beziehungsweise – weiterdenken https://www.bzw-weiterdenken.de Forum für Philosophie und Politik Tue, 18 Jan 2022 14:12:11 +0000 de-DE hourly 1 Die Waschmaschine. Private Nachforschungen in drei Frauen-Generationen und Be- und Erkenntnisse einer hoffnungslos Abhängigen. https://www.bzw-weiterdenken.de/2022/01/die-waschmaschine-private-nachforschungen-in-drei-frauen-generationen-und-be-und-erkenntnisse-einer-hoffnungslos-abhaengigen/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2022/01/die-waschmaschine-private-nachforschungen-in-drei-frauen-generationen-und-be-und-erkenntnisse-einer-hoffnungslos-abhaengigen/#comments Tue, 18 Jan 2022 14:11:26 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=18201 Vierter Beitrag aus der Serie: “Küchengeschichte(n) – wie Haushaltsgeräte die Care-Arbeit veränderten und verändern“.

Die Flecken eines ganz gewöhnlichen Tages; Part I. Foto: Anne Newball Duke

Als ich vor einiger Zeit Doris Lessings Die Memoiren einer Überlebenden (1974, übersetzt 1979) las (in unserer Zoom-Gesprächsreihe sprachen wir über das Buch hier), spielte ich ein Spiel mit mir: auf welche mit Strom betriebenen Haushaltsgeräte könnte ich auf gar keinen Fall verzichten? Wie ich es auch drehte und wendete und wie viele neue Geräte ich auch ins Spiel brachte; es blieb immer bei der Waschmaschine auf Platz 1 meiner imaginären Liste.

Der Hauptgrund ist nicht schwer zu erraten: die Waschmaschine nimmt einer Hausfrau (die natürlich auch noch was anderes ist als eine sich um den Haushalt kümmernde Frau) heutzutage wahrscheinlich die meiste Arbeit ab, räumt ihr also Zeiten frei, die den Frauen bis in die 1960er Jahre hinein – in der BRD wohl etwas früher durch das US-injizierte Wirtschaftswunder – mit Brennholz suchen, Kohle schleppen, Ofen anzünden, Kessel erwärmen, Wäsche kochen, Wäsche spülen, Wäsche trocknen, Wäsche mangeln, Wäsche bügeln, Wäsche legen und Wäsche in die Schränke räumen, nicht gegeben war. Neben dem Kochen war das sicher eine der wöchentlichen Haupttätigkeiten der Hausfrau.

Ich fragte meine Eltern, ob sie sich noch an die Übergänge vom Handwaschen zur Waschmaschine erinnerten, und wie ihre Mütter diesen Übergang erlebt hatten.

Meine Oma väterlicherseits

Meine Oma väterlicherseits hatte sieben Kinder. Sie wohnten in einem Försterhaus im Wald am Rande einer Kleinstadt auf der Insel Rügen, bis mein Vater etwa 15 Jahre und seine jüngsten Zwillingsgeschwister – er ist der älteste der sieben – etwa 4 Jahre alt waren. Etwa 50 Meter über den Hof gab es das Waschhaus mit allem, was vor der Zeit der Waschmaschine zum Wäschewaschen dazugehörte: einem holz- und kohlebetriebenen Ofen, einem riesigen Kessel mit Kelle und einer riesigen Mangel, bestehend aus zwei großen Holzrollen. Diese musste immer von zwei Personen bedient werden: eine drehte die Mangel, die andere legte die Wäsche so rein, dass sie möglichst knitterfrei am anderen Ende herauskam.

Meine Oma arbeitete tagsüber einige Jahre in einem Kindergarten und auch immer wieder als Kassiererin; mittags kam sie nach Hause, kochte, danach ging sie wieder zur Arbeit. Danach kochte sie wieder, wusch Wäsche, räumte und putzte, kümmerte sich um die Tiere – im Durchschnitt rannten immer 20-30 Hühner, 6-7 Flugenten, 2-3 Puten (die aber immer recht schnell der Fuchs holte, da sie Hund und Zaun entkamen und ihre Eier im Wald legten), 1 bis 2 Schafe und ein Schäferhund über den Hof. Sie tat das alles und sicher noch viel mehr bis etwa 23 Uhr nachts. Spätestens morgens um 6 ging alles wieder von vorne los. Mein Vater sagte, dass es sehr gemütlich und beruhigend für ihn als Kind war, die Mutter im Hause bis spätnachts arbeiten und rumoren zu hören.

Von meiner Oma habe ich, bis sie 2006 an Krebs starb, so viele Försterhaus-Geschichten gehört. Sie war eine großartige Geschichtenerzählerin. Sie kam fast nie durch eine Geschichte, ohne mehrmals in tränenreiche Lachkrämpfe auszubrechen. Sie lachte sowieso viel und gern, sie war immer gut drauf; auch schon als Mutter von sieben kleinen Kindern, sagt mein Vater. Ich hing immer an ihren Lippen, ich hörte sehr genau zu, und dabei vielleicht nicht immer auf das Gesagte. Zwischen den Worten und Tönen und dem Lachen hörte ich vielleicht auch schon als Kind ihre Erschöpfung heraus…

Kurz bevor ich zum Studieren ging, war ich mal wieder ein Wochenende bei ihr. Sie wohnte damals in Stralsund, wir in Warnemünde. Es waren nur zwei Stunden mit dem Zug. Seit ich etwa 12 Jahre alt war, liebte ich es, über das Wochenende zu ihr fahren. Sie sagte mir, dass sie stolz auf mich sei, und dann etwas sehr Bemerkenswertes: ich solle mich auf mich konzentrieren, am besten weder Mann noch Kinder bekommen. Sie erzählte dann davon, dass sie eigentlich Sängerin hatte werden wollen und gute Aussichten gehabt hatte. Ich erinnere mich allerdings nicht daran, dass meine Oma viel gesungen hätte. Auf der Hochzeit meiner Eltern hatte sie gesungen, und das ist ein legendärer Moment in der Familienchronik. Ich denke darüber heute das erste Mal tiefer nach. Tat es zu sehr weh, dieses nicht gelebte Leben in sich klingen zu hören? Hatte sie so hohe Ansprüche an sich, dass sie nicht “einfach so” singen (und sich eventuell blamieren) wollte? Oder konnte sie im (Oma-)Alter schlicht nicht mehr singen, weil sie relativ früh die Zähne verloren hat und ein künstliches Gebiss tragen musste, das für sie immer ein leidiger und störender Fremdkörper im Mund blieb? Fragen, die ich ihr jetzt nicht mehr stellen kann.

Das Gespräch jedenfalls grub sich tief in mir ein. Ich habe ihren Rat nicht befolgt und bin sehr froh darum, aber jedes Mal, wenn ich genervt vor der Waschmaschine und den Wäschehaufen sitze, oder mir der Tag allgemein und ungeplant mal wieder unter der ganzen Haus- und Familienarbeit zusammenbricht, dann denke ich an dieses Gespräch.

In dem Försterhaus gab es auch eine Ferienwohnung, die natürlich auch meine Oma betrieb, in der ein Ehepaar jedes Jahr Urlaub machte, das – auch so etwas gab es in der DDR – ein Unternehmerpaar war und also über etwas mehr Geld verfügte als eine gewöhnliche Familie Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre. Eines Tages hörten sie alle einen markerschütternden Schrei von meiner Oma aus dem Waschhaus. Als sie alle inklusive dem Ehepaar hinliefen, schlängelte sich im Heizkessel eine aufgeregte Kreuzotter. Meine Oma stand unter Schock. Das Ehepaar machte ihr daraufhin folgenden Vorschlag: sie würden diesmal den Aufenthalt nicht in Geld bezahlen; stattdessen würden sie ihr im nächsten Urlaub eine Waschmaschine mitbringen. Sie hielten Wort, und somit hielt die Waschmaschine etwa 1964 Einzug in den Haushalt meiner Oma. Mein Vater konnte nichts dazu sagen, ob meine Oma sehr erleichtert über die Zeitersparnis durch dieses neue Haushaltsgerät war. In meinen Erinnerungen hatte meine Oma sehr viel von den Windeln gesprochen, die sie zu waschen hatte. Aus dem Windelalter waren ihre Kinder alle heraus, als die Waschmaschine kam, aber ich glaube schon, dass meine Oma innerlich ein Fest feierte, ich kann es mir nicht anders vorstellen.

Meine Oma mütterlicherseits

Meine Oma mütterlicherseits liebte ich ebenfalls über alles, nur konnte ich sie nicht so oft besuchen, da meine Großeltern in Sachsen lebten. Wir Kinder verbrachten dort jedes Jahr zwei traumhaft schöne Sommerferienwochen. Auch sie war eine lustige, uns Kindern zugewandte Oma: wenn wir da waren, gab es nichts, aber auch gar nichts, was wichtiger war für sie. Aber meine Oma redete nicht viel und irgendwie auch nicht gern von früher; die Anekdoten aus der Kindheit meiner Mutter kenne ich eher von meiner Mutter oder ihren zwei Schwestern. Ich wüsste nicht einmal, ob ich ihr jetzt viele Fragen stellen wollen würde. Unterbewusst habe ich immer das Gefühl gehabt, sie möchte nicht reden, oder es kostet sie wahnsinnig viel Mühe. Vor allem nach der Wende – da war ich ja gerade 11 Jahre alt – kam eine neue “aggressive Traurigkeit”, würde ich es jetzt mal nennen, hinzu. Ich sehe ihre Gedanken-wegwischende Handbewegung vor mir… leider war ich zu jung, um das alles zu verstehen.

Die Familie meiner Mutter lebte Ende der 1950er und Anfang der 1960er Jahre in einer dreistöckigen Häuserzeile in Leipzig. Vor den Häuserreihen gab es Grünflächen, auch zum Wäscheaufhängen. Nur in einem Haus der Häuserreihe gab es einen Waschraum. Es gab einen Waschkalender, in den alle Familien ihre Waschzeiträume eintrugen. Meine Mutter und ihre Schwestern wurden sehr früh in die Hausarbeit eingebunden. Am Waschtag fuhren sie die dreckige Wäsche mit dem Schubkarren zu dem Haus, in dem der Waschraum war. Dort gab es noch keine Waschmaschine, also es musste auch hier der Ofen angeheizt, der Kessel erwärmt werden usw. usf.

Meine Mutter sagt, sie wuschen allerdings nur alle drei Wochen, denn im Waschraum wurden nur Bettwäsche und Handtücher gewaschen; alles andere nannte sich “kleine Wäsche” und wurde in der Küche in einem Riesenkochtopf gewaschen und dann in der Badewanne oder an der Spüle ausgespült. Meine Mutter gibt aber zu bedenken, dass das damals ja viel weniger war: sie und ihre Schwestern trugen dieselbe Kleidung eine Woche lang. Flecken und Kragen wurden mit der Hand ausgewaschen. Am Sonntag war Badewannentag; danach gab es eine neue Garnitur für die nächste Woche.

Etwa 1965 zog die Familie in eine Kleinstadt in Sachsen in ein großes Haus, und da gab es dann auch eine Waschmaschine. Aber ähnlich wie mein Vater weiß auch meine Mutter nichts dazu zu sagen, wie dieses neue Haushaltsgerät von meiner Oma aufgenommen wurde.

