Noch mehr!», hörte er die Hebamme sagen, nachdem er für einen kurzen Moment eingenickt war. «Komm Josef, ich sehe schon das Köpfchen!». Dann ging alles schnell. Und Josef kam nicht mehr aus dem Staunen heraus, als er das blutverschmierte Baby an der Nabelschnur in den Händen der Hebamme sah. Es sah mitgenommen aus, blau angelaufen mit eingedrücktem Kopf. Und dennoch war es das Schönste, was Josef je gesehen hatte. «Wir haben einen Sohn», flüsterte er, kurz, bevor das göttliche Kind seinen ersten, ersehnten Schrei von sich gab.

«Jetzt darfst du deine Freunde wieder reinholen. Jesus hat getrunken und schläft». Die Worte der Hebamme rissen Josef aus seinen Erinnerungen. «Einen Moment noch», sagte er und ging zu Maria. Behutsam hielt er ihre Hand und küsste sie auf die Stirn. Jesus lag nebenan in der Futterkrippe und strahlte diesen Frieden im Schlaf aus, den nur Neugeborene ausstrahlen können. Salome schaute aus dem Fenster.

«Da draussen kommen Hirten. Ich glaube, die wollen zu euch. Besser ich geh jetzt, bevor mich jemand erkennt.» «Danke», sagte Josef. «Ich wüsste nicht, was wir ohne dich gemacht hätten. Du hast uns das Leben geschenkt.» «Ja, du bist die beste Hirten-Hexen-Hebamme der Welt», lachte Maria zum Abschied. Dann verschwand Salome, so unauffällig wie sie gekommen war. Die Sterndeuter, Hirten und viele Männer und Frauen, die von dieser wundersamen Geburt im Stall gehört hatten, kamen zur Türe hinein. Sie staunten über das junge Paar mit ihrem Kind in der Futterkrippe, das einen glückseligen Frieden ausstrahlte. Gerade so, als hätte der Heilige Geist diesem Kind auf die Welt geholfen.

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Der Sprung / Salto della specie https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/12/der-sprung-salto-della-specie/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/12/der-sprung-salto-della-specie/#comments Wed, 16 Dec 2020 09:56:19 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16809 Sind Frauen die Verliererinnen der Corona-Krise? Nein, sie sind Protagonistinnen eines Zivilisationssprungs! Dieser Text erschien im Mai 2020 aus Anlass der Covid-Pandemie. Einige der Unterzeichnerinnen sind dem Mailänder Frauenbuchladen oder der Philosophinnengruppe Diotima in Verona verbunden.

Anmerkungen der Übersetzerin Sandra Divina Laupper: Dieser am 12. Mai 2020 auf der Webseite der Libreria delle donne di Milano erschienene Text richtet sich gegen die in jenen Wochen in den Medien immer wieder aufgegriffene These, die Frauen seien die Verliererinnen der Corona-Krise. Er zeigt hingegen klar auf, welche Herausforderung es ist, der sich die Menschheit heute zu stellen hat – und welche Rolle wir Frauen uns bei der Bewältigung dieser Herausforderung zuschreiben dürfen.

Ida Dominijanni, die Autorin dieses Textes, ist eine wichtige politische Autorin, die sowohl in Form von Büchern, als auch in Form von Artikeln und philosophiepolitischen Abhandlungen immer wieder mit gesellschaftspolitisch relevanten Stellungnahmen an die Öffentlichkeit getreten ist. Sie ist militante Feministin und hat für lange Zeit als Journalistin fùr die linke Tageszeitung “Il Manifesto” gearbeitet. Ida Dominijanni hat öffentlich darum gebeten, diesen Text möglichst weiterzuverbreiten, auf allen zur Verfügung stehenden Wegen. So bin ich auf die Idee gekommen, ihn ins Deutsche zu übersetzen. Denn die Bedeutung dieses Textes reicht meiner Meinung nach über die Grenzen Italiens hinaus.


Der Sprung

Verletzlichkeit. Beziehung. Gegenseitige Abhängigkeit. Fürsorge. Das sind Begriffe, die aus der Alltagserfahrung der Frauen stammen, Begriffe, die in den politischen und theoretischen Diskurs des Feminismus eingegangen sind und dort seit Jahrzehnten behandelt und aufgearbeitet werden. Es sind Begriffe, die in den Mund zu nehmen noch vor zwanzig Jahren bedeutete, sich mit avantgardistischen und noch als sehr minderheitlich empfundenen Themen zu befassen. Es sind aber Begriffe, die heute, zu Zeiten des Corona-Virus-Notstandes, zu mehrheitlich verbreiteten Begriffen geworden sind. Covid-19, ein Virus, das sehr wenig mit der Natur zu tun hat, insofern es das gesellschaftsbedingte Produkt der frevelhaften (männlichen) Politik der Ausbeutung und Vernichtung der Natur ist, bringt uns heute dazu, dass wir uns alle verletzlich fühlen. Die notwendigen aber grausamen Maßnahmen der sozialen Distanzierung haben selbst die verbissensten Individualisten zur Einsicht gebracht, wie wertvoll und unverzichtbar die affektiven, die sozialen und die politischen Beziehungen sind. Wir haben entdeckt, dass wir in Hinblick auf die Ansteckungen jede und jeder für den anderen und die andere sowohl eine Gefahr wie eine Rettung darstellen, und diese Entdeckung hat uns endlich unserer gegenseitigen Abhängigkeit bewusst werden lassen. Genauso sind wir uns der Tatsache bewusst geworden, dass „niemand sich von alleine retten kann“, um es mit Papst Franziskus zu sagen (der Text bezieht sich auf das Gebet des Papstes, das am Abend des 27.03.2020, Freitag, unter strömendem Regen vor einem Covid-bedingt vollständig leeren Petersplatz stattgefunden hat; ein Gebet, das breite Resonanz in den Medien gefunden hat; Anm. d. Ü.). Schließlich rückt Covid-19, genauso wie all jene sozialen Krankheiten, die das Virus verschärft hat (Armut, Ausgrenzung der alten Menschen, Ungleichheiten, Formen der Ungleichbehandlung), die Frage der Pflege und Fürsorge in den Mittelpunkt der Krise, die wir gerade durchlaufen: die ärztliche Pflege, aber auch die vielfältigen Formen der Fürsorge für andere (Angehörige oder auch nicht), zu denen mehr Frauen als Männer fähig sind, können nicht mehr als Selbstverständlichkeit oder auch nur als zu vernachlässigende Nebensache angesehen werden.

Diese vier Begriffe, die heute im Mittelpunkt des öffentlichen Diskurses stehen, sind Teil einer althergebrachten aber stets präsenten Erfahrung der Frauen. Es ist nicht notwendig zu erklären, warum es so ist, dass die Tatsache, immer schon der männlichen Gewalt ausgesetzt gewesen zu sein, uns auch schon immer das Bewusstsein vermittelt hat, verletzlich zu sein; oder warum es so ist, dass die Beziehung zur Mutter uns schon immer klar gemacht hat, dass wir von einer anderen als uns selbst geboren werden und dass wir ohne jene ursprüngliche Beziehung nicht existieren würden; oder warum es so ist, dass für uns Frauen die Fürsorge für andere nicht zu trennen ist von der Fürsorge für uns selbst und für die Welt. Es ist aber notwendig zu unterstreichen, dass wir uns als stolze Inhaberinnen dieser vier Begriffe ansehen: Wir verbinden mit diesen Begriffen nicht die Last eines Schicksals, sondern sehen in ihnen den zündenden Funken für eine bessere Zukunft, für uns Frauen und für die gesamte Menschheit. Diese Begriffe beinhalten die Notwendigkeit jenes Zivilisationssprunges, den die gegenwärtige Konstellation der gesundheitlichen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Gegebenheiten fordert.

Als Zivilisationssprung bezeichnen wir eine sowohl subjektive, als auch wirtschaftliche, sowie soziale und politische Veränderung, die jegliche Form von Beziehung und auch die mit einer Beziehung verbundenen gegenseitigen Abhängigkeiten über die anmaßenden Forderungen des souveränen Individuums stellt, aber auch jede Form von Verletzlichkeit und Fürsorge über den nekrophilen Anspruch auf Allmacht, und auch das Gemeinwohl über das aufgesplitterte Interesse und den Profit, sowie das Vorstellungsvermögen und die politische Erfindungskraft über die ständige Wiederholung der Schachzüge der Macht. Dieser Zivilisationssprung trägt ein weibliches Zeichen, weil er seine Kraft aus der Erfahrung bezieht, die die Frauen im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende von all dem gemacht haben, was sich „Geschichte“ nennt – und weil er seit Jahrzehnten in der vom Feminismus auf die Welt gebrachten Politik lebendig ist. Es ist ein Sprung der gesamten Gattung, bei dem die Frauen nicht etwas für sich einfordern, sondern für alle einen neuen Weg öffnen.

Deshalb nehmen wir uns in der gegenwärtigen Lage als unabdingbare Protagonistinnen wahr, nämlich als Protagonistinnen, die für jegliche Entwicklung von zentraler Bedeutung sind. Wir fühlen uns in keinster Weise diskriminiert, benachteiligt, unterlegen, zurückgeworfen in eine frühere Form der Unterdrückung, wie es hingegen ein hartnäckig wiederholter lästiger Refrain, der tagtäglich von den dominierenden Medien angestimmt wird, von sich gibt. Ein Refrain, der leider fast immer von Frauen angestimmt wird, die unautorisiert im Namen aller Frauen sprechen. Ein Refrain, der heute in der mangelnden Präsenz von Frauen in dem für die Corona-Krise aktivierten Krisenstab das Zeichen der Diskriminierung und der Niederlage der Frauen sieht, und in der Arbeit, die die Frauen im Bereich der Fürsorge und Pflege leisten, das Zeichen eines Fluches. Ein Refrain, der mit lauter Stimme die Zulassung zu den „Orten der Entscheidungstätigkeit“ fordert, sowie die Emanzipation von der reproduktiven Arbeit zu Gunsten einer stärkeren Einbeziehung der Frauen auf den Markt der produktiven Arbeit, wo sie auch glänzendere Karrieren erringen sollten.

Wir leugnen nicht, dass diese beiden Fakten – die Unterbewertung und mangelhafte Inanspruchnahme der weiblichen Kompetenzen einerseits und die Ausbeutung der doppelten Arbeit der Frauen, nämlich der häuslichen sowie der produktiven Arbeit, andererseits – existieren. Aber die Fakten gehören sich interpretiert. Und wir können in jenen Einsatzgruppen, die heute die Tätigkeit der Regierung unterstützen, keine begehrenswerten „Orte der Entscheidungstätigkeit“ erkennen: Uns kommt es eher so vor, als würden wir der Vervielfachung der Orte der Nicht-Entscheidung beiwohnen; Orte der Nicht-Entscheidung, in denen es die Überlagerung von technischen Kompetenzen mit Regierungskompetenzen nicht schafft, jene glaubhafte und glaubwürdige politische Kompetenz wiederzubeleben, die in unseren krisengebeutelten demokratischen Systemen immer schwächer wird. Was hingegen die weibliche Fürsorge betrifft, wissen wir sehr wohl, dass sie ständig Gefahr läuft, von Seiten eines wirtschaftlichen Systems vereinnahmt und ausgebeutet zu werden, das zuerst die öffentliche Fürsorge zerstört hat, um nun darauf zu zielen, diese Fürsorge mit den unentgeltlich zu leistenden Diensten der Frauen zu ersetzen. Aber wir wissen genauso gut, dass die Frauen nicht bereit sind darauf zu verzichten, für das Leben zu sorgen – für das eigene Leben wie für das Leben der eigenen Angehörigen, für die freundschaftlichen Beziehungen zwischen den Menschen sowie für den sozialen Zusammenhalt und für die Umwelt. Denn die Frauen wissen, wie notwendig diese Fürsorge ist und weil die Fürsorge ihre Art ist, der kollektiven Existenz die ihnen eigene persönliche Prägung zu verleihen. Das, was als doppelte Ausbeutung gelesen wird, nämlich sowohl in der produktiven als auch in der reproduktiven Arbeit, gehört sich hingegen als die mehr als angemessene Forderung gelesen, die die Frauen stellen: nämlich als die Forderung, die Produktion nicht von der Reproduktion und die Arbeit nicht vom Leben zu trennen.

Es hat keinen Sinn, dieser doppelten Forderung der Frauen damit zu begegnen, dass man den Frauen die Möglichkeit einer stärkeren Beteiligung am Arbeitsmarkt einzuräumen versucht und dabei die im Bereich der Fürsorge zu leistende Arbeit „vergisst“ oder nicht weiter definierten Personen überlässt. Ganz im Gegenteil ist es notwendig, den Bereich der Reproduktion aus jenem Bereich der Unsichtbarkeit und der Ausbeutung zu holen, in den jener Vorrang, der in unserer Gesellschaft der Produktion eingeräumt wird, eben alles, was mit Pflege, Sorge und Fürsorge – sprich: Reproduktion – zu tun hat, zurückgedrängt hat. Heute ist es wie bisher noch nie offensichtlich geworden, dass dieser Vorrang der Produktion vor der Reproduktion in Frage gestellt werden muss, weil es ein Vorrang ist, der – wortwörtlich gesprochen – das Leben missachtet. Und heute wie nie sind es zuallererst die Frauen, die diese dringende Umkehrung der Prioritäten in der Herangehensweise an die wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen der Gegenwart vorantreiben.

Die Politik der Frauen ist noch nie eine Frage der Zahlen gewesen, und auch nicht eine Frage der fachspezifischen Kompetenzen. Der Feminismus der sexuellen Differenz, der unser Feminismus ist, ist schon häufig – und stets zu Unrecht – kritisiert worden, weil er angeblich eine essentialistische Position vertritt: Aber in Wirklichkeit besteht der wahre Essentialismus darin, einen Gleichstellung-Feminismus zu vertreten, der „mehr Frauen“ in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens fordert, wie wenn das der Zauberspruch wäre, durch den sich alles ändern könnte und wir glücklich werden könnten. Heutzutage sind die Frauen schon überallhin gekommen, und wenn es auch in den höheren Etagen „mehr Frauen“ gäbe, hätte das so gut wie nichts zu bedeuten, solange eine solches zahlenmäßiges Mehr an Frauen nicht auch durch politische Praktiken begleitet würde, durch die die Präsenz dieser Frauen in den „höheren Etagen“ anderen Frauen zur Orientierung dienen könnte; politische Praktiken, die erst wirklich den Unterschied zur bisher gegebenen Ordnung markieren würden.

Wir haben Verständnis für den Wunsch nach gesellschaftlicher Anerkennung, der dieser Forderung zu Grunde liegt, umso mehr in einem Land wie Italien, das mit der Anerkennung – und der Dankbarkeit – uns Frauen gegenüber besonders geizt. Und trotzdem können wir nicht umhin, uns daran zu erinnern, dass die Freiheit der Frauen genau dort beginnt – ja, genau dort ihren historischen Anfang genommen hat, wo wir Frauen gelernt haben, auf die Anerkennung durch die Institutionen des Patriarchats zu verzichten, und dafür gelernt haben, diese Anerkennung eher bei anderen Frauen zu suchen. Genauso, wie wir nicht umhin können, unsere Freundinnen aus Frankreich, die den Appell „Gewährt uns Mitsprache!“ initiiert haben, daran zu erinnern, dass die Mitsprache, genauso wie Freiheit, uns nie gewährt worden ist. Ganz im Gegenteil haben wir uns die Möglichkeit der Mitsprache immer selbst erobert, dank vielen Kämpfen und dank der Austragung zahlloser Konflikte.

Die jämmerliche Forderung nach einer Möglichkeit der Beteiligung demütigt uns, da wir von Virginia Woolf gelernt haben, uns nicht dem „Zug der gebildeten Männer“ – oder eben der kompetenten Männer – anzuschließen. Die Anerkennung der individuellen Kompetenzen kann den Sinn und die Kraft einer politisch wirksamen Subjektivität, die wir auf kollektiver Ebene zuerst erworben haben und immer auf der kollektiven Ebene ständig erneuern, niemals ersetzen. Sollten wir von unserem Geschlecht absehen, um in diesem von der Postmoderne dekretierten unbestimmten Status der Indifferenz der Geschlechtszugehörigkeit, der so sehr dem früheren unbestimmten und unbestimmbaren Status des neutralen modernen Individuums gleicht, anzukommen? Diese Forderung lässt uns auffahren: Wenn wir uns als die Trägerinnen der Veränderung fühlen, dann weil – und nicht obwohl – wir Frauen sind. Wir haben unseren Vorfahrinnen, von denen wir gelernt haben, uns zur Wehr zu setzen, nichts vorzuhalten; und wir selbst haben uns vor unseren Töchtern, denen wir die von uns erarbeiteten Wege, die zur Freiheit führen aber auch selbst schon Ausdruck von Freiheit sind, übergeben, nichts vorzuwerfen. Denn wir sind uns sicher, dass sie diese Wege noch ausbauen, mit neuen Ideen bereichern und verstärken werden.

Unterzeichnerinnen: Maria Luisa Boccia, Tamar Pitch, Giuliana Giulietti, Chiara Zamboni, Diana Sartori, Manuela Fraire, Pat Carra, Bianca Pomeranzi, Fiorella Cagnoni, Vita Cosentino, Wanda Tommasi, Giannina Longobardi, Anna Maria Piussi, Traudel Sattler, Maria Rosa Cutrufelli, Elettra Deiana, Paola Mattioli und Grazia Zuffa.

Link zum italienischen Originaltext

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Aus der Zeit gefallen (4) – Wir sprechen über “Schlafen werden wir später” von Zsuzsa Bánk https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/12/aus-der-zeit-gefallen-4-wir-sprechen-ueber-schlafen-werden-wir-spaeter-von-zsuzsa-bank/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/12/aus-der-zeit-gefallen-4-wir-sprechen-ueber-schlafen-werden-wir-spaeter-von-zsuzsa-bank/#comments Sun, 13 Dec 2020 14:37:16 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16784 Das Thema Freundinnenschaft ist hier auf bzw-weiterdenken ja nicht neu und beschäftigt uns immer mal wieder. Mit dem Roman „Schlafen werden wir später“ von Zsuza Bánk als Grundlage haben wir uns diesem Thema einmal mehr genähert.

Der Brief- bzw. Email-Roman zwischen Márta und Johanna lässt die Leserin über drei Jahre und 688 Seiten hinweg tief in das Leben und Erleben der beiden Frauen eintauchen, die sich seit ihrer Kindheit kennen und mittlerweile in ihren Vierzigern angekommen sind. Die eine mit Familie und Geldsorgen in der Großstadt, die andere als Lehrerin mit überstandener Krebserkrankung im ländlichen Schwarzwald. Beide haben beruflich mit Literatur, insbesondere Lyrik, zu tun und behalten einen sehr poetischen Schreibstil auch in ihrem Briefwechsel bei.

Wir Bzw-Redakteurinnen konnten uns unterschiedlich gut mit Johanna und Márta identifizieren. Mit der Sprache der beiden sind einige von uns nicht so recht warm geworden, während andere das Eintauchen darin sehr genossen haben. Und dann waren da noch unsere eigenen Gedanken und Erfahrungen mit Freundinnenschaften, Überlegungen zu Freundinnenschaften im Patriarchat und abschließend ein ganz altes Bild, das Freundinnen zeigt.

Doch seht bzw. hört selbst:

Oben: Maria und Kathleen, unten: Juliane und Anne

Zum Weiterlesen und Schauen:

Christa Mulack, Die Wurzeln weiblicher Macht, Kösel Verlag München. 1996

Juliane Brumberg, Lebenselixier Freundschaft, https://www.bzw-weiterdenken.de/2018/03/lebenselixier-freundschaft/

Gabriele Meixner, Frauenpaare in kulturgeschichtlichen Zeugnissen, Verlag Frauenoffensive München, 1996   (Da wir darüber gesprochen haben, dass es in der patriarchalen Kultur, aus der wir kommen, wenig  oder fast gar keine Vorbilder für starke Frauen- oder Freundinnenbeziehungen überliefert werden, ist das Buch von Gabriele Meixner interessant, das zeigt, dass es starke Freundinnenbeziehungen sehr wohl in der Vergangenheit gegeben hat.)

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Corona & Carearbeit – Leider nichts dazugelernt… https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/12/corona-carearbeit-leider-nichts-dazugelernt/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/12/corona-carearbeit-leider-nichts-dazugelernt/#comments Thu, 10 Dec 2020 13:52:33 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16746 Die Coronalehre – von Thomas Gsella
Quarantänehäuser sprießen, Ärzte, Betten überall.
Forscher forschen. Gelder fließen. Politik im Überschall.
Also hat sie klargestellt: wenn sie will, dann kann die Welt.
Also will sie nicht beenden, das Krepieren in den Kriegen.
Das Verrecken vor den Stränden und dass Kinder schreiend liegen in den Zelten; zitternd, nass.
Also will sie alles das.

Wer geglaubt hatte, dass die Einsichten aus dem Schock der ersten Corona-Welle in punkto „Systemrelevanz von Carearbeit“ zu schnellen und vor allem wirksamen politischen Entscheidungen führen würden, sieht sich kurz vor Weihnachten enttäuscht. Als die Infektionszahlen im Sommer zurückgingen, wurde zwar hin und wieder noch vor einer möglichen zweiten Welle im Herbst gewarnt, ansonsten aber gefielen sich deutsche Politiker vor allem in der Rolle, wieder einmal „Klassenbester“ gewesen zu sein. Eine kluge und vor allem vorausschauende Vorbereitung auf eine zweite Welle fand dagegen – bei Lichte besehen – nicht statt. Der erneute exponentielle Anstieg von Covid-2-Erkrankungen, die trotz „Lockdown light“ seit Wochen nicht hinreichend genug zurückgehen, zeigt uns spätestens jetzt: mit dem gebetsmühlenartigen Verweis auf gestiegene Intensivbettenkapazitäten und Beatmungsgeräte ist es eben nicht getan. Für diese Hardware-Produkte gibt es übrigens ein bundesweites Register. Zur Anzahl von Pflegekräften und zu ihren Qualifikationen liegen dagegen keine verlässlichen Statistiken vor. Wie kann das sein? Ohne Personal können Intensivbetten nicht „bepflegt“ bzw. medizinisches Gerät nicht bedient werden – eigentlich logisch, oder? Jetzt kommt mehr und mehr auch der ungeheuerliche Tatbestand ans Licht, dass es gerade das reiche Deutschland ist, das in Krankenhäusern und Pflegeheimen einen deutlich schlechteren Personalschlüssel aufweist als Italien, Frankreich, Spanien, die Schweiz, Norwegen, Schweden, ja selbst als Polen und die USA.

Trotz dieser ohnehin katastrophalen Ausgangssituation sind in ca. 70 Prozent aller Kliniken und Krankenhäuser die im Frühsommer in Aussicht gestellten Boni-Zahlungen bis heute nicht angekommen. Sie reichten allenfalls für 100.000 Pflegekräfte, aber eben nicht für die 440.000 Carearbeiter*innen, die unter erschwerten Corona-Bedingungen gearbeitet haben. Neben dem ohnehin hohen Ansteckungsrisiko für das Pflegepersonal kommt erschwerend hinzu, dass die eigentlich geplanten neuen Personaluntergrenzen wegen Corona erst einmal ausgesetzt worden sind. Im Gegenteil: In einigen Bundesländern wurden die wöchentlichen Höchstarbeitszeiten in Kliniken bis Mai 2021 sogar auf 60 Stunden heraufgesetzt. Auch in der Altenpflege beklagen Mitarbeiter*innen seit langem den Mangel an Personal. Sie sind es leid, für die systemischen Missstände der vergangenen Jahrzehnte mit ihrer eigenen Gesundheit zahlen und beinahe jedes zweite freie Wochenende einspringen zu müssen, weil jemand von den Kolleg*innen erkrankt ist. Und dennoch: Die Löhne liegen in diesem Care-Beruf nach wie vor deutlich unter dem Durchschnittseinkommen. Zudem steht völlig in den Sternen, ob es ab 2023 wirklich einen Flächentarifvertrag mit einem Stundenlohn von 18,50 Euro und 28 Tagen Urlaub geben wird.  Aufgrund der Zersplitterung der Branche dominiert immer noch eine Blockadehaltung vieler Anbieter.

