beziehungsweise – weiterdenken https://www.bzw-weiterdenken.de Forum für Philosophie und Politik Sat, 26 Sep 2020 14:08:27 +0000 de-DE hourly 1 Niemals Selten Manchmal Immer https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/09/niemals-selten-manchmal-immer/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/09/niemals-selten-manchmal-immer/#comments Sat, 26 Sep 2020 09:31:56 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16324 Schwanger, mit 17, ohne feste Beziehung – Autumn weiß genau, dass sie jetzt in dieser Situation, kein Kind bekommen möchte. Zuhause lebt sie in bedrückenden Familienverhältnissen, ihr Job an der Supermarktkasse bietet kaum Chancen. Also sucht sie nach Möglichkeiten einer Abtreibung, was aber im ländlichen Pennsylvania gar nicht so einfach ist. Hilfe findet sie nur im Internet und bei ihrer Cousine Skylar.

Autumn (Sidney Flanigan, links) und ihre Cousine Skylar (Talia Ryder, rechts) versuchen in New York City, eine Abtreibung für Autumn zu bekommen.

In der lokalen Klinik hingegen wird sie von der Ärztin moralisch unter Druck gesetzt und, wie sich später herausstellt, auch noch über den Stand ihrer Schwangerschaft belogen. Außerdem braucht sie als Minderjährige in Pennsylvania für eine Abtreibung die Einwilligung der Eltern, aber mit denen kann und will sie nicht reden.

Stattdessen fährt Autumn (grandios gespielt von Sidney Flanigan) zusammen mit ihrer drei Jahre älteren Cousine Skylar (Talia Ryder) heimlich nach New York City, wo es andere Gesetze zum Schwangerschaftsabbruch gibt und damit Möglichkeiten und Anlaufstellen. Doch dabei stellt sich heraus, dass sie nicht in der zehnten, sondern bereits in der achtzehnten Woche ist, und das kompliziert die Lage erheblich.

Die amerikanische Independent-Regisseurin Eliza Hittman erzählt ihre Geschichte fast dokumentarisch, weder zeigt sie ihre Protagonistin als Opfer, noch verschweigt sie die desaströsen Umstände, denen Jugendliche wie Autumn ausgesetzt sind. Es sind diese Verhältnisse, die der zunächst merkwürdig anmutende Titel anspricht: „Niemals Selten Manchmal Immer“ lauten die vier Antwortmöglichkeiten für Fragen eines Fragebogens, den Autumn vor dem Eingriff bei einer Sozialarbeiterin zu ihren Lebensumständen beantworten muss: Wie oft werden Sie geschlagen? Wie oft erleben Sie sexuelle Gewalt? Niemals? Selten? Manchmal? Immer?

Die Regisseurin zeigt die beiden jungen Frauen auf einer trostlosen Odyssee durch New Yorker Busbahnhöfe, Bars, Hamburgerläden und Warteräume –  in empathischen Großaufnahmen, die jede Gefühlsregung registrieren, Enttäuschung, Angst, Entschlossenheit. Was für eine Gesellschaft ist das, in der reproduktive Selbstbestimmung nur unter solchen Verhältnissen zu bekommen ist?

Natürlich ist dieser Film politisch wichtig in einer Zeit, wo konservative Kräfte dabei sind, die Rechte Schwangerer auf körperliche Selbstbestimmung wieder massiv einzuschränken. Und nach dem Tod von Ruth Bader Ginsburg vorige Woche droht nun mit Trumps Nominierung der Katholikin Amy Coney Barrett eine ausgewiesene Abtreibungsgegnerin in den Supreme Court der USA nachzurücken – und dort stehen in den nächsten Jahren zahlreiche Abtreibungsgesetze zur Entscheidung an.

Mit seiner direkten und zugleich subtilen Erzählweise ist „Niemals Selten Manchmal Immer“ aber nicht einfach nur ein politischer Film von aktueller Brisanz. Sondern es ist auch richtig gutes Kino.

In Deutschland kommt der Film am 1. Oktober in die Kinos. Hier ein Link zum Trailer

Eine Themen-Preview mit einem Online-Panel zum Thema gibt es am Montag, 28. September, mehr Infos dazu hier. An diesem Tag rufen unter dem Motto “Schwangerschaftsabbruch ist Grundversorgung: Egal wo. Egal wer. Egal warum” in Deutschland über 100 Organisationen, Parteien und Bündnisse in Deutschland zum Safe Abortion Day auf. In mehr als 50 Städten finden rund um den 28. September Kundgebungen, Lesungen, Demos und viele weitere Aktionen statt. Informationen der Website:
https://safeabortionday.noblogs.org/mitmachen/aktionen-2020/.

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Reflexionen über überlebens-notwendige Lebensveränderungen und Verzicht https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/09/reflexionen-ueber-ueberlebens-notwendige-lebensveraenderungen-und-verzicht/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/09/reflexionen-ueber-ueberlebens-notwendige-lebensveraenderungen-und-verzicht/#comments Wed, 23 Sep 2020 09:59:22 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16157 Es ist noch immer nicht im Allgemeinbewusstsein angekommen, dass wir alle – und damit meine ich wirklich „alle Menschen“ – etwas verändern müssen.
„Uns geht’s doch gut! Warum etwas verändern?“
Ja, aber …

Jetzt, zur Coronazeit und der Klimaveränderung, die nicht irgendwann kommt sondern die bereits begonnen hat, wäre es dringend notwendig,  sich folgende Fragen zu stellen:

  • was brauche ich zu einem guten Leben?
  • brauche ich das was ich bereits habe wirklich alles?
  • worauf kann ich verzichten?
  • was kann ich verändern in meinem Leben?
Foto: Monika Krampl

Ich bin 70 Jahre und saß gestern mit zwei 70-jährigen Frauen zusammen, die mich erstaunt und verwundert anschauten, als ich sagte, dass ich mich frage was ich mit dem Rest meines Lebens anfange? Ich schaute verwundert zurück – ist es doch gerade jetzt Zeit für Veränderungen im Leben – meine ich.

Für mich persönlich gehört zu einem guten Leben, dass ich nicht über Jahre oder gar Jahrzehnte hinweg in gleichen Alltagsgewohnheiten versinke und mir der vielen anderen Lebensmöglichkeiten gar nicht mehr bewusst bin. Jahreszeiten verändern sich / unsere Leben verändern sich / Lebensrhythmen werden mit den Jahren anders.

Ja, werden sie das?
Nur wenn wir uns selbst und unsere Umgebung mit Achtsamkeit wahrnehmen.

Ich habe immer wieder Neues ausprobiert und möchte auch weiter Neues ausprobieren. Ja, ich möchte sagen – ich muss – weil ich mich verändert habe und daher liebe alte und wohlbekannte Lebensgewohnheiten nicht mehr stimmen. Es passt einfach nicht mehr. Wie ein Kleid, das nicht mehr richtig passt …

Birgit Wittstock schreibt in einem Falter-Newsletter, einer österreichischen Wochenzeitung, die bekannt ist für ihren investigativen Journalismus, über eben diese fehlende Bereitschaft zur Veränderung und bezeichnet sie als den „kollektiven Egoismus“. Und ich frage mich – ist es Egoismus oder Unbewusstheit oder Achtlosigkeit oder Unlust etwas zu verändern und damit einhergehend Angst, dass es einem dann vielleicht nicht mehr gut geht?

Zurück zu dem Treffen der drei 70-jährigen – 210 Jahre geballt an einem Tisch, das hat schon was!

Beim Verabschieden auf der Straße sehe ich das Auto der einen 70-jährigen. Ein Volvo Cabriolet. Ich sehe sprachlos wie das Dach auf Knopfdruck verschwindet. Wie sie sich hinter das Steuer schwingt und mit flatterndem Haar in den Sonnenuntergang fährt. Na ja, es war nicht ganz so. Die Haare haben nicht geflattert, die saßen sehr fest in ihrer Form. Und der Sonnenuntergang war noch nicht so weit.

Und für kurze Zeit tauchte ich ein in die Phantasie, dass ich mit diesem schicken Cabriolet mit meinen weißen, im Fahrtwind flatternden Haaren durch die Hügel der Toskana in den Sonnenuntergang fahre. Im Radio laut – sehr laut, die Songs von Dire Straits und The Doors …

Zurück am Boden der Realität frage ich mich, ob es nicht ein Leichtes ist, über Veränderung und Verzicht zu sprechen, wenn man dies alles nicht hat? Ist es nicht sehr leicht, davon zu sprechen, wenn ich mir das alles sowieso nicht leisten kann? Sollte ich daher meine kleine Pension als Segen betrachten? Zum Nachdenken und Überdenken eines Lebens, das ich bis dahin führte, und einem nun aufgezwungenem Verzicht, der im Anfang nicht leicht war, hat es zweifellos geführt. Und jetzt im Nachhinein bin ich froh und dankbar darüber. Es hat mich aufmerksamer und dankbar für die kleinen Freuden – die in Wirklichkeit ganz groß sind – gemacht.  

Und ich stelle mir die Frage, ob ich der Verführung, mit diesem schicken Cabriolet durch die Toskana zu fahren, standhalten würde, wenn ich es mir leisten könnte?

Ja, würde ich.

Aus Umweltschutzgründen; weil ich diese Autos, auch wenn ich es mir leisten könnte, zu teuer finde; ich möchte nicht so viel Geld für ein Auto ausgeben; weil ich diesen ganzen digitalen-Schnickschnack im Auto nicht will. Ich will selbst fahren und mich nicht dauernd von Assistenzsystemen stören lassen und schon gar nicht will ich, dass ein Auto selbst fahrend ist – ich möchte das Lenkrad selbst bewegen und schalten und walten können …

Ich lebe jetzt seit drei Jahren ohne Auto. Und es geht. Ich benutze öffentliche Verkehrsmittel. Und nur manchmal, so hin und wieder, fehlt mir ein Auto – einfach ins Auto steigen und ab in den Süden…

Ja, es gibt sie, die Momente, in denen es nicht leicht ist mit dem Verzicht.

Trotzdem. Ich habe in den letzten Jahren vieles reduziert.

Von 110 Quadratmeter Wohnfläche auf 50 Quadratmeter. Ich habe Möbel / Geschirr / Bücher / Kleidung / Bilder / Krimskrams / Auto / Motorrad – schlussendlich auch meine Stapel von Tagebüchern / Kartons voll mit Unterlagen aus dem Studium, den vielen Projekten, Workshops und Seminaren / und noch vieles mehr – all meine gelebte Vergangenheit ausgelichtet (entsorgt).

Und es geht mir gut. Ja, es geht mir gut.
Es ist leichter – lichter – geworden.
Es ist Platz für Neues.
Nichts festhalten. Nichts haben wollen.
Leben.
Einfach leben.

„Zu sein, zu leben, das ist genug …“ (Friedrich Hölderlin)

Damit ich auch eines Tages leichten Herzens gehen kann.
Weil ich gelebt habe.

Passend dazu ein Textauszug aus dem Artikel „Unser Wohlstand tötet das Klima – Zeit etwas zu verändern“:
„Werbung und unser eigenes Statusdenken verführen ebenso zu mehr Konsum wie die Konkurrenz der Arbeitnehmer_innen untereinander. Denn „um konkurrenzfähig zu bleiben, werden die Individuen dazu gedrängt, die Zeit- und Kosteneffizienz zu erhöhen, indem sie in Autos, Küchengeräte, Computer und Smartphones investieren“, schreiben die AutorInnen.
Dazu leben besonders wohlhabende Menschen ein Konsumverhalten vor, dem viele nacheifern wollen. ‘Überkonsum’ bedeutet dann auch, Geld auszugeben, um einen vermeintlich höheren Status nach außen sichtbar zu machen und sein eigenes Wohlbefinden zu steigern.
Das Problem: Je mehr Personen dabei mitmachen, umso höher steigt das Konsumniveau und umso teurer müssen die gekauften Statusgüter werden, während das gesellschaftliche Wohlbefinden stagniert”.

Dieser Artikel erschien auch auf dem Blog von Monika Krampl.

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Nachdenken über Arrival III (von III): Über den Lebenssinn und die Sterbebett-Theorie https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/09/nachdenken-ueber-arrival-iii-von-iii-ueber-den-lebenssinn-und-die-sterbebett-theorie/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/09/nachdenken-ueber-arrival-iii-von-iii-ueber-den-lebenssinn-und-die-sterbebett-theorie/#comments Wed, 16 Sep 2020 08:38:25 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16341 Mit diesem Artikel geht’s in die letzte Runde meiner Nachdenk-Trilogie über den Film “Arrival” und die Kurzgeschichte “Story of your Life”. Ich greife noch einmal Ideen und Gedanken auf, die in dem Videopodcast zum Film aus Zeitgründen keinen Platz mehr gefunden haben. Ich knüpfe hier unmittelbar an den Überlegungen von diesem und diesem Artikel an.

Foto und Gestaltung: Anne Newball Duke

Sprache und (Un-)Sterblichkeit

Eines Tages, so richtet sich Louise in Gedanken an ihre zukünftige Tochter, werde ich ohne deinen Vater sein und auch ohne dich. Alles, was ich dann haben werde, ist diese Alien-Sprache. “So I pay close attention, and note every detail.” (Story of your Life, S. 172)

Das sollten wir auch tun. Denn ohne eine neue Sprache, die mit neuen Denk- und Fühlformen verbunden ist und sich mit Haut und Haaren einer lebenswerten, wieder verweltlichten Zukunft zuwendet, werden wir in keiner Zukunft ankommen.

Eine neue Sprache, also voller neuer Denk- und Sprachmuster, ist möglich, wenn sie an die aktuelle Kultur andockt und sich mit den sich stetig verändernden Menschen weiterentwickelt. Und diese in Entwicklung befindliche Sprache gebe ich auch meinen Töchtern weiter; sie wirkt somit in gewisser Weise über meinen Tod hinaus weiter. Es ist von Gewicht, ja geradezu überlebenswichtig, mit welcher Sprache ich zu meinen Töchtern spreche. Sprache verbindet Menschen miteinander. Und es ist von Gewicht, welche Verbindungen Verbindungen verbinden (vgl. Donna Haraway in Unruhig bleiben [2016] 2018, S.23). In einem Fadenspiel (hierzu siehe auch Teil II) geht es “um das Weitergeben und das Empfangnehmen von Mustern, um das Fallenlassen von Fäden und um das Scheitern, aber manchmal auch darum, etwas zu finden, das funktioniert, etwas Konsequentes und vielleicht sogar Schönes; etwas, das noch nicht da war, einer Weitergeben von Verbindungen, die zählen; ein Geschichtenerzählen, das von Hand zu Hand geht, von Finger zu Finger, von Anschlussstelle zu Anschlussstelle – um Bedingungen zu schaffen, die auf der Erde, auf Terra, ein endliches Gedeihen ermöglichen.” (S.20)

Vielleicht können wir Menschen uns doch noch irgendwann an den Gedanken gewöhnen, dass der eigene Tod keine so große Rolle spielt. Denn das Leben endet bei genauerem Hinsehen nämlich nicht mit dem Tod. Nach mir muss nicht die Sintflut kommen. Nur MEIN kleines schönes Leben endet. Es wird aus den weltlichen Verbindungen herausgelöst; aber nicht ganz: meine sterblichen Überreste – wie es so schön heißt – können in Humus verwandelt werden, Regenwürmer können sich durch meinen für sie immer noch interessanten, sich auflösenden Körper wühlen etcpp. Ich trage so auch nach meinem Tod noch zu weiterem Leben bei. Das alles gehört zum weltlichen endlichen Gedeihen dazu.

Und wenn ich jetzt beginne, einen Sprache zu sprechen, die der Verweltlichung mehr zuspricht, dann hinterlasse ich meiner weiter nach mir gedeihenden Welt etwas sehr Wertvolles. Eine solche Sprache, die uns auch Louise in gewisser Weise vermacht, verändert unser Denken, auch das der nach uns kommenden Generationen. Sie geht über unseren Tod hinaus und reicht hoffentlich weit in die Zukunft hinein, baut weiter an einer Zukunft, in der alle Lebewesen dieses zerbrechlichen Lebensraums Erde ein gutes Leben haben. Wir beginnen mit einer Sprache und einem Denken, das unser Sein ab sofort rückbindet an die Erde, wir müssen verstehen, dass wir von der Erde (Haraway, S.26) sind.

Denn mit unserer jetzigen Vorstellung von der linearen Lebensgeschichte, die irgendwann vom Tod abgeschnitten wird, tun wir so, als könnten wir uns aus den komplexen weltlichen Verbindungen herauslösen, hätten nichts mit ihnen zu tun. Damit trennen wir aber genau jene weltlichen Verbindungen auf, die wir und so viele andere Lebewesen zum Erdenbeleben benötigen. Wir müssen begreifen, dass das Leben auch über unseren individuellen Tod hinaus weiter gedeihen möchte, und dass die Responsabilität, für ein Weitergedeihen nach unserem je singulären Tod zu Sorge zu tragen, bei uns Menschen liegt – ob wir wollen oder nicht. Donna Haraway nennt die Übernahme der Verantwortung für die Begegnung (die gegenwärtige sowie die zukünftige), um die man nicht gebeten hat, das “Kultivieren von Responsabilität” (S.181).

Über den Sinn, den freien Willen und Louise

Ted Chiang wiederholt des Öfteren – zumindest las ich es hier und da – dass einer seiner großen Vorbilder Jorge Luis Borges ist. Als Anregung für “Story of your Life” habe ihm so auch dessen Book of Ages gedient. Darin gibt es eine Bibliothek, die eine detaillierte Geschichte der Zukunft enthält, auch die Träume aller Menschen; also wirklich alles aller je singulären Leben. Borges allerdings geht es hier – so weit ich das verstehe, selbst gelesen habe ich das Buch nicht – um eine vorgestellte Unendlichkeit. Die mathematische Wahrscheinlichkeitsrechnung nie aus den Augen verlierend, geht er hier der Frage nach, ob eventuell Sinnvolles aus purem Zufall entstehen kann. Seine Menschen, die sich in der Bibliothek aufhalten, sterben jedoch, ohne je irgendeine Antwort auf ihre Lebens- und Sinnfragen zu erhalten, sich verlierend in dieser schieren Unendlichkeit an Möglichkeiten, in ihr bisheriges oder zukünftiges Leben einzutauchen.

Ich frage mich nicht das erste Mal, warum gerade männliche Schriftsteller – gerade im Gefolge Borges’ oder bereits zurückzuführen auf Giordano Brunos Philosophie der Unendlichkeit des Weltalls – so angepiekst von der Idee sind (auch z.B. von jener des Theorems der endlos tippenden Affen), dass Sinn – betrachtet und ausgehend von mathematischen Wahrscheinlichkeitsrechnungen – eventuell nur zufällig entstehen könne. Zumindest macht es ihnen einen riesigen und sicher auch diebischen Spaß, der Idee fiktiv nachzugehen, dass sich alles Tun und Sein des Menschen durch die glänzende Abwesenheit von Sinn auszeichnet; ja es enthält sogar den Gedanken, dass selbst Sinn eigentlich sinnlos ist.

Ted Chiang nun greift diese Idee auch wieder auf; allerdings lenkt er in seiner Fragestellung die Aufmerksamkeit jetzt auf den Sinn und wie wir Menschen dem Zufall sozusagen entkommen könnten: er staffiert also in seiner Fiktion nicht mehr so sehr die Frage dem (möglichen) Zufall des Sinns aus; sondern er fragt in gewisser Weise – der Film tut es noch viel intensiver –, wie wir wahrhaftigen Sinn im Leben erreichen könnten und uns also gerade nicht verlieren in den puren Möglichkeiten. Für Louise macht es – trotz Verlustes des freien Willens (also so, wie wir es wohl aktuell noch verstehen… als “Verlust”) – Sinn, die Zukunft zu kennen (Liebe zu Mann und Tochter, Lernen der Heptapod-Sprache). Im Film hat sie die Fähigkeit, durch das Sprachenerlernen auf das Zukunftsgeschehen erkennbar einzuwirken. Hier wird der Figur der Louise mehr Handlungsmacht verliehen – so jedenfalls interpretiere ich das –, indem sie auf das zukünftige Weltgeschehen entscheidend einwirkt.

Ich denke, das ist der Grund, dass ich – anders als Jutta, Antje und Maria im Videopodcast – von der Film-Louise mehr angetan war als von der Kurzgeschichten-Louise, sie einfach interessanter fand. Ich würde nicht sagen, dass sie im Film einen weniger komplexen Charakter darzustellen hatte; es wurde sich vielmehr auf eine Eigenschaft konzentriert, die durch das Sprachenerlenen und die dadurch eintretende Wahrnehmungsveränderung eintreten könnte. Auf ein utopisches Moment sozusagen.  

Die Louise im Film hört genau zu. Sie notiert jedes Detail. Sie lässt wirken. Manchmal wirkt es wie melancholisches Starren. Aber das ist es nicht, kann es nicht sein. Denn die Melancholie gefällt sich – gedankliche Tiefe lediglich vortäuschend oder hinter sich lassend oder sich in ihr verlierend – eher im oberflächlichen Geplätschere. Ich als Zuschauerin habe das Gefühl zu spüren, wie Louise hingegen das Fremde in Form der Heptapods von Anfang an als etwas Eigenes zu durchdringen sucht. Sie erkennt sich. Sie hat von Anfang an ein so großes Vertrauen (; ihr Vertrauen erinnert mich an Elsas Vertrauen in Frozen II, mit der diese der Stimme folgt): Louise geht nicht in das “Abenteuer Alien”, um dem Fremden ins Angesicht zu sehen. Sie geht da rein mit dem Wissen, dass sie Eigenes finden wird, sie hat das Begehren, sich mit den Heptapods im Sinne Haraways verwandt zu machen, indem sie das Angebot des Suchens und Findens annimmt, das die Heptapods ihr machen; sie und die Heptapods spielen, ebenfalls in den Worten Haraways, ein Fadenspiel. Keinesfalls wird ihr Denken annektiert oder usurpiert. Was ich sehe, wenn sie vor dem Bildschirm voll mit Schriftsprache der Heptapods sitzt und es den Anschein hat, sie schaue weiter, immer weiter, tiefer und noch tiefer in die Strukturen dieser Sprache, ist ein emsiges Mustererzeugen durch Vertrauen, Verstehen, Durchdringen, Durchkauen, Schlucken und Verdauen, durch Verarbeiten, Zuhören und Anknüpfungen suchen und finden. Durch diese körperlichen Prozesse sind Sprache und Heptapods bald in ihren Träumen angekommen, und sie nimmt die Träume an und verdenkt wiederum das Geträumte und Verdaute: Intuitiv weiß sie, dass sie das Eigene im Fremden finden muss, um lebend voranzukommen. Als Linguistin weiß sie, dass die Veränderung ihrer Wahrnehmung natürlich auch ihre innere Körperwelt zutiefst verändern wird. Für eine wahrhafte Kommunikation, in der Verbindung entsteht, muss sie offen und verwundbar sein.

Intuitiv entstandenem Vertrauen gibt sie mehr Bedeutung als ihrer einstigen Lehrbuch-Metaphorisierung der Sprache als Waffe (siehe Teil II). Nur so bemerkt sie, dass der Fehler in der Art liegt, wie die Erdenmenschen den Heptapods die jeweiligen Menschensprachen zu vermitteln versuchen. Und sie erkennt die Bedeutung und die Macht von Metaphern, die tief in der Kultur verankert sind und mit denen wir Menschen uns – wie ich es im zweiten Teil dieser Nachdenk-Trilogie bereits mit Donna Haraway schrieb – auf tödliche Pfade begeben haben. Es ist von Gewicht, mit welchen Erzählungen wir andere Erzählungen erzählen. Es ist von Gewicht, welche Wissensformen Wissen wissen. (…) Es ist von Gewicht, welche Welten Welten verweltlichen. (Haraway, S.53) Oder wie Audre Lorde es formuliert: “Wir können die alte Macht nicht im Namen und mit den Mitteln eben dieser alten Macht bekämpfen. Das können wir nur, indem wir eine völlig neue Struktur schaffen, die jeden einzelnen Aspekt unseres Lebens berührt.” (Macht und Sinnlichkeit, S.50)

Die Sterbebett-Theorie

Louise, die meines Erachtens – auch da waren wir im Podcast unterschiedlicher Meinung – einfach wunderbar von Amy Adams dargestellt wird, ist nicht nur irgendwie undefiniert traurig, sondern sie verleiht dem Wissen um die bereits geschriebene Zukunft Sinn, indem sie beispielsweise jeden Moment mit ihrer Tochter tief in sich einsaugt; sie nimmt beispielsweise die Geräusche der Steine in sich auf, mit denen ihre Tochter spielt. Sie weiß ja um ihre Fähigkeit, die Erinnerungen in Vor- und Rückblicken timeswitchen und so miteinander in Kontakt treten lassen zu können. Und genau das ist das Mehr, das ihr kein noch so freiheitlicher freier Wille geben kann. Ich erkenne in der Film-Louise, dass sie ganz genau um dieses Mehr weiß. Sie nimmt die Gegenwart immer mehr und mehr im Licht der zukünftigen und zukünftig vergangenen Effekte und ihrer anwachsenden und zukünftigen Fähigkeiten wahr.