Was hatte ich mir erwartet? Ich muss zugeben, dass ich selbst mit der Erwartung in das Gespräch mit meinen Eltern gegangen bin, dass es sicherlich eine Geschichte des Jubels um die erste Waschmaschine herum gibt. Warum? Wenn ich so darüber nachdenke, ist es vielleicht eine Art Überblendung meinerseits. Nach dem Mauerfall schwappten die Werbebilder der westdeutschen Hausfrau seit den frühen 1950er Jahren über mich. Ich erinnere mich, dass diese Bilder mir und meinen Erfahrungen aus der Kindheit zunächst nicht fremder sein konnten, sich aber dann auch in mir schleichend über die letzten drei Jahrzehnte als “normal” etablierten. Werbung ist nicht das wahre Leben, das ist mir schon klar. Aber es macht sicherlich einen doch nicht unwesentlichen Unterschied aus, ob eine (Ehe-)Frau im Wirtschaftswunderland zur 100%-Hausfrau gemacht wurde und sich über Haushaltsgeräte zu freuen hatte, oder ob sie in der DDR nur eine Morgens-, Mittags- und (Spät-)Abends-Hausfrau war, die in einer unglaublichen Selbstverständlichkeit Beruf und Familie zu vereinbaren hatte. Ich denke, dass der immer und in den Medien fast ausschließlich präsente westdeutsche Frauenalltag auch meine Erwartungen bezüglich der Waschmaschine überblendet hat. Und weil ich natürlich selbst seit dreißig Jahren in einer kapitalistisch organisierten Gesellschaft lebe, in der es total normal ist, Dingen – gerade bestimmten Elektrogeräten – einen ganz besonderen Stellenwert in der Wahrnehmung einzuräumen, sie teils gar zu fetischisieren. Mich nehme ich davon nicht aus.

Vielleicht aber gibt es hier auch gar keinen Unterschied? Frage an westdeutsche Hausfrauen (und ich hoffe, es ist klar, dass ich das Wort in keinster Weise despektierlich nutze, und auch nicht nur die 100%-Hausfrau meine): gibt es die Waschmaschinengeschichte in der Familie, den alles verändernden Moment in der Geschichte der Hausarbeit durch die Waschmaschine? Aus heutiger Sicht, und mein eigenes Verhältnis zur Waschmaschine einbeziehend, kann ich mir gar nicht vorstellen, dass das nicht so ein Moment gewesen ist. Oder – anderer Gedanke: Ist die Waschmaschine vielleicht das “Nutztier” unter den Haushaltsgeräten? Das Gerät, das einfach selbstverständlich plötzlich da ist, und dessen Dasein überhaupt nie hinterfragt wurde, nicht mal zu Zeiten der allerersten Anschaffung? Wohingegen z.B. der Thermomix das Schoßhündchen mit menschlichem Vornamen unter allen Geräten wäre? Das eine unsichtbar, aber systemrelevant, das andere sichtbar und – wie soll ich es nennen – vielleicht “post-systemrelevant”?

Die dunkle Wäsche ist fertig, zwei hellbunte Wäscheladungen warten auf ihren Waschmaschinengang. Und die Waschmaschine selbst müsste vielleicht auch mal wieder gereinigt werden? Seufz. Foto: Anne Newball Duke

Noch einmal zurück zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie in der DDR: Die Zweifachbelastung war damals kaum Thema. Es gibt mittlerweile gute Dokus darüber, in welcher Art das Patriarchat gerade in den Anfangsjahren der DDR u.a. in Form von Ehemännern weiterlebte, die es als das selbstverständlichste der Welt betrachteten, nach der Lohnarbeit die Füße hochzulegen und sich von der Ehefrau, die größtenteils ebenfalls 100% lohnarbeitete, bedienen und bekochen zu lassen, und die sich natürlich “nebenbei” auch noch um die Kinder zu kümmern hatte.

Aber viele Ehemänner änderten sich im Laufe der vier DDR-Jahrzehnte; das mussten sie wohl, wenn sie mit ihren immer selbstbewusster auftretenden und ihr eigenes Geld verdienenden Frauen verheiratet bleiben wollten. Mein Opa lohnarbeitete viel, aber während der Sommerferien erlebte ich ihn immer als jenen, der mit dem Staubsauger durch die Wohnung brummte und nach den Mahlzeiten den Abwasch machte. Allerdings nur so lange, wie wir zu klein waren; spätestens ab 9 oder 10 Jahren mussten wir Kinder den Abwasch übernehmen, das war einfach selbstverständlich und wurde gerade von ihm rigoros eingefordert.

Meine Mutter erzählte, dass ihr Vater schon als sie Kinder waren, oft am Wochenende im Haus mithalf; ein typisches Bild für sie: ihr Vater saugt, ihre Mutter wischt hinter ihm her. Meine Oma war eine sehr reinliche Frau. Das Haus musste zweimal die Woche bis in die allerklitzekleinste hinterste Ecke geputzt werden, sehr zum Verdruss der drei Töchter. Zweimal die Woche saß meine Mutter also an dem wunderschön gedrechselten Holztreppengeländer: das zu entstauben war ihr die meistverhasste Hausarbeit. Meine Großeltern hatten oft Besuch, und meiner Oma war es auch wichtig zu zeigen, dass kaum ein Staubkorn im Haus lag, obwohl sie keine Putzhilfe hatte. Im Osten gab es die Vorstellung, dass die West-Hausfrau der oberen Mittelschicht nicht nur nicht lohnarbeitete, sondern zudem auch noch Haushaltshilfen hatte, etwa so wie es im Film “Papa ante portas” dargestellt wurde. Ich glaube, im Osten wurde gerade dieser enorm beliebte Film dadurch noch einmal mit einer ganz anderen (Humor-)Note wahrgenommen.

Seit dem Umzug arbeitete meine Oma nur noch halbtags als Sekretärin in einer großen VEB-Spindelfabrik in der Nachbarstadt. Die gläserne Decke für Frauen – es gab sie auch in der DDR. Meine Mutter meinte, dass es meine Oma schon öfter zwickte und zwackte, dass mein Opa Karriere machte, obwohl sie einen Dienstgrad über ihm stand, als sie sich kennenlernten. Und dann wieder diese Erinnerungen: Als meine Mutter im Abiturjahrgang war und auch als sie selbst bereits dreifache Mutter mit einem immensen Arbeitspensum war, erinnerte sie sich oft etwas fremdelnd daran, wie ihre Mutter damals im selben Alter mittags bereits teils Kreuzworträtsel lösend auf der Couch lag oder schlief.

Das war also das Leben “rund um die Waschmaschine herum”, die mal im Keller, im Waschraum, in der Küche oder im Bad stand; die aber selbst nie Protagonistin einer Familiengeschichte geworden ist. Anscheinend kam sie also in das Leben meiner Großmütter und blieb, ohne jemals viel Aufsehen zu erregen.

Meine Mutter

Auch meine Mutter kam von alleine auf nicht eine einzige “eigene” Waschmaschinengeschichte; es herrscht vollkommene Waschmaschinengleichgültigkeit. Eingeschlossen darin natürlich eine absolute Markengleichgültigkeit. Klar war meine Mutter auch gestresst, wenn die Waschmaschine kaputt war, aber dann musste bei Nichtrepariermöglichkeit eben schnell eine Neue her – Kaufargument war meist, wer eine preiswerte Maschine am schnellsten lieferte mit der längsten Garantie. Die geplanten Obsoleszenzen und die nach der Vereinigung rasant zunehmende Nichtreparierbarkeit der verschiedensten Geräte tut Ostdeutschen bis heute viel mehr weh als Westdeutschen, ist zumindest mein Eindruck. Es geht Ostdeutschen bis heute viel weniger in den Kopf, dass eine Reparatur teurer sein soll als eine Neuanschaffung. Das Gefühl des Betrogenwerdens vom Westen kam auch daher. Es trägt ja auch keinerlei Logik in sich, außer innerhalb eines luftdicht verschlossenen kapitalistischen Denkens.

Meine Eltern haben nie viel Aufheben um ein Gerät gemacht. So haben sie auch nicht wirklich verstanden, warum ich einen Text über die Waschmaschine schreibe; ich musste mir ein paar Sprüche anhören. Als ich meine Mutter um ihr Ranking der wichtigsten Haushaltsgeräte bat, schaffte es die Waschmaschine immerhin auf den 4. Platz. Nicht ohne den Zusatz, dass sie den Haushalt aber auch ohne Not ohne Waschmaschine schaffen könnte.

Es gibt sie aber dennoch, die eine legendäre Waschmaschinengeschichte in unserer Familie: als ich ein Baby war, das soeben das Kunststück der Drehung von Rücken auf Bauch erlernt hatte, bin ich nach dem Baden mal von der Waschmaschine gefallen. Immer wenn ich einen Denkaussetzer habe oder mich in den Augen anderer Familienmitglieder unmöglich verhalte, wird das noch heute gern auf diesen Sturz von der Waschmaschine zurückgeführt.

Meine Schwiegermutter

Meine Schwiegermutter lebte, bis sie 17 Jahre alt war, mit ihren Eltern und drei jüngeren Geschwistern in Cartagena de Indias, heute Weltkulturerbestadt an der kolumbianischen Karibikküste. Die Familie hatte nie eine Waschmaschine. Sie erinnert sich daran, dass ihre Mutter immer überarbeitet und erschöpft war. Sie verdiente Geld mit Nähen und mit Putzen in Häusern wohlhabender Familien, denn ihr Mann verdiente zum einen nicht genug, um die Familie zu ernähren, und war zum anderen nicht besonders verantwortungsbewusst.

In Kolumbien gab es Schuluniformen. Meine Schwiegermutter besaß fünf Schuluniformblusen – eine für jeden Wochentag. Durch die Hitze war es nicht möglich, die Bluse zwei Tage zu tragen. Etwa seit ihrem 8. Lebensjahr hatte sie u.a. ihre fünf Blusen am Wochenende selbst auszuwaschen und aufzuhängen. Sonntag war Bügeltag. Sie ist die Älteste der vier; die zweite wurde geboren, als sie sieben Jahre alt war; die anderen zwei folgten dann in einem Abstand von je einem Jahr. Das heißt, sie musste ab sofort eine massive Stütze im Haushalt sein. Als ihre jüngeren Geschwister noch zu klein zum Selberwaschen waren, musste sie also auch deren Kleidung waschen, aufhängen und bügeln. Sie hatte dadurch kaum Zeit, sich am Wochenende mit Freundinnen zu treffen; genauso wenig wie ihre Mutter. Von dem Bügeln am Sonntag in der karibischen Hitze hat meine Schwiegermutter bis heute ein Bügeltrauma: Das Bügeleisen ist heute in die hinterste Ecke des Hauses verbannt und wird nur in absoluten Knitternotfällen entstaubt.

Wäsche waschen, das bedeutete auch, dass die Kleidung ausnahmslos fleckenlos und “weiß weiß weiß, sauber und zwar picobello” (“blancoblancoblanco, limpia e impecable”) zu sein hatte. Es wurde also mit sehr heißem Wasser gewaschen, und es gab eine Art Reibe – erst aus einer Art Aluminium, später aus Glas – an dem meine Schwiegermutter die Wäsche sauberreiben musste. Und in nicht gebügelter Bluse zur Schule gehen, das ging ebenso wenig. Denn “so konnte man sich nicht sehen lassen, das machte keinen guten Eindruck (“No se veía bien, no tenía buena presentación”). Wenn sie darüber redet, wird ihre Stimme hart und sie redet im Passiv. Klingt nach massivem sozialen Druck.

Als sie 17 Jahre alt war, ging meine Schwiegermutter zum Arbeiten auf die Karibikinsel San Andrés. Von dort hatte sie auch weiter ihre Familie in Cartagena finanziell zu unterstützen. Sobald es ihr irgend möglich war, kaufte sie sich eine Waschmaschine, die früher – wie sie sagt – ja auch noch nicht das Gelbe vom Ei war: sie war kompliziert zu befüllen, das Wasser musste abgepumpt werden, die Wäsche wurde noch nicht geschleudert, musste also noch ausgewrungen werden. Dennoch eine Große Arbeitserleichterung. Als nächstes kaufte sie ihrer Mutter eine Waschmaschine. Sie erinnert sich nicht mehr, wann das genau war, aber es muss so Mitte bis Ende der 1970er Jahre gewesen sein. Diese allererste Waschmaschine hat ihre Mutter bis ins Jahr 2008 genutzt; den Umzug in eine andere Wohnung hat sie nicht mehr geschafft. Seitdem hat sie eine kleine modernere.