Wie kann es unter diesen ungünstigen Rahmenbedingungen überhaupt gelingen, engagierte Nachwuchskräfte für diese Sorgeberufe zu begeistern? 

Das Bundesfamilienministerium (BMFSFJ) wollte dieses Problem mit einer 5-teiligen Miniserie „Ehrenpflegas“ angehen. Für viel Geld (700.000 Euro) wurde der Auftrag zur Serie an die Produzenten von „Fack ju Göhte“ (absichtliche Falschschreibung von Fuck you Goethe) vergeben. Es wollte eine Kampagne lostreten, um junge Leute mit „unkonventionellen Wegen der Ansprache“ für eine Pflegefachkraft-Ausbildung zu begeistern. Das ging allerdings vollkommen nach hinten los. Nur zwei Peinlichkeiten als Kostprobe: Boris, der bereits drei Berufsausbildungen abgebrochen hat und nun einen neuen Anlauf in der Altenpflegeschule nimmt, ist zu doof, um zu verstehen, was eine generalistische Pflegeausbildung ist. Aber da stecke ja das Wort „General“ drin, das klinge „voll geil“, so meint er, „nach Panzergeneral.“ Oder: Seine Mitschülerin bietet an, ihn in ihrem Cabrio mitzunehmen. Auf die Frage, ob es das Auto ihrer Eltern sei, lautet ihre Antwort: „Nö“ – sie habe es sich von ihrer Ausbildungsvergütung (!!!) gekauft. Ja, geht’s noch? Dementsprechend vernichtend waren die Reaktionen im Netz – auch von den Pflegeverbänden. Teuer, peinlich, sexistisch. Die einzige Reaktion von Seiten des Ministeriums: jetzt würde wenigstens über die Pflege geredet.

Ähnlich realitätsfern war bereits ein Videoclip, den das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) aus Anlass des Muttertages 2020 ins Netz gestellt hatte (#Muttertag): Ein kleines Mädchen zählt auf, wie sich ihr Alltag in Corona-Zeiten geändert hat: Mama befindet sich im Homeoffice. Es gibt häufig Spagetti und das neue Lieblingsspiel der Mutter gipfelt in der Frage, wer am längsten still sein kann. Das Mädchen mag dieses Spiel nicht besonders, dafür darf sie jetzt ausnahmsweise viel mehr fernsehen. Da Oma als Betreuungsperson für die Kleine wegen Corona ausfällt, erhält sie von Mama großzügig ein elektronisches Tablet, damit die Großmutter ihrer Enkelin vor dem Einschlafen via Skype schöne Geschichten vorlesen kann. Weil dem Mädchen ihre Freunde fehlen, wird sie von Mama getröstet. „Mama macht so viel für uns, sie schneidet sogar unsere Haare.“ 

Einen Vater scheint die Kleine nicht zu haben. Oder wo steckt er? Sorgearbeit übernimmt er jedenfalls definitiv nicht. War der Clip womöglich als Persiflage gedacht, um tradierte Geschlechterrollenstereotype und ihre (Re)Traditionalisierung in Zeiten von Corona zu kritisieren? Dann bräuchte der Clip einen Teil 2. Den gibt es aber nicht. Oder handelt es sich womöglich um eine alleinerziehende Mutter? Auch das erfahren wir nicht. Wer mit den Lebenslagen von alleinerziehenden Müttern auch nur einigermaßen vertraut ist, weiß allerdings, dass sie ihren Kindern nicht einfach mal so ein teures Tablet kaufen können. Dafür haben sie meist kein Geld.

Was also muss noch passieren, bis die unbezahlte und berufliche Carearbeit wirklich als systemrelevant begriffen und ins Zentrum eines zukunftsfähigen Wirtschaftsmodells gestellt wird, anstatt nun auch noch das Konsumieren zur „patriotischen Pflicht“ zu erheben, wie es Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier gerade getan hat?

Der zweite Vers des Gedichts „Coronalehre“ könnte folglich lauten:

In Kliniken, im Pflegeheim – das Personal, es kann nicht mehr.
Und auch die Mütter leisten Care.
Sie fühlen sich verbrannt und leer.
Da helfen keine Videos weiter und stimmen uns mitnichten heiter, wenn sie weismachen wollen, wie attraktiv Sorgeberufe angeblich seien sollen.
Auch pflegende Angehörige werden übersehen, wie können sie das überstehen – allein gelassen und erschöpft?
All das ist seit langem krass.
Doch in Sachen CARE ist auf Politik kein Verlass

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Klimagerechtigkeit ist feministisch! https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/12/klimagerechtigkeit-ist-feministisch/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/12/klimagerechtigkeit-ist-feministisch/#comments Mon, 07 Dec 2020 19:45:10 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16768

Schon länger frage ich mich, warum sich so wenige Feministinnen mit dem Klimawandel beschäftigen. Neulich fragte ich eine Freundin:  Kann es sein, dass sie sich durch die Ökofeministinnen der 80-er und 90er gebremst fühlen? Stimmt genau!, sagte meine Freundin. Ich bin mit dem einen Bein Differenzfeministin, gelegentliche Queersympathisantin und keine Ahnung was. Mit dem anderen Bein bin ich eine Ökofeministin.

Wenn eine Ökofeminismus  abschreckend findet, bitte ich Sie, trotzdem weiterzulesen.

Ökofeminismus, das hieß damals zum Beispiel, Jahreszeitenfeste zu feiern. In den 90-er und 00-er Jahren habe ich mich mit meinen Freundinnen im Wald oder auf der Wiese getroffen. Wir haben versucht, uns in das einzubinden, was in der Natur gerade passiert. Zur Wintersonnenwende haben wir zum Beispiel frühmorgens im Dunkeln zugeschaut, wie der erste längere Tag anbricht. Wir haben Bezug auf unsere körperlichen Veränderungen als Frauen genommen. Spiritualität schwang im Ökofeminismus auch mit. Sie schloss die Vorstellung der Beseeltheit der Natur mit ein. Daraus ergab sich ein Bewusstsein von Verbundenheit.
Die Feste waren draußen. Es war sinnlich und es half, Rhythmus und Balance zu finden, das tat gut. Ökofeminismus bedeutete auch, für den Schutz der Natur zu kämpfen. Zum Beispiel wurde die Baueinfahrt der Nuklear-Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf tanzend blockiert.

Wir schrieben uns bei unseren Festen eine deutlich größere Kompetenz im Umgang mit der Natur und Bewahrung des Lebens zu als Männern. Da ist auch was dran. Frauen wurde Jahrhunderte lang die Rolle der sorgenden Hausfrau zugewiesen, die sich um das Wohlergehen aller kümmert, weiß, wie Leben wächst, die vorausschaut und sich verantwortlich fühlt – sprich Daseinskompetenz hat.
Das Problem war nur, dass im Ökofeminismus diese Kompetenz meist aus der Biologie statt aus der Tradition hergeleitet wurde – als Frauen sozusagen auf den Leib geschrieben. Das ist fragwürdig. Denn es kann eine Falle sein, wenn Frauen sich genau die Eigenschaften als natürlich zuschreiben, mit denen sie Jahrhunderte lang für dumm erklärt oder ins Haus eingesperrt wurden. Herrschende haben immer Zuschreibungen geschürt, um Gefangenschaft und Ausbeutung zu rechtfertigen – oder wenigstens Vorschriften zu machen.
Also: deswegen sich bloß nicht in Richtung Natur outen? Womöglich noch kombiniert mit bunten Röcken, andächtigen Gesängen und Bäume umarmen?! – Letzteres muss ja auch Keine, wenn sie dazu keine Lust hat.

Aber sich in Richtung Natur outen ist nötig. Wie wir in unseren Breiten mit ihr umgehen, finde ich einem Rassismus und Kolonialismus ähnlich. Besonders bei uns auf der nordwestlichen Halbkugel gilt die Gattung Mensch als die Krone der Schöpfung und wird allen anderen Lebewesen gegenübergestellt. Historisch wurde sich auf die biblische Schöpfungsgeschichte berufen bzw. auf ihre gängige Deutung: “Macht euch die Erde untertan!” Das heißt: die Natur ist für den Gebrauch durch die Menschen geschaffen. Dieses Zweckdenken haben wir völlig verinnerlicht, es wird ganz ähnlich gerechtfertigt wie bei rassistischen Erzählungen: andere Lebewesen sind “instinktgetrieben”, “vegetativ”, “fühlen nichts”. Schlussfolgerung: “Nützlinge” züchten, “Schädlinge” ausmerzen.

Viele denken, der Kapitalismus ist die Wurzel des ganzen Problems. Ich glaube das nicht. Spätestens mit dem Denken der Philosophen des klassischen Griechenlands wurde der Mann als Vertreter des Menschen und des Geistes und die Frau als Sonderfall des Menschen und der Natur eingeordnet, verbunden mit einer postulierten Höherwertigkeit des Mannes selbstverständlich. Die Frau war dazu da, zusammen mit Sklaven, Kindern und den “natürlichen Ressourcen” dafür zu sorgen, dass der Mann denken und politisieren konnte – und um das “Gefäß für seinen Samen” bereitzustellen. So sehen sich die meisten Frauen in unserer Kultur heute nicht – aber das ist nach wie vor die Sichtweise unserer nordwestlichen Kultur auf alle anderen Lebewesen (und außerdem gibt es dieses Nutzendenken gegenüber Migrant*innen).
Der Kapitalismus befeuert dieses Denken und Handeln, weil die selbstverständliche kostenlose Verwendung der “Natur”-Mitwelt ihre direkte Basis ist – wie auch die unentgeltliche Haus- und Pflegearbeit von Frauen. Beides kommt in der Volkswirtschaftslehre nicht einmal vor, gehört ja zur Sphäre des “Natürlichen” oder des “Privaten”, irgendwo da draußen.

Können Worte helfen, aus dem Schlamassel herauszufinden, eine andere Haltung einzunehmen?
Wir erkennen die Natur gar nicht als Mitwelt, weil wir sie als benützbares Drumherum sehen. So geht es jedenfalls mir meistens. An diesem Punkt denken Frauen in der Regel nicht viel anders als Männer. Diese Sicht ist auch praktisch, sozusagen angenehme Rücksichtslosigkeit: Rücksicht (Respekt) sehe ich daher als ein Schlüsselwort für die Situation. Ganz wörtlich, zurückzuschauen, sich umzuschauen: WER ist hier eigentlich? Und aus der Sonderstellung sich in die Mitwelt zu begeben, auch wenn das Wort erstmal noch seltsam klingt.
Wie beim Thema Kolonialismus ist Wiedergutmachung nötig, also nicht nur weniger nehmen, sondern Sorge tragen, dass sich die lebende Welt fortlaufend regenerieren und auffrischen kann. Passend finde ich dafür das Wort Großzügigkeit, das die Ökonomin Kate Raworth ins Spiel gebracht hat.

Warum sollen sich gerade Feministinnen mit Klimawandel und Natur-Mitwelt beschäftigen? Weil Frauen schon immer die Welt gestalten und sich nicht nur um sogenannte Fraueninteressen kümmern. Und weil Frauen beim Thema Daseinskompetenz einen Haufen Ahnung haben samt feministischen Forschungen, die für viele Veränderungen richtungsweisend sein können.
Und weil es Spaß macht! Das Eintreten für Klimagerechtigkeit bedeutet heute, für neue Möglichkeiten zu sorgen: des Zusammenlebens, der Versorgung, des Sorgens füreinander, des Essens, des Wohnens, des Arbeitens, der Städteplanung, des Landwirtschaftens, des Wirtschaftens überhaupt, das heißt: für die gesamte Art zu leben. Und es wird ja nicht nur diskutiert, sondern an vielen Ecken schon angefangen mit dem Ausprobieren.

Also: Klimagerechtigkeit ist feministisch!

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Wir haben sehr viel Geld von euch bekommen! https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/12/wir-haben-sehr-viel-geld-von-euch-bekommen/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/12/wir-haben-sehr-viel-geld-von-euch-bekommen/#respond Fri, 04 Dec 2020 14:07:49 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16740

Ihr seid großartig. Auf unseren Spendenaufruf im September kamen bis jetzt sage und schreibe über 1000€ zusammen. Wir sind ganz platt und sehr dankbar für die Unterstützung. Und wir können mit dem Geld alles bezahlen, was wir an Infrastruktur brauchten und haben nun ein kleines Polster für die nächste Zeit. Also vielen Dank!

Selbstverständlich sind auch weiterhin Spenden auf unser Konto möglich und willkommen. Daneben haben wir jetzt auch ein Paypal-Konto eingerichtet. Über diese Plattform könnt ihr uns zumindest symbolisch ab und an einen „Kaffee ausgeben“. Wenn ihr ebenfalls ein Paypalkonto habt, lassen sich hier auch kleine Beträge schnell und kostenlos „rüberschieben“. Kaffeespenden also gern auch über Paypal an: redaktion@bzw-weiterdenken.de

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Wie ich politisch geworden bin. Eine Nachverfolgung in drei Schritten https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/12/wie-ich-politisch-geworden-bin-eine-nachverfolgung-in-drei-schritten/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/12/wie-ich-politisch-geworden-bin-eine-nachverfolgung-in-drei-schritten/#comments Fri, 04 Dec 2020 11:57:56 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16713

Der sonst immer so stimmungsrunterziehende grau-triste, feucht-kalte November war dieses Jahr herrlich bunt, trocken und warm. Wird die Klimakrise vielleicht doch nicht so ungemütlich wie die Fridays und 99% der Klimaforscher*innen sagen? Foto: Mila Newball Duke

Vor über einem Jahr bin ich politisch aktiv geworden. Ein die Welt fühlender Mensch war ich schon immer; und spätestens seit der Maueröffnungsnacht auch ein politisch denkender. Was ist der Unterschied zwischen diesen drei Formen des Erlebens, Fühlens und Agierens? Wie hängen sie miteinander zusammen? Was bedeutet es, politisch aktiv zu sein? Was macht es mit mir, welche neuen Formen des Denkens werden dadurch möglich? Das sind die Fragen, denen ich im Folgenden hinterherspüren möchte.

Wie ich bemerkte, dass ich ein weltverbundener und -fühlender Mensch bin

Meine frühesten Kindheitserinnerungen bis zum sechsten Lebensjahr waren geprägt von Ruhe, Glückseligkeit, Frieden und Liebe; es gab keine Störungen durch schlimme Erlebnisse, ich kannte weder Leid noch Schmerz. Entweder meinen Eltern gelang es, jedes potenziell schmerzliche oder sich möglicherweise als Trauma fortschreibende Erlebnis von mir fernzuhalten, oder sie hatten für derlei Situationen sofort eine logische Erklärung parat, sodass das Wissen um etwas “Böses” bis dahin einfach keinen Einzug in mir halten konnte.

Das änderte sich schlagartig, als ich sechsjährig in der Badewanne saß und das erste Mal bewusst in den Radionachrichten das Wort “Krieg” hörte, und um dieses Wort herum lauter furchtbare Dinge gesagt wurden. Als meine Mutter kurz darauf ins Bad kam, um mir die Haare zu waschen, fragte ich sie, bereits mit einer grausigen Vorahnung, was das sei: Krieg. Ich wollte es aus ihrem Mund hören. Sie druckste rum; sicherlich überlegte sie, wie sie es mir altersangemessen erklären könnte. Was soll eine Mutter ihrer sechsjährigen Tochter auf diese Frage antworten? Ich weiß nicht mehr, was genau sie mir sagte, aber was ich jetzt noch erinnere von dem Gespräch, war, dass ich anscheinend nur Glück gehabt hatte: Glück mit meinem Geburtsort. Glück, nicht in ein anderes Land hineingeboren worden zu sein. Ich hörte von jenen Menschen, auch den Kindern in meinem Alter, Kinder also wie ich, die dieses Glück nicht haben. Das Wort “Glück” hat seitdem für mich so einen Beiklang von “Mein Glück ist ein Glück, das andere zur selben Zeit nicht haben.” Sicherlich hat sie auch hurtig hinzugefügt, dass ich dafür aber nichts könne und es mich deswegen auch nicht belasten müsse. Während meine Mutter mich mit all ihrer Liebe trocken rubbelte, durchströmten dennoch das erste Mal tiefe, schreckliche Schauer meinen kleinen Körper. Meine Mutter war sichtlich bewegt, ich habe ihre Emotionen gespürt, und auch diese wurden von meinem Körper aufgenommen und in einen Ordner gepackt, der sich mit den Jahren weiter füllen sollte mit grauenhaften Dingen, Schrecklichem, was Menschen sich gegenseitig antun, aber nicht nur sich untereinander, sondern auch ihrer Mitwelt, den Tieren, den Pflanzen und der sogenannten “leblosen Materie”, die doch zusammengenommen unsere Lebensgrundlage, unseren Lebensraum ausmachen.

Schon früh – noch weit bevor ich zehn Jahre alt war –, fasste ich den Entschluss, nie mehr Dokumentarfilme über Wildtiere zu schauen. Ich ertrug die letzten Sätze beinahe jedes dieser eigentlich so tollen und wichtigen und magischen Filme nicht: Diese Tiere, die mir da gerade voller Liebe und Kenntnis vorgestellt wurden, an deren Leben ich gerade imaginär teilhaben durfte und in die ich mich nun Knall auf Fall verliebt hatte, seien – so wurde mir da vermittelt – allerdings “vom Aussterben bedroht, wenn nicht bald etwas getan würde”. Meine gerade erst erwachte Liebe würde also höchstwahrscheinlich noch zu meinen Lebzeiten mit dem Tod aller Tiere dieser Art tragisch enden. Das war zu viel für mich. Es zerstörte so viel in mir, ich wollte mich einfach dieser Zerstörung nicht mehr aussetzen, und deswegen mied ich von da an diese Filme – übrigens bis heute.

Viele grauenvolle Geschehnisse der historischen Vergangenheit kamen dann in der Schule und durch die immer bewusstere Wahrnehmung der Nachrichten hinzu, das Unbegreiflichste, Monströseste: der Holocaust. Noch heute höre ich von Menschen, die es gut mit mir meinen, ich solle den und den Film zum Thema ansehen, dann erst wüsste ich oder könne ich mir eine Vorstellung davon machen, was damals geschehen ist. Was wissen diese Menschen von meiner Vorstellungskraft, dachte ich schon damals immer. Und verstand nicht, wieso sie diese Filme brauchten, um zu begreifen, was da geschehen war. Ich finde es bis heute übergriffig, wenn mir Leute die Fähigkeit des wirklichen Vorstellenkönnens absprechen, nur weil ich diese Filme nicht anschauen kann. Ich akzeptiere ja auch, dass ihre Empathie erst durch das Erblicken der Bilder aktiviert wird. Meine halt nicht, meine ist schon da, wenn ich nur vom Thema berührt werde. Wir Menschen haben unterschiedliche Wahrnehmungsfühler. Keiner dieser Fühler ist falsch, aber manche sind eben mehr, manche weniger lang und sensibel. Manche reichen bis in den Amazonas, manche reichen nicht bis zum nächsten Nachbarhaus. Das meine ich nicht wertend. Das ist (momentan) einfach so, ob durch Vererbung, Transgenerationalität, Gene oder Erziehung oder von allem ein bisschen, who knows.

Meine Fühler also waren überall; egal wo auf der Landkarte. Ungerechtigkeiten jedweder Form, Gewalt, Unterdrückung… ich fühlte sie in meinem ganzen Körper. Da musste nun System rein, damit ich nicht untergehe in all der Trauer und dem Horror. Also wurde mir in Schule und Zuhause die Welt zugeschnitten, für die ich mich zu interessieren habe, die ich wahrnehmen soll, auf die ich selbst Einfluss haben kann. Ich könne für die Schulzeitung schreiben zum Beispiel. Das entsprach meinem politischen Wirkradius. Das, “was getan werden musste” – laut der Tierdokus zum Beispiel, würden andere machen. Erwachsene, Expert*innen, Menschen jeweils vor Ort, die sich auskennen. Ich solle Vertrauen haben. Obwohl ich dem Ganzen nicht wirklich traute, vertraute ich, ich sah auch keine andere Option. Und außerdem: Esoterisch, spirituell, Ökotussi, das wollte ich nicht sein, damit wollte ich nichts zu tun haben.

Ich verinnerlichte diesen eingezäunten Radius, hämmerte mir ein, dass ich nichts dafür könne, nichts für die Vergangenheit, nichts für das aktuelle und zukünftige Artensterben, noch für sonst irgendwas, und ich lernte dafür Praktiken des Verdrängens und Ignorierens. Fühler aber, die dennoch weiter fleißig alles, was ich kaum gesehen und berührt habe, von nah und fern, von früher und später an mich herantrugen, die sich nicht einzäunen ließen, schufen ein Gefühl des irgendwie Anders- und Verquerseins, schlossen die Räume des Grauens und des Zweifelns nie ganz; sie zeigten weiter an, dass dieser Zaun irgendwie künstlich gesetzt ist. Es gab in mir keine Einheit, keine Logik; vielmehr gab es intuitiven Widerstand, mein innerer Kompass wehrte sich gegen die Einzäunung, die nur rational – für Menschen von außen, die es gut mir meinen – logisch und richtig erschien. Sicher fragen sich jetzt einige Leser*innen, was denn die Alternative gewesen wäre. Mich als Kind mit der brutalen Wahrheit zumüllen, mir eine unverantwortliche Verantwortung aufbürden und mich dann darin untergehen lassen? Ich komme darauf später nochmal zurück.

Die Fragen rumorten also weiter in mir, nun oftmals unbewusst: Was genau ist das, was ich nicht ändern kann? Und warum kann ich nicht ändern, was mich ja doch irgendwie zu betreffen scheint? Aber durchdenken konnte ich das nicht, denn Worte oder Diskurse dafür gab es nicht, ja gibt es heute ja noch kaum; nur langsam wird diese Form der Weltverbundenheit gerade durch feministische Praktiken (wieder) entdeckt und für politisch und gesellschaftlich bedeutsam angesehen.

Wie ich ein politisch denkender Mensch wurde

In meinem zehnten Lebensjahr gab es ein Ereignis, das sich ähnlich dem Badewannenerlebnis in meine Erinnerungen einbrannte. Es war der Abend, als plötzlich euphorische mauerbesteigende Menschen durch den Fernseher in unseren gemütlichen Familienabend einbrachen. Ich würde diesen Abend als jenen markieren, mit dem ich ein politisch denkender Mensch geworden bin. Ich hatte das große Glück, mit meinen Eltern Gesprächspartner*innen zu haben, die mich durch all die kommenden verwirrenden Zeiten stabil hielten und mich ausstatteten mit viel Wissen und Meinungen; Eltern und auch Großeltern, die mich mit all meinen Fragen und Zweifeln ernst nahmen. Innerlich wurde ich eine Art Rebellin, die dem Zeitgeist akut befremdlich gegenüber stand. Meine Wahrnehmung der mich umgebenden Realität deckte sich nun auch wieder kaum mit den mich umgebenden Diskursen. Die Diskurse “von drüben” über uns “Ossis” zum Beispiel waren auch bald bei uns im Osten in aller Munde, so viele Mitschüler*innen lachten und spöttelten über sich selbst, ihre Eltern waren plötzlich fleißige Kirchgänger*innen und wählten Helmut Kohl. Warum? Dachten sie, sie kämen ihrem neuen Wiedervereinigungs-Ich näher, wenn sie sich von sich selbst und von ihrer Vergangenheit derart entfremdeten?