Und hier verbinden sich meine Argumentationsstränge wieder: Würden wir Menschen also wie Louise das Nachdenken über die Bedeutung unseres jetzigen Handelns im Licht der zukünftigen Effekte zulassen und reflektieren, würden wir also sofort Konsequenzen daraus ziehen; wir würden – da bin ich sicher – sofort einen anderen Weg einschlagen und unsere Flagge mit der Aufschrift “Gutes Leben für alle Lebewesen” in fünfzig Jahren in die hoffentlich nasse, feuchte, fruchtbare, von Regenwürmern und anderen Krittern (Critter ist ein im Amerikanischen für alles mögliche Getier gebräuchlicher Begriff. Ich habe ihn hier von Donna Haraway übernommen, die ihn großzügig verwendet: für Mikroben, Pflanzen, Tiere, Menschen, Nicht-Menschen und manchmal auch für Maschinen, siehe S.231) nur so wimmelnde Erde stecken.

Ich gehe noch weiter, ich würde sagen, dass alle Handlungen, in denen der eigene Tod – oder sagen wir weniger dramatisch: die eigene Sterblichkeit – mitgedacht ist, einen größeren Freiheitsgrad in sich tragen. Und ganz nebenbei fände dabei bereits das Neuausrichten des Freiheitsbegriffes statt.

Als ich etwa 17 oder 18 war, sah ich im Kino den wundervollen Film “Antonias Welt” von Marleen Gorris. Er prägte mich nachhaltig, bis heute. Vielleicht, weil es damals noch so ungewöhnlich war, einen so feministischen Film zu sehen zu bekommen. In meiner Erinnerung nahm ich Antonias letzte Worte mit, die es – so habe ich jetzt beim Wiedersehen nach mehr als 22 Jahren bemerkt – so gar nicht gibt in dem Film. Aber egal, was ich damals mitnahm, war Folgendes: Antonia – ins Alter gekommen – entscheidet sich eines Morgens, dass heute ein guter Tag für sie zum Sterben ist, und ruft all ihre Lieben zusammen. Im Sterbebett liegend zieht Antonia ein Resümee über ihr Leben und sagt zu den um sie Stehenden, dass sie zufrieden ist mit ihrem heute zu Ende gehenden Leben: sie hätte es nicht anders leben wollen, es nicht mit anderen Menschen verbringen wollen. Alles war gut so, wie es war. Wie gesagt, das sagt sie eigentlich gar nicht, aber diese Worte habe ich dieser Szene irgendwie entnommen, und diese Worte oder dieses Antonia-Gefühl einer gewissen Zufriedenheit und Ruhe kurz vor dem Sterben trage ich seitdem in meiner Tragetasche (wieder Donna Haraways Vokabular, das sie Urula K. Le Guin entleiht) mit mir.

Von diesem Moment an wusste ich, dass ich einmal auch so auf dem Sterbebett liegen möchte: Ich möchte nichts bereuen. Ich möchte von keinem schlechten Gewissen geplagt werden; vor allem möchte ich kein “Hätte ich doch!” fühlen müssen. Ich möchte keine Rachegefühle gegen andere Menschen hegen, keine Schuldzuweisungen und keine Wut in mir tragen. Da ich nicht wissen konnte und kann, wann ich sterben werde, bedeutete das von da an bis heute für mich, das Leben so zu leben, dass ich jeden Tag im Reinen mit mir und meinen Taten sterben könnte. Idealerweise bin ich natürlich zu meinem Sterbezeitpunkt steinalt und von wenig Schmerzen geplagt. Wie kann ich sicher sein, dass dem so sein wird? Ich kann mir natürlich nicht sicher sein. Aber wenn ich wichtige Entscheidungen zu treffen habe, dann stelle ich mir vor, wie ich auf dem (idealen Antonia-)Sterbebett liege, alle meine Lieben um mich herum: Verträgt sich die eine Entscheidungsrichtung vielleicht mehr mit einem zufriedenen Gefühl als die andere? Könnte sie eher dazu beitragen, dass ich kurz vor Ende Ruhe finden kann? Oder sogar nochmal weiter vorne angesetzt: Ist die Entscheidung überhaupt an sich sinnvoll – von der Sache her und/oder zu diesem Zeitpunkt? Welche Entscheidung – oder noch allgemeiner – was ist wirklich wichtig? So könnte auch der Satz “pick your fights”, über den ich in letzter Zeit öfter in allen möglichen Kontexten mit Freund*innen nachgedacht habe, in diesem Kontextfeld gedeutet werden; als “Wisse, worüber es sich überhaupt zu streiten und wofür es sich zu kämpfen lohnt”.

Den Sinn des Lebens so von hinten, vom Ende her aufzurollen, finde ich für mich eine gute Strategie. Ich verliere so nie aus den Augen, dass mein Gedeihen endlich ist, dass aber das weltliche und vor allem menschliche Gedeihen an sich – im besten Falle!, wenn wir Menschen es jetzt nicht wirklich komplett vergeigen – aber auch nach meinem Tod weitergeht. Wenn meine Töchter – von denen ich damals beim ersten Schauen von “Antonias Welt” ja auch noch nichts wusste – mich anschauen, dann möchte ich das Gefühl haben, alles mir in der Macht und in meinen Möglichkeiten Stehende dafür getan zu haben, dass sie ein gutes Leben haben. Ich wünsche mir sehnlichst, dass sie ihre Sprache nie, oder zumindest immer weniger, als Waffe benutzen müssen. Dass ihre Sprache also hauptsächlich eine Pfad- und Wegöffnerin hin zu einem guten Leben für alle wäre, mit der sie und alle Menschen befähigt werden, die Zeit sinnvoll in Richtung Zukunft zu öffnen.

Der 1930 geborene Oren R. Lyons jr., Turtles Clan, Seneca Nation, Haudenosaunee Confederation (eine traditionsreiche Konföderation verschiedener Nationen, die unterschiedliche Namen getragen hat, u.a. Iroquois/Irokesen, Haudenosaunee ist die Selbstbezeichnung, vgl. Wikipedia) schrieb: “Wir schauen nach vorne, wie es einer der ersten Mandate verlangt, die uns als chiefs gegeben wurden. Wir müssen sichergehen, dass jede Entscheidung, die wir fällen, eine Beziehung zum Wohlergehen und Wohlbefinden der siebten Generation von jetzt an unterhält.” Und weiter: “Wie steht es mit der siebten Generation? Wohin bringt ihr sie? Was werden sie haben?” Das “Great Binding Law” (das große bindende Gesetz) sagt: “Suche das Wohlergehen des ganzen Volkes und führe dir immer nicht nur die Gegenwart, sondern auch die kommenden Generationen vor Augen, auch diejenigen, deren Gesichter noch unter der Erde liegen – die Ungeborenen der zukünftigen Nation.” (Vgl. Constitution of the Iroquois Nations; der ganze letzte Absatz ist zitiert aus Donna Haraway, Unruhig bleiben, S.298f.)

“Arrival” trägt keinen Aufruf in sich, die Zukunft auf einem beschädigten Planeten so weiterzudenken, dass gutes Leben für alle Lebewesen dennoch irgendwie möglich ist; aber der Film hat mein eigenes Denken sehr inspiriert und befeuert; viele andere Denkmomente habe ich seitdem unbescheiden (wieder so ein tolles Wort, das von Donna Haraway irgendwie neu verhandelt wird) miteinander verknüpft. Und das hat noch lange kein Ende.

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Mut zum Blut https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/09/mut-zum-blut/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/09/mut-zum-blut/#comments Sun, 13 Sep 2020 05:00:00 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16307
Menstruation with a pride. Oil on Canvas. 215 x 275
2010-11 Copyright Sarah Mapel

60 Jahre Pille

Vor sechzig Jahren kam die Pille in den USA auf den Markt. Seit 1961 ist sie im ehemaligen Westdeutschland erhältlich gewesen, ab 1965 im ehemaligen Ostdeutschland.

Ihr Siegeszug wurde mit der kostenfreien Abgabe begünstigt; die sexuelle Revolution, der Pillenknick – alles bekanntes Vokabular, das zu dieser Zeit und dem Thema gehört.

Um die Nebenwirkungen wurde und wird gerungen und um die Einnahme bis heute kontrovers diskutiert. Fakt ist, dass es aber einen ganz neuen Knick der Pille gibt: den der Pillen-unwilligen oder -scheueren Generation. Eine aktuelle Studie zeichnet dieses Bild zumindest in Deutschland: Junge Frauen sind der Pille offenbar kritischer gegenüber eingestellt – oder sind sie vergesslicher und undisziplinierter?

Die Pharmaindustrie arbeitet weiter daran, die Pille an die junge Frau zu bekommen. (Siehe TK Pillenreport 2015, S. 30 folgende.) Die Pille gänzlich ohne Blutung wird nun angepriesen und dies auch von einer sonst eher kritischen deutschen Kabarettistin. Abgesehen davon, dass die Hygienemittelindustrie dann finanzielle Einbußen hätte, hätte aber die Pharmaindustrie ein schönes neues Verdienstpäckchen: Frauen, die fünf Tage zusätzlich die Pille einnähmen, damit sie gar keine Blutung mehr bekämen, sorgten für fünf oder sechs Pillchen mehr pro Kopf. Das summiert sich bei ca. 150 Millionen weltweiten Userinen pro Tag.

Blood-shaming und Let it free-bleed

Ganz anders treten jungen Feministinnen dazu auf und dies nicht nur in Deutschland. Da ist die “Let it free-bleed” Bewegung zu nennen: Feministinnen, die es satthaben, ihre Menstruation zu verstecken und offensiv damit umgehen. Das (letzte) Zeichen eines vorhandenen Rhythmus und der spezifischen Besonderheit von Frauen bluten zu können, möchten diese keinesfalls wegradiert bekommen. Sich nicht länger von Hygiene Artikeln der eigenen weiblichen Kraft berauben zu lassen wurde Thema, spätestens mit der Elite Sportlerin Kiran Gandhi, die 2015 ohne Binde an den Start ging, worüber dann auch Brigitte berichtete. Künstlerinnen wie unsere Titelbildgeberin Sarah Mapel oder Marisa Carnesky and the Menstronauts und viele andere starteten spätestens ab den 10er-Jahren des neuen Jahrtausends dazu mit Ausstellungen, Installationen oder Performances und regten die öffentlichen Diskurse rund ums Bluten neu an und auf.

Zyklus zu haben, ist eine Entdeckungsreise wert

Die Menstruationsberatungen und Zyklusworkshops der Frauengesundhgeitszentren (FFGZ) haben verstärkten Zulauf, erfahre ich im Gespräch mit Taina Engineer. Vor zwei Jahren starte sie als junge Nachwuchsaktive im FFGZ Berlin. Seit 1974 werden dort Beratungsangebote und Kurse zu Frauengesundheit angeboten und die hauseigene Zeitschrift, die Clio erstellt. Als Sexualpädagogin war sie an der Entwicklung eines neuen Zyklus- und Menstruationsberatungsangebot beteiligt. Sogar für sie selbst, sagt sie, habe sich mit dem Erleben in den Kursen vieles an ihrer Sicht auf die Menstruation neu und positiv verändert. Und auch wenn Taina Engineer großer Fan von natürlichen Zyklen ist, so ist es ihr hinsichtlich der Pilleneinnahme wichtig, Frauen nicht zu bevormunden und jede individuelle Entscheidung zu akzeptieren. Ziel des FFGZ ist es, betont sie, Frauen umfangreich zu Beraten und Wissen zu vermitteln, um sie so am Ende zu informierten und selbstbestimmten Entscheidungen zu befähigen.

Zu den Beratungen kommen Frauen mit hohem Leidensdruck und den unterschiedlichsten körperlichen und psychischen Beschwerden, von Stimmungsschwankungen, Kopfschmerzen, Depression bis hin zu den Krämpfen. Aber auch jene, die weg von der Pille möchten und nach Alternativen suchen. Die Altersgruppen sind sehr unterschiedlich, junge 18-Jährige interessieren sich ebenso wie Frauen, die die 30 längst überschritten haben. Taina Engineer berichtet, dass über die Beratungen die Frauen dann in die Workshops finden. Dort geht es zunächst viel um die Biologie, darum, die verschiedenen hormonellen Phasen kennenzulernen. Es gilt, Zeiten für Aktivität auf der einen Seite und Rückzug und Kreativität auf der anderen mit den Körperzyklen zu entdecken und bewusst zu nutzen. Als weiteren Beratungsbereich zur Menstruation bekommen die Frauen sehr gute Informationen zu den inzwischen weiter entwickelten Hygieneprodukten jenseits von Tampon und Wegwerfbinde.

Pille und Depression und Tabu

Die eigene Kraft zu erleben, den eigenen Zyklus zu erleben und zu entdecken, motiviert viele Frauen, die Pille abzulehnen – das begegnet mir in meiner Praxis als Heilpraktikerin. Das Bluten zudem nicht länger als beschämend erleben zu wollen, sondern selber zu gestalten, darüber schrieben schon vor fast 20 Jahren Autorinnen wie Dagmar Margotsdotter-Fricke, in: Menstruation- von der Ohnmacht zur Macht. Sie machte Straßeninterviews, die sie mit der offenen Frage: “Haben Sie/hast Du schon mal geblutet?” * startete; die Reaktionen spiegeln das Tabu nur zu deutlich.

Erwähnen möchte ich im Zusammenhang mit‚ ‘60 Jahre Pille’ noch die aktuelle Aussage der Oberärztin Dr. Vanadin Seifert-Klauss aus München. Auf einer Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie gab sie Anfang September 2020 zu bedenken, dass den Frauen die Potenz Leben geben zu können, mit der Pille emotional genommen werde und dies zu Depressionen führen könne. Tatsächlich ist diese Nebenwirkung aufgrund einer Studie auf den Beipackzetteln zu finden und insbesondere sehr junge Frauen sollen betroffen sein.

Es geht also um Potenz, um Kraft, und nicht nur um ein bisschen Blut, das den Schlüpfer beschmutzt. „Mut zum Blut!“ sage ich da, als eine, die sich gerade von ihrem Blut verabschiedet hat. Mit 15 Jahren hatte auch ich die Pille für drei Monate genommen, um sie dann wütend in die Ecke zu werfen. Ein Zyklus in Pfeilrichtung auf einem Packungsblister war mir unerträglich. Die Nebenwirkungen auch: Aufgequollen, plötzlich verschieden große Brüste, sodass ich wegen Verdachts auf Krebs sogar zur Ultraschalldiagnostik fahren musste und das schlimmste: eingeschlafene Libido, kaum dass sie erwacht war. Ein Büchlein wurde mein Leitfaden: Natürliche Geburtenkontrolle von Magaret Nofzinger. Der Freundin meiner Mutter, die es mir schenkte, bin ich noch heute sehr dankbar dafür.

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Sexuelle Gewalt: Wi(e)der das Schweigen. Wider die Diktatur der Heilung https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/09/sexuelle-gewalt-wieder-das-schweigen-wider-die-diktatur-der-heilung/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/09/sexuelle-gewalt-wieder-das-schweigen-wider-die-diktatur-der-heilung/#comments Mon, 07 Sep 2020 16:02:58 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16272 Es gab eine Zeit, die nannte sich Feminismus, da wurden die Frauen, die (in ihrer Kindheit) sexuelle Gewalt erfahren haben, dazu aufgefordert, das Schweigen zu brechen! 

Diese Zeit ist vorbei. Die Tatsache, dass viele Frauen in ihrer Kindheit sexuelle Gewalt erfahren, ist inzwischen in das gesellschaftliche Bewusstsein gedrungen, aber heute werden die Frauen, wenn sie über ihre Gewalterfahrung sprechen, dazu aufgefordert, eine Therapie zu machen: Wenn sie ‚darüber’ reden wollen, – bzw. ‚müssen’ – dann doch bitte hinter den verschlossenen Türen einer Therapiepraxis – schließlich gibt es genug bestens ausgebildete TherapeutInnen, die bestens dafür bezahlt werden, dass sie zuhören und der Patientin zur ‚Heilung‘ verhelfen.

Die Trauma-Forschung hat Frauen, die sexuelle Gewalt erfahren haben, geholfen, sich selbst besser zu verstehen, aber leider hat sie auch dazu beigetragen, die Frauen als ‚traumatisiert‘ zu pathologisieren und ihnen eine neue Bürde aufzulasten: heutzutage werden sie zwar nicht mehr zwangsläufig für das verantwortlich gemacht, was ihnen passiert ist, aber  sie sind dafür verantwortlich, ‚heil‘ zu werden, – denn dank der Trauma-forschung und all den guten Trauma-TherapeutInnen ist dies ja nun möglich.

Es gibt nur zwei mögliche Identitäten, die die patriarchale Gesellschaft einer Frau anbietet, die sexuelle Gewalt erfahren hat : 

1. Die Traumatisierte, die Kranke, dafür bekommt sie Mitleid und, wenn sie Glück oder genug Geld hat, eine therapeutische Behandlung.

2. Die Geheilte, die es geschafft hat, das Schreckliche hinter sich zu lassen, die es geschafft hat, sich wieder einzureihen in die patriarchale gesellschaftliche Ordnung, in der es nun mal (sexuelle) Gewalt, aber dafür auch gut ausgebildete TherapeutInnen gibt.

Undenkbar, ein System ohne sexuelle Gewalt??

Die TherapeutInnen „heilen“ die Frauen, die sexuelle Gewalt erfahren haben, aber sie „heilen“ nicht das System. Im Gegenteil: Diese angebliche „Heilung“ trägt dazu bei, dieses System zu erhalten. (Denn wenn die Folgen der Gewalt heilbar sind, kann ja alles so bleiben).

Ich habe in meiner Kindheit sexuelle Gewalt erfahren. Ich bin sehr tief verletzt und erschüttert worden, aber ich fühle mich nicht krank. (Doch ich habe inzwischen eine „Heilungs-Allergie“).

Das System, das mich umgibt, ist krank. Die Menschen, die Gewalt ausüben, sind krank. Das wird bei all dem Gerede um die ‚Heilung‘ und dem großen Angebot an Trauma-Therapie-Formen völlig aus dem Bewusstsein verdrängt.

Von Heilung zu sprechen, ist einfach nur der Versuch, das gesellschaftliche Trauma zu personalisieren – und es zu verdrängen.

Die sogenannte ‚Heilung‘ ist ein Teil dieses kapitalistischen Systems, das ja gut daran verdient.

Durch das, was ich erlebt habe, bin ich wie auf einem Schleudersitz aus dem bestehenden kollektiven Gesellschaftssystem rausgeflogen, das uns (angeblich) eine unverletzbare Integrität zusichert: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“  Für mich gab es diese Integrität nicht, es gab keinen sicheren Ort. Die Regeln, die Sicherheiten des Systems, galten für mich nicht, und ich konnte mich nie als einen Teil dieses Systems erfahren.

Das birgt aber auch eine Chance:                                                                              

Durch diesen ‚Rausschmiss‘ bin ich nicht an dieses System gebunden. Da  das ‚alte‘ System nicht greift, muss ein neues gefunden werden. D.h., ich war und bin immer wieder gezwungen, eine ganz eigene Selbst-Sicherheit, ein Selbst-Bewusst-Sein zu finden, das außerhalb und unabhängig ist von dem herr-schenden System. Das empfinde ich weder als ‚krank‘ noch als Schwäche.

Warum sollte ich „heil“ werden, und wer bitteschön definiert, was heil ist? 

In dem Wohnprojekt für Mädchen, in dem ich als Pädagogin gearbeitet habe, gab es eine Zielsetzung: Aus Mädchen, die sexuelle Gewalt erfahren haben, ganz normale Mädchen zu machen. (Wenn von außen Bemerkungen kamen wie: „Die sind ja ganz normal“, dann war das das höchste Lob für die pädagogische Arbeit der Heimleiterin) 

Also bedeutet ‚heil‘, normal zu sein? Ist eine Einbeinige ‚heil‘, wenn sie genauso gut gehen kann wie eine Zweibeinige?

Warum sollte ich eine Therapie machen, die mir hilft, mich wieder in genau das System zu integrieren, das mir keinerlei Sicherheiten bietet? Ein System, das mir weismachen will, ich hätte einfach nur p.P., persönliches Pech, gehabt? Ich sei einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen?  

Sexuelle Gewalt ist kein persönliches Trauma! Es ist ein kollektives Trauma, und es betrifft uns alle. 

Aber rausgeflogen zu sein, bedeutet auf der anderen Seite eben auch ausgeschlossen zu sein, einsam zu sein, nicht ‚gesellschaftsfähig’, nicht kompatibel, nicht ‚systemrelevant‘ zu sein. Ich kann und will nichts dazu beitragen, dieses System zu erhalten. Aus meiner Perspektive, von außerhalb,  sehe ich all das, was falsch läuft, was krank macht. Für mich gibt es immer noch eine andere Wahrnehmung, eine andere Wahrheit, eine andere Dimension.

In psychologischer, philosophischer und spiritueller Hinsicht macht alles, was passiert, Sinn. Und Erfahrungen sind dazu da, dass wir daraus lernen. Die buddhistische Lehre geht sogar so weit, dass sie sagt, wir brauchen das Leid, um uns weiterzuentwickeln. Was würde es für einen Sinn machen, aus dem System rauszufliegen (wozu ja eine enorme Energie notwendig ist), wenn es einfach nur darum ginge, unter einem enorm großen Energieaufwand wieder in das System zurückzukehren und alles zu vergessen, was ich da außerhalb des Systems erlebt habe, wert-volles Erfahrungs-Wissen (und sei es noch so traumatisch)?

Für mich sind die Frauen, die sexuelle Gewalt erlebt haben, Botschafterinnen,  Wegbereiterinnen, ‚Lehrerinnen‘, die den Weg aus der Gewalt kennen, weil sie bereits Räume kennen, die außerhalb des Systems liegen. Räume voller Möglichkeiten, größer und weiter als die, die  innerhalb des Systems vorstellbar sind.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich habe nichts gegen Therapeutinnen, ich habe sehr viel Respekt und Wertschätzung für Therapeutinnen. Ich habe selbst immer wieder sehr wertvolle therapeutische Hilfe bekommen. Nur finde ich halt: Therapeutinnen sind keine politische Lösung. Und die Trauma-Forschung hat sicherlich auch Erkenntnisse hervorgebracht, die hilfreich sind, um Muster und Zusammenhänge in der eigenen Psyche zu erkennen und die eigene Geschichte besser verarbeiten zu können. Ich habe nichts dagegen, dass Therapeutinnen ihr psychologisches Wissen über die Zusammenhänge und Folgen eines Traumas verkaufen.  Mir haben Therapeutinnen geholfen, ‚innerpsychisch Ordnung zu schaffen‘. Aber von ‚Heilung‘ kann keine Rede sein. Heilung kann nur über Beziehung und Verbundenheit stattfinden. Und diese Verbundenheit entsteht nicht in Therapiepraxen, wo die sogenannte professionelle Distanz herrscht, die dafür sorgt, eine klare hierarchische Ordnung einzuhalten, hier die Helfende und dort die Hilfe-Suchende. Hier die Gesunde, dort die Kranke. Hier die im System integrierte, dort die, die mit dem System nicht klarkommt. Die Gebende und die Nehmende. Die, die das Geld kriegt, und die, die bezahlt – (wenn es gut läuft,) für das Verständnis und die Zuwendung auf Zeit.

Ich glaube nicht, dass es (nur) darum geht, eine persönliche ‚Heilung‘ zu erfahren, sondern darum, aus unseren Erfahrungen zu lernen und Konsequenzen zu ziehen, damit das System, damit unsere zwischenmenschlichen Beziehungen ‚heil‘ werden können.

Dafür brauchen wir einen Macht-freien Raum außerhalb der Therapiepraxen, in dem wir diese Erfahrungen mit-Teilen und aus-Tauschen können, einen Raum, in dem wir Verbunden-Sein können. 

Die Entdeckung der Ohn-macht als Macht-freier Raum

Ich leide längst nicht mehr an dem, was mir in der Kindheit angetan worden ist. Ich habe Wege gefunden, aus diesem Leiden eine ganz eigene Kraft zu entwickeln. 