Meine Schwiegermutter erinnert sich, dass es schon Wegschmeißwindeln gab, als ihr Sohn (mein Mann) geboren wurde. Ökologisch ein Desaster, sagt sie, aber für sie sei das “die Rettung” gewesen: niemals Baumwollwindeln auswaschen müssen, gracias a dios!

Meine Schwiegermutter kann sich nicht vorstellen, jemals wieder mit der Hand zu waschen. Sie spielte dann durch, wie es wäre, eine dreckige Jeans mit der Hand waschen zu müssen, und wir lachten währenddessen mehrmals laut auf. Was für eine unvorstellbar umständliche, auch kraftaufwendige ätzende Tätigkeit!

Die Flecken eines gewöhnlichen Tages, Part II Foto: Anne Newball Duke

Ich

Mein eigenes Verhältnis zur Waschmaschine empfinde ich als eines der elementaren Abhängigkeit. Meine Kinder tragen nicht mehr eine Garnitur – heute nennt sich das ja Outfit (das klingt so altbacken, wie ich das schreibe) – pro Woche, sondern eine pro Tag. Es kostet mich seit Jahren harte Erziehungsarbeit, diesen Rhythmus wenigstens auf zwei Tage zu ziehen. Andererseits sollen doch meine Mädchen so wild und lebendig sein dürfen wie jeder Junge, und das taten/tun sie auch ausgiebigst… aber da bleibt eben kein Kleidungsstück sauber. Die Frage ist vielleicht eher, warum sie jeden Tag wieder von mir saubere, fleckenlose Sachen angezogen bekommen. Meine Mutter fragt mich das jetzt noch, wenn sie mich ehrlich bedauernd die Wäscheberge abarbeiten sieht. Ich kann da nur antworten: sozialer Druck. Die andern kommen doch auch sauber in die KiTa/in die Schule. Ein Fleck, und sei er noch so klein, und das Kleidungsstück wandert in den Wäschekorb. Ich denke darüber nicht erst seit heute nach, aber ich schaffe es einfach nicht, meine Kinder mit fleckigen Sachen in den Tag zu entlassen.

Ich mache bei uns die Wäsche, und zwar komplett. Wir haben es anders probiert, viele Monate des Einlernens lang haben wir es versucht, aber es ist für alle das Beste, trust me, vor allem für meine Nerven. Ich sage das ganz ohne Groll; mein Mann und ich, wir teilen uns lieber woanders die Hausarbeit auf. Ich wasche jede Woche etwa vier bis sechs Wäschen. Ich habe mal überschlagen, dass das Befassen mit schmutziger, nasser und trockener Wäsche in der Woche schon so vier bis sechs Stunden meiner Zeit einnimmt. Vielleicht ist das – frage ich mich gerade – gar nicht so viel mehr, wie meine Oma mütterlicherseits pro Woche in Wäsche investiert hat? Klingt absolut nach Rebound-Effekt! Und klar, wenn ich diese Wäschemassen per Hand waschen müsste… ich denke dann immer unweigerlich an meine Oma väterlicherseits und die Windeln… all die Windeln und keine Waschmaschine in Sicht… ich gehe unter.

Meine Freundinnen

Ein Update unter Freundinnen ergibt: zwar gibt es hier teils viel mehr Arbeitsteilung unter anderen Paaren als bei uns, aber die Wäschehaufen belaufen sich bei allen mit Kindern zwischen vier und acht pro Woche. Und das ist auch der Grund, dass wenn eine jammert, ihre Waschmaschine sei kaputt, sie mehr Mitgefühl von uns anderen bekommt, als würde sie eine… was weiß ich… zweiwöchige ätzende Krankheit haben. Wäschestau an der Waschmaschine… SOS das absolute Mörderchaos bricht aus, der ganze Alltag muss neu organisiert werden; in etwa so tiefgreifend, wie als wenn eine ganze Familie in Corona-Quarantäne muss. Ich weiß noch, wie das bei einer mal wieder passierte, und ich zu dem Zeitpunkt sogar zwei Waschmaschinen hatte, weil unser ausziehender Mieter sie für quasi nichts an uns verkaufte, um sie nicht mitschleppen zu müssen. Ich fühlte mich ganz schlecht und dachte darüber nach, ihr die eine irgendwie durch die ganze Republik zukommen zu lassen. Natürlich nicht ernsthaft, aber ich spielte den Gedanken durch.

Zuerst musste die trockene Wäsche runter, jetzt kann die die nächste gehangen werden. Für mich bedeutet diese Arbeit auch: Podcasthörzeit! Foto: Anne Newball Duke

Während eine Freundin sagt, es sei für sie auch das wichtigste Haushaltsgerät, und vor allem jenes, das nie nervt (im Gegensatz zum Drucker), sind gerade die Bedienungsfehler (des Partners) auch schonmal Anlass zu Streit bei der anderen (So á la: Wie dunkel oder wie neu darf ein dunkleres helles Wäschestück in der hellbunten Wäsche sein? An der Frage scheiden sich wahrscheinlich so viele Geister wie es Menschen auf der Welt gibt). Wiederum eine andere Freundin meinte, dass sie bei der Arbeit rund um die Waschmaschine sogar entspanne, da sie ihr am leichtesten von der Hand gehe. “Grundsolide und sehr widersprüchlich” findet sie die Waschmaschine. Widersprüchlich, weil sie einerseits ja so viel Arbeit abnimmt, und andererseits sie aber dennoch gleichzeitig so viel Zeit in der Nähe der Waschmaschine verbringt mit Beladen, Entladen, Lüften, Wäsche auf- und abhängen. Sie sagt, zudem sei sie schwer zu pflegen, auch drunter und dahinter. Die lustigsten Anekdoten sind diese: eine meiner Freundinnen kam morgens nicht ins Bad und somit auch nicht auf Arbeit, weil die Waschmaschine beim Schleudern im Bad vor die Badtür gehüpft ist. Einer anderen wiederum fiel der Motor einmal heiß qualmend in die mit Unterwäsche gefüllte Trommel und verbrannte und zerfetzte sie.

Während ich so über die Waschmaschine sinniere und darüber nachdenke, warum meine Mutter “ohne Not” auf die Waschmaschine verzichten könnte, während für mich gefühlt die Welt zusammenbrechen würde, kommt mir ein geradezu revolutionärer Gedanke: Wie wäre es denn eigentlich, die Waschmaschine abzuschaffen? Die erste Maßnahme wäre, die Wäschemassen radikal zu minimieren. Flecken würden wieder per Hand ausgewaschen, und zwar vom Kleidungstragenden selbst; es herrscht allgemein große Fleckentoleranz. Die Wäsche würde nur noch einmal pro Woche gewechselt werden, mit Ausnahme von Unterwäsche. Es würde nicht mehr so viel gekauft werden, das ewig schlechte Gewissen beim Klamottenkauf wäre bald Vergangenheit.

Meine kleine Tochter ist jetzt sieben und trägt die Klamotten ihrer Schwester auf; bei ihr musste ich bisher nur Strumpfhosen, Leggins und Jeans nachkaufen. Ich freue mich über jeden einzelnen Tag, an dem sie sich noch über die Sachen von ihrer Schwester freut. Die Große ist jetzt bald 14… das ist…. wahrhaftig ein unmögliches Alter, um als Mutter vom Wenigeranschaffen von Kleidung zu fabulieren. Sie ist seit über zwei Jahren Vegetarierin, sie weiß alles über Klimakrise usw., wie auch anders bei einer Parents for Future-Mutter, aber Mode, Klamotten… da braucht es tatsächlich eine Revolution oder aber zwei konstant harte Elternaugenpaare, um den unentwegten zuckersüßen Augenaufschlägen und dem Bitten und Flehen nach neuen Klamotten (steckt eigentlich das Wort “Motten” absichtlich dadrin? Frag ich mich zum ersten Mal…) standzuhalten. Auch hier spielt sozialer Druck und angebliche “Normalität” eine große Rolle.

Sucht meine Jüngste nicht gerade ihren Radiergummi? Nun, hier ist er, frisch gewaschen, bitte sehr. Foto: Anne Newball Duke

Ich selbst versuche mich seit Jahren im Weniger-Kleidung-Kaufen, und einige Erfolge habe ich schon erzielt (ausgenommen das letzte Coronajahr, Asche auf mein Haupt): das Gute am Alter ist, dass der Geschmack nicht mehr so sehr schwankt, und dass ich jetzt lieber auf bessere Qualität setze und dafür weniger kaufe. Aber dennoch… Mode ist was Schönes, ich mag schöne Kleidung, ich mag auch neue Kleidung, ich mag neue Farben und Schnitte… es macht das Leben bunt, und alle paar Monate zwickt und zwackt es mich… es gelüstet mich geradezu.

Nun gut, wir waren bei der Revolution, und die geht ja bekanntlich nicht allein: Wenn nun alle um mich herum es auch täten und der Rebound-Effekt zurückgedreht wär, dann bliebe der Arbeitsaufwand pro Woche ja ungefähr der Gleiche wie damals zu Großmütterzeiten… und es wäre natürlich in vielerlei Hinsicht viel ökologischer. Aber meine Bedingung wäre die: nicht nur ich, sondern die meisten Menschen müssten ihre Waschmaschinen abschaffen, dann wäre ich definitiv dabei. Denn das Gefühl, nur ich täte das … was für ein Verzichtsgefühl, was für ein Weniger-Lebenswert-Gefühl. Wahnsinn, das schockiert mich jetzt, aber damit lässt sich doch selbstkritisch weiterdenken und arbeiten.

Die Erkenntnis, dass meine Omas möglicherweise (zumindest nach der Windelzeit) gar nicht so viel mehr Zeit mit Wäsche verbracht haben könnten wie ich, hat mich jedenfalls ziemlich überrascht. Ich drehe jetzt meine revolutionäre Waschmaschinendenktrommel noch einmal konsequent eine Umdrehung weiter, denn warum gleich komplett auf die Waschmaschine verzichten – ich denke wieder schaudernd an das Jeanswaschgespräch mit meiner Schwiegermutter –, denn wirklich toll wäre doch eine wirkliche Zeitersparnis. Wie groß – frage ich mich – wäre nun eigentlich diese Zeitersparnis mit Waschmaschine, aber ohne den Rebound-Effekt seit den 1960er Jahren? Ich halte nicht viel vom Kreuzworträtsellösen, aber diese mittägliche Entspanntheit meiner Oma an einem ganz gewöhnlichen Wochentag… wunderbar. Gehört für mich definitiv unter die Top five des guten Lebens.

Bisher erschienen in der Reihe:

  1. Der Herd
  2. Die elektrische Getreidemühle
  3. Der Kühlschrank

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Irritationen und Gedanken zu Chiara Zambonis erstem Kapitel von “Sentire e Scrivere la Natura” https://www.bzw-weiterdenken.de/2022/01/irritationen-und-gedanken-zu-chiara-zambonis-erstem-kapitel-von-sentire-e-escrivere-la-natura-frei-uebersetzt-von-dorothee-markert/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2022/01/irritationen-und-gedanken-zu-chiara-zambonis-erstem-kapitel-von-sentire-e-escrivere-la-natura-frei-uebersetzt-von-dorothee-markert/#comments Thu, 13 Jan 2022 18:24:27 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=18186

Ich habe über Weihnachten das Büchlein “Ein Ort für Zufälle” von Ingeborg Bachmann gelesen, da ich nach dem ersten, eher flüchtigen Lesen des ersten Kapitels von Chiara Zamboni “Sentire e Scrivere la Natura”, hier zu lesen (und hier der Beginn der Reihe) einige Irritationen hatte, denen ich auf die Spur kommen wollte, aber auch, weil ich sehr neugierig auf den Text geworden war. Danach las ich das Kapitel erneut und hatte noch mehr Irritationen. Nach zwei Stunden vertieften Schreibens las ich das Kapitel noch ein drittes Mal, und merkte, dass sich beim vorherigen Lesen wieder Lesefehler eingeschlichen hatten. Auch jetzt gibt es die Gefahr, dass ich mich wieder irre oder etwas übersehen habe. Aber auch dafür, hoffe ich, ist unser Forum da: wenn mir eine auf die Schliche kommt, auf die ich selbst noch nicht gekommen bin, bitte sehr gern darauf hinweisen.

