beziehungsweise – weiterdenken https://www.bzw-weiterdenken.de Forum für Philosophie und Politik Thu, 29 Jul 2021 09:53:06 +0000 de-DE hourly 1 Unterwegs mit Xanthippe. Ein kleines Büchlein über das postpatriarchale Durcheinander https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/07/unterwegs-mit-xanthippe-ein-kleines-buechlein-ueber-das-postpatriarchale-durcheinander/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/07/unterwegs-mit-xanthippe-ein-kleines-buechlein-ueber-das-postpatriarchale-durcheinander/#comments Thu, 29 Jul 2021 07:16:58 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17482

Ina Praetorius denkt, schreibt und spricht schon länger über das Ende des Patriarchats und das Durcheinander, das daraus folgt – auch mit vielen Beiträgen in diesem Forum. Voriges Jahr hat sie ein kleines, kompaktes Buch darüber in der Reihe „philosophisch-politische Bändchen“ im Christel Göttert Verlag veröffentlicht und schreibt dazu im Vorwort: „Das Buch ist klein aus zwei Gründen: Zum einen gibt es viele Leute, die wenig Zeit zum Lesen haben […].“ Sie nennt Kinderbetreuung, anstrengende Jobs oder auch „Schweigen, Kochen, Schlafen und Politik“ als Gründe. „Zum anderen braucht es keine dicken Wälzer, um zu erklären, was das postpatriarchale Durcheinander ist und wie eine am besten so in ihm klarkommt, dass Neues entsteht.“ (S. 7-8)

„Postpatriarchal“ bedeutet, dass Ina Praetorius, mit anderen Frauen und Männern zusammen, vom Ende des Patriarchats ausgeht und dessen Denkmuster nicht mehr verwendet. (S. 12, S. 16) Das „Durcheinander“ heißt für sie dreierlei: dass dadurch eine kreative Unordnung entsteht, wo Wörter und Wirklichkeit neu geordnet werden müssen, dass das neue Denken „durch einander“ geschieht, also in Bezogenheit zu anderen, und dass es als „durch ein ANDER“ auch offen ist für ein ANDERES, UNERREICHBARES, UNVERFÜGBARES, UNBERECHENBARES, DAZWISCHEN, was einige Menschen „Gott“ nennen. (S. 8-9. S. 16-17)

Mit Xanthippe die Welt als Eins erkennen – Geburtlichkeit und gutes Leben mit Scheiße

Ausgehend von Xanthippe, die nicht klaglos hinzunehmen bereit ist, dass Sokrates seinen Tod als Übergang zum eigentlichen Leben begrüßt, beschreibt Praetorius, was es heißt, die Zweiteilung der Welt zu überwinden: „Xanthippe ausreden zu lassen, bedeutet, die Welt als Eins zu erkennen.“ (S. 43) Der Sterblichkeit und der Ausrichtung auf ein jenseitiges Leben stellt sie die Geburtlichkeit gegenüber. Was das bedeutet, beschreibt sie, von Hannah Arendt ausgehend, so:

Menschen sind nicht, wie Platon meinte, unabhängiger Geist, und Mütter sperren nicht Seelen in lästige Körper. Menschen kommen vielmehr durch einander als abhängige Winzlinge in die Welt. Die Welt ist schön und schrecklich zugleich und mit hoher Wahrscheinlichkeit der einzige Raum, den wir bewohnen können. (S. 57)

In diesem Geborensein verortet Praetorius die unantastbare Würde des Menschen, also im tatsächlichen Dasein, dem ehemaligen »Diesseits« […]: Als geburtliche Wesen sind wir alle vom ersten bis zum letzten Tag unseres Lebens abhängig von Luft, Wasser, Erde und von allem, was sie hervorbringen, von einander und von gelingenden Gemeinwesen. Gleichzeitig sind wir frei zu nähren, was uns immer schon nährt. Wir sind und bleiben Neulinge, bedürftige, atmende Körper, fähig zur Neugier und zum Neuen, zum Spielen, zum Ausprobieren, zum Vergeben und zum täglichen Anfang. (S. 59)

Aus dieser Wertschätzung der materiellen Bedingungen des Menschseins leitet sie die Notwendigkeit ab, über ein „gutes Leben mit Scheiße“ nachzudenken, also die Scheiße, die Dreckarbeit, das Lästige, den Leib und seine Bedürfnisse in den Blick zu nehmen: „All dies ist kein dummes Zeug, das wir möglichst hinter uns lassen sollten zugunsten eines vermeintlich höheren Lebens, sondern eingeschlossen in die allgemeine und geburtliche Würde aller in der einen Welt. Die Vertröstungen auf ein besseres Später haben ein Ende. Xanthippe bekommt Recht.“ (S. 60)

Bei aller Scheiße geschieht nämlich doch gutes Leben: Es gibt den Frühling und das Meer, Musik und Kinderspiel, gutes Kochen und Essen, Tanz und Stille und den Sternenhimmel, Gespräche mit Freundinnen und Freunden, ein Gefühl, in der Welt sicher und zuhause zu sein, als geborenes Mensch, das isst und trinkt und kackt und stinkt und liebt und manchmal krank und dann wieder gesund ist und eines Tages stirbt. Es ist gut, dafür zu sorgen, dass Menschen friedlich, gerecht und mit Lust zusammen leben, solange sie da sind. (S. 64)

Wirtschaft als Befriedigung echter Bedürfnisse, hier und jetzt

Die Verheißung eines idealen Jenseits findet die Autorin außer bei Aristoteles und Platon sowohl in „mächtige[n] Glaubenssystemen, die ihren Einfluss aus der Konstruktion unsichtbarer Welten zogen“ ‒ als auch in den Erwartungen an „die Heilslehre der Moderne […]: »die Wirtschaft«“, den Konsum und die Work-Life-Balance, die das eigentliche Leben auf später vertagen. Stattdessen plädiert Praetorius für eine „Ökonomie der Geburtlichkeit“. Diese liegt in der Fürsorgeabhängigkeit aller begründet und leugnet sie nicht, sondern strebt die „Reorganisation der Ökonomie um ihr Kerngeschäft“ an: „die Befriedigung tatsächlicher menschlicher Bedürfnisse weltweit.“ Ina Praetorius spinnt weiter, was Xanthippe hätte sagen können, und entwirft eine diesseitige Vorstellung, wie gutes Leben hier und jetzt gelingen kann: „Ja zum wirklichen Dasein zu sagen: mit Mist, Entzücken, mit tatsächlichen Wünschen und all dem Normalen dazwischen.“ (S. 96)

Religiöse Praxis – Jasagen, individuell und gemeinsam

Damit wandelt sich auch die Vorstellung von dem, was Ahninnen und Vorfahren »Gott« nannten. Ina Praetorius übernimmt von diesen die Kennzeichnung durch Großbuchstaben, spricht aber vom Anderen, vom Unverfügbaren, vom Dazwischen. (S. 8-9) Sie beschreibt zwei postpatriarchale religiöse Praxen. Zum einen, als bereits geübte individuelle Praxis, das Dasitzen und Sortieren als Einüben ins Jasagen, zum anderen als Vorschlag und Entwurf das gemeinsame Sich-Hinsetzen mit anderen, „wie früher im Gottesdienst“, das Erzählen, Singen, Tanzen, Schweigen – und das „Gespräch […] darüber, was wer als Nächstes mit wem tun sollte, damit das gute Leben mit Scheiße auch an Werktagen gelingt“.  (S. 102-103)

Durch einander – eine neue Erzählung

Der Kritik einer solchen Vorstellung als „Sozialromantik“ hält Ina Praetorius das Beispiel der Wellbeing Economy Governments partnership entgegen, einem Bündnis von Regierungen, die sich am Wohlergehen aller Geborenen orientieren wollen. Zu dessen erstem Arbeitstreffen waren die Regierungschefinnen von Schottland, Island und Neuseeland im Mai 2019 in Edinburgh zusammengekommen und hatten sich auf eine vernachlässigte Tradition im Werk von Adam Smith berufen, „die das Wirtschaften und das Regieren ans Glück der Menschen bindet“. (S. 107-108)

Ina Praetorius endet mit einer Fabel, die sie aus verschiedenen biblischen Erzählsträngen webt: Elemente aus der Geschichte von David und Goliath, wie eine Konfrontation dadurch friedlich endet, dass ein:e Kleine:r eine:n Große:n überrumpelt – und zum Lachen bringt – verknüpft sie mit Elementen aus der Speisung der Fünftausend – wo viele gemeinsam essen und trinken und satt werden. (S. 111-115)

So löst sie ihren Anspruch ein und zeigt ganz praktisch, wie im postpatriarchalen Durcheinander Neues entstehen kann: durch die Arbeit am Symbolischen und eine neue narrative Praxis. Das kleine Buch enthält viel Stoff zum Nachdenken und Weiterdenken. Nicht nur dass Literaturangaben die weitere Vertiefung erlauben. Das Buch geht vor allem weit über Patriarchatskritik hinaus: Es überwindet sie, indem es eine neue philosophische und politische Anthropologie entwirft, aus der heraus auch eine neue Ethik, Wirtschaftsordnung und Religionsausübung (wenn eine die Praxen, die Praetorius beschreibt, so nennen darf) begründet werden. – Damit ermutigt es auch zum Handeln, das bereits in einem neuen Denken und Sprechen bestehen kann, und in der Folge auch in einem neuen Verhalten – zugunsten des guten Lebens aller Geborenen.

Ina Praetorius: Im postpatriarchalen Durcheinander. Unterwegs mit Xanthippe. Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim 2020, 7,50 Euro,

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Erspartes Leiden https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/07/erspartes-leiden/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/07/erspartes-leiden/#comments Mon, 26 Jul 2021 10:13:55 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17606 Wieder einmal dachte ich an Luisa Muraros Text „Freudensprünge“, als ich fast einen Monat lang in einer Kleinstadt in einer nicht von mir gewählten und eingerichteten Wohnung lebte, weil wir die Wohnung meiner Schwiegereltern auflösen mussten. Wegen der Pandemie konnten wir nicht im Hotel wohnen und noch nicht einmal abends Essen gehen. Es war kalt und regnerisch und die Heizung funktionierte nicht, weil die Reparatur sich für den Vermieter vor dem Umbau nicht mehr lohnte.

Während ich mich nach anfänglichem Horror irgendwie doch immer mehr arrangierte, dachte ich voller Mitgefühl an die vielen Ehefrauen im Patriarchat, die selbstverständlich dort hinzogen, wo ihr Mann eine Stelle fand oder wo seine Verwandtschaft dem Paar eine Wohnung zur Verfügung stellte. Es ist noch gar nicht so lange her, dass, auch wenn die Frau ebenfalls berufstätig war, noch nicht einmal die Frage gestellt wurde, ob sie am Wirkungsort ihres Mannes auch eine Stelle finden würde bzw. ob sie dort überhaupt leben wollte. 

Ein kleines Dorf, früher keine Idylle

Ich dachte an meine Mutter, die immer in der Stadt gelebt und sich sehr modebewusst gekleidet hatte, sogar im Krieg. Als mein Vater nach der Gefangenschaft eine Dorfschullehrerstelle bekam, in einem kleinen Dorf ohne befestigte Straßen und ohne Kanalisation, musste sie dort und später in einer Kleinstadt mit einer pietistisch geprägten Bevölkerung leben, in einer Wohnung mit Plumpsklo und Kohleöfen. Ihre Heimatstadt mit ihren kulturellen Angeboten und ihren Freundinnen war zwar nur 50 km entfernt, doch das war unerreichbar weit, denn der Zug war teuer und an ein Auto oder Telefon war noch lange nicht zu denken.

Dass Frauen heute nicht mehr selbstverständlich an einem Ort ihr Leben verbringen müssen, den sie niemals selbst gewählt hätten, ist auch „erspartes Leiden“, ein Grund für Freudensprünge! 

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Ein Jahrhundertleben in Geschichten https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/07/ein-jahrhundertleben-in-geschichten/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/07/ein-jahrhundertleben-in-geschichten/#comments Sun, 25 Jul 2021 10:15:03 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17567 Eine Freundin schenkte mir ein Buch, dreifach wohl verpackt, hübsch anzuschauendes Geschenkpapier mit grossen in verschiedenen Farben und Formen auf weiss platzierten Tupfen, dämmende Hülle, Tüte – vielleicht damit ich es ja nicht vor meinem Geburtstag auspacke, wie sie mir lächelnd nahelegte. Nun, der Geburtstag ist Ende des Monats, jetzt habe ich Zeit und Lust zu lesen, nehme das von ihr beigelegte Gedicht von Hilde Domin mit der Rose als Stütze.

Helga Schubert bei einer Lesung in Ansbach im Juni 2021. Foto: Juliane Brumberg

Und so lese ich drauf los: ‘Vom Aufstehen’ schreibt Helga Schubert, ein Leben in Geschichten. Diese ziehen mich in Bann. Auch wenn die Autorin um einige Jahre älter ist als ich, im Gegensatz zu mir in der DDR aufwuchs, so ist doch vieles vertraut, rührt an die eigene Vergangenheit. Die knappe, kurze, lakonische Sprache enthält Liebe, wurzelt in tiefen Emotionen, Erfahrungen. Vielleicht macht es diese Verdichtung, dass so vieles mitschwingen kann.

Im Altweibersommer enthüllt sich Schubert einer ihrer Gründe fürs Schreiben: die Arbeit draussen ist getan, jetzt kann sie sich zurückziehen, den «Versuchungen der Welt» widerstehen und darauf vertrauen, dass «sich etwas Wichtiges zu einer Geschichte verdichtet».

«Die Geschichte hat etwas herausgehoben aus dem Lebensfluss, das ich nun betrachten kann, mit Freundlichkeit oder Trauer, mit Bewunderung oder Abscheu» (S. 128) Schreiben und sich damit herauswagen ist ein Geschenk, gibt Hoffnung, lässt erkennen, macht verständlich. «Nichts ist klar so oder so, erfahre ich beim Schreiben oder spätestens beim Lesen».

Ja, so ist es, wie gern hätten wir Eindeutigkeiten, doch sind die selten zu haben und welchen Preis tragen sie?

Helga Schubert zeigt einen Teil ihrer inneren, unveräusserlichen Schätze, gesammelt in einem langen Leben (Jahrgang 1940). «Ich komme beim Älterwerden auch langsam aus der Zukunft an, ich nehme Abschied von den Aussichtstürmen, die ich nie besteigen, den warmen Meeren, in denen ich nie baden werden, den Opernhäusern, den Museen in fernen Hauptstädten, der Transsibirischen Eisenbahn, in der ich nicht schlafen werde.»

Dieses Ankommen, zurück kehren aus der Zukunft lernen wir beim Älterwerden. Das Alter präsentiert viele Abschiede: reale, wenn Menschen in der Umgebung sterben, gedachte, wenn Sehnsüchte und Pläne nicht mehr in die verbleibende Zeit passen.

Mit der letzten Geschichte ‘Vom Aufstehen’, die dem Buch den Titel lieh und in der sie über die problematische Beziehung zwischen Mutter und Tochter schrieb, gewann Helga Schubert im vergangenen Jahr den Ingeborg Bachmann Preis in Klagenfurt – im Alter von 80 Jahren!

Helga Schubert: Vom Aufstehen – Ein Leben in Geschichten, dtv München 9. Auflage 2021, 221 Seiten, 22 €.

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Mit dem Wasser kommt die Hilfsbereitschaft https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/07/mit-dem-wasser-kommt-die-hilfsbereitschaft/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/07/mit-dem-wasser-kommt-die-hilfsbereitschaft/#comments Thu, 22 Jul 2021 20:34:26 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17576 Disclaimer: Ich gönne allen Betroffenen jegliche Art von Unterstützung und wünsche jedem und jeder Betroffenen, diese Zeiten nicht allein durchstehen zu müssen. Und natürlich fühle ich mit den Opfern des Hochwassers, die vor dem Trümmerhaufen stehen, der letzte Woche noch ihre Wohnhaus und ihre Altersvorsorge war. Ganz zu schweigen von der Tragödie, dass so viele Menschen ihr Leben verloren haben. Doch zu der Erschütterung kommt noch ein anderes Gefühlsdurcheinander, das mich seit dem Elbhochwasser 2002 immer wieder einholt und auch diesmal pünktlich eingetroffen ist.

Die Erlebnisse des Tages und die Angst um Haus und Hof werden beim gemeinsamen Abendessen geteilt. Ob die Deiche halten werden, weiß hier niemand. (Bild: Kathleen Oehlke)

Wieder ist Hochwasser, wieder fördert es eine überwältigende Welle der Solidarität und Hilfsbereitschaft zutage. In Fernsehinterviews und Zeitungsberichten werden immer wieder Opfer der Flutkatastrophe gezeigt, die wahlweise gerührt, froh, erstaunt und/oder überrascht sind darüber, dass Wildfremde Geld oder Essen spenden, mit dem Bagger anrücken oder auf sonst irgendeine Art helfen. In Gruppen von Anwohner:innen bestätigt man sich darin, dass „wir hier zusammenhalten“, uns „in diesen schweren Stunden zur Seite stehen“, „man sich doch noch aufeinander verlassen kann, wenn es drauf ankommt“. Parallelen finden sich auch in Medienberichten und Gesprächen aus den ersten Monaten der Coronapandemie: Was waren die Leute erstaunt, wie toll die Nachbarschaftshilfe funktioniert und dass da „doch noch ein gewisser Zusammenhalt“ war.

A propos Zusammenhalt. Früher, heißt es oft in verklärendem Tonfall, war da ja mehr Zusammenhalt (in der DDR z.B.), oder auch „da wurde noch richtig zusammengehalten“. Zusammenhalt als Substantiv oder wenn als Verb, dann im Passiv. Als wäre vielen gar nicht klar, dass zusammenhalten ein Verb ist, das auch aktiv gebraucht werden kann. Etwas, das man tut. Etwas, wofür sich jede und jeder entscheiden kann, auch abseits von Hochwassern und anderen Katastrophen. „Wir halten zusammen!“

Auch beim Sprichwort „Wahre Freunde erkennt man in der Not.“ meldet sich bei mir ein innerer Protest. Dass in Notsituationen geholfen wird, sollte in einer Gesellschaft doch das absolute Minimum sein. Abgesehen davon ist Hilfsbereitschaft so ganz uneigennützig auch nicht unbedingt immer. Helfen fühlt sich ja gut an. Aber ich schweife ab. Ich meine, wahre Freund:Innen erkennt man daran, dass sie im Alltag da sind und auch die guten Momente teilen. Oder dafür sorgen, dass die guten Momente möglich sind. Oder dass durch eine nachhaltige und sozial verträgliche Lebensweise Notsituationen soweit wie möglich rechtzeitig vermieden werden. Das macht sich allerdings nicht so gut für ein Sprichwort.