Foto: Rava Katz
Positive Ohnmachtserfahrung in einer Höhle

Ich leide unter der Ausgrenzung, die die Frauen bewusst oder unbewusst, aktiv oder passiv vollziehen, leide unter der Nicht-Zugehörigkeit, der Nicht-Mit-Teilbarkeit. 

Und ich denke, da bin ich sicherlich nicht die Einzige. Die Frauen, die sexuelle Gewalt erlebt haben, schweigen – wieder – aus Angst vor Ausgrenzung, aus Angst, als Traumatisierte, als Kranke wahrgenommen zu werden.  

Ich habe sehr selten Frauen getroffen, die über ihre Gewalterfahrung sprechen. Und wenn ich es erlebt habe, dass Frauen ihre Gewalterfahrung erwähnen, dann nie, ohne dass sie gleichzeitig beteuern (müssen), wie viel Heilung sie schon erfahren haben oder welch eine tolle Therapeutin sie haben. 

Oder anders herum, wenn ich in einem bestimmten Zusammenhang die sexuelle Gewalterfahrung erwähnt habe, wurden mir gleich – stillschweigend – Visitenkarten von guten TherapeutInnen zugesteckt oder Buchtipps gegeben – oder ich musste mir Geschichten von glücklichen Kindheiten und ganz tollen Vätern anhören. Und beim nächsten Frühstück (Seminarsituation) saß ich dann alleine am Tisch.

Ich habe mein Leben lang Ausgrenzung erfahren, spätestens seit dem Augenblick, in dem ich begonnen habe, die sexuelle Gewalt zu erinnern und bewusst aufzuarbeiten. Ausgrenzung in der Familie, in der Gesellschaft, im Studium, im Beruf, unter Kolleginnen. Und ganz besonders schmerzhaft waren bzw. sind die Ausgrenzungen und Abgrenzungen unter Freundinnen und in Frauenkreisen, bei Frauen-Seminaren.

Genauso lange, wie ich unter dieser Ausgrenzung leide, versuche ich herauszufinden: Warum? Warum haben Frauen so sehr das Bedürfnis, sich abzugrenzen, wenn sie mit der sexuellen Gewalterfahrung konfrontiert werden? 

(Ich weiß, einige werden mir nun die „me-too-Bewegung“ entgegenhalten, aber die hat ja in einem recht anonymen, beziehungslosen virtuellen Raum stattgefunden) 

Ich habe nun eine Antwort gefunden: 

Es ist die Ohnmacht. Mit dem Sprechen über die sexuelle Gewalterfahrung steht unvermittelt immer auch die Ohnmacht im Raum. Ohnmacht, die jede Frau kennt. Ob mit oder ohne sexueller Gewalterfahrung in der Kindheit. Und keine Frau will an ihre Ohnmacht erinnert werden.

Ich habe mich auf den Weg gemacht, die Ohnmacht zu erkunden. Entgegen den Ratschlägen aller Therapeutinnen, die sagen: ‚Geh nicht in die Ohnmacht!‘. Manche sagen dir einen Satz, den du nachsprechen sollst: ‚Es ist vorbei. Ich werde nie wieder so ohnmächtig sein‘.  Ich konnte das nicht nachsprechen. Weil es ja nicht der Wahrheit entspricht. Natürlich kann und könnte es passieren, dass ich wieder so ohnmächtig sein werde. Ohne Macht zu sein, ist eine Seite des Lebens, des Mensch-Seins.

In Südfrankreich habe ich zusammen mit einer Freundin eine Höhle entdeckt. Gewappnet mit Kerzen und Taschenlampe haben wir uns hineingetraut. Tief hinein in Mutter Erde. Teilweise enge Gänge, dann sind wir in einer Halle angekommen. Dort wollte die Freundin die Taschenlampe ausmachen, wollte wissen, wie es so ist, in völliger Dunkelheit. Ich war sehr ängstlich, wollte erst nicht, aber dann hat sie mich überredet. Und das, was ich dann erlebt habe, war sehr beeindruckend : Ich habe zur  gleichen Zeit eine Weite und eine Geborgenheit von einer solchen Intensität erfahren, die ich nie wieder vergessen habe. 

Und genau dasselbe habe ich erlebt, als ich mich getraut habe, mich  meinen Ängsten zu stellen und die Ohnmacht zuzulassen:

Ein unendlich weiter Raum und eine tiefe Geborgenheit, die aus der Verbundenheit mit allem Sein entsteht. 

Macht-losigkeit als Geborgenheit!? In unserem Macht-System unvorstellbar!

Da-Sein ohne Macht haben zu müssen, eine Wohltat!!

Seit die Männer die Herr-schaft übernommen haben, versuchen sie die Ohn-macht zu bekämpfen. Es existiert ein unausgesprochenes Gesetz: Ohn-macht ist schlecht. Ohn-macht ist das Gegenteil von Macht – auch das Gegenteil von Eigen-Macht. Wer ohn-mächtig ist, geht unter, hat keine Überlebenschance. Im Zweifelsfall müssen wir Macht ausüben, um nicht ohn-mächtig zu sein.  

Und deshalb grenzen sich Frauen von Frauen ab, die sexuelle Gewalt erfahren haben. Durch Frauen, die offen mit ihrer Gewalterfahrung umgehen, werden Frauen an ihre eigenen Ohne-Macht-Erfahrungen erinnert. Und das wollen sie nicht. Weil sie die Gehirnwäsche des Patriarchats durchlaufen haben : Ohnmächtig zu sein bedeutet, Opfer zu sein, Verliererin zu sein. Also wollen Frauen sich von den Frauen abgrenzen, die die Ohn-macht verkörpern, denn durch die Abgrenzung spüren sie ihre Entscheidungs-Macht. Die Entscheidung, bei den Gewinnerinnen zu sein, nicht bei den Opfern.

Der Ohne-Macht-Raum wird geschlossen. Die Chance, sich zu verbinden, wird nicht wahr-genommen.  Jede bleibt für sich alleine. Kämpft weiter gegen die Ohnmacht. Macht mit im großen Macht-Gefüge, das Heilung von Ohn-macht verspricht. Verbundenheit und Spiritualität als Wohlfühlprogramm oder zur Selbstoptimierung,  ja gerne. Aber bei der Ohn-macht hört die Verbundenheit auf!

Dabei ist das Ohne-Macht-Sein das, was uns verbindet. Ein weiter weiblicher Raum, aus dem die Männer-Herr-schaft  uns vertrieben hat. 

In den Religionen gibt es so etwas wie diesen Ohn-machts-Raum, im Christentum nennen sie ihn Demut, im Buddhismus nennen sie ihn Erleuchtung. Aber in allen Religionen gibt es ein patriarchalisches hierarchisches Machtgefüge, mit einem Mann an der Spitze, der entscheidet, wer in diesen Raum darf, und was eine dafür tun muss. Also nicht wirklich geeignet für das Verbunden-Sein.

Wenn ich etwas aus diesen schmerzhaften Erfahrungen gelernt habe, dann ist es genau das: Wir sollen die Ohnmacht nicht verdammen. Ohnmacht ist nichts Schlechtes und Ohnmacht ist nicht das Gegenteil von Macht. Es ist nicht die Macht, die die Ohnmacht hervorruft. Ohnmacht gibt es ganz unabhängig von Macht. Will sagen, zuerst gab es die Ohnmacht, dann kam die Macht. 

Nur in einem Ohne-Macht-Raum können wir uns wirklich verbinden, nur da wissen wir, dass wir alle gleich sind, dass wir alle Eins sind, dass es nur ein Miteinander gibt. In der Sprache unserer Gesellschaftsordnung würde es heißen, dass wir alle voneinander abhängig sind, ich nenne es Miteinander-Verbunden-Sein.

Wenn wir es annehmen können, ohne Macht zu Sein, dann ist da ein weiter weiblicher Raum, der uns die Möglichkeit bietet, die Herr-schaft zu beenden, uns zu verbinden und unser Leben friedvoll und sinnvoll zu gestalten.

Während des Corona-Lock-downs habe ich genau das empfunden. Einen tiefen Frieden, eine Verbundenheit, eine Chance, das System neu zu gestalten.

Ich denke, es war die (kollektive) Ohnmacht, die sich alle eingestehen mussten. Und es gab keinen Feind, keine Macht, die wir dafür verantwortlich machen konnten, um die Ohnmacht nicht zu spüren. Im Gegenteil, die Ohnmacht hat uns – für eine gewisse Zeit – alle verbunden.

Ich schreibe in der Vergangenheitsform, auch wenn die Corona Krise noch nicht vorbei ist, aber die Stimmung ist inzwischen – leider – wieder eine andere. Die Ohnmacht ist wieder ‚verdrängbarer‘ – scheinbar kontrollierbarer – geworden. 

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Vom rationalen Umgang mit unzivilisierten Gefühlen https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/09/vom-rationalen-umgang-mit-unzivilisierten-gefuehlen/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/09/vom-rationalen-umgang-mit-unzivilisierten-gefuehlen/#comments Thu, 03 Sep 2020 09:36:15 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16264 Wie kann man miteinander sprechen, wenn man sich nicht einmal auf grundlegende Fakten einigen kann? Wie tritt man Menschen gegenüber, auf die man stark emotional reagiert, weil das, was sie sagen, einfach falsch ist? Darüber hat sich Anja Boltin aus aktuellem Anlass Gedanken gemacht.

Wie diskutiert man mit Menschen sprechen, deren Meinungen man für komplett falsch hält?

Eine Frau, die zu meinen Lieblingsmenschen auf Facebook gehört, brachte kürzlich die Rede auf den Begriff „zivilisierte Verachtung“, um sich angemessen auf die Menschen beziehen zu können, die kein Problem darin erkennen können, mit Rechten mitzulaufen beziehungsweise Rechte auf ihren Demos mitlaufen zu lassen. Ich finde den Begriff recht gut, zeigt er doch, dass wir mehr und mehr beginnen können, auch den bewussten Blick – den Metablick – auf unsere komplexeren Emotionen zu richten und präzise in die gesellschaftliche Debatte einzubringen.

Noch besser als „zivilisierte Verachtung“ gefiele mir allerdings die Bezeichnung „begründete Verachtung“, weil sie zum einen den bildungsbürgerlichen Zungenschlag der Überlegenheit durch Zivilisiertheit vermeidet und zum anderen schon direkt zum Gespräch einlädt: „Ich habe gute Gründe, dich aufgrund deiner Taten oder deiner Worte zu verachten und nenne sie dir gern, falls du dialogbereit bist – kannst du meine Gründe entkräften? Das würde mich ehrlich freuen.“ Das wäre für mich eine rational beziehungsorientierte Haltung.

Ich glaube, wenn wir mehr und mehr einüben würden, entspannt auf diese Art unser reichhaltiges Repertoire an Gefühlen einander gegenseitig zu kommunizieren, mit Gründen, mit Respekt, dann könnten wir auf große Teile der zur Zeit so anstrengend gewordenen Hass- und Hetzkommunikation im Netz verzichten.

Ich glaube, die Verachtung ist immer dann eine spontan auftretende Empfindung, wenn wir ganz genau wissen, dass das Gegenüber falsch liegt. Ich halte dieses Wissen für wertvoll. Problematisch scheint mir nur der spontane Impuls, diese Verachtung dann in respektloser Art und Weise kundzutun. Das ist zwar sehr verständlich, aber kommunikativ zumindest ungeschickt und in der Regel nicht zielführend.

Kürzlich habe ich mir ein bisschen Zeit genommen, detaillierter auf den Vorwurf eines Menschen auf Facebook einzugehen, der – in meinen Augen zurecht – beklagte, dass die Corona-Kritiker*innen so sehr verächtlich gemacht werden. Ich schrieb als Antwort:

„… Ich kann gut nachvollziehen, dass Sie es so empfinden, und Ihre Kritik ist berechtigt und ich würde gern ein paar Worte dazu sagen. Ich stehe voll und ganz auf der Seite der kompetenten Wissenschaftler, auf die sich auch die Regierung bei ihren Entscheidungen beruft. Ich habe mir die Bakhdis und Wodargs angesehen und habe verstanden, wo deren Denkfehler liegen. Es gibt dazu ausreichend Faktenchecker-Videos im Netz. Die Fehler dieser Leute liegen häufig in einem Mangel an Sorgfalt und komplexem Denken. Durch Vereinfachungen, Auslassungen etc. wird Falsches behauptet und massenhaft verbreitet. Ich kann aber verstehen, dass diese Infos für viele Menschen plausibel oder auch nur wünschenswert sind, also vertraut man ihnen. Das ist doch gar nicht verwerflich.

Und es ist, wie Sie sagen, verwerflich, wenn Menschen, die etwas falsch verstehen, pauschal abgewertet werden. Bitte haben Sie aber auch dafür Verständnis. Ich selbst habe die enorme Wut über Tage an mir erlebt und beobachtet (nach der ersten Berlin-Demo), die es in mir ausgelöst hat, dass Menschen mit wenig komplexem Verständnis plötzlich viel Einfluss bekommen. Zu Lasten der Gemeinschaft.

Wir alle sollten stolz sein auf die wissenschaftlichen Errungenschaften unserer komplexen Gemeinschaft. Und jede/r sollte sich (mehr als bisher) anstrengen, mehr als bisher zu verstehen. Und wir sollten uns dazu gegenseitig um Hilfe und Unterstützung bitten, anstatt Unwissenheit oder Fehleinschätzungen zu verlachen oder gar zu verachten.

Die DDR, in der ich aufgewachsen bin, hatte quasi das genau gegenteilige Problem des Westens. Im Westen herrscht zum Teil bis heute noch immer deutlicher „Bildungsdünkel“ vor. Man bildet sich etwas auf Wissen und Bildung ein und stabilisiert das Ego gern, indem man auf sogenannte „Ungebildetere“ herabschaut.

In der DDR gab es, wie mir scheint tief verankert und systemisch wirksam, das gegenteilige Phänomen: Dort hat eine eher ungebildete Arbeiterschicht die Führung (gewaltsam) übernommen und nun systematisch und mit heftigem Sadismus Intellektuellenverachtung betrieben. Diesbezüglich gab es eine gewisse Kontinuität nach 1945 (die Judenverachtung hat auch einen Aspekt der Intellektuellenverachtung beinhaltet … man sprach in diesem Zusammenhang von „Intelligenzbestien“!)

Warum ich das erzähle? Weil ich inzwischen glaube, dass das ganze Chaos da draußen sich aus einer tragischen Melange dieser beiden Teil-Deutschländer ergibt.

Die rechte Szene ist offen intelligenzverachtend, während die „Coronakritiker“ eher aus dem Milieu der Verlachten und Verachteten kommen. Und nun (endlich!) ihre lange gelähmte Wut aktivieren können. (Was eigentlich super ist).

Aber halt leider auf das falsche Ziel gerichtet und nicht erkennend, dass sie durch ihre Solidarisierung oder blind-naive Tolerierung der Rechten unbemerkt den Bock zum Gärtner machen. Bemerken würden die auf diese Art seelisch verletzten „Wutbürger“ das Übel erst, wenn es zu spät ist und ihre „geliehene Energie“ den Rechten die Macht verliehen hat, die diese niemals (!!) bekommen sollten. Dann wird es aber zu spät sein!

Deshalb werden sie (ungünstigerweise) „Covidioten“ genannt, weil die entsetzte Mehrheit dieser Gesellschaft Gott sei Dank nicht so blind und bedürftig-naiv ist. Und die Gefahr ganz klar erkennt.“

Ich plädiere hier also für einen rational begründenden Umgang mit unseren Gefühlen und Emotionen – den zivilisierten ebenso wie den sogenannt unzivilisierten, den einfacheren ebenso wie den komplexen.

Zum Menschsein gehört die ganze Palette.

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„Seine Frau pflegt ihn…“ Warum falsches Framing von Care zu falschen Analysen führt. Ein Fallbeispiel. https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/08/seine-frau-pflegt-ihn-warum-falsches-framing-von-care-zu-falschen-analysen-fuehrt-ein-fallbeispiel/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/08/seine-frau-pflegt-ihn-warum-falsches-framing-von-care-zu-falschen-analysen-fuehrt-ein-fallbeispiel/#comments Sun, 30 Aug 2020 07:40:57 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16256 Am 17. Oktober 2019 sendete das Nachrichtenportal „10 vor 10“ des Schweizer Fernsehens SRF eine neunminütige Reportage mit dem Titel „Pflegekosten – die Armutsfalle“.  Anlass für die Sendung war eine Sparmaßnahme, die das nationale Parlament im März 2019 beschlossen hat: Ab 2021 müssen die sozialstaatlichen Ergänzungsleistungen, die Senior*innen zusätzlich zur regulären Rente beziehen können, um ihre Pflege im Alter zu finanzieren, unter bestimmten Bedingungen von den Erb*innen zurückbezahlt werden. 

Gezeigt wurden in der Reportage zunächst Bewohner*innen eines Alters- und Pflegeheims, die die hohen Kosten ihrer Pflege aus dem eigenen Vermögen bezahlen oder dafür Ergänzungsleistungen beziehen. Danach besucht der Reporter den ehemaligen Swissair-Informatiker Walter Ehn in seiner Eigentumswohnung für ein Interview: Das Pflegeheim ist, so Ehn, für ihn „keine Option“ (Minuten 03.21-03.23), obwohl er seit Jahren gehbehindert und pflegebedürftig ist. Herr Ehn will keine Ergänzungsleistungen beziehen, jetzt wegen der Rückerstattungspflicht erst recht nicht. Er will nicht, dass seine Tochter und die Enkel später  eventuell ihre Wohnung verkaufen müssen, um die Ergänzungsleistungen zurückzahlen zu können (Minuten 06.16-06.26). Der Reporter erklärt den Hintergrund dieser Position mit einem einzigen bezeichnenden Satz: „Seine Frau pflegt ihn, vor allem in der Nacht

Obwohl die Reportage die zur Debatte stehende konkrete politische Maßnahme zulasten von Erbinnen und Erben durchaus kritisch beleuchtet, entsteht hier doch der Eindruck, dass Walter Ehn die vorbildliche Person ist, die im Gegensatz zu den Heimbewohner*innen sich selbst, seiner Tochter und der Allgemeinheit Kosten erspart, indem er günstig zuhause lebt und keine Ergänzungsleistungen bezieht. 

Beanstandung: Die unbezahlten Pflegeleistungen der Ehefrau bleiben unsichtbar

Am 29. Oktober 2019 reichte Martha Beéry-Artho gegen diese Reportage bei der Ombudsstelle der SRG Beschwerde ein. Sie kritisiert zwei Dinge: Zum Einen erfülle die Sendung nicht den in der SRG-Konzession Art.3.3 festgelegten Anspruch der „angemessenen Darstellung und Vertretung der Geschlechter.“ Zum Anderen blieben die unbezahlten Pflegeleistungen der Ehefrau unsichtbar, weshalb das Gebot der Sachgerechtigkeit nicht erfüllt sei. Denn die pflegende Ehefrau werde zwar erwähnt, sie werde aber nicht befragt, und ihre Situation werde nicht geschildert, obwohl sie zwingend zum Thema gehöre. Martha Beéry-Artho schreibt in ihrer Beschwerde: „Pflege kostet Arbeit, Zeit, Einsatz, Energie, … auch wenn sie ohne Bezahlung geleistet wird. … Wie aus den genannten Zahlen der Kosten der zu pflegenden Alten in Heimen zu entnehmen war, (ist) die gratis erbrachte Pflege der Angehörigen zuhause für den Staat kostensparend. … Das kommt nirgends zur Sprache.“  

Ablehnung der Beanstandung: Es handelt sich um zwei Themen

Der Ombudsmann Roger Blum wies am 24. November 2019 die Beanstandung ab, nachdem er eine Stellungnahme der zuständigen Redaktion eingeholt hatte. In seiner Begründung verweist er zum Einen auf die Programmautonomie und gibt der Redaktion Recht, die in ihrer Stellungnahme betont hatte, es seien in der Sendung mehrere Frauen zu Wort gekommen. Zum anderen argumentiert er, und das ist der eigentlich wichtige Punkt, „die Freiwilligenarbeit (sei) in diesem Beitrag nicht das Thema“ gewesen, und es wäre „zu kompliziert“ geworden, diesen Aspekt in einer Sendung zu berücksichtigen, in der es ja um ein anderes Thema, nämlich nicht die Betreuung durch Angehörige, sondern die Frage der Pflegekosten, gegangen sei. Es störe ihn zwar auch, dass „diese wichtige Person, die Herrn Ehn das von ihm gewählte Finanzierungsmodell ermöglicht, nur kurz erwähnt und nicht gezeigt“ worden sei. Aber da die Frau es abgelehnt habe, gefilmt zu werden, läge „keine böse Absicht der Redaktion vor“, zumal überzeugend dargelegt worden sei, dass man „die Freiwilligenarbeit vor allem der Frauen“ in anderen Sendungen thematisiert habe.

Zwei Themen? 

Das Framing der Situation folgt hier deutlich dem schlecht begründeten Verständnis von (so genannter) Ökonomie, das nur „Einrichtungen und Handlungen“ einbezieht, die in den Geldkreislauf einbezogen sind. Entsprechend erscheinen die unbezahlten Leistungen der Ehefrau, die hier entgegen der Terminologie des Bundesamtes für Statistik fälschlicherweise als „Freiwilligenarbeit“ statt als „Betreuungsarbeit“ bezeichnet werden, als ein anderes Thema, das in andere Sendungen verlagert werden kann, in denen es um Anderes, nämlich nicht um Ökonomie, sondern um „Hilfe“ durch „Angehörige“ geht. Die traditionelle, im Zeitalter der Emanzipation längst überwunden geglaubte Dichotomie von (männlich codiertem) öffentlich sichtbarem monetärem Kalkulieren und (weiblich codierter) privat-unsichtbarer Fürsorglichkeit ist leicht zu erkennen. Roger Blum hat allerdings wohl Recht, wenn er keinen „bösen Willen“ seitens der Redaktion erkennen kann. Es geht hier tatsächlich nicht um gut oder böse im individuell moralischen Sinne, sondern um mehr oder weniger plausible Definitionen des Ökonomischen.

Oder doch nur ein Thema namens „Pflegekosten“ ?

Vor dem Hintergrund eines plausibleren bedürfniszentrierten Verständnisses von Ökonomie erscheint die traditionelle Sphärentrennung allerdings als obsolet, denn ob Pflegeleistungen bezahlt oder unbezahlt erbracht werden, spielt keine Rolle, solange die Bedürfnisse der umsorgten Person befriedigt werden. Würde die Situation des Ehepaars Ehn vor dieser Folie zur Darstellung gebracht, so wüssten wir, nachdem wir die Reportage gesehen haben, nicht nur, wie viele Schweizer Franken von wo nach wo geflossen sind, sondern auch, wie viel Zeit und Energie die Ehefrau investiert, wie viel sie durch ihre Leistung zur gesellschaftlichen Wertschöpfung beigetragen und folglich dem Staat an Kosten erspart hat, wie sich ihre Tätigkeit auf ihr Befinden und ihre eigene Alterssicherung auswirkt, kurz: wie es ihr geht. Statt der traditionellen zweigeteilten Welt aus einer von Geldwerten dominierten sichtbaren Sphäre und einer von vor- oder außerökonomischer ehelicher Liebe bestimmten unsichtbar gemachten Privatsphäre hätten wir ein sachgerechtes Gesamtbild, in dem eine realistische Kostenrechnung im Sinne und zugunsten aller Beteiligten allererst möglich würde. 

Beschwerde abgelehnt: Der Entscheid der UBI vom 29. Mai 2020

Martha Beéry-Artho hat am 19. Dezember 2019 ihre vom Ombudsmann abgelehnte Beschwerde an die nächste Instanz, die UBI (Unabhängige Beschwerdeinstanz Radio und Fernsehen) weiter gezogen. An ihrer Sitzung vom 29. Mai 2020 hat auch die UBI die Beschwerde abgeleht. In der Begründung, die am 14. August 2020 versandt und publiziert wurde, steht: „Die Beschwerdeführerin rügt, die Berichterstattung sei unvollständig gewesen. Die Redaktion habe nicht darauf hingewiesen, dass der pflegebedürftige Mann nur dank der unentgeltlich erbrachten Pflegeleistungen seiner Frau weiterhin zu Hause leben könne. Diese Rüge ist jedoch unbegründet, verweist doch die Redaktion in einem Off-Kommentar ausdrücklich auf die Pflegeleistungen der Ehefrau («Seine Frau pflegt ihn, vor allem in der Nacht.»). Aufgrund des Kontexts und der Ausführungen des Mannes war für das Publikum erkennbar, dass die Ehefrau diese Betreuung unentgeltlich erbringt. Dass die Informationen zu diesem Aspekt etwas knapp ausfielen, hatte seinen Grund auch im Umstand, dass sich die Ehefrau nicht vor der Kamera äussern wollte. Das Publikum wurde aber aufgrund des erwähnten Hinweises der Redaktion nicht über die von der Frau erbrachten Pflegeleistungen getäuscht, dank welchen ihr Ehemann zu Hause bleiben konnte.“

Was schließen wir daraus?