Foto: Anne Newball Duke

Ein Text fesselt mich normalerweise, wenn er Fragen aufwirft und nachgeht, die ich mir selbst stelle. An Chiara Zambonis erstem Kapitel blieb ich u.a. deswegen hängen, weil sie ebenfalls der Meinung ist – so wie ich –, dass “der Traum mit dem Wachsein verknüpft ist und das Wachsein sich die Wahrheit aus dem Traum holt”, und dass dies aber nur “geschieht, wenn der Übergang vom einen zum anderen nicht blockiert oder geleugnet wird”. Ich frage mich in Hinblick auf die menschliche Wahrnehmung der Klimakrise seit über zwei Jahren, warum es zu diesen Blockaden überhaupt kommt. Ich teile mit ihr die Ansicht, dass “um die Wahrheit der Welt (…) zu erfassen, ein Abstand nötig sei, ein Sich-Loslösen von einer Normalität, die nicht wirklich sehen will, sondern sich in Illusionen und Gleichgültigkeit flüchtet”.

Mich interessiert also genau das: wann und warum blockiert bei einigen der Übergang, und wann und warum gelingt anderen hingegen das Sich-Loslösen von der Normalität; sei es ganz automatisch oder durch Aufbringen einiger Mühen? Ich denke, dass dieses Sich-Loslösen ein wesentliches Moment ist, um Welt zu erkennen; und wir brauchen diese Welterkennung von möglichst vielen Menschen, um die notwendige Veränderung zu bewirken.

Ich beginne da, wo auch meine Irritationen begannen; am Ende wird der Sinn hoffentlich deutlich.

Mich haben gleich zu Beginn die vielen Passivformulierungen in Chiara Zambonis Text irritiert, aber auch Formulierungen wie diese: “nur einige wenige nehmen wahr, dass da etwas geschieht, dass eine Art Disharmonie entstanden ist”: Ich fragte mich: Wer sind “einige wenige”? Chiara Zamboni meint hier – und ich hoffe, jetzt richtig gelesen zu haben – “einige wenige” Bewohner*innen von Berlin. Nach dem Lesen von Ingeborg Bachmanns Text bin ich aber der Meinung, dass nicht “einige wenige” das wahrnehmen, sondern dass es die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann ist, die das wahrnimmt. Ich halte das für entscheidend, deswegen führe ich das etwas genauer an weiteren Textbeispielen aus.

Wenn Chiara Zamboni schreibt, “wir spüren die Auswirkungen von historischen Ereignissen mit dem ganzen Körper”, dann frage ich mich unweigerlich: wer ist für sie in Ingeborg Bachmanns Text – denn auf den bezieht sie sich hier ausdrücklich – “wir”? Ich bin der Meinung, im Text ist es “nur” Ingeborg Bachmann, die das spürt. Sie schreibt den Text “Ein Ort für Zufälle”; es sind ihre Gedanken, es ist ihr Weltgefühl, ihr Stadtgefühl. Das, was Ingeborg Bachmann spürt und wofür sie eine so großartige Sprache findet, ist in meiner Lesart nichts, was alle Menschen an diesem geschichtsträchtigen Tag im Mai 1961 gleichermaßen wahrnehmen. Es ist ihre Wahrnehmung als Schriftstellerin, und was da aus dem Unbewussten und Gewussten nach oben in ihre Wahrnehmung spült, ist eben genau das: ihre ganz spezifische Wahrnehmung. Sie bietet also ihr Wortefinden für diese Wahrnehmungen, für diese Wahrheiten an und greift damit in den Wahrnehmungshaushalt der Leser*innen ein – möglicherweise/idealerweise, denn das würde die Veränderung bringen, die sie anstrebt. Sie lässt sie also teilhaben an ihrer Sichtweise und stellt sie zur Übernahme frei. Texte wie der ihre sind also ein Veränderungsmotor, wenn die Lesenden sich darauf einlassen, sich durch den Text angeregt loszulösen von der Normalität, wieder mehr in die eigene Sichtweise zu vertrauen usw.

Ich verstehe daher nicht, warum Chiara Zamboni anhand von “Ein Ort für Zufälle” schreibt, dass “ein politisch-historisches Ereignis wie der Mauerbau in seiner Tiefe nicht vom Ich erfasst wird”. Denn Ingeborg Bachmann hat es ja gerade erfasst. Für mich ist es wichtig, welche Subjekte sich hinter dieser Passivkonstruktion verbergen. Es ist nicht irgendeine “ganz feine Wahrnehmung, durch die wir diese Realität Berlins als krank, als ein Durcheinander erleben”, es ist die “ganz feine Wahrnehmung” von Ingeborg Bachmann. Oder wessen Wahrnehmung meint Chiara Zamboni?

Ich finde diesen Punkt sehr wichtig. Denn wenn sie weiter schreibt: “Wir spüren diese Auswirkungen von historischen Ereignissen mit dem ganzen Körper”, so stimmt das natürlich, aber es ist doch die entscheidende Frage, was wer daraus macht, aus diesem Körpergefühl und -einschreibungen. Ingeborg Bachmann macht daraus Texte wie diesen. Aber was machen andere Menschen, was machen “wir” damit? Sie/”wir” verdrängen, leugnen möglicherweise (Bei Chiara Zamboni – oder in der Übersetzung? – kurz darauf im Passiv formuliert: “…, wenn der Übergang vom einen zum anderen nicht blockiert oder geleugnet wird.” ), das heißt also, nicht jedes körperliche Erkennen oder Sehen führt in eine so tiefe Auseinandersetzung mit der Welt oder der Stadt, wie Ingeborg Bachmann sie sich zumutet. Sie ist die Schriftstellerin, die zu dieser besonderen Wahrnehmung fähig ist. Sicherlich haben manche Menschen eine besondere Gabe zu einer solchen Wahrnehmung; und nicht selten werden solche Menschen Schriftsteller*innen oder Musiker*innen oder andere Formen von Künstler*innen. Eine solche Wahrnehmung ist meines Erachtens aber erlernbar (der Schreibstil sicher auch, aber um den geht’s hier noch nicht); jeder Mensch kann sie sich in einem je individuellem Maße aneignen. Ich persönlich entwickle daraus gern einen Imperativ: Leute, eignet euch doch bitte diese Wahrnehmung an – ich meine immer vor allem jene Wahrnehmung, welche einer jeden die Verbundenheit mit der Welt aufzeigt –, denn aus dieser heraus entsteht überhaupt intrinsischer, nachhaltiger Veränderungswille.

Ich würde also behaupten, nicht jeder Mensch in Berlin sieht den Mord an Walter Rathenau an diesem Maitag, und falls ihn viele sehen/wahrnehmen können, dann nicht auf dieselbe Art. Ich würde meinen, ein solcher Mord schreibt sich doch sehr unterschiedlich in die Menschen ein; je nachdem, ob dieser Mensch eine Kommunist*in ist, eine Zeug*in war, eine Rechtextremist*in usw.

Da das Vergessen in Chiara Zambonis Text eine nicht unbedeutende Rolle spielt und ich mich in der Theorie des Vergessens gut auskenne, argumentiere ich im Folgenden von ihr ausgehend. In Robin Wall Kimmerers Buch Geflochtenes Süßgras las ich gestern – zugegebenermaßen ein bisschen aus dem Zusammenhang gerissen: “Doch die Menschen sind nicht immer so achtsam wie das Wasser – wir können vergessen.” (S. 359) Chiara Zamboni hingegen schreibt: “Nichts wird vergessen, alles ist in der Wahrnehmung vorhanden.” Was stimmt nun? Für Umberto Eco ist die Ars Oblivionalis ein Oxymoron, denn es ist ihm zufolge unmöglich, einen Ausdruck zu gebrauchen und dessen Inhalt dann verschwinden zu lassen. Es könne daher nur ein Vergessen “aus Versehen” geben, “as a consequence of repression, drunkenness, drugs, cerebral lesions, an account of degeneration, decline (owing to old age or illness), and the removal of cerebral organs” (1988, S. 254). Vergessen sei also kaum möglich, aber es könne Verwirrung geschaffen werden, z.B. durch “excess”: “one forgets not by cancellation but by superimposition, not by producing absence but by multiplying presences”. (S. 260) Sein Fazit ist also, dass sich Vergessen nicht durch ein Defizit, sondern durch ein Zuviel an Information einstellt. Es gibt also durchaus Vergessensstrategien. Wenn beispielsweise Gewalt angewendet wird, kann es bei Menschen zu temporären Löschungen kommen oder zu Überblendungen, Überlagerungen, Multiplikationen, Projektionen, Verzerrungen und Verschiebungen in den jeweiligen Erinnerungen von Ereignissen (vereinfacht ausgedrückt). Zumindest temporäre Vergessenstechniken sind ebenfalls das Leugnen und Verdrängen. (Der Kapitalismus ist by the way einer der raffiniertesten Vergessenskünstler weltweit, er kennt alle Strategien des Vergessens und wendet sie unentwegt bei den Menschen an. ;)

Den je eigenen Mix aus Erinnerungs- und Vergessenstechniken gestaltet also jeder Mensch selbst, und natürlich nicht frei schwebend in einem geselllschafts- und geschichtslosen Raum; es werden also bestimmte Techniken und Inhalte von der jeweiligen Gesellschaft nahegelegt. In kapitalistisch organisierten Gesellschaften ist das Erinnern an die eigene menschliche Verbundenheit mit der Welt keine Fähigkeit, die in irgendeiner Form gewünscht oder gebraucht wird; deswegen verkümmert sie.

Dieser Argumentation folgend frage ich mich also: Ist der Mord an Walter Rathenau wirklich etwas, das in der Wahrnehmung aller Berliner*innen oder auch nur “einiger weniger” auf dieselbe Art präsent ist an diesem Maitag 1961?

Ich stimme Chiara Zamboni zu, dass “die Stadt etwas Organisches” ist, aber dieses Leben einer Stadt, “die historischen Ereignisse und die Ebenen aus ferner Zeit” zu erkennen, sie also nicht zu vergessen, das vermag nicht jeder Mensch. Und wenn wir alle es wieder erlernen würden, und dazu auch noch diesen Schreibstil erlernen würden, dann würden bei jeder Einzelnen je nach Moment und Wahrnehmungsfokus immer noch andere Wahrnehmungen an die Oberfläche gespült und sodann von dieser in Sprache und Diskurs gebracht werden. Denn die Geschehnisse sitzen bei jedem Menschen woanders und unterschiedlich tief, werden je unterschiedlich in den jeweiligen Körpern verarbeitet.

Wenn ich von der “Oberfläche” spreche, dann, weil Chiara Zamboni vom horizontalen Schreibstil spricht, also einem seitwärts-gerichteten, der sich “von Ereignis zu Ereignis weiterbewegt”. Für mich ist das ein Schreibstil, deren Aufmerksamkeit auf der Oberfläche ruht, also auf allem, was aus dem verborgenen Tiefen des (Bachmann’schen) Selbst nach oben ploppt. Das, was Ingeborg Bachmann in den Text bringt, schwimmt meines Erachtens nicht die ganze Zeit an der Oberfläche. Der Tod von Walter Rathenau schlummert sicherlich die meiste Zeit auch bei ihr in ihrem Gewussten, und zwar “normalerweise” in tieferen Sphären ihres Körpers. Ihre ganz spezifische Sichtweise, ihr Loslassen und Einlassen auf die Stadt (, die gerade entzweit wird,) hinter der Normalität bringt diesen Mord nach oben in ihre Wahrnehmung; sie verbindet ihn mit dieser neuerlichen Gewalterfahrung.