Aber was ist das bitte für eine Gesellschaft, in der erst in Notsituationen ein Gefühl der Verbundenheit entsteht? Und was ist da an den ganzen anderen Tagen? (Mir ist bewusst, dass es viele Menschen gibt, die sich aus dem Staub machen, wenn es schwierig wird, oft genaug auch schon rechtzeitig vorher. Um die geht es hier aber nicht.) Es muss ja einen Grund haben, dass es so schleppend vorangeht mit Ansätzen wie der Gemeinwohlökonomie, dem Bedingungslosen Grundeinkommen der Care-Revolution oder einer Stadtentwicklung, die Inklusion mitdenkt, kurz: mit dem ‚guten Leben für alle‘. Wie stark gerade politische Akteur:innen oder auch Stadtentwickler:innen das Angewiesensein auf andere teilweise noch immer ausblenden, ist häufig am eigenen Leib zu spüren. Ich denke an zu wenige Toiletten im öffentlichen Raum, noch immer viel zu viele Barrieren und Behinderungen für Menschen mit körperlichen Einschränkungen, Krankenhäuser, die Gewinne erwirtschaften müssen usw. Ich denke auch an die Menschen, die in ständiger Existenzangst, unzumutbaren Arbeitsverhältnissen und krankmachenden Beziehungen leben. Wo ist da der Zusammenhalt? Zu körperlichen und seelischen Krankheiten kommen bei vielen existenzielle Nöte. Menschen, die für andere sorgen, haben in vielen Fällen nicht nur kein ausreichendes Einkommen, sondern auch noch schlechte Arbeitsbedingungen. Jeden. Einzelnen. Tag. Und dann kommt plötzlich ein Hochwasser, gemeinsam werden Sandsäcke gefüllt und aufgeschichtet, es wird gehofft und gebangt und später zusammen aufgeräumt und wieder aufgebaut. Und sich darüber gefreut, dass „man“ ja eben doch noch zusammenhält, wenn es hart auf hart kommt. Heißt das im Umkehrschluss, „wir“ brauchen solche Katastrophen, um zumindest alle paar Jahre eine Art von Zusammenhalt zu spüren, auf den Menschen psychisch ja auch irgendwie angewiesen sind? Dass ein solidarisches Miteinander im Alltag nicht reicht und deshalb gar nicht erst gelebt wird?

Und was macht es mit den Betroffenen, dass in der Not Fremde Geld für neue Möbel spenden? Oder dass möglicherweise zurückgenommene Soforthilfeprogramme (dem Wahlkampf sei Dank?) dann doch wieder aufgenommen werden? Ich würde hoffen, dass Menschen, die durch eine Überschwemmung auf brutale Weise an ihre Verletzlichkeit erinnert werden, eine bessere, sicherere Zukunft gestalten wollen. Das könnte sich theoretisch im Wahlverhalten widerspiegeln. Parteien, die zumindest an Daseinsvorsorge denken oder den Klimaschutz im Programm haben, gibt es ja. Und wie wurde in den letzten 25 Jahren gewählt? Im Oderbruch war 1997 Land unter. Das Elbhochwasser von 2002 hat Teile Sachsens verwüstet, 2013 nochmal…. Hochburgen der Grünen, der Linken, oder meinetwegen der SPD, sind diese Regionen auch danach nicht gerade geworden, vorsichtig ausgedrückt. Und jetzt kommt mein Ärger. Mir geht durch den Kopf: „Immer schön SUV fahren und rückwärtsgewandte Parteien wählen. Aber wenn das Kind dann buchstäblich in den Brunnen gefallen ist, die gegenseitige Hilfsbereitschaft preisen.“ Zynismus hilft nur leider auch nicht weiter.

Beim Elbhochwasser 2002 war ich als Feuerwehrfrau mit den anderen Feuerwehrleuten im ansonsten evakuierten Dorf geblieben. Wie füllten Sandsäcke, warteten und hofften, saßen abends noch beim Essen zusammen und tauschten uns über die Geschehnisse des Tages aus, die wir zusammen erlebt hatten. Es ist nochmal gutgegangen damals. Für uns. Für viele andere nicht. Die Einnahmen des Dorffestes spendeten wir an Flutopfer in Sachsen. Wir hatten das volle Programm: Glück, Zusammenhalt, Erleichterung, ein gutes Gefühl ob des gespendeten Geldes. Geblieben ist die Erinnerung an diese Zeit, in der wir zusammengestanden haben. Ich habe das Dorf später aus anderen Gründen verlassen. Meine Ehrenurkunde habe ich nicht mitgenommen. Ich will jeden Tag Zusammenhalt und ein gutes Leben und zwar für alle. Das Unbehagen, das ich damals und seither bei jedem Bericht über eine weitere Katastrophe tief in mir spüre, kann ich erst jetzt richtig fassen.

Spätsommer 2002: Was bleibt, wenn die Sandsäcke wieder trocken sind? (Foto: Kathleen Oehlke)
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Der Kopf muss an den Körper ran (und in ein unbequemes Bett?) https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/07/der-kopf-muss-an-den-koerper-ran-und-in-ein-unbequemes-bett/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/07/der-kopf-muss-an-den-koerper-ran-und-in-ein-unbequemes-bett/#comments Tue, 06 Jul 2021 07:57:24 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17504 Der Unterschied zwischen Dichtung und Rhetorik/ ist die Bereitschaft/ dich selbst/ zu töten/ statt deine Kinder.

erste Zeilen aus dem Gedicht “Macht” von Audre Lorde; in: Macht und Sinnlichkeit ([1983] 1986), S. 109

Abbildung: rawpixel.com

Auf der Denkumenta 2019 gab es in der PowerPoint-Präsentation eines Vortrags symbolische Abbildungen von Menschen. Nach dem Vortrag wurde angemerkt, dass zum einen viel mehr Männersymbole genutzt worden waren, obwohl Frauen gleichermaßen oder sogar mehr gemeint waren. In dem dabei entstehenden lachenden Meinungsgewühl rief plötzlich eine Teilnehmerin: “Und der Kopf muss an den Körper ran!” Sie bezog sich darauf, dass Symbole in der Präsentation verwendet wurden, bei welchen der Kopf ein paar Millimeter über dem restlichen Körper schwebt. Der Einwurf wurde mit viel Zustimmung und weiterem Lachen quittiert. Er ist für mich zu einer Art Symbol geworden immer dann, wenn ich über das Verhältnis zwischen Wissen und Verstehen und Handeln nachdenke. Wir wird Wissen in Verstehen umgewandelt, entsteht Letzteres überhaupt notwendigerweise aus Ersterem, und welches Wissen bringt Menschen ins Handeln?

Ich fühle, also kann ich frei sein (Audre Lorde)

Ich erinnerte mich an einige interessante Aussagen zu Wissen und Verstehen von Audre Lorde, die ich in dem kleinen Büchlein Macht und Sinnlichkeit (1983) vor einiger Zeit gelesen hatte. Und ich las ergänzend dazu noch ihren Artikel “Vom Nutzen der Erotik: Erotik als Macht” (In: Sister Outsider 2021). Sie unterscheidet zwischen “Belege”-Wissen einerseits und einem “echten” oder auch “intuitiven” und “spontanen” Wissen andererseits. Letzteres zeige sich beispielsweise “in der Aussage, etwas fühle sich ‘richtig an’; dieses Gefühl ist das erste und hellste Licht auf dem Weg zum Verstehen.” (“Vom Nutzen der Erotik”, S. 55)

Das “spontane”, “intuitive”, oder auch das “echte” Wissen ist der Wahrnehmung nahe. Über diese Art von Wissen schreibt sie weiter: “[Das Denken] war wirklich ein mysteriöser Vorgang für mich. Und letztlich einer, dem ich misstraute, weil ich gesehen hatte, wie viele Irrtümer in seinem Namen begangen wurden – und so hatte ich den Respekt dafür verloren. Auf der anderen Seite macht mir das Denken aber auch Angst, denn inzwischen war ich zu einigen unausweichlichen Schlussfolgerungen oder Überzeugungen über mein eigenes Leben und meine Gefühle gelangt, die dem Denken spotteten. Und ich war nicht bereit, sie aufzugeben. Sie waren zu kostbar für mich. Sie waren mein Leben. Nur dass ich sie nicht analysieren und verstehen konnte, weil sie nicht die Art und Logik ergaben, die ich – nach allem, was man mich gelehrt hatte – vom Verstehen erwarten durfte. Es gab Dinge, die ich wusste und nicht ausdrücken konnte – ich konnte über sie nichts sagen, aber ich wusste sie. Nur verstehen konnte ich sie nicht. ” (Macht und Sinnlichkeit, S.34)

Ich denke, auch Peter Levine, Biologe, Physiker, Psychologe und Traumaforscher, bezieht sich auf dieses Wissen, wenn er schreibt: “Wenn wir Kinder fröhlich miteinander spielen oder morgens Tautropfen auf einem Grashalm funkeln sehen, wissen wir […] auch ohne Erläuterungen eines Nobelpreisträgers, dass das Leben mehr ist als lediglich die Summe seiner chemischen und physikalischen Teile. Doch woher wissen wir das? Wir wissen es, weil wir es fühlen. Wir fühlen in einem vitalen, empfindenden, pulsierenden, wissenden Körper, was es heißt, lebendig und real zu sein. Wir erfahren uns als lebendige Organismen.” (Sprache ohne Worte, S. 347; Hervorh.i.O.)

Dieses “echte”, “spontane” oder auch “gefühlte” Wissen würde ich im ganzen Körper verorten; so wie auch das entsprechende Verstehen keinen richtigen Sitz hat; es sind vielmehr Körper-Nomaden, unruhig, immer auf der Suche, ein dynamischer, fluider, immer in Bewegung befindlicher Strom an Empfindungen und Gedanken von der Kopfdecke bis zur Fußsohle. Um etwas verstehen zu können, muss in meinem Verständnis der ganze Körper befragt werden; Wissen muss also auf die Reise durch den Körper geschickt werden.

“Echtes” Wissen und Verstehen brauchen Intuition und das vielgerühmte Bauchgefühl. Intuition aber wiederum bildet sich unter anderem aus vorgänglich durch den Körper geschickten Verstehensprozessen und merkt sich unter anderem auch Körperbeschlüsse, die von vielen Körperorten über die gesamte bisherige Lebensdauer als “gut und richtig” befunden wurden.

Peter Levine schreibt zu Intuition und Bauchgefühl: “Wir alle haben in unserem Leben schon einmal die Erfahrung gemacht, dass wir etwas ‘aus dem Bauch heraus wussten’. Ohne dass die Dinge einen ‘logischen’ Sinn ergaben, ja, oft sogar jeder Logik widersprachen, wusste wir einfach, dass sie richtig waren. Wenn wir diesem Bauchinstinkt nicht folgten, hatte das oft unangenehme Folgen. Wir bezeichnen diese Form der Vorahnung als ‘Intuition’. Ich glaube, Intuition beruht auf der nahtlosen Verbindung von instinktiven Körperreaktionen und Gedanken, inneren Bildern und Wahrnehmungen. Wie dieses ganzheitliche ‘Denken’ funktioniert, bleibt (obwohl es darüber viele Spekulationen gibt) ein Mysterium, was auch in den Schriften des homöopathischen Arztes Dr. Rajan Sankaran deutlich wird: ‘Empfindung ist der Verbindungspunkt zwischen Geist und Körper, der Punkt, an dem physische und mentale Phänomene dieselbe Sprache sprechen, wo die Grenzen zwischen diesen beiden Reichen fallen und man tatsächlich wahrnehmen kann, was für das ganze Wesen wahr ist.’ Das ist die Essenz tiefer Intuition.” (Sprache ohne Worte (2010), S. 340)

Ich denke, also bin ich

Abbildung: flaticon

Mit dem “Belege”-Wissen verhält es sich anders. In einer meiner sehr einfachen und sicher pauschalisierten Vorstellung ist der Sitz des “Belege”-Wissens zunächst einmal ausschließlich der Kopf. Auch Wissensaneignung spielt sich im Kopf ab. Und “Belege”-Wissen ist auch nicht immer “gut und richtig”; Wissenschaft unterliegt Mythos und Ideologisierung, das hat u.a. Evelyn Fox Keller in Liebe, Macht und Erkenntnis (1985) eindrücklich herausgearbeitet. Wahrscheinlich meinen wir auch eher dieses “Belege”-Wissen, wenn wir sagen, “Wissen ist Macht”, denn es sind gerade diese Wissensformen, das als kulturelles Kapital und (machtvolles) Distinktionsmittel genutzt werden.

Und deswegen möchten die meisten Menschen gern viel wissen. Die Klimakrise, um die es mir – wie schon öfter zuvor in meinen Texten und sicherlich auch nicht das letzte Mal – gehen wird, ist von einer so motivierten Wissensaneignung nicht ausgeschlossen. Meine Unruhe resultiert aus einem Nichtverstehen folgenden Moments: Wenn ich an Ver- und Bekannte und Freund*innen, die nicht in irgendeiner Form klimaaktiv sind, Informationen, Texte, News, wasauchimmer zur Klimakrise weiterleite oder sich im Verlaufe einer Unterhaltung ein Klimathema ergibt, dann bekomme ich oft eine Rückmeldung dieser Art: “Ja, das habe ich schon gelesen” oder “Ja, das weiß ich schon”. Und interessanterweise ist es dann oft so, dass jene, die am meisten über die Klimakrise wissen – oft mehr als ich – am wenigsten mit mir über die Möglichkeiten eines eigenen politischen Handelns und somit körperlichen Involviertwerdens nachdenken wollen.

Das Gespräch verläuft sich zumeist dann, wenn alles Wissen erschöpfend ausgetauscht wurde. Manchmal frage ich in diese Stille am Ende hinein, warum dieses Wissen die Person nicht aktiviert. Dann kommt meistens – oft im Rechtfertigungsmodus – eine lange Auflistung all der Dinge, die die Person im Privaten schon macht; oder warum es gar nichts (mehr) bringt, etwas zu tun; oder warum es der Person nicht möglich ist, aktiv zu werden; oder warum es nicht ihre Aufgabe, sondern “Aufgabe der Politik” sei, etwas zu tun. Symptomatisch hierfür ist folgendes Erlebnis: Einmal fragte ich zwei mir bekannte Jungs im Alter von etwa 10 und 12 Jahren, ob sie mit zum globalen Klimastreik am Freitag kämen. Sie hatten eigentlich leuchtende Augen, aber sie drucksten herum, bis ihre Mutter hinzukam und meinte, sie müssten erstmal lernen, den Müll ordentlich zu trennen, bis sie auf eine FFF-Demo gehen dürften.

“Ich bin links/grün” versus “Ich kämpfe für …”

Dazu passt, was Dietmar Dath über sich politisch “links” (und “grün”, würde ich ergänzen) einordnende Menschen schreibt:

“Die eigentlich öffentlichen Belange, etwa die politischen, aber werden zu Fragen des Innenlebens, der Einstellung, des Gefühls etc. umgebogen, sodass die vom Syndrom betroffenen Menschen auch gegenüber politisch tätigen Leuten, etwa Entscheidungsträgern und Machthabern, die Sorte Verhältnis pflegen, die bei Freud zwischen Introjektionen und Ich-Instanzen, Projektionen, Übertragungen, Fantasien und libidinösen Energien waltet. Es kommt also etwa darauf an, dass ich mein ökologisches Bewusstsein durch das Auswaschen meines Joghurtbechers demonstriere, und der Einwand, dass niemand so viele Joghurtbecher auswaschen kann, dass es nicht mehr nötig wäre, große Chemiefirmen daran zu hindern, den Planeten in einem Ausmaß zu versauen, das keine individuelle Ökobußübung ausgleichen kann (und wären alle Kleinbürgerinnen und Kleinbürger damit beschäftigt), erreicht mich gar nicht mehr. Eine Partei wie die GRÜNEN ist zunächst ein Gefühl, die Stimmung eines Milieus, keine Organisation zur Durchsetzung eines Programms, sonst hätte sie spätestens nach ihrer ersten bundesdeutschen Regierungsbeteiligung bei ihrer Stammwählerschaft erledigt sein müssen, als aus ‘ökologisch, sozial, gewaltfrei’ geworden war: Dosenpfand, Hartz IV, erster Kriegseinsatz der Bundeswehr. Was diese Leute tun, ist egal, solange sie das bleiben, was sie sind – die Zustimmungsempfangseinrichtungen anderer, die ‘links sind’, müssen auch ‘links sein’, mehr und anderes ist nicht verlangt, […].” (Niegeschichte, S. 460)

Zuvor beschreibt er, was heute “links sein” bedeutet:

“Man sagt […], ‘ich bin links’ statt ‘ich kämpfe für den Sozialismus’, und auch wenn Letzteres nicht unbedingt klüger oder wirklichkeitshaltiger war, weil es zum Beispiel oft nicht mehr bedeutete, als dass jemand Zeitungsartikel oder Flugblätter schreibt, Demonstrationen besucht und an Diskussionen teilnimmt, so kennt es doch noch einen Unterschied zwischen einer Person, einem sachlichen Ziel (‘Sozialismus’), während ‘ich bin links’ das alles loslässt und sich die Erlösung vom irdischen Übel nach dem Muster der buddhistischen Auflösung der leidenden Person im Nirwana zu denken scheint, im ‘Sein’ eben, wie der Nazibuddhist Martin Heidegger seine eigene Gouache aus ineinander verschmierten Inner und Outer Space nannte.” Dath spricht bei dieser “Verwandlung” von “für den Sozialismus kämpfen” zu “Linkssein” von einem “Zusammenbruch der Vermittlung”; Ziel dieses Zusammenbruchs sei “Leidensablass, Überwindung dessen, was man kaum aushält, nämlich, dass man sehr viel weiß, aber nichts tun kann – Aufklärung wird Mythos, sagen Adorno und Horkheimer dazu” (Niegeschichte, S. 459).

Und auch Dietmar Dath bringt sodann noch die psychologische Ebene rein, indem er mit Leon Festinger von “kognitiven Dissonanzen” spricht, “die reduziert werden müssen, wenn eine Vermittlung von Außen und Innen, Handeln und Wissen nicht mehr gelingt.” (Niegeschichte, S. 462)

Peter Levine befasst sich auch mit der Unfähigkeit von Menschen, tief ins Innere ihres Körpers hineinzuspüren, was zu einer Entkörperung führt, wodurch wiederum die Grundinstinkte verzerrt werden können (vgl. Sprache ohne Worte, S. 343). Wenn er davon spricht, dass die (betroffenen) Menschen dann zu einer Verkörperung zurückfinden müssen, muss ich spontan an Donna Haraways Aufruf zur (Wieder-)Verweltlichung denken (hier schrieb ich u.a. darüber). Das Ganze sehen und fühlen zu können, betrifft eben nicht nur die Welt, sondern auch den eigenen Körper.

Für mich zeigt sich diese Form des Zusammenbruchs der Vermittlung in dem schulterzuckenden Endes des Gesprächs zur Klimakrise. Denn meinem Empfinden nach müsste der Inhalt des Besprochenen einen Sturm auslösen, heiß und unruhig müsste es werden im Körper, unter den Füßen, in eine Aufbruchstimmung führen.

Allerdings ist sicher richtig – aber das betrachte ich in diesem Artikel nicht –, dass viele Ausreden keine Ausreden sind. Woher sollen z.B. Mütter von Klein- und mittelgroßen Kindern neben Lohnarbeit; Hausarbeit und Pflege der Partner*innen- und Freund*innenschaften noch die Zeit und Kraft hernehmen, um in der Klimabewegung aktiv zu werden? Ich habe in den letzten zwei Jahren viele daran scheitern sehen; es lag oft nicht am Willen, sondern daran, keine Superwoman zu sein. Jeder Versuch – egal wie lang er manchmal gut geht – wird irgendwann mit Burnout-Formen quittiert. Das Problem ist längst erkannt; zuletzt hat Gabriele Winker den Zusammenhang zwischen Care und Klima verdeutlicht (hier habe ich eine Zusammenfassung ihres Buches geschrieben).