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Die Vergangenheit wird ausgelichtet – Platz für die Gegenwart https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/08/die-vergangenheit-wird-ausgelichtet-platz-fuer-die-gegenwart/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/08/die-vergangenheit-wird-ausgelichtet-platz-fuer-die-gegenwart/#comments Thu, 27 Aug 2020 20:36:53 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16149

Im Februar des Jahres 2020 veröffentlichte ich Teil 1. „Lebe bewusst jeden kostbaren Augenblick deines Lebens. Es wird der Augenblick kommen, von dem du niemals wissen wirst, dass du ihn erlebt hast.“ Alles begann mit diesem Satz, der mich aus dem Schlaf weckte. Und dann geschah das bis jetzt Unvorstellbare – von einer Sekunde zur anderen ohne lange Überlegungen – die Entscheidung, ich entsorge meine über die Jahrzehnte geführten und gehüteten Tagebücher. Ein bis dahin unvorstellbarer Gedanke.“

Foto: Monika Krampl

Nach dem Auslichten meiner Tagebücher, das mir im Rückblick wesentlich leichter erscheint als das jetzige, machte ich den letzten Durchgang. Den Begriff Auslichten (gefällt mir besser als Entsorgen) habe ich von Cambra Skade übernommen. Für eine Weile versank ich in den vielen Kartons, die im Gästezimmer meines Sohnes gestapelt waren. Wir konnten kaum zur Tür rein. Ein schmaler Gang blieb. Zwischen meiner Vergangenheit und dem Rest der Sachen meiner verstorbenen Mutter, die wir nach dem großen Flohmarkt noch behalten hatten. Zum Durchsehen. Nun war die Zeit auch für dieses Durchsehen gekommen.
Auslichten im Sinne von Loslassen und auch Loswerden. Meine Vergangenheit nicht nur gedanklich, sondern auch materiell loswerden.

Nicht, weil sie so schrecklich war. Das war sie auch. Ein Teil davon.
Auch das Glückliche – ich möchte mich nicht dahin zurück sehnen.
Das war einmal – so beginnen doch Geschichten: Es war einmal … Meine glücklichen Erinnerungen behalte ich und lege sie vorsichtig in meine innere Schatzkiste. Jedoch, ich möchte mich nicht zurück sehnen und damit den Blick für und die Anwesenheit in der Gegenwart verlieren. Denn, wenn ich glücklich sein möchte, dann kann ich das nur in der Gegenwart – und so wie ich jetzt bin, nämlich anders.

Das Glück der Vergangenheit kann ich so nicht mehr leben.
Ich bin JETZT.
Ich bin jetzt eine ANDERE. 

Immer wieder die Unsicherheit – zum Beispiel bei der vielartigen Korrespondenz mit meinen Freund*innen, meinen Liebsten; mit interessierten Menschen an meinen vielen Projekten und noch mehr Projektideen. Sie stammt aus einer Zeit, in der wir uns noch viele Briefe geschrieben haben und ich staune. Ob ich sie nicht doch behalten sollte – die Briefe? Aber warum? Das alles wurde vor Jahrzehnten geschrieben und ich habe es nie mehr gelesen. Ich werde es auch jetzt und in Zukunft nicht lesen. Warum also? Nur um sie zu „haben“? Es schmerzt. Es macht traurig – das Loslassen. Ein Teil von mir möchte es nicht loslassen, möchte dahin zurück. Dahin, wo es so schön und lebendig war. So viele Menschen in meinem Leben.   

Und jetzt ….?

Ich möchte mehr Sein als Haben. Es ist Zeit, mich auf das Wesentliche und Wenige zu konzentrieren und nicht einen materiellen Berg von Vergangenheit hinter mir herzuschleppen, bei jedem Schritt. Ich habe das Bild von einem riesigen Sack, der am Boden hinter mir herschleift und ich ihn mit Gurten – so wie einen Rucksack – an meinen Schultern befestigt habe. Jeder Schritt ist mühsam, denn der Sack ist schwer. Mit schweren Schritten stapfe ich dahin.
In den Kartons stapeln sich Ordner. Ordner über Ordner, angesammelt und gefüllt mit meinem Leben über die letzten 35 Jahre; akribisch – gründlich und sorgfältig – beschriftet. Ordner mit der Korrespondenz mit Freund*innen und Liebsten; mit Kolleg*innen und Menschen in Seminarzentren im In- und Ausland;  Ansichtskarten und Glückwunschkarten meines Sohnes. Die Korrespondenz mit unseren singhalesischen Freunden in Sri Lanka – hatten wir – mein zweiter Ehemann und ich – doch bereits alles in die Wege geleitet zum auswandern. Es sollte nicht sein. Und ich staune immer wieder, mit wie vielen Menschen ich in Kontakt war! Und ich erinnere mich, wie offen – mit großen offenen Augen und offenem Herzen, einer grenzenlosen Liebesbereitschaft – ich durch die Welt gegangen bin und Menschen angezogen habe. Und viele – allzu viele – gingen mit der Zeit verloren – weil wir den Kontakt nicht gehalten haben.
Die, die geblieben sind, sind meine treuesten Weggefährt*innen auf meinen verschlungenen Lebens-Pfaden.

Ich vermisse die Liebe – in erster Linie meine eigene.
Ich spüre die grenzenlose Liebe nicht mehr, – nicht so wie damals.
Irgendwann vom Pfad der Liebe abgekommen, mein Herz zugemacht und verschlossen. Den Schlüssel weggeworfen. Den Schlüssel habe ich bereits wieder gefunden. Es war schwer, ihn in dem verrosteten Schloss umzudrehen. Jetzt bin ich dabei, die auch in ihren Scharnieren verrostete Tür zentimeterweise zu öffnen …

Und kaum ist es mir gelungen aufzusperren, klopfte einer meiner ehemaligen Liebsten an die Tür. Im Laufe dieser Wiederbegegnung schrieb ich ihm:

Das Wiedersehen

Ich habe keine Angst
dir zu sagen
dass ich dich noch immer
liebe
und
begehre
Ich habe keine Angst
weil meine Liebe
unabhängig
davon ist
ob du mich liebst
weil meine Liebe
nichts verlangt
von dir

Und mit großem Erstaunen und ebenso großer Freude merke ich, wie viel ich doch in diesen Jahren über die Liebe gelernt habe.

Die nächsten Ordner führen mich in die Welt meiner psychotherapeutischen Praxis.
Der Erste enthält die vielen Originalmanuskripten und Folder der abgehaltenen Seminare und Workshops. Mein Gott, war ich fleißig und engagiert! Ordner mit Projektideen im zivilgesellschaftlichen Bereich und über angedachte Seminare und Workshops; Mitschriften der Therapiesitzungen, Befunde für die Krankenkassen; Honorarnoten, etc. Ich weiß nicht, von wie vielen hunderten von Klient*innen in den 25 Jahren. Die vielen Dankesschreiben. An die meisten habe ich keine Erinnerung mehr. Ich sehe die Anzahl der Therapiestunden – und sehe, wie viel ich gearbeitet habe. Welch’ Energie ich hatte!