Da standen meine Klassenkamerad*innen und lachten über die Zonen-Gabi, die doch eine von uns war zum Beispiel, und ich sah mich ungläubig um und fragte mich: “Was ist hier los? Fragt mal jemand, warum die Bananen plötzlich unsere Regale fluten und warum sie so billig sind? Wieso gibt es nirgends Möglichkeiten, das kritisch zu hinterfragen?” Die Proklamation vom Ende der Geschichte sorgte jedoch verlässlich für die Totschlagfrage, die mir immer entgegenbrüllte in all ihrer Undurchdachtheit und Denkfaulheit, und sie hält sich bis heute: Willst du etwa wieder den DDR-Sozialismus oder Sowjetunion-Kommunismus…-Stalinismus…whatever… zurück? Ich empfand das alles als zutiefst unbefriedigend. Und ich war es so leid, immer wieder gebetsmühlenartig zu wiederholen, dass ich NAAAAIIIIN nicht in die DDR zurückwollte, aber dass ich das ja auch gar nicht gesagt hätte. Ermüdung, Erschöpfung tat sich breit, ich fand einfach außerhalb der Familie nirgends Diskursräume, in denen ich mich mit meiner Sichtweise wohlgefühlt hätte, die aber notwendig gewesen wären, um mit meinem Denken voranzukommen. Dadurch blieb mein diesbezügliches Denkniveau auch irgendwie in den Pubertätsschuhen stecken. Wenn ich dann in Diskussionen geriet, machte mich genau das wütend und ohnmächtig. Ich ärgerte mich, dass ich jedes Mal gleich unvorbereitet hineinschlitterte, dass ich Denkfäden wieder und wieder nicht weitergesponnen hatte und daher immer vor denselben denkfaulen Fragen kapitulieren musste. Über was soll ich reden, wenn ich beispielsweise selbst keine Idee von alternativen Gesellschaftsentwürfen habe? Und Marx hatte ich auch immer noch nicht gelesen. Shame on me.

Resigniert habe ich allerdings nie wirklich; innerlich bin ich immer rebellisch geblieben, habe mir dann aber auch sehr gefallen in meiner Melancholie und einsamen Weltschmerztrauer. Und naja, ich war jung, und es gab ja auch noch andere Themen. Komplizierte, ständig zusammenbrechende Mädchenfreundfeindmobbingschaften, erste Verliebtheiten, Sport, Musik, Bücher. Ich stürzte mich dann auf diese und ließ den Kapitalismus den Kapitalismus sein. Mit mir selbst schloss ich früh den Vertrag, niemals aktiv dem Kapitalismus mit meiner bezahlten Arbeit zuzuarbeiten. Also musste ich entweder Künstlerin werden oder irgendwas “mit Kultur” machen. Politik ging nicht, da es mich schon immer so viel Kraft kostete, über dumme Meinungen nicht wütend zu werden. Und Richtung Ökologie ging auch nicht, ich wies Ökothemen weit von mir, da sie mir emotional zu nahe rückten. Reiner Selbstschutz. Bäume umarmen? Hell no. Die Natur – so hoffte ich allerdings innerlich zutiefst, meine Fühler baten und bettelten darum – retten andere; ich derweil darf mich um Kultur und Gesellschaft kümmern.

So blieb das bis 2019. Da war ich 40 Jahre alt. Greta riss mich aus meinem Dornröschenschlaf, in dem ich sicher noch einige Jahre länger weitergedöst hätte. Sie sagte plötzlich Dinge, die ich schon immer dachte und seit nunmehr drei Jahrzehnten auch hin und wieder im Bekannten- und Freundeskreis sagte, wenn es denn die Gelegenheit gab. An eine erinnere ich mich, da war ich wohl etwa 16, da hielt ich ein Referat in Sozialkunde. Ich sagte sowas wie “Kapitalismus kann nicht das Ende sein, wenn wir als Menschheit überleben wollen; danach muss eine neue Form des Sozialismus kommen.” Ich traute mich sogar, das mit Kreide an die Tafel in eine imaginäre Zeitlinie einzutragen. Meine Sozialkundelehrerin fand das cool, mein Denken “out of the box” brachte mir zumindest eine mündliche Eins ein, aber sonst brachte es mir und der Welt: nix. Greta aber stand nun da, vor den Politiker*innen des EU-Parlaments, oder kurz darauf jenen des UN-Klimagipfels; sie stand da und sprach es aus: “Fairytales of eternal economic growth”. Wie ein Donnerschlag traf es mich. Und anscheinend nicht nur mich. Viele andere Menschen schienen erschüttert aufzuwachen; die Dornröschenhecke schien sich nicht nur für mich endlich wie durch ein Wunder aufzutun. Sind nun die hundert Jahre rum? Immerhin war da plötzlich eine Bewegung.

Wie ich ein politisch aktiver Mensch wurde

Ich brauchte jedoch auch jetzt noch ein paar Monate der Besinnung. Meine inneren Monologe sahen in etwa so aus: Werde ich aktiv, und wenn ja, wie und wie viel? Was bedeutet Aktivwerden überhaupt? Bin ich nicht schon aktiv? Lies mein Buch. Das ist das, was ich gut kann. Schreiben über Kulturkontakt. Okay, aber was trägt es zur Klimabewegung bei? Ja, aber Klima ist nicht mein Ding, Klima kann ich nicht. Ich kenn mich da nicht aus. Muss ich mich auskennen? Was muss ich wissen? Und weiß ich nicht eigentlich schon genug? Reicht es nicht zu wissen, dass wir uns als Menschheit gerade in die Katastrophe reinkatapultieren? Okay, ja, das reicht, also was wäre ein erster Schritt: Demonstrieren gehen? Ich war noch nie demonstrieren. Ich bin einfach kein Demo-Mensch. Punkt aus.

Aber dann all die Gefühle in mir, die nun wirklich nicht mehr verdrängbar waren: Die “Ökoleute” haben’s nicht allein hingekriegt. Was hilft meine “Kulturarbeit” (mein Kulturbegriff ist groß und weit; ich setze Kultur eher aus Hilflosigkeit in Anführungsstriche, weil ich hier keinen Raum eröffnen möchte, darauf einzugehen, auch nicht zu meiner nicht immer stringenten Verwendung desselben), wenn ich meinen Kindern klimakrisenbedingt kein schönes Leben mehr sichern kann? Zukunftssicherheit und Zukunftsfähigkeit sind ein großes Thema in mir. Was sage ich meinen Kindern in zehn Jahren, wenn es zu spät ist, wenn sie nicht mehr die Möglichkeit der Reparatur der Welt haben, sondern größtenteils dem Horror, der dann geschieht, nur noch zuschauen können, oder schlimmer noch, ihm ausgesetzt sind? Sage ich ihnen dann: “Ja, sorry, aber das war einfach nicht mein Ding”? Und was muss ich ihnen dann noch alles hinter vorgehaltener Hand sagen? Dass es jetzt, 2030, doch auch vielleicht besser ist, wenn wir eine AFD-artige Partei wählen, denn jetzt helfen nur noch Grenzen. Grenzen mit zu jeder Zeit schießbereitem Grenzschutz, überhaupt sind Militär und gute Allianzen in der Welt jetzt noch die einzige Rettung. Ein Glück, dass wir Deutschen und Europäer*innen das letzte Jahrzehnt massiv aufgerüstet haben.

Schon am 1. Dezember liegt dieses Jahr im Süden der Nation der erste Schnee. Ist das ganze Gerede um die Klimakrise nicht doch einfach übertrieben?

Jetzt schaut ihr verwundert aus euren Leseaugen, aber wer A sagt, muss auch B sagen. Oder? Zu spät ist zu spät, da kann man nix machen. Und B ist dann, mit aller Gewalt das schützen, was man hat. Oder wie bietet man seinen geliebten Kindern sonst “Sicherheit”? Ich setze Sicherheit in Anführungsstriche, weil diese Form der Sicherheit natürlich zynisch und trügerisch ist. Wir Europäer*innen “sichern” ja bereits jetzt mit Militär und Grenzschutz, mit Gewalt, Folter und bewusst in Kauf genommenem tausendfachen Toden unseren (neo-)liberalen Lebensstil. Auch das verdrängen viele Menschen so gern. Dass in demokratischen Abstimmungsverfahren der EU ganz legitim beschlossen wurde, Menschen im Mittelmeer ertrinken zu lassen. Diesbezüglich sind wir schon in der Zukunft angekommen, denn genau diese Form der “Sicherung” wird jetzt noch ungeahnte und unvorstellbare Ausmaße annehmen, wenn wir nicht endlich neue Wege gehen. Wollen wir EU-ler*innen weiterhin einen solch gewaltvollen Grenzschutz? Oder wie wollen wir leben? Wie wollen wir gelebt haben? Welche Welt wollen wir unseren Kindern überantworten?

Okay, dieses AFD-Droh-Szenario ist die Hölle. Das ist keine gute Zukunftsaussicht. Ich gab mir alle Mühe, meinen inneren Monolog weiter voranzutreiben. Also: Was kann ich dafür tun, um das zu vermeiden? Noch versuchte ich mich am Demonstrieren vorbeizuschlawenzeln. Ich hielt es für wirksamer, ein Buch zu schreiben, eins über Utopien und Literatur. Neue Utopien braucht das Land! Einige Wochen und etwa 20 unsicher getippte Seiten auf dem Computer später, mich weiterhin einsam um mich selbst und meine neuesten Leseerkenntnisse kreisend, kamen sie wieder und weitaus stärker als zuvor zurück, diese nagenden Zweifel mit der Frage: Reicht das? Was macht die Welt in den fünf Jahren, in denen ich an meinem Buch schreibe? Muss ich nicht parallel noch etwas tun? Mich schon vorher der Welt zeigen? Wäre es nicht vielleicht doch ein gutes Zeichen, in der Stadt, in der ich lebe und atme, auf die Straßen zu gehen? Panik ergriff mich, so viel Respekt hatte ich davor, mich öffentlich derartig zu entäußern. Die Nacht vor meiner ersten Demo konnte ich nicht schlafen, ich war davon überzeugt, dass es “für mich” falsch war, aber gleichzeitig “allgemein irgendwie richtig”. Irre Gefühle.

Im September 2019 ging ich also das erste Mal auf die Straße. Wir waren eine relativ große Gruppe; meine damals elfjährige Tochter (mit Plakaten, die wir liebevoll den Abend zuvor beschrieben und bemalt hatten, tief in Weltgespräche versunken) und etwa sechs ihrer Freundinnen und Schulkamerad*innen. Auch einige meiner Freundinnen waren dabei; und einige Bekannte traf ich dort unverhofft, was ein relativ schönes, warmes Gefühl war. Pumpte mein Herz anfangs noch wie wild vor Aufregung, bemerkte ich doch bald, dass es gar nicht so anstrengend war wie immer gedacht. Ganz im Gegenteil: Schritt für Schritt bekam ich mehr Energie. Das hatte ich nicht erwartet. Da waren Leute mit so vielen unterschiedlichen selbstbeschriebenen Plakaten. Da waren die Fridays, die sich mit Spaß und Wut gleichzeitig die Kehle aus dem Leibe schrien. Ich sah eine Performance, in der Aktivist*innen als Tiere verkleidet, mitten auf einer der sonst meistbefahrenen Kreuzung der Stadt die untergehende Welt beweinten. Und plötzlich weinte ich ganz untheatralisch mit, meine Tränen hatten wohl plötzlich das Gefühl, am rechten Ort zu sein. Anscheinend gab es hier in meiner Stadt Menschen, die eine ähnliche Trauer und auch Wut auch in sich trugen, die vielleicht ähnliche Wahrnehmungsfühler hatten wie ich! Ich ging dann daran anschließend noch mit meiner kleinen Mädchengruppe auf die Demo in der großen Stadt nebenan, und was ich hier an Menschenmassen und Aufbruchsstimmung in den Straßen sah, vibriert und musiziert bis heute in mir.

Seitdem ist so viel passiert. Alle damals als Tiere verkleideten Aktivist*innen sind mir mittlerweile lieb und teuer. Einen Monat später war ich bei der Gründung der Ortsgruppe der Parents for Future dabei. Wieder einen knappen Monat später gründeten wir das städtische Klimagerechtigkeitsbündnis, in dem sich alle schon aktiven klimabewegten Gruppen zusammenfanden. Es ging ganz einfach, ein Schritt folgte dem nächsten. Ein paar Monate später dachte ich schon, ich mache das seit Jahren. Es tut so gut, die Weltschmerztrauer, die – Achtung Spoileralarm! – leider nicht weicht, mit Aktivsein zu verbinden. Denn dadurch steht die Trauer nicht mehr alleine da, ich brauche nicht mehr nur jammern und klagen über unmögliche Zustände, sondern ich kann jetzt sagen: Ich tue meinen Teil. Er ist winzig winzig klein, und ich möchte so oft verzweifeln ob der kleinen Schritte, die wir vorankommen, gegenüber der großen klimakrisenverursachten und -verursachenden Desaster, die sich tagtäglich aus den Nachrichten über mich ergießen, sich bereits im Wald nebenan ereignen, und die sich durch fehlende konsequente Klimapolitik auch weiterhin verschärfen und verstärken werden. Noch immer werden der Klimagerechtigkeit entgegenwirkende fatale politische Entscheidungen getroffen, die oft noch jahrelang Geltung und reale Auswirkungen auf unsere Lebensgrundlagen und die uns nachfolgenden Generationen haben werden.

Verzweifeln daran und Freude über unsere kleinen Erfolge wechseln sich ab; es ist nicht weniger Auf und Ab im Leben geworden. Aber ich teile es nun mit Menschen, die ähnlich fühlen, oder zumindest ebenfalls das eine Ziel haben: unter der 1,5-Grad-Grenze zu bleiben, weil darüber kaum gutes Leben mehr für uns Menschen möglich ist. Es gibt mittlerweile so viele Menschen, die nichts weniger als die Welt für die Menschheit und ihre Mitbewohner*innen retten wollen, und denen es zudem nicht zu pathetisch ist, das laut und deutlich auszusprechen. Vielleicht ist das vermessen und größenwahnsinnig, aber geht es denn noch darunter?

Manchmal verstehe ich nicht, was Menschen, die noch nicht in ihr Aktivsein gefunden haben, uns Aktivist*innen vorwerfen: dass wir die Welt für unsere Kinder lebenswert erhalten wollen? Ohne Krieg und Katastrophen jeglicher Art, ausgelöst durch Klimakrise und Kampf um Ressourcenknappheiten usw. usf.? Sie sagen, unser Fehler sei die Kompromisslosigkeit, wir seien zudem realitätsfern und zu radikal. Zu den zwei ersten Vorwürfen hätte ich auch viel zu sagen, alle drei sind sich zudem sehr ähnlich. Ich gehe jetzt aber nur auf den dritten ein. Ich beginne, Radikalität neu zu besetzen: Radikal wäre für mich, wenn ich mein jetziges Tun wieder einstellen würde. Radikal ist für mich, wenn sich die Parteienpolitik weiter an dem Thema Klimakrise vorbeischlängelt und die Entscheidungsträger*innen ihre politischen Entscheidungen und Handlungen lediglich grün waschen. Radikal ist, wenn immer noch Autobahnen durch Wälder und Dörfer gebaut werden, Dörfer immer noch dem Kohleabbau weichen müssen, in Kolumbien immer noch Menschen sterben für unsere Kohle, das alles finde ich radikal.

Ich bin hier die Konservative. Ich möchte ein gutes Leben für meine Kinder und alle anderen auch zukünftig bewahren. Ich habe verstanden, dass dies nicht geht, indem wir unseren Status Quo erhalten. Ein Weiter-So ist zerstörerisch und radikal und macht das gute Leben für alle in Zukunft unmöglich. Radikal und extrem ist, wie viele Menschen schon seit Jahrzehnten unter massiven Klimakrisenfolgen leiden. Radikal ist, wie lange wir globalen Nordler*innen nicht hingeschaut haben und es als nicht zu uns zugehörig abgetan haben, uns nicht für zuständig gehalten haben.

Ich habe verstanden, dass wenn ich ein gutes Leben für alle auch uns nachfolgender Lebewesen auf diesem zerbrechlichen, bereits so beschädigten Planeten Erde will, ich aktiv sein muss. Ich habe verstanden, dass auch wenn ich nicht direkt darum gebeten wurde, ich dennoch Verantwortung in meinen Händen halte. Diese Verantwortung nicht anzunehmen oder aus den Händen zu legen, hat nichts mit Freiheit zu tun. Frei agieren und atmen kann ich nur, wenn ich meine Weltverbundenheit anerkenne und annehme und meine Freiheit und meine Abhängigkeiten innerhalb der planetaren Grenzen neu auslote und überhaupt erst einmal emotional und mental in Kontakt miteinander bringe. Was ich damals als Kind gelernt habe, dass ich nichts dafür kann und ich mich deswegen auch nicht darum kümmern muss, das galt nur so lange, wie ich Kind war. Aber als Erwachsene habe ich das Recht nicht mehr. Das nur imaginierte Recht auf Verdrängung und Ignoranz ist in Wahrheit ein Privileg, das ich dafür nutzen kann, nicht aktiv werden zu müssen.

Es ist nicht richtig zu sagen, dass es ein Kampf ist, den unsere Kinder allein kämpfen müssen. Unsere Kinder sollten doch von uns Erwachsenen lernen, was es bedeutet, ab einem gewissen Alter Verantwortung für sich selbst und die Welt zu übernehmen. Ich befinde mich gerade mitten in der Beantwortung der Frage, die ich weiter vorne noch offen gelassen hatte. Kinder sollten natürlich nicht mit Verantwortung belastet werden und mit Schreckensnachrichten zugemüllt werden. Sie sollten aber auf eine Verantwortungsübernahme vorbereitet werden. Schulfächer wie Empathie und Zukunftsfähigkeit wären geeignet, um Verantwortung aufzuzeigen, und dies ganz ohne Panik und Schrecken. Durch das frühe Verinnerlichen einer Weltverbundenheit würden die Kinder vielmehr ganz natürlich auf eine selbstverständliche Übernahme vorbereitet; sie würden sich zudem von klein auf viel weltverbundener in ihren planetaren Lebensräumen bewegen. Sie hätten im besten Falle Lust und Vorfreude auf die Verantwortungsübernahme.

Aktuell findet so etwas gar nicht, oder zumindest viel zu wenig statt, weder in der Schule noch zu Hause, ist meistens abhängig von besonders engagierten Lehrer*innen und Eltern. Denn das Credo in der Erwachsenenwelt ist immer noch: Verantwortung im Sinne der Weltverbundenheit zu übernehmen oder es zu lassen, wird in den Ermessensspielraum jedes einzelnen Menschen gelegt. So wird auch unser Freiheitsbegriff ausgelegt. Und ich glaube, dass genau das einer der Gründe dafür ist, dass viele Erwachsene des globalen Nordens gar kein Verantwortungsgefühl besitzen, und dass sie genau deswegen nach vielen Jahrhunderten an dem Punkt angekommen sind, an dem sie halt jetzt so rumstehen und sich verwundert die Augen reiben. Sie haben weder als Kinder noch als Jugendliche gelernt, die Verantwortung zu sehen und zu erkennen, die doch eigentlich in ihren Händen liegt. Seit den Fridays ist es nun so, dass ihre Kinder sie lehren, was es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. Ganz schön ver-rückt alles.

Ich frage mich dann: von welcher Welt in zehn bis zwanzig Jahren gehen noch nicht klimabewegte Eltern, Großeltern, Menschen für ihre Kinder oder die nächsten Generationen aus? Werden sie einmal stolz sein auf ihr Vermächtnis? Denken sie überhaupt darüber nach? Oder hoffen sie auf die Art Glück, von dem ich als Sechsjährige erfuhr: das Glück, das unserer Generation hier im globalen Norden größeres Leid wie Krieg und andere Katastrophen erspart hat? Hoffen sie, dass auch ihre Kinder noch so derartig privilegiert sein werden wie wir, dass sie nie direkt betroffen sein werden?

Was genau habe ich mit dem vom Hurrikan zerstörten Haus einer Freundin auf Providencia zu tun, in dem ich vor zwei Jahren noch mit meiner Familie Urlaub gemacht habe? Was kann ich, was sollte ich jetzt tun? Ist es mit einer unpolitischen Hilfe wie einer Spende getan, die mir sicher auch das Gewissen erleichtert?

Und da ist es wieder: “Betroffensein”: Was ist das überhaupt: “direktes Betroffensein”? Mittlerweile stufe ich mich unbescheiden als “direkt betroffen” ein, wenn es zwei Wochen lang aus mir herausweint, weil der Amazonas brennt. Und es betrifft mich, wenn vor drei Wochen die Nachbarinsel der Insel, auf der mein Mann geboren und aufgewachsen ist, dem Erdboden gleichgemacht wurde. Es betrifft meinen Mann, aber es betrifft auch mich und meine Kinder; und ich würde meinen, es betrifft alle Menschen dieser Welt, wenn Hurrikane klimawandelbedingt zunehmen. Natürlich gibt es unterschiedliche Betroffenseinsgrade. Aber ich finde es wichtig, das eigene Betroffensein anzuerkennen, weil daraus zunächst einmal Handlungsmacht erwächst, die dann genutzt werden kann, um je eigene Kompetenzen zu nutzen und sich anzueignen.

Der Hurrikan traf eine Insel mit Menschen, die nicht das Geringste dafür können, sondern ganz im Gegenteil schon seit vielen Jahren alles in ihrer Kraft Stehende tun, damit so etwas nicht passiert. Der Hurrikan traf SIE, ganz unmittelbar, IHR Haus ist zerstört, nicht meins, IHR Essen für den nächsten Tag nicht gesichert. Die Auswirkungen treffen und betreffen sie ganz anders als mich. Aber in ihrer Macht allein liegt es nicht, dass Hurrikane und Zerstörung nicht immer mehr zunehmen. Das liegt vor allem in der Macht der Staaten des globalen Nordens. In einem solchen lebe ich, also betrifft es auch mich. Nur, wenn auch ich hier im globalen Norden mein Betroffensein anerkenne, ist Klimagerechtigkeit möglich. Sie wird möglich, wenn ich meine Verbundenheit anerkenne und ich mich genauso verantwortlich für Providencia fühle wie für die Bäume und Blumen und Kohlköpfe in meinem Garten. Und je mehr ich diesen Gedanken zulasse und mich von den alten, meines Erachtens falschen Konzepten und Stabilität vortäuschenden Denkkonstrukten entferne, desto mehr kann ich mich als von dieser Welt erkennen, desto mehr finde ich Halt unter meinen Füßen, stehe ich mit der ganzen Welt ganz unbescheiden in Verbindung, halte Kontakt, lasse Nähe und Verbundenheit zu.

Das ändert alles. Es vergrößert den Schmerz, wenn Zerstörung geschieht. Aber es vergrößert auch die Wut, es vergrößert meinen mir selbst zugesprochenen Wirkraum. Ich nehme ihn einfach ein, und ich spreche einen solchen Raum anderen, oft noch viel aktiveren Menschen als mir zu. Ich mache unsere noch so kleinen Schritte nicht mehr klein. Ich nutze mein Privileg, so gut ich eben kann, indem ich die planetaren Grenzen akzeptieren lernen möchte. Und ich deute meine Freiheit als eine, die mir jetzt noch ermöglicht, aktiv zu sein. Ich möchte damit gleichzeitig meinen Töchtern zukünftige, weltverbundene Freiheiten bewahren. Neoliberal geprägte Freiheitsvorstellungen werden zukünftig mit noch mehr Unfreiheit anderer Menschen, Zerstörung von Lebensgrundlagen, Gewalt und Abschottung aufrecht erhalten werden müssen. Wenn wir es nicht schaffen, unsere Freiheiten erd- und weltverbunden auszurichten; wenn wir es nicht schaffen sollten, unsere Gesellschaft und unser Wirtschaften auf grundsätzlich andere Fundamente zu stellen, dann wird auch diese erst zu erarbeitende “neue Freiheit” nicht mehr selbstverständlich sein, vielleicht sogar gar keine Möglichkeit mehr für die uns nachfolgenden Generationen sein.