Das Fehlen von Zeit und Energie sind aber eben nicht die einzigen Gründe, warum nicht in den Aktivmodus gewechselt wird. Immerhin gibt es ja auch viele Menschen im Rentenalter, die durchaus Zeit und Energie aufbringen könnten. Und wenn junge oder mittelalte Menschen – durchaus auch in der beruflichen und familiären Rush Hour des Lebens – erleben würden, dass Klimaaktivismus für sie möglicherweise mehr self care- Gefühle weckt als eine kerzenreiche Badewannensession, dann könnten auch sie Wege ins politische Aktivsein finden. Ich will beides aber nicht gegeneinander ausspielen (viel lieber würde ich dann ja einige bullshittige Lohnarbeiten in Frage stellen wollen), nur möchte ich darauf hinweisen, dass derartiges politisches Engagement nicht nur Energie kostet und noch eine Badewannensession extra vonnöten macht, sondern dass bei richtiger Tätigkeit und netter Gruppe so viel Liebe und Glück fühlbar wird, dass es die Glücksgefühle von self care-Momenten sogar übertrumpfen kann.

Als könnte man das Leben auf die eine Art betrachten und auf die andere Weise leben (Audre Lorde)

Ich nähere mich noch einmal dieser “zusammengebrochenen Vermittlung zwischen Wissen und Handeln”, die mich interessiert: wie lässt sie sich thematisieren? Oder erstmal so gefragt: Wozu dient den Menschen eigentlich die Aneignung von Faktenwissen zur Klimakrise, wenn es nichts direkt mit ihrer Lohnarbeit zu tun hat? Mein Eindruck ist, dass sich viele Menschen ein oftmals dezidiertes Detailwissen wie eine Art kulturelles, intellektuelles Schutzschild umlegen, das sie vor tieferen Tauchgängen in von ihnen wirklich wahrgenommenen, also gefühlten Sphären des Politischen schützt, so kommt es mir vor, á la “Ich weiß das alles, also do not touch me!”

Audre Lorde sagt in dem Interview mit Adrienne Rich in Macht und Sinnlichkeit: “[…] Belege helfen nicht wahrnehmen. Sie helfen dir bestenfalls, Wahrnehmungen zu analysieren. Und schlimmstenfalls schirmen sie dich davor ab, dich auf deine eigentliche Eingebung zu konzentrieren und ihr in die Tiefe zu folgen, um zu sehen, wie sie sich wirklich anfühlt. Wieder einmal Wissen und Verstehen! Sie können Hand in Hand gehen, aber sie ersetzen sich nicht.” (S. 53) Dieses Wissen könne zu Scheuklappen führen und nutzlos sein. Braucht es also ein detailliertes Faktenwissen zur Klimakrise gar nicht, um Prozesse des Verstehens und Handelns im Körper auszulösen?, wäre dann die provokative Frage. Und was dann?

Ich gehe noch einmal von mir aus: Ich eigne mir Wissen aus unterschiedlichen Motivationen heraus an. Manches eigne ich mir mit Leidenschaft und Liebe und aus einem inneren Drang heraus an, und dieses Wissen bereichert mich dann in der Art, dass es mein emotionales und mentales und kognitives Fundament vergrößert und zumeist mein “echtes”, “intuitives” Wissen stützt. Und anderes Wissen eigne ich mir an, weil ich es für die Arbeit brauche, weil es gerade aktuell ist, weil alle Freund*innen eine Meinung dazu haben, also muss/will ich das auch; oder weil ich up to date sein will oder sein muss; oder weil ich auch wirklich das Thema “ganz generell” wichtig finde, auch wenn es mich nicht im Innersten berührt.

So gesehen gehen übrigens auch das faktenbasierte Klimakrisenwissen und ich eine sehr ungünstige Allianz ein: ich möchte mir das Wissen eigentlich nicht aneignen. Zum einen belastet mich das Wissen um die Zerstörung sehr und lässt mich oft eher in depressive, passive als in aktivierende Moods und Modi fallen. Zum anderen mag ich es einfach nicht, Sachen, Fakten, aber auch Argumente, Rhetorik, Regeln auswendig zu lernen. Ich habe dann immer das (an Schule und die nervigen Seiten vom Studium erinnernde) Gefühl, ich müsste für eine Klausur lernen, und die Lerninhalte interessieren mich nur für eine gute Note oder für’s Bestehen, darüber hinaus – etwa “für’s ganze Leben” – sicher nicht. Da ich als eine Parents for Future im September auf einer Podiumsdiskussion eingeladen bin, überlege ich mal wieder, ob ich einen von den For-Future-Bewegungen angebotenen Workshop besuche, in welchen Aktivisti lernen, mit Politiker*innen zu sprechen. Manchmal darf ich nicht genauer darüber nachdenken, wie absurd mir das eigentlich vorkommt. Ich schrieb schon einmal in einem anderen Zusammenhang über “die Sprache als Waffe”, und sehr viel in mir rebelliert gegen diese Art von Sprachverwendung.

Und ich habe mich auch schon öfter gefragt, was das denn eigentlich für meine Wissensvermittlung auf der Straße zum Beispiel zu bedeuten hat, wenn ich dort mit Wissen hantiere, das schon ich mir ungern aneigne, und wie ich denn dann wirksam und “von Herzen” die Inhalte anderen Menschen so vermitteln soll, dass sie im besten Falle aktiv werden.

Die Mobilmachung der Happyland-Systemgrenzen

Was passiert, wenn “Belege”-Wissen und “echtes” Wissen im Sinne Audre Lordes aufeinandertreffen? Zum einen kann es sein, dass das Fakten- oder “Belege”-Wissen diesem meinem “echten” Wissen attestiert, dass es “falsch” ist. Audre Lorde sagt, dass genau dieses Attest, dieses Sich-nicht-Wiederfinden in der sie umgebenden Realität zu einer jahrelangen Sprachlosigkeit geführt hat. In “Vom Nutzen der Erotik” schreibt sie, dass wir gelernt haben, “das Tiefste in uns mit Misstrauen zu betrachten. Genau auf diese Weise lernen wir, uns gegen uns selbst zu stellen – gegen unsere Gefühle.” (S.50)

Das “Belege”-Wissen um die Klimakrise widerspricht aber nun meinem “echten” Wissen nicht; es bestätigt dieses vielmehr. Es sagt laut und deutlich: Die Klimakrise ist mitten unter uns. Es sagt mir, dass unsere Art zu leben unsere Lebensgrundlagen zerstört. Nun frage ich mich, wie das “intuitive”, “echte” Wissen anderer Menschen auf das “Belege”-Wissen reagiert. Ich habe das Gefühl, die kognitive Dissonanz entsteht dadurch, dass viele ihr “echtes” Wissen nicht gern zu diesem Faktenwissen in Beziehung setzen möchten; sie müssten das Faktenwissen dafür ja auf die Reise durch den Körper schicken – u.a. auch zum “echten” Wissen. Das gibt ihnen das Gefühl, dass Kopf und Körper überfordert würden. Das wäre wahrscheinlich auch nicht nur ein Gefühl, sondern diese Wissensreise könnte tatsächlich zu Übelkeit usw., aber dann auch zu einer Mobilisierung und zu Veränderungswillen führen. Damit genau das nicht passiert, geschieht hier die ungesunde Aufspaltung; der Kopf wird also fein säuberlich vom Körper getrennt. Das Wissen – sollte es einmal aus Versehen den Weg in den Körper gefunden haben – wird wieder relativ gewaltvoll aus dem Körper gezerrt und zurück in die hinterste Kopfschublade gestopft und einmal mehr mit einem Zettelchen versehen: “Bitte zukünftig nicht mehr durch den Körper schicken, bitte jegliche womöglich wiederauftretenden Sende-Informationen ignorieren, verzerren, vergleichgültigen, relativieren, … Im Namen der Gesundheit und des Willens zum Verbleib in Happyland (ich entlehne den Begriff von Tupoka Ogette aus Exit Racism).”

Entscheiden sie sich dann doch anders und wollen das Faktenwissen mit ihrem echten Wissen in Einklang bringen, so stoßen sie nun plötzlich an bisher nie erfahrene und wahrgenommene, aber weiterbestehende Happyland-Systemgrenzen. Und diese Grenzen machen massiv mobil: sie versuchen von nun an, die Sich-verändern-Wollenden immer wieder hübsch in ihre althergebrachte Systemlaufbahn zurück in der Systemmitte zu bringen. Wer hat die Energie und den Mut und die (auch finanziellen) Ressourcen und dazu noch einen Ideenkatalog, auf dem “Strom drauf” ist (siehe “Begehren” im ABC des guten Lebens, hier eine Rezension von Chiara Zamboni), um gegen diese sich in allen Lebensbereichen abspielende Mobilmachung anzugehen?

Das echte und das metaphorische (un-)bequeme Bett

Seit ich vor etwa zwei Jahren ein paar Bücher von und über Alexandra Kollontai gelesen habe, muss ich ständig über folgende Aussage einer ihrer Protagonistinnen – sicher hieß sie Wadja – nachdenken (ich habe lange in meinen Büchern von ihr gesucht; leider habe ich diese Stelle nicht wiedergefunden; ich nehme daher an, es war ein ausgeliehenes Buch): diese sagt bei Betrachtung ihres unbequemen, Schmerzen verursachenden Bettes, dass sie sich dennoch kein bequemes Bett wünscht, weil sie sonst nicht davon hochkäme und nicht kämpfen würde für den Sozialismus. “Sozialismus” bedeutete für sie, für ein gutes Leben für alle Würdeträger*innen dieser Welt zu kämpfen. Das hatte mich nicht nur deshalb so stark berührt und zwickt und knapst seitdem ständig an mir, weil ich just, als ich das Buch las, mit meinem Mann ein wahnsinnig großes und bequemes Bett gekauft hatte. Schon allein deswegen habe ich ihr in den letzten zwei Jahren widersprochen: “Nein Wadja, der Mensch braucht ein bequemes Bett, denn nur mit gutem Schlaf und tiefen, mir so wichtigen Träumen sind gute energiegeladene Taten und Tätigkeiten am Tag möglich! Und außerdem, bei mir ist das so: je bequemer das Bett, desto länger kann ich darin umso unbequemere Bücher lesen und seltsame Gedanken denken!” Und dann sehe ich aber im wohlhabenden, westlichen Teil der Welt all die bequemen Betten, Sofas, Autositze, Flugzeugsitze, Bürostühle, Bürobälle, bequeme Sitzgelegenheiten… überall!! Sitzen und schlafen wir vielleicht doch viel zu bequem, um uns die weltbewegenden Fragen von dort aus wirklich nicht mehr stellen und bearbeiten zu können? Hat Wadja recht?

Wie um mir für diesen Artikel noch einen Gefallen zu tun, hat auch Audre Lorde in “Vom Nutzen der Erotik” das Bett erwähnt, sie schreibt: “Unser gesamtes Tun zielt darauf ab, unser Leben und das unserer Kinder zu erleichtern und zu bereichern. Indem ich das Erotische in all meinen Bemühungen feiere, wird meine Arbeit zu einer bewussten Erfahrung, zu einem langersehnten Bett, in das ich mich dankbar hineinlege und aus dem ich ermächtigt wieder aufstehe.” (S. 53) Die Arbeit an der bewussten Erfahrung, am echten Wissen, wird also zu einem metaphorischen Bett. Die harte Arbeit, von der Alexandra Kollontai Wadja sprechen lässt, ist bei Audre das Bett. Und diese Arbeit ist zwar sicher auch für Wadja voller Erotik, aber sie kann eben auch unbequem und ungemütlich sein, so wie ihr echtes Bett. So gesehen ergänzen sich die beiden Denker- und Versteher- und Handlerinnen: es ist zunächst einmal unbequem, Körpererfahrungen und “echtes” Wissen zuzulassen und dann aktiv zu werden. Aber wenn diese Hürde genommen ist, werden wir das Zulassen der Verbindung zwischen den beiden Wissensformen, zwischen “Geist und Körper”, wie es Peter Levine und Rajan Sankaran ausdrücken, und die daraus entstehenden Erfahrungen als “langersehntes Bett” empfinden.

Peter Levine schreibt passend hierzu: “Wenn wir unserem Körper Aufmerksamkeit schenken, wenden wir das beste Werkzeug an, das uns für die Auflösung verschiedenster körperlicher, emotionaler und psychischer Symptome zur Verfügung steht. Solche eine ‘Kur’ ist jedoch keine Behandlung im traditionellen Sinne. Es geht hier nicht um die bloße Linderung von Beschwerden, sondern vielmehr um das Einlassen auf Bereiche unseres Seins, die uns fremd sind und mit denen wir uns lieber nicht beschäftigen wollen – Teile von uns, von denen wir uns abgeschnitten haben und die wir an irgendeinem Punkt unseres Lebens ‘beschlossen’ haben, aus unserer Sicht zu verbannen und nicht mehr daran zu rühren. Sie verbergen sich in der Welt der ‘Nicht-Erfahrung.” (Sprache ohne Worte, S. 352)

Klimakatastrophe ok, aber bitte mit Sahne

Viele sagen, es müsse erst wieder ein Katastrophe kommen, dann würde es wieder mehr Menschen in der satten, westlichen Welt geben, die ihre bequemen Betten für die Arbeit an “echtem”, “spontanem”, “intuitivem” Wissen nutzen. Wenn ihr Haus in den Fluten versinkt oder die Wohnung im Dachgeschoss wegen Hitze nicht mehr bewohnbar ist (2050 wird es in der Region um Stuttgart ca. siebzig Tage im Jahr wärmer als 30 Grad werden, hier nachzuhören – der Beitragstitel ist passenderweise “Es wird bald sehr ungemütlich werden” –; gut geeignet, um das “Belege”-Wissen zur Klimakrise weiter auszubauen), dann nutzt auch kein bequemes Bett darin, dann wird es ganz unmetaphorisch richtig unbequem und ungemütlich. Gibt es keine Möglichkeit, dass es uns in unseren gemütlichen, weich ausstaffierten Wohn-, Arbeits- und sonstigen Wirkstätten schon vor irgendwelchen Katastrophen piekst und knapst und zwickt und stößt und drückt und quetscht, sodass wir uns stöhnend erheben und sagen: “Na gut! Okay! Dann lasst uns die Transformation halt aktiv gestalten, statt dass uns die Katastrophe überrollt und wir in Chaos, Krieg und Not geraten.”

Dann denke ich an Doris Lessings Memoiren einer Überlebenden und dass die Protagonistin dort jeden Zustand, und wurde er auch noch so unerträglich, “einfach so” weiter ertragen hat, und gegen keine Verschlimmerung der Situation je aufbegehrt hat, sondern sie sehr schnell als “neue Normalität” akzeptiert hat, in ihr kognitives Dissonanznetz hineinweben konnte, bis es plötzlich wirklich nur noch um das nackte Überleben ging. Das stimmt mich nicht gerade optimistisch. Auch weil ich genau das aktuell beobachte, wenn ich mir anschaue, wie die Corona-Krise zwar im weiten Feld des “Belege”-Wissens schon mit der Umwelt- und Klimakrise verbunden wurde, aber dies bisher trotzdem nicht zum Wendemanöver führt. Lieber glaubt die kognitive Dissonanz in unseren Körpern, dass wo Klimapolitik draufsteht, auch Klimapolitik drin sein wird, aber doch bitte mit Sahne, also äh vereinbar mit meinem business as usual vor Corona please. Das kann ich doch haben, oder? Und wenn nicht, dann bist du Schuld, Politiker*in, Partei, weroderwasauchimmerichjedenfallsnicht, weil du hast “Klimapolitik” gesagt und es dann nicht gemacht. Der Schuss, er wird nicht gehört, er ertönt nicht im Körper. Wir sind in Doris Lessings Roman, wir sind längst die Frau, um uns herum das sichtbar zerfallende Reale; aber unser Bett ist immer noch zu bequem, und ganz plötzlich, schleichend, dunkel war’s, der Mond schien helle, für die einen heute und für die anderen morgen, wird es von gestern an über die nächsten Jahrzehnte ums nackte Überleben gehen.

Ich wünsche mir, dass es vorbeigeht mit der kognitiven-Dissonanz-Manager*in, der “Ich-bin-links”-Kopfträger*in. Der Kopf soll bei allen an den Körper, endlich verbunden, endlich in Bewegung, Schubladen fallen auf und zu, bis dato fein säuberlich voneinander getrennt aufbewahrte Denkbereiche purzeln durcheinander, zersplittern, Türen ziehen sich zusammen, das entstehende Chaos und das wieder Neu-Zusammensetzen ist produktiv und sinnvoll usw. usf. Hier beginnt Politik, hier entsteht sie, das ist ihre Quelle.

Das Bild (von) der Frau

Gekritzel fragezeichen Kostenlosen Vektoren
Abbildung: rocketpixel

Eine Anmerkung zu einer (kostenlosen) Grafik, die ich gerne an dieser Stelle gehabt hätte, die ich aber in über neunzig Minuten im www nicht gefunden habe: Ich wollte eine weibliche Person, die “den Kopf am Körper hat”, zudem keinem Klischee oder sonst einem Bild entspricht, das ich nicht will (also: keine Hackenschuhe, nicht im BH oder nackig, keine Businessfrau, nicht romantisch verliebt, keine curvysexy Posen, nix zu Gesundheit oder Diät, nix mit Yoga oder Meditation, nicht zu kitschig, ….), aber ich bin NICHT fündig geworden; keine hat meinen Ansprüchen genügt, und mehr Zeit wollte ich für die Suche nicht aufbringen. Deswegen habe ich mich an dieser Stelle für simple Fragezeichen entschieden; und weil ich zum Abschluss – schöne Überleitung – noch Fragen habe an euch Leser*innen.

Ich bin mir dabei bewusst, dass bei den Fragen der Eindruck entstehen könnte, dass es so klingt wie: Meine Aktivseinsformen = richtig und gut; alle anderen = dösig und joghurtbecherisch. Aber die Fragen sind teils in Präteritum und Präsenz formuliert; mich interessieren einfach eure Erfahrungen dazu sehr, und momentan finde ich keine andere Form als die, diese Fragen zu stellen, ich hoffe, ihr verzeiht. Wenn ihr sie als zu aufdringlich und lehrerinnenmäßig empfindet, dann einfach überspringen und noch das Ende lesen.

Wie hältst du es insgesamt mit dem Klimakrisenwissen? Gibt es verschiedene Orte zum Klimakrisenwissen bei dir im Körper?/ Wie läuft bei dir körperliches Verstehen der Klimakrise ab?

Brauchst/bräuchtest du körperliches Erleben, um aktiv werden zu können? Oder reicht/e dir das “Belege”-Wissen im Kopf, um aktiv zu werden/geworden zu sein?

Was fehlt dir aktuell, oder was müsste geschehen, damit die Klimakrisenfrage in aller Konsequenz von dir bearbeitet würde? “In aller Konsequenz” bedeutet für mich: Sie so weit verstanden zu haben, dass dir klar geworden ist, dass auch du politische (und nicht nur joghurtbecherauswaschende) Aktivseinswege finden musst? Und welche Aktivseinsformen hast du/könntest du dir vorstellen?

Und an Klimaaktivist*innen habe ich noch speziell folgende Frage: Die Klimabewegung fährt in ihrem Versuch, Menschen zu überzeugen/Menschen die Klimakrise zu vermitteln, immer noch so auf Wissenschaft und Technokratie ab; fokussiert sich also sehr darauf, die Menschen durch “Belege” und machbare technische Lösungen abzuholen. Aber wie Audre schon sagte: “Belege helfen nicht wahrnehmen.” Was machen wir mit dieser Erkenntnis?