Ordner mit den Lehrunterlagen, meinen Seminararbeiten, von den zwei Semestern an der Sigmund-Freud-Privatuniversität. Zwei Semester fehlen noch, dann hätte ich den akademischen Titel Bachelor. Zurzeit meines Studiums der Psychotherapie vor Jahrzehnten gab es noch keinen akademischen Titel.  
Aufgehört hatte ich, als ich meine Mutter in den letzten zwei Jahren ihrer Krebserkrankung begleitete. Heute ist es mir nicht mehr wichtig. Doch ich erinnere mich gerne – lerne ich doch mit viel Neugier und Begeisterung Neues.
Die ungeliebtesten Ordner – die Unterlagen meines Steuerberaters. Darüber legt sich der Mantel des Schweigens. Ich bin eine Frau der Worte. Zahlen bereiten mir Unbehagen.

~~~~~~~~~~~~~~~~~

Viel Trauer ist in mir – aber ich spüre auch die Last der Vergangenheit.
Das Mitschleppen.
Erleichterung wird folgen.
So wie es mit dem Auslichten der Tagebücher auch war.
Es ist gut.
Es ist gut so, wie es ist.

Dies alles passierte in den letzten Wochen und jetzt?

Ob mich die Rückschau auf meine Lebenserinnerungen auch stolz macht, fragte eine meiner Herzensfreund*innen, und ich schrieb ihr:

„Ja, ein bisschen. Aber vor allem macht es mich dankbar. So viele Menschen – da bin ich noch immer sprachlos – es macht mich unendlich dankbar den Menschen gegenüber für ihr Vertrauen, sich mit mir auf die tiefen Prozesse in den Therapien eingelassen zu haben; und ehrfürchtig und demütig für die viele unendliche Energie, die ich hatte.”
Ich staune, wundere mich über die Wunder meines Lebens und erfinde mich wieder einmal neu …

Dieser Artikel erschien auch auf dem Blog von Monika Krampl.

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Ein Schulaufsatz von 1998 über Geschlechterrollen https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/08/ein-schulaufsatz-von-1998-ueber-geschlechterrollen/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/08/ein-schulaufsatz-von-1998-ueber-geschlechterrollen/#comments Sun, 23 Aug 2020 20:36:08 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16167

„Sexism in the Schoolhouse“ lautet die Überschrift eines Zeitungsartikels von 1992, mit dem wir im Schuljahr 1998/99 im Englischunterricht gearbeitet haben. Darin wird über eine Studie berichtet, der zu Folge Mädchen und Jungen im Schulunterricht unterschiedlich behandelt werden – zum Nachteil der Mädchen. Gegen Ende des Artikels wird die Sichtweise der damaligen stellvertretenden US-Bildungsministerin Diane Ravitch dargestellt, die folgendermaßen zitiert wird: Rather than sexism in education, …, the problem is sexist attitudes encouraged by TV, advertising and movies: the researchers „picked the wrong target.“

Kürzlich fiel mir mein Aufsatz, leider ohne die genaue Aufgabenstellung, in die Hände und löste einiges bei mir aus. Ich gehe davon aus, dass wir zum Zitat von Diana Ravitch Stellung beziehen sollten. Und das schrieb ich dazu (stilistisch etwas geschliffene Übersetzung):

Ich denke, dass Sexismus in unserer Gesellschaft nicht auf einen einzelnen Bereich des täglichen Lebens zurückzuführen ist. Natürlich spielen Fernsehen und Werbung eine wichtige Rolle bei diesem Problem, aber ich bin davon überzeugt, dass seine Wurzeln in der Erziehung und der Bildung liegen. Wenn Babys alt genug sind, um mit Spielzeug zu spielen, bekommen sie dieses von ihren Verwandten. Aber da gibt es einen Unterschied. Jungen bekommen Spielzeugautos, Bälle oder Puzzles, wohingegen Mädchen daran gewöhnt werden, mit Puppen, kleinen Backöfen und Babyausstattung zu spielen. Das bedeutet, Jungen kommen im Alter von drei oder vier Jahren mit technischen Dingen in Berührung, während Mädchen vielleicht niemals z. B. ans Reparieren ihres Fahrrades herangeführt werden. Stattdessen lernen sie den Haushalt zu führen und bekommen den Eindruck, dass ihr Job etwas mit Bildung oder Kinderbetreuung zu tun haben muss.

Dazu kommt, dass es in der Schule LehrerInnen gibt, die Vorurteile gegen Mädchen haben, besonders in den naturwissenschaftlichen Fächern. Dadurch fühlen sich dann auch die Jungen den Mädchen überlegen. Persönlich habe ich Erfahrungen mit dem Verhalten von Jungen z. B. im Sport gemacht. Ich spiele gern Basketball, weswegen ich häufig mit den Jungen im Jugendclub spiele. Als ich gerade angefangen hatte, wollen manche Jungs nicht gern mit mir spielen. Dazu muss ich sagen, dass ich das einzige Mädchen dort bin, so dass es für sie eine neue Erfahrung war. Wie jede/r, habe ich mich im Lauf der Zeit verbessert und mittlerweile macht es den Jungen nichts mehr aus, mich in ihrem Team zu haben. Diese Erfahrung lehrte mich, das Mädchen und Frauen nicht aufgeben sollten, für ihre Rechte zu kämpfen.

Die andere Seite des Konflikts ist, dass das, was Kinder von ihren Eltern lernen, täglich im Fernsehen und in der Werbung gezeigt wird. Deswegen glauben Kinder wirklich, dass Frauen eine Art Bedienstete der Männer oder gar eine niedere Spezies sind. Da ist z. B. dieser Werbespot für Würstchen, in dem ein Junge und sein Vater von einem Fußballspiel nach Hause kommen, während die Hausfrau in der Küche arbeitet. Vater und Sohn setzen sich an den Tisch und bestellen bei der Mutter die beworbenen Würstchen als seien sie in einem Restaurant. Meiner Meinung nach ist dies typisch für nachahmendes Verhalten. Der Vater in diesem Spot zeigt dem Jungen, wie eine Frau zu behandeln ist. Und die Mutter sagt nichts gegen dieses Verhalten, so dass der Junge glauben muss, dass das so richtig ist. So kommt es, dass kleine Jungen während der Werbepause in einem Film derartiges Verhalten gezeigt bekommen und es womöglich übernehmen.

Zusammenfassend muss ich sagen, dass die Autorin [wahrscheinlich meinte ich Diane Ravitch] nicht unbedingt falsch liegt. Aber sie behandelt das Problem nicht in seiner Komplexität und dass es aus verschiedenen Faktoren besteht, die miteinander verknüpft sind.

Nachdem ich mich darüber gefreut hatte, dass ich auch schon während meiner Schulzeit kritisch auf Geschlechterstereotype geschaut habe, kam bei mir eine Art Wut hoch. Ich hatte plötzlich ganz klar und aus eigenem Erleben vor Augen, dass die stellv. US-Bildungsministerin vor fast dreißig Jahren auf den enormen Einfluss von Werbung auf die Reproduktion von Geschlechterklischees hingewiesen hat. Und zwar so, dass das Thema auch im „ganz normalen“ Schulunterricht behandelt wurde. Und nun finde ich meinen Schulaufsatz wieder und muss feststellen, dass er aktueller geworden ist anstatt veraltet. Mir scheint es, als hätten etliche Marketingabteilungen dieser Welt den Artikel und das Zitat von Diane Ravitch gelesen und ihr unbedingt Recht geben wollen. Aber nicht, ohne zumindest klischeebeladene Grüße in Form von Prinzessinenfedertaschen und Pausensnacks „für echte Kerle“ in die Schulen zu schicken.

Rückblickend würde ich sagen, dass ich zwar eigene Erfahrungen in den Aufsatz einfließen lassen konnte, aber gleichzeitig nicht den Eindruck hatte, die Darstellungen in TV und Werbung könnten etwas mit mir zu tun haben. Ich habe ja schließlich mit den Jungs Basketball gespielt. Bis ich allmählich begriff, dass sie sehr wohl etwas mit mir zu tun haben, waren ca. 15 Jahre vergangen. Fünfzehn Jahre, in denen sich die heute ca 60-70 Jährigen vielleicht gefragt haben, wo wir, die „jungen Frauen“, sind bzw. so lange waren. Wieso von uns so lange so wenig zu hören war. Und ich bin wütend. Wütend für alle diese und mit allen diesen Frauen, die seit Jahrzehnten für Geschlechtergerechtigkeit kämpfen, und dann feststellen müssen, dass Rosa-Hellblau-Geschlechterklischees mittels Marketing immer aggressiver reproduziert werden und dass viele junge Frauen das Problem nicht ernst nehmen, vielleicht nicht einmal sehen.

Hoffnungsvoll stimmt mich, dass sich Organisationen wie der Verein Klische*esc e.V. und Pinkstinks unermüdlich dafür einsetzen, das Bewusstsein für problematische Geschlechterklischees zu schärfen und dafür kämpfen, dass diese sowohl aus Klassenzimmern, als auch aus der Werbung verschwinden. Auf dass niemand in zwanzig Jahren diesen Text findet und mit heruntergeklappter Kinnlade feststellt, dass die Problematik mit den Rollenklischees in der Werbung und in Schulen ja 2020 „schon“ bekannt war seitdem immer schlimmer geworden ist.

Quellen und Links

Der im Unterricht behandelte Artikel aus der Sprachlernzeitung „World and Press“ (Mai-Ausgabe von 1992) war eine gekürzte Version des Artikels „Sexism in the Schoolhouse“ von Barbara Kantrowitz erschienen in der Newsweek, 23.2.1992. (https://www.newsweek.com/sexism-schoolhouse-200632 , bis zur Stelle …”picked the wrong target.” )

http://pinkstinks.de

http://klischeesc.de

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Die Sprache unsrer Ursprungs-Mutter MA https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/08/die-sprache-unsrer-ursprungs-mutter-ma/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/08/die-sprache-unsrer-ursprungs-mutter-ma/#comments Sat, 22 Aug 2020 10:14:04 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16135

Da liegt er vor mir, der Prachtband, ausladend, 664 Seiten dick, fast drei Kilo schwer und daher ungeeignet als Bettlektüre… So gewichtig wie das Buch ist auch sein Inhalt: Es ist ein Pionierwerk, denn es betrachtet die „Venus“-Kunst nicht nur im vorgeschichtlichen Europa und Nahen Osten, sondern global. Die Gesichter dieser Kunst werden innerhalb eines ausgeklügelten Symbolsystems erfasst und klassifiziert und erscheinen erstmals gemeinsam in einem einzigen Buch. Dies erklärt den stattlichen Umfang des Werkes.

Die Historikerin, Theologin und Symbolforscherin Annine van der Meer legt damit umfassende Ergebnisse ihrer jahrzehntelangen Arbeit vor. Die titelgebende „Sprache unsrer Ursprungs-Mutter MA“ (in Fortführung von Marija Gimbutas‘ „Die Sprache der Göttin“ von 1995?) sind Zeichen, Symbole und Darstellungen in Plastiken und Skulpturen, die ohne Worte bis heute mit uns kommunizieren. Eine Sprache muss man verstehen können. Hier bekommen wir die passende Übersetzungshilfe.

Im Vorwort stellt van der Meer den Wandel der Perspektiven innerhalb der archäologischen Forschung dar, der auch der Grund für dieses Buch ist. Die Interpretationen von Fundstücken sind stets geprägt vom Weltbild der Betrachtenden. Bis heute ist die patriarchal geprägte Wissenschaft teilweise noch sehr in alten Denkmustern gefangen. Es ist bedrückend zu lesen, wie die ausdrucksstarken und berührenden Darstellungen weiblichen Seins in einer männerdominierten Öffentlichkeit zu „Pin-ups“ oder „Gespielinnen“ degradiert oder in den Zusammenhang von Fruchtbarkeit und Sexualität gestellt wurden. Das Heilige, Spirituelle, Machtvolle wird nicht wahrgenommen oder ignoriert und einfach nicht kommentiert. Hier wirken die vor Jahrhunderten durchgeführten „Korrekturen“ zum Beispiel im Alten Testament nach, die zu einer Herabwürdigung des Weiblichen führten und in der christlich geprägten Kultur bis heute weiterleben.

Das Buch gliedert sich in zwei große Teile. Der erste umfasst einen kunsthistorischen Ablauf von 40.000 vor unserer Zeit bis zum Jahr 0, teilweise auch bis in die Gegenwart. Besonders interessant finde ich nachzulesen, wie im Nahen Osten die Entwicklung und Veränderung der dort verehrten Göttin in die christliche Maria stattfand. Deren Bild sollte auch die hiesige spirituelle Weiblichkeit über Jahrhunderte prägen. Spannend finde ich auch, wie physikalische, chemische und biologische Verfahren heute zu neuen Erkenntnissen verhelfen.

Es gibt viele Querverweise, die mit einem gut durchdachten System leicht aufzufinden sind und dazu anregen, selbst zu vergleichen und zu verstehen. Nach jedem Kapitel erfolgt eine übersichtliche Zusammenfassung der wesentlichen Erkenntnisse. Am Ende des ersten Teils versorgt van der Meer uns sogar mit einer Checkliste, anhand derer wir selbst in Bildbänden oder in Museen eine Analyse der vorhandenen Skulpturen durchführen können – diese Idee gefällt mir sehr!

Der zweite große Teil zeigt die Symbole in einer thematischen Gliederung, die Deutungen werden quer durch die Zeiten und Kulturen nebeneinander gestellt. Die Zahlen, Orte, Elemente, Tiere, Pflanzen, Körperhaltungen, Bekleidungen haben sich nämlich auf der ganzen Welt wiederholt. Es wird auch erkennbar, wie sich die Darstellungen mit dem wachsenden Einfluss des Patriarchats veränderten.

Van der Meer stellt sich gegen die gewohnte Interpretation der Skulpturen, die den spirituellen und sakralen Aspekt verdrängt oder auch schlichtweg nicht weiß. Sie schildert die Herausforderung, in einer patriarchal geprägten Begriffsverwendung die Bedeutungen neu zu besetzen und sammelt unermüdlich Fakten und Beweise für ihre Sichtweise, die sich zu einem runden, eindeutigen Bild zusammenfügen. Dabei setzt sie eine interdisziplinäre und vergleichende Methode ein und findet mit den Lesenden zusammen eine gültige, brauchbare Definition für Venus-Kunst. Der Wert und die Bedeutung dieser weltweit verbreiteten Darstellungsform werden zurückgebracht und belegen den Beitrag der Frauen zur menschlichen Geschichte.

Annine van der Meer

Van der Meers Vision für das 21. Jahrhundert besteht darin, den akademischen und den spirituellen Feminismus zusammenzuführen, sodass die uralte Weisheit und die Spiritualität der Frauen wieder in den Alltag integriert werden können. Gleichzeitig wird dadurch auch eine Rehabilitation der Kulturen der Urbevölkerungen auf der ganzen Welt möglich, in denen das Weibliche mehr geachtet wird. Das vergessene Weibliche wird ins Bild gerückt, und es entsteht eine „Balance und Verbindung zum Männlichen“ (S. 17), die in die Zukunft weist.

Ich konnte van der Meer nicht immer folgen in ihrer Beurteilung von Gestaltungen mit wenig Busen und Taille als „kindlich“ und „entsexualisiert“ und die Bewertung von runden, kurvigen Formen als weiblich-stolz. Die schlanke Figur wird oft als „jung“ bezeichnet, die füllige soll die reife oder auch alte Frau darstellen, ohne dass das für mich an Gesichtern oder anderen Indizien ablesbar ist. Ich denke, dass auch vor Jahrtausenden Frauen ganz unterschiedliche Körper hatten, und dass es so wie heute auch junge, voluminöse neben alten, schmalen gab. Ohne eine Expertin zu sein, stellt sich mir die Frage, ob die Figuren nicht manchmal auch ein Abbild vielfältiger und gleichwertiger Frauenformen sein können?

Das Werk ist sehr detailliert, aber gut und abwechslungsreich zu lesen. Van der Meer bedient sich eines lebhaften Schreibstils, der die Freude an ihren Erkenntnissen, aber auch den Ärger über Kolleg_innen spürbar werden lässt. Sie verficht ihr Ziel, falsche und unbegründete Interpretationen zu benennen und zu korrigieren, mit großem Engagement und erlaubt sich auch mal den einen oder anderen Sarkasmus. Alles wird durch unzählige Fotos (die meisten von der Autorin selbst aufgenommen), Skizzen und Karten illustriert. Weiß-Rot-Schwarz – die Farben der Großen Göttin – ziehen sich durch die ganze liebevolle Gestaltung der Ausgabe: vom Umschlag, auf dem die 8000 Jahre alte „Lady von Çatal Höyük“ prangt, bis zum Design der einzelnen Seiten und den zwei (!) Lesebändchen. Ausführliche Quellen- und Literaturverzeichnisse fehlen natürlich auch nicht.

Nachdem dieses Buch zunächst auf Niederländisch und dann auch auf Englisch erschienen ist, wurde in der nun vorliegenden deutschen Fassung der Inhalt nochmals überarbeitet und ergänzt, sodass auch ganz aktuelle Forschungserfolge enthalten sind, die unvorstellbare 40.000 Jahre zurückreichen. Es ist ein Gemeinschaftserfolg: Neben der Autorin haben drei Übersetzerinnen und eine Anzahl Sponsorinnen dem kleinen Verlag geholfen, die deutsche Ausgabe Wirklichkeit werden zu lassen.

Mein Fazit: Dieses Buch ist ein Meilenstein der Kulturgeschichte und gehört nicht nur in den Privatgebrauch, sondern auch in alle wissenschaftlichen und kommunalen Bibliotheken!

Annine van der Meer, Die Sprache unsrer Ursprungs-Mutter MA., Die Entwicklung des Frauenbildes in 40 000 Jahren globaler „Venus“-Kunst, Christel Göttert Verlag 2020, 664 Seiten, ca. 1300 farbige Abbildungen und s/w-Skizzen, 69,95 €.

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Gegen den Krebs kämpfen – warum der Ausdruck passt https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/08/gegen-den-krebs-kaempfen-warum-der-ausdruck-passt/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/08/gegen-den-krebs-kaempfen-warum-der-ausdruck-passt/#comments Wed, 19 Aug 2020 15:37:29 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16086 Gegen den Krebs kämpfen….ein umstrittener Ausdruck unter Krebskranken. 

Viele stimmen zu, viele sind aber auch nicht der Meinung, dass man gegen den eigenen Krebs kämpfen kann oder sogar sollte. Mein Blog heißt “Julie vs. Bill”. Ihr könnt euch also schon denken, wie ich es mit dem Ausdruck halte. 

Ich möchte erklären, warum es für mich definitiv ein Kampf ist, den ich seit Jahren führe. Ich bin Julia, dankbare 35 und lebe seit 10 Jahren mit der Diagnose Malignes Melanom, also dem Schwarzen Hautkrebs. Auf meinem Facebook-Blog “Julie vs. Bill”  schreibe ich über mein Leben mit dem Krebs und was mich sonst noch beschäftigt. 

Eigentlich ist es ganz einfach, denn mir mangelt es schlichtweg an Alternativen! 

Nicht zu kämpfen würde für mich bedeuten, mein Schicksal zu akzeptieren, es so hinzunehmen. Aber wer bestimmt das denn, mein Schicksal? Die Ärzte_innen? Nun gut, laut einigen, verschiedenen Ärzten_innen sollte ich heute schon nicht mehr auf Gottes guter Erde wandeln. Also dieses Schicksal möchte ich schon mal nicht für mich. 

Die Krankheit selbst? Nein, die soll mein Schicksal auch nicht bestimmen, denn wenn ich das annehmen würde, wäre ich auch schon längst weg. 

Wer soll und kann mein Schicksal denn bestimmen, wenn nicht ich selbst?

Also dann nehme ich das wohl selbst in die Hand und hole mir Hilfe von großartigen Ärzt_innen, die mit mir…..na, ihr ahnt es,…… kämpfen! Ja verdammt, wir kämpfen! Um jeden Monat, jedes Jahr, letztes Jahr noch um jede Woche, wir kämpfen um mehr Zeit.Die Hoffnung und der Wille ist da, denn sonst würde ich die Therapie nicht machen. Wir hoffen, dass mein Schicksal noch nicht besiegelt ist und wir etwas ändern können. 

Warum das ein Kampf ist, das kann ich euch gerne verraten: weil in meinem Körper Krieg herrscht! Ja, es ist ein Bürgerkrieg, denn die Krebszellen sind immerhin meine eigenen, mutierten Zellen. Aber es ist Krieg. 

Und der macht sich bemerkbar, jeden Tag. Mal mehr, mal weniger. 

An den Tagen, wo er sich mehr bemerkbar macht, so wie heute zum Beispiel, da ist es ein ständiger Kampf gegen Nebenwirkungen, gegen schlechte Gedanken, gegen Todesangst, gegen Panikattacken, gegen das Aufgeben, gegen die Dämonen, die eine Krebskrankheit so mit sich bringen. 

Nicht zu kämpfen würde für mich bedeuten, sich all diesen Gefühlen und Gedanken hinzugeben, sich treiben zu lassen, immer tiefer in den Strudel hineinzugeraten und schließlich zu ertrinken. 

Ich aber ziehe es vor zu paddeln! Oh ja, ich paddele gegen den Strom! Sitze in meinem kleinen Kajak und los geht’s. 

Nix da, passiv. Passiv hab ich probiert, akzeptieren, hinnehmen….alles gemacht. Jahrelang. Auch in anderen Lebensbereichen übrigens! Und? Hat mich NIE irgendwohin gebracht, wo ich sein wollte, nie. Never. 

Ich komme nur dahin, wo ich sein will, wenn ich aktiv bin und, ja, manchmal auch kämpfe.

Und jetzt kommt der Twist! Denn wer kämpft, kann auch verlieren, richtig? 

Das denken viele. Vor allem die, die diesen Ausdruck so vehement ablehnen, wenn es um die Krankheit Krebs, oder auch andere fatale Erkrankungen geht. 

Für mich stimmt das nicht. Ich kann diesen Kampf nicht verlieren. Es ist nicht möglich. Denn ich habe schon gewonnen! 

Bei dem Kampf gegen den Krebs gibt es viele, viele Etappen, die man durchlebt. Und ich habe schon so so so so viele Etappensiege für mich reingeholt, dass ich schon gewonnen habe. 

Ich finde, auch hier ist der Weg das Ziel. Ja, es gibt Scheißtage, die es zu überwinden gilt, aber ich habe sie ALLE schon überlebt. Und ich lebe ein wunder-, wunderschönes Leben! Dieses Leben hätte ich heute nicht, wenn ich nicht gekämpft hätte! Ich halte mich fest an diesem Leben, an der Liebe. 

Nennt mich Kämpferin, Kriegerin, Amazone, denn scheiße ja, ich bin eine!!! Und ich bin verdammt stolz drauf!

Ich hoffe jetzt könnt ihr besser verstehen, warum ich rein gar nichts gegen den Ausdruck ‘gegen den Krebs kämpfen’ habe, aber sehr wohl etwas gegen die Floskel ‘xy hat den Kampf gegen den Krebs verloren’. 

Jetzt ein Eis.

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Dieser Post erschien zuerst am 10. 08.2020 auf Julia Geberths Blog „Julie vs Bill“, der inzwischen über 10.000 Abonnent_innen hat.

Julia Geberth hat auch an einem Film des Universitätsklinikums Erlangen zur Immuntherapie bei schwarzem Hautkrebs mitgewirkt:

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Nachdenken über Arrival II (von III): Weiter auf der Suche nach einer Sprache, die die Zeit öffnet https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/08/nachdenken-ueber-arrival-ii-von-iii-weiter-auf-der-suche-nach-einer-sprache-die-die-zeit-oeffnet/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/08/nachdenken-ueber-arrival-ii-von-iii-weiter-auf-der-suche-nach-einer-sprache-die-die-zeit-oeffnet/#comments Mon, 17 Aug 2020 10:34:17 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16107 In diesem Artikel greife ich ein zweites Mal Ideen und Gedanken auf, die in dem Videopodcast zum Film “Arrival” und der Kurzgeschichte “Story of your Life” aus Zeitgründen keinen Platz mehr gefunden haben. Ich knüpfe hier unmittelbar an den Überlegungen von diesem Artikel an.

Foto: Anne Newball Duke

Sprache als Waffe

Es gibt ein fatales Missverständnis in dem Film, der auf einen komplexen (kulturellen? den sozio-historischen Bedingungen inhärenten?) Übersetzungsfehler zurückgeht: Als Louise die Heptapods fragt, warum sie nun zur Erde gekommen sind, antworten diese: “Waffe anbieten.” Louise übersetzt dies auch den Militärs so, worauf diese jegliche Verbindungen mit den anderen Ländern abbrechen und sich auf einen Krieg vorbereiten. (Gegen wen eigentlich, und warum dafür die Kontakte zu den anderen Forschungsteams und Militärs abbrechen, das wird mir bis zum Ende nicht so wirklich klar.) Doch Louise zweifelt an ihrer eigenen Übersetzung. Dabei hatte sie selbst noch relativ pathetisch in ihr Linguistik-Lehrbuch geschrieben: “Sprache ist das Fundament der Zivilisation. Sie schweißt ein Volk zusammen. Sie ist die erste Waffe, die in einem Konfliktfall zum Einsatz kommt.” Aber noch durchschaut sie ihren eigenen Fehler nicht, obwohl sie zuvor bereits Übersetzungsfeingefühl bewiesen hat. Ihr Kollege übersetzte einmal in einem Konfliktfall, der dann auch eine militärische Operation nach sich zog, das Sanskrit-Wort für “Krieg” mit “Streit”. Louise hingegen mit “Wunsch nach mehr Kühen”. Da nicht auf sie gehört wurde, sondern auf ihren Kollegen – so wird der Zuschauer*in des Film zumindest nahegelegt zu denken –, wurde ein nicht näher benannter Aufstand blutig niedergeschlagen.

Während sie über ihre Übersetzung “Waffe anbieten” grübelt, die nun auch einen ähnlich gravierenden, riesige Konsequenzen nach sich ziehenden Abbruch der Kommunikation der Forschungsteams zur Folge hat, bemerkt sie, dass auch das chinesische Forscher*innenteam die Heptopods lehren, die Sprache als Waffe zu benutzen, indem sie ihnen die chinesische Sprache über Spiele beibringen. Wenn aber jede Unterhaltung – wie Louise bald erkennt – ein Spiel ist, dann ist jede Idee konkurrenzbehaftet: Sieg oder Niederlage. “Wenn ich jemandem als Werkzeug einen Hammer gebe, ist alles ein Nagel.” Mit dieser Erkenntnis geht sie zu ihrem letzten Besuch bei den Heptapods. Nun gibt es keine trennende Wand mehr zwischen ihr und dem Heptapod Costello; sie schwebt in “seinem Element”, einer weißnebligen, feuchten Sphäre, während Costello sich am Anfang quallenartig um sie herum bewegt. Auf ihre Bitte, ihr zu helfen, da sie eine Nachricht an die anderen Heptapods schicken müsse, antwortet es wieder: “Louise hat Waffe.” Und es erklärt ihr: “In 3000 Jahren brauchen wir die Hilfe der Menschheit.” Sie fragt Costello, woher es die Zukunft kenne, und hat sodann wieder einen Vorblick auf eine Szene mit ihrer Tochter; einem Mädchen also, das ihr in der Realzeit noch völlig fremd ist und nur in ihren Vorblicken vorkommt, die sie auch erst zögerlich – anscheinend erst jetzt – als solche erkennt. Sie fragt Costello: “Ich verstehe nicht. Wer ist dieses Kind?” Und Costello antwortet: “Louise sieht Zukunft. Waffe öffnet Zeit.”

Seit mehr als 500 Jahren prägen und verändern wir Menschen mittlerweile die ganze Welt durch die kapitalistischen Verhältnisse unserer Gesellschaften, in denen nahezu ausschließlich Gewinner*innen oder Verlierer*innen produziert werden. Es ist daher kein Wunder, dass viele unserer menschlichen Sprachen den Spielemodus inkarniert haben, und dass Sprachen auf der ganzen Welt mit Kriegs- oder Konkurrenz- und Wettbewerbsmetaphern gespickt sind. Und so nutzt auch Louise mit “Waffe” eine solche Kriegsmetapher für die Sprache.