Das Haus auf Providencia vor 2 Jahren. Vor lauter Bäumen war das Meer kaum zu sehen. Foto: Anne Newball Duke

So viele Menschen halten sich weiterhin an Denkgerüsten und in Netzen fest, in denen sie bisher in Sicherheit haben leben und arbeiten können und für ein gutes Leben für sich und ihre Lieben sorgen konnten. Warum davon loslassen? Ist nicht noch alles gut? Was für ein herrlicher warmer sonniger November hier im Süden Deutschlands! Warum muss ausgerechnet ich etwas tun, fragen sie sich, wie auch ich noch vor einem Jahr. Ich verstehe das. Doch zurück dahin möchte ich nie nie nie wieder. Zu viel, viel zu viel ist in mir passiert, zu viel Gutes aufgeplatzt, überhaupt erst einmal an den richtigen Platz gerückt. Ich lerne so viel über mich dazu, fast täglich. Teilweise habe ich das Gefühl, ich lerne jetzt erst viel von mir kennen; in gewisser Weise erkenne ich mich immer öfter selbst wieder.

Natürlich wünsche ich mir noch immer manchmal, ich könne weiter “nur Kultur” machen. Doch dann denke ich weiter: ist nicht genau das das Problem? Dass “die Kultur” denkt, sie hätte nichts mit der Klimakrise zu schaffen? Ist es nicht so mit allen Menschen, die um das Ausmaß der Klimakrise wissen und sich aber immer noch nicht der Klimabewegung verschrieben haben? Dass sie denken, ihre Fähigkeiten liegen nicht innerhalb der Klimabewegung, so wie ich das noch vor gut einem Jahr dachte? Und wenn es nun so ist, wie ich glaube, nämlich dass wir es uns nicht mehr leisten können, auch nur irgendetwas unseres Tätigseins nicht mit der Klimafrage zu verbinden? Wir können ab und zu flüchten, okay, aber alles muss jetzt jetzt jetzt miteinander verbunden werden.

Zukunftsfähige Netzwerke müssen geknüpft werden, wir müssen uns neue Gerüste bauen, in denen wir Halt und Stabilität finden. Damit wir in zehn bis zwanzig Jahren nicht ins Leere fallen. Erst nach ungefähr einem Jahr Klimaaktivismus habe ich verstanden, dass ich viel mehr “Kultur” in die Klimabewegung tragen muss. Dass Klimaaktivismus nicht bedeutet, mich nun in all die fremden Gebiete wie Landwirtschaft und Solaranlagenspeicherkapazitäten einarbeiten zu müssen. Zumindest nicht nur. Ich bringe jetzt ganz unbescheiden mein ureigenes Spezialgebiet “Literatur und Kultur” mit ein. Da bin ich gut, das kann ich. Und es fehlt doch, ich sehe da jedenfalls viel zu wenig. Und noch ernte ich für diesen Ansatz auch unter den Klimabewegten oft fragende Blicke, oft heißt es: “Können wir bitte zum eigentlichen Thema, nämlich Klimaschutz, zurückkehren?” Aber wie nehmen wir die Menschen mit? Allein mit Technozentrismus doch nicht. Also frage ich zurück: Wie soll gesellschaftlicher Umbau vorangehen, wenn Gesellschaft und Kultur ihr ganzes Wissen und Können und Handeln und ihre Denkkapazitäten nicht auch in die klimabewegte Waagschale einwerfen?

Die Künstler*innen und Schriftsteller*innen haben – nicht nur, aber doch viel zu oft – die letzten Jahrzehnte über oft in masochistischer Manier das bürgerliche Leben ausgequetscht und analytisch blutleer gesaugt, haben sich in sich selbst gedreht und gespiegelt. Sie sollten jetzt auch herauskommen aus dem Schneckenhaus und sich der Kunst und Kultur der großen weiten Weltverbundenheit zuwenden. Wir brauchen sie so dringend: neue Konzepte, neue Lebensentwürfe müssen denkbar gemacht werden, unsere Körper*innen müssen in neue Denkstrudel geworfen werden. Wo ist die Literatur, die angeblich am Puls der Zeit rumwerkelt? Zum Haareraufen abwesend in einer klimakrisenhaften Welt. Warum bewegt die Klimakrise nicht die hiesige Literatur? Ich finde das eine immens wichtige Frage.

Aktiv werden bedeutet vor allem, in Bewegung zu kommen. Und diesen Satz verstehe ich selbst erst, seitdem ich selbst aktiv geworden bin. Ich weiß von mir selbst, dass ich nicht von anderen Mitmenschen verlangen kann, dass sie sich von heute auf morgen grundlegend verändern. Zu verstrickt sind ihre Leben in das noch Stabilität versprechende System. (Nur zu genau hinsehen darf man halt nicht, dann sind überall schon Risse und Löcher sichtbar; die Corona-Zeit klatscht uns ein solch Abgründe offenbarendes Sicherheitsloch direkt ins Gesicht.)

Und keine noch so gut geschwungene Moralkeule wird das schaffen, kein noch so schlimmes Schreckensszenario wird noch nicht klimasensibilisierten Mitmenschen vermitteln, dass sie aktiv werden müssen. Sie erfahren so auch nicht, wie sie ins Aktivwerden kommen können. Viele Klimaaktivist*innen glauben, Aktivwerden sei einfach, nur weil es nötig ist. Oder weil es für sie einfach war. Oder weil sie vergessen haben, wie schwer es auch für sie einmal war. Deswegen möchte ich nicht vergessen, wie schwer es für mich war, aktiv zu werden. Jeder Mensch ist in unterschiedlichen Maße bewusst oder unbewusst, gewollt oder ungewollt in das System verstrickt. Ich finde es wichtig, die Menschen dort abzuholen, wo sie gerade sind. Mir ist egal, ob sie bei Daimler noch am Verbrennungsmotor rumtüfteln. Mir ist egal, ob sie aktuell glauben, dass Mülltrennung und Fahrradfahren allein die Welt rettet. Wichtig ist anzufangen, in Bewegung zu kommen. Wo eine Person gerade noch gestanden hat, kurz vor diesem krassen Moment des Loslaufens, in dem sie die Verantwortungsfäden in ihren Händen das erste Mal bewusst wahrgenommen und betastet und umschlossen hat, ist mir ganz egal.

Ob ich glaube, dass meine Arbeit als Klimaaktivistin wirksam und sinnvoll sei, werde ich von vielen Nicht-Klimaaktivist*innen gefragt. Das weiß ich nicht. Ich taste mich mit anderen Klimabewegten Schritt für Schritt voran, in die Richtung, die wir gerade für richtig und in unserem Kompetenzradius für umsetzbar halten. Wir wollen immer mehr als das, was wir letzten Endes auf die Beine zu stellen vermögen. Wir sind immer zu wenig. Aber egal wie viele wir sind: wir wollen mit jeder Aktion nichts weniger als die Welt für die Menschen lebenswert halten. Indem wir Bewusstsein bei anderen schaffen, Möglichkeiten des Aktivwerdens und -seins aufzeigen usw. usf.

Wir stützen uns auf Forschungen, ziehen Schlüsse aus Entscheidungen aus der Parteienpolitik, schauen, was anderswo schon gedacht und ausprobiert wurde. Manchmal besuchen wir imaginär verschiedene Zukünfte und lassen uns dort beraten. Dann reisen wir zurück und beginnen Dinge in Bewegung zu bringen, die bei unseren Zukunftsbesuchen sinnvoll und zukunftsfähig erschienen. Mir ist bei allem, was ich tue, am wichtigsten, dass ich in Bewegung bin und dabei in touch mit der Welt bleibe. Den zukünftigen Rest, was daraus wird, hängt nicht nur von meinen Schmetterlingsflügelschlägen ab und weiß letzten Endes nur die Eule der Minerva (seit unserem Gespräch hier lässt sie mich nicht mehr in Ruhe; danke Antje Schrupp für diese inspirierende Unruhe).

Ich weiß nicht immer genau, warum mir bestimmte Lieder während eines Textenstehungsprozesses in den Sinn kommen. Dieses Mal war es von PeterLicht “Dein Tag” vom großartigen Album Melancholie und Gesellschaft, das schon seit vielen Jahren mögliche Aktivseinshebel in mir spürbar, in Schwingung und in Position gebracht hat. Wer’s nicht nur lesen, sondern auch hören will.

PeterLicht

DEIN TAG

Diese alte Liebe
Dieser neue Tag
Ein letzter Blick
Ein letzter Rest
Von letzter Luft

Ein weißer Himmel
Ein weißes Bett
Und das schieben wir
Das schieben wir in die Luft
Mal sehen wo’s hinfliegt

Die Sonden, die Maschinen
Die Infusionen
Die stellen wir ab
Mal sehen wo’s hinfliegt

Es ist genug, genug
Es war genug
Wir stellen es ab

Und dann dreht sich das Segel
Und ein neuer Wind kommt auf

Die Reise geht
Zurück an den Anfang
Und es blinkt in der Nacht
Ein heller, klarer Blick

Das ist dein Tag
Deiner, deiner, deiner
Dein Tag
Deiner, deiner, deiner
Wo du jetzt bist
Und wo du jetzt schon nicht mehr warst
Wo du jetzt bist
Das möchte ich wissen, wissen, wissen, wissen, wissen

Diese alte Liebe
In eine neue Kiste
Auf in eine weite Nacht
Schwärzer, schwärzer wird es nicht mehr sein

Nur ein paar alte Sachen
Die würde ich gern noch wissen
Den Rest könnt ihr haben, den Rest, den Rest

Das ganze alte Zeug
Wir lassen es fallen
Es streut sich im Wind
Du wirst es verstehen
Der Himmel ist voll
Von dir und dem deinen
Wir lassen es fallen
Komm lass uns gehen

Denn jetzt dreht sich das Segel
Und ein neuer Wind kommt auf
Die Reise geht
Zurück an den Anfang
Und es blinkt in der Nacht
Ein heller klarer Blick

Das ist dein Tag
Deiner, deiner, deiner
Dein Tag

Das ist dein Tag
Deiner, deiner, deiner
Dein Tag
Deiner, deiner, deiner
Wo du jetzt bist
Und wo du jetzt schon nicht mehr warst
Wo du jetzt bist
Das möchte ich wissen, wissen
Wir wissen
Es ist schwer zu gehen
Wenn alle, alle, alle, alle anderen bleiben

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Luisa Muraro: Die Gegenwart denken https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/12/luisa-muraro-die-gegenwart-denken/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/12/luisa-muraro-die-gegenwart-denken/#comments Wed, 02 Dec 2020 22:41:40 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16705 “Pensare il Presente” (Die Gegenwart denken) war am 21. September das Thema eines “Marathons der Philosophie” in Italien, der von der Fondazione De Sanctis in Zusammenarbeit mit dem “Centro per il libro e la lettura” veranstaltet worden ist. Den Beitrag von Luisa Muraro, Mitgründerin des Mailänder Frauenbuchladens und der Philosophinnengruppe Diotima, habe ich mit deutschen Untertiteln versehen. Es geht um die Bedeutung der Frauenbewegung, des Feminismus und was wir erreicht haben. Das Video hat Laura Colombo gedreht und uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

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Schwangerwerdenkönnen und Geschlechtlichkeit https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/11/schwangerwerdenkoennen-und-geschlechtlichkeit/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/11/schwangerwerdenkoennen-und-geschlechtlichkeit/#comments Sat, 28 Nov 2020 10:05:27 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16678 Für einen anderen Kontext hat Caroline Krüger mit bzw-Redakteurin Antje Schrupp über deren Buch “Schwangerwerdenkönnen” gesprochen. Dabei hat sie vor allem das Verhältnis von reproduktiver Differenz und Geschlechterdifferenz interessiert. Wir dürfen das Interview an dieser Stelle veröffentlichen.

Photo by freestocks on Unsplash


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Antje, du hast 2019 das Buch «Schwangerwerdenkönnen» veröffentlicht. Mit dem Thema beschäftigst du dich aber schon viel länger. Ich erinnere mich an einen Blogpost zu «letz talk about schwangerwerdenkönnen» von 2013 – wie bist du auf die Idee gekommen, dass du dich mit dem Thema beschäftigen musst und möchtest? Gab es ein besonderes Erlebnis oder eine Erkenntnis?

Ich war immerskeptisch gegenüber feministischen Mütterlichkeitsdiskursen, weil ich den Eindruck hatte, das Frausein werde dabei schnell auf Gebärfähigkeit reduziert oder zumindest damit assoziiert. Mir selbst war das Thema Kinder haben und Schwangerwerdenkönnen aber völlig fern – ich bin ja aber trotzdem eine Frau! Die «Symbolische Ordnung der Mutter», von der Luisa Muraro und die Mailänder Differenzfeministinnen sprechen, habe ich immer als Beziehungskonstellation verstanden, zumal sie ja auch von der «Mutter oder ihrem Ersatz» sprechen. Konkret wurde ich dann 2013 in einem Seminar in Luzern über Initiationsriten bezüglich des Übergangs vom Mädchen zur Frau mit dem Thema Schwangerwerdenkönnen konfrontiert. Es ging dort um einen afrikanisch-europäischen Austausch. Alle Afrikanerinnen und viele Europäerinnen thematisierten das Schwangerwerdenkönnen, während mir das gar nicht eingefallen war. Ich stellte mir daraufhin die Frage, ob ich mich um den Zusammenhang zwischen dem Frau-Sein und dem Schwangerwerdenkönnen herummogele, denn offensichtlich gab es diesen für ganz viele Frauen. Dies war eigentlich der Beginn meines Nachdenkens über das Thema – ich wusste nicht, dass es dann so viele Jahre dauern und so interessant werden würde.

Im allgemeinen Verständnis denkt man bei Menschen, die schwanger werden können, an Frauen. Das stimmt auch in den meisten Fällen, aber nicht in allen. Kannst du ein bisschen erläutern, was es ausmacht, wenn wir über «Menschen, die schwanger werden können» sprechen? Wenn wir dieses Potenzial also vom Geschlecht trennen?

Eigentlich fände ich es sinnvoll, wenn wir die Position «Mutter» geschlechtsunabhängig verstehen würden, also als soziale und nicht als geschlechtliche Rolle. Das wird teilweise auch gemacht, wenn zum Beispiel von «mütterlichen Vätern» gesprochen wird. Die Formulierung «Menschen, die schwanger werden können» ermöglicht es, den Fokus vom Geschlecht der schwangeren und gebärenden Person wegzunehmen. Das finde ich interessant, weil das Schwangersein als etwas allgemein Menschliches in den Blick kommt. Mir fiel das auf, als ich den Text eines trans Mannes las, der geboren hatte, und seine Milch als «Brustmilch» statt als «Muttermilch» beschreibt, weil seiner Ansicht nach der Ausdruck «Mutter» so eng mit Weiblichkeit verknüpft ist, dass er ihm nicht passend erschien für sich selbst.

Schwangerwerdenkönnen bezeichnet eine fundamentale Differenz – ein Kind im eigenen Körper auszutragen ist etwas anderes als zu dessen Entstehung Sperma beizusteuern. Was bedeutet dieser Unterschied auch in Bezug auf Gleichberechtigung?

Der Uterus ist das einzige tatsächlich binäre Organ im menschlichen Körper. Klitoris und Penis zum Beispiel sind eigentlich dasselbe Organ, in verschiedener Ausführung. Beim Uterus jedoch gibt es keine zwei Varianten: Ein Körper hat einen oder nicht. Nun ist die Menschheit darauf angewiesen, geboren zu werden, aber nur Personen mit Uterus können gebären. Das ist also eine biologische Ungleichheit, die soziale Folgen hat. In fast allen Gesellschaften wurde diese Ungleichheit zum Anlass genommen, Geschlechter-Kategorien zu bilden, also Frauen und Männer zu unterscheiden und die Ungleichheit zwischen ihnen biologisch zu legitimieren. Ungleichheit zu organisieren ist der Zweck dieser Kategorien. Oder anders gesagt: Ohne diese grundlegende biologische Differenz in Bezug auf das Schwangerwerdenkönnen gäbe es die Einteilung in Frauen und Männer nicht.

Anstelle der Dichotomie zwischen Männern und Frauen machst du eine andere Dichotomie anhand des Potenzials schwanger werden zu können auf – nicht, weil es Dichotomien braucht, sondern weil es diese tatsächlich gibt, so verstehe ich dich. Ist das richtig?

Ich weiß nicht, ob ich es Dichotomie nennen würde, aber jedenfalls ist der Unterschied nicht sozial konstruiert. Das Prinzip der Gleichheit funktioniert nicht in Bezug auf das Schwangerwerdenkönnen.

Ich musste dabei an John Rawls’ Bild vom Schleier des Nichtwissens denken, den er in seiner «Theorie der Gerechtigkeit» (1971) als Voraussetzung für eine gerechte Gesellschaftsordnung beschreibt. Beim Entscheiden über Regeln für die Gesellschaft ist es nach Rawls wichtig, dass niemand weiss, in welcher Position er oder sie sich befinden wird, wenn diese dann gültig werden. Beim Schwangerwerdenkönnen gibt es zwar eine Grauzone – nicht alle Personen mit Uterus werden tatsächlich schwanger – aber wenn man das Potenzial betrachtet, gibt es dieses hilfreiche Nichtwissen kaum. Und das Potenzial verändert das Welterleben grundsätzlich.

Das ist ein guter Punkt. Dieses Wissen ist allgemein verfügbar – man sieht es einer Person meist an, ob sie zu denen gehört, die schwanger werden können, denn die Geschlechterperformanz zieht den Schleier des Nichtwissens weg. Dabei könnte man die kulturelle Übereinkunft, die Genitalien zu bedecken, eigentlich auch als Versuch verstehen, die Differenz zu verschleiern. Aber durch den Kleidungsimperativ verschiedener kultureller Prägung wird sie wieder sichtbar. Ich denke, wir müssen Konzepte von Gerechtigkeit entwickeln, die auch bei nicht vorhandenem Schleier funktionieren, anstatt zu versuchen, einen Schleier zu erzeugen.

Du beschreibst in deinem Buch, dass es Ideen gibt, wie die Sexualität komplett von der Fortpflanzung abgetrennt werden könnte, zum Beispiel den «kontrasexuellen Vertrag» von P. Preciado. Das wäre dann das Gegenteil des alten katholischen Zwangs «Sex nur mit Fortpflanzung», es bliebe jedoch Zwang. Wie sähe eine freiheitliche Lösung aus?

Personen, die schwanger werden können, haben eine besondere Verantwortung, da sie, sobald sie schwanger sind und solange sie schwanger sind, nicht vor dieser Aufgabe weglaufen können. Eine Schwangerschaft ist die einzige Arbeit, die man nicht delegieren kann. Alles andere allerdings – die Umstände, die Unterstützung – ist sozial bestimmt und könnte anders organisiert werden als derzeit üblich. Und dabei sollte die Freiheit der Schwangeren meiner Ansicht nach das Kriterium sein. Reproduktive Freiheit bedeutet zum Beispiel, dass Menschen, die schwanger werden, nicht in Beziehungen gezwungen werden dürfen, auch nicht zum Spermageber. Ich finde es gut, wenn heute erwartet wird, dass die Spermageber aus Verantwortungsgefühl heraus die Last und Mühe mit Schwangeren teilen, also in die soziale Position eines Vaters gehen. Aber das ist keine Rechtfertigung für eine erzwungene Beziehung. Schwangere müssen die Freiheit haben, Mütter zu werden, ohne dabei in der Wahl ihrer Beziehungen eingeschränkt zu sein, und die gesellschaftliche kollektive Unterstützung, die sie dabei bekommen, sollte nicht biologisch abgeleitet werden.

Ina Praetorius hat auf Twitter geschrieben, Schwangerwerdenkönnen sei eine «politikbedürftige Körper-Tatsache». Im Zusammenhang mit dem Römischen Recht und dem Spruch «mater semper certa est» (die Mutter ist immer sicher) führst du aus, dass die biologische Unsicherheit des Vaters historisch durch juristische Massnahmen kompensiert wurde. Das Potenzial des Schwangerwerdenkönnens wurde sozusagen durch ein rechtliches Potenzial (des pater familias) eingedämmt. Denkst du, dass auch heute noch dieser Mechanismus eine Rolle spielt, wenn es darum geht, Schwangerschaften zu regulieren, den Abbruch zu verbieten? Und könnte sich das ändern, wenn wir sagen, auch Männer können schwanger werden? Ich meine, im Sinne von «Schwangerwerdenkönnen als menschlichem Potenzial», indem wir das von der Geschlechterdifferenz trennen?

Nicht so schnell. Bisher ist der Diskurs, dass auch Männer schwanger werden können, nicht wirklich gesellschaftlich verbreitet. So zu denken ist derzeit noch eine experimentelle Art einer feministischen Avantgarde. Zurzeit sehe ich deshalb nicht das Potenzial, dass durch anderes Formulieren bereits grundsätzliche Veränderungen angestoßen werden. Für politisch vielversprechender halte ich den Weg, über Menschen, die schwanger werden können, und ihre Freiheiten zu sprechen. Das verschiebt den Fokus weg von Frauen hin auf Menschen allgemein. Wir sollten Schwangersein als eine Conditio Humana verstehen: Menschen können schwanger werden, denn sonst könnten sie sich nicht fortpflanzen, es können halt nur eben nicht alle Menschen schwanger werden. Man muss aber weiterhin auch explizit über Frauen sprechen, nämlich immer dann, wenn ein Thema Frauen als Frauen betrifft, wie zum Beispiel misogyne Gewalt. Der sind auch Frauen ohne Uterus ausgesetzt.

Mit Bezug auf Luce Irigaray, die Autorin von «Das Geschlecht, das nicht eins ist», denkst du darüber nach, wie ein Embryo sowohl ein eigenes Wesen als auch Teil des Körpers einer/s Schwangeren ist. Du schreibst, dass der Status eines Kindes durch die Geburt eintritt – nach der Geburt können sich auch andere um das Kind kümmern als die Person, die es geboren hat. Der Satz «Es gibt keine ungeborenen Kinder» provoziert. Könntest du das noch einmal erläutern – was ist genau der Unterschied zwischen einem Fötus, kurz bevor er den Körper der schwangeren Person verlässt und danach?

Zu sagen, ein Fötus sei kein Kind, bedeutet ja nicht, dass ein Fötus nichts ist. Ein Fötus ist ein Wesen, das auf den Körper einer bestimmten anderen Person angewiesen ist. Das ist nun mal ein völlig anderer Zustand als der eines Kindes nach der Geburt, das zwar auch noch abhängig ist, aber eben von andern Menschen allgemein, nicht von einer bestimmten Person. Das ist der Unterschied. Ein Fötus ist Teil des Körpers der schwangeren Person, ein Kind ist das nicht. Es ist doch sinnvoll, dafür unterschiedliche Wörter zu haben.

Ich frage auch im Hinblick auf ethische Dilemmata wie in folgendem Fallbeispiel aus einer gynäkologischen Praxis: Eine Schwangere wollte ausdrücklich keinen Kaiserschnitt. Sie wäre unter der Geburt fast gestorben, ebenso wie der noch ungeborene Fötus. Die Gynäkologin entschied sich gegen den Willen der Patientin für den Kaiserschnitt und argumentierte mit dem Recht des ungeborenen Kindes auf das Leben. Dieses gewichtete sie stärker als die Autonomie der Gebärenden. Was denkst du zu solchen Themen, was wäre ein guter Umgang damit?