Ich überlasse Aurde Lorde die letzten Worte:

“Diese archaische Angst vor der totalen Realität einer Macht, die gegen dich ist… […] Wie lässt du dich auf eine zutiefst bedrohliche Andersartigkeit ein, ohne getötet zu werden oder zu töten? Wie gehst du um mit Dingen, an die du glaubst – wie lebst du sie nicht als Theorie, nicht einmal als Emotion, sondern auf der direkten Linie von Handeln, etwas bewirken, Veränderung schaffen? […] [Es ist] absolut schwierig, aber absolut entscheidend, sich zu stellen, zu tun, was getan werden musste, immer und überall – und dass es den schlimmsten Tod bedeutete, es nicht zu tun! Sich zu stellen, ist, als würdest du ein Stück deiner selbst töten, in dem Sinn, dass du etwas Vertrautes und Verlässliches töten, beenden, zerstören musst, damit etwas Neues in dir selbst und in unserer Welt entstehen kann. […] Wenn du erst einmal irgendeinen Teil deiner Vision auslebst, setzt es dich fortwährenden Übergriffen aus – von Notwendigkeiten, von Horrorgefühlen, aber auch von Wunderbarem, […] von wirklich Wunderbarem und von Möglichkeiten! Wie Meteorschauer, ständig ein Bombardement – das Aufgehen immer neuer Zusammenhänge… Und dann der Versuch, das, was für dich zum Überleben nützlich ist, von dem zu trennen, was eine Verfälschung und für dein eigentliches Selbst zerstörerisch ist.” (Macht und Sinnlichkeit, S. 57f.)

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Dass die Welt wohnlich für alle wird https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/07/dass-die-welt-wohnlich-fuer-alle-wird/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/07/dass-die-welt-wohnlich-fuer-alle-wird/#respond Sat, 03 Jul 2021 11:20:06 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17490

Die Welt wohnlich zu machen für alle, ist ein Anliegen, das Ina Praetorius schon lange verfolgt und, zum Beispiel im Bild des Aufräumens und im Bild von der Welt als Haushalt, seit etwa der Jahrtausendwende formuliert hat. (Zum Beispiel in: Ina Praetorius: Handeln aus der Fülle. Postpatriarchale Ethik in biblischer Tradition. Gütersloh 2005.)

Zu ihrem 65. Geburtstag im März dieses Jahres haben ihr Mann, der evangelisch- reformierte Pfarrer und Exerzitienleiter Hans Jörg Fehle, und die Lektorin Andrea Langenbacher unter diesem Titel eine Festschrift herausgegeben. Nennt der Titel dieses Ziel, so betont das Vorwort die Bedeutung des Da-Seins und Nachdenkens als Ausgangspunkt des Einsatzes für eine solche Welt.

Das Buch ist in fünf Teile gegliedert, die entlang der Biografie von Ina Praetorius Themen und Ansätze ihres Weges entfalten: Einem Text von ihr folgen jeweils Beiträge von Freund*innen und Weggefährt*innen – einige von ihnen schreiben auch regelmäßig hier im Forum.

„Dekonstruieren und Aufräumen“

Im ersten Kapitel geht es um die Arbeit an akademischen theologischen Begriffen. Praetorius beschreibt anhand eines Kunstprojekts, wo sie ein Kreuz von Beton freischlug, die Arbeit daran, den Begriffsbeton abzuschlagen, um den darunterliegenden Sinn freizulegen. Sie denkt darüber nach, was Inkarnation, Auferstehung und Reich Gottes in einer postpatriarchalen, nicht mehr zweigeteilten Welt bedeuten könnten. Dieser Linie folgt auch die feministische Theologin und Publizistin Doris Strahm in ihrem Beitrag über das Neumöblieren von Glaubensräumen. Der Alttestamentler und Asylseelsorger Thomas Straubli betrachtet das Kreuz der Asylsuchenden in der Schweiz des frühen 21. Jahrhunderts, Professorin für Theologie der Frauen- und Geschlechterforschung Anne-Claire Mulder schreibt über die Autorität des Textes „A Woman’s Creed“, den wir vor einiger Zeit hier im Forum auf Deutsch veröffentlicht haben.

„Mit dem Anfang anfangen“

Ist der Begriffsbeton entfernt, wird der Weg frei: Ina Praetorius beschreibt im zweiten Kapitel Geburtlichkeit als neues anthropologisches Paradigma, in Anknüpfung an Hannah Arendt, die mit der Geburt auch den Neuanfang verknüpft, den die Geborenen handelnd verwirklichen können – und das Vertrauen und die Hoffnung, die sie in die Welt setzen können, und sie sich in den Worten der Weihnachtsbotschaft ausdrückt: „Uns ist ein Kind geboren“. Der abstrakten Abhängigkeit von Herrgott oder Vernunft stellt Praetorius die konkrete Abhängigkeit von der Welt und den Mit-Menschen, zunächst von der Mutter, gegenüber.

Praetorius’ Tochter, die Agrarwissenschaftlerin Pia Fehle, und ihr Partner, der politische Anthropologe und Dozent Dominic Blättler, denken anlässlich der Geburt ihrer Tochter Lily über Geburtlichkeit und zukunftstaugliche Landwirtschaft nach, der Sprach- und Literaturwissenschaftler Rainer Stöckli verbindet Bilder des „Auf die Welt Kommens“ mit Gedanken zur Sterblichkeit, Veronika Henschel, die Mitarbeiterin beim Jugendreferat von Mission 21, Basel, der machtkritische Bildungsarbeit wichtig ist, ergänzt Konzepte transformativer Gerechtigkeit und zeigt Möglichkeiten für den Umgang mit Verletzungen auf.

„In postpatriarchale Freiheit hinein“

Im dritten Kapitel widmet sich Ina Praetorius der Dreckarbeit und stellt zehn Thesen zur menschenwürdigen Reorganisation sogenannter Dreckarbeit auf. Die Autorin und Journalistin Julia Fritzsche erzählt, wie sie mit Ina Praetorius und der Weise, wie diese zusammen mit anderen nachdenkt, in Berührung kam – holprig und stolpernd zunächst. Doch trotz aller bestehenden Differenzen benennt sie die erzählerische, ideengeschichtliche Komponente, Diskurs und Sprache, Arbeit an der symbolischen Ordnung als Anliegen, das sie mit Ina Praetorius teilt.

Die feministische Ökonomin Adriana Maestro denkt Arbeit in der postpatriarchalen Freiheit neu, die Philosophin, Politologin und Publizistin Antje Schrupp überlegt, wieso es immer noch nicht gelungen ist, die Dreckarbeit durch technische Lösungen loszuwerden. Sie vermutet, dass der Wunsch nach Hierarchisierung sozialer Beziehungen und nach Dominanz der Grund dafür sind, dass es diese Tätigkeiten überhaupt noch gibt und zieht Parallelen zur Persistenz des Rassismus.

„Ausdruck finden“

Im vierten Kapitel fragt Ina Praetorius, was Bildung ist und was Kinder lernen sollen. „Welches grundlegende Wissen brauchen Menschen, um gut in der Welt zu sein?“ Ausgehend von ihren Erfahrungen in Kindergärten und Schulen in Kinshasa kommt sie zu dem Schluss: „Sie müssen wissen: Es gibt anderswo auch Kinder. Alle brauchen Wasser und Essen, ein Haus und ein Bett, alle spielen und lernen, haben Freundinnen und Freunde, alle haben Angst vor Krieg und Gewalt, alle wollen glücklich sein.“

Diese „Ausrichtung auf das gute Zusammenleben von Milliarden Menschen, die mit unzähligen anderen Lebewesen den fragilen, schönen und großzügigen Kosmos Erde bewohnen, jetzt und in Zukunft“ vertieft Sr. Josée Nagalula, die dogmatische Theologie unterrichtet. Sie beschreibt, wie Erziehung zur Machtausübung missbraucht werden kann – oder auch in den Dienst der Mitmenschen gestellt. Die frühere Landwirtin, pensionierte Pfarrerin und freischaffende Theologin Verena Naegeli schreibt über das gemeinsame Interesse am Austausch mit afrikanischen Theologinnen, Netzwerk-Treffen und die Herausgabe eines Sammelbandes, und die evangelisch-reformierte Pfarrerin Heidrun Suter-Richter steuert neben dem Bericht über das gemeinsame Kochen ein Rezept für Blumenkohl und Linsen bei. Die medizinisch-technische Praxisassistentin Muna Ali Nuur und die Sozialarbeiterin Luiza Lipka-Asatryan berichten im Interview über „Kochen International“, wo sie Ina Praetorius kennenlernten.

Die freie Philosophin Caroline Krüger betont, dass alle Menschen abhängig und hilfsbedürftig zur Welt kommen – und es auch ein Leben lang bleiben – und zugleich zum Anfangen begabt sind. Sie entfaltet Arendts Bild vom „Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten“, in das jede und jeder eigene Fäden hinzufügen und weiterweben kann. Ausgehend von Luisa Muraros Praxis den Von-sich-selbst-Ausgehens fragt sie, was braucht, um ein tragfähiges Netz zu weben und beschreibt Care als Richtung, Inhalt, Ausdrucksweise und Kriterium des Handelns.

„Wirtschaft ist Care – was sonst?“

Im fünften und letzten Kapitel erläutert Praetorius Care anhand der Definition, die Michaela Moser im „ABC des guten Lebens“ (Ursula Knecht u.a.: ABC des guten Lebens. Rüsselsheim 2012.) formuliert hatte, als das „Bewusstsein von Abhängigkeit, Bedürftigkeit und Bezogenheit als menschliche Grundkonstitution, und zum anderen für konkrete Aktivitäten von Fürsorge in einem weiten Sinne“ – von „Sorgen für die Welt“. Die emeritierte Professorin für Wirtschaftslehre des Privathaushalts und Familienwissenschaft Uta Meier-Gräwe spricht davon, den Wirtschaftswissenschaften die Leviten zu lesen, die Forscherin zur sozialen Inklusion mit Schwerpunkt Partizipation, Diversität und Demokratieentwicklung Michaela Moser beschreibt ein neues Verständnis von Politik als Care und stellt Soziokratie als Werkzeug vor, um „die Welt miteinander zu einer Behausung zu machen, die ihnen bei allen Grenzen durch Geburtlichkeit, Sterblichkeit, Bedürftigkeit und Verletzbarkeit eine Fülle von Möglichkeiten eröffnet“ (wie sie das von Ina Prätorius formulierte Stichwort Haushalt aus dem ABC des guten Lebens zitiert), die Mutter und freischaffende Autorin Sibylle Stillhart plädiert für ein Müttergeld als „Gefahrenzulage“.

Feline Tecklenburg, politische Ethikerin und feministische Ökonomin, erweitert den Anspruch um „Wirtschaft ist Care ist radikale Demokratie“ und plädiert für ein anderes Politikverständnis und eine andere Arbeitsorganisation. Sie entwirft die Vorstellung eines Lebens, in dessen Mittelpunkt die Sorge füreinander und für die Welt steht.

Biografisches Grundgewebe

Den fünf Kapiteln folgt, nach der Vorstellung der Autorinnen und Autoren, das „biografische Grundgewebe“: Ina Prätorius’ Lebensstationen, ihre Arbeitsweise, vergehende und wiederkehrende Themen und Weichenstellungen. Als Grundmotiv ihrer Arbeit wird die Gnade und bedingungslose Liebe Gottes benannt.

Der Sammelband ist eine gründliche Einführung in das Denken und Wirken von Ina Praetorius. Denen, die damit schon vertraut sind, zeigt er, wie sich ihre in den vergangenen Jahrzehnten veröffentlichten Bücher und Artikel und ihr Einsatz als Referentin und Aktivistin zu einem so vielschichtigen wie stimmigen Ganzen fügen. Vor allem aber laden die Texte von Ina Praetorius sowie die weiterführenden Artikel der beitragenden Autor*innen dazu ein, selbst weiterzudenken und tätig zu werden.

Hans Jörg Fehle, Andrea Langenbacher (Hg): Dass die Welt wohnlich für alle wird. Klartexte, Anfragen, Perspektiven. Ina Praetorius zum 65. Geburtstag, Ostfildern 2021, 38 Euro.

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Das Spiel ist aus https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/07/das-spiel-ist-aus/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/07/das-spiel-ist-aus/#comments Thu, 01 Jul 2021 10:33:38 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17508 Fast komme ich mir pietätlos vor, wenn ich hier auch nochmal öffentlich erzähle, warum mir die Fußball-EM der Männer in diesem Jahr gestohlen bleiben kann. Volle Stadien trotz Pandemie, Reisen durch ganz Europa (trotz Pandemie), ein Fußball-Verband, der auf dem widersinnigen Standpunkt beharrt, dass Sport unpolitisch sei und friedlichen Protest an menschenfeindlicher Politik in Ungarn und Solidarität mit den Opfern unterbindet. Ach ja, und dann ganz aktuell noch die Begleiterscheinungen von gekränktem (Fußball-)Nationalismus. Alles sehr gute Gründe, in den Sack zu hauen und sich von diesem Event abzumelden.

Für mich stand aber noch vor Anpfiff des ersten Spiels des Turniers eine interessante Selbsterkenntnis: Ich bin raus – die EM der Männer war mir das erste Mal komplett egal. Und das ist neu.

Eigentlich mag ich Fußball-Kultur nämlich. Ich finde das Spiel launig, mag es mit Freund*innen zusammen zu schauen, ich gehe (wenn nicht Pandemie ist) auch gerne ins Stadion usw. Dabei gibt es immer viel zu kritisieren: Eine Kultur von Abwertung von Frauen in vielen Bereichen, Kapitalisierung, Nationalismus usw. Aber es gibt auch ganz tolle Projekte und Initiativen und überall tolle Menschen.

Aber jetzt ist es gekippt. Und zwar, als mit der Verschiebung der Männer-EM von 2020 auf 2021 die eigentlich geplante Frauen-EM einfach abgesagt wurde. Ohne viel Diskussion und auch (fast) ohne kritische Berichterstattung dazu. Das wars – ich bin raus.

Und diese Selbstbeobachtung ist mir dann doch eine (Blitzlicht-)Nachricht wert. Ich glaube das passiert nämlich öfter: Frauen bleiben einer Sache, Person, Gruppe oder Institution ziemlich lange verbunden, auch wenn einiges im Argen liegt- z.B. sind aktuell auch (noch) mehr Frauen als Männer in der Kirche. Aber das kann ganz schnell kippen und dann wars das auch.

Übrigens hat mich der Fußball nicht ganz verloren. Und allen, denen es ähnlich geht und die das noch nicht kennen: Bei https://www.fruef.de/ reden ausschließlich Frauen fast ausschließlich über Fußball.

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Gedankensplitter über die Heilkraft des Schreibens https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/06/gedankensplitter-ueber-die-heilkraft-des-schreibens/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/06/gedankensplitter-ueber-die-heilkraft-des-schreibens/#comments Tue, 29 Jun 2021 14:51:43 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17497 Vor einiger Zeit habe ich das Buch “Freiheit und Feminismen“ (Psychosozial Verlag) der Wiener Sozialwissenschaftlerin, Philosophin und Mitherausgeberin Bettina Zehetner gelesen und darüber sowie über Feministische Therapie in der Zeitschrift Wir Frauen geschrieben. Kurze Zeit später entdeckte ich Kathleen Oehlkes Artikel Sich verletzbar schreiben auf beziehungsweise-weiterdenken.

Seit vielen Jahren befasse ich mich mit Kreativem und mit Therapeutischem Schreiben. An zahlreichen Schreibgruppen habe ich teilgenommen und habe früher als Psychotherapeutin Poesietherapie bzw. Schreibtherapie neben anderen Kunsttherapieformen wie Mal- und Theatertherapie eingesetzt.

Christiana Puschak in ihrem Arbeitsraum. Foto: privat

Für mich war Schreiben zudem oft eine Hilfe in persönlichen Krisen. Bereits als Kind führte ich Tagebuch und habe damit eigentlich nie aufgehört, habe auch immer wieder autobiografische Texte verfasst. Während der Pandemie nahm ich zweimal an einem Online-Kurs für Kreatives Schreiben über jeweils mehrere Wochen teil, was für mich und – wie ich den Rückmeldungen entnehmen konnte – für die meisten Teilnehmerinnen eine Hilfe in dieser kritischen Zeit war.

Im o.g. Buch ermöglichen die Autorinnen der Leserin in lebendiger Form, an ihren Erfahrungen aus vierzigjähriger Beratungstätigkeit und feministischer Praxis teilzunehmen. Das Buch ist so gestaltet, dass man es gerne immer wieder in die Hand nimmt, ein Kapitel liest und sich dazu Gedanken macht. Weitere spannende Informationen geben die ersten Erfahrungen des Beraterinnenteams mit der Corona-Krise, die die Autorinnen in das Buch aufgenommen haben, als sie die geplante Buchvorstellung wegen der Krise um acht Monate verschieben mussten.

Für mich steckt im Wort „Therapeutisches Schreiben“ mehr noch als beim Ausdruck „Kreatives Schreiben“ die Möglichkeit der heilenden Wirkung des Schreibens. Schreiben kann immer auch Therapeutisches bewirken, selbst in Form von E-Mail-Kontakten: „Das alles aufzuschreiben, hat gerade gutgetan und meinen Kopf geklärt“, so eine Klientin.  Seit 2006 bietet „Frauen beraten Frauen“ neben der persönlichen Beratung das Schreiben online an. Es eignet sich für die Klientinnen, die Rat und Hilfe suchen, aber nicht persönlich kommen können, weil sie beispielsweise krank sind oder ohne Auto mit einer ungünstigen Verkehrsanbindung auf dem Land leben. Außerdem gibt es Frauen, die an einer grundlegenden Angststörung oder an zeitweiligen Panikzuständen leiden und sich daher nicht ans Steuer eines Autos setzen und auch keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzen können.

In einem gesonderten Kapitel gehen die Autorinnen auf den verstärkten Mailkontakt vieler während der Coronakrise und dessen Auswirkungen ein.

Beim therapeutischen oder biografischen Schreiben steht nicht der Schreibstil im Vordergrund, sondern es geht darum, „Unsägliche(s) sagbar“ zu machen. Die unterschiedlichsten Genres können therapeutisch wirksam sein: Ob Gedicht, Kurzgeschichte oder Teile eines Romans, ob Brief oder Comic oder ein anderweitig illustrierter Text – jede Form des schriftlichen Ausdrucks kann einen Prozess in Gang setzen, der Erleichterung verschafft und damit therapeutisch wirkt.   

Entstanden ist die Online-Gruppe, bei der ich mitgemacht habe, aus regelmäßigen persönlichen Treffen mehrerer Frauen. Vermutlich hatten nur wenige von uns vorher die Vorstellung, dass ein solch intensiver Austausch, wie er sich zwischen uns gestaltete, virtuell möglich ist, da die meisten mit Online-Schreibgruppen keine Erfahrung hatten. Durch die Online-Form konnte die Gruppe leichter erweitert werden, als es sonst in festen Gruppen möglich ist und es nahmen auch Frauen daran teil, die weit von Berlin entfernt wohnten oder auf Reisen waren. So hat uns das Online-Schreiben um Kontakte bereichert, die wir sonst nicht gehabt hätten. Für mich ist trotzdem klar, dass ich persönliche Treffen in Schreibgruppen künftig nicht missen möchte. Doch ich konnte erleben, dass Online-Schreiben nicht nur ein „notdürftiger Ersatz“, sondern eine echte Alternative zu persönlichen Treffen sein kann – eine Bereicherung durch eine virtuelle Variante, wie sie auch Antje Schrupp in ihrem Artikel über Feminismus per Videokonferenz schildert.  