Kurz nachdem ich den Film gesehen hatte, las ich das wundervolle, beinahe magische kleine Büchlein Macht und Sinnlichkeit (1983, herausgegeben von Dagmar Schultz) mit Texten, Reden und Gedichten von Adrienne Rich und Audre Lorde. Letztere sagt, sie nutze die Sprache als Waffe im Kampf, sich ihre Wahrnehmungen und ihre Kreativität in einem Leben am Rande des Chaos zu erhalten. Sie nutzt das Wort “Waffe”, wenn sie davon spricht, dass “ein Volk”, das dieselbe Unterdrückung teilt, “bestimmte Fähigkeiten und gemeinsame Verteidigungsstrategien entwickelt. Und wenn man überlebt, dann deshalb, weil diese Fähigkeiten und Verteidigungsstrategien funktioniert haben (…) Menschen, die dieselbe Unterdrückung teilen, verfügen über bestimmte zusätzliche Waffen gegeneinander, weil sie sie heimlich gemeinsam gegen einen gemeinsamen Feind geschmiedet haben.” (eb., S. 46f.) Erst als sie davon spricht, mögliche Formen aufzuspüren, die es bisher in der Art des Lernens und Verstehens noch nicht gegeben hat, löst sich diese Kampfmetaphorik etwas auf. Diese Formen, so sagt sie, “existieren für uns (sie meint hier besonders sich als lesbische Frau innerhalb der Black Community, siehe S.46) nur im Untergrund, da, wo wir unsere unbenannte, ungezähmte Sehnsucht nach etwas anderem aufheben. Sehnsucht nach etwas, das über das jetzt Mögliche hinausführt und wohin unser Analysieren und Verstehen nur den Weg ebnen kann.” (ebd., S.48)

Und so komme ich zu Donna Haraway, die einen wunderschönen Abgesang auf genau diese Metaphorisierung der “Sprache als Waffe” geschrieben hat, die ich hier ungekürzt wiedergeben möchte:

“Große Teile der Erdgeschichte sind in der Knechtschaft der Fantasie erster schöner Worte und Waffen, erster schöner Worte als Waffen (und umgekehrt) erzählt worden. Werkzeug, Waffe, Wort: Das ist das fleischgewordene Wort als Abbild des Himmelsgottes; das ist Anthropos. Das ist eine tragische Geschichte mit nur einem wirklichen Akteur, mit nur einem wirklichen Weltenmacher, dem Helden; das ist die maskulin menschenmachende Erzählung des Jägers, der aufbricht, um zu töten und die schreckliche Beute zurückzubringen. Es ist die messerscharfe kampfbereite Fabel der Aktion, die das Leiden klebriger, im Boden rottender Passivität über das Erträgliche hinaus stundet. Alle anderen in dieser dummen, phallischen Geschichte (prick tale) sind Requisiten, Gelände, Raum der Spielhandlung oder Opfer. Sie sind egal; es ist ihre Aufgabe, im Weg zu sein oder der Weg zu sein, der Kanal zu sein oder überwunden zu werden, aber sie sind selbst keine Reisenden und auch nicht Erzeuger. Das Letzte, was der Held hören möchte, ist, dass seine schönen Worte und Waffen ohne eine Tasche, ohne ein Behältnis, ohne ein Netz wertlos sind.” (Donna Haraway in Unruhig bleiben., S.59f.)

Im Grunde passiert Louise mit ihrem Angebot an die spracherwerbenden Heptapods, Sprache als Waffe zu verstehen, genau das, worauf Donna Haraway hier aufmerksam macht: Louises eigens benutzte “phallischer” Sprachgebrauch schlägt zurück. Immerhin sind ihre Zweifel an ihrer Übersetzung (und wohl auch an ihrer Sprache-als-Waffe-Metaphorisierung) so groß, dass sie weiter sucht, einfach weil die Antwort der Heptapods nicht zu ihrer Beziehung, die von intuitivem Vertrauen geprägt ist, passt.

Immer wieder geht es im Film um die Diskrepanz zwischen Wort und Ding, zwischen der eigentlichen Bedeutung eines Wortes und dem, wie und wofür es – zum Verfolgen bestimmter Interessen – verwendet wird: “Unite” in der Sprache der Militärs bedeutet, Kontakt mit den anderen Forschungsteams abzubrechen und sich auf einen Krieg einzustellen,  also in etwa: “Wir brechen gemeinsam die Kommunikation untereinander ab, um jeder für sich die Raumschiffe zu zerstören/zu bekämpfen (oder was auch immer)”.

Mich erinnert diese Diskrepanz auch an den abismalen Unterschied zwischen dem, was der globalen Marktwirtschaft an positiven Effekten bezüglich des Näherrückens der Menschen auf der Erde animaginiert wird; und den Auswirkungen, die dieses globale Wirtschaftssystem real auf die Menschen sowie auch auf alle anderen Lebensformationen auf der Erde hat; besonders auf jene im sogenannten “globalen Süden”. Donna Haraway nennt es eine “beschleunigende, nationalistische, transnationalistische und unternehmerische Entweltlichung” (ebd., S.82).

Und ähnlich verhält es sich auch mit unserem Zukunftsdenken. Wenn wir die Zukunft nur je singulär und nicht weltlich oder ganzheitlich imaginieren können, verlieren wir das reale Zukünftige aus dem Blick, bzw. wir bekommen es gar nicht erst in den Blick. Wenn wir im Körper aufkommende Gefühle und Intuitionen nicht weiter denken und versprachlichen, dann kümmern wir uns auch nicht um sie, sie sind “abschiebbar” ins Unterbewusstsein oder wie auch immer wir das nennen, und von dort torpedieren sie uns weiter “sinnlos” in Träumen, Schuldgefühlen und Gewissensbissen usw. usf. Meine Panik, die mich aufgrund der Klimaforschungen mittlerweile regelmäßig packt, ist für viele unverständlich. Für mich aber ist das, was diese Forschungen in verschiedenen Zukunftsszenarien darstellen oder skizzieren, bereits real. Klimakatastrophentote gibt es ja bereits jetzt überall auf der Welt; sie sind aber irgendwie doch noch nicht fühl- und spürbar in unseren westostnordsüdlichen Breiten. Auch ist beispielsweise das Waldsterben bereits komplett bei uns angekommen, aber durch das immer noch mehrheitliche Grüntsogrün weiterhin verdrängbar und somit: none of my business (langsam allerdings – während ich den Artikel schreibe – sickert es durch: hier die ZEIT vom 06.08. und hier das Zeitmagazin vom 13.08.).

Fadenspiele statt Nullsummenspiele

Louises Tochter fragt Louise in einem Vorblick einmal – und ich beziehe mich jetzt wieder mehr auf eine Szene in der Kurzgeschichte (im Film wird sie in einem etwas anderen Kontext ebenfalls angebracht) – nach einem technischen Begriff, der ihr gerade nicht einfalle, der beinhaltet, dass beide Seiten gewinnen: Ihr Vater hätte ihn einmal benutzt, als er über Aktienmärkte sprach. Louise bietet ihr den Begriff der “Win-Win-Situation” an, aber ihre Tochter (im Film heißt sie Anna, in der Kurzgeschichte hat sie keinen Namen, Louise adressiert ihre Gedanken immer direkt mit “you” an sie) sucht nach einem wissenschaftlicheren Terminus. Louise antwortet, sie solle dafür ihren Vater anrufen. Aber sobald die Tochter geht, reist sie selbst in eine Erinnerung, in der ihr der Begriff bereits untergekommen ist: Während der Zeit der Kontaktaufnahme mit den Heptapods will ein Repräsentant des State Departments einmal von Gary/Ian und Louise wissen, was ihre Einschätzung sei, warum die Heptapods denn gekommen seien. Es wird deutlich, dass er fast ausschließlich in Richtung Handel vermutet: “Maybe it’s mineral rights to our solar system. (…) Maybe it’s the right to deliver sermons to our populations.” (Chiang, S.152) Erst wenn sie wüssten, was sie wollen, könnten sie ja beginnen zu verhandeln. Louise will daraufhin betonen, dass die Beziehungen nicht feindlich oder gegnerisch gesinnt sein müssen. Sie erklärt Gary/Ian: “This is not a situation where every gain on their part is a loss on ours, or vice versa. If we handle ourselves correctly, both we and the heptpods can come out winners.” Und er ergänzt daraufhin: “You mean it’s a non-zero-sum-game?” (ebd., S.153) Nach diesem Rückblick kann Louise in einem weiteren Vorblick ihrer Tochter die Frage nach dem Begriff doch noch beantworten.

Ich erwähne diese Szene, weil Donna Haraway sich ebenfalls explizit auf den Begriff des Nullsummenspiels – allerdings im Bereich der Biologie – bezieht, und ich finde ihre Gedanken dazu äußerst inspirierend. Sie kritisiert – sich auf die Biologin und “radikale Evolutionstheoretikerin” (S. 87) Lynn Margulis beziehend – dass bei einem Nullsummenpiel, damit es überhaupt funktioniere, vorgegebene, umgrenzte Einheiten gedacht werden müssen statt – wie es Haraway viel richtiger erscheint – von Knotenpunkten unterschiedlicher intra-aktiver Bezüge in dynamischen, komplexen Systemen auszugehen. “Symbiose ist kein Synonym von ‘zum beiderseitigen Vorteil’. Die Bandbreite an Namen, die es bräuchte, um die verschiedenartigen vernetzten Muster und Prozesse von situierten und dynamischen Nach- und Vorteilen für die Holobionten [= symbiotische Assemblagen]/Symbionten zu benennen, tritt gerade erst zutage; jetzt, da sich BiologInnen von den Diktaten eines besitzergreifenden Individualismus und Nullsummenspielen verabschieden, die ihnen zuvor als Schablonen für ihre Erklärungen dienten.” (Haraway, S.87)

Ein Nullsummenspiel, “das auf der methodisch gesetzten Vorstellung von konkurrierenden Individuen basiert, ist nur eine Karikatur dieser verführerischen, saftigen, chemischen, biologischen, materiell-semiotischen und auch die Wissenschaft hervorbringenden Welt” (ebd., S.97). Das Nullsummenspiel bezeichnet Haraway als eine “Buchhalter-Hölle” (ebd.). Sie möchte vielmehr eine Lesart anbieten, die die kreativen, improvisatorischen und ephemeren Praktiken verstärkt, durch die alle Lebewesen, auch Pflanzen und Insekten, einander in ihre Lebensvollzüge involvieren” (vgl. ebd., S.98)

Ich finde das einen ganz wundervollen, der Erforschung des Lebens auf dieser Erde viel gerechter werdenden Ansatz. Wir müssen die Bedingungen des Erzählens, Zuhörens und Spielens entscheidend verlagern, wenn wir nicht mehr entweltlichen, sondern wieder verweltlichen wollen. Im Spiel mit Fadenfiguren geht es um die Weitergabe, um Geben und Nehmen; darum, Muster vor- und zurückzureichen, Muster zu bilden, ungebetene Responsabilität in der Hand zu halten (siehe erster Arrival-Text); die Devise beim Fadenspielen lautet: Mit-Werden statt Werden. (vgl. ebd., S.23)

Sympoiesis statt Autopoiesis und Symbiogenese statt Linearität

Der Film hat mich auch zum Nachdenken über die Linearität unserer Vorstellungen vom Leben angeregt; im Videopodcast haben wir es am Ende angesprochen.

Louises Wahrnehmungserweiterung, durch welche ihr die eigene Zukunft nun gleichermaßen als Erinnerungspool zur Verfügung steht (das Fass der Bieg-, Verzerr- und Fragmentierbarkeit von Erinnerungen je nach Lebensmoment mache ich jetzt mal nicht noch auf), impliziert nämlich, dass sie ihre individuelle Lebensgeschichte nun eben nicht mehr linear begreift. Das ist nicht explizites Thema des Films; allerdings ist es in der Art, wie Vor- und Rückblicke und der gegenwärtige, also körperliche Daseinsmoment miteinander montiert werden, angelegt. Sie kann die verschiedenen Momente ihres Lebens miteinander verbinden, indem sie in der Zeit gedanklich hin- und herreist. Wann sie wohin reist, scheint tief intuitiv in ihr angelegt zu sein (z.B. reist sie auf die Frage ihrer Tochter zu einem Moment in der Vergangenheit, in der das Nullsummenspiel vorkommt), oder aber im Verlauf des Spracherwerbs mitangelegt zu werden. Ein spannender, das Denken aufwühlender Filmmoment war für mich, als relativ am Ende des Films ein regelrechter Time-Switch-Wirbel der Vor- und Rückblicke stattfindet. In einem Rückblick, der von einem Vorblick aus vorgenommen wird, umarmt sie Ian/Gary und sagt: “Ich wusste gar nicht mehr, wie gut du dich anfühlst.” Der Spracherwerb scheint ihr auch intensiver wahrnehmbare Erinnerungen zu ermöglichen. Denkbar ist aber auch, dass sie den Vergangenheitsmoment nur so intensiv spüren kann, da sie Ian/Gary in der Jetztzeit, von der sie zunächst den Vorblick und dann die Rückblick vornimmt, ebenfalls umarmt (ich glaube mich zu erinnern, dass so die Reihenfolge war, weiß es aber nicht mehr ganz genau). Die liebevolle, intensive Umarmung in der Jetztzeit also ermöglicht die intensive körperliche Wahrnehmung in Vor- und Rückblick.

Wenn das Gehirn derart neuartig vernetzt ist, sodass es nicht nur ein Hin- und Herreisen zwischen Vergangenheit und Gegenwart erlaubt, sondern das Reisen in die Zukunft hinzukommt, von wo es ebenfalls möglich ist, in die Vergangenheit zu reisen, so ist es kaum mehr möglich, dies in einem linearen Schaubild darzustellen. Vielmehr ergibt sich ein Kreis – ein Semagram, der Schriftsprache der Heptapods im Film ähnlich vielleicht. Lebensbeginn und Ende treffen einander; und von allen Punkten kann Louise, ausgehend von ihrem (gegenwärtigen) Körpersein, beliebig vor- und zurückreisen. Die Bewegungen – würden sie aufgezeichnet – würden dann einem Fadenspielmuster ähneln.

Dennoch sind wir mit diesen Überlegungen noch nicht im Humusismus (Donna Haraway schlägt ihn alternativ zu Humanismus vor) oder im Chthuluzän (dieses Zeitalter soll ihrem Vorschlag nach dem Anthropozän oder Kapitalozän folgen) angekommen. Aber es gibt vielfältige Verbindungen.

Woher kommt die Vorstellung der Linearität unserer Lebensgeschichte? Hannah Arent leitet es in Vita Activa von der griechischen Auffassung her, in welcher Unsterblichkeit ein Währen und Dauern in der Zeit ist, ein todloses Leben, der Natur und den olympischen Göttern vorbehalten. (vgl. S.23) “Den Griechen erwuchs ein Verlangen nach Unsterblichkeit aus dem Bewusstsein, als Sterbliche von einer unvergänglichen Natur umgeben zu sein und unter den Augen todloser Götter ihr Leben zu verbringen. Eingelassen in eine Ordnung, in der alles unsterblich war außer den Menschen, wurde Sterblichkeit als solche das eigentliche Merkmal menschlicher Existenz. (…) Mortalität liegt in dem Faktum beschlossen, dass dem Menschen ein individuelles Leben mit einer erkennbaren Lebensgeschichte aus dem biologischen Lebensprozess heraus- und zuwächst. Diese Lebensgeschichte unterscheidet sich von allen anderen dadurch, dass sie linear verläuft und so den Kreislauf des biologischen Lebens gleichsam durchschneidet. Sterblich sein – das heißt in einem Universum, in dem alles im Kreise schwingt und Anfang und Ende immerfort dasselbe sind, einen Anfang haben und ein Ende und daher in die ganz und gar ‘unnatürliche’ Form einer geradlinigen Bewegung gebannt zu sein. Und darum meint Alkmaion, sind die Menschen vergänglich, ‘weil sie den Anfang nicht an das Ende zu knüpfen vermögen.'” (ebd., S.23f.)

Es ist förmlich spürbar, wie Donna Haraway – selbst Hannah Arendt in ihrem Buch öfter zitierend – an dieser Idee andockt, um statt dieser zweifellos richtigen Deutung eine anzubieten, welche die erneute Verweltlichung der Menschen enthält. Sie schlägt dafür mit M. Beth Dempster den Begriff der Sympoiesis vor; dieser stehe für “kollektiv produzierende Systeme, die über keine selbst definierten räumlichen oder zeitlichen Begrenzungen verfügen. (…) Im Gegensatz dazu seien autopoietische Systeme selbst produzierende, autonome Einheiten mit selbst definierten räumlichen oder zeitlichen Begrenzungen, die die Tendenz haben, zentral kontrolliert zu werden sowie homöostatisch und vorhersehbar zu sein. Dempster erklärt, dass viele Systeme, die eigentlich sympoietisch sind, fälschlicherweise als autopoietisch gelten. Ich denke dass dieser Punkt sehr wichtig ist, wenn wir über die Rehabilitation (das Wieder-lebenswert-Machen) und über Nachhaltigkeit inmitten der porösen Gewebe und offenen Ränder von beschädigten, aber noch weiterbestehenden lebendigen Welten nachdenken; wie beispielsweise den Planeten Erde mit seinen BewohnerInnen in dieser gegenwärtigen Zeit, die sich Anthropozän nennt.  (…) ein eingeschränkter (oder neoliberaler) Individualismus, aufgebessert durch Autopoiesis, ist weder metaphorisch noch wissenschaftlich betrachtet gut genug; er führt uns auf tödliche Pfade.” (Haraway, S.51)

Donna Haraway plädiert aber nicht für die Symbolik des Kreises; die Biologin in ihr verweist darauf, dass in unserem neuen Blick auf die Erde sich nichts in sich selbst schließt, sich nichts abrundet. Die “Kontaktzonen sind allgegenwärtig und sie strecken fortlaufend sich windende Ranken aus. Die Spinne ist eine viel bessere Figur für den Vorgang der Sympoiesis als jedes unzulängliche, langbeinige Wirbeltier, egal aus welcher Götterwelt. Tentakularität ist symchthonisch, verwickelt mit abgründigen und fürchterlichen Ergreifungen, Ausfransungen und Verwebungen, die wieder und wieder die Staffel in jenen generativen Rekursionen weiterreichen, die das Leben und Sterben auf- und abbauen.” (ebd., S.50f.)

Um diese beiden Formen – die Kreisform der Schriftsprache der Heptapods und Louises neue Erinnerungsfähigkeiten und Haraways Tentakularität – zusammenzubringen, brauchen wir uns nur noch einmal den Körperbau der Heptapods anzuschauen. Es ist “radially symmetric”, “seven lidless eyes ringed the top oft he heptapod’s body”, “at no point it ever turned around. Eery, but logically; with eyes on all sides, any direction might as well be ‘forward’.” (Chiang, S.117f.) So wird begründet, dass sie in die Zukunft genausogut wie in die Vergangenheit “sehen” können. Gehen wir nun aber allein von der Anatomie des menschlichen Körpers aus – so denke ich mir dann – , müssten wir Menschen ja mit unseren zwei Augen vorne im Gesicht und eigentlich unserer ganzen anatomischen Ausrichtung “nach vorne” (Fußstellung und dadurch Bewegung etcpp.) umso mehr in der Lage sein, auch “nach vorne” zu schauen, also in die Zukunft hinein. Ich mag diese Idee sehr. Sie impliziert, dass wir Menschen auch hier falsch liegen könnten: nicht nur darin, dass wir uns fälschlicherweise für autopoietisch und sterblich halten, sondern auch darin, dass wir eigentlich – allein durch die Anatomie bedingt – fähig sind, die Zukunft zu sehen, indem wir sie weltlich verplanen: vorher oder nachher oder mittendrin in der Bewegung hin zu einem “guten Leben für alle”, und uns dabei rück- und vorwärtsbewegend in Gedanken und Erinnerung das suchen, was notwendig ist, um das Ziel zu erreichen.

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Nachdenken über Arrival I (von III): Zukunft als Ankunft https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/08/nachdenken-ueber-arrival-i-von-iii-zukunft-als-ankunft/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/08/nachdenken-ueber-arrival-i-von-iii-zukunft-als-ankunft/#comments Fri, 14 Aug 2020 09:20:16 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16075 Dieser und die folgenden zwei Artikel greifen noch einmal wesentliche Ideen auf, die wir teilweise schon in unserem ersten Videopodcast zum Film “Arrival” und der Kurzgeschichte “Story of your Life” diskutiert haben. Es gibt aber auch einige neue Ideenzusammenfügungen und Gedanken, die in dem Podcast aus Zeitgründen keinen Platz mehr gefunden haben.

Foto: Anne Newball Duke

Was wäre, wenn uns unsere “westliche”, oder “westostnordsüdliche” – wie Sascha Mamczak sie in Zukunft – Eine Einführung (2014) nennt – Form des Denkens, dazu gebracht hat, dass das zukünftige menschliche Leben auf dieser Erde nicht mehr gesichert ist; also nicht mehr weit in die Zukunft ragen wird? Müssten wir dann nicht das ganze Fundament unseres Denkens und Strebens von Grund auf neu ausrichten, um noch eine Chance zu haben?

Nehmen wir einmal an, das wäre so. Wie sollte sich das Zukunftsdenken dann gestalten? Ich plädiere für eine radikale Zukunftsverplanung. Das klingt unrealistisch? Beschauen wir doch einmal kurz anhand einiger Beispiele unser momentanes, eher schizophrenes, um nicht zu sagen, antagonistisches Zukunftsdenken:

Wir sind einerseits fähig, die Abzahlung eines Kredites in die Zukunft zu planen. Wir stellen uns – während wir die Kreditvereinbarungen in der Bank unseres Vertrauens unterschreiben – vor, wie es sein wird, wenn wir – dann kurz vor der Rente stehend – das erste Mal ohne Schulden in der Hängematte hinterm Haus liegen, Enkelkinder spielen lachend um uns herum. Dieser Zukunftsblick beinhaltet natürlich nicht die gesellschaftlichen oder klimatischen Zustände bei Abzahlung des Kredites. Nein, der Zukunftsblick ist kurz und flüchtig. Außer dass wir irgendwie physisch älter geworden sind, hat sich nichts um unser gerade erworbenes Haus geändert.

Das nur flüchtige Hineinimaginieren in einen glücklichen zukünftigen Moment ist gewollt. Mehr erwarten wir nicht von unserem Zukunftsdenken. Denn wir lieben die Vorstellung, dass “die Zukunft wie ein unbeschriebenes Blatt vor uns liegt”. Obwohl wir gerade das Gegenteil unterschrieben haben; denn mit dieser Unterschrift haben wir uns in krasser Weise beinahe über das ganze Leben – zumindest doch über die nächsten Lebensjahre – festgelegt: oftmals über die Art der Familienplanung und -erweiterung und die Art der Aufteilung dessen, wer in dieser Partnerschaft, die das Haus bewohnen wird, wie viel lohnarbeitet/lohnarbeiten muss und wie viel Geld verdient/verdienen muss usw. usf.

“Die Zukunft liegt wie ein unbeschriebenes Blatt vor uns.” Bei genauerem Hinsehen würden wir jedenfalls bemerken, dass die Zukunft das gar nicht tut. In unseren je singulären Zukünften planen wir schon heute besonders sehnsüchtig den Sommerlaub 2021, da unsere diesjährige Flugreise auf die Malediven (“Damit wir sie noch gesehen haben, bevor sie untergehen!”) ja ins Corona-Wasser gefallen ist.

Und in unserem “westostnordsüdlichem Wachstumsmodell, das den Planeten fest im Griff hat”, bezieht sich “praktisch alles, worüber wir eine Aussage treffen, […] auf einen zukünftigen Zeitpunkt. Unser Gesellschaftssystem – ganz abgesehen von unserem Wirtschaftssystem, das an den Börsen im Sekundentakt ‘futures’, also noch gar nicht realisierte Gewinne, handelt und Dividenden auf Geld auszahlt, das noch gar nicht eingenommen wurde – funktioniert nur, weil weite Teile der Zukunft bereits verplant, eingepreist, vorweggenommen sind.” (Mamczak, S. 29) Wir verbrauchen Zukunft (ebd., S. 97), indem wir die Zukunft längst zu einem politischen und wirtschaftlichen Projekt gemacht haben.

Und noch ein Beispiel für das in uns angelegte Zukunftsdenken führe ich an: Wann begann das, dass in irgendwelchen Science-Fiction-Romanen ein Zukunftsbild entworfen wurde, in dem die Hauptprotagonist*innen Videophone, Flugautos, Mondstationen und unbegrenzte Energie waren? Und über was reden wir heute, in der realen Welt von 2020, wenn wir von “naher Zukunft” sprechen? Genau: von Flugtaxis. Sagen wir also nicht, irgendwelche versponnenen fiktiven Zukunftsentwürfe von vor mehr als hundert Jahren würden nicht wirklich manchmal angestrebt und realisiert werden (wollen). In den neueren Sci-Fi-Blockbustern fliegen Flugautos meist in Dystopien rum, in denen zwei Agent*innen versuchen, die je andere von ihrem Flugauto aus zu erschießen. Brave new world. Und das ist also die Ausstattung des Menschen, die wir dann zum Flugtaxi dazugeliefert bekommen: heißes Lederoutfit, scharfe Waffen und Muskelarme. Oh Göttin, gähn, mein Brustkorb wird ganz eng, we have a lot of bodywork to do here.

Hey, aufwachen! Das Interessante an all den obigen Beispielen nun ist, dass wir Menschen ganz grundsätzlich dazu befähigt sind, ZUKUNFT ZU SEHEN und ZUKUNFT ZU (VER-)PLANEN. Ich würde mich daher schon jetzt korrigieren und nicht mehr von “Zukunftsverplanung” sprechen, sondern von “Zukunftsneuverplanung”.

Im grandiosen Science-Fiction-Film Arrival von 2016, basierend auf Ted Chiangs Kurzgeschichte Story of your Life von 2002, wird folgende, sehr viel radikalere Idee von Zukunftswissen durchgespielt: Was wäre, wenn wir unsere Zukunft kennen würden, und zwar bis zu unserem Tod, und, why not, auch darüber hinaus? Wäre ein solches “vorher gewusstes” Leben für uns lebenswert?

In der Kurzgeschichte ist es die Linguistin Louise Banks, die diese zukunftsseherischen Fähigkeiten erhält, als sie eine Alien-Sprache lernt. Denn dieser Spracherwerb hat bald Folgen für ihr Bewusstsein: Es wird ihr möglich, in die Alien-like Bewusstseinsform einzutreten, in die “simultaneous mode of awareness”: “They [die Aliens] experienced all events at once, and perceived a purpose underlying them all.” (Ted Chiang: Story of Your Life, Picador [2002] 2015, S.159) Wir Menschen hingegen haben einen “sequential mode of awareness” entwickelt: “We experienced events in an order, and perceived their relationship as cause and effect.” (ebd.) Und so, wie unser Bewusstsein funktioniert, so sprechen und schreiben wir auch, und so denken wir zumeist auch: hintereinander, nacheinander, immer fein linear ordentlich von der Vergangenheit ins Jetzt und selten hinein in die möglichen Zukünfte.

Nur unsere nächtlichen Träume wirbeln da manchmal so einiges durcheinander. Einer der Gründe, by the way, warum nicht nur die Surrealist*innen der Meinung waren, den Träumen müsse sehr viel mehr Aufmerksamkeit eingeräumt werden. Denn wenn wir dem, was wir fühlen und im Körper wahrnehmen, keine Aufmerksamkeit schenken, dann können wir das logischerweise auch nicht übersetzen ins Denken; wir können es uns also nicht vorstellen, geschweige denn versprachlichen. Das ist auch im weitesten Sinne der Inhalt der Sapir-Whorf-Hypothese, die ebenfalls in der Kurzgeschichte von Louise und Gary diskutiert wird. In Louises Worten besagt diese Hypothese, dass die Sprache, die man spricht, das Denken prägt. Und Ian/Gary (im Film heißt die Figur des Physikers, die mit Louise herausfinden soll, warum die Aliens gekommen sind, Ian. Ich nutze i.F. beide Namen und setze jeweils den nach vorn, auf den ich mich gerade beziehe) fasst es so: Wenn man in eine neue Sprache eintaucht, vernetzt sich das Gehirn neu. Und er fragt Louise, ob sie bereits in der Heptapod-Sprache träume. (Heptapods ist der Oberbegriff, den Gary/Ian den Aliens aufgrund ihrer sieben Gliedmaßen gibt, die – wie auch die sieben Augen – symmetrisch um den ebenfalls symmetrischen Körper herum angeordnet sind und als Arme sowie als Beine verwendet werden können.) Sodann wird ein solcher Traum Louises dargestellt. Die Heptapods bringen also Louise eine neue Sprache bei und ermöglichen ihr eine solche bewusstseinserweiternde Wahrnehmung. Ihr eröffnen sich nun Zeitfenster, oder vielleicht kann ich es auch als Erinnerungen bezeichnen, die in die Vergangenheit und in die Zukunft gleichermaßen reichen. Louise muss dafür allerdings den “freien Willen” zugunsten dieser simultanen Wahrnehmung opfern, denn diese beiden Konzepte schließen sich grundsätzlich aus: “[…] knowledge of the future was incompatible with free will. What made it possible for me to exercise freedom of choice also made it impossible for me to know the future.” (Chiang, S.163)