Ingeborg Bachmanns Schreibweise erinnert mich stark an das automatische Schreiben (“Écriture automatique” ;) der Surrealist*innen (tatsächlich habe ich mich – wie im Studium damals üblich – nur mit Männern beschäftigt…).

Was ich dann wieder nicht verstehe – und das hängt wahrscheinlich mit der obigen Irritation zusammen… oder es ist ein logischer Schluss aus diesem “wir”/”einige wenige”/Passivkonstruktionen usw. usf. – ist, wie und warum Chiara Zamboni dann in der Beschreibung des Bachmann’schen Schreibstils das “Subjekt als Träger von Bedeutungen, Zweifeln und Fragen” trennt von “einem Ich, das sich zum Spiegel eines Außen macht” das “ohne Repräsentationen” ist, nur “ein sprachlicher Haken, nur das Personalpronomen”. Für mich hat diese Trennung etwas Künstliches, was ja okay wäre, wenn ich dahinter einen Sinn sehen würde. Sie sagt dann, das sei ein Paradox, das typisch für die mystische Sprache sei. Nun kenne ich mich in mystischer Sprache leider kaum aus.

Ingeborg Bachmann nimmt wahr, und zwar mit all ihrem “Wissen mit ganzer Seele”. Sie ist es, die  die Verletzungen und Wunden bei ihren Mitmenschen, den Berliner*innen erkennt, weil sie ein Gespür für das Organische der Stadt hat, weil sie in dem Moment ein (Organ-)Teil von ihm ist. Und sie kann das nur erkennen, weil sie über eine riesige Breite und Tiefe geschichtlicher Erfahrung und über ebensolches immenses (geschichtliches) Wissen verfügt, und dies unentwegt im Körper arbeiten lässt (es eben nicht verdrängt und leugnet wie so viele andere, die nicht nur sich selbst in Fettpapier einwickeln, sondern auch solche Ereignisse irgendwo in ihren Körpern mit Steinen beschwert und in Fettpapier gewickelt haben und sich wünschen, es möge nie mehr in der Wahrnehmungsebene aufploppen). Nur weil sie das hat und macht und kann, ergibt das in der Kombination mit dem von ihr gewählten Schreibstil ein solch intensives wahrhaftiges Bild. Ihre Wahrnehmungsfähigkeiten sind also erst einmal die Voraussetzung für einen solchen künstlerischen Ausdruck. Diesen sucht sie sich ganz bewusst aus; sie wählt einen Schreibstil, der – wie Chiara Zamboni schreibt – “am deutlichsten Zeugnis ablegt von der Gegenwart des Unbewussten in der Naturwahrnehmung”.

Sie ist es also, die in ihrer Schreibtechnik “das Ich zu einem Spiegel eines Außen” macht usw. So gesehen braucht es dann auch nicht die Passivkonstruktion, die mich in diesem Abschnitt wieder so verwirrt hat (So u.a.: “Bachmanns Sichtweise bringt den Gedanken mit sich, dass die Welt nicht in ihrer Existenz vorgeführt werden kann. Sie kann nur von einem Ich aus gezeigt werden, …”).

Meines Erachtens gibt es also das Paradox (das aus der Trennung zwischen Ich und Selbst entsteht; siehe weiter oben) nicht, von dem Chiara Zamboni spricht. Denn es handelt sich nicht um eine Wahrnehmungstechnik – hier entstünde tatsächlich das Paradox –, sondern um eine Schreibtechnik.

Und in meiner Lesart ist Ingeborg Bachmann auch als Autorin im Text erkennbar. Ich sehe sie, auch wenn sie nicht “ich” sagt und nicht von sich selbst spricht. Ich fühle ihre Gefühle in jedem einzelnen Satz, so viel Schmerz und Zerbrechen, Angst, Gewalt und Unsicherheit in jeder Formulierung, auch wenn diese nicht unmittelbar sie selbst betreffen: “Alles ist versehrt, nicht durch Geschosse, sondern inwendig, die Körper sind durcheinander, sie sind oben oder unten zu kurz, das Fleisch ist ganz stumpf und gelähmt in den Gesichtern, ganze Mund- und Augenwinkel sind schief, und der unsichere Bahnhofsschatten macht alles noch ärger. Die Schaffnerin am Schalter muss die Decke mitsamt der S-Bahn stemmen, denn es dröhnt wieder. Die Frau hat zum Glück diese riesigen Muskeln und Hände, sie stützt, während sie gleichzeitig Fahrkarten ausgeben muss, schon wieder die S-Bahn, weil der Gegenzug zur Friedrichstraße drüber hinwegrollt. Da fällt noch ein Teil der Decke herunter, aber sie hebt ihn wieder auf, dann kommt der andere Teil herunter, auf dem auch die Siegessäule steht, dann rattert wieder die Bahn, Richtung Wannsee. Es ist eine Katastrophe. Die Leute suchen Zuflucht im Restaurant nebenan, sie hocken unter den Tischen, sie wollen den Angriff abwarten, aber die Schaffnerin kommt und sagt, es sei kein Angriff. Es gehe weiter, das werde nicht mehr vorkommen.” (S. 14f.) (Ich zitiere auch so lang, weil ich finde, die Parallelen zu heute werden so eklatant sichtbar… und mir kommen Bilder des Films “Don’t look up” in den Sinn, und ich sehe Luisa Madrigal – ach überhaupt alle Madrigals außer Maribel ;) – vor mir aus Disneys neuem Film “Encanto”…)

Wenn wir (übrigen Menschen außer Ingeborg Bachmann ;) diese Fähigkeit des Loslassens von der Normalität wichtig fänden und ernst nehmen und wieder ausbauen und nutzen würden, dann würden wir uns nicht momentan die Lebensgrundlage unter den Füßen wegzerstören. Ich habe Ingeborg Bachmanns Text vor dem Hintergrund der Klimakrise und auch der Corona-Krise gelesen. Auch hier laufen die Menschen jammernd durch die Straßen und Gassen, humpeln die Versehrten die Stiegen runter, die Körper sind durcheinander, usw. usf. Aber wer sieht das? Die jammernden und humpelnden Menschen selbst? Sie fühlen es, da bin ich sicher, aber auf welche Weise bringen sie das von ihren je eigenen Körpern verarbeitete Wissen in den Diskurs? Blockieren sie die Übergänge und werden zu Corona-oder Klimaleugner*innen und sprühen Hass in die Straßen und Gassen?

Und wer bringt das Geschehen, die Zusammenhänge, die Ereignisse, die Wahrnehmungen, “die Liebe zur Realität” (so schöne Formulierung von Chiara Zamboni) überhaupt so in den Diskurs, dass in diesem nicht mehr die Verhandlung der Normalität, sondern das Sprechen über die “Wahrheit des Realen” (Chiara Zamboni) das Ziel ist? Wissenschaftler*innen sprechen eine bestimmte Sprache, Klimaaktivisti* wiederum sprechen diese teils nach und suchen und suchen aber auch immer wieder und weiter nach Worten und Beschreibungen, um die bereits existierende Realität einer Welt in Klimakrise in den Diskurs zu bekommen. Normalität und Realität könnten nicht weiter voneinander entfernt liegen. Auch deshalb habe ich Ingeborg Bachmanns Text als so aktuell wahrgenommen. Der Chefarzt erwartet jede Minute das Flugzeug, er verspricht sich alles davon. Dann sagt er, um Ruhe zu schaffen, alle können nächste Woche nachhause. Alle husten und hoffen und haben die Fieberthermometer in der Achselhöhle, unter der Zunge, im After, und die zehn Zentimeter langen Nadeln im Fleisch. Die dunklen Balkone sind abbruchreif, keiner traut sich, heute nacht aufs Geländer zu steigen und der Nachtschwester zu drohen, die für den Nachtarzt wieder Kaffee kocht; alle machen die Pläne allein, der Plan ist ein Tunnel, oder man müsste direkt hinaus in die Wüste, müsste das Kamel aus dem Zoo befreien, (…) (Ingeborg Bachmann, “Ein Ort für Zufälle”, S. 13)

Ich finde es also wichtig, wer spricht und wer was fühlt, wer warum verdrängt und leugnet; hier ist für mich kein Passiv angebracht, denn das ist es genau, was ich herausfinden möchte, bzw. wo ich direkt in die Wunden und Fragen und Zweifel und Sprachlosigkeiten stechen möchte, weil ich es wichtig finde, Wege aus ihnen heraus zu finden.

Und natürlich: im Grunde ist es kein Rätsel mehr, warum Menschen die Fähigkeit des Loslassens nicht beherrschen (wollen, sollen). Erklärungen für die Klimakrise beispielsweise wurden genug gegeben. Wissenschaftliche Sprache, Übersetzung in einfache Sprache, Diagramme, Fakten, Tatsachen, alles auf dem Tisch. Wie gelangen sie in die Körper? Fehlen dafür andere Ausdrucksformen, andere Schreibstile? Und wenn ja, wer kann das leisten? Künstler*innen vor! Oder gibt es sie längst? Filme, Bücher, Gedichte, Musik, “ein Ort für Zufälle” von Ingeborg Bachmann, Science Fiction (vor allem feministische)… eigentlich ist alles da.

Welche Sprache müssen Klimaaktivist*innen sprechen, damit das von ihnen Gesagte in den Körpern anderer Menschen zur Bearbeitung freigegeben wird?
Foto: Angelina Haug

Im eben schon erwähnten Netflix-Film “Don’t look up” – in diesem Sinne ebenso wie Bachmanns Text  ein Angebot für Veränderungswillige, nur mit ganz anderem “Schreibstil” – wird die Frage gestellt: Wieso verstehen die Menschen nicht, wenn eine Wissenschaftlerin sagt: “In sechs Monaten geht die Welt unter, wenn wir nicht sofort etwas dagegen tun”? Warum sagen sie/”wir” der Wissenschaftlerin dann, sie soll in ein Medien-Training oder zur Therapie gehen, weil… halt wegen zuviel Hysterie und Weinen? Warum sagen “wir” ihr, sie sei zu direkt gewesen, das schockiere uns Menschen, mit so klaren direkten, wahren Worten könnten wir nicht umgehen, wir wollen es soft verpackt, unterhaltsam, dosiert, wegschwemmbar, relativierbar, manipulierbar? Warum hört niemand, wenn sie sagt, so oder ähnlich: “Wieso soll ich eine Therapie und Medien-Training machen, weil ich weine, dass die Welt untergeht und wir alle sterben werden? Sollte es nicht genau anders herum sein? Warum weint ihr nicht mit mir und kommt ins Handeln??” Wie kann es sein, dass wir alle eigentlich dasselbe sehen und hören, weil wir zur gleichen Zeit am gleichen Ort sind und dieselbe Sprache sprechen, und trotz haargenau demselben Hör-, Seh- und Fühl-Angebot dann so unterschiedlich fühlen und reagieren? Warum entscheiden sich also die einen zu weinen und zu handeln, und die anderen für das Schweigen und/oder Verdrängen und/oder Leugnen? Warum muss ich Seminare besuchen, in denen ich lerne, wie ich Leute dazu bringen kann, dass sie das Gesehene und Gehörte über die Klimakrise in ihren Körpern in einen Verarbeitungsprozess schicken? Warum hören und fühlen und spüren und sehen sie nicht die Dinge, die für das gute Leben, die für das Überleben wichtig sind? Hat der Kapitalismus alles zugekleistert? Oder wieso wickeln sie sich in Fettpapier, obwohl genau dieses Einwickeln (gewaltsamen) Tod bedeutet?