Die Geburt ist ein schwieriger Übergangsmoment, der uns ethisch herausfordert. Und hier bestand das Dilemma darin, dass der Status der zweiten Person – noch Fötus oder schon Kind – eben ungeklärt war. Spontan würde ich sagen, die Gynäkologin hatte Recht, aber warum soll meine Meinung hier zählen? Ich würde vielleicht Ethikkommissionen einrichten, in denen Menschen, die schwanger werden können, solche und ähnliche Dilemmata sammeln, besprechen und Richtlinien dazu entwickeln. Es braucht eine gesellschaftliche Diskussion. Und es braucht vielleicht auch vielfältige Antworten. Im Umgang mit Sternenkindern ist es ja auch wichtig zu schauen, was die jeweilige schwangere Person möchte und braucht. Für einige ist ein Trauerritual gut, für andere nicht. Alle Entscheidungen sollten meiner Ansicht nach bei der Person selbst liegen, denn es geht auch um ihren Körper. Bei einem geborenen Kind ist die Situation anders, weil dieses nicht Teil eines anderen Körpers ist.

Du zitierst Siri Hustvedt, die drastisch beschreibt, dass beim Entwerfen von Utopien oft auf das Körperliche, das auch Ekel erzeugen kann, verzichtet wird. In der «echten Welt» geht das nicht, denn wir haben diesen Körper, alle. Und einige haben dieses Potenzial des Schwangerwerdenkönnens. Was wäre der Vorteil, wenn wir den Körper ganz weglassen könnten? Und wer wäre dann das «Wir»? Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein körperloses Ich dasselbe sein könnte wie ein körperliches…

All die ethischen Dilemmata und Probleme, die wir bisher besprochen haben, wären ohne Körper weg. Deshalb kann ich diese Sehnsucht schon nachvollziehen. Der Körper macht Probleme, weil er endlich ist, weil er von Viren angegriffen werden kann. Aber wir sind eben nicht körperlos, daher ist es eigentlich müssig, darüber nachzudenken. Man weiss eben nicht, wie eine menschliche Gesellschaft ohne diese Unterschiede des Schwangerwerdenkönnens wäre. Die Phantasie hat das schon beschäftigt. Es gibt Science-Fiction, in der die reproduktive Differenz weggedacht wird, zum Beispiel «Winterplanet» von Ursula K. Le Guin, wo die Menschen im Lauf ihres Lebens mal die eine oder die andere biologische Disposition einnehmen können, das heißt, mal sind sie schwanger, mal steuern sie nur Sperma bei. In unserem Leben ist das aber nicht so, hier gibt es nur die eine oder die andere Variante. Man kann entweder schwanger werden oder nicht, kein Mensch hat die Vorteile beider Versionen.

Ich fand es interessant, dass du die Leihmutterschaft beschreibst als einen Fall, bei dem es drei biologische Eltern gibt – zwei genetische Eltern und ein Elternteil durch die Schwangerschaft. Wie benutzt du hier das Wort «biologisch»?

Biologisch heisst, dass der Körper des Kindes aus der Materie der Eltern hervorgegangen ist. Es hat sich eingebürgert, das mit genetischer Elternschaft gleichzusetzen, was aber nicht korrekt ist. Tatsächlich findet über die Plazenta, die schwangere Person und Embryo verbindet, ein Zellaustausch statt, so dass dieser auch beteiligt ist an der biologischen Elternschaft. Das Schwangersein konstituiert, ebenso wie Ei- und Spermaspende, eine biologische Verwandtschaft.

Wagen wir einen Ausblick aus der Perspektive von Männern, die Väter sein wollen beziehungsweise die eine wichtige Rolle im Leben von Kindern spielen wollen. Wie können neue Familienformen aussehen?

Da ist eine grosse Palette von Möglichkeiten denkbar, auch mit einer unterschiedlichen Zahl von Eltern. Wichtig ist mir, dass es keine erzwungenen Familienformen gegen den Willen der Schwangeren geben darf. Zurzeit wird Vaterschaft entweder durch Ehe geregelt – in der Tradition des römischen Rechts – oder durch Feststellung einer genetischen Verwandtschaft, wobei letzteres zunehmend an die Stelle von ersterem tritt. Ich halte das für eine neue Variante patriarchaler Strukturen. Stattdessen würde ich Co-Elternschaft als soziale verbindliche Verpflichtung einer erwachsenen Person gegenüber dem Kind als kulturelles Versprechen verstehen: Personen, die eine Elternschaft übernehmen, versprechen dies dem Kind. Das können biologische Eltern sein, aber auch andere. Co-Elternschaft ist aber nur mit Einwilligung der Person möglich, die das Kind geboren hat. Man könnte zum Beispiel die Regeln ausweiten, die es für eine Adoption in Deutschland bereits gibt. Erst acht Wochen nach der Geburt wird die Entscheidung, ein Kind zur Adoption freizugeben, wirklich rechtsverbindlich. So könnte es auch bei Co-Elternschaften sein. Es gibt ja auch schon eine Entwicklung dahin, Familienstrukturen und Sex voneinander zu trennen, etwa bei homosexuellen Paaren oder beim Co-Parenting. Das finde ich nicht schlecht. Kinder brauchen stabile Familienbeziehungen, aber diese müssen nicht zwingend mit Liebesbeziehungen unter den Erwachsenen einhergehen. Es könnten weitere Familienmodelle über die traditionelle heterosexuelle Paarbeziehung hinaus entwickelt werden.

Was kann konkret eine Person, die nicht schwanger werden kann, tun, wenn sie Teil einer Familie sein möchte?

Sie kann und muss sich eingestehen, dass sie aufgrund ihrer körperlichen Beschaffenheit nicht selbst ein Kind bekommen kann. Je nachdem, wie sehr man sich das wünscht, ist dafür vielleicht auch ein Trauerprozess nötig, den man ernst nehmen soll und auch durchlaufen muss. Als Mensch ohne Uterus braucht man zum Kinderhaben die Kooperation und Einwilligung einer anderen Person. Das Eingeständnis der diesbezüglichen Abhängigkeit ist wichtig. Und dann muss man eben eine solche Person suchen. Das kann eine Liebespartnerin sein oder eine Alleinstehende, die Co-Parenting machen möchte, oder eine ungewollt Schwangere, die keine Mutter sein möchte, aber bereit ist, das Kind zur Welt zu bringen, oder sogar eine Leihmutter. Wenn es gesellschaftlich mehr akzeptiert wird, dass soziale und biologische Mutterschaft nicht in eins fallen, gibt es auch mehr Möglichkeiten für Elternschaften. Aber die Herausforderung für Menschen ohne Uterus, dass sie allein keine Elternschaft verwirklichen können, bleibt.

Wird sich das Männlichkeitsbild dadurch verändern?

Ich kann mir das vorstellen. Traditionell wurde der Mann als der Mensch schlechthin verstanden, die Frau als Abweichung. Vor allem das Schwangerwerdenkönnen galt als eine weibliche Besonderheit, und damit auch als etwas Privates, Unpolitisches, während gleichzeitig die gesellschaftliche Herrschaft und Kontrolle über die Reproduktion männlich organisiert war. Kann man das anders füllen? Vielleicht können Männer diesbezüglich von Frauen, die nicht schwanger werden können, lernen. Diese haben schon eine Kultur des Umgangs mit der biologischen Reproduktionsunfähigkeit entwickelt. Viele ihrer Probleme sind ähnlich wie bei Männern, vielleicht sollte sich der bisher weiblich geprägte Diskurs über unerfüllte Kinderwünsche für Männer öffnen. Auch schwule Paare und Eltern können vielleicht Vorbild sein, denn oft sind die Frauen, die deren Kinder geboren haben, Bestandteil ihrer Familienkultur, auch wenn sie keine Elternrolle haben. Die Transparenz im Umgang mit Leihmutterschaft ist anders als bei heterosexuellen Paaren, die es häufig verheimlichen, wenn sie eine Leihmutterschaft in Anspruch genommen haben bis hin zu fingierten Schwangerschaften mit Fake-Bäuchen. Ich denke, ein offener Umgang mit Informationen ist wichtig. Sicherlich werden in allen Modellen auch Probleme auftreten, zurzeit ist es aber so, dass die heterosexuelle Familie als einzige legitime Norm gilt und alle anderen Modelle als Abweichung betrachtet werden. Es gibt aber keine «natürlichen» Familienformen, nur soziale. Das Einzige, was feststeht, ist, dass jemand das Kind geboren hat, unter Einsatz des eigenen Körpers über viele Monate hinweg. Daher argumentiere ich, dass man es dieser Person nicht verwehren kann, den Übergang des Kindes in die Gesellschaft zu bestimmen. Man darf ihr das Kind weder gegen ihren Willen wegnehmen, noch sie dazu zwingen, die Verantwortung für das Kind nach der Geburt zu tragen, wenn sie das nicht möchte. Alles andere kann auf vielfältige Weise organisiert werden.

Mehr zum Thema: Antje Schrupp: Schwangerwerdenkönnen. Essay über Körper, Geschlecht und Politik, Ulrike Helmer Verlag 2019.

In diesem Forum erschien bereits eine Rezension des Buches von Dorothee Markert.

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Was Sicherheit gibt, und einige offene Fragen https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/11/was-sicherheit-gibt-und-einige-offene-fragen/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/11/was-sicherheit-gibt-und-einige-offene-fragen/#comments Wed, 25 Nov 2020 10:44:18 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16612
Foto: Jamie Street on Unsplash

Die Zeiten, in denen wir leben, sind für viele Menschen hart, chaotisch und frustrierend. Der/die Einzelne ist je auf ganz unterschiedliche Art und Weise von Belastungen betroffen. Wahrscheinlich sind diese Zeiten wiederum für andere Menschen auch aufregend, inspirierend, voller Hoffnungen und süßer Versprechen. Irgendwie fasziniert mich die Vorstellung, dass es einen Standpunkt gibt, eine Art Aussichtsplattform der Weisheit, von wo aus man erkennen kann, dass das Leben schon immer ganz genau so war und nur die konkreten Erscheinungsformen sich immer und immer wieder wandeln. Dass das Leben zwar ständig die Kleider und die Moden wechselt, aber im Grunde, dem Wesen nach und vom Herzen her gedacht, bleibt etwas vielleicht doch immer genau gleich? So wie das Ein- und Ausatmen zwar eine Bewegung ist, der Mensch selbst (bzw. sein Geist) dabei aber ganz unbewegt und in vollkommener Stille sein kann. Vielleicht wandert das Bewusstsein der Menschen mit all seinen Potentialen und seinem Erkenntnisvermögen lediglich immer wieder durch Phasen oder Stadien bzw. Themenfelder hindurch und diese Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Phasen führt eben dann zu all dem Kommunikationschaos, das uns oft so schmerzt und manchmal hilflos macht. Wir können sowohl als Betroffene frustrierender Konflikte als auch als Beobachtende darunter leiden, wenn auch sicher in ganz unterschiedlichem Maße.

Wenn ich etwas für unsere Zeit Typisches zu greifen versuche, dann drängt sich mir das Wort Verunsicherung auf. Viele Menschen wirken verunsichert und haltlos. Viele zwischenmenschliche Probleme, die sich aktuell zeigen, scheinen mir als Symptome von Verunsicherung leichter verständlich zu werden. Deshalb habe ich mir mal ein paar Gedanken zum Thema Sicherheit, zum inneren Erleben des Gefühls von Sicherheit, gemacht. Im Grunde hat das erlebte Gefühl von Sicherheit einen Namen. Es nennt sich Vertrauen. Wir vertrauen dort, wo wir uns sicher fühlen, sicher im Sinne von beschützt, aber auch sicher im Sinne von gut in der Welt orientiert und handlungssicher. Nennen wir doch diese beiden Arten von Vertrauen (a) passives und (b) aktives Vertrauen. In spirituellen Kreisen spricht man da auch gern von der Yin- und der Yang-Energie. Yang wäre dann das aktive Vertrauen (gut orientiert und handlungssicher) und Yin das passive Vertrauen (geborgen und beschützt). Dadurch, dass wir traditionell dazu neigen, Yin und Yang, die aktive und die passive Vertrauensenergie, mit weiblich und männlich zu assoziieren, sind viele unpassende Vorstellungen in die Welt gekommen. Man stellt sich diese zwei unterschiedlichen Energien doch besser wie das Ein- und Ausatmen vor. Eines allein ist sinnlos und existiert in lebendigen Wesen nie ohne das andere.

In meiner Vorstellung und aufgrund meiner Erfahrungen gibt es zudem mindestens vier unterschiedliche Arten oder Qualitätsunterschiede, wodurch wir uns bezogen auf die Welt sicher, d.h. gut orientiert und/oder beschützt fühlen können. Ich habe diese vier Arten bzw. Qualitäten der “inneren Sicherheit” mal folgendermaßen benannt:

Persönlich
(1) Sicherheit durch eine gute bzw. angemessene Führung (Prinzip König/Königin)
(2) Sicherheit durch Begegnung auf Augenhöhe (Prinzip Schwester/Bruder) und

Überpersönlich
(3) Sicherheit durch ein Glaubenssystem (Prinzip außerweltliche oder nicht sichtbare Führung)
(4) Sicherheit durch schriftlich fixierte Regel- oder Rechtssicherheit. (Prinzip innerweltliche oder sichtbare Führung)

Ich wünsche mir, dass wir alle wieder lernen, alle vier Formen als gut und notwendig zu würdigen. Alle enthalten Aspekte von CARE, von Fürsorge. Manche Menschen scheinen aber einigen dieser Prinzipien stärker zu misstrauen und andere wiederum als alleinigen Heilsweg zu idealisieren. Kritisieren sollten wir dann lieber den Mißbrauch auf jeder dieser Ebenen anstatt uns gegenseitig zu bekriegen, weil unsinnige Alternativen unbewusst und vielleicht auch traumabedingt noch in unseren Körpererfahrungen stecken. Ich glaube, die Erfahrungen, die unsere Körper lebenslang, ab dem ersten Atemzug gemacht haben, aber auch die Traditionen und Bewertungen, die uns weitergegeben wurden, bestimmen unsere Weltsicht, unser Denken und sogar unser Sprechen, unsere Wortwahl. Unsere zutiefst menschliche Fähigkeit zur Reflektion, zur Weiterentwicklung und zum Austausch miteinander ist unsere Chance, bisher gesteckte Grenzen zu überschreiten und aktuelle Konflikte weiter zu befrieden.

Die ersten beiden Formen sind in persönliche, quasi nur “in Echtzeit” lebendig zu gestaltende Beziehungen eingebettet und dadurch auch etwas störanfälliger für Konflikte, Missverständnisse, persönliche Animositäten und letztlich auch für Kontaktabbrüche, die in sich selbst einen großen Unsicherheitsfaktor darstellen. Diese Formen setzen, um der/dem Einzelnen Schutz und Sicherheit zu gewährleisten, ein hohes Maß an Beziehungsfähigkeit, sozialer bzw. Rollenkompetenz und auch innerer Klarheit voraus. Die dritte und vierte Form sind da sehr viel unpersönlicher, teils robuster, benötigen dafür aber einen gewissen Kontrollaufwand und konkrete, meist schriftlich fixierte Regeln oder Gesetze und auch die halbwegs bewusste/gemeinsame Anerkennung dieser Gesetze. Die Notwendigkeit, Regeln zu fixieren, damit das Sicherheitssystem überpersönlich und beziehungsunabhängig funktioniert und nutzbar wird, wird mit einem gewissen Verlust an Spontaneität, Flexibilität bzw. Schöpferkraft erkauft, weil in “Echtzeitbeziehungen” auf ein schier unerschöpfliches Reservoir an Kreativität und Phantasie zurückgegriffen werden kann um Beziehungen spontan zu gestalten und stabil zu halten, während das bei fixierten und für alle Beteiligten zu jedem Zeitpunkt einsehbaren Regeln nicht der Fall ist.

Allen Formen gemeinsam ist das Angewiesensein auf eine je wechselseitige Anerkennung der Rollen oder Regeln durch die beteiligten Menschen. Damit Vertrauen und damit das hier betrachtete Sicherheitsempfinden gewährleistet ist, sollte die Grundlage dieser Anerkennung in jedem Fall von Respekt getragen sein. Respekt vor den Beteiligten Akteuren UND Respekt vor der strukturierenden, Ordnung schaffenden Natur dieser zwischenmenschlichen Sicherungssysteme.

Die ersten beiden, stärker beziehungsorientierten Formen unterscheiden sich durch die im ersten Fall vorhandene, im zweiten Fall nicht vorhandene Hierarchie innerhalb der Beziehung. Der “König” oder die “Königin” ist per Definition in einer übergeordneten Position, kann also ein Elternteil, ein Lehrer, Ausbilder, Vorgesetzter oder Seminarleiter sein. Entweder qua Generationengrenze oder für eine bestimmte Zeit übernimmt eine Seite – der König/die Königin – eine führende bzw. anleitende Rolle, während der/die andere sich, die unterschiedlichen Rollen akzeptierend, eine zeitlang anleiten und führen lässt. Hierarchie ergibt sich hier aus einem faktisch vorhandenen, prinzipiell überprüfbaren Generationen-, Status- und/oder Kompetenzunterschied. Führend ist die Person, die einen wissens- oder altersmäßigen Vorsprung hat oder – durch welches Prozedere auch immer – zur Führungsperson bestimmt wurde. Es ist wünschenswert, dass auf beiden Seiten ein Einverständnis über diese Rollenverteilung existiert und dass beide Seiten ihren Part auch zu schätzen wissen und ihn angemessen ausfüllen. Zu schätzen wissen sie ihn genau dann, wenn beide Seiten, jeweils gut und realistisch im Kontakt mit den eigenen Bedürfnissen, Fähigkeiten und Möglichkeiten, einen direkten Gewinn für sich selbst spüren können und somit keine Motivation besteht, den anderen in eine Rollenkonfusion hineinzulocken. Es kann sowohl befriedigend und sinnstiftend sein, die eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen kraftvoll zu erfahren, wenn man Verantwortung trägt und diese zum Wohle der/des Anvertrauten nutzen kann als auch die Sicherheit zu fühlen, die damit verbunden ist, sich vertrauensvoll in die Hände einer kompetent (an)leitenden und Halt bzw. Orientierung gebenden Person zu begeben.

Die zweite Variante, die Schwestern- oder Bruderschaft, kennt keine Hierarchie oder vorgegebene Rollenverteilung. Und wenn doch, dann entstehen Momente der wechselseitigen Über- oder Unterlegenheit nur kurz und situationsbedingt und zerfallen auch schnell wieder. Diese Art der Beziehung findet auf Augenhöhe statt und es gilt prinzipielle Gleichrangigkeit. In hierarchiefreien Beziehungen ist es den Beteiligten geradezu ein Bedürfnis, entstehende Ungleichgewichte bewusst und aktiv wieder auszugleichen, da das Prinzip Bruder- bzw. Schwesternschaft an Reiz verliert, sobald sich ungewollt oder unreflektiert über einen längeren Zeitraum Über- oder Unterlegenheitsgefühle einschleichen. Das betrifft im Alltag z.B. Freundschaften und Liebesbeziehungen, aber auch kleine gesellschaftliche und/oder spirituelle Gemeinschaftsexperimente, die in der Geschichte mehr oder weniger erfolgreich funktioniert haben. Auch diese Variante verlangt, um wirksam Sicherheit bzw. Geborgenheit zu vermitteln, ein hohes Maß an sozialer und emotionaler Kompetenz, mehr noch als das in hierarchisch strukturierten Beziehungen der Fall ist. Zusätzlich zu der Fähigkeit, angemessen sachbezogen mit dem Gegenüber kommunizieren zu können, braucht man hier auch eine deutlich ausgeprägte Konfliktfähigkeit. Unstimmigkeiten und Meinungsunterschiede lassen sich dann nämlich nicht mehr “qua Hierarchie” klären, sondern müssen im Konsens der Beteiligten geklärt werden, soll die Beziehung auf Augenhöhe gelingen und erhalten bleiben. Dazu benötigt man zum Beispiel die Fähigkeit, nach Streit wieder aufeinander zuzugehen und versöhnlich einzulenken, sich glaubhaft für verletzendes Fehlverhalten zu entschuldigen, zu erkennen, wann Augenhöhe und Vertrauen in Gefahr oder gar schwer beschädigt sind und auch die Fähigkeit, verlorengegangenes Vertrauen wiederzugewinnen, notfalls auch die Fähigkeit zur Grenzziehung und zum bewussten Beenden der Beziehung, wenn Augenhöhe nicht länger wiederhergestellt werden kann. All das ist in hierarchisch organisierten Beziehungen weniger relevant, weil Entscheidungen eindeutiger nach dem Willen des ranghöheren Akteurs geklärt werden (können), was als Mittel zur Erhaltung von Augenhöhebeziehungen per Definition weder ratsam ist noch funktioniert und regelhaft in destruktive Machtkämpfe mündet.

Die Rechtssicherheit ebenso wie die Glaubenssicherheit geben dadurch Halt und Orientierung, dass auch große Gruppen von Menschen, die aufgrund ihres Umfanges keine lebendigen, alltäglich vollzogenen Beziehungen mehr pflegen können, sich auf gemeinsame Regeln beziehen und im Streitfall auch darauf berufen können. Das Entkoppeln des individuellen Sicherheitsempfindens von der persönlich gestalteten Beziehung hat ganz sicher viele Vor- und auch Nachteile. Historisch ist es zwingend notwendig geworden, als Menschen begannen, in größeren Gruppen zusammenzuleben. Die Vorteile überpersönlicher sozialer Regulierung liegen auf der Hand und wurden schon angedeutet, die Nachteile sind vielleicht nicht ganz so einfach erkennbar und stellen gerade in unserer heutigen Zeit wie mir scheint eine echte Herausforderung dar.

Einige aktuell interessante Fragen wären dann vielleicht:

(1) … warum stellen gerade heute so viele Menschen die unpersönlichen Sicherungssysteme, also die Demokratie wie wir sie kennen und die Religionen so stark infrage, mit so viel Wut und Hass und Häme und oft komplettem Vertrauensverlust in vorher als verbindlich und selbstverständlich geltende Regeln?

(2) … warum richten sich die Häme und die oft zutiefst inhuman erscheinenden Impulse von Angriff und Entwertung bis hin zu Vernichtungsphantasien zur Zeit vorzugsweise gegen “die da oben”, aber auch gegen “fremde, gefährlich vorgestellte Eindringlinge” und auch besonders intensiv gegen Frauen?

(3) … wie könnten die beschriebenen Sicherungs- bzw. Vertrauensformen miteinander zusammenhängen? Wie könnten sie selbst untereinander in Beziehung stehen? Gibt es Übergangsformen? Typische Herausforderungen oder gar Fallstricke?

(4) … und wie lässt sich das ganz offensichtlich beschädigte Sicherheitsgefühl vieler Menschen wiederherstellen ohne die bisher gültigen Errungenschaften und Sicherungssysteme unserer Vorfahren ganz über Bord zu werfen? Können sie nicht stattdessen erhaltend und integrierend weiterentwickelt werden? Brauchen wir gar neue, das Bisherige ergänzende Formen?

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Es war einmal ein wildes und gefährliches Leben – und heute? https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/11/es-war-einmal-ein-wildes-und-gefaehrliches-leben-und-heute/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/11/es-war-einmal-ein-wildes-und-gefaehrliches-leben-und-heute/#comments Sun, 22 Nov 2020 09:00:29 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16554
Surfen auf der Welle des eigenen Lebens und sich nicht unterkriegen lassen, wenn die Welle bricht. Foto: Monika Krampl

Heute, mit meinen 70 Jahren, bin ich froh, als „Nomadin“ wild und gefährlich gelebt zu haben[1]. Ich habe mich immer als „Reisende“ bezeichnet. Im Gegensatz zu den „Sesshaften“. Es brauchte Mut, – vielleicht war ich auch übermütig, und so manches Mal auch nicht achtsam. Ich surfte auf den Lebenswellen mit dem Gefühl – mir kann nichts passieren. Ich war so sicher in diesem Gefühl zu Hause, dass ich nicht einmal in Erwägung zog, dass mir etwas passieren könnte.
Jetzt im Nachhinein gesehen, denke ich mir so manches Mal – Wahnsinnsfrau – was für ein wildes Vollblutweib – welch ein Mut / welch ein Übermut!