Es gibt einen Moment in der Kurzgeschichte, in welchem Louise und Gary/Ian angeregt über das Fermatsche Prinzip philosophieren: Kennt der Lichtstrahl bereits seinen Zielpunkt, bevor er auf die Reise geht? Kennt er also sein Ziel, das Ende seiner Reise, um so den schnellsten Weg dahin zu wählen? Und warum ist es das einzige physikalische Gesetz, auf das die Heptapods überhaupt reagieren? Es hat mit ihrer Weltsicht (“world view”) zu tun, vermutet Louise. Sie können zukünftige Dinge genauso sehen wie vergangene; einem Navi ähnlich, das vor Beginn der Reise bereits die Ankunftszeit bestimmen kann. Die Heptapods inkludieren also in ihrem Denken und in ihrer Schriftsprache den Zielpunkt ihres Denkens (oder auch: den Sinn, den Zweck); das bedeutet – in übertragenem Sinne –, sie kennen den Zielpunkt des Lichts.

Mit diesem teleologischen Blick (“teleological formulation”, S.148) auf das Fermatsche Prinzip bin ich nun der Meinung, dass auch wir realen Menschen es uns nicht mehr leisten können, uns einfach keine Vorstellung von der Zukunft zu machen; und zwar gerade angesichts der Klimaforschungsberichte einerseits und der davon völlig unbeeindruckten, einfach weitergeführten Weltverplanung durch neoliberales Wirtschaften andererseits.

Tun wir das nicht, gehen wir also weiter den Weg, den wir momentan gehen, werden wir in fünfzig bis achtzig Jahren in weiten Teilen der Erde keine Luft zum Atmen mehr haben. (Das denke ich mir nicht gerade in apokalyptischer Manier aus oder so; so steht es mehr oder weniger in nahezu allen Klimaforschungsberichten, z.B. hier.)

Was lässt uns denn aktuell ruhig und frei atmen? Luft, Wasser, Nahrung, Zugehörigkeit, Zuwendung, Sinn, Schutz, ein Dach über dem Kopf, ein Klo, ein Bett. Okay. Wenn wir organisiert haben, sodass wir das also einigermaßen sicher haben – und das haben wir doch bereits, oder? – können wir dann nicht Zeit und Lust und Kreativität aufbringen, um unseren Blick in die Zukunft zu werfen, um unser menschliches Atmen auch da zu sichern? Wir müssten die Zukunft also nicht nur klar sehen wollen, sondern wir müssten sie verändern, indem wir in diese Zukunft hinein ein “neues” Ziel pflanzen. Wir müssen dieses Ziel zudem auf einem “neuen” Weg einpflanzen, den alten Weg der Zerstörung also verlassen. Ich setze “neu” in Anführungsstriche, weil die Einsicht oder die Erkenntnis oder das Ziel ja gar nicht neu ist oder sein sollte, dass wir unser menschliches Leben und das vieler anderer Lebewesen auf der Welt erhalten und nicht zerstören sollten. Die weltlichen Verbindungen auf dieser Erde, die wir gerade dabei sind aufzutrennen, sind komplex, aber dieser Gedanke ist es nicht; er sollte unser Gehirn nicht überfordern, auch wenn das Zulassen und Wirkenlassen und Nicht-Verdrängen und Nicht-Verzerren dieses Gedankens natürlich nach sich ziehen würde, unser Leben von der Pike auf ändern zu müssen. Das ist natürlich anstrengend, und ich verstehe ja so gut, warum wir lieber verdrängen. Aber es gibt nun mal keine andere Möglichkeit.

Angenommen also, wir lassen den Gedanken zu: dann nehmen wir jetzt – um das etwas zu verbildlichen – eine Fahne und schreiben unser Ziel da drauf, und dann rammen wir sie heute in, sagen wir, 50 Jahren in die Erde. Und dieses Ziel lautet: Wir Menschen wollen überleben. Und wir wollen nicht nur irgendwie überleben, in Chaos, nach dem millionen- oder gar milliardenfachen Tod von Menschen und anderen Lebewesen durch Krieg, Umweltzerstörung usw. usf., sondern wir wollen als menschliche Spezies so überleben, dass WIR ALLE ein gutes Leben haben und unsere Lebensgrundlage nicht zerstören, sie im Idealfall liebevoll hegen und pflegen, sie erhalten und auch mal machen lassen, weil wir – und zwar WIR ALLE – erkennen, dass wir auch nur ein Teil dieses zerbrechlichen Ökosystems, ein Teil der komplexen weltlichen Verbindungen auf diesem Planeten sind. Vielleicht, wenn wir zulassen, diese Verbundenheit wieder so zu spüren, dass sie uns nicht mehr egal ist oder sie auf dem Weg zur (hoffentlich nicht allzu bullshittigen) Lohnarbeit weggewischt werden kann, geht sie ein in unser Bewusstsein, und wir erhalten so etwas wie ein “gutes Gefühl” für die Zukunft, das wir dann nach und nach in unser Denken und Sprechen aufnehmen.

Stellen wir uns also vor, diese Fahne, auf der genau das mehr oder weniger inhaltlich draufsteht (“gutes Leben für alle”), ist nun gehisst. Das heißt auch, dass wir dieses Ziel nicht mehr diskutieren. Keine anderen Meinungen, keine kompromissbeladene Entscheidungsfindung das Ziel betreffend. Kein “freier Wille”; soll heißen: kein “anderer Wille” als dieses Ziel. Kein Einbringen, kein Ausspielen, kein Ins-Feld-Werfen von jetzt noch bestehenden Hierarchie- und Machtpositionen. Einfach nur: Wir ALLE wollen (über-)leben. Und das gut. Punkt. Und das ist von nun an das, was wir sehen, wenn wir die Zukunft sehen: diese Fahne mit diesem Ziel.

Was müssen wir nun tun, damit das, was auf der Fahne steht, Realität wird? Wir müssen Pläne entwerfen. Pläne, die heute beginnen und die wir währenddessen immer weiter entwickeln, mit Hilfe von wirtschaftlichem und politischem und sozialem und kulturellem Andersdenken, von Forschung – und ich meine jegliche Forschung –, die voll und ganz auf dieses Ziel ausgerichtet wird, nicht zuletzt durch Ausprobieren, try and error usw. usf.

Wir werfen all unsere Erinnerungen nach vorne in die Zukunft. Alle unsere Fähigkeiten und Fertigkeiten der Vergangenheit werden befragt danach, welche Tätigkeiten jetzt und zukünftig sinnvoll sind, um dieses Ziel zu erreichen. Alles andere wird verworfen. Was müssen wir ab sofort bewahren, damit es auch in 50 Jahren noch allen Menschen und Lebewesen zur Verfügung steht, einfach weil es für die Zukunftsmenschen lebensnotwendig sein wird? Wie sichern wir die Grundbedürfnisse, also die Grundlage unseres menschlichen Lebens in 50 Jahren? Was müssen wir jetzt beginnen zu tun? Was baut dann darauf auf, muss parallel dazu anlaufen oder einsetzen usw. usf.?

Louise möchte am Ende die Einsicht in ihre Zukunft nicht mehr missen, auch wenn sie nun so unfassbar Schlimmes wie den Tod ihrer Tochter mit 25 Jahren (im Film mit etwa 12 Jahren) voraussehen kann. Durch die Kenntnis der Zukunft, indem sie also um die Effekte ihres jetzigen Handelns weiß, erhält genau dieses jetzige Handeln Bedeutung. Sie vollführt alles, was vor ihr liegt, Schritt für Schritt. Sie weiß, was sie tut und warum sie es tut, sie kennt alle zukünftigen Konsequenzen ihres jetzigen Handelns und Tuns, und möchte dennoch nicht mehr zum freien Willen – so wie wir ihn heute verstehen – wechseln. Ihr zukünftiges Leben bis hin zu ihrem Lebensende bereits jetzt sehen zu können, scheint ihr den Lebenssinn nicht zu nehmen, ganz im Gegenteil.

Vielleicht beruhigt das alle jene, die sich jetzt ängstlich fragen, wo sie denn da in so einem “engen Zukunftsrahmen” ihre Individual- und Selbstverwirklichungstriebe hinstecken sollen: Keine Bange, wir werden so viele Möglichkeiten haben, uns selbst zu verwirklichen, halt nur nicht mehr auf dem Rücken von 60 Sklav*innen und unter Inkaufnahme der Zerstörung unserer Lebensgrundlage. Aren’t these good news?

Verwirklichen wir uns, indem wir unsere Fähigkeiten und Fertigkeiten, unsere ganze Kreativität und Schaffenskraft in das Projekt “gutes Leben für alle in 50 Jahren” stecken! So viele sinnvolle Tätigkeiten, die schon jetzt getan und erst noch erfunden werden müssen! Werden wir kreativ, wenn wir kreativ sein wollen! Seien wir fleißig oder faul, wenn wir fleißig oder faul sein wollen! Kochen wir Spaghetti mit Tomatensoße, schmeißen wir Saatkörner auf’s Feld, bürsten wir Haare, entwerfen wir voll kompostierbare oder zumindest voll recyclebare Solar- und Windkraftanlagen, heulen wir den Mond an, lassen wir endlich Flugzeuge ohne fossilen Brennstoffantrieb in die Luft steigen, überführen wir all das fast noch gar nicht Erfasste und Gedachte in Gedichte, in Kunst, in Musik, in ein neuartiges Wissenschaftsverständnis, whatever! Machen wir nur eine Sache davon oder machen wir sie alle! Heute, morgen, oder gleichzeitig! So viele Möglichkeiten! Nur begrenzt davon, dass wir dabei die Erde nicht kaputtmachen dürfen und mit diesem 50-Jahres-Ziel vor Augen. Das ist doch drin, oder? Und mal ganz ehrlich: Welchen größeren Sinn könnte unser aller Leben denn haben, ja sollte es denn überhaupt einen anderen haben, als das gute Leben auf der Erde für die Menschheit zu sichern? Stellen wir uns mal einen Moment lang vor, wir hätten das schon internalisiert, also: Wir würden mit unserem Denken und Sprechen und Handeln nicht mehr unsere Lebensgrundlage zerstören, sondern wir würden gut leben. Nicht konfliktfrei! Aber gut. Und alle anderen auf der Welt auch. Kein Verhungern, kein Sterben im Krieg usw. usf. Wie fühlt sich das an? Wäre das nicht… käme das nicht einem Gefühl von wahrhaftiger Freiheit ziemlich nahe?

“The ray of light has to know where it will ultimately end up before it can choose the direction to begin moving in.” Louises Nachdenken über das Fermatsche Prinzip erinnerte mich an folgende Fragen von Kate Raworth (in ihrem Buch Die Donut-Ökonomie von 2017, und zitiert in der Wirtschaft ist Care-Broschüre von der Frauen*synode 2020):

“Wie sieht eine Welt aus, wenn wir an den Anfang der Ökonomie die langfristigen Ziele der Menschheit stellen? Und ein ökonomisches Denken entwickeln, das uns in die Lage versetzt, diese Ziele zu erreichen?”

Science Fiction spielt weniger mögliche Zukunftsszenarien (Was wäre, wenn das wahr wäre?) als vielmehr mögliche Denkszenarien durch (vgl. Dietmar Dath in Niegeschichte von 2019, S.42). Möglich, also machbar ist nur, was einmal ins Denken aufgenommen wurde. Zukunft sehen können, indem wir alle gemeinsam ein Ziel anstreben: wäre das nicht denkbar und möglich und machbar und wünschenswert? Was geben wir dafür auf? Entscheidungsfreiheit, also den Glauben an den freien Willen? Tun wir das wirklich? Das Zukunftsziel, wie ich es hier exemplarisch formuliert habe, ist ein weltgesellschaftliches, also kollektives; es lässt so viel singuläre Spielräume, so viel Wahlfreiheit, und das dann für alle Menschen, nicht nur für wenige Privilegierte, die viel zu oft ihrer der Privilegiertheit inhärenten Verantwortung nicht gerecht werden, ja noch nicht einmal von ihr wissen oder es als “ihre persönliche” Freiheit interpretieren, diese verdrängen zu dürfen. Bei diesem Missbrauch des Freiheitsbegriffs dreht sich mir der Magen um.

Responsabilität – so schreibt Donna Haraway – bedeutet, das Muster eines Fadenspiels in der Hand zu halten, um das man nicht gebeten hat. (vgl. Donna Haraway in Unruhig bleiben [2016] 2018, S. 23) “Es sind Zeiten von Massensterben und Ausrottung; von hereinbrechenden Katastrophen, deren unvorhersehbare Besonderheiten törichterweise für das schlechthin Nichtwissbare gehalten werden; einer Verweigerung von Wissen und der Kultivierung von Responsabilität; einer Weigerung, sich die kommende Katastrophe rechtzeitig präsent zu machen; Zeiten eines nie dagewesenen Wegschauens.” (ebd., S.54) Nötig sei vielmehr ein Handeln und ein Denken, die nicht mit der dominanten kapitalistischen Kultur zusammengehen. Und das – so zitiert Donna Haraway den “Ingenieur für komplexe Systeme” Brad Werner – “sei nicht eine Frage der Meinung, sondern geophysikalischer Dynamiken” (ebd., S.69). Gedankenlosigkeit können wir uns nicht mehr leisten. “Denken müssen wir. Wir müssen denken!” (ebd., S.54) Und wir brauchen dann eine Sprache, der wir keine Pathetik oder Rührseligjkeit attestieren, nur weil wir mit ihr im dialektischen Sinne die Worte wieder näher an die Dinge bringen wollen, indem wir unser Denken und unsere Sprache zwischen Wort und Ding unermüdlich hin- und herreisen lassen.

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Für Frauen*bewegungsFreiheit in Wald und Parks https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/08/fuer-frauenbewegungsfreiheit-in-wald-und-parks/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/08/fuer-frauenbewegungsfreiheit-in-wald-und-parks/#comments Tue, 11 Aug 2020 11:41:24 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16052 Nach Vergewaltigung in Kleinmachnow bei Berlin: „Ich würde dort nicht mehr hingehen – erst recht nicht alleine“

„Ich gehe seit Jahren hier spazieren – und werde das auch weiterhin tun. Natürlich muss man immer vorsichtig sein. Aber ich denke, die Joggerin hat riesiges Pech gehabt.[…].”

Alleine gehen wir nicht mehr joggen!
“Einmal die Woche gehen Mia (19) und Marisa (21) hier gemeinsam in den Wald, um zu joggen. Diesmal haben sie Verstärkung mitgebracht, ihr Sport findet mit Security statt: Mias Freund Paul (21) begleitet die beiden Läuferinnen auf dem Mountain-Bike. „Ich bin der Bodyguard“, sagt der Mathematikstudent aus Spandau. (…) Und noch immer haben nicht alle hier von den Verbrechen gehört. Viele, die unterwegs sind, wissen nichts von den Vergewaltigungen: „Wir sind gerade mit dem Fahrrad durch den Wald gefahren“, sagt Ulrike (47) aus Neukölln, die gemeinsam mit einer Freundin einen Ausflug macht. „Zurück nehmen wir dann wohl besser die größeren Straßen.“

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Foto: Lea Böhm/unsplash.com

Nach den brutalen Vergewaltigungen von Frauen und Mädchen in den Wäldern rund um Berlin – und zwar am hellichten Tag – war und ist die Angst groß.

Eine Reaktion in den Medien-Schlagzeilen sowie seitens einiger Bürger*Innen war jene, dass Frauen nicht (mehr) alleine im Wald joggen bzw. sonst wie unterwegs sein sollten. Hier stellt sich die Frage, für wen das eigentlich die Lösung des Problems ist. Ich sehe in solchen gut gemeinten Empfehlungen die Gefahr eines Einschnitts in hart errungene Frauen*rechte für die gesellschaftlich-politische Bewegungsfreiheit von Frauen*. Zudem stellt es für jede einzelne Frau* eine große persönliche Gefahr dar.

Den meisten Frauen* ist es schon längst in Fleisch und Blut übergegangen, sich in Wald und Park abends und nachts überhaupt nicht oder nur sehr, sehr vorsichtig zu bewegen. Es ist noch immer – trotz aller Errungenschaften der Frauenbewegungen – verhaltensbestimmend, denn welche Frau* kennt dieses Gefühl nicht: Ich laufe allein in der sommerlichen Dämmerung durch einen Park, den ich kenne und mag. Plötzlich höre ich Schritte hinter mir. Die Atmung und der Herzschlag werden schneller. Die Augen scannen bewusst – unbewusst (?) die Umgebung ab. Wonach eigentlich? Fluchtmöglichkeiten? Andere Menschen? … Noch einmal tief durchatmen. Ich drehe mich um. Puhhh … ich sehe eine Frau*.

Dieses reptilienhirnmäßig verkörperlichte Schutzprogramm möge – und das ist mein Anliegen – nicht auch noch als verkörpertes No-Go bei Tag in der Gesamtheit der Frauen* verinnerlicht werden, wir Frauen* brauchen nicht noch eine No-Go-Area mehr.

Wenn wir Frauen* aus Angst vor einer möglichen Vergewaltigung unseren Bewegungsrahmen eingrenzen, wird nicht nur unsere sportliche  Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Unser Dabei-Sein in der Welt engt sich immer weiter ein.

Als vergewaltigte Frau* weiß ich, wie die Spirale der Angst wirkt. Ich weiß aus gelebter Erfahrung, dass  das Sicherheitsempfinden durch die Einschränkung der Bewegung im öffentlichen Raum nur eine kurzfristig beruhigende Illusion ist, die eine immer größere Einschränkung der Bewegungsfreiheit nach sich zieht, ja regelrecht einfordert. Dies kann so weit gehen, dass frau* aus Angst ihre Wohnung nicht mehr verlässt. Dieses Unsichtbarmachen im öffentlichen Raum ist auch durchaus das Ziel der Angst, da sie die Frau* vor einer potentiell ja immer möglichen neuen Gewalttat/ Gefahr schützen will.

Ein solches Vermeidungsverhalten wirkt kurzfristig vielleicht sinnvoll und schützend. Mittel- und langfristig jedoch dehnt sich die Angst auf alle möglichen Lebenssituationen aus und schränkt den Alltag und die Teilhabe am Leben grundlegend ein.

Ist der Ratschlag, dass Frauen* jetzt bitte auch tagsüber nicht (mehr) alleine im Wald joggen bzw. sonst wie im Wald unterwegs sein sollen, nur eine Strategie der Ratgebenden, um sich nicht mit dem wirklichen Problem, das noch immer weit in patriarchale Gesellschaftsstrukturen hineinreicht, zu beschäftigen?

Wie weit also ist der Ratschlag entfernt von dem, dem fast kein Mann* heutzutage mehr zustimmt, der besagt, dass Frauen* keine Miniröcke tragen sollten, um die Gefahr einer möglichen Vergewaltigung zu reduzieren? Sie trägt „provokante“ Kleidung, besucht „gefährliche“ Orte wie Parks, Wälder zu „gefährlichen“ Uhrzeiten und dies möglicherweise in „riskanter“ Art und Weise, z.B. allein und beschwipst.

Allen Ratschlägen zugrunde liegt die Annahme, dass es die Frau* ist, die die Verantwortung dafür zu tragen hat, ob sie Opfer von sexueller Gewalt wird oder nicht. Und auch jetzt nach den schrecklichen Vergewaltigungen rund um Berlin sind es – mal wieder – Frauen*, die präventiv waldvermeidend darauf achten sollen, kein Vergewaltigungsopfer zu werden.

Es ist den patriarchalen Gesellschaftsstrukturen inhärent, dass selbst wir Frauen* uns am Ende vielleicht gut gemeinte, aber doch sehr unreflektierte No-Go-Ratschläge erteilen. Was können wir dagegen tun? Gibt es hier bereits in Gang gesetzte Öffentlichkeitsarbeit bezüglich solcher Awareness-Prozesse bei uns Frauen*, aber natürlich auch bei Männern*, die genau dieses Dilemma thematisieren; und gibt es eventuell sogar bereits bewährte Lösungsansätze?

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Die feministische Mutter als soziale Utopie. Einige Gedanken, angeregt von dem Film „(M)other“. https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/08/die-feministische-mutter-als-soziale-utopie-einige-gedanken-angeregt-von-dem-film-mother/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/08/die-feministische-mutter-als-soziale-utopie-einige-gedanken-angeregt-von-dem-film-mother/#comments Sun, 09 Aug 2020 07:31:10 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16037 Das Verhältnis zwischen Geschlecht, Reproduktion und Elternrollen beschäftigt mich ja seit einer ganzen Weile. In meinem Buch „Schwangerwerdenkönnen“ (hier Dorothees Rezension), habe ich speziell den Aspekt der Reproduktion bearbeitet, der mir heute im Vergleich zu den Aspekten „Geschlecht“ und „Elternrollen“ zu kurz kommt. Aber natürlich lässt sich das nicht voneinander trennen, man muss es gemeinsam betrachten. In diesem Zusammenhang ist der Dokumentarfilm „(M)other“ von Antonia Hungerland sehenswert, denn er setzt sich mit dem Zusammenhang von Reproduktion, Mutterschaft und Familienformen auseinander.

Antonia Hungerland: (M)other. Dokumentarfilm, 88 Minuten. http://www.motherderfilm.de/

Nicht nur das Muttersein ist derzeit übrigens in der Debatte, auch das Vatersein. Jochen König hat sich kürzlich einen veritablen Shitstorm eingehandelt, weil er vorschlägt, Vaterschaft – in Form von Sorgerecht – an das tatsächliche Sorgen und nicht ans Spermageben zu binden. Das ist natürlich eine originelle Idee, die Trennung von Elternrolle (Vaterschaft) und Reproduktion (Spermagabe) als solche auf der „männlichen“ Seite dieser Gleichung ist aber nichts wirklich Neues. Vielmehr war genau diese Trennung den Männern lange Zeit sogar so wichtig, dass sie das Recht des Spermagebers, die Vaterschaft zu verweigern, gesetzlich festgeschrieben haben, etwa mit dem Verbot der „Recherche de la paternité“ in Frankreich, wonach es im 19. Jahrhundert ausdrücklich verboten war, einen Mann gegen seinen Willen als „Vater“ zu outen.

Auf der „weiblichen“ Seite war das anders, da gilt seit den alten Römern der Rechtsgrundsatz „mater semper certa est“, also „Die Mutter ist immer sicher“, was bedeutet, dass eine Frau, die ein Kind gebiert, automatisch dessen Mutter ist und entsprechend dafür verantwortlich, es zu versorgen. Das steht im BGB heute noch so. Mit der Erfindung von Reproduktionstechnologien ist dieser Zusammenhang aber nicht mehr zwingend. Reproduktive Vaterschaft ist heute genauso „sicher“ festzustellen wie Mutterschaft, sie ist sogar eindeutiger, da in reproduktiver Hinsicht ein Kind zwar nur einen Spermageber, aber zwei biologische Mütter haben kann: Die Eizellengeberin und die Schwangere müssen nicht dieselbe Person sein.

Was bedeutet das nun für unsere Vorstellung von Elternschaft, von Familie, von Geschlecht, von Generationen? Antonia Hungerland hat sich diesem Thema genähert, indem sie Menschen befragt und portraitiert hat, die diesbezüglich in irgendeiner Weise neue Wege gehen: Frauen, die als Leihmütter für andere schwanger sind, Männerpaare, die Eltern sind, Mütter, die sich gegen traditionelle Zuschreibungen wehren. Genau solche Geschichten müssen wir hören und erzählen, um den Boden für neue freiheitliche Regelungen (sozialer und juristischer Art) zu diesem Thema zu finden.

Allerdings kam mir auch hier wieder der Fokus auf das Schwangerwerdenkönnen als körperlicher Prozess etwas zu kurz. Über die die körperlichen Belastungen, die mit dem Schwangerwerdenkönnen zusammenhängen, wurde relativ schnell hinweggegangen. Die eine Leihmutter erzählte einfach nur, dass sie immer super leichte Geburten hat. Ja gut, ist aber ja nicht immer so. Auch haben weder die intendierte Mutter (also die Frau, mit deren Eizelle eine der Leihmütter schwanger war) noch die Väter in dem Film über ihr Nicht-Schwangerwerdenkönnen und ein damit eventuell zusammenhängendes Bedauern gesprochen, obwohl doch diese biologische Ungleichheit (manche Menschen können schwanger werden, andere nicht) die die große Herausforderung ist, die wir bewältigen müssen, wenn wir uns von der heteronormativen Paarlogik verabschieden wollen. Es wäre zum Beispiel interessant, zu erfahren, ob es Unterschiede gibt, wenn ein Mann oder eine Frau nicht schwanger werden kann.

Ich vermute aber, es gehört zum Konzept des Films, weniger auf die körperlich-biologischen Aspekte von Mutterschaft als vielmehr auf die Beziehungen einzugehen: Wie konstituieren sich Familien, wenn die sexuell-reproduktiv-patriarchale Einheit von „Vater, Mutter, Kind“ sich auflöst?

Derzeit scheint in der Debatte der Fokus vor allem noch darauf zu liegen, unerwünschte Zuschreibung an „Mütterlichkeit“ zu kritisieren zurückzuweisen. Also sich dagegen zu wehren, dass Menschen, die geboren haben, unbedingt Mütter sein müssen, und dagegen, dass Menschen, die nicht gebären können, keine Kinder haben sollen. Das ist natürlich wichtig, aber ich fände es in dem Zusammenhang fast noch wichtiger, dabei auch die besondere Qualität und Bedeutung von „mütterlichem“ Handeln herauszuarbeiten.

Gerade wenn man Mutterschaft von Normierungen und Biologismen befreien will, ist es ja notwendig, sie anstelle von Klischees und angeblichen Natürlichkeiten mit sinnvollen Inhalten zu füllen. Der neutrale Begriff „Elternschaft“ reicht dafür meiner Ansicht nach nicht aus. Denn es ist zwar in der Tat falsch, zu behaupten, FRAUEN könnten bestimmte Dinge (Fürsorge etc.) besser als andere, weil sie Frauen sind. Es ist aber gleichzeitig richtig und wichtig, zu betonen, dass MÜTTER (unabhängig von Gender und reproduktiver Rolle) tatsächlich bestimmte Dinge besser können, weil sie Mütter sind. Zum Beispiel weil Menschen durch das Muttersein und die damit zusammenhängenden Erfahrungen im Umgang mit Ungleichheit (Erwachsene und Babys, Verantwortung für Abhängige usw.) eine Expertise haben, die Nicht-Müttern fehlt.

Dieser Aspekt kommt aber im Film durchaus vor. Besonders berührend fand ich die Szenen, in denen „praktizierte Mutterschaft“ gezeigt wurde, Mütterlichkeit in Aktion sozusagen. Erwachsene und Kinder, die in einer bestimmten Weise miteinander agieren, bei der man gegenseitige Verbundenheit, Nähe und Vertrautheit sieht, gleichzeitig aber Verantwortlichkeit und Zugewandtheit der Älteren, Vertrauen und Geborgenheit der Jüngeren.

Das Gute an einem Dokumentarfilm ist, dass sich diese Dinge zeigen lassen, ohne dass man sie aussprechen, erklären, erläutern, benennen muss. Aber auf diese Weise bleiben sie eben dann auch ungesagt, unerklärt, wie ein selbstverständliches Hintergrundrauschen, das aber nicht selbst im Vordergrund das Thema ist. Und in dieser Hinsicht entspricht auch auch (M)otherland der traditionellen Kultur unserer Gesellschaft, wonach die mütterliche Tätigkeit zwar die Dinge am Laufen hält, aber nicht wirklich der Rede wert ist, nicht eigens analysiert wird, sondern den Anschein macht, irgendwie „natürlicherweise“ vorausgesetzt werden zu können (nur eben nun nicht mehr ausschließlich bei Frauen, die geboren haben, sondern auch bei anderen Menschen, die Eltern werden).

Es aber wäre wichtig, dieses Geschehen zu thematisieren, weil: Die mütterliche „Expertise“ wenn man so will, die Menschen haben, die dauerhaft für ein Baby, ein Kind Verantwortung tragen und es ins Erwachsenwerden begleiten, fehlt ja nicht nur den Individuen, die diese Erfahrung nicht gemacht haben (mir zum Beispiel). Sie fehlt vor allem als gesellschaftspolitische Kategorie, eben vor dem Hintergrund, dass das Muttersein privatisiert, „frauisiert“ usw. wurde. Hier gibt es noch so viel aufzuarbeiten und Patriarchatskritik zu üben, dass ich es bedenklich finde, wenn Begriffe wie „Mutter“ und „Vater“ in geschlechtsneutrale „Eltern“ aufgelöst werden.

„Mütter“ und „Väter“ sind nicht dasselbe, und sie werden auch nicht dasselbe, wenn man sie von bestimmten reproduktive Funktionen (Eizelle und Schwangerschaft vs. Sperma) und sozialen Geschlechterrollen (Weiblichkeit und Männlichkeit) löst. Mutterschaft und mütterliche Qualitäten haben vielmehr ein widerständiges Potenzial gegenüber dem Patriarchat, wenn ich das hier mal so pauschal behaupten darf. Mutterschaft ist nicht nur eine gewaltförmige Zuschreibung, die Leuten mit Uterus gegen ihren Willen übergestülpt wurde (obwohl sie das natürlich auch ist), sondern Mutterschaft bezeichnet ein soziales Verhältnis, das die reale Utopie (sic) einer neuen symbolischen und gesellschaftlichen Ordnung in sich trägt.