Was nun das eigentliche Thema “Natur” angeht, so kann ich dazu noch nicht viel sagen, da warte ich lieber noch ab. Ich halte fest, dass für Chiara Zamboni Ingeborg Bachmanns Schreibstil “am deutlichsten Zeugnis ablegt von der Gegenwart des Unbewussten in der Naturwahrnehmung”. Ich habe den Satz schon zig mal gelesen… ich glaube, weil auch in ihm Wahrnehmungs- und Schreibtechnik verwoben sind, geht er mir nicht ganz auf. Ich würde beide Techniken voneinander trennen. In Chiara Zambonis Lesart würde ich sagen: “Natur” entsteht zum einen als Ergebnis der Wahrnehmungsfähigkeit, welche die Aufmerksamkeit dahin lenkt, um zwischen und Bewusstem und Unbewusstem zu spüren, sowie eine Sensibilität in sich trägt, die Traum und Realität miteinander verknüpft. Und dann gibt es Menschen, die u.a. mit ihrer künstlerischen Ausdrucksform zeigen können, dass diese Wahrnehmungsfähigkeit möglich ist, und zwar für jede*. In eine solche Form gießt uns, ein solches Geschenk macht uns Lesenden Ingeborg Bachmann. Wenn wir das Geschenk annehmen, dann hat es das Potenzial, uns zu verändern. Das heißt: Nicht jeder Mensch muss den Schreibstil erlernen und Schriftsteller*in oder Künstler*in werden. Aber die Wahrnehmungsfähigkeit ist meines Erachtens wichtig, um mit ihr im besten Falle die eigene Weltverbundenheit erkennen zu können. Um sozusagen unser (menschliches) eigenes Natur-Sein, unser Von-der-Welt-Sein zu erkennen. Es ist eine der wesentlichen Voraussetzungen für ein gutes Leben für alle Würdeträger*innen dieser Welt.

Es bleibt spannend. Ich freue mich auf die nächsten Kapitel.

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DER KÜHLSCHRANK https://www.bzw-weiterdenken.de/2022/01/der-kuehlschrank/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2022/01/der-kuehlschrank/#comments Sat, 08 Jan 2022 10:36:04 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=18169

Dritter Beitrag aus der Serie: “Küchengeschichte(n) – wie Haushaltsgeräte die Care-Arbeit veränderten und verändern“

Als Kind habe ich mir geschworen, niemals mehr „einzumachen“, sobald ich das selbst entscheiden könnte. Dem Schwur bin ich treu geblieben. Ich hasste das Einmachen und das Eingemachte. Tagelang in der Waschküche am großen Herd nichts anderes tun als Einkochen, Weckgläser füllen, Gummiringe auflegen, Gläser fest verschließen. Eine selten stumpfsinnige Arbeit, wie ich fand. In unserer Großfamilie waren alle Frauen im Herbst mehrere Tage damit beschäftigt. Und wofür? Damit man anschließend den ganzen Winter hindurch diese fürchterlichen säuerlichen Sachen (Äpfel, Beeren, Kraut, Bohnen, rote Beete etc. ppp.) essen konnte. Ich bevorzugte „modernes“ Konservengemüse aus der Dose.

Ich komme auf diesem – vielleicht etwas umständlich erscheinenden – Weg zu meinem eigentlichen Thema, dem Kühlschrank, weil es mir vor allem um seine Funktion im Haushalt geht, um das Problem, auf das er reagiert: die kurze Haltbarkeit vieler Lebensmitteln zu verlängern. In meiner Kindheit wurden im privaten Haushalt noch jene Methoden alltäglich angewandt, die sich über die Jahrtausende entwickelt hatten: einkochen, einsäuern, salzen, räuchern. 

Unser neuer großer Kühlschrank

Dass auch das Kühlen eine Möglichkeit ist, das Problem der Vorratshaltung zu lösen, war offenbar schon unseren Vorfahren in der Steinzeit bekannt. Sie bauten Eisgewölbe, nutzten kühle Höhlen und Erdlöcher. Die indigenen Völker Nordamerikas entwickelten „Tiefkühlgerichte“. Das Succotash, ein Bohnen-Mais-Eintopf, wurde im Winter von den Irokesinnen zu Eisplatten gefroren, so mindestens steht es in einem meiner Kochbücher. Im Mittelmeerraum wurde in der Antike Handel mit Eisblöcken und Schnee als Luxusgütern betrieben. Erst im Spätmittelalter gelang es dann Eis künstlich herzustellen, z.B. aus Salpeter und Wasser. 

Über Jahrhunderte, ja fast Jahrtausende gab es kaum technischen Fortschritt, was die Kühlungsmethoden angeht. Man beschränkte sich auf dick ummauerte Kühlhäuser oder „Kühl“-Schränke, für die maschinell hergestelltes Eis angeliefert wurde. So etwas besaßen allerdings bis ins 19. Jahrhundert hinein in der Regel nur besonders reiche Haushalte. Manche Gemeinden unterhielten Gemeinschaftskühlhäuser. Erst die Elektrifizierung führte zum entscheidenden Durchbruch; durch sie konnten Kühlgeräte in den privaten Haushalten betrieben werden, zunächst auf Ammoniak-Basis. Vor dem 2. Weltkrieg waren diese Geräte noch enorm teuer und wurden fast nur in Hotels, Gastronomie oder im Handel eingesetzt. In Europa wurden Kühlschränke erst durch die Massenproduktion in den 50er Jahren für „Normalverdienende“ erschwinglich. 

Ich erinnere mich an die riesigen amerikanischen Kühlschränke, die in den Fernsehserien meiner Kindheit zu sehen waren und die jetzt wieder als “retro-chic” gelten. In den Küchen meiner Mutter, meiner Tanten und meiner Freundinnen waren die Kühlschränke wesentlich kleiner, oft waren sie in die Einbauküche integriert. Auch meine Großmutter hatte selbstverständlich einen Kühlschrank und anders als beim Elektroherd hatte sie keinerlei Vorbehalte gegen dieses Gerät. Butter, Milch, Sahne, Fleisch ließen sich im Kühlschrank bequem frisch halten und mussten nicht mehr rasch verbraucht werden. Die Speisekammer wurde dennoch weiterhin genutzt. Heutzutage sind sie aus den Küchen vollständig verschwunden, nur wer in einem Altbau lebt, hat noch sowas. Das „Einmachen“ gehörte in den Haushalten meiner Kindheit zum Alltag, war noch kein „Hobby“, wohl weil auf dem Land, wo ich aufgewachsen bin, viele Lebensmittel noch aus dem eigenen Garten kamen und man nur „zukaufte“. 

Schon mehr als ein Jahrhundert vorher hatte die Konserve (das luftdichte Verschließen von Nahrungsmitteln), erfunden von Nicolas Appert, und erstmals von der napoleonischen Armee im großen Stil verwendet, Haushalte unabhängiger von der eigenen Ernte gemacht. Es ist offensichtlich, finde ich, dass ohne diese Erfindung der Massenzuzug in die Städte (die in der Soziologie so viel diskutierte „Urbanisierung“) im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert in Europa kaum möglich gewesen wäre. Auch in den Städten wurde allerdings in den Familien saisonales Obst und Gemüse eingekocht. Mein Vater erzählt, dass schlecht haltbare Lebensmittel auf den Fensterbänken im Laufe des Tages umgelagert wurden, so dass sie immer im Schatten lagen. Auch musste man stets darauf achten, dass die Katzen nicht dran kamen. Milch und vieles andere musste täglich frisch geholt werden. Wurstwaren gab es, wenn überhaupt, nur geräuchert oder getrocknet. Käse musste schnell verbraucht werden, wenn es kein Hartkäse war.

Heutzutage ist das Einmachen wieder in Mode gekommen. Sterne-Restaurants werben mit ihren selbst eingelegten Spezialitäten und Hobby-Köchinnen tauschen ihren Rezepte fürs Einwecken aus. Ich dagegen mag noch immer all das Eingelegte gar nicht und kein Trend kann mich davon überzeugen, auch nicht, wenn die angesagtesten Methoden jetzt aus Südamerika oder Korea kommen sollen. Konserven spielen allerdings in meiner Küche auch keine Rolle mehr. Man bekommt ja fast alles frisch rund ums Jahr auf dem Markt. Was es grade frisch nicht gibt, darauf kann man verzichten oder besorgt es nötigenfalls als Tiefkühl-Gemüse im Supermarkt. 

Tiefgekühltes musste ich allerdings immer schnell verbrauchen, denn über die längste Zeit meines Erwachsenenlebens hatte ich nur ein ganz kleines Tiefkühlfach, in das maximal die Eiswürfelform und zwei Packungen Spinat passten. Als wir Ende der 90er Jahre in unser Haus einzogen, stand im Keller zwar noch eine riesige Eistruhe, aber deren gigantischer Stromverbrauch sorgte dafür, dass wir die ganz schnell abgeschaltet und entsorgt haben. Erst seit etwa einem halben Jahr haben wir einen großen Kühlschrank, dessen unterer Teil mehrere Tiefkühlfächer enthält. Es zeigt sich: Auch dies hat unsere Koch- und Essgewohnheiten schon wieder ein wenig verändert. Wir kochen größere Portionen, um Reste einzufrieren. Ich backe auf einen Schlag drei Zitronenrollen, weil es so schön schnell geht und man sie ja wunderbar einfrieren kann. Für Notfälle ist jetzt immer eine Tiefkühlpizza vorrätig. 

Der Kühlschrank änderte in den Haushalten innerhalb einer Generation die Essgewohnheiten . Auf den Speisezetteln stehen nun, so nehme ich es wahr, viel weniger Eintöpfe und Schmorgerichte, die sich über mehrere Tage halten. Man isst jeden Tag etwas anderes und hält dies auch für selbstverständlich. Erst durch den Kühlschrank, zunächst im Handel und dann in den privaten Haushalten, wurde es möglich auf viel mehr frische Produkte Zugriff zu haben. Verschiedene Wurstwaren, unterschiedliche Käsesorten, Joghurte, Sahne, Quark, Obst und Gemüse – all das ist stets und überall verfügbar.

Inzwischen ist der Kühlschrank mit seiner oft magnetischen Tür in vielen Küchen auch ein Nachrichtenbord. So ist es auch bei uns. Wir hängen Postkarten daran, Eintrittskarten, Zeitungsausschnitte, Erinnerungenfetzen. Unsere Söhne bringen von überall aus der Welt Magnete für uns mit. In fremden Küchen schaut man sich gerne das Kühlschrank-Bord an und erfährt so einiges über die Gastgeber. Kühlschränke gibt es in den kleinsten Küchen und auch in jede Studentenbuden ohne Küche passt ein Mini-Kühlschrank. Inzwischen sind in Deutschland 99,9 % der privaten Haushalte mit Kühlschrank ausgestattet. Auch beim Kühlschrank zeigt sich aber, dass gemeinschaftliche Nutzung in einer individualisierten Gesellschaft gar nicht so einfach zu handhaben ist. Der fast schon sprichwörtliche Streit in Wohngemeinschaften um den Joghurt zeugt ebenso davon wie der innere Zustand der Kühlschränke in vielen Büro-Küchen (Auch an meinem Arbeitsplatz übrigens; ich nutze den dortigen nie.)

1989 (in Folge des sogenannten Montreal-Protokolls) wurde die Nutzung von FCKW in der EU verboten, die in den meisten Kühlschränken als Kältemittel eingesetzt wurden. Seit 1995 dürfen sie in den Industrieländern nicht mehr verwendet werden, seit 2010 weltweit nicht mehr. FCKW (Fluorchlorkohlenwasserstoffe) sind sehr beständig und trugen maßgeblich zur Zerstörung der Ozonschicht bei. Das Verbot von FCKW gilt vielen als Beispiel dafür, dass es möglich ist, Verbote weltweit durchzusetzen und dadurch – ohne Wohlstandsverluste – die Umwelt zu schützen. Einen wichtigen Beitrag dazu lieferte – mit Unterstützung von Greenpeace – eine Entwicklung des ehemaligen DDR-Herstellers Foron, der ein Gerät entwickelte, das reine Kohlenwasserstoffe als Kältemittel verwendete. Allerdings sind auch diese immer noch klimaschädlich, wenn auch deutlich weniger als FCKW. Neuere Entwicklungen setzen auf CO2 als Kältemittel, dessen klimaschädliche Wirkung noch geringer ist. Meines Wissens wird es jedoch bisher überwiegend im Lebensmittelhandel und in der Industrie eingesetzt. 