Die Texte, die wir verfassten, waren nicht von vornherein in jedem Fall für Mitleserinnen bestimmt, sondern wir konnten immer wieder aufs Neue entscheiden, ob wir unsere Texte mit unseren Namen den anderen Kursteilnehmerinnen zugänglich machen oder lieber anonym bleiben wollten. Die meisten schrieben mit Namen, doch diejenigen, die das nicht wollten, waren von der Gruppe nicht ausgeschlossen, sondern durch die Lektüre der Texte der anderen in den Prozess einbezogen.

Ob anonym oder nicht, wir lernten einander in dieser Zeit besser kennen und wurden offener in dem, was wir schrieben. Die unterschiedlichen Texte regten uns manchmal zum Weiterschreiben an – ein Prozess, der mich an beziehungsweise-weiterdenken erinnert.

Wichtig bei der Poesietherapie/dem therapeutischen Schreiben ist ein geschützter Rahmen. In nicht-virtuellen Gruppen lernen sich die Teilnehmerinnen zunächst über kürzere selbstgeschriebene Texte sowie über verbalen Austausch kennen. Dadurch kann Vertrauen entstehen, da es für viele etwas Neues ist, Persönliches in einer Gruppe vorzulesen, die nicht als Therapiegruppe konzipiert ist. Denn auch wenn kreatives Schreiben therapeutisch wirken kann, sind kreative Schreibgruppen zunächst einmal keine Therapiegruppen. Allerdings sind die Themen gerade bei autobiografischen Schreibgruppen – Kindheit, erste Liebe, Abschied von den Eltern, Älter werden u. ä. – oft ein Auslöser dafür, sich tiefergehenden Problemen anzunähern, so dass es manchmal schwierig ist, hier die richtige Balance zu finden. Für viele gilt aber: „Indem ich es niederschreibe, kann ich es loslassen“.

Manchmal wird therapeutisches Schreiben durch Bibliotherapie ergänzt. Dabei werden Texte anderer vorgelesen, die – oft durch die Gruppenleiterin – vorher auswählt werden: Lyrik, Prosa, Essays, Auszüge aus Biografien.  Über diese Texte wird in der Gruppe gesprochen und sie dienen oft als Impuls für neue eigene Texte.  

In den meisten dieser Schreibgruppen gilt die Regel, niemanden zum Vorlesen gegen seinen Willen zu überreden. Manchen hilft es allerdings, ermutigt zu werden, da es eine neue Erfahrung sein kann, sich zu öffnen und damit angenommen zu werden. Dies einzuschätzen ist Aufgabe der Gruppenleiterin, hängt aber auch von den Beziehungen und der Atmosphäre innerhalb der Gruppe ab. 

Es gehört immer Mut dazu, eigene Texte vorzustellen, vor allem wenn es darin um die eigene Person und ihre Befindlichkeit geht. Für jede einzelne Frau kann der Schritt in die Öffentlichkeit – und sei diese Öffentlichkeit auch noch so klein – ein emanzipatorischer Akt sein. Frauen haben lange genug geschwiegen, sei es über allgemeine Themen oder sei es über die persönliche Befindlichkeit. Die Zeiten, in denen weibliche Texte als „bloße Selbsterfahrungsliteratur“ und deshalb als „trivial“ abgewertet werden, sollten vorbei sein!

Zum weiterlesen:

Frauen* beraten Frauen* (Hg.), Freiheit und Feminismen – Feministische Beratung und Psychotherapie, Gießen 2020, 382 Seiten, 39,90 €.

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Freitod und Freiheit: Das digitale Theaterstück werther.live https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/06/freitod-und-freiheit-das-digitale-theaterstueck-werther-live/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/06/freitod-und-freiheit-das-digitale-theaterstueck-werther-live/#respond Sat, 26 Jun 2021 08:33:02 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17473 Digitale Theaterstücke habe ich lange gemieden, weil ich sie mir langweilig vorstellte: abgefilmte Bühnenaufführungen. Jetzt habe ich ein echtes Online-Theater entdeckt. werther-live ist ein Stück des Kollektivs punkt.live, das die Regisseurin Cosmea Spelleken und die Kamerafrau und Editorin Lotta Schweikert mit Leonard Wölfl begründet haben.

Digitale Theaterstücke hat Anne Lehnert lange gemieden. Aber das Stück "Werther-live" von Regisseurin Cosmea Spelleken hat sie überzeugt. Nächste Aufführung ist am 4. Juli.
Screenshot vom Instagram-Account des Projekts Werther.live.

Bei diesem Theaterstück ist das digitale Format inhaltlich motiviert und macht den Stoff des Stücks aus. Der setzt sich zusammen aus WhatsApp-Nachrichten, Instagram-Posts, Skype-Telefonaten und Zoom-Meetings. Werther lernt Lotte über Ebay Kleinanzeigen kennen, schickt ihr über WhatsApp den Link zu seinen Collagen auf Instagram und bekommt nebenher Text- und Sprachnachrichten von seinem Freund Willi. Das Publikum sieht den geteilten Bildschirm der Figuren. Die Schauspieler:innen haben bei der Live-Aufführung die Freiheit, zu improvisieren, und treten über Instagram in Kontakt zum Publikum.

Es ist herausfordernd, so viel gleichzeitig im Blick zu haben. Und es ist auch toll, weil es den Briefroman in die Gegenwart holt, auf ganz selbstverständliche Weise. Wie es im Nachgespräch ein Zuschauer formulierte, ist es faszinierend, dass das Dargestellte mit der Darstellung übereinstimmt. werther.live ist, so stellte er fast verwundert fest, ein klassisches Stück, da es der von Aristoteles geforderten Einheit von Zeit, Ort und Handlung entspricht.

Diese Herausforderung finde ich unbedingt begrüßenswert. Es ärgerte mich als Buchhändlerin, wenn Bücher als Wellness für die Seele angepriesen wurden, und auch als leicht überforderte Mutter eines Babys stimmte ich dem Regisseur zu, der im Publikumsgespräch vehement dafür stritt, den Zuschauer:innen etwas zumuten zu dürfen. Wie Lotta Schweikert betont, ist es auch in Ordnung, sich der Herausforderung ein Stück weit zu entziehen. Das Stück funktioniert mit und ohne die Details, und es gibt immer wieder Neues zu entdecken beim mehrfachen Sehen – so, wie sich beim Roman auch neue Sichtweisen öffnen, beim erneuten Lesen.

Was viele Zuschauer:innen als anstrengend empfinden, ist es auch für die Schauspieler:innen. Sie müssen neben dem Spielen die Technik beherrschen, so Jonny Hoff, der Darsteller von Werther.
Er spricht von Sehgewohnheiten, und dass das Theater die Wirklichkeit abbilden soll, in der wir leben.

Nicht ganz sicher bin ich mir, ob diese Form des Theaters mehr als an der Oberfläche kratzt, ob es wirklich neu und berührend ist, ob es gar eine weibliche Sichtweise darstellt. Als Werther die Möglichkeit des Freitods als höchstes Maß der Freiheit bezeichnet, hält Lotte ihm entgegen, dass sie seit dem (unfreiwilligen) Tod ihrer Mutter die Verantwortung für ihren Vater und ihre Geschwister doppelt empfindet. Sie fragt, ob das wirklich Freiheit sei, über den eigenen Tod zu entscheiden, und spricht von der Verantwortung für andere Menschen, die einen lieben und die man liebt. Werther stellt fest, dass er diese Gefühle von Liebe und Verantwortung bisher nicht kennt.

Interessanterweise gibt es Zuschauer:innen, so berichtet das Theaterkollektiv, die diese Verantwortung Werther gegenüber empfinden und sich um ihn sorgen. Sie warnen Willi und bitten ihn, auf Werther zu achten. Dass ich diesen Impuls nicht empfand, könnte daran liegen, dass mir Instagram fremd ist. Für mich blieb vieles an der Oberfläche, auch meine Interaktion mit Lotte zu Freiburg und zu ihrer Selbstinszenierung. Vielleicht ist aber auch das die Gegenwart und also gut, dargestellt zu werden, statt wie ich, anachronistisch, eine Innerlichkeit zu suchen.

Die nächste Gelegenheit, das Theaterstück zu erleben, ist am Sonntag, 4. Juli 2021, um 20 Uhr über das Stadttheater Ingolstadt, Streaming für 4 Euro über Eventim.

Trailer zum Theaterstück sowie weitere Termine und Infos auf werther-live.de. Dort stehen auch die Instagram-Accounts der Figuren – denen zusätzlich zum Stream zu folgen und mit ihnen in Kontakt zu treten während der Aufführung und auch danach möglich ist.

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Ich bin dein Mensch, und ich bin ziemlich gut programmiert https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/06/ich-bin-dein-mensch-und-ich-bin-ziemlich-gut-programmiert/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/06/ich-bin-dein-mensch-und-ich-bin-ziemlich-gut-programmiert/#comments Tue, 22 Jun 2021 08:32:33 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17433 Was erwarten wir von einer Beziehung, und sind Roboter vielleicht die besseren Beziehungspartner:innen? Mit solchen Fragen beschäftigt sich der neue Film von Maria Schrader.

Alma genießt das Zusammensein mit Roboter Tom – und findet das gleichzeitig erschreckend. | Foto: Filmpresskit

Alma (Maren Eggert) ist Archäologin, Single, Mitte vierzig, und nimmt als Wissenschaftlerin an einer interdisziplinären Studie teil. Drei Wochen lang soll sie mit einem humanoiden Roboter namens Tom (Dan Stevens) zusammenleben, um anschließend ein ethisches Gutachten darüber zu schreiben, ob Maschinen wie er als Beziehungspartner:innen zugelassen werden sollen. Toms künstliche Intelligenz wurde von seiner Herstellerfirma, die die Humanoiden vermarkten möchte, darauf programmiert, Almas Bedürfnissen bestmöglich zu entsprechen. Da Alma dem Projekt aber skeptisch gegenübersteht, gestaltet sich der Beginn des Experiments schwierig. Doch Toms Algorithmus passt sich immer besser an Alma und ihre Bedürfnisse an, bis schließlich das Zusammenleben mit ihm für sie tatsächlich attraktiv wird. Als sie das bemerkt zieht sie die Reißleine und gibt Tom zurück.

Auf den ersten Blick greift Regisseurin Maria Schrader hier ein Thema aus der Science Fiction auf, das schon häufig im Film bearbeitet wurde: Beziehungen zwischen Mensch und Maschine. Doch während es sonst um die Frage ging, welche Rechte Roboter haben können, wie in der berühmten Star-Trek Folge „Wem gehört Data?“, oder ob es moralisch erlaubt ist, künstliche Intelligenzen zu diskriminieren, wie in der schwedischen Serie „Real Humans“, geht Maria Schrader das Thema von der anderen Seite an: Sie lotet aus, welche Bedürfnisse von Menschen an Beziehungen durch Roboter möglicherweise besser erfüllt werden können als durch „echte“ andere Menschen.

Schon heute verhelfen ja roboterisierte Kuscheltiere alten und demenzkranken Menschen zu Austausch und Kontakt, Algorithmen von Dating Apps berechnen die besten Matches zwischen Partnersuchenden, und auch der Verkauf von Sexpuppen boomt. Es gibt einige interessante Szenen in dem Film, die genau dieses thematisieren: Einmal trifft Alma, die von ihren Erfahrungen mit Tom hin und hergerissen ist und sich schon entschlossen hat, aus dem Experiment auszusteigen, auf der Straße einen Kollegen, einen Mann in mittlerem Alter, klein, mit ausgedünnten Haaren und im Großen und Ganzen das, was man (nach menschlichen Maßstäben) eben als nicht attraktiv verstehen würde. An seinem Arm eine wunderschöne Frau, freundlich ihm zugewandt – und natürlich ein Roboter. Dieser Kollege, der genauso wie Alma an diesem Experiment teilnimmt, ist im Gegensatz zu ihr vollkommen begeistert. Zu lange hat er nämlich schon erfolglos versucht, bei Frauen zu „landen“, jetzt fühlt er sich nicht ständig taxiert und beurteilt. Man könnte das abtun als typisch männliche Anspruchhaltung, aber ich denke, der Stress, den Menschen einander mit ihren Erwartungen und kritischen Beurteilungen bereiten, ist ein allgemeines Phänomen.

Auch die unvermeidliche Sexszene zwischen Tom und Alma verläuft anders, als man es vermutlich erwartet (ich erzähle sie hier nicht, um nicht zu spoilern, lasst euch überraschen). Jedenfalls ist der Punkt in diesem Film nicht, dass die Roboter den Menschen möglichst ähnlich werden sollen oder wollen, sondern dass sie gerade nicht so sind wie die Menschen mit ihren Fehlern und ihrer großen Fähigkeit, andere zu verletzen. Wenn Alma in ihrem Auto sitzt, sich grade entschlossen hat, das Experiment mit Tom abzubrechen, und dann von unangenehmen Rasern und Hupern um sich herum genervt ist, fühlt man als Zuschauerin unweigerlich mit und stellt sich eben die Frage, warum genau eigentlich Tom nicht die bessere Alternative ist.

Was sehen wir in anderen Menschen? Was interessiert uns an andern Menschen? Wenn es nämlich nur Gesellschaft, Konversation, Bestätigung, Spiegelung oder Sex ist, dann ist das nicht genug. Das alles können Roboter besser. Was aber ist es dann? Was ist unser gemeinsames menschliches Inter-Esse, das sich nicht durch einen gut programmierten Algorithmus befriedigen lässt? Diese Frage, darauf stößt uns dieser Film, ist, wenn wir ehrlich sind, gar nicht so leicht zu beantworten.

Das Drehbuch, das Regisseurin Schrader zusammen mit Jan Schomburg geschrieben hat, basiert auf einer Kurzgeschichte von Emma Braslavsky. Auch dank der sehr überzeugenden Hauptdarsteller:innen, witziger Dialoge und vieler überzeugender Regieeinfälle ist dieser Film ein intelligenter wie unterhaltsamer Beitrag zu aktuellen Debatten über künstliche Intelligenz. Die Beziehungsdynamiken zwischen Mensch und Maschine werden uns noch lange beschäftigen.

„Ich bin dein Mensch“ von Maria Schrader kommt am 1. Juli in Deutschland in die Kinos.

Hier der Link zum Trailer.

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Feminismus per Videokonferenz https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/06/feminismus-per-videokonferenz/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/06/feminismus-per-videokonferenz/#comments Sat, 19 Jun 2021 09:18:38 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17456 Diesen Text schrieb ich auf Einladung der Online-Zeitung „Via Dogana“ des Mailänder Frauenbuchladens, wo er – übersetzt von Traudel Sattler – auf Italienisch erschienen ist.

Im März 2020 wurden viele meiner politischen Aktivitäten spontan gestoppt: Bereits geplante Treffen mussten abgesagt werden, zum Beispiel der Autorinnengruppe vom ABC des guten Lebens oder auch die Redaktionssitzungen dieses Forums: im kommenden August haben wir endlich nach vielen Monaten Video-Konferenzen zum ersten Mal wieder ein analoges Treffen von „Beziehungsweise Weiterdenken“ geplant.

Es war ein Glück, dass diese Pandemie uns in einer Zeit getroffen hat, wo es alternative Medien gibt. So konnten wir trotz der Unmöglichkeit zu reisen an unseren Projekten weiterarbeiten und in Kontakt bleiben. Waren die Videokonferenzen anfangs nur eine Notlösung gewesen, so hat sich im Lauf der Monate gezeigt, dass sie durchaus eine Alternative sein konnten. Wir hatten diese Möglichkeit vorher einfach nicht auf dem Schirm gehabt, obwohl sie als Technologie ja bereits vor Corona existierten. Aber ohne die Pandemie und den damit verbundenen Zwang, etwas Neues auszuprobieren, hätten wir sie vermutlich noch immer nicht entdeckt.

Gerade für Projekte, deren Teilnehmerinnen weit voneinander entfernt leben, haben Videokonferenzen große Vorteile: Man kann sich trotz großer Distanzen und engen Zeitplänen jederzeit treffen, auch mal für zwei Stunden. Ich fand es schön, manche Gruppen statt zwei oder dreimal im Jahr jetzt monatlich zu sehen. Einiges an unseren Diskussionen hat sich dadurch verändert, zum Beispiel konnten wir ein Thema auch mal kontinuierlicher verfolgen. Anfängliche Befürchtungen, die Qualität unserer Gespräche würde unter dem Medium leiden, haben sich nicht bewahrheitet. Vielmehr haben wir die Erfahrung gemacht, dass gerade inhaltliche Diskussionen über Videokonferenzen sehr gut strukturiert und fokussiert abgehalten werden können.

Ich denke aber, es hat dabei eine Rolle gespielt, dass unter den Beteiligten bereits eine gewisse Beziehung bestand, dass wir uns schon vorher kannten und gegenseitiges Vertrauen entwickelt hatten. Es hat mir durchaus aus Spaß gemacht, in dieser Zeit in einige Gruppen und Projekte hineinzuschnuppern, für die ich die Energie ansonsten nicht aufgebracht hätte, zum Beispiel mich mal für zwei Stunden in eine Konferenz in Berlin einzuloggen, mit der ich nicht eng genug verbunden bin, um dafür von Frankfurt aus hinzufahren. So habe ich einiges mitbekommen, was mir ansonsten entgangen wäre – intensivere Kontakte sind daraus aber nicht entstanden. Videokonferenzen können ein erster Schritt sein, aber um Menschen „wirklich kennenzulernen“, muss man letztlich wohl doch hinreisen.

In bestehenden Gruppen aber haben wir die Bequemlichkeiten von Videokonferenzen durchaus genossen, ohne dass die Qualität gelitten hat. Teilweise hat uns die Technik sogar dazu inspiriert,  neue Formate zu erfinden, wie zum Beispiel die Videogespräche aus der bzw-Redaktion. Ohne Corona wären wir wahrscheinlich auf diese Idee nicht gekommen.

Dass die Qualität von bereits bestehenden Beziehungen ein wichtiger Faktor dafür ist, ob Videokonferenzen gut funktionieren oder nicht, zeigt sich auch daran, dass wir Konflikte in dieser Zeit eher nicht bearbeitet haben. Was diesbezüglich vor der Pandemie offen war, ist es auch jetzt noch, fast als hätten wir die heiklen Dinge „auf Wiedervorlage“ gelegt. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob der Grund dafür wirklich die Technologie als solche ist oder eher die allgemeine Pandemie-Situation, in der Ängste und Konflikte ohnehin sehr präsent waren, sodass einfach alle diesbezüglich etwas vorsichtiger waren. Jedenfalls sind Grundsatzdiskussionen darüber, was besser ist – Videokonferenzen oder Treffen in Fleisch und Blut – meiner Meinung nach nicht hilfreich, weil eben beides Vor- und Nachteile hat. Es sind unterschiedliche Formate, und deshalb ist zu entscheiden, in welchen Fällen das eine und in welchen Fällen das andere sinnvoll ist. Vor Corona hatten wir die Option Videokonferenzen nicht im Repertoire, während Corona hatten wir die Option von „analogen“ Treffen nicht verfügbar. Nach Corona werden wir daher erstmals in der glücklichen Lage sein, uns wirklich zwischen beidem entscheiden zu können, und auf diese Diskussionen bin ich schon sehr gespannt.

In den Projekten, in denen ich aktiv bin, stellte sich nicht für eine Sekunde die Frage, ob wir der Einfachheit halber auf Treffen in Fleisch und Blut in Zukunft ganz verzichten können. Das hat mich nicht überrascht, weil ich diese Erfahrung schon lange in den Sozialen Medien kenne: Wenn man im Internet eine Person kennenlernt und mag und über eine gewisse Zeit mit ihr in Austausch steht, dann entsteht früher oder später unweigerlich das Bedürfnis, sie auch in Fleisch und Blut zu treffen. Einfach weil körperliche Begegnungen über eine besondere Qualität verfügen, die über keine Medium zu erreichen ist.