Welch ein Glück, dass sich die Tödin zurückgehalten hat / vielleicht war sie auch nur neugierig, was mir noch alles einfällt ….

Ich bin dankbar – unendlich dankbar, dies alles erlebt zu haben – damals …

Als ich älter wurde – und mein Tun nicht mehr als so selbstverständlich angesehen habe – streifte mich die Dakini-Energie zum ersten Mal. Ich erinnerte mich an die Menschen, denen ich Unrecht getan / die ich verletzt hatte. Eine so bedingungslose und rasante Reise ist nicht möglich, ohne den einen oder die andere Sesshafte zu verletzen. Ich entschuldigte mich. Einige haben mir verziehen, einige nicht. Damit gilt es auch zu leben.

Und heute?

Heute spüre und sehe ich die Tödin an meiner Seite. Manchmal bedanke ich mich bei ihr, dass sie mich alle Abenteuer meines Lebens einfach machen hat lassen. Ich weiß, sie wird mich irgendwann an der Hand nehmen – zu meiner letzten Reise / dem letzten Abenteuer …

Die letzten Jahre waren nicht einfach für mich. Ich wurde zur Sesshaften und wollte es nicht wahrhaben. Ich trauerte der Zeit der Reisenden nach. Ich vermisste die Wildheit / die Gefahr. Mein Leben erschien mir langweilig. Das soll’s jetzt gewesen sein? Wie kann man bloß ein Leben ohne Exzesse leben?

Und immer wieder das Zurücksehnen – so wie es war – so wie ICH war – alles war damals möglich – jederzeit …

Und ich erinnerte mich – erinnerte mich – erinnerte mich …

Und dann kam sie nochmals mit einer gewaltigen Energie – die Dakini-Energie wirbelte mich herum und heraus aus meinem gewohnten Leben – ich surfte nicht mehr auf der Welle – sie zog mich nach unten zum tiefsten Meeresgrund.

Dakini, auch als Himmelstänzerin oder Himmelswandlerin bezeichnet, ist ein Geistwesen des antiken Indiens, welches nach der Mythologie die Seelen der Toten in den Himmel bringt. Eine indische Tödin sozusagen, aber nicht nur. Doch, noch war es nicht so weit.

Die Dakinis können das eigene Weltbild schon mal auf den Kopf stellen und dann tun wir gut daran, durchzuatmen, aufzuhören mit dem jammern und dahinlavieren, sich hinzusetzen und einmal nachzuschauen, was da jetzt eigentlich los ist.[2]

Die Reise nach innen

Damit begann die Reise nach innen, die nicht weniger gefährlich war. Mich dem zu stellen, was ich alles getan hatte. Nein, ich war nicht immer die Gute. Ja, ich habe Fehler gemacht. Ja, ich hätte vieles anders machen können, – Zweifel waren da / Trauer über das was nicht war / über das was hätte sein können / Schuldgefühle. Ich begann genau hinzuschauen – auf das Gute und das Schlechte.

Ich merkte, dass es wesentlich leichter gewesen war, meiner Familie die Fehler zu verzeihen, die sie begangen haben, als mir selbst zu verzeihen.

Ich sammelte mich

In der buddhistischen Lehre hat die Sammlung einen hohen Stellenwert. In dieser Sammlung geht es nicht um Macht oder Erfolg – um immer mehr im Außen. Es geht um eine innere Läuterung, die sowohl das äußere wie auch das innere Leben verändert und die schlussendlich das Unbefriedigtsein / die ewige Sehnsucht nach etwas Anderem / – das  „Leiden an was auch immer“, befreit.

Ich begann im Außen auszulichten – Tagebücher / Bücher / Kleidung / Wohnutensilien – ich reduzierte. Darüber habe ich in diesem Jahr ausführlich erzählt. Ich habe meine Wohnfläche reduziert. Ich habe die vielen Dinge und Sachen, die ich mit den Jahren angesammelt und mitgeschleppt hatte, reduziert.
Unter den Schlagworten „Veränderung / Loslassen / Auslichten“ habe ich allein in diesem Jahr neun Erzählungen geschrieben!

Reduktion auf das Wesentliche.

Loslassen ist das große Wort zur Befreiung.

Mein Herz und meine Seele haben mir ein Mantra[3] geschenkt. Nicht der Verstand, nein. Ein Mantra muss aus dem Herzen kommen. Es ist ganz einfach und lautet:

„Lass es gut sein“

Es enthält das „lass es = das loslassen“ und es enthält das „gut = es darf gut sein / es ist gut“.
Und immer wenn ich merke, dass ich mit meinen Gedanken in der Vergangenheit hängen bleibe, rezitiere ich dieses Mantra. Es reinigt meinen Geist und die damit verbunden Gefühle.

Ein Ankommen im „Hier und Jetzt“

Das „Hier und Jetzt“ ist nicht nur mit der Vereinfachung meines Lebensstils verbunden, einer Wieder-Verbundenheit mit der Natur, den Tieren, sondern auch mit Verlangsamung und Achtsamkeit.
Das Praktizieren der Vipassana- (Achtsamkeits)Meditation[4], die mich auch meine wilden und gefährlichen Zeiten gut überstehen hat lassen, da ich auch damals immer wieder dahin zurückgekehrt bin.

Jetzt bestimmt sie meinen Alltag.

Achtsamkeit im Geist. Ich lese viele der Bücher, die langsam gelesen werden wollen, und die ich immer schon lesen wollte, aber mir nie die Zeit dazu nahm.
Achtsamkeit im Herzen. Ich übe mich in der großen und wahrscheinlich lebenslangen Übung „Metta – Liebende Güte“. „Diese „LIEBE“ ist erlernbar im Gegensatz zu der üblichen, weltlichen Ansicht von Liebe. „Liebende Güte“ basiert nicht auf Anziehung, auf Besitz, auf Erwartung und Austausch – es ist ein freiwilliges Herzensgeschenk ohne Anspruch auf Dank oder Gegengabe. Man kann es Freundlichkeit, Wohlwollen, Gut-Gesonnen-sein nennen und es zeigt sich in Mitgefühl im Freude Gönnen, in Nachsicht und Geduld.“[5]
Achtsamkeit der Seele. Großes Schweigen und Vorbereitung auf das endgültige Loslassen.

Und heute?

Langsam bin ich angekommen in meinem Leben als Sesshafte.
Sanft im Umgang mit meinen Lieben und mir selbst.
Immer wieder auch zornig in Bezug auf gesellschaftspolitische Ungerechtigkeiten und Missstände.

Und beides darf sein.
Die Kunst ist die Ausgewogenheit zwischen verschiedenen Umständen und Befindlichkeiten.

Wie es weiter geht?

Ich habe keine Ahnung. Das mag für manche vielleicht auch gefährlich klingen. Für die, die so gerne auf der sicheren Seite sind. Aber es gibt keine sichere Seite. Es gibt nur das Leben. Und es kommt, wie es kommt.

„Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen.“ (John Lennon)

Vor zwei Jahren habe ich das Buch „ LebensZeichen. Erzählungen übers Älterwerden und mehr …“ veröffentlicht. Auf der Rückseite des Buches steht:

Mit 18 konnte ich mir ein Leben nach 30
Nicht vorstellen
Mit 30 versuchte ich mir ein Leben mit 50 vorzustellen
Mit 50 erwischte mich der Älterwerden-Blues
Mit 60 erlebte ich die Endlichkeit von Allem
Mit 67 keine Vorstellungen mehr –
Das Glück der stillen Stunden / der kleinen Dinge
Einfach leben
&&&
Der einzige Halt liegt im Loslassen


[1] Diese Erzählung entstand angeregt durch die Erzählung „Wild und gefährlich“ von der wunderbaren und schon oft zitierten Cambra Skadé. https://cambraskade.blog/2020/10/21/wild-und-gefahrlich/,

[2] „Man kann die Dakinis nicht nur als mythologische Wesen, sondern auch als Symbole für die inneren, psychologische Prozesse des Einzelnen verstehen. Somit symbolisieren sie alle Inspirationen, die anregen, auf dem Weg des Buddha-Dharma weiter voranzuschreiten. Diese sind nicht immer nur wohlwollend, sie können auch plötzlich und in beängstigender Weise das jeweilige Weltbild auf den Kopf stellen und die begrenzenden Fesseln und Mauern zerschlagen. Wie diese “Befreiungsschläge” dann empfunden werden, hängt von der jeweiligen Bereitschaft ab, sie anzunehmen und zu integrieren. Da die Dakinis frei von jeglicher Konvention sind, scheuen sie sich nicht, auch die ungewöhnlichsten Wege zu beschreiten, um aufzurütteln und zu helfen.

[3] „Die indoeuropäischen Sprachen, die vom Sanskrit abstammen, sollen von der hinduistischen Göttin KALI MA  erfunden worden sein. Sie brachte das erste Wort hervor, „Om“, das die Bedeutung von Ei hat. Es ist die „höchste Silbe aller Laute“ (Barbara G. Walker). (…) Die eigentliche Bedeutung der KALI  basiert auf ihrer Erfindung der Buchstaben, da anzunehmen ist, dass es Sprache lange vorher gab. Die Schaffung von Buchstaben ermöglichte die Sichtbarmachung von Lauten und Worten. Die magischen Buchstaben schrieb die Göttin auf Schädel, die sie als Kette um den Hals trug. Die Silben waren in vier Kategorien eingeteilt, die die Elemente als Grundsubstanz alles Lebenden und alles Toten ausdrückten: Va = Wasser; Ra = Feuer; La = Erde und Ya = Luft. Sie wurden von der Muttersilbe Ma, der Verkörperung der Geisteskraft, zusammengehalten. Die Buchstaben von KALIS Alphabet waren die MATRIKA „Mütter“, und die Worte waren geheime MANTRAS, Worte der Macht, durch die zerstört und neu geschaffen werden konnte. (…) Aus: „Die Quellen der Philosophie sind weiblich“, Ingrid Straube, ein-FACH-Verlag, 2001

[4] Zu den Grundlagen der Vipassana-Meditation gehören die Sieben Faktoren des Erwachens. Sie sollen dir dabei helfen, deinen Geist zu befreien. An erster Stelle steht die Achtsamkeit, danach folgen die Wahrheitsergründung, die Willenskraft, die Freude, Gelassenheit, Sammlung und Gleichmut.
Achtsamkeit bezeichnet das Leben im Hier und Jetzt im vollen Bewusstsein der eigenen Gedanken, Gefühle und Handlungen. Mit Wahrheitsergründung ist das Verstehen der buddhistischen Lehre gemeint.
Achtsamkeit ist auch ohne Buddhismus möglich. Selbst, wenn Achtsamkeit ein wesentlicher Bestandteil des Buddhismus ist, heißt das nicht, dass du dich voll und ganz dieser Lehre hingeben musst, um Achtsamkeit üben zu können. Die Geisteshaltung lässt sich auch praktizieren und trainieren, wenn du kein Buddhist bist. Schließlich ist es eine bestimmte Haltung dem Leben gegenüber, die sich durch Wachheit und Mitgefühl auszeichnet.

[5] Herzensgüte ist eine große heilende Kraft.
Sie ist ein Heilmittel gegen Angst, Unsicherheit und die jetzige Ungewissheit in dieser Corona-Zeit. Sie ist ein Energie-Spender für Herz und Hirn. Wir stärken mit Liebeskraft unser Selbstwertgefühl und bekommen äußerlich und innerlich gesunde Widerstandskraft.
Liebende Güte kommt manchen Menschen sehr entgegen, andere haben damit ihre Schwierigkeit. Diese „LIEBE“ ist erlernbar im Gegensatz zu der üblichen, weltlichen Ansicht von Liebe. „Liebende Güte“ basiert nicht auf Anziehung, auf Besitz, auf Erwartung und Austausch – es ist ein freiwilliges Herzensgeschenk ohne Anspruch auf Dank oder Gegengabe. Man kann es Freundlichkeit, Wohlwollen, Gut-Gesonnen-sein nennen und es zeigt sich in Mitgefühl im Freude gönnen, in Nachsicht und Geduld. (Ursula Lyon, vor 40 Jahren meine sehr geschätzte erste Lehrerin in Vipassana-Meditation)

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Werte offensiv verteidigen? https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/11/werte-offensiv-verteidigen/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/11/werte-offensiv-verteidigen/#comments Thu, 19 Nov 2020 08:36:44 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16653

Nach den schrecklichen Terrorangriffen von Paris und Nizza kam in meiner Tageszeitung der übliche Kommentar, in dem betont wurde, die „freie Gesellschaft“ dürfe „angesichts dieser Attacken nicht zurückweichen“, sie müsse „ihre Werte offensiv verteidigen und sich von ihrer wehrhaften Seite zeigen“. Wenn Angst (und Hass) die Oberhand gewinne, hätten die Attentäter ihr Ziel erreicht (vgl. Badische Zeitung vom 30.10.2020). Bei früheren Kommentaren zu Terrorangriffen mit diesem Tenor hatte ich innerlich immer tapfer zugestimmt, denn auch mir sind unsere Freiheitsrechte wichtig. Doch dieses Mal spürte ich in mir zu meinem eigenen Erstaunen ein klares „Nein“. Seither denke ich darüber nach, woher diese Reaktion kommt und wie ich anderen vermitteln kann, warum ich mich nicht einreihen will in eine Front, die hier etwas verteidigt, mit dem ich selbst nicht einverstanden bin: die Freiheit, andere Menschen in einer Satire zu verletzen und zu demütigen. Ich möchte jedenfalls nicht sterben oder körperlich verletzt werden für jene Freiheit und möchte auch nicht, dass einem oder einer meiner Lieben deshalb etwas geschieht. Und anderen Menschen auch nicht.

Ich denke, mein Sinneswandel hat viel mit den Erfahrungen im Zusammenhang mit der Corona-Seuche zu tun. Vorher hätte ich mir nicht vorstellen können, dass einmal die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung der Einschränkung von Grundrechten für einen bestimmten Zeitraum zustimmen und sehr wenig Verständnis für diejenigen aufbringen würde, die sich nicht an die auferlegten Beschränkungen halten oder gar lautstark dagegen protestieren. Zum ersten Mal in meinem Leben, so scheint mir, ergriff ich nicht automatisch die Partei der Protestierenden. Denn hier ging es nicht um willkürliche Einschränkungen von Freiheit, sondern um ein Abwägen zwischen verschiedenen Grundrechten. Und da war und ist das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit auf jeden Fall das höhere Gut.

In dieser Zeit erlebte ich es ebenfalls zum ersten Mal, dass wir Redakteurinnen vom Forum bzw-weiterdenken uns gezwungen sahen, Kommentare auf unserer Seite aus inhaltlichen Gründen nicht zu veröffentlichen oder Teile daraus zu löschen, weil wir nicht zur Verbreitung von kruden Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit der Pandemie beitragen wollten. Bis dahin hatten wir nur hin und wieder mal Kommentare zurückgewiesen, die eindeutig beleidigend waren. Als ich dann tatsächlich Links zu den Seiten von Corona-Leugnern aus einem Kommentar löschte, fragte ich mich schon, ob ich jetzt Zensur ausübe und wie sich das auf mich auswirken würde. Bis dahin hatte ich nur erlebt, dass Zeitungen und Zeitschriften meine Texte nicht veröffentlichten oder Teile davon löschten, die ihnen nicht passten.

Davon brauchen wir mehr: Ev. Kirche und Reform-Moschee in einem Gebäude

Wahrscheinlich war es auch die Überschrift des oben genannten Zeitungstextes „Werte offensiv verteidigen“, die zu meinem „Nein“ beitrug. Wenn „Werte“ ins Feld geführt werden, prüfe ich automatisch aus alter Frauenbewegungs-Gewohnheit, ob das wirklich auch meine Werte sind, die ich da verteidigen soll, ob es nicht Werte sind, die vielleicht an anderer Stelle gegen weibliche Freiheit eingesetzt werden könnten. Mir fielen gleich ganz viele Beispiele zur Propaganda des “Werte-Verteidigens” und der daraus hervorgehenden Kriege ein, auch die Nazis glaubten ja daran, dass sie Werte verteidigten. In Vietnam wurde ebenfalls aufgrund von Werten gebombt, die man verteidigen wollte. Und später in Afghanistan, wo die Zustimmung zur deutschen militärischen Beteiligung vor allem mit dem Argument der extremen Frauenunterdrückung durch die Taliban erreicht wurde. Und natürlich meinen auch muslimische Terrorgruppen, dass sie mit ihrem Morden ihre Werte verteidigen – und sie tun das auf ganz besonders brutale und perfide Art. „Offensiv verteidigen“ und „nicht zurückweichen“, das ist eine Ausdrucksweise, die Frontenbildung nahelegt, uns also zur Kriegspartei macht. Mit meinem „Nein“ konnte ich aus dieser Kampf- und Kriegslogik aussteigen.

Eine Rolle spielte auch, dass ich irgendwo die neue Titelseite von „Charlie Hebdo“ gesehen hatte, während ich ja die früheren dänischen Mohammed-Karikaturen, deren Veröffentlichung schon einmal eine Welle der Gewalt ausgelöst hatte, nie zu Gesicht bekommen hatte. Ich hatte nur gelesen, dass sie eigentlich ziemlich harmlos seien und dass die Karikatur, die die größte Empörung ausgelöst hatte, eine spätere Fälschung gewesen sei.

Dem Zeichner der jetzigen Charlie-Hebdo-Titelseite ist es gelungen, auf einen Streich gleich drei Personengruppen gegen “den Westen” aufzubringen: ein Staatsoberhaupt und damit auch seine Anhänger, Frauen, insbesondere muslimische sowie – etwas versteckter – all diejenigen, denen der Prophet Mohammed heilig ist. Die Karikatur zeigt Erdoğan, der in Unterhose in einem Sessel sitzt. Er hebt das Gewand einer verschleierten Frau hoch, die darunter natürlich nackt ist. “Ohh! Der Prophet!”, sagt er, als er das Hinterteil der Frau erblickt, das so rund und drall gezeichnet ist, wie wir es von vielen sexistischen Frauendarstellungen kennen. Wenn Männer sich gegenseitig demütigen wollen – ob in der Satire oder im Krieg – benutzen sie Frauen nur, die Frauen selbst scheinen überhaupt nicht wichtig zu sein. Verletzt und gedemütigt werden wir aber trotzdem, auch wenn in vielen Kulturen die Ehre von Frauen immer noch bei den Männern angesiedelt ist.

Als ich dann in einem Video die Massenproteste muslimischer Männer sah, die auf eine Puppe einschlugen und später auf ihr herumtrampelten, die Macron darstellen sollte, weil dieser die Pressefreiheit und damit auch die Veröffentlichung jener Karikatur verteidigt hatte, fragte ich mich, ob es wirklich sein muss, Angehörige einer anderen Religion derartig zu provozieren und zu demütigen. Warum kann man nicht einfach freiwillig darauf verzichten, Muslime in ihren religiösen Gefühlen zu verletzen? Nicht aus Angst, sondern aus Vernunft, als eine souveräne, großzügige Geste, fremden Menschen und dem, was ihnen heilig ist, Respekt entgegenzubringen. In der direkten Begegnung tun wir das doch auch.

Staatliche Verordnungen oder Gesetze haben dabei nichts zu suchen. Meinungs-, Kunst- und Pressefreiheit einzuschränken wäre viel zu gefährlich, denn es ist ungeheuer schwierig zu entscheiden, ob eine Karikatur – beispielsweise die oben beschriebene – noch Satire und damit Kunst ist oder einfach nur eine zotenhafte Verunglimpfung.

Ich wäre jedenfalls nicht in der Lage, hier zu richten, denn da ich Spott nicht leiden kann, habe ich auch selten Spaß an Satire. Als Lehrerin stemmte ich mich früher mit aller Macht gegen das allgegenwärtige Verspotten und Drangsalieren Schwächerer oder derer, die irgendwie anders waren, heute nennt man das “Mobbing”. Wenn ein Migrantenkind verspottet wurde, weil es noch nicht richtig Deutsch konnte, forderte ich den Spötter oder die Spötterin auf, den Satz, um den es ging, auf Griechisch, Türkisch, Italienisch usw. zu sagen, was er oder sie natürlich im Gegensatz zum verspotteten Kind nicht konnte. Andere Möglichkeiten, den Perspektivenwechsel zu üben, ergaben sich aus meiner ständig wiederholten Behauptung, Witze auf Kosten anderer seien nur dann wirklich lustig, wenn diese auch darüber lachen könnten. Das probierten wir dann immer wieder aus anhand der Witze, die die Kinder so mitbrachten. Und wir lachten auch miteinander über die lustigen Sätze, die sich die Kinder übereinander und auch über mich ausdachten.

Statt der Aussage, wir seien ein säkularer Staat, die Pressefreiheit sei uns heilig und wir könnten daher auf religiöse Gefühle anderer keine Rücksicht nehmen, würde ich mir von westlichen PolitikerInnen wünschen, dass sie die KarikaturenzeichnerInnen darum bitten, freiwillig auf die Verunglimpfung dessen, was MuslimInnen heilig ist, zu verzichten. Was die Medien an Satire veröffentlichen und verbreiten und auf welche Weise sie darüber sprechen und schreiben, entscheiden sie ja sowieso selbst. Meinungs- und Pressefreiheit kann auch im Bereich von Satire durchaus mal bedeuten, etwas nicht zu veröffentlichen, so wie inzwischen ja auch weitgehend darauf verzichtet wird, Bilder von den Tatorten der Terroranschläge zu zeigen, um den Tätern keine Bühne zu bieten. 

Dass das Nachdenken und Argumentieren über Themen, die mit Freiheit zu tun haben, so schwierig ist, liegt daran, dass unser Denken immer noch von der selbstherrlichen, individualistischen Freiheitsvorstellung geprägt ist, die seit der Aufklärung dazu beiträgt, unseren Planeten nachhaltig zu schädigen. Nach Trump, den Corona-Erfahrungen und angesichts der menschengemachten Klimaerwärmung, deren Folgen wir von Jahr zu Jahr mehr zu spüren bekommen, ist es vielleicht jetzt endlich an der Zeit, den Vorschlag einiger Feministinnen aufzugreifen, sich über einen Freiheitsbegriff Gedanken zu machen, den sie “Freiheit in Bezogenheit” genannt haben. Es geht um eine Freiheitsvorstellung, die unsere grundlegende Abhängigkeit von anderen Menschen und von der Erde nicht leugnen muss und daher andere Menschen – auch solche, die uns sehr fremd sind – sowie zukünftige Generationen in das Denken und Handeln einbezieht.

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Frauen in der Musik sichtbar machen: Die Sängerin und Musikpädagogin Renate Lettenbauer https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/11/frauen-in-der-musik-sichtbar-machen-die-saengerin-und-musikpaedagogin-renate-lettenbauer/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/11/frauen-in-der-musik-sichtbar-machen-die-saengerin-und-musikpaedagogin-renate-lettenbauer/#comments Mon, 16 Nov 2020 10:14:21 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16502 Von der Frauenbewegung im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts kennen wir einige wenige Gesichter, die sich die Medien herausgepickt haben und immer wieder hervorholen. Doch ohne die vielen weniger prominenten Frauen, die es auch noch gegeben hat, wäre der große Erfolg der Frauenbewegung nicht möglich gewesen. In einer kleinen Serie möchten wir auf bzw-weiterdenken über einige von diesen Frauen erzählen. Wie sind sie zu ihrem frauenpolitischen Engagement gekommen, was machen sie heute?

Wir freuen uns übrigens über Artikel oder Vorschläge zu weiteren Frauen, deren Leben wir hier vorstellen können.