Die Mutter ist – in feministischer Tradition – eben nicht das weibliche Pendant zum Vater, weder in dem Sinne, dass sie einfach die weibliche Variante von „Elter“ ist, noch in dem Sinne, dass sie die komplementäre Ergänzung zum Vater ist. Beides sind patriarchale Erzählungen.

Die feministische Mutter steht für die Alternative einer Welt, die nicht mehr von Vaterordnungen strukturiert wird. Und diese feministische Mutter will ich im politischen Diskurs erhalten, auch wenn ich sie nicht mehr exklusiv „weiblich“ denke und auch nicht unbedingt als Uterusbesitzerin, sondern als kulturelle Figur, als Paradigma für eine nährende Beziehungsweise zwischen radikal Ungleichen. Die feministische Mutter sollte also ein echtes Role-Model sein für alle Menschen (sogar für die, die gar keine Kinder haben).

PS: Weil manche das vielleicht missverstehen könnten: Unter „feministische Mutter“ verstehe ich nicht eine Mutter, die selbst Feministin ist, wobei das natürlich nie schaden kann. Sondern ich meine ein feministisches Verständnis von Mutterschaft, also das, was Feministinnen in Müttern sehen.

http://www.motherderfilm.de/

Hier kann man den Film für 99 Cent streamen: https://www.pantaflix.com/de/m/764169

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ein komisches vermittlungslehrstück https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/08/ein-komisches-vermittlungslehrstueck/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/08/ein-komisches-vermittlungslehrstueck/#comments Wed, 05 Aug 2020 12:40:32 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16029

Vergangenen Montag hatte ich Spaß. Morgens las ich über die Abstimmung zum Jugendwort des Jahres 2020 und den restlichen Tag habe ich immer wieder gelacht. Wer es nicht mitbekommen hat, das Jugendwort des Jahres wird in diesem Jahr nicht von einer Verlagsjury gewählt, sondern im Internet abgestimmt. Nachdem der austragende Verlag doch eingeschritten war und den Favoriten „Hurensohn“ disqualifiziert hat, kämpfen nun Wörter wie „Mittwoch“ und „Schabernack“ gegeneinander.

Wie ein ganz normaler nicht-jugendlicher alter Mensch habe ich darüber in der Tageszeitung gelesen. Auch deshalb (also weil ich alt bin und nur auf Alte-Leute-Seiten im Internet rumhänge) ist mir erst mal der internetspezifische Background dieser Wörter völlig entgangen. Inklusive *****sohn sind das nämlich nicht einfach irgendwelche Nonsens-Wörter sondern entstammen bestimmten jugendlichen Internetbubbles. Das misogyne Schimpfwort etwa einer Seite, auf der es ironisch darum geht, sämtliche Anglizismen im Deutschen zu vermeiden bzw. ins Deutsche zu übertragen. Und wer das nicht tut, wird eben mit diesem Ausdruck beschimpft.

Wie gesagt, diese Ebene, war mir zunächst entgangen. Das ändert aber weder etwas an der Freude, die mir diese ganze Sache nach wie vor bereitet, noch an den Denkanschlüssen, die sich für mich daraus an bzw.-weiterdenken-Gespräche ergaben:

Eine Sache, über die sich einige von uns schon länger Gedanken machen und zu der auch ich immer mal eine Runde nachdenke, ist die Bedeutung von „Generationen“. In welcher Weise ist die Konstruktion von Zugehörigkeit aufgrund von Alter bzw. Aufwachsen und Sozialisierung in einer bestimmten Zeit überhaupt sinnvoll? Was genau trägt es aus etwa von „Kriegskindern“ zu sprechen von „Boomern“, „Millenials“ oder was auch immer? Verstehen sich Menschen selbst besser? Lässt sich Gesellschaft, Politik oder Geschichte besser verstehen, wenn man Alterskolonnen bildet? Oder verstellt es vielleicht sogar die freie Sicht zwischen Mensch und Mensch, den aufrichtigen Dialog und damit das gesellschaftliche Verständnis? Kurz gesagt, meine Antwort auf all diese Fragen lautet: „Ja, aber nicht nur.“ Und weiter bin ich mit Konkretisierungen noch nicht. Aber ich denke, dass diese Abstimmung zum Jugendwort ein Beispiel möglicherweise misslungener intergenerationeller Kommunikation ist und damit genau die Ambivalenz von Sinn und Unsinn generationeller Schulbladen illustriert.

Also: a) Hier haben sich (mindestens) zwei Generationen kolossal missverstanden. Und b) Hier ist es zu einem echten Gespräch zwischen (mindestens) zwei Generationen gekommen. Und ich glaube, der Witz liegt in diesem Dazwischen. Jedenfalls finde ich das witzig – vielleicht weil ich selbst dazwischen bin…

Wie meine ich das?

Nun, nehmen wir mal an, dass die diesjährige Änderung des Verfahrens nicht nur darauf zurückzuführen ist, dass der ursprünglich austragende Langenscheidt-Verlag geschluckt wurde. Vielleicht wollte man sich nun im Pons-Verlag die Kritik zu Herzen nehmen und ein „Jugendwort“ tatsächlich von „Jugendlichen“ und nicht von weitgehend nicht-jugendlichen Germanist*innen und Verlagsmenschen ausloben lassen. Umso ärgerlicher, dass man nun von „der Jugend“ in dieser Form vorgeführt wird. Gespräch gescheitert.

Nur, bereits mit der Fragerichtung, also ein besonders hervorzuhebendes „Jugendwort“ in einer besonders zu untersuchenden „Jugendsprache“ zu finden, wird natürlich implizit schon eine riesige Generationsschublade aufgemacht. Die Sprachfom einer besonderen Gruppe (Jugendlicher) wird herausgehoben und damit gegen eine nicht näher bezeichnete „normale“ Sprachform abgegrenzt. Nur zur Verdeutlichung: Es gibt ja kein „Boomerwort des Jahres“. Die Sprache, die Boomer reden, heißt einfach Sprache. Viele Boomer würden sich wahrscheinlich sehr dagegen wehren, wenn man ein Boomerwort des Jahres küren würde. Z.B. weil sie sich von der Bezeichnung Boomer allein schon nicht angesprochen und in eine Schublade gesteckt fühlen – verständlich. Z.B. weil ihre Sprache ja wohl bitteschön plain Hochdeutsch ist – vielleicht, ich bin keine Germanist*in. Vielleicht weil sie ihre eigene Sprache von ganz anderen sozialen Markern besser beschrieben sehen – regional-dialektal, politisches oder sozialen Milieu, Geschlecht…Aber die Sprache, die „Jugendliche“ reden wird vorgeblich eigens untersucht und ausgestellt, dabei wenig differenziert, ein wenig frisiert, damit da nicht nur *****sohn rauskommt, ein bisschen auf Unterhaltungswert (für wen?) geprüft – man könnte zusammenfassend sagen: Jugendsprache wird konstruiert und exotisiert. Und dabei sollen Jugendlichen nun bitte auch noch mithelfen. Meines Erachtens ist diese Generationen-Kommunikation ohne die Berücksichtigung des Machtfaktors nicht verständlich. Und damit komme ich zu einem zweiten Punkt:

In unserem letzten Zoom-Gespräch „Aus der Zeit gefallen“ haben wir unter anderem über Erklären versus Widerstand als Formen subalternen Sprechens geredet. Antje hat eigentlich richtiger Weise darauf hingewiesen, dass die Möglichkeit sich für eine Sprechweise zu entscheiden bereits ein Privileg ist und dass manchen Subalternen nur das Erklären bleibt. Ich bin mir immer noch nicht ganz sicher, ob es nicht auch viele Situationen gibt, in denen widerständiges Sprechen die eigentlich einzige Möglichkeit ist, zum Beispiel, weil einem eh niemand beim Erklären zuhört, oder man nicht ernst genommen wird. Im schlimmsten Fall wird das Gesagte verdreht und gegen einen verwendet. Oder noch ein bisschen anders: Vielleicht ist Erklären im Grunde auch eine von vielen Formen widerständigen (subalternen) Sprechens. Durch eine alternierende „Erklärung der Wirklichkeit“ aus meiner Sicht stelle ich die Deutungshoheit der „herrschenden Meinung“ in Frage. Ähnliches können andere widerständige Kommunikationsformen leisten wie Gespräch-Verweigern, paradoxes Sprechen, Übertreiben, Lügen und eben Formen von Ironie und Humor. In die sehr weite letzte Kategorie könnte man auch die konzertierte „Antwort“ der „jungen Generation“ auf die Auslobung des Jugendwortes rechnen.

Und daran schließen sich für mich noch weitere Fragen an, die ich hier nicht gelöst bekomme: Wir haben das „Erklären“ im Grunde mit „Vermitteln“ wiedergegeben und implizit eine gewisse moralische Bewertung vorgenommen. Vermitteln schafft Beziehung zwischen Menschen, ermöglicht politisches Handeln. Ich würde aber auch aus meinen eigenen Erfahrungen sagen, dass Erklären bisweilen fundamental scheitern kann. Beim Gegen-die-Wand-Quatschen passiert einfach keine Vermittlung. Umgekehrt vermittelt sich aber manchmal etwas ohne Erklären – vielleicht sogar durchs Gerade-nicht-mehr-Reden oder Komplett-Quatsch-Reden. Ich bin mir zum Beispiel fast sicher, dass ich nie zu der Einsicht gekommen wäre, was für ein adultistisch-frecher Blödsinn eigentlich diese Sache mit dem Jugendwort ist, wenn Internet-Jugendliche nicht ihren Blödsinn auf diese Bühne gebracht hätten. In unserem Zoom-Gespräch haben wir aber auch die Gefahren von widerständigem Sprechen gerade in Internetbubbles thematisiert. Dorothee hat ja sehr ausführlich, das Vermitteln vermittelt. (https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/04/das-gespuer-fuer-die-notwendige-vermittlung/) Vielleicht geht es von hier irgendwie weiter? Wie finde ich Kriterien fürs richtige Vermitteln? Und, woran merke ich, wann eine Privilegierung durch Auswahlmöglichkeiten an Widerstandsformen in eine de facto Machtposition kippt, die eine neue moralische Bewertung meiner Sprach- und Vermittlungsformen erfordert?

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Nachdenkliches zur Gestaltung der Zukunft https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/08/nachdenkliches-zur-gestaltung-der-zukunft/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/08/nachdenkliches-zur-gestaltung-der-zukunft/#comments Sun, 02 Aug 2020 10:49:26 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15999

„Unsere Welt neu denken, Eine Einladung“ lautet der Titel des Buches. Danke für die Einladung, gern nahm ich sie an, wurde gut genährt: mit anregenden Gedanken, nachdenklich machenden Überlegungen, persönlichen Reflexionen, klaren Tatsachen, einleuchtenden Querverweisen.

Wir wissen: wir haben nur eine Erde. Während früher viel Planet für weniger Menschen da war, ist nach Jahrhunderten der Ausbeutung nur noch wenig Planet für mehr als sieben Milliarden Menschen vorhanden.

Was tun? Ideen, Initiativen, Interessengruppen gibt es – siehe Fridays for Future – die nach Möglichkeiten und Mitteln suchen, Wege finden, wie wir nachhaltig leben können.

Diesen Zukunftsfragen widmet sich Göpel mit Sachverstand und Mut: sie begibt sich aus der Box bisheriger Denkweisen und imaginiert Anderes.

Göpel formuliert in dem Buch vieles von dem, was ich in meiner Umgebung seit langem reflektiere und diskutiere: in welcher Gesellschaft wollen wir leben? Was brauchen wir wirklich? Bei ihr kommen Sachverstand, Wissen, einflussreiche Position, bildhafte Sprache und Formulierungskunst zusammen, um dem Neuen auf die Sprünge zu helfen. Sie stellt Fragen: Flog die Herkunftsfamilie vor 50 Jahren in den Urlaub? Wieviel Autos besass sie? Wie gross war die Wohnung? Wie oft wurden neue Möbel gekauft? Mussten die Dinge von weit herangeschafft werden?

Göpel demonstriert am ökologischen Fussabdruck, wo wir gelandet sind: seit den 1970er Jahren zehren wir die Natur aus, verbrauchen mehr als regeneriert wird. Würde die deutsche Lebensart globaler Standard bräuchten wir mehr als zwei Erden.

Göpel kritisiert Wachstumskonzepte wie die des Ökonomen Robert Solow, der den Nobelpreis dafür bekam, dass Natur durch Technik substituierbar sei. Für diesen Ökonom ist es keine Katastrophe, wenn die Natur zerstört wird – man muss sie nur durch Technik ersetzen. Die Idee ein solches Wirtschaftssystem zu bauen, ist aus Sicht der Resilienz schlicht Wahnsinn, schreibt Göpel.

„Warum erhalten wir nicht die sich vielfältig mit Energie versorgende und regenerierende Natur, die uns geschenkt wurde? Welches wäre die lebenserhaltende Innovationsagenda?“

Göpel weist nach, dass die heute gültigen wirtschaftlichen Annahmen eben genau dies sind: Annahmen über die Wirklichkeit, die dadurch, dass sie angenommen werden, diese Wirklichkeit schaffen. Darum ist es so wichtig, neue Theorien zugrunde zu legen, menschliche Massstäbe anzulegen.

Wenn ich es flott ausdrücke, sollten wir nicht länger auf Aktienkurse starren, sondern lieber Achtsamkeitskurse besuchen. Göpel erinnert an den Ökonom Ernst Friedrich Schumacher, der – nachdem er Mitte der 1950er Jahre im damaligen Birma als Wirtschaftsberater wirkte – den Slogan prägte: small is beautiful. In seinem Buch “Rückkehr zum menschlichen Mass” beschreibt er die buddhistische Wirtschaftslehre, die Arbeit als etwas betrachtet, dass die Menschen darin unterstützt, ihre Fähigkeiten zu entwickeln. Das alte Menschenbild der heutigen Wirtschaft, wonach wir alle Egoisten seien, muss dringend abgelöst werden: „Wir brauchen eine Neubetrachtung der Werte, die Menschen in ihrer kooperativen Lebendigkeit stützen.” Göpels Vorschläge:

Vom Produkt zum Prozess
Vom Förderband zum Kreislauf
Vom Einzelteil zum System
Vom Extrahieren zum Regenerieren
Vom Wettkampf zur Zusammenarbeit
Von Unwucht zu Balance
Vom Geld zum Wert.

So kommen wir heraus aus der bislang für alternativlos gehaltenen Box der Annahmen. Das Neue vorauszudenken bereitet den Boden für die Wirklichkeit. Drei Empfehlungen gibt Göpel: „Bleiben Sie freundlich und geduldig, aber bleiben Sie dran. Suchen Sie sich Mitstreiter. Lassen Sie sich nicht runterziehen.“

Zukunft machen ist Leben verbringen!

Wer weitergehen will, findet Literaturempfehlungen sowie Hinweise zu Handlungsangeboten. Dieses Mut machende Buch lege ich allen ans Herz, die sich eine gerechte, gütige, gute Welt für alle wünschen: eine solche Gesellschaft ist machbar und vor allem lebbar!

Prof. Dr. Maja Göpel, *1976, arbeitet als Nachhaltigkeitswissenschaftlerin und Politökonomin an der Schnittstelle von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft. Sie ist Generalsekretärin des wissenschaftlichen Beirats «Globale Umweltveränderungen» bei der deutschen Bundesregierung, Mitglied des Club of Rome, des World Future Council, der Balaton Group und Fellow am Progressiven Zentrum. Im März 2019 stellte sie die Initiative «Scientists for Future «vor: mehr als 26.000 WissenschaftlerInnen unterstützen damit die Forderungen der Proteste zu Klima- und Umweltschutz.

Maja Göpel: Unsere Welt neu denken – Eine Einladung, Ullstein Verlag, Berlin 2020, 208 Seiten, 17,99 Euro.

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Aus der Zeit gefallen (2): Wir sprechen über “Kill all Normies” von Angela Nagle https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/07/aus-der-zeit-gefallen-2-wir-sprechen-ueber-kill-all-normies-von-angela-nagle/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/07/aus-der-zeit-gefallen-2-wir-sprechen-ueber-kill-all-normies-von-angela-nagle/#comments Thu, 30 Jul 2020 14:42:35 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15995 In unserem zweiten Zoom-Redaktionsgespräch aus der Reihe „Aus der Zeit gefallen“ sprechen wir über Angela Nagles Essay „Kill all Normies. Online Culture Wars from 4Chan and Tumblr to Alt-Right and Trump“, der 2017 erschienen ist. 

Angela Nagle, 1984 geboren, ist eine irisch-amerikanische Autorin, die in Dublin promoviert hat und in verschiedenen britischen und amerikanischen Publikationen schreibt. Ihr Essay „Kill all Normies. Online Culture Wars from 4Chan and Tumbr to Alt-Right and Trump“ (auf deutsch: fälschlicherweise übersetzt mit „Die digitale Gegenrevolution) analysiert die Rolle des Internets beim Aufstieg der amerikanischen Alt-Right-Bewegung, mit der schließlich auch Donald Trump ins Weiße Haus gespült wurde. 

Nagle zeigt an vielen Beispielen die Gefährlichkeit und Brutalität dieser – nicht auf die USA beschränkten – Bewegung, in der sich Hass auf Frauen und Homosexuelle, Rassismus, Männlichkeitswahn und Antisemitismus mit einem tiefsitzenden Gefühl des eigenen Abgehängtseins verbinden, auf, aber sie übt auch Kritik an der „Linken“ und konstatiert, dass deren Performance einen Beitrag zum Aufstieg dieser Bewegung geleistet hat.

Zum Video:

Angela Nagle: Kill All Normies. Online Culture Wars From 4Chan And Tumblr To Trump And The Alt-Right. Alresford, UK: Zero Books. 2017

Deutsch:

Angela Nagle: Die digitale Gegenrevolution. Online-Kulturkämpfe von 4Chan und Tumblr zu Alt-Right und Trump, transcript:. 2018

PS von Antje Schrupp: Ich spreche im Video an einer Stelle von Harvey Milk und behaupte, er wäre Bürgermeister von San Francisco gewesen. Stimmt aber nicht, er war nur Mitglied des Stadtrats!

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„Dich kriegen wir auch noch klein“ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/07/dich-kriegen-wir-auch-noch-klein/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/07/dich-kriegen-wir-auch-noch-klein/#comments Sun, 26 Jul 2020 07:42:50 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15980 Aus heutiger Sicht ist es fast nicht mehr vorstellbar, mit wie viel Sexismus, Häme und Widerstand Politikerinnen zu kämpfen hatten, die in den ersten Jahren der Bundesrepublik im Bundestag oder in Ministerien aktiv waren. Dazu eine Buchempfehlung von Brigitte Leyh.

Torsten Körner: In der Männer-Republik. Wie Frauen die Politik eroberten, 2020, Kiepenheuer & Witsch, 368 Seiten, 22 €.

Wenn ein Mann über Frauen schreibt, bin ich meist erst einmal misstrauisch. Aber in dem kürzlich erschienenen Buch „In der Männer-Republik. Wie Frauen die Politik eroberten“ von Torsten Körner wird uns das Ausmaß der Frauendiskriminierung in der parlamentarischen Geschichte der Bundesrepublik vor Augen geführt.

Schon die vier Mütter des Grundgesetzes Elisabeth Selbert, Friederike Nadig, Helene Weber und Helene Wessel begegneten der unverhohlenen Geringschätzung vieler männlicher Kollegen. Auch später lösen die berechtigten Anliegen von Politikerinnen bei vielen Männern im Parlament lediglich Heiterkeit aus. In der Presse ihrer Zeit wurden sie, ihre Anliegen und Leistungen allzu häufig ignoriert und ausgeblendet.

Bundeskanzler Konrad Adenauer zum Beispiel äußerte sich ganz unverblümt besorgt, als mit Elisabeth Schwarzhaupt 1961 erstmals eine Frau Bundesministerin wurde: Dann könne man nicht mehr so offen reden, klagte er, außerdem sei sie nicht trinkfest. Obwohl Schwarzhaupt promovierte Juristin war, wurde sie nicht nur von ihm zum „Fräulein“ geschrumpft und auf das Gesundheitsministerium verwiesen, das Adenauer als unwichtig genug einstufte, um es einer Frau anzuvertrauen. Dass die CDU-Politikerin darauf drängte, den Gleichberechtigungsgrundsatz in deutsches Recht umzusetzen und zum Beispiel gegen den damals immer noch existierenden „Gehorsamsparagraphen“ (§1354) im Bürgerlichen Gesetzbuch anging, der Ehemännern die Entscheidung über das gemeinschaftliche eheliche Leben zusprach, fanden viele männliche Politiker unnötig und lästig.

Immer wieder kam es vor, dass Politiker weibliche Abgeordnete durch Gelächter, Schenkelklatschen, höhnische Zwischenrufe störten. Frauenverachtende Witze und Sprüche wie „Dich kriegen wir auch noch klein“ waren an der Tagesordnung. Der Bundestagspräsident ließ dieses rüpelhafte Verhalten in aller Regel durchgehen, wie Waltraud Schoppe (Die Grünen) später bemerkte. In fast allen Parteien wurden Kandidatinnen zudem regelrecht auseinandergenommen, wie Körner schreibt: „Ist sie nicht zu alt? Oder zu jung? Ist sie nicht zu hübsch? Ist sie hübsch genug? Warum ist sie nicht bei den Kindern? Ist sie klug? Ist sie vielleicht zu klug? Ist sie unverheiratet? Geht sie auf Männerfang aus? Ist sie so frustriert, dass sie in die Politik gehen muss? Welche Qualifikationen bringt sie überhaupt mit? Nimmt sie nicht dem verdienten Genossen Müller Huber Schmidt den Platz weg?“

Das Buch zählt all die Steine und Minenfelder auf, die den Frauen in patriarchalischer Solidarität im Parlament in den Weg gelegt wurden, während sie für die Abschaffung des Gehorsams in der Ehe, gegen den Abtreibungsparagraphen, gegen Vergewaltigung, sexuelle Gewalt, für gleiche Bezahlung, gegen Kernkraft und für Kindergärten eintraten. Statt sich mit den Anliegen ihrer Kolleginnen ernsthaft auseinanderzusetzen, waren viele Politiker damit beschäftigt, herauszufinden, ob die Frau einen BH trug oder ob sie im Bett nicht besser aufgehoben wäre als im Parlament. Während die Frauen sich dafür einsetzten, dass die Gleichberechtigungsverpflichtung von 1949 mit den entsprechenden Konsequenzen real umgesetzt wurde, haben sie es mit einem Plenarsaal zu tun voller „Gelächter und Grinsen, man wirft einander vielsagende Blicke zu, haut sich auf die Pulte und die eigenen Schenkel.“

Torsten Körner ruft bemerkenswerte und oft heute schon wieder vergessene Politikerinnen in Erinnerung wie Renate Schmidt (SPD), Käte Strobel (SPD), Petra Kelly (Die Grünen), Hildegard Hamm-Brücher (FDP), Ingrid Matthäus-Maier (erst FDP, dann SPD), Antje Vollmer (Die Grünen), Annemarie Renger (SPD) und Rita Süssmuth (CDU). Und natürlich Heide Simonis (SPD), die 1993 die erste Ministerpräsidentin wurde. Die Grünen haben mit ihrer radikalen Forderung nach 50-Prozent-Parität weitere Frauen von Format ins ungewohnte Rampenlicht gebracht, obwohl auch sie es in ihrer Partei nicht immer leicht hatten. Die von ihnen vorgeführte – und von ihrem Parteikollegen Joschka Fischer belächelte – Gleichberechtigung hat auch dazu beigetragen, dass Kohls „Mädel“ Angela Merkel (CDU) erste Bundeskanzlerin werden konnte.

Auf allen 362 Seiten des Buches kann man den Respekt spüren, den der Autor seinen Protagonistinnen entgegenbringt. Wenn Männer so über Frauen schreiben, ist das okay für mich.

Torsten Körner: In der Männer-Republik. Wie Frauen die Politik eroberten, Kiepenheuer & Witsch 2020, mit Bildern und Quellen, 368 Seiten, 22 Euro.

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Kapitel 6: Freundinnenschaften und Konflikte unterschiedlicher weiblicher Lebensmodelle https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/07/kapitel-6-freundinnenschaften-und-konflikte-unterschiedlicher-weiblicher-lebensmodelle/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/07/kapitel-6-freundinnenschaften-und-konflikte-unterschiedlicher-weiblicher-lebensmodelle/#comments Wed, 22 Jul 2020 10:45:17 +0000 http://bzw.soundsites.net/?p=15974 Zum 20. Jubiläum der Flugschrift „Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik“ wurde das Büchlein im Christel Göttert Verlag neu aufgelegt und wird hier im Forum auch erstmals online veröffentlicht (hier der Link zum Anfang). Dies ist das 6. Kapitel: Freundinnenschaften.

Die Notwendigkeit und Möglichkeit der Frauen, sich für oder gegen Mutterschaft zu entscheiden, hat in unserer Gesellschaft eine Kluft zwischen Müttern und Nichtmüttern entstehen lassen. Woher kommen die Schwierigkeiten in den Beziehungen zwischen beiden weiblichen Lebensmodellen? Gegenseitiger Neid auf das Leben der jeweils anderen, das für leichter gehalten wird? Enttäuschte Erwartungen — weil die Mütter sich mehr tatkräftige Unterstützung erhofft hatten und die Nichtmütter enttäuscht sind über den Abbruch alter Beziehungen und vielleicht auch über das Ende eines vormals gemeinsamen politischen Engagements? Vielleicht auch die nicht gelebte Trauer der Nichtmütter über einen unerfüllten oder sich selbst verbotenen Kinderwunsch?

Verloren gegangen ist in diesem Streit die gute alte Institution der „Tante“. Zur Entbindung nahmen Frauen früher ihre Mutter oder eine Freundin mit. Heute wird versucht, die Väter an diese Stelle zu setzen. Aber während es vielfach nicht gelingt, die Väter wirklich für eine aktive Vaterschaft zu begeistern, werden durch die Beschränkung auf das Elternpaar die Freundinnen und „Tanten“ verprellt.

Die Kommunikationsbarriere zwischen Müttern und Nichtmüttern verhindert, dass sie gegenseitig ihre Dankbarkeit ausdrücken für das, was jede in ihrem Lebensbereich auch für die anderen Frauen erarbeitet. Dadurch ist auch eine fruchtbare gegenseitige Kritik an der jeweiligen Lebensweise fast unmöglich. Mütter äußern ihre Kritik nicht, wenn ihre Freundinnen sich von Beruf und Karriere auffressen lassen; umgekehrt können Nichtmütter kaum ihr Bedürfnis nach zusammenhängenden Gesprächen und Kontinuität der Beziehung zu ihren nun Mütter gewordenen Freundinnen ausdrücken bzw. gegen deren Verschwinden in der Mutterrolle die Aufrechterhaltung eigener Wünsche einfordern. Wo die notwendige Auseinandersetzung aber nicht geführt wird, können die Freundinnenschaften an unausgesprochenen Vorwürfen ersticken.

Auch zwischen lesbischen und heterosexuellen Frauen findet die Auseinandersetzung um Lebensentwürfe kaum noch statt. Eine gewisse gesellschaftliche Akzeptanz lesbischen Lebens geht einher mit einer Ansicht, die vom unhintergehbaren spezifischen So-Sein der lesbischen wie der heterosexuellen Frau ausgeht und deshalb Fragen der Lebensgestaltung dem gemeinsamen Gespräch entzieht.

Eine neue Besinnung auf die Bedeutung der lesbischen und heterosexuellen Lebens- und Beziehungsform für die jeweils andere Gruppe könnte aber fruchtbare Impulse für eine neue frauenbewegte Politik freisetzen: Lesben verkörpern in besonderer Weise die Freiheit eines frauenidentifizierten, sich von Männern unabhängig machenden Frauenlebens; während das Leben frauenbewegter Heteras für Lesben die Möglichkeit eines selbstbewussten Umgangs mit Männern aufzeigen kann, der Größenphantasien vorbeugt und die Männer realistisch wahrnimmt.

Aus: Ulrike Wagener, Dorothee Markert, Antje Schrupp, Andrea Günter: Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik. Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim 1999, Neuauflage 2019

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