Aber auch in einem weiteren Sinn ist das Thema der Wechselwirkung zwischen Internettechnologien und Politik sehr interessant. Die Frage ist, wie wir als Feministinnen mit diesen Medien umgehen und ihre Vorteile nutzen, ohne dabei ihre Nachteile und Gefahren zu verleugnen und aus den Augen zu verlieren. Ich denke, gerade eine Politik der Beziehungen unter Frauen hat Erfahrungen, die zu einem freiheitlichen Verständnis der Möglichkeiten und Grenzen von Internettechnologien beitragen können.

Die Euphorie über die Möglichkeiten von künstlicher Intelligenz zum Beispiel, die im Silicon Valley seit Jahren herrscht, ohne dass tatsächlich schon etwas Substanzielles daraus entwickelt worden wäre, verdankt sich einer bestimmten Art männlicher Hybris und einer Unwissenheit gegenüber dem, was bedeutungsvolle Beziehungen im Kern ausmacht. Jedenfalls finde ich an dem, was im Allgemeinen „künstliche Intelligenz“ genannt wird, überhaupt nichts Intelligentes. Unter Intelligenz verstehe ich die Fähigkeit, etwas Neues, Eigenes in die Welt zu bringen in der (politischen) Absicht, etwas Sinnvolles beizutragen. Was bisher künstliche Intelligenz genannt wird, sind aber einfach nur sehr hoch skalierte Rechenverfahren, die prinzipielle Vorgaben ausführen, die von außen hinein programmiert worden sind. Diese Automatisierung von Rechenvorgängen – also Algorithmen – sind zwar inzwischen in dem Sinne selbstständig, dass diese Maschinen heute nicht mehr nur Ergebnisse ausspucken, sondern die Algorithmen auch selbst weiterentwickeln. Das hat dann zur Folge, dass die Programmierer selbst sie nicht mehr vorhersehen können, was dann von manchen als „intelligent“ wahrgenommen wird. Aber die Maschinen handeln ja nicht aufgrund eigener ethischer Erwägungen und Entscheidungen, sondern aufgrund der Vorgaben, die sie von den Programmierern bekommen haben. Dass die die Kontrolle verloren haben, ist lediglich ein Beweis für die begrenzten Kapazitäten der menschlichen Erkenntnis, nicht ein Beweis für die Intelligenz der Maschinen.

Trotzdem ist es natürlich ein Problem, wenn die Programmierer die Folgen der von ihnen angestoßenen Rechenvorgänge nicht mehr unter Kontrolle haben. Denn immer deutlicher zeigt sich, dass die Maschinen nicht „neutral“ programmiert wurden, sondern dass die Vor- und Fehlurteile einer männlichen symbolischen Ordnung in sie eingeschrieben sind. Die „weißen bürgerlichen Männer“ des Silicon Valley haben ihre eigenen Vorurteile direkt in die Grundarchitektur des Internet einfließen lassen. Das zeigt sehr eindrücklich der Dokumentarfilm „Coded Bias“ der US-Amerikanischen Regisseurin Shalini Kantayya, der auf Netflix zu sehen ist. Diese Entwicklung ist deshalb so gefährlich, weil immer mehr Entscheidungen auch politischer und gesellschaftlicher Art auf solchen Algorithmen basieren. Wenn nicht einmal diejenigen, die sie programmiert haben, noch wissen, nach welchen Regeln Algorithmen überhaupt funktionieren, ist es schwer, sie wieder einzufangen. Es ist die in technische Strukturen gegossene Verfestigung einer männlichen symbolischen Ordnung in angeblich „neutrale“ Verfahrensweisen. Hier muss dringend politisch interveniert werden, und es ist gut, dass überall auf der Welt Wissenschaftlerinnen und Aktivistinnen darauf hinwirken.

Wenn ich sage, dass Algorithmen und Internettechnologie nicht „intelligent“ sind, bedeutet das also nicht, dass sie ungefährlich wären, ganz im Gegenteil. Es bedeutet aber, dass wir mit unserer eigenen Intelligenz und vor allem der Praxis der Beziehungen durchaus ein Wissen darüber haben, wie wir diese schädlichen Folgen verhindern können. Das Zentrum des Politischen, nämlich der Austausch zwischen freiheitliebenden Personen über ihre konkreten, subjektiven Ideen, Wünsche, ihr Begehren – das ist nicht „algorithmisierbar“, weil es ein einzigartiges, kontingentes Ereignis ist. Es ist das genaue Gegenteil von „Big Data“, bei dem der Einzelfall per Definition ganz unwichtig ist. Kein Algorithmus der Welt ist in der Lage, vorauszuberechnen, was im Gespräch zwischen zwei Frauen, in dem Begehren und Autorität zirkulieren, herauskommt.

Im Prinzip ist das ja nichts anderes als die Arbeit an einer anderen symbolischen Ordnung. Auch die symbolische Ordnung des Patriarchats erscheint hegemonial, solange sie noch nicht als strukturierendes Merkmal erkannt ist und eine andere, weibliche symbolische Ordnung entstanden ist. Der politische Konflikt über den Nutzen und die Gefahren von Internettechnologie verläuft nicht zwischen denen, die diese Technologien gut finden und denen, die sie verdammen. Sondern er verläuft da, wo wir unterscheiden können, was genau wir von diesen Technologien erwarten können – und was aber eben auch genau nicht.

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Kapitel 11: Notwendigkeit und Wertschätzung der Familien- und Hausarbeit https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/06/kapitel-11-notwendigkeit-und-wertschaetzung-der-familien-und-hausarbeit/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/06/kapitel-11-notwendigkeit-und-wertschaetzung-der-familien-und-hausarbeit/#comments Wed, 16 Jun 2021 11:13:52 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17447 Zum 20. Jubiläum der Flugschrift „Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik“ wurde das Büchlein im Christel Göttert Verlag neu aufgelegt und wird hier im Forum auch erstmals online veröffentlicht (hier der Link zum Anfang). Dies ist das 11. Kapitel: Familien- und Hausarbeit

Die Versorgung der Alten und die Versorgung, Erziehung und Ausbildung der Kinder muss jeweils von der mittleren Generation geleistet werden im Austausch dafür, dass sie selbst als Kinder versorgt wurde und später im Alter versorgt werden wird. Zunehmend wird die Versorgung im Rahmen des Generationengefüges über Geld geregelt. Die Kosten für diese Leistungen werden über die Renten- und Pflegeversicherung und teilweise über Steuern aufgebracht.

Die Familienarbeit wird fast ausschließlich von Frauen geleistet, die dafür nicht explizit und auch nicht annähernd angemessen bezahlt werden. So tritt diese Arbeit nach wie vor zu wenig in Erscheinung, obwohl die Frauenbewegung in diesem Punkt Ansätze zu einem Umdenken gezeigt und einige Veränderungen bewirkt hat.

Viel konsequenter als in bisherigen Ansätzen müssen Frauen darauf hinwirken, dass diejenigen, die nicht bereit oder in der Lage sind, sich an dieser Arbeit zu beteiligen, dafür bezahlen. Dies gilt auch für die Wirtschaft, die ebenso im Rahmen des Generationengefüges profitiert wie die einzelnen.

Nicht bezahlt und noch weniger wahrgenommen wird darüber hinaus die ebenfalls größtenteils von Frauen geleistete Hausarbeit, die nicht nur für die Reproduktion der Arbeitskraft notwendig ist und von der nach wie vor vor allem berufstätige Männer befreit sind. Die geringste Wertschätzung erfahren dabei die Arbeiten, die der Erhaltung des Werts und der Schönheit von Dingen dienen: das Aufräumen, Putzen, Waschen, Reparieren und Schmücken.

Den Müttern der Frauenbewegungsgeneration ist es allerdings nicht gelungen, ihren Töchtern den Sinn der Hausarbeits-Tätigkeiten zu vermitteln. Konflikte zwischen Müttern und Töchtern entzündeten sich häufig an diesem Punkt: Die Töchter sahen nicht ein, dass ihre Mütter die auf Dinge bezogenen Hausarbeitsfähigkeiten nicht auch an ihre Söhne weitergaben und weigerten sich deshalb selbst, sie zu erlernen. Sie glaubten eine Zeitlang selbst daran, dass diese Arbeiten durch den wirtschaftlich-technischen Fortschritt überflüssig würden, bevor die Ökologie-Bewegung die negativen Folgen der Wegwerfgesellschaften und damit die Notwendigkeit nachhaltigen Wirtschaftens zur Vermeidung einer ökologischen Katastrophe ins gesellschaftliche Bewusstsein brachte.

Das Wissen um die Bedeutung der Bindung an Dinge und den damit verbundenen Sinn der Pflege von Dingen ist gesellschaftlich verloren gegangen, weshalb trotz Ökologie-Bewegung Hausarbeit und Hausarbeitsfähigkeiten keine Aufwertung erfahren haben. Die ökologische Bewegung ist solange gefährdet, von kapitalistischen Interessen vereinnahmt zu werden, wie sie das zentrale Widerstandsmoment gegen kapitalistische Weltzerstörung nicht wahrnimmt, das im Schaffen, Pflegen und Erhalten der Bindung an Dinge – und damit in der Hausarbeit – liegt.

Aus: Ulrike Wagener, Dorothee Markert, Antje Schrupp, Andrea Günter: Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik. Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim 1999, Neuauflage 2019

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Freiheit, Gleichheit, Selbstausbeutung https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/06/freiheit-gleichheit-selbstausbeutung/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/06/freiheit-gleichheit-selbstausbeutung/#comments Sat, 12 Jun 2021 09:55:21 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17426 Dieser material- und erkenntnissreiche Sammelband kann als Wissensquelle für eine postpandemische Politik des guten und gerechten Zusammenlebens genutzt werden.

Wer sich mit postpatriarchaler Ökonomie befasst, entdeckt immer mehr Fragen auf immer mehr Ebenen, die alle auf  irgendeine Weise damit zusammenhängen, dass der mit Abstand grösste Wirtschaftssektor der un- und unterbezahlten Care-Arbeit in wissenschaftlichen, medialen und Alltagsdiskursen bis heute nicht angemessen wahrgenommen und reflektiert wird:

Wo liegen die Ursprünge dieser eigenartigen Ausblendung? Welche Folgen hat sie für die direkt Beteiligten und für das Zusammenleben aller im verletzlichen Lebensraum Welt? Wie kommt es, dass ein seit Jahren wachsender Pflegenotstand in einer reichen, sich digitalisierenden Gesellschaft bis heute kaum zur monetären und statusmäßigen Besserstellung der Sorgenden und Pflegenden geführt hat? Warum hat sich die Prognose des Ökonomen Jean Fourastié  (1907-1990), es werde aufgrund des technologiegetriebenen Strukturwandels zu einer dauerhaften, qualifizierten Vollbeschäftigung im tertiären Sektor kommen, nicht erfüllt? Mit welchen Arrangements füllen Gesellschaften die Versorgungslücken, die durch die Auflösung traditioneller Familienstrukturen einerseits, die zunehmende Vermarktlichung des Dienstleistungssektors andererseits entstehen? Warum gelingt es den un- und unterbezahlten Care-Arbeitenden insgesamt so schlecht, ihre Interessen zu vertreten und durchzusetzen?  

Wer sich mit postpatriarchaler Ökonomie befasst, freut sich, dass solche Fragen auch andere Leute umtreiben und dass diese Leute sogar schon vor dem Einschnitt der Corona-Pandemie, in der die Frage nach einer sorgenden Gesellschaft unerwartet an Brisanz gewonnen hat, hochkarätige Konferenzen dazu veranstaltet haben. Die Ergebnisse einer dieser Konferenzen (Frankfurt, 30.9./01.10.2019) können jetzt, in aktualisierter Form, als sechstes Jahrbuch der Reihe „Die Wirtschaft der Gesellschaft“ von der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (Heidelberg) und dem Oswald von Nell-Breuning-Institut für Wirtschafts- und Gesellschaftsethik (Frankfurt a.M.) publiziert, als verlässliche Wissensquelle für eine postpandemische Politik des guten und gerechten Zusammenlebens genutzt werden.

In achtzehn Beiträgen vertiefen sich zwölf Wissenschaftlerinnen und neun Wissenschaftler aus Soziologie, Sozialethik, Arbeitswissenschaft, Gerontologie, Volkswirtschaftslehre, Politologie, Familien- und Haushaltswissenschaft in die Analyse der vielfältigen, in lebhafter Bewegung befindlichen Gegenwartslandschaft der Daseinsfürsorge vor allem in Deutschland und Österreich. Zusammen mit zahllosen Verweisen auf abgeschlossene oder laufende Forschungsprojekte vermitteln die Texte den Eindruck einer sich zunehmend vernetzenden Erkenntnisbemühung, die es sich zum Ziel gesetzt hat, ein Gemeinwesen zu entwerfen, in dem Menschen aller Geschlechter und Zugehörigkeiten in Gerechtigkeit und Sicherheit füreinander sorgen.

Das in Belgien erfolgreich praktizierte Modell subventionierter Gutscheine für haushaltsnahe Dienstleistungen (Uta Meier-Gräwe) kommt in diesem interdisziplinären Austausch ebenso zur Sprache wie unterschiedlich (un)geregelte transnationale Sorgeketten (Friederike Bahl, Simone Habel) oder Experimente mit hauswirtschaftlichen Genossenschaften (Anneliese Durst und Ilona Ostner). Gefragt wird nach der Zukunft des Ehrenamts (Tine Haubner), den Gründen für die seltsame Diskrepanz zwischen moralischer Hochschätzung und monetärer Prekarität im Pflegesektor (Stephan Voswinkel), dem gespannten Verhältnis zwischen traditionellen Gewerkschaften und Menschen in Pflegeberufen, insbesondere in der Alterspflege (Wolfgang Schroeder), der problematischen Rolle des Begriffs „Dienstgemeinschaft“ in den kirchlichen Wohlfahrtsverbänden (Karl Gabriel) oder den Mechanismen der Selbstausbeutung in einem zunehmend marktförmig organisierten Care-Gewerbe.  Während die meisten Beiträge sich im Rahmen eines kritischen Reformismus bewegen weisen insbesondere Paul Mason und Gabriele Winker in ihren Texten über die gegebenen Traditionslinien des klassischen Wohlfahrtsstaates hinaus in eine postkapitalistische, grundlegend neu strukturierte Gesellschaft, „in der die Trennung zwischen entlohnter und unentlohnter Arbeit aufgehoben ist und in der es gelingen kann, jenseits von Geld und Tausch die Bedürfnisse von Menschen zu befriedigen.“ (Gabriele Winker, 457)

So kommt am Ende dieser äußerst material- und erkenntnisreichen Textsammlung der „System Change“ in Sicht, eine Perspektive, die, so ist zu hoffen, in naher Zukunft die Bewegung für eine würdige Organisation menschlicher Daseinsfürsorge mit den Bemühungen um ökologische Nachhaltigkeit im Zeichen des Klimawandels zusammenführen wird.      

Bernhard Emunds, Julian Degan, Simone Habel und Jonas Hagedorn (Hg.), Freiheit – Gleichheit – Selbstausbeutung. Zur Zukunft der Sorgearbeit in der Dienstleistungsgesellschaft, Marburg 2021, 462 Seiten, 36,80 Euro.

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Aus der Zeit gefallen (7) – Von Klassen, Generationen und anderen Frauen https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/06/aus-der-zeit-gefallen-7-von-klassen-generationen-und-anderen-frauen/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/06/aus-der-zeit-gefallen-7-von-klassen-generationen-und-anderen-frauen/#comments Fri, 04 Jun 2021 07:30:04 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17417

Die Berliner Autorin Anke Stelling, Jahrgang 1971, geboren und aufgewachsen im Schwäbischen lässt in “Bodentiefe Fenster” und “Schäfchen im Trockenen” gleich zwei Alter Egos am erwachsenen Frauen-Leben mit Kindern, politischem und privatem Anspruch und künstlerischem Beruf verzweifeln. Sie thematisiert Geschlechter- und Besitzverhältnisse und trifft damit auch unsere Nerven – aber unterschiedliche.

Auf Einladung von Maria diskutieren Antje, Anne und Kathleen aus der bzw-Redaktion.

Update: Diese Folge lässt sich nun auch als Podcast hören, und zwar hier: https://anchor.fm/bzw-weiterdenken/episodes/Aus-der-Zeit-gefallen-7—Von-Klassen–Generationen-und-anderen-Frauen-e141iol

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Sorgearbeit fair teilen – oder Sorgekrise überwinden? https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/05/sorgearbeit-fair-teilen-oder-sorgekrise-ueberwinden/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/05/sorgearbeit-fair-teilen-oder-sorgekrise-ueberwinden/#comments Mon, 31 May 2021 08:04:48 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17401 Mit Unterstützung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Jugend und Frauen haben 14 Verbände während der ersten Welle der Corona-Pandemie ein Bündnis gegründet, das sich zum Ziel gesetzt hat, „die Sorgelücke zwischen Frauen und Männern zu schließen“. Träger ist der Deutsche Frauenrat.

Illustration: Elfriede Harth

Zum 28. Mai 2021 – während der dritten Pandemie-Welle – gab das Bündnis eine Pressemeldung heraus unter dem Titel: „Corona-Krise: Wir brauchen einen Aufbruch zu mehr Geschlechtergerechtigkeit!“ Es wird der Internationale Aktionstag für Frauengesundheit, der 28. Mai, zum Anlass genommen, zu beklagen, dass die Pandemie die Gesundheit von Frauen besonders gefährdet bzw. angegriffen habe. Und als Grund dafür wird die Verschärfung der Zweifach- und Dreifachbelastung von Frauen durch die Corona-Krise gesehen.

Schon vor der Pandemie litten Frauen unter Zwei- und Dreifachbelastung.  Denn Frauen müssen, wie es auch von Männern erwartet wird und bei diesen die Regel ist, zuallererst für ihren Lebensunterhalt und ihre finanzielle Absicherung im Alter eine Erwerbstätigkeit ausüben. Neben dieser existenziellen Notwendigkeit obliegt es den Frauen vielfach zusätzlich noch, den Haushalt zu führen, also eine zweite Arbeitsschicht zu bewältigen, und sich im Falle einer Mutterschaft um Kinder zu kümmern, was zu einer dritten Arbeitsschicht führt. Statt Kinder – manchmal auch noch zusätzlich zu Kindern – können es auch Kranke und Pflegebedürftige sein, die daheim gepflegt werden (müssen). Nur eine Minderheit der Frauen mit hohem Einkommen kann diese zweite und dritte Arbeitsschicht delegieren. Und zwar häufig an eine andere Frau, die meistens dann einen migrantischem Hintergrund hat.

Leben Frauen in einer Ehe oder Partnerschaft, wird die zweite und dritte Arbeitsschicht zwar zum Teil unter beiden Partner:innen aufgeteilt, aber immer noch selten zu gleichen Teilen. Männer sind generell öfter bereit, mehr Zeit in die Erwerbsarbeitsschicht zu stecken als Frauen. Wird Frauen die Zweifach- oder Dreifachbelastung zu schwer, entscheiden sie sich dann eher als Männer dafür, ihre erste Arbeitsschicht zugunsten der zweiten und dritten zu verringern oder gar ganz aufzugeben. Das führt zu finanziellen Einbußen, da nur die erste Arbeitsschicht, nämlich die Erwerbsarbeitsschicht, entlohnt wird. Die anderen beiden Tätigkeiten werden weitgehend als rein private Angelegenheit betrachtet.