Auf den Kühlschrank im Haushalt verzichten – ich denke, kaum eine hierzulande mag sich das ausmalen. Denn es ist ein großer Unterschied, ob man „einmacht“ oder räuchert, weil es ein schönes Hobby ist oder weil man muss. Auch trägt der Kühlschrank nicht unwesentlich zu einer gesünderen Ernährung bei. In vielen asiatischen und afrikanischen Staaten haben erst 30-40% der Haushalte einen Kühlschrank. Aber in China besitzen bereits fast 90% der Haushalte einen. Wichtige Voraussetzung für die Versorgung privater Haushalte mit Kühlschränken ist die Infrastruktur (Elektrifizierung und Logistik). Ich jedenfalls finde, dass die Verfügbarkeit eines Kühlschranks ein wichtiger Wohlstandsindikator ist. Zweifellos wünschen sich Millionen von Frauen auf der Welt einen Kühlschrank im eigenen Heim.

Bisher erschienen in der Reihe:

  1. Der Herd
  2. Die elektrische Getreidemühle
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https://www.bzw-weiterdenken.de/2022/01/der-kuehlschrank/feed/ 13
Beziehungsweise 2022 https://www.bzw-weiterdenken.de/2022/01/beziehungsweise-2022/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2022/01/beziehungsweise-2022/#comments Wed, 05 Jan 2022 09:58:51 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=18162 Irgendwann während des langen Gesprächs durch den Nieselregen des verspäteten Neujahrsspaziergangs und später in coronabedenklich kuschliger Cafewärme mit Sahnetorte gestern gab meine Freundin das Motto aus, „den eigenen Bechdel-Test zu bestehen.“ Im Klartext: Freundinnengespräche nicht (nur) zu sexuell (ir-)relevanten Typen, sondern v.a. zu den wirklich wichtigen Dingen des Frauenlebens. Ein wohltuender Kontrast zum Neujahrswunsch, den ich nur zwei Tage vorher erhielt, nämlich im neuen Jahr mal „meinen Mann zu unterstützen“. Beides zusammen bringt mich jedoch in die Verlegenheit, mir etwas verspätet doch mal eigene Vorsätze für 2022 zu überlegen. Eigene Vorsätze statt fremde (unverschämt-übergriffige) Wünsche – klingt doch gut. Aber eigentlich, das Jahr ist jung und coronadurchseucht genug für folgendes verfrühtes Fazit: Mit das beste an 2022 waren die Gespräche und Begegnung mit dieser Freundin und eben jenem zu unterstützenden Mann. Also lassen wir das doch mit den eigenen Vorsätzen. Ich nehme dafür: Möge 2022 beziehungsreich bleiben und ich wünsche es euch allen in gewohnt unverschämt-übergriffiger Manier ebenfalls!

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https://www.bzw-weiterdenken.de/2022/01/beziehungsweise-2022/feed/ 1
Kapitel 14: Das innovative Potential des „Ehrenamts“ https://www.bzw-weiterdenken.de/2022/01/kapitel-14-das-innovative-potential-des-ehrenamts/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2022/01/kapitel-14-das-innovative-potential-des-ehrenamts/#comments Mon, 03 Jan 2022 09:32:06 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=18155 Zum 20. Jubiläum der Flugschrift „Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik“ wurde das Büchlein im Christel Göttert Verlag neu aufgelegt und wird hier im Forum auch erstmals online veröffentlicht (hier der Link zum Anfang). Dies ist das 14 Kapitel: Ehrenamt.

Flugschrift
Flugschrift “Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn”

Aus der positiv zu wertenden Bedeutung, die Frauen der Sinnhaftigkeit ihrer Arbeit zumessen, erklärt sich ihre hohe Bereitschaft zu ehrenamtlicher Tätigkeit im sozialen, kulturellen und politischen Bereich. Dabei propagieren Frauen heute ein „modernes“ Ehrenamt, bei dem nicht mehr Selbstaufopferung für andere, sondern Selbstverwirklichungsmöglichkeiten, Spaß, Gestaltungsfreiheit und Gemeinsinn betont werden. Allerdings besteht die Gefahr, dass so der Glauben zementiert wird, diese Qualitäten seien mit bezahlter Berufstätigkeit nicht zu vereinbaren. Dass auch dies wieder eine falsche Alternative ist, zeigt das Ehrenamt berufstätiger Männer, sei es in Sport- und Musikvereinen, sei es in Parteien.

Ehrenamtliche Tätigkeit eröffnet die Möglichkeit, dass sich Frauen und Männer ganz auf die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit der gewählten Arbeit konzentrieren können und nicht auf öffentliche Finanzierung, also die Zustimmung institutioneller Autoritäten, angewiesen sind. Sie sollte daher nicht in großem Ausmaß in Bereichen sozialer Versorgung einspringen, deren Notwendigkeit gesamtgesellschaftlich anerkannt ist.

Ehrenamtliche Arbeit muss von wachem politischem Bewusstsein begleitet sein, so dass verhindert wird, dass die dort Tätigen durch ihren kostenlosen Einsatz an einer Qualitätsverschlechterung in der sozialen Versorgung mitwirken, indem sie Einsparungen ermöglichen oder überbrücken.

Wendet sich ehrenamtliche Tätigkeit dagegen Bereichen und Problemfeldern zu, die eben erst im Entstehen sind und deren Sinnhaftigkeit noch nicht allgemein anerkannt wird, kann ihr innovatives Potential zum Tragen kommen. Ehrenamtliches Engagement könnte so zum Seismographen für gesellschaftliche Veränderungen werden.

Dies funktioniert aber nur, wenn Frauen, die ohne Bezahlung arbeiten, dafür sorgen, dass dafür auf andere Weise Wertschätzung und Dankbarkeit ausgedrückt werden, um ein Unsichtbarwerden ihrer Arbeit zu verhindern. Hierfür müssen neue gesellschaftliche Dankbarkeitsrituale erfunden oder alte wiederbelebt werden. Diese werden dann ihren ganzen Sinn entfalten können, wenn die Unterordnung der Care-Arbeit unter die Gesetze der kapitalistischen Wirtschaftsordnung aufgebrochen ist.Aus: Ulrike Wagener, Dorothee Markert, Antje Schrupp, Andrea Günter: Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik. Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim 1999, Neuauflage 2019

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DIE ELEKTRISCHE GETREIDEMÜHLE https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/12/die-elektrische-getreidemuehle/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/12/die-elektrische-getreidemuehle/#comments Sat, 18 Dec 2021 09:29:53 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=18143 Zweiter Beitrag aus der Serie: “Küchengeschichte(n) – wie Haushaltsgeräte die Care-Arbeit veränderten und verändern

Kinder, die zu Beginn der 1980er Jahre geboren wurden und deren Mütter sich als alternativ definierten und alles anders machen wollten, werden heute zur ‚Generation Müsli‘ gezählt. Es war die Zeit, als – endlich – Rooming-in auf den Neugeborenenstationen eingeführt wurde und junge Mütter anfingen, sich in Stillgruppen zu treffen. Und natürlich spielte gesunde Ernährung eine ganz wichtige Rolle. Bloß keine gesüßten Babytees für das Fläschchen, kein Babybrei aus einer Fertigmischung der einschlägigen Konzerne, wenig Zucker, viel Gemüse und Rohkost sowie Vollkornbrot oder -brötchen, gerne selbst gebacken, statt Weißmehlprodukte. Vollwertkochbücher kamen auf den Markt. Aber: Vollkornmehl und Vollkornschrot müssen frisch gemahlen oder geschrotet verarbeitet werden, damit sie ihre Nährstoffe behalten und nicht ranzig werden. Bioläden gab es noch kaum. Also blieb nur der Weg ins Reformhaus, um dort die Dinkel-, Roggen- und Weizenkörner mahlen zu lassen. Das war in meiner Heimatstadt nicht um die Ecke. Also musste eine elektrische Getreidemühle her, natürlich mit Steinmahlwerk, damit die Körner gemahlen und nicht zerhackt werden. Damals eine Investition von 300 – 400 DM, nicht wenig für junge Familien. 

Deshalb nutzten wir sie zu zweit. Ich freute mich jedes Mal, wenn meine Nachbarin rüberkam, um ihr Getreide zu mahlen und wir dadurch gleich die Gelegenheit zu einem Freundinnen-Plausch in unserem Kleinkinderalltag hatten. Manchmal wurde eben deshalb das Körner-Mahlen auch nur vorgeschoben… 

Nun fehlten noch die Rezepte, die sich jedoch bald in der Nachbarschaft verbreiteten. Rührkuchen und Plätzchen – natürlich mit selbstgemahlenem Vollkornmehl. Verbunden war das aber auch mit der Erfahrung, dass die Kuchen zwar gut schmeckten, aber nicht mehr so schön hell und gelb aussahen, sondern eher ein wenig grau oder bräunlich und vor allem, dass die Kuchen viel leichter zerfielen, denn Vollkornmehl klebt nicht so gut wie feines Weißmehl. Doch wir Nachbarinnen tauschten unsere Erfahrungen aus und kamen zu dem Ergebnis, dass wir das mit der Vollwertigkeit nicht ganz so eng sehen wollten und einigten uns auf halb und halb, was ich übrigens bis heute beibehalten habe. Andere Nachbarskinder fanden unsere Kuchen viel leckerer als die Herkömmlichen in ihrem Zuhause. So leisteten wir also gleich noch etwas Aufklärungsarbeit bezüglich gesunder Ernährung. Auch mit Brot und Brötchen habe ich – mit gar nicht so schlechtem Ergebnis – experimentiert, zur regelmäßigen Brotbäckerin bin ich aber trotz eigener Getreidemühle nicht geworden. Bewährt bis heute hat sich die Mehlschwitze, nur noch mit frisch gemahlenem Weizen. 

Die zweite Errungenschaft war das Frischkornmüsli mit selbst geschrotetem und über Nacht eingeweichtem Getreide. Tolles Rezept meiner ebenfalls ernährungsbewussten Cousine. Mit geriebenem Apfel und frisch geschlagener Schlagsahne deutlich gesünder, allerdings auch deutlich aufwändiger, als die Müslimischungen aus der Tüte. Der Erfolg bei den Kindern war mittelmäßig, beliebter waren eindeutig Cini-Minis, die es aber nur zu besonderen Anlässen in den Ferien gab. Das selbstgemachte Frischkornmüsli ist jedoch bis heute der Hit, wenn ich es zu Frühstückseinladungen mitbringe, auch wenn die Damen mittlerweile 60+ sind. 

Und dann gab und gibt es noch den berühmten Grünkernauflauf nach dem Rezept einer Kindergartenmutter. Mit der Getreidemühle war es ja kein Problem, den dafür erforderlichen Grünkernschrot selbst herzustellen. Bei unseren Kindern war der Auflauf einigermaßen gelitten, was jedoch nicht für die zahlreichen Neffen und Nichten galt, deren Eltern weniger vollwertig orientiert waren. Hatten die Kinder sich doch schon auf die leckere Lasagne gefreut, die ich ihnen beim letzten Besuch zubereitet hatte. Nun aber gab es Grünkernauflauf und ich weiß nicht, ob es schon der Name war oder die vielen Körner, mit denen er angereichert war. Jedenfalls wollten alle nur eine kleine Portion und die Nichte, die einem Nachschlag zustimmte, wurde als Schleimerin verspottet. Seitdem ist Grünkernauflauf ein geflügeltes Wort in unserer Familie und jedes neue Familienmitglied muss ihn als Härtetest einmal über sich ergehen lassen, damit es weiß, wovon die Rede ist. 