Schon im Telefongespräch bei der ersten Kontaktaufnahme kam Renate Lettenbauer ins Erzählen, über sich und über ihre Aktivitäten bei ‚musica femina münchen‘ (mfm). Ich wusste sogleich, sie ist interessant für diese Serie. Etliche Wochen später besuche ich sie in ihrer Münchner Wohnung, in der die fast 80jährige mit ihrer Partnerin lebt. An den Wänden interessante Frauenporträts und gut gefüllte Bücherregale, die von einem vielseitig interessierten Leben zeugen. Außerdem ein aufgeklappter Flügel, der ganz offensichtlich noch in Benutzung ist. Die Erscheinung von Renate Lettenbauer entspricht dem, was ich mir unter einer richtigen Dame vorstelle: nicht herausgeputzt, aber würdevoll. Ganz entspannt und mit einem warmherzigen Lächeln führt sie mich an diesem sonnigen Herbsttag auf ihren Balkon, auf dem wir unser Gespräch führen werden. Das Erste, was sie zu mir sagt, ist: „Ich habe mich so gefreut, in ihrer Serie auch das Porträt über Herta Leistner zu entdecken. Wir waren jahrelang bei den Lesbentreffen, die sie in Bad Boll organisiert hat.“

Aber deshalb war ich nicht zu ihr gekommen. Mich interessierte ihre Arbeit für ‚musica femina münchen‘. Das ist ein kleines, aber feines Netzwerk, dessen Ziel es war und ist, Komponistinnen zu entdecken und zu fördern. Renate Lettenbauer war eines der Gründungsmitglieder, als aus dem Netzwerk 1988 ein eingetragener Verein wurde. Sie erzählt: „Schon vorher gab es Münchner Frauen, die sich die ‚Sirenen Musikfrauen München‘ nannten. Sie veranstalteten kleine Musik-Festivals im Bereich Pop/Jazz/Rock und auch mal eine Classic-Matinee, an der ich mitgewirkt habe. Eine der Mitfrauen, Margaret Minker, befand daraufhin, dass ihr die klassische Musik insgesamt zu kurz käme und dass sie gerne einen größeren Rahmen für Komponistinnen in diesem Bereich schaffen würde. Also wagten wir den Test und organisierten gemeinsam ein Konzert im Carl-Orff-Saal im Münchner Gasteig, bei dem nur Werke von Komponistinnen aufgeführt wurden. Interpretinnen waren ein Streichquartett und ich als Sängerin mit meiner Pianistin.“ Dieses erste Konzert fand zum Internationalen Frauentag im März 1988 statt und wurde mit 400 verkauften Karten ein grandioser Erfolg. „Das hat uns sehr ermutigt. Schon im Herbst desselben Jahres gründeten wir den Verein ‚musica femina münchen‘. Der Bezugsrahmen ‚München‘ war uns wichtig, darauf wollten wir uns beschränken. Zu der Zeit kamen viele neue Publikationen zu Frauen in der Musik heraus, das beförderte unsere Beschäftigung damit. In Düsseldorf wurde das Frauen-Musik-Archiv gegründet. Dort sind wir hingereist und uns gingen die Augen über: wir entdeckten eine Menge Lieder von Komponistinnen aus verschiedenen Epochen und sahen, wie viel reizvolle unentdeckte Musik von Frauen es gibt.“ Nur leider im herkömmlichen Musikbetrieb völlig ausgeblendet und viel zu selten zur Aufführung gekommen.

Frauenmusikalisches Aushängeschild

Renate Lettenbauer erinnert sich daran, dass es großartige Unterstützung von der städtischen Gleichstellungsbeauftragten Friedel Schreyögg und vom Kulturreferat der Stadt München gab: „Als frauenmusikalisches Aushängeschild wurden wir sehr geschätzt.“ Ziel waren zunächst zwei Konzerte im Jahr mit Werken von Komponistinnen aus der Vergangenheit, aber auch der Gegenwart. „Das Besondere war, dass wir auch Themenkonzerte gemacht haben: 1989, zweihundert Jahre nach der französischen Revolution, zum Beispiel ein Konzert zu Komponistinnen und Bürgerinnen Frankreichs oder 1992 zwei Sonderkonzerte zum Kolumbusjahr mit Indio-Musik und Werken moderner Komponistinnen, die darauf Bezug nahmen.“

Aber wie ist Renate Lettenbauer überhaupt zur Musik gekommen? War ihr das schon in die Wiege gelegt, als sie 1941 geboren wurde und in Augsburg aufwuchs? „Nein, mein Einstieg in die Musik geschah auf Umwegen. Ich war Halbwaise. Als junges Mädchen habe ich zwar Klavier gespielt, wusste aber, dass ich nicht lange würde studieren können und möglichst bald Geld verdienen müsste. Deshalb entschied ich mich für den Beruf der Volksschullehrerin, das war etwas Handfestes und ich würde mit Kindern zu tun haben. Parallel dazu war ich in Augsburg bei einem Singschul- und Chorleiter-Seminar mit Gesangsdidaktik für Kinder. Dort wurden wir auch für Solo-Gesangsunterricht eingeteilt. Die Lehrerin sagte dann ‚Sie haben ja eine Stimme‘ und bot mir an, mich kostenlos auszubilden. So habe ich das Singen gelernt.“ Die junge Studentin wechselte dann nach München, hat aber von dort aus die Gesangsausbildung in Augsburg weiter durchgehalten. Nach ihrem ersten Examen hatte sie die Gelegenheit an einem Vierteljahreskurs der Musischen Bildungsstätte Remscheid teilzunehmen mit dem Schwerpunkt Musik. Sowohl theoretisch als auch praktisch beschäftigte sie sich dort mit zeitgenössischer Musik, Improvisation, Komposition und Tontechnik. Am Ende sagte der Dozent zu mir: ‚Sie gehören auf die Bühne!‘ Ich dachte mir, was soll ich auf der Bühne und habe meinen Dienst als Lehrerin im Allgäu angetreten. Dort bekam ich eine 1. und 2. Klasse und habe mit den Kindern viel musikpädagogisch gearbeitet – zur Freude meines Schulleiters.“ Renate Lettenbauer hatte Glück und war in ein musikalisches Umfeld geraten. „Einmal im Jahr haben wir ein Konzert auf die Beine gestellt, bei dem ich auch aufgetreten bin. Und da reifte bei mir die Idee – ich möchte singen oder sonst irgendetwas mit Musik machen,.“ Nach dem zweiten Examen hat sie allerdings noch ein Jahr als Volksschullehrerin gearbeitet, „um die Verbeamtung zu bekommen und Geld anzusparen für ein Gesangsstudium“.

Schwieriger Start in die Karriere als Sängerin

Als sie dann aus dem Beamtenverhältnis wieder ausstieg, haben „viele die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Aber meine Mutter hat mich bestärkt, obwohl eine große finanzielle Unsicherheit auf mich zukam. Das war toll!“ Leider war es dann jedoch so, dass die angehende Sängerin sich stimmlich überfordert hatte. „Dann war es erstmal aus mit dem Singen. Aber ich wollte auf die Musikhochschule und bestand die Aufnahmeprüfung für Schulmusik an Realschulen. Mein neuer Plan war, dann umzusatteln. Zunächst musste ich jedoch Stimmtherapie machen – und bekam daneben eine tolle Stelle als Tutorin im Studentenheim einschließlich Zimmer und Gehalt. Das war in der 1968er Zeit und ein ganz neuer Aufbruch in dieses damals so aufregende studentische Milieu. In den Ferien habe ich gejobbt und in Kampen auf Sylt gesungen.“ Nach drei Jahren war die Ausbildung abgeschlossen, aber Renate Lettenbauer wollte eigentlich keinesfalls zurück in das herkömmliche Schulsystem. Deshalb entschloss sie sich zu einem dreimonatigen Volontariat beim Rundfunk, doch auch wenn sie da hätte bleiben können, war es nicht das Richtige, zumal sie Geld verdienen musste. Da hörte sie von einer zwei Jahre vorher von der Stadt München gegründeten Integrierten Gesamtschule: „Das klang interessant. Die suchten eine Fachkraft, die den Musikbereich aufbauen würde. Dort traf ich auf ein tolles, vielfältiges Kollegium, alle waren sehr engagiert und davon beseelt, Neues auf die Beine zu stellen. Wir haben neue Methoden ausprobiert, Lehrpläne gemacht, ein reichhaltiges Musikinstrumentarium angeschafft sowie moderne Lehrmittel und Medien. Es gab nicht die klassische Dreiteilung des Schulsystems, sondern die ganze Vielfalt an Kindern und Jugendlichen, die ich alle in gleicher Weise fördern konnte. Der Kreativität waren keine Grenzen gesetzt, zumal sich die Musikerziehung damals für neue Themenfelder öffnete. Letztlich habe ich dabei meine musikpädagogische Ader entdeckt.“

Das war Anfang der 1970er Jahre. Parallel hat Renate Lettenbauer aber auch ihren Sologesang weiterentwickelt. Mit ihrer Kollegin Elisabeth Prossel, die sehr gerne Klavier spielte, gründete sie ein Lied-Duo und sie sind um die 15 Jahre miteinander aufgetreten. „Erst mal haben wir uns durch die Altersheime gesungen, dann kleine Konzerte gegeben und dann die Komponistinnen entdeckt. Wir fanden heraus, wie Frauen über die Jahrhunderte ausgegrenzt wurden. Unser Anliegen war, mit unseren Konzerten zu zeigen, was es für wunderbare Musik von Frauen gibt.“ Sie zeigt mir die alten Programme und drückt mir zwei CDs in die Hand. Da stehen nicht nur die bekannten Namen wie Clara Schumann (1819-1896) oder Fanny Hensel-Mendelssohn (1805-1847), sondern Edmée-Sophie Gail (1775-1819), Maria Bach (1896-1978), Germaine Tailleferre (1892-1983), Cécile Chaminade (1857-1944), Gloria Coates (*1938). Mit dieser Liedliteratur gab sie außer bei mfm auch eigene Konzerte, um die Komponistinnen bekannt zu machen, und ergänzte die Programme mit jeweiligen biografischen Informationen und Textlesungen. Zusätzlich wurde sie mit diesem Repertoire zu Festveranstaltungen von Frauenorganisationen eingeladen. „Am stärksten in Erinnerung ist mir eine Begegnung mit der vor Kurzem verstorbenen jüdischen Germanistin Ruth Klüger, zu deren Ehrung durch die Ev. Akademie Tutzing wir ein passendes Musikprogramm beisteuern sollten. Dafür stellten wir Lieder von Komponistinnen aus den drei Ländern zusammen, in denen Ruth Klüger gelebt hatte.“

Aus den Foto-Erinnerungen von Renate Lettenbauer

Hier schließt sich der Kreis, denn nun war sie – neben ihrer Arbeit an der Gesamtschule – schon mittendrin im Engagement von und für ‚musica femina münchen‘. Ansatz war, eine ausgewogene Mischung aufzuführen von älteren Kompositionen, vor allem des 18. und 19. Jahrhunderts sowie Werken zeitgenössischer Komponistinnen. 1992 veranstalteten sie ‚Komponistinnen im Gespräch‘, das erste Gesprächskonzert, dem weitere folgten. Aber auch für ältere Werke, vor allem aus dem 19. Jahrhundert, gab es nach langer Vergessenheit deutsche und Münchner Ur- und Erstaufführungen, als Ergebnis der akribischen Such- und Forschungsarbeit der Münchner Musikfrauen. Die Noten waren zum Teil noch nie gedruckt worden und lagen nur handschriftlich vor.

Komponistinnen-Archiv gegründet

Dank einer zeitweise vom Arbeitsamt und der Stadt München getragenen Arbeitsbeschaffungsmaßnahme gründete ‚musica femina münchen 1995 das Komponistinnen-Archiv München (KAM). Erfasst wurden hier alle erreichbaren Daten über Komponistinnen und die Fundorte ihrer Werke in München aus den mfm-Beständen sowie aus den Münchner Bibliotheken, wie: Noten, biografische Dokumente, Tonträger, Bilder, Programmhefte usw. Sechs Jahre später, im Dezember 2001, wurde das KAM an das Archiv des Internationalen Arbeitskreises Frau und Musik  in Frankfurt/Main übergeben und dort als Sondersammlung in das weltweit größte, älteste und bedeutendste Archiv zum Thema Frau und Musik eingebunden. Man kann die KAM-Bestände dort auch online recherchieren.

Zum 10-jährigen Bestehen wurde ‚musica femina münchen‘ am 8. März 1998 für seine “einzigartige Pionierarbeit in der unbekannten Welt des künstlerischen Schaffens von Frauen in der Musik” von der Stadt München mit dem Anita-Augspurg-Preis ausgezeichnet. Er wird alljährlich zur Förderung der Gleichberechtigung von Frauen vergeben. Renate Lettenbauer erinnert sich: „Das war ein neuer Energieschub, der uns sehr beflügelte.“ Nach 7 Jahren im Vorstand wollte sie die sehr zeitaufwendige Organisationsarbeit in andere Hände legen und fand die junge Komponistin Helga Pogatschar als Nachfolgerin. „Zu Beginn der 2000er Jahren drohte dann jedoch das ‚Aus‘. Der Vorstand bestand nur noch aus drei Frauen, war kräftemäßig an eine Grenze gekommen war, aber Nachfolgerinnen waren nicht in Sicht. Als ich das im Stadtbund der Münchner Frauenverbände berichtete, hieß es ‚Das darf nicht sein!‘ Und tatsächlich fand sich nach einer Rundmail an alle Verbände eine Frau, die bis heute eine höchst professionelle Geschäftsführerin ist und für den Verein die tragende Kraft.“ Anne Holler-Kuthe ist fachfremd, versammelt jedoch Fachfrauen aus dem Verein um sich und entwickelt zusammen mit ihnen die Programme.

Ein Blick in die Statistik zeigt, dass der Verein von 1988 bis 2002 jährlich zwei Konzerte in seiner Komponistinnen-Reihe veranstaltete. „Doch irgendwie“, meint Renate Lettenbauer, „bestand die Gefahr, dass sich alles ein bisschen tot läuft. Da entstand die geniale Idee eines Komponistinnen-Wettbewerbs.“ So kam es, dass ‚musica femina münchen‘ seit der Saison 2002/2003 alle zwei Jahre international einen Kompositionsauftrag an eine Komponistin vergibt und damit in der Isarstadt den Grundstein für die Unterstützung von Komponistinnen der Gegenwart legte. Das dient dem ausdrücklichen Ziel, die Arbeit von Komponistinnen im öffentlichen Bewusstsein zu verankern. In der Regel führt das Münchener Kammerorchester diese Kompositionen in der darauffolgenden Saison in einem Abonnement-Konzert prominent auf. Gut zehn Jahre später gab es wieder etwas Neues: Im Januar 2016 organisierte das Team von ‚musica femina münchen‘ zusammen mit dem Archiv Frau und Musik in Frankfurt zum ersten Mal eine Konferenz zu dem Motto ‚Und sie komponieren, dirigieren doch! Warum gibt es nach wie vor so wenig Komponistinnen und Dirigentinnen im Konzertbetrieb?‘ Im Frühjahr 2020 sollte eine zweite Konferenz folgen. Sie musste wegen der Corona-Pandemie abgesagt werden und ist nun für 2021 geplant.
Außerdem mischt ‚musica femina münchen‘ sich ein, zum Beispiel, wenn das Musikprogramm im Bayerischen Rundfunk zu männerlastig ist. Oder als seinerzeit ein Münchner Dirigent die Solo-Posaunistin seines Orchesters diskriminiert hat: „Da hat ‚musica femina münchen‘ öffentlichkeitswirksam interveniert“, empört sich Renate Lettenbauer noch heute.

Jubiläumskonzert mit vier Uraufführungen von Komponistinnen

Sie ist schon länger nicht mehr aktiv an der Vorstandsarbeit beteiligt, „aber das 25jährige Jubiläum im Jahr 2013 habe ich inhaltlich vorbereitet“, Festreden, eigene Erinnerungen, ein Fachgespräch und vier Uraufführungen von Komponistinnen, die dem Verein angehören. Danach hat sie ein Konzert anlässlich des 90. Geburtstag der Berliner jüdischen Komponistin Ursula Mamlok ausgerichtet. „Doch dann war klar: Jetzt muss Schluss sein.“ Mittlerweile begleitet Renate Lettenbauer die Arbeit von mfm mit gelegentlichen Beratungen und natürlich als treue Konzertbesucherin.

Renate Lettenbauer an ihrem Flügel. Fotos: Juliane Brumberg

Auch zu Hause beschäftigt die Pensionärin sich am Klavier mit Jazz-Musik oder singt mit ihrer Partnerin, die sie schon in den 1980er Jahren bei einem Frauen-Sing-Projekt kennengelernt hat. Beide sind feministisch engagiert und treffen sich einmal im Monat mit Gleichgesinnten im Lesbensalon für Frauen ab 50, um sich für lesbische Sichtbarkeit einsetzen. Außerdem leitet die begeisterte Musikpädagogin immer noch den Lehrerchor ihrer ehemaligen Schule, an der sie bis zu ihrem Ruhestand 2003 gearbeitet hat.

Mit ihren fast 80 Jahren meint sie heute: „Ich begleite ‚musica femina münchen‘ mit größtem Interesse, es ist doch mein Kind“. Ganz befriedigt blickt sie zurück und freut sich, dass die viele Kleinarbeit der Münchner Musikfrauen etwas bewirkt hat: „Insgesamt entwickelt sich ein guter Trend. In den Rundfunk- und Konzertprogrammen tauchen immer mehr Komponistinnen auf und es gibt mehr Dirigentinnen. Das Fach  Komposition unterrichtet an der Münchner Musikhochschule mittlerweile eine Professorin, die international bekannte Komponistin Isabel Mundry. Eine weitere renommierte Komponistin, Charlotte Seither, saß jahrelang im Aufsichtsrat der GEMA. Die jungen Studentinnen haben inzwischen also eine Menge erfolgreicher weiblicher Vorbilder und trauen sich deshalb auch mehr zu. Die Mitgliederzahl von ‚musica femina münchen‘ wächst, und es kommen immer wieder spannende Frauen zu uns, die Können und Ideen mitbringen.“

Mehr Infos:

musica femina münchen  

Im Rahmen dieser Serie wurden bisher die Donaupriesterin Gisela Forster, die Feministin Barbara Linnenbrügger, die Malerin Waltraud Beck, die Professorin Monika Barz, die Historikerin Irene Franken, die Tagungsleiterin Herta Leistner, Dagmar Schultz, die Alltagsforscherin Maria Rerrich, die Matriarchatsfrau Siegrun Laurent, die Gründerin Claudia Gather, die Heilpraktikerin Bali Schreiber, die Verbandsfrau Marlies Hesse, Ika Hügel-Marshall, die Stiftungsverwalterin Gudrun Nositschka, die Berliner Frauenpreisträgerin Karin Bergdoll, die Sozialpädagogin Erni Kutter, Philosophin Dorothee Markert, die Museumskuratorin Elisabeth von Dücker, die Frauenakademie München und die Gleichstellungsbeauftragte Heike Ponitka vorgestellt.

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Aus der Zeit gefallen (3): Wir sprechen über „Gesang der Fledermäuse“ von Olga Tokarczuk https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/11/aus-der-zeit-gefallen-3-wir-sprechen-ueber-gesang-der-fledermaeuse-von-olga-tokarczuk/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/11/aus-der-zeit-gefallen-3-wir-sprechen-ueber-gesang-der-fledermaeuse-von-olga-tokarczuk/#respond Fri, 13 Nov 2020 17:18:31 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16646 In unserem dritten Zoom-Gespräch der Reihe „Aus der Zeit gefallen“ sprechen wir über ein untypisches Buch der polnischen Literaturnobelpreisträgerin und die Verfilmung des Stoffs von Agnieszka Holland. Dazu haben wir uns mit Ula Kiezun eine Gästin eingeladen und reden über viele Beziehungsweisen: Tier-Mensch, Mensch-Mensch, Gut-Böse ein paar Bäume und Pilze und über den Zorn.

Viel Spaß!

Oben: Antje, Maria

Unten: Anne, Ula

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ABC of good life: Das Lexikon des guten Lebens jetzt auch auf Englisch https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/11/abc-of-good-life-das-lexikon-des-guten-lebens-jetzt-auch-auf-englisch/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/11/abc-of-good-life-das-lexikon-des-guten-lebens-jetzt-auch-auf-englisch/#respond Wed, 11 Nov 2020 18:37:49 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16627

Das “ABC des guten Lebens”, das kleine bunte Büchlein mit Wörtern, die für ein Sprechen und Nachdenken über das gute Leben wichtig sind (von “Abhängigkeit” bis “Zugehörigkeit”) erschien im Jahr 2012 im Christel Göttert Verlag und hat seither viele Diskussionen beflügelt. Unter anderem war es Anlass für die erste Denkumenta 2013.

Schon lange bestand bei Leserinnen wie Autorinnen der Wunsch, die Begriffe auch auf Englisch zur Verfügung zu haben – und jetzt ist es endlich soweit: Unter www.abcofgoodlife.wordpress.com gibt es das ABC auf englisch. Dabei hat sich natürlich auch die Reihenfolge geändert – der Bogen reicht jetzt von “abundance” (Fülle) bis “yea-saying” (Jasagen).

Viele viele Menschen haben uns Autorinnen dabei unterstützt, vor allem Barbara Streidl und Derek Singleton, deren Übersetzungsarbeit die Grundlage der englischen Fassung ist. Viele Autorinnen des deutschen ABCs haben auch an der Übersetzung mitgewirkt, ganz besonders Anne-Claire Mulder.

Dabei wurde uns noch einmal ganz praktisch bewusst, dass jede Übersetzung eine eigenständige Vermittlungsarbeit ist, bis zu einem gewissen Grad sogar ein Neu-Schreiben. Das war ein sehr spannender Prozess, bei dem wir im Nachdenken über den englischen Text an vielen Stellen auch noch einmal den deutschen Ursprungstext klarer durchdenken mussten.

Wir wünschen euch – wenn Ihr Englisch könnt – viel Spaß bei der Lektüre und versprechen, dass auch diejenigen, die das ABC auf Deutsch schon gut kennen, hier neue und überraschende Anregungen finden.

Und wir wünschen uns natürlich, dass Ihr die Links – zum gesamten ABC, aber auch zu den einzelnen Begriffen, je nach Kontext – möglichst breit in euren englischsprachigen Netzwerken streut. Und: Falls jemand einen Verlag kennt, der eventuell Interesse haben könnte, das “ABC of good life” in einer Printversion herauszubringen – kontaktiert uns gerne!

www.abcofgoodlife.wordpress.com 

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28 Göttinnen auf der Spur https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/11/28-goettinnen-auf-der-spur/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/11/28-goettinnen-auf-der-spur/#respond Tue, 10 Nov 2020 06:38:37 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16549

In ihrem Buch wagt die Autorin Thea Unteregger den Spagat, ausgewählte Göttinnen auf der historischen und der spirituellen Ebene vorzustellen – wobei die spirituelle Interpretation der Göttinnen ihr das wichtigere Anliegen ist. So zeigt sie ausführlich die Aspekte auf, für die die jeweilige Göttin zuständig ist und gibt Anleitungen, wie die Leser*innen sich diesen Aspekten nähern oder sich mit der Göttin verbinden können. Was das Buch besonders macht ist, dass Thea Unteregger für jede Göttin ein bildnerisch abstrahiertes Zeichen entworfen hat, das mit ihrer inneren Vision der jeweiligen Göttin zu tun hat oder sich an die historischen Funde anlehnt. Dazu gibt es ein eigenes Kartenset für diejenigen, die sich meditierend den Kräften der Göttinnen nähern wollen. Buch und Kartenset sehe ich als ernst zu nehmendes und gelungenes Angebot für Menschen, die in den herkömmlichen Religionen nicht die spirituelle Nahrung bekommen, die sie suchen. Wer den eigenen Horizont erweitern oder anerzogene Muster überwinden möchte, bekommt hier Hilfestellung.