Geld verdienen, um Miete und Brot zu bezahlen, müssen alle. Aber ist nicht jede:r frei, sich dafür oder dagegen zu entscheiden, sich „Kinder anzuschaffen“ oder Angehörige zu pflegen?

Die Antwort ist: leider nein! Wenn nicht schon durch Brauch und Moral, so ist der Generationenvertrag klar in unserer Gesetzgebung verankert. Eltern – und zuallererst die Person, die ein Kind gebiert – tragen die volle Verantwortung für ihr Kind (Art. 6 GG, art. 27 UN Kinderrechtskonvention). Aber auch die Verantwortung von erwachsenen Kinder ihren alten Eltern gegenüber ist als Pflicht genau gesetzlich geregelt (§ 1601 ff BGB).

Es ist also nur eine logische Schlussfolgerung, dass Frauenrechtsorganisationen jetzt, wo die Gesundheit vieler Frauen wegen einer akuten Verschärfung der Zwei- bzw. Dreifachbelastung in unserer (neoliberalen) Gesellschaft gefährdet oder beeinträchtigt wurde, von der Politik fordern, Rahmenbedingungen zu schaffen, die Frauen entlasten.

Die Forderungen, die nun das Bündnis „Sorgearbeit fair teilen“ am Internationalen Aktionstag Frauengesundheit stellt, sind jedoch schlicht enttäuschend. Was als Problem im Privatleben von Menschen diagnostiziert wird, soll privat von den Betroffenen und auf deren Kosten gelöst werden. Es sollen Männer einen „fairen Teil“ der (unbezahlten) zweiten und dritten Arbeitsschicht übernehmen, damit Frauen sich stressfreier der ersten Arbeitsschicht widmen können. Damit sie so „berufliche Entfaltung“ erfahren. Die Preisfrage, die sich stellt, ist: Wie soll die Politik Männer dazu bekommen, diese ihrer eigenen beruflichen Entfaltung im Weg stehenden Tätigkeiten zu übernehmen?

(Zwischenfrage: Warum nur gründen Menschen Familien und warum bekommen Menschen Kinder, wenn alles damit Verbundene belastet und anscheinend kein Terrain für persönliche Entfaltung bietet? Wenn es dagegen nur die berufliche Entfaltung behindert?)

Was sind also die konkreten Vorschläge des Bündnisses?

Erstens: Eine Steuerreform, nämlich die Abschaffung des Ehegattensplittings. Dadurch sollen verheiratete Frauen davon abgehalten werden, auf eine mögliche „berufliche Entfaltung“ in einer Erwerbstätigkeit zu verzichten, und sich legitim weigern können, Zeit in die anderen – als problematisch betrachteten – zwei Schichten zu stecken.

Allerdings: Für unverheiratete Frauen greift das Ehegattensplitting nicht. Und auch für Menschen und Haushalte, die aufgrund von Armut keine Einkommensteuern zahlen (Hartz IV-Empfänger:innen zum Beispiel) ist eine solche Reform irrelevant. Sie erhalten ja auch kein Kindergeld, kein Elterngeld und – sollte es denn mal eingeführt werden – vermutlich auch kein Pflegegeld. Diese Menschen werden, auch wenn sie unbezahlt gesellschaftlich notwendige Tätigkeiten erbringen und sich etwa um Kinder oder Pflegebedürftige kümmern, als Sozialschmarotzer:innen betrachtet, die auf Kosten der Erwerbstätigen leben.

Zweitens: Es sollen Männer, ganz gleichgültig über welches Erwerbseinkommen sie verfügen, ihre Erwerbsarbeitszeit (und somit ihr Einkommen) verringern, damit sie mehr Zeit für unbezahlte Sorgearbeit haben. Sollen also Männer genau das tun, wovon Frauen dringend abgeraten wird? Nämlich Teilzeit arbeiten, obwohl damit Altersarmut vorprogrammiert ist? Zumal Teilzeit eher in weniger gut vergüteten Berufen möglich ist.

Woher der Mann kommen soll, mit dem Alleinerziehende die unterschiedlichen Formen von Arbeit teilen sollen, bleibt ebenfalls ein Rätsel.

Um noch einmal die Anfänge des Internationalen Aktionstags Frauengesundheit in Erinnerung zu rufen: Er wurde 1987 von der UNO ausgerufen. Frauenorganisationen aus dem Globalen Süden (Lateinamerika und Karibik) hatten sich stark gemacht für einen Aktionstag für frauenspezifische Gesundheitsfragen, die mit dem Recht auf körperliche Selbstbestimmung von Frauen zusammenhängen: Recht auf Sexualaufklärung, Recht auf Verhütungsmittel, straffreier Zugang zu Schwangerschaftsabbruch, um Muttersterblichkeit zu verhindern, Vorsorge für Brust-, Gebärmutter- und Eierstockkrebsm aber auch fachliche Betreuung während Schwangerschaft und Geburt und das Recht auf ein Leben frei von (sexueller) Gewalt (denn Gewalt kann lebensbedrohend sein).

Zwar sind in Deutschland und zum Teil auch in Europa viele diese Forderungen inzwischen mehr oder weniger erfüllt, aber die Paragrafen 218 und 219 zum Beispiel stehen immer noch im Strafgesetzbuch. Wegen des Abrechnungssystems der Fallpauschalen schließen immer mehr Geburtsstationen „aufgrund mangelnder Rentabilität“, sodass Gebärende selbst in Großstädten oft Schwierigkeiten haben, in der Nähe ihrer Wohnung niederkommen zu können. Obstetrische Gewalt, also Gewalt bei der Geburtshilfe, nimmt aus eben diesem Grund zu: Eine Geburt, die länger als fünf Stunden dauert, ist im Fallpauschalenregime „unrentabel“. Gebärende werden medizinisch entmündigt: Die Rate der medizinischen Interventionen und besonders der Kaiserschnittgeburten steigt. Hebammen klagen über Überlastung, weil die Eins-zu-eins-Betreuung von Gebärenden im Kreißsaal nicht möglich ist. Freischaffende Hebammen werden mit immer teureren Versicherungsforderungen regelrecht aus dem Beruf gedrängt. Und während der Pandemie hat die häusliche Gewalt gegen Frauen und Kinder zugenommen, und viele Vorsorgeuntersuchungen wurden wegen Corona nicht oder nicht rechtzeitig durchgeführt. Leider ist von all diesen drängenden Problemen nichts in der Pressemeldung zum Aktionstag Frauengesundheit zu finden.

Es ist erwiesen, dass die Zweifach- und Dreifachbelastung von Frauen, und ihre Verschärfung erst recht, zu psychischen und physischen Gefährdungen führt. Das ist genau, was als „Care-Krise“ verstanden wird. Das Bündnis „Care Revolution“ fordert daher schon lange:

1. Eine Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit (für alle) auf maximal 30 Wochenstunden bei vollem Lohnausgleich, damit alle Menschen Zeit haben, sich an der notwendigen Sorgearbeit zu beteiligen und sich somit die Vielfachbelastungen verringern.

2. Den massivem Ausbau von Infrastrukturen öffentlicher Daseinsvorsorge (bezahlbare Wohnungen, kostenloser ÖPNV, gute und inklusive Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit, gute Gesundheitsversorgung, gute Pflegeeinrichtungen und vieles mehr), damit Menschen mit Sorgeverantwortung die notwendige Unterstützung und Entlastung erhalten.

3. Eine Erhöhung des Personals und die Vergesellschaftung von Krankenhäusern und Pflegeheimen, damit dort alle gut versorgt werden und die Carearbeitenden ihre Arbeit ihren Ansprüchen entsprechend gut machen können.

4. Allgemeinverbindliche Tarifverträge in allen Careberufen, damit Menschen, die diese notwendigen Berufe ausüben, entsprechend dem gesellschaftlichen Wert ihrer Arbeit entlohnt werden. Für (migrantische) Betreuer:innen in Privathaushalten muss es gesetzlich geregelte, angemessene Löhne, Sozialversicherung und Arbeitszeiten geben.

5. Den Aufbau von kommunalen und überregionalen Care-Räten, damit Menschen entsprechend ihren Bedürfnisse entscheiden können, welche Unterstützung sie haben möchten.

6. Die Einführung eines personenbezogenen, existenzsichernden Bedingungslosen Grundeinkommens, damit alle Menschen jederzeit auf eine gesicherte Existenz vertrauen können und angstrfei zwischen Job, Sorgeaufgaben und sozialem und politischem Engagement wählen können.

Diese Punkte, die schon lange vor der Pandemie erarbeitet wurden, sind erst recht für die Zeit danach wichtig. Denn jetzt ist die Care-Krise endlich für alle sichtbar geworden.

Für die Gesundheit der Menschen ist jedoch auch noch anderes, zum Beispiel die Klimafrage zentral. Deshalb hat sich sich die „Care Revolution“ in der Pandemie mit anderen Organisationen vernetzt in der Kampagne #PlatzFürSorge.

Um es mit „Fridays for Future“ zu sagen: Wir brauchen „System change, nicht climate change“! Und wir brauchen das nicht nur in Deutschland, sondern global. Das hat Corona als globale Pandemie ebenfalls klar gezeigt. Auch aus einer Care-Perspektive ist deshalb die die Auflösung aller Lager und ein Recht auf Familiennachzug für Geflüchtete zu fordern.

Letztlich fließen all diese unterschiedlichen Aspekte in einem grundlegenden Gedanken zusammen:

Alle Menschen haben ein Recht auf Familie, ein Recht darauf, gemeinsam zu leben und sich umeinander kümmern zu können.

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Sich verletzbar schreiben https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/05/sich-verletzbar-schreiben/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/05/sich-verletzbar-schreiben/#comments Fri, 28 May 2021 23:17:31 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17373 Wieviel Persönliches geben AutorInnen beim Schreiben über sich preis? Und wo ist die Grenze, wenn es um psychische Krankheiten oder persönliche Verletzungen geht? Diesen und anderen Fragen gingen AutorInnen und LiteraturwissenschaftlerInnen kürzlich in der Diskussionsreihe „Mental Health und Literatur“ nach. Sie wurde vom Literaturforum im Brecht-Haus veranstaltet und fand Ende April in Form von Podiumsdiskussionen und Lesungen statt. Besonders eindrücklich fand ich den Programmpunkt „Verletzbarkeit als emanzipatorische Praxis“ mit Paula Fürstenberg, Lea Schneider und David Wagner. Verletzbarkeit, was für ein Wort im Vergleich zur Verletzlichkeit! Ich sehe es praktisch vor mir, wie ein verletzliches Pflänzchen klein und zart dasteht und hofft, dass es irgendwie durchkommt, wenn überhaupt. Und auf der anderen Seite die starke Frau, die ihre Rüstung ablegt und allen zeigt, was ihr wichtig ist und wo sie verletzbar ist.

Das Thema hat mich stark an unser Schreiben hier auf bzw-weiterdenken erinnert, bei dem wir oft von uns selbst ausgehen und Persönliches preisgeben. Und abwägen, ob es nicht zu persönlich ist, zu heikel vielleicht. Und ehe ich den Gedanken richtig gefasst hatte, wurden in der Diskussion auch schon die Italienischen Denkerinnen genannt, an deren Tradition wir mit unserer Art des Denkens und Schreibens ja anknüpfen.

Nochmal zurück zur Wortwahl: Bei Verletzbarkeit geht man davon aus, dass es jemanden gibt, der verletzen könnte, denkt die LeserInnenschaft schon mit. „Kann ich das jetzt schreiben? Und falls ja, mit welchen Reaktionen muss ich rechnen? Halte ich diese Reaktionen aus? Wenn nein, lieber nicht schreiben.“ Schade, Denkblockade, hier geht es leider nicht weiter.

Bild: Kathleen Oehlke

Wenn wir die Welt verstehen wollen, können wir die persönliche Ebene nicht ausblenden, denn wir gehören ja zur Welt. Wir wollen doch verstehen, was strukturelle Probleme sind, was persönliche Prägungen, wie die miteinander verwoben sind. Wenn wir ableiten wollen, wie ein gutes Leben für alle gelingen kann, werden wir das aufdröseln müssen.Die öffentliche Seite, nun gut, die lässt sich auch aus einer gewissen Distanz noch ganz gut durchdenken. Aber die persönliche, psychologische Ebene, die geht ans Eingemachte. Und wir brauchen das Reden über diese Seite. Sonst wäre es, als würde man ums Problem kreisen und genau, wenn es spannend wird, doch wieder abbiegen. Weil: Das ist zu persönlich, zu privat. Womöglich hat es mit dem Elternhaus zu tun, und man möchte ja auch niemandem auf den Schlips treten, also warten, bis die Eltern tot sind, aber dann haben sie ja noch immer mich geprägt. Also warten, bis ich tot bin, aber dann kann ich nicht mehr denken. Also alles heimlich aufschreiben und hoffen, dass es jemand findet und posthum veröffentlicht oder zumindest in die Debatten einbringt. Und dann dauern Veränderungsprozesse eben mal schnell mehrere Generationen. Man schützt sich so vielleicht selbst vor Verletzungen, aber Emanzipation ist so nicht zu haben.

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Die Politik der Frauen ist Politik https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/05/frauenpolitik-ist-politik/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/05/frauenpolitik-ist-politik/#comments Mon, 24 May 2021 10:34:10 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17366 Diesen Text schrieb Lia Cigarini als Einführung für eine Redaktionskonferenz der Online-Zeitung „Via Dogana“ des Mailänder Frauenbuchladens im April 2021. Mit ihrer Erlaubnis stellen wir ihre Gedanken auch in diesem Forum zur Diskussion. Übersetzung: Antje Schrupp

Ich will mit drei Zitaten beginnen, die meiner Meinung nach für die Geschichte der Politik der Differenz von grundlegender Bedeutung sind.

Das erste stammt von Carla Lonzi in „Wir pfeifen auf Hegel“ (1970): „Die weibliche Differenz besteht in der jahrtausendelangen Abwesenheit der Frau aus der Geschichte. Machen wir uns diesen Unterschied zunutze: Wenn die Integration der Frau erst einmal erreicht ist, wer weiß, wie viele Jahrtausende nötig sein werden, um dieses neue Joch abzuschütteln?“

Das zweite ist eine Erklärung der Dienstagsgruppe der Arbeitskammer von Brescia aus einem Text, den sie im goldenen Sottosopra „Ein Faden vom Glück“ von 1989 veröffentlicht haben. Ich zitiere: „Es fällt uns schwer zu analysieren, woher unsere Stärke letztendlich kommt. Ihre Quelle ist weiblich, das ist sicher, aber diese Einsicht ist oberflächlich und mittlerweile längst bekannt. Wir stellen keine Ansprüche oder Forderungen an die Gewerkschaft. Sondern wir wollen eine Gewerkschaft von Frauen und Männern sein, eine Gewerkschaft, die die sexuelle Differenz auf allen Ebenen berücksichtigt. Wenn wir zulassen, dass die sexuelle Differenz auf eine bloße mathematische Formel reduziert wird, auf eine gleichmäßige Präsenz der Geschlechter, vergeben wir die Möglichkeit, einen Konflikt auszutragen, der politisch ist.“

Das dritte Zitat schließlich findet sich in der ersten Ausgabe der zweiten Serie der Printzeitung Via Dogana (1991) mit dem Titel „Politik ist die Politik der Frauen“. Ich zitiere: „Jetzt stehen wir vor einer neuen Herausforderung, und zwar der, den Dualismus zu beenden, wonach Frauenpolitik eine Politik sei, die neben jene andere angeblich männliche oder neutrale tritt, und stattdessen eine echte Politik der sexuellen Differenz hervorzubringen.”

Es gibt noch mehr Möglichkeiten, das zu verstehen. Das vorhandene Gebäude aufzuteilen und sich neben den Männern zu deren Bedingungen einzurichten, ist, wie Carla Lonzi geschrieben hat, sicherlich der falsche Weg.

Aber wo liegt der Fehler? Wir haben selbst gesagt: Die Geschlechter sind zwei, die Welt ist eine. Vielleicht lag der Fehler in der Theorie der Partialität. Es war richtig, die Idee der Partialität vorzubringen, um den männlichen Universalismus zu kritisieren, der nicht nur die sexuelle Differenz, sondern auch die Existenz von Frauen als solche auslöschte. Doch dann wurde dieses Konzept der Parteilichkeit auf das Frausein selbst und auf die Frauenpolitik angewendet und diese als etwas Partikulares (im Sinne von Teilbereich der Politik”) dargestellt. Und das ist falsch.

Um es zusammenzufassen: Die Politik der sexuellen Differenz tritt nicht dafür ein, dass Frauen und Männern sich gegenseitig begrenzen. Sondern sie will eine Realität denken und freiheitlich gestalten, in der es sowohl Frauen als auch Männer gibt.

In den vergangenen Jahren, und ich würde sagen verstärkt seit der Krise von 2008, ist viel über den Tod und das Sterben der Politik gesprochen worden.

Ich möchte nachdrücklich betonen, dass es die männliche Politik ist, die sich in einer Krise befindet. Dies auszusprechen, gibt nicht nur den Blick frei auf die Politik der Frauen, sondern auch darauf, wie unzulänglich die Antwort ist, die die Männer bislang auf die Krise gegeben haben. Sie haben es nicht vermocht, sich mit der notwendigen Klarsicht am Konflikt zwischen den Geschlechtern zu beteiligen. Die überwiegende Mehrheit der Männer hat sich stattdessen einem zunehmend ungezügelten Narzissmus verschrieben. Schon seit den 1970er Jahren hat die männliche Politik angefangen, sich aufzulösen, und die ehemals reiche politische Sprache zu verlieren, die Kultur hervorbringt und auf diese Weise auch die Teilnehmer am politischen Diskurs kultiviert. Demgegenüber verweise ich auf den sprachlichen Reichtum der Politik der Differenz, die seit den frühen 1970er Jahren weibliche Narrative geprägt hat. Aus ihr sind Vorschläge und Früchte erwachsen, genauso wie aus den Beziehungen mit Künstlerinnen, Historikerinnen, Wissenschaftlerinnen, kurz gesagt, es fand eine gegenseitige Befruchtung statt.

Mit der politischen Praxis, die wir nach und nach geschaffen haben – zum Beispiel Frauenorte und so weiter – haben wir auch theoretische Einsichten gewonnen. Drei Beispiele: Das erste betrifft die Beziehung zwischen Subjekt und Objekt. Wir haben verstanden, dass ihre Trennung künstlich ist und dass es trügerisch ist, sich Ziele zu setzen, bevor man sie selbst erprobt hat. Zweitens haben wir verstanden, dass das Begehren im Grunde kein Objekt hat, auf das es gerichtet ist. Das Begehren ist die wichtigste Essenz des Menschen. Das dritte Beispiel betrifft die Gesetze. Es wird oft fälschlicherweise angenommen, Probleme des persönlichen Lebens und der Geschlechterverhältnisse könnten per Gesetz gelöst werden. Aber bei diesen Dingen setzt sich das Gesetz nicht durch. Das Gesetz stiftet keine Wahrheit, im Gegenteil, es stiftet Verwirrung. Dieses Wissen hat eine Grundidee nahegelegt: Man kann Menschen nicht gleichstellen, indem man Gesetze macht, die für alle gleich sind. Das klingt paradox, ist in Wahrheit aber nur die Einsicht in die persönliche Einzigartigkeit aller Menschen.

Nur sehr wenige Männer haben sich mit dem politischen Denken und Handeln von Frauen auseinandergesetzt. Ich nenne nur ein aktuelles Beispiel aus der italienischen Tagespolitik, das deutlich macht, wie taub manche Männer gegenüber einer Politik der Differenz sind: Weil seine Partei keine Frauen für die Ministerämter vorgeschlagen hatte, hat Enrico Letta, Sekretär der PD (Sozialdemokraten), angekündigt, er wolle nun jeweils eine Frau für das Amt des Fraktionspräsidenten und als Unterstaatssekretärin vorschlagen, damit man in Europa nicht wieder mal einen schlechten Eindruck hinterlässt. Auf das Elend dieser Argumentation von Letta hat eine politische Klasse, die offenbar nichts über die Kämpfe der Frauen und den Feminismus weiß (außer Quoten, wenn Posten zu verteilen sind) keinerlei nennenswerte Reaktion gezeigt. Die Frauen der Partei haben sich nur untereinander gestritten.

Während der Pandemie haben viele davon gesprochen, dass ein zivilisatorischer Wandel notwendig sei (auch wenn sie dabei nicht an die Freiheit der Frauen gedacht haben und den Konflikt zwischen den Geschlechtern beiseiteschieben), und zwar aus zwei Gründen: wegen der ökologischen Zerstörung des Planeten Erde und wegen der Ungerechtigkeit bei der Verteilung des Reichtums. Im Wesentlichen kann man sagen, dass der Kapitalismus in technologischer Hinsicht gesiegt hat, dabei jedoch unerträgliche Ungleichheiten geschaffen hat. Ich bin der Ansicht, dass es möglich ist, erste Schritte eines Weges aufzuzeigen, den nur die Politik der Differenz mit ihrer Praxis des Von-sich selbst-Ausgehens und der Beziehungen gehen kann, der aber diejenigen Männer mit einbezieht, die wissen, dass die Männerpolitik und deren Parteien und Institutionen auf der Vorstellung von Identität Beruhen und mit der heutigen Realität nicht in Einklang zu bringen sind.

Schon seit den 1990er Jahren hat sich die Politik der Differenz zu Wort gemeldet und einen zivilisatorischen Wandel gefordert. 1997 schrieb ich in einem Text mit dem Titel „Ein expliziter Konflikt“: „Dieser Zivilisations-Übergang wird von einem Geschlecht vorangetrieben, das unerkannt ist, weil die weibliche Differenz außerhalb der gängigen Interpretationskategorien steht. … Die Gleichheit definiert ein Feld von Werten und Zielen, die erreicht werden sollen: Gleichheit in Bezug auf Gehalt, Karriere, Rechte usw. Die Differenz hingegen nicht. Sie gibt nur Hebel an die Hand, mit deren Hilfe sich die symbolische Ordnung verstehen und brechen lässt: das Von-sich-selbst-Ausgehen und die Politik der Beziehungen anstelle von Organisation und Repräsentation. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Differenz, obwohl sie eine tiefgreifende Erfahrung jeder Frau ist, sich ihrer Erfassung und Interpretation entzieht. Ich glaube, das liegt an einer Zurückhaltung, sie anzunehmen und in der Welt zum Zirkulieren zu bringen, aus ihr eine politische und nicht nur innerliche Tatsache zu machen.“

Das haben wir uns damals gedacht. Jetzt füge ich hinzu, dass die Aussage von Carla Lonzi zu einer Prophezeiung geworden ist: Wir haben als Frauen von der Differenz profitiert.

Eine Untersuchung der Zeitschrift Internazionale Nr. 1399 vom 11. März 2021 berichtet, dass Mädchen Kraft schöpfen aus der Gruppe ihrer Freundinnen, mit denen sie Erfahrungen, Emotionen und Urteile darüber teilen, was in der Welt geschieht. Das heißt, sie sind sich ihrer selbst bewusst. Und vor allem nennen sie ihre Mütter als Vorbilder. Sie sind frei.

Auch eine kürzlich vom Corriere della Sera veröffentlichte Umfrage zeigt, dass die Beziehungen zwischen Töchtern und Müttern gut sind. Andererseits erinnere ich mich daran, dass sich mein Gefühl in Bezug auf meine Mutter veränderte, nachdem wir in meiner Consciousness-Raising-Gruppe über unsere Erfahrungen, auch die intimsten, gesprochen hatten und so das Patriarchat dekonstruierten.

Wir haben also ein weibliches Symbolisches geschaffen: ein „Unter Frauen“, das zur symbolischen Struktur geworden ist, aus der wir Kraft schöpfen, so wie die weibliche Genealogie, also das Vertrauensverhältnis zu einer Frau, die vor dir zur Welt gekommen ist, und die dein Begehren unterstützen kann.

Schließlich: die Beziehung zur Mutter als Figur der Vermittlung unter Frauen. Und ich füge hinzu: auch als Vermittlung mit den Männern. Und eine mögliche Vermittlung zwischen Männern und Frauen.

Während ich über diese Dinge nachdachte, erinnerte ich mich an einen Briefwechsel mit einem Freund, Dino Leon, einem geschätzten Juristen, über die Politik der Differenz. In einem Brief schrieb er: „Ich denke, dass etwas (ich weiß nicht wie viel) auch an das männliche Kind weitergegeben werden kann. Seine Mutter bringt auch ihm das Sprechen bei.“

Fast alle Männer, die sich der Politik der Differenz zugewandt haben, weisen darauf hin, dass die Beziehung zur Mutter eine Vermittlung für die Beziehungen zwischen Frauen und Männern sein kann. Während der Metoo-Debatten sagte etwas Ähnliches sogar ein bekannter italienischer Sänger, an dessen Namen ich mich nicht erinnere, in einem Interview mit dem Corriere: „Wenn Sie eine gute Beziehung zu Ihrer Mutter haben, respektieren Sie Frauen.“

Ich sehe in diesen einfachen Worten ein Prinzip der Vermittlung für eine Politik von Frauen und Männern, das der demütigenden, irreführenden und obsessiven Forderung von Berufspolitiker:innen nach Gleichheit ein Ende setzt. Aber ich sehe ein noch ehrgeizigeres Ziel darin. Nämlich dass die Politik der Differenz von Frauen und Männern erste Schritte zur Bekämpfung der ökologischen Zerstörung des Planeten Erde weisen und das ständige Wachsen sozialer Ungerechtigkeiten beenden kann.

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Die Kundin: Dokumentarfilm über das Leben und Wirken von Marlies Krämer https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/05/die-kundin-dokumentarfilm-ueber-das-leben-und-wirken-von-marlies-kraemer/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/05/die-kundin-dokumentarfilm-ueber-das-leben-und-wirken-von-marlies-kraemer/#comments Thu, 20 May 2021 07:09:34 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17360

Marlies Krämer aus Sulzbach im Saarland ist eine streitbare Feministin: Sie kämpfte erfolgreich für die Bezeichnung Inhaberin im Personalausweis. Bisher noch ohne Erfolg blieb ihr Gerichtsverfahren für die Anrede als Kundin und Kontoinhaberin bei der Sparkasse Saarbrücken, das sie bis zum Bundesgerichtshof brachte. Daneben ist sie Schriftstellerin, Dichterin und vor allem feministische Netzwerkerin und Aktivistin, zuletzt für die Anerkennung von Sorgearbeit.

Nun gibt es einen Dokumentarfilm über sie. Regisseur Camilo Berstecher Barrero ist begeistert von seiner 80-jährigen Hauptfigur. Er porträtiert diese engagierte Frau und ihr im besten Sinne eigenwilliges Leben sehr liebevoll und zeigt, wie sie auch in Kleinigkeiten konsequent handelt. So wuchsen mir Marlies Krämer und ihr tapferer Kampf ans Herz, trotz meiner anfänglichen Skepsis, weil ich sie als anstrengend in Erinnerung hatte. Das Anstrengende und Nervige gehört wohl dazu, wenn eine Frau gegen viele Hindernisse und Widerstände etwas erreichen will.

Der deutsch-kolumbianische Regisseur verließ seine Heimat aus politischen Gründen. Er engagiert sich in der Kulturpolitik und studiert an der Hochschule der Bildenden Künste Saar in Saarbrücken. „Die Kundin“ ist sein erster langer Dokumentarfilm. Er ist nominiert für den Megaherz Student Award.

Achtung: Dieser Film ist nur noch bis Sonntag, 23. Mai, zu sehen! Er kann über die Webseite des Münchner Filmfestivals gestreamt werden, das Online-Ticket kostet 6 Euro.

Website über den Film “Die Kundin” bei der HBK Saar
Film “Die Kundin” von Camilo Berstecher Carrero beim Dokfest München

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Kapitel 10: Reichtum und Armut als Beziehungsfragen https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/05/kapitel-10-reichtum-und-armut-als-beziehungsfragen/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/05/kapitel-10-reichtum-und-armut-als-beziehungsfragen/#comments Tue, 18 May 2021 07:45:18 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17350 Zum 20. Jubiläum der Flugschrift „Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik“ wurde das Büchlein im Christel Göttert Verlag neu aufgelegt und wird hier im Forum auch erstmals online veröffentlicht (hier der Link zum Anfang). Dies ist das 10. Kapitel: Reichtum und Armut

Die Armut, so heißt es, ist immer noch weiblich. Dies ist richtig, insofern Frauen weltweit weniger Verfügung über Geld und Eigentum haben als Männer. Aber: Frauen sind reich an Fähigkeiten und Dingen zur Bereicherung des Lebens, reich an Freiheit, an Lebensweisheit und Überlebensstrategien, reich an Beziehungen. Wir weisen deshalb einen Reichtumsbegriff zurück, der sich auf das Materielle und Zählbare beschränkt. Vielmehr ist Reichtum das, was zur Bereicherung des Lebens beiträgt.

Flugschrift
Flugschrift “Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn”

Weiblicher Reichtum bedeutet Fülle und Lebensqualität, die aus der Mitte der Wirtschaft erwächst – und mit diesen Reichtümern wollen Frauen verschwenderisch umgehen. Geld allein macht nicht reich, es ist jedoch ein Mittel, um schöne Dinge zu erwerben – und die Bindung an schöne Dinge, die mir wertvoll und kostbar sind, stellt ein Stück Reichtum und Lebensqualität dar. Dass Reichtum nicht mit Geld und der Quantität des Besitzes gleichzusetzen ist, zeigt interessanterweise die Werbung, die bevorzugt Bilder von gelingenden Beziehungen präsentiert.

Armut entsteht durch Vereinzelung, indem die Verfügung über gesellschaftlichen Reichtum individualisiert wird. Armut in den „reichen“ Ländern steht häufig in Zusammenhang mit dem Scheitern von Beziehungen: So berichten Obdachlose, dass am Anfang ihres Abstiegs meist das Ende einer wichtigen Beziehung stand.

Nicht Reichtum stellt ein Problem für das Zusammenleben dar, sondern Habgier, die in vielen Gestalten und unter vielerlei Namen Motor einer neoliberal-kapitalistischen Marktwirtschaft ist und die gleichfalls beinhaltet, aus dem gegenseitigen Tausch auszusteigen. Der gegenwärtige Stand der Entwicklung des Kapitalismus entzieht den Reichtum den menschlichen Tauschbeziehungen, indem das Geld vom Tauschmittel zum Selbstzweck wird: In der globalen Kapitalspekulation dient Geld nicht mehr zum Erwerb sinnvoller Dinge, sondern stattdessen zum Gewinn von mehr Geld. Das Geld wird selbst zum Ding – dies ist die Seite, in der sich Habgier strukturell zeigt.

Die Bindung an Dinge wird von der kapitalistischen Wirtschaft zerstört, da sie ihren Interessen entgegensteht. Die Bindung an Lebensorte wie auch Arbeitsplätze widerspricht den kapitalistischen Imperativen der Mobilität und Flexibilität; die Bindung an konkrete Dinge wird aufgebrochen, um das unermüdliche Kaufen, Konsumieren und Wegwerfen in Gang zu halten.

Damit bringt die kapitalistische Wirtschaftsweise eine neue Art von Armut hervor, die nichts mehr zu tun hat mit der Armut, die beispielsweise an mehrfach geflickter Kleidung zu erkennen war. Ihr wesentliches Kennzeichen ist die zerstörte oder nicht erlernte Bindung an Dinge. Dieser Armut ist mit (mehr) Geld allein nicht abzuhelfen. Wer selbst keine Bindung an Dinge entwickeln konnte, hat auch keinen Respekt vor der Bindung der anderen an Dinge, die ihnen lieb sind.

Wir erleben, wie Kinder und Jugendliche häufig untereinander vereiteln, dass bei einem von ihnen Bindung an Dinge entstehen oder erhalten bleiben kann, indem sie durch Spott bis hin zur absichtlichen Zerstörung von Gegenständen bei andern unmöglich machen, was ihnen selbst vorenthalten wurde. Oder sie hierarchisieren die Wertigkeit der verschiedenen Dinge — entlang von Markennamen, gehorchen also der patriarchal-kapitalistischen Logik des Hierarchisierens und Trennens.

Aus: Ulrike Wagener, Dorothee Markert, Antje Schrupp, Andrea Günter: Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik. Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim 1999, Neuauflage 2019

Weiter zum Kapitel 11: Notwendigkeit und Wertschätzung der Familien- und Hausarbeit

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Who writes HERstory? https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/05/who-writes-herstory/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/05/who-writes-herstory/#comments Wed, 12 May 2021 09:52:28 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17304
Gestaltung der Graphik: Katharina Koch (www.instagram.com/kaelko)

„Who writes HERstory? WE DO“ prangte wochenlang auf der Litfaßsäule gegenüber. Lange wusste ich nicht, wer da schreibt, und was genau. Frauengeschichte, das dachte ich mir schon, aber sonst? Ich war neugierig.

Schließlich fand ich heraus, dass es ein Aufruf zu einem Edit-a-thon war, einem Online-Workshop, bei dem die Datenlücke zwischen den Geschlechtern bei Wikipedia durch gemeinsame Einträge geschlossen oder zumindest verkleinert werden soll. Also darum, Frauen auf Wikipedia sichtbar zu machen. Für mich kam diese Erkenntnis, was diese Veranstaltung betrifft, zu spät, ich hatte an dem Termin schon andere Pläne. Seitdem ließ mich die Idee nicht mehr los. Immer wieder überlegte ich, welche Frau in Wikipedia so sehr fehlt, dass ich sie dringend ergänzen will.

Dringend deshalb, weil es eine Hürde für mich gab. Der unterstützende Workshop war vorbei und ich nicht besonders computeraffin − und so fürchtete ich die männlichen Nerds, die sich bei Wikipedia tummeln. Tatsächlich gibt es bei Wikipedia natürlich auch einige Frauen und sogar feministische Projekte, die ich allerdings erst später entdeckte. Mein allererster Schritt auf Wikipedia war eine kleine Ergänzung beim Artikel über Ina Praetorius. Die neu geschenkte Festschrift Dass die Welt wohnlich für alle wird fügte ich als Literatur über sie ein. Dann fand ich zwei Frauen, über die ich schreiben wollte – beziehungsweise ich fand sie eben nicht auf Wikipedia.

Rita Laura Segato, die ich im Februar bei einer Online-Konferenz von Medico erlebte, ist eine argentinisch-brasilianische Anthropologin und Feministin, deren Buch Wider die Gewalt über Feminismus und Kolonialismuskritik im Mai erscheint. Zu ihr gibt es eine spanische Seite, die ich übersetzen und anpassen möchte. Das habe ich noch etwas zurückgestellt, um einen eigenen Artikel zu schreiben.

Dorothee Markert brauche ich hier nicht eigens vorzustellen. Eher meinen Bezug zu ihr: Ich habe sie bei der Denkumenta 2013 kennen gelernt und seitdem haben mich ihre Bücher und ihre Texte hier im Forum begleitet. Daher fand ich es schön, sie bei Wikipedia sichtbar zu machen.

Ich fragte sie erst, ob ihr das überhaupt recht ist, ein Schritt, der bei Wikipedia so vielleicht nicht unbedingt üblich ist, mir aber wichtig war. Ich legte also in Eigenregie los und schnell entwickelte dieses Projekt eine gewisse Dynamik, einerseits weil mich die Auseinandersetzung mit dem Werk von Dorothee Markert faszinierte, andererseits auch, weil Wikipedia einen Rahmen vorgibt, dem ich gerecht werden wollte – ja musste, wenn mein Artikel Bestand haben soll. Es gibt Hilfsseiten für alle geforderten Formalia, und gerade dieses Grundgerüst und das Bewusstsein, dass es nicht perfekt sein muss, haben mir geholfen. Auch meine unvollkommenen Artikel finde ich besser als gar keine, und andere, kompetentere Frauen können weiterschreiben und sie verbessern.

Das ist der Grund für diesen Text. Ich möchte euch einladen, bei Wikipedia mitzuschreiben. Konkret habe ich drei Bitten:

1.Guckt euch meinen Artikel zu Dorothee Markert an, korrigiert, wo es nötig ist, und schreibt daran weiter, wenn etwas fehlt − oder kürzt, was zu ausufernd ist. Das gilt auch für andere Artikel: die zu Ina Praetorius und Antje Schrupp zum Beispiel sind in Ordnung, aber es könnte noch mehr Substanzielles darin stehen. 

2. Schreibt selbst Artikel. Zu Diotima, zum Mailänder Frauenbuchladen, zu Chiara Zamboni fehlen sie. Um nur einige zu nennen, zu denen ich hier im Forum Expertinnen weiß. Projekte und Portale bei Wikipedia zu Frauen und Feminismus listen die „Frauen in Rot“, also noch fehlende Artikel, auf. Mir allerdings macht es viel mehr Freude, selbst welche zu finden.

3. Wie es mir mit Kritik der Wikipedia-Community ergeht, finde ich gerade erst heraus. Ob es dort Solidarität unter Frauen gibt, will ich auch noch näher erkunden. Was mich betrifft: Ich helfe gern, wo ich kann, und freue mich auch über Austausch, hier, per Mail und bei Wikipedia.

Warum ihr all das tun sollt? Mir macht es große Freude. Seit ich einmal begonnen habe, finde ich immer mehr Themen, über die ich schreiben möchte. Gleichzeitig ist es nicht immer leicht, mich in diesem Umfeld zu behaupten. Daher freue ich mich, wenn ihr Lust darauf habt, mit mir zusammen Frauen auch in Wikipedia sichtbar zu machen.

Ich verstehe, dass es Argumente dafür gibt, an anderer Stelle zu schreiben, zum Beispiel hier auf bzw-weiterdenken, wo ein inhaltlicher Austausch möglich ist. Gern komme ich auch über den Sinn oder Unsinn dieses Projekts mit euch ins Gespräch. 
Ich habe entschieden, beides zu tun. Ich habe mit Wikipedia begonnen, schreibe nun hier − was ich schon seit Jahren vorhatte − und möchte beides auch noch öfter tun, zu anderen Themen.

Der Edit-a-thon, von dem ich gelesen hatte, wurde veranstaltet und unterstützt von K8 Institut für strategische Ästhetik, LAG Frauenbeauftragte Saarland, Frauenbüro der Landeshauptstadt Saarbrücken, FrauenGenderBibliothek Saar, AStA-Referat für politische Bildung der Universität des Saarlandes, Wikimedia Deutschland e. V.

Frauen, Feminismus und feministische Projekte in Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Portal:Frauen/Fehlende_Artikel
https://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:WikiProjekt_Feminismus

Downloadlink zu einem Vortrag für Bibliothekarinnen über WomenEdit von Marlene Neumann, Stadtbibliothek Erlangen am 4.5.21

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https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/05/who-writes-herstory/feed/ 15