Ebenso interessant finde ich jedoch die historischen Erklärungen zu den Göttinnen: Woher kommen sie? Wie kamen sie in den Alpenraum? Wie wurden sie von wem verehrt? Fast immer sind es vielschichtige Figuren, in die oft auch lokale Traditionen integriert wurden. Oder wir finden im Christentum Anklänge an die alten Kulte. So erläutert Thea Unteregger, dass die Körperhaltung der uralten ägyptischen Muttergöttin Isis mit dem Horusknaben für Maria mit dem Jesuskind übernommen wurde. Und auch die Titel der Isis wie ‚Stern des Meeres‘, ‚Gottesgebärerin‘ oder ‚Himmelskönigin‘ gingen auf Maria über. Dass Isis nicht nur in Ägypten verehrt wurde sondern mit den Römern auch in die Alpen gelangt ist, wusste ich zum Beispiel vorher nicht,

Die Göttinnen stammen aber nicht nur aus der ägyptisch-griechisch-römischen Mythologie, sondern auch aus dem keltischen Horizont. Deren Interpretation – darauf weist die Autorin hin – ist noch weitaus schwieriger, weil es von den Kelten keine eigenen schriftlichen Überlieferungen gibt. Wir wissen nur das, was die Römer – durch ihre Brille gesehen – über sie aufgeschrieben haben. In einer dritten Kategorie werden Göttinnen vorgestellt, die die Autorin den alpenländischen Sagen und Mythen entnommen hat, etwa die Frau Percht oder die Saligen, die wilden, weisen Frauen, die Milde und Güte zu den Menschen bringen. Im letzten Oberkapitel schließlich stellt Thea Unteregger urzeitliche Frauenfiguren vor, die bei archäologischen Ausgrabungen gefunden wurden und interpretiert sie, da sie aufwendig hergestellt waren, vorsichtig als göttliche Frauen: „Jenseits der Wissenschaft steht es uns frei, uns von diesen Figuren berühren und inspirieren zu lassen“. Und sie fragt, welche Botschaften für uns durch all die Jahrtausende wohl hindurchklingen?

Insgesamt ist es ein spielerischer und phantasievoller Umgang mit uraltem Wissen, zu dem die Autorin ermuntert. Wer Freude an sowas hat, findet hier vielfache Anregungen und Impulse. Und wer bei Touren in den Alpen schon mal den Zauber mystischer Gebirgsstimmung erlebt hat, kann leicht nachvollziehen, warum Margriata, Tanna, Merisana, Samblana, Dolasilla, Luyanta oder Befana dort zu Hause sind.

Thea Unteregger, 28 Göttinnen, Auf den Spuren weiblicher Kulte im Alpenraum, Edition Raetia Bozen 2020, 240 Seiten, 27,50 €.

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Professionelle Ökonomie und Care: Inkompetenz, Desinteresse, Verärgerung und Verunsicherung https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/11/professionelle-oekonomie-und-care-inkompetenz-desinteresse-veraergerung-und-verunsicherung/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/11/professionelle-oekonomie-und-care-inkompetenz-desinteresse-veraergerung-und-verunsicherung/#comments Sat, 07 Nov 2020 17:32:26 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16570 Seit bald fünf Jahren führt Ina Praetorius von der Schweizer Initiative “Wirtschaft ist Care” Korrespondenzen über die Frage, wie akademische Ökonom*innen mit der unbezahlten Care-Arbeit umgehen. Eine Bilanz.

Seit April 2016 versuche ich und versuchen wir herauszufinden, wie mit Ökonominnen und Ökonomen im akademischen Forschungs- und Lehrbetrieb und in businessaffinen Medien mit der unbezahlten Care-Arbeit umgehen. Ich selber verfahre dabei meist intuitiv, nach Lust und Laune: Wenn mir zum Beispiel nach ein paar heiteren Minuten zumute ist, während der Hefeteig in der Schüssel oder die Pizza im Ofen aufgeht, frage ich rasch Jens Südekum oder Peter Bofinger per Tweet, wann man denn wohl den größten Wirtschaftssektor ins BIP (Bruttoinlandsprodukt) aufzunehmen gedenke. Jens Südekum twitterte am 20. Oktober 2020 zurück: „Tut mir leid, aber ich habe mich mit diesem Thema nicht näher beschäftigt und kann die Frage daher nicht beantworten.“

Inkompetenz

Was Herr Südekum wahrscheinlich nicht weiß, ist, dass er mit dieser Antwort in einer bereits gut gefüllten Schublade landet, auf der ein Zettel mit der Aufschrift „Ignoranten“ klebt. Auch Prof. Dr. Thomas Bieger, der ehemalige Rektor der Universität St. Gallen, erklärte sich nämlich nach einem längeren Mailaustausch am 10. Mai 2020 letztlich für nicht zuständig, sprich: inkompetent. Und Prof. Dr. Yvan Lengwiler, ehemaliger Dekan der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Basel und Mitglied im Board der „Schweizerischen Gesellschaft für Volkswirtschaft und Statistik“ (SGVS) schrieb uns am 2. April 2019, „dass die außermarktliche Ökonomie eher ein marginales Gebiet der Tätigkeiten der meisten Forscher darstellt. Ich selber, beispielsweise, könnte Ihnen nichts Fundiertes zu diesem Thema sagen, weil das einfach nicht mein Tätigkeitsgebiet ist.“

Herr Patrick Rickenbach teilte uns schon am 22. Januar 2017 mit, die Hochschule für Wirtschaft der Fachhochschule Nordwestschweiz verfüge „im Bereich der unbezahlten Arbeit in Privathaushalten über keine Angebote“ und Forschungsprojekte würden „in diesem Themenbereich nicht geführt.“ Auf unsere zweite Umfrage im Jahr 2018 hin erklärten sich am 23. April Prof. Dr. Peter Petrin, Rektor  der Hochschule für Wirtschaft Zürich, am 26. April Prof. Dr. Aleksander Berentsen, Dekan der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Basel, am 7. Mai Prof. Dr. James Davis, Politologe an der Universität St. Gallen, am 22. Mai Prof. Dr. Jürg Kessler, Rektor der HTW Chur, am 1. Juni Prof. Dr. Andreas Ettemeyer, Rektor der NTB Buchs, am 21. Juni Prof. Dr. Sebastian Gurtner von der Berner Fachhochschule und am 26. Juni Eva Tschudi von der Hochschule Rapperswil im Namen jeweils des gesamten Lehr- und Forschungspersonals für inkompetent.

Peter Bofinger empfahl mir auf Twitter zunächst, nachdem ihn eine Kolumne im „Handelsblatt“ vom 11. September 2020 wohl etwas irritiert hatte, ich solle sein Buch „Grundzüge der Volkswirtschaftslehre“ lesen. Als ich ihm daraufhin mitteilte, ich wolle mir meine produktive Nativität nicht nehmen lassen, schlug er mir am 18. Oktober 2020 vor, wenigstens das Gutachten „Wirtschaftsleistung, Lebensqualität und Nachhaltigkeit. Ein umfassendes Indikatorensystem“ zur Kenntnis nehmen. Weil ich dieses Gutachten bereits in dessen Erscheinungsjahr 2010 gelesen hatte, fiel es mir leicht, daraus am 19. Oktober 2020 die Antwort Bofingers auf meine Frage in Tweet-Form zu rekonstruieren: 1) BIP-Wachstum muss weitergehen. 2) Unbezahlte Care-Arbeit existiert in Form unverbindlicher Appelle. 3) Kompliziertes ist zu kompliziert und zu teuer.“  Daraufhin wollte er wissen, ob ich sonst keine Probleme habe. 

Schon am 17. August 2019 haben wir in einem Workshop im Rahmen der Denkumenta.2 begonnen, die auf unsere Fragen eintreffenden Antworten in Form einer Typologie zu systematisieren. An diese Vorarbeit knüpfe ich mit diesem Blogpost an. Ich werde zunächst noch einmal erzählen, was sich seit dem 24. April 2016 zugetragen hat, und dann die im August 2019 angedachte Typologie weiter entwickeln, aus guten Gründen konsequent ent-anonymisiert.

Rekonstruktion der Projektgeschichte

Am 24. April 2016 also stellten wir zehn Dekanen beziehungsweise Rektoren und einer Rektorin wirtschaftswissenschaftlicher Fakultäten und Fachbereiche per Brief folgende Fragen: 1. Welchen theoretischen Stellenwert hat die Care-Arbeit, insbesondere die unbezahlte Arbeit in Privathaushalten, in Ihrer Institution? 2. Welche einschlägigen Forschungsprojekte sind abgeschlossen, im Gange oder geplant? Um uns nicht durch Masse zu überfordern, wählten wir als Forschungslabor die deutschsprachige Schweiz, in der wir alle wohnen. Die Ergebnisse dieser ersten Umfrage fassten wir am 22. November 2017 in einer Thesenreihe zusammen. 

Weil schon bald absehbar war, dass die Umfrage kein deutliches Ergebnis erbringen würde, gaben wir im Herbst 2016 zusätzlich bei der Fachhochschule St. Gallen (heute OST) eine Literaturstudie zum Stand der Care-Forschung in der deutschsprachigen Schweiz in Auftrag, die am 28. August 2017 in St. Gallen präsentiert wurde. Weil diese Studie ein erhebliches Defizit hinsichtlich Forschung und Lehre zur unbezahlten Care-Arbeit zutage gefördert hatte, schrieben wir am 9. April 2018 noch einmal die Leitungsebenen derselben wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten und Fachbereiche an, die wir schon zwei Jahre zuvor kontaktiert hatten. Dieses Mal suchten wir nach einer Kooperationspartnerschaft für unsere Idee, runde Tische zur Zukunft der Care-zentrierten Ökonomie zu organisieren. Weil wir auch mit dieser zweiten Umfrage kaum auf Interesse stießen, organisierten wir den ersten runden Tisch am Freitag, 25. Januar 2019 zusammen mit der Abteilung soziale Arbeit der Fachhochschule Ostschweiz (Bericht), den zweiten am Freitag, 24. Januar 2020 in Kooperation mit der Kulturzeitschrift Avenue. Der dritte wird wieder in Zusammenarbeit mit der Abteilung soziale Arbeit der Fachhochschule OST am 22. Januar 2021 stattfinden, auf der Grundlage einer zweiten Studie, die wir im Jahr 2020 zur Frage der Repräsentation von Care und Wirtschaft in gebräuchlichen Schulbüchern haben durchführen lassen.

Diese rund vier Jahre dauernde Geschichte bildet die Grundlage für den informellen Gesprächsprozess, der sich inzwischen vor allem auf Twitter, der liebsten Social Media Plattform der Ökonom*innenzunft fortsetzt und der es nun ermöglicht, die an der zweiten Denkumenta im August 2019 in Ansätzen erstellte Typologie zu präzisieren:   

Die Schweigsamen

In These 1 unserer Auswertung der Umfrage 2016/2017 heißt es: „Wir sind … erstaunt über die insgesamt geringe und zögerliche Resonanz, die unsere Umfrage auf den Leitungsebenen der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten und Fachbereiche der deutschsprachigen Schweiz ausgelöst hat: Von drei der elf angeschriebenen Institutionen haben wir bis heute keine Antwort erhalten. Eine Institution teilte uns am 19. August 2016 ausdrücklich mit, sie wolle auf die Beantwortung unserer Fragen verzichten. (Nachtrag 24.10.2020: Es handelt sich dabei um eine Mail von Prof. Dr. Jacques Bischoff, damals Rektor der Hochschule für Wirtschaft, Zürich, datiert 19. August 2016, IP).“ Heute, am 24. Oktober 2020, liegt trotz unzähliger Nachfragen unsererseits aus dem Dekanat der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich auf beide Umfragen noch immer keine Antwort vor. Schon am 15. Februar 2018 habe ich dieser Fakultät und ihrem Dekan Harald Gall deshalb einen ironischen Sonder-Blogpost mit dem Titel „Exzellenz“ gewidmet. Erstaunlicherweise hüllen sich nämlich auch Prof. Dr. Ernst Fehr und Prof. Dr. Dina Pomeranz, von denen wir gern Antwort bekommen hätten, in Schweigen, Dina Pomeranz allerdings erst seit dem Zickenkriegchen, das wir im Februar 2018 ausgefochten haben. Auch die Studierendenschaft der Fakultät, die mittlerweile auf der Fakultätswebseite nicht mehr zu finden ist, war zu keiner Auskunft bereit. Verhält sich die Gesprächsbereitschaft wirtschaftswissenschaftlicher Fakultäten etwa umgekehrt proportional zu ihrer Exzellenz?

Prof. Dr. Wolfgang Buchholtz von der Universität Regensburg ist ein Außenseiter in meiner Versammlung. Aus gut dokumentierten Gründen hat er den Ehrentitel „Professor Schweigsam“ bekommen.

Ein Sonderfall in der Kategorie „Die Schweigsamen“ ist auch Prof. Klaus Schwab, der Erfinder und Seniorchef des World Economic Forum WEF. Mit ihm versuche ich schon seit den Jahren 2005 und 2006 ins Gespräch zu kommen, in denen ich als kirchliche Beauftragte das „Open Forum“ beobachtet habe, das seit 2003 jedes Jahr parallel zum WEF in Davos stattfindet. Am 23. März 2012 schickte Klaus Schwab mir als Antwort auf meine Fragen ein dickes Buch mit dem Titel „The World Economic Forum. A Partner in Shaping History. The First 40 Years“, für das ich mich, nachdem ich es studiert hatte, am 12. Juli 2012 bedankte. In einem Brief vom 16. Juli 2012 stellte er mir die Frage, warum es den Religionen nicht gelungen sei, den Wertezerfall zu stoppen. Diese Frage habe ich am 18. Juli 2012 nach bestem theologischem Wissen und Gewissen beantwortet. Seither habe ich trotz etlicher Mails und Briefe samt Anlagen meinerseits nichts mehr von Klaus Schwab gehört.

Die Genervten

Drei namhafte Ökonom*innen, nämlich Prof. Dr. Monika Bütler von der Universität St. GallenProf. Dr. Rudi Bachmann von der University of Notre Dame/USA und Dr. Max Roser von der Universität Oxford/GB haben mich zu unterschiedlichen Zeiten und aus Gründen, die ich bei Gelegenheit zu rekonstruieren gedenke, auf Twitter blockiert. Dina Pomeranz toleriert mich zwar noch als Followerin, hat aber, wie gesagt, seit dem 13. Februar 2018 auf keinen Tweet meinerseits mehr geantwortet, was ein partielle Zuordnung zur Kategorie der Schweigsamen nahelegt. Moritz Kuhn, Research Fellow an der Universität Bonn, mit dem zusammen ich am 11. Juni 2020 in einem Podcast von Radio detektor.fm zum Thema „Wirtschaftswissenschaft neu denken?“ befragt wurde, beantwortete gegen Ende der Aufnahme (Minute 17ff) die Frage, ob es einen Paradigmenwechsel in der Wirtschaftswissenschaft im Sinne der Einbeziehung des größten Sektors brauche, so: „Nein… Das funktioniert vermutlich einfach praktisch nicht. … Dementsprechend haben wir uns darauf geeinigt, dass wir wirtschaftliche Aktivität auf eine bestimmte Art und Weise messen.“ Bei diversen Wiederbegegnungen auf Twitter zeigte er sich verärgert darüber, dass ich diese seine Aussage zuweilen zitiere. Am 20. Oktober 2020 twitterte er: „Sie sind leider maximal destruktiv und nur am rumstänkern, weil Ihnen irgendetwas nicht passt. … Liefern Sie Antworten für diese offenen Probleme!“ Seit ich ihn mit dem Link zur monetären Bewertung der Haushaltsproduktion auf der Webseite des statistischen Bundesamtes der Schweiz beliefert habe, ist er verstummt.

Die Gesprächigen

Der erste Ökonom, der sich zu unserer Frage vergleichsweise ausführlich geäussert hat, ist Prof. Dr. Reiner Eichenberger von der Universität Fribourg. Am 1. Juni 2016 schrieb er uns, er halte „die Wertschöpfungsstudien für den nicht-marktlichen Bereich … für durchaus interessant.“ Trotzdem müsse er „über die vielen Forschungsarbeiten zur Hochrechnung der Haushaltsleistungen vor allem schmunzeln, denn sie würden ja in der Konsequenz bedeuten, dass Tätigkeiten wie Essen oder Schlafen im Bruttoinlandsprodukt auftauchen müssten.“ Er halte „die Vorschläge zur Erfassung von außermarktlichen Tätigkeiten deshalb letztlich für brandgefährlich“, denn „von der statistischen Erfassung zur staatlichen Kontrolle und damit auch zur Besteuerung sei es (nur) ein kleiner Schritt,“ weshalb er mir die Rückfrage stellen wolle, „ob ich denn bereit sei, für einen Abendspaziergang oder das Gespräch mit einem Kind Steuern zu zahlen.“ (mehr dazu hier und hier).

Prof. Dr. Reto Föllmi, Leiter des Instituts für Internationale Ökonomik an der Universität St. Gallen, haben wir am Mittwoch, 22. Mai 2019, zum Gespräch in die St. Galler DenkBar geladen, wo er bereitwillig zugestand, dass wir mit unserem Anliegen Recht haben. Hinsichtlich der naheliegenden Folgefrage, was denn nun zu tun sei, hielt er sich dann aber bedeckt und beließ es bei der Andeutung, das Prinzip der Forschungsfreiheit lasse es nicht zu, dass Bürgerinnen und Bürger auf die Tätigkeit von Institutionen wie der Universität St. Gallen Einfluss nehmen.

Frau Prof. Dr. Christine Böckelmann ist zwar nicht Ökonomin, aber sie leitet die Abteilung Wirtschaft der Hochschule Luzern. In einem Brief vom 26. August 2016 schrieb sie Sätze, deren Tragweite wir bis heute noch nicht ermessen können: „Spezifische Forschungen zu unbezahlter Arbeit in Privathaushalten wurden (in der HSLU IP) bislang nicht ausgeführt. Das liegt sicherlich nicht daran, dass die Fragestellung als nicht relevant erachtet wird, sondern zu einem erheblichen Anteil daran, dass unsere Forschung stark abhängig von Drittmitteln ist. Eine unserer Hauptfinanzierungsquellen ist die KTI (heute Innosuisse IP ), die ihre Mission in der ‚Wirtschaftsförderung‘ sieht; beim Thema Care-Arbeit bestünde keine Chance, Mittel bei der KTI zu generieren.“

Auch Prof. Dr. Mathias Binswanger von der Fachhochschule Nordwestschweiz ließ sich bereitwillig zu Gesprächen einladen: zunächst im März 2019 von Radio SRF, dann am 16. November desselben Jahres zum „Vierten Care-Frühstück mit Inhalt“ der Schweizer Frauen*synode. Zwar gibt er gern Auskunft über die diversen Widersprüche, Paradoxien und Dilemmata in wirtschaftswissenschaftlichen Diskursen und weist in seinen populären Büchern „Die Tretmühlen des Glücks“ (1. Aufl. 2006) und „Der Wachstumszwang“ (2019) unermüdlich auf die Absurdität der Wachstumsideologie und deren uneingelöste Glücksversprechen hin. Eine Antwort auf die Frage, ob eine lebensdienliche Korrektur des BIP, eine Aufnahme des größten Sektors in den Gegenstandsbereich der Wirtschaftswissenschaften und die Einführung alternativer Messmethoden (über die Länder hinaus, die sich bereits in Richtung auf eine Wellbeing-Economy auf den Weg gemacht haben) sinnvoll und machbar seien, ist er die Antwort aber bis heute schuldig geblieben.

Zu den Gesprächigen zähle ich auch Reto Lipp, seit 2007 Moderator der Deutschschweizer TV-Sendungen „SRF Eco“ und „SRF Börse“. Meistens gibt er Antwort, wenn er auf Twitter angesprochen wird. Allerdings lässt er sich schnell aus der Ruhe bringen, zum Beispiel wenn wir die Ersetzung von „SRF Börse“ durch ein Sendegefäss namens „SRF Zukunft“ oder „SRF Glück“ oder „SRF Care“ vorschlagen. Deshalb ist eine partielle Zuordnung zur Kategorie „Die Genervten“ naheliegend.

Die Irritierten

Prof. Dr. Stefan Felder, Gesundheitsökonom an der Universität Basel, schrieb mir am 2. Juli 2019 nach einem längeren, etwas konfusen Mailwechsel, „der flockig-rockige Stil meines Schreibens“ überfordere ihn und ich solle ihn bitte aus meinem Verteiler streichen. Er ist damit der bisher einzige unserer Gesprächspartner aus dem wirtschaftswissenschaftlichen Lehr- und Forschungsbetrieb, der offen von Überforderung schreibt. Da er sich ausdrücklich einen Abbruch des Gesprächs gewünscht hat, ist es uns verwehrt herauszufinden, was er damit genau meint.

Stefan Barmettler, zur Zeit Chefredakteur der „Handelszeitung“, hat sich erst nach mehreren Anschreiben zu einer Antwort verlocken lassen. Am 30. Oktober 2019 schrieb er uns, es sei vollkommen unklar, wie die „Zusatzkosten“ von 107 Milliarden Franken pro Jahr, die den Berechnungen von Mascha Madörin zufolge zu begleichen wären, finanziert werden sollen. Angesichts der hier deutlich ausgesprochenen Überforderung rettet er sich in eine moralische Umdeutung des Problems: „Im Übrigen würden sich viele Eltern dagegen aussprechen, einen Kindererziehungslohn zu beziehen, weil sie Erziehungsarbeit nicht als eine Art ‚geldvermittelten Tauschakt‘ (…) sehen, sondern als Akt der Zuneigung, Verantwortung und/oder Freude.“ Die Fragen, wie Care-Arbeiter*innen zu entschädigen wären, die sich solcherart Moral nicht leisten können, und wie sich die Ausblendung des größten, des basalen systemrelevanten Sektors auf wirtschaftspolitische Diskurse etwa im Zusammenhang mit Debatten um Armut, weltweite Gerechtigkeit oder Klimawandel auswirken, bleiben vorerst unbeantwortet. Immerhin hat Stefan Barmettler es zugelassen, dass in der Handelszeitung vom 13. August 2020 ein Text mit dem allerdings missverständlichen, von der Redaktion gesetzten Titel „Unbezahlte Tätigkeiten sind unverzichtbar“ von Caroline Krüger erscheinen dufte.

Wie weiter?

Und was fangen wir nun an mit der Sammlung aus Schweigen, Überforderung, Irritationen, verkehrten Analysen, Verdrängung, Ärger, Bequemlichkeit, Blockaden und Inkompetenz? Wer wird in Zukunft die ökosystemrelevanten un- und unterbezahlten Tätigkeiten erforschen und als Mitte der Oikonomia lehren? Sollen das weiterhin nur die unterdotierten Genderforscher*innen, Sozial- und Kulturwissenschaftlerinnen und Pädagoginnen tun? Als folgsame Ehefrauen der BIPologie? Soll der größte, der unbezahlte Wirtschaftssektor in alle Zukunft nur von un- und unterbezahlten Aktivistinnen und Idealistinnen zum Thema gemacht werden (These 6)? Wollen die so genannten Ökonom*innen, die sich sachgemäß Chrematist*innen oder BIPolog*innen nennen sollten, weiterhin in „wissenschaftlicher Freiheit“ ihre Bullshit-Hobbies pflegen, ungestraft die Zahlen aus den statistischen Ämtern ignorieren und notwendige Haus- und Betreuungsarbeit in Unkenntnis offizieller Zahlen und eingeführter Terminologie mit den sieben Prozent „Freiwilligenarbeit“ verwechseln?

Wir freuen uns immer noch auf Antworten und bleiben derweil nicht untätig.

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