Ja, und die Getreidemühle selbst, die macht einen Höllenlärm. Die kleine Spielgefährtin unserer Tochter fing jedes Mal vor Schreck an zu weinen, wenn die Kinder bei mir in der Küche spielten und ich das Gerät einschaltete. Die Freundin, mit der ich mir die Mühle anfangs teilte, ist längst weggezogen und hat inzwischen selber eine. Sie geht tunlichst in den Keller, wenn ihre Mühle läuft, um den Lärm nicht zu hören. 

Seit nunmehr 35 Jahren steht sie in unserer Küche und leistet gute Dienste. Sie läuft und läuft, macht immer noch Lärm und musste noch kein mal repariert werden. Sie hat nicht so ein schickes, ökologisch angehauchtes Holzdesign, wie die Getreidemühlen, die heute angeboten werden. Für mich ist sie nicht nur das Symbol der ‚Generation Müsli‘ sondern auch zu einer treuen Begleiterin geworden, die unsere Ernährungsgewohnheiten geprägt hat und ohne die ich mir meinem Hausfrauenalltag kaum mehr vorstellen könnte. 

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Bisher erschienen in der Reihe:

  1. DER HERD

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Kinder und Frauen sind am meisten betroffen https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/12/kinder-und-frauen-sind-am-meisten-betroffen/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/12/kinder-und-frauen-sind-am-meisten-betroffen/#comments Tue, 14 Dec 2021 11:28:37 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=18105 Mariam Wahed erläutert die Situation in Afghanistan

Im Spätsommer gab es eine kurze und emotionale Aufmerksamkeit für die Verhältnisse und die Menschen in Afghanistan, doch ist das Thema bereits wieder in den medialen Hintergrund gerückt. Eine, für die die Menschen in Afghanistan nie, nie, nie in den Hintergrund rücken, ist Mariam Wahed. Sie musste 1995 selber aus ihrem Heimatland fliehen und ihre Geburtsstadt Kabul verlassen. Als junge Pädagogin, die in Russland studiert und sich in Kabul für Frauenrechte eingesetzt hatte, war sie nicht erst unter den Taliban sondern auch vorher unter den Mudschahedin höchst gefährdet. Obwohl sie aus einer aufgeklärten Familie stammt, litt sie an der durch und durch patriarchalen Struktur ihres Landes, in dem der Aufrechterhaltung der ‚Familienehre‘ alles Andere untergeordnet ist.

Mariam Wahed lebt heute in der Nähe von Frankfurt und engagiert sich für Flüchtlinge aus ihrem Heimatland Afghanistan. Fotos: Juliane Brumberg

So aufregend und schwierig wie in Afghanistan war und ist auch ihr Leben in Deutschland. Sie wurde zunächst nicht als Flüchtling anerkannt, bekam keine Sprachkurse und kaum Unterstützung zur Integration. Auf eigene Faust brachte sie sich die deutsche Sprache bei, indem sie auf Kinderspielplätzen andere Mütter ansprach und sich ein Wörterbuch kaufte. Außerdem organisierte sie sich Praktika in pädagogischen Einrichtungen und hatte zunächst die Möglichkeit, als Erzieherin zu arbeiten. Nachdem ihr Pädagogik-Diplom schließlich anerkannt wurde, war sie ab 2015 in einem Jugendhaus für unbegleitete jugendliche Flüchtlinge tätig. Doch es gab Konflikte mit den Strukturen und den Betreibern der Einrichtung, sodass alte Traumatisierungen sie wieder einholten. Das hindert sie nicht daran, sich weiterhin für ihre Landsleute zu engagieren.

Obwohl Mariam Wahed mittlerweile sehr gut Deutsch spricht, haben wir ihre Antworten sprachlich überarbeitet, um deren Inhalt noch besser verständlich zu machen.

Mariam, Anfang der 2000er Jahre hast Du zunächst versucht, Dich in Deiner alten Heimat vor Ort zu engagieren. War das erfolgreich?

Bevor ich über mein Engagement spreche, ist es sinnvoll, darüber zu sprechen, wie es war, bevor die Taliban in Afghanistan erneut die Macht übernahmen. In der Zeit meines Engagements in Afghanistan hat sich – neben der teilweise positiven Entwicklung – die Gewalt empörend verbreitet und ist zu einem großen Problem in den Familien, in staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen und innerhalb der Gesellschaft geworden.

In Afghanistan geschahen und geschehen jeden Tag zahlreiche unangenehme Vorfälle und Ereignisse, täglich werden die Menschenwürde und die Menschenrechte verletzt, besonders in ländlichen Gebieten.

Selbstverbrennung, Selbstmord, Zwangsheirat, unfreiwilliges Verlassen des Zuhauses, Folterung im Gefängnis, Gefangene ohne Rechte, Zwangskinderarbeit, sexuelle Übergriffe und Verkauf von Kindern, besonders von minderjährigen Mädchen – das sind alles Menschenrechtsverletzungen, die in Afghanistan leider an der Tagesordnung waren.

Politiker haben dem wenig entgegengesetzt, innerhalb Ihrer Möglichkeiten sperren sie sich gegen die eingebrachten Gesetzesvorlagen und bestehenden Gesetze. In den letzten Jahrzehnten ist es des Öfteren vorgekommen, dass Verstöße zwar gehört wurden, die Regierung jedoch nichts dagegen gesagt noch unternommen hat. Die Vorschläge sind meist in den Schubladen verschwunden.

Die Geschichte Afghanistans ist geprägt von Kriegen, von innerer Zersplitterung und von Bedrohung von außen. Besonders in den letzten 15 Jahren wurde das Land durch Angriffe von außen und durch Bürgerkriege zerstört. Die Hauptleidtragenden waren neben den Frauen immer die Kinder, die vielfach über lange Zeiträume ihrer Menschenrechte und ihrer Menschenwürde beraubt wurden. Es herrscht ein autoritärer Erziehungsstil, der von Gewalt geprägt ist. Die bestehende Kinderschutzkonvention kann aufgrund der geringen Bildungsmöglichkeiten nicht ins Bewusstsein der Bevölkerung übertragen werden. Die Kinder werden in ein korruptes und gewalttätiges Land geboren und ihre Sozialisation ist davon geprägt. Eine normale Kindheit, wie sie in zivilisierten Ländern herrscht, ist nicht möglich. Wenn diese Kinder erwachsen werden, rächen sie sich für das, was ihnen angetan wurde. So beginnt eine Spirale von Gewalt, Hass, und Lust am Töten als Folge der Missachtung ihrer kindlichen Bedürfnisse. 40 Jahre kalte und heiße Kriege haben ganze Generationen traumatisiert.

In dieser Situation habe ich angefangen, mich für Menschenrechte zu engagieren.

2004 bin ich erstmals nach Pakistan gereist und habe dort ein großes Flüchtlingslager (“Jalosai”) besucht. In diesem Lager habe ich Interviews mit verwitweten Frauen, mit jugendlichen Flüchtlingen, mit den Lehrerinnen und Lehrern der Schule im Lager und mit der Lagerleitung geführt. Somit konnte ich während und nach dieser Reise einerseits die Situation afghanischer Flüchtlinge und Frauen in Pakistan dokumentieren und andererseits damit beginnen, ein Netzwerk von Menschenrechtsaktivistinnen und -aktivisten in Pakistan aufzubauen.

Nach dem, was ich in diesem Lager gesehen habe – wie 22 Menschen mit unterschiedlicher ethnischer Zugehörigkeit in einem Zimmer untergebracht waren und in Elend, aber dennoch in friedlichen Verhältnissen zusammenlebten – habe ich entschieden, mich von nun an für die Rechte von afghanischen Jugendlichen und Frauen, für Frieden in Afghanistan und für die Verbesserung der Lebensbedingungen afghanischer Flüchtlinge einzusetzen.

Mein Engagement ist sowohl direkt als auch indirekt, ich versuche konkret, von Unrecht und Gewalt betroffenen Menschen zu helfen.

Seit 2005 reiste ich mehrfach nach Afghanistan und besuchte das zentrale Frauengefängnis, um mit den inhaftierten Frauen zu sprechen. Ich war in Gefängnissen in Kabul, in Mazare-Sharif und in Parwan. Dazu gibt es kleine You-Tube-Filme.

Anschließend versuchte ich herauszufinden, ob es rechtliche Möglichkeiten und Wege gibt, die Frauen aus dem Gefängnis zu holen und diese in einem Frauenhaus unterzubringen.

2007 habe ich, gemeinsam mit sieben weiteren MenschenrechtsaktivistInnen, den Verein „Frauenhilfe Afghanistan – Schutz und Bildung e.V.” in München gegründet, um in konkreten Problemsituationen die betroffenen Frauen in Afghanistan besser unterstützen zu können. Von Anfang an haben wir großen Wert darauf gelegt, Kontakt zu helfenden Organisationen in Afghanistan zu pflegen. Als Vorsitzende des Vereins und gebürtige Afghanin bin ich immer noch eng mit dem Schicksal der Frauen verbunden. So konnte ich durch persönliche Kontakte zu engagierten Menschen von Terre des Femmes und Amnestie International diese für die Gründung eines neuen Vereins gewinnen und sie von der Notwendigkeit überzeugen, die Beratung finanziell zu unterstützen.

Der Verein hat inzwischen ein Netzwerk von diversen Organisationen und mehreren ehrenamtlich engagierten Kommunikations-Beraterinnen aufgebaut. Sie leben über die ganze Provinz Parwan verteilt in kleinen Dörfern und stellen für Frauen ihrer Umgebung, die aufgrund akuter Notsituationen (körperliche Gewalt, bevorstehende Zwangsverheiratung) von ihrem Zuhause fliehen müssen, den Kontakt zu der Beratungsstelle im Zentrum der Provinz her. In der Beratungsstelle werden Frauen aufgefangen und zum Frauenhaus begleitet. Ein Youtube-Film illustriert das Engagement vor Ort.

Nach 10 Jahren intensiver Arbeit in Afghanistan habe ich die Frauenhilfe Afghanistan im Jahr 2018 aufgelöst, weil sie von einigen Extremisten bedroht wurde.

Gibt es jetzt, nach dem Sommer 2021, überhaupt noch eine Möglichkeit, in Afghanistan selbst etwas für die Frauen zu tun?

Die schreckliche Geschichte in Afghanistan wiederholt sich. Mit großer Sorge sahen wir in den letzten Monaten nach Afghanistan. Die Machtübernahme der Taliban ist ein schockierender Rückschritt für das Land, insbesondere für die Rechte und Errungenschaften der Frauen. Schon jetzt dürfen sie nicht mehr mit Männern gemeinsam in die Uni-Hörsäle, Proteste von mutigen Frauen wurden brutal beendet.

Die Machtübernahme der Taliban am 15. August 2021 in Kabul bedeutet für mich und viele Mädchen und Frauen in Afghanistan den Verlust ihres Rechts auf ein freies Leben. Ich bin mir einig mit Internationalen BeobachterInnen und afghanischen Frauen, dass Mädchen und Frauen in Afghanistan die hart erkämpften Fortschritte der letzten Jahre wieder verlieren werden – insbesondere die Rechte auf Bildung, freie Berufsausübung und Selbstbestimmung.

Wir können und wir müssen Menschen in Afghanistan helfen. Vor allem jetzt, weil das Leben von Millionen Kindern durch Armut in Gefahr ist. Frauen verkaufen ihre Kinder, weil sie sie nicht ernähren können.

Hast Du noch Verwandtschaft in Afghanistan? Bist Du mit ihr in Kontakt?

Meine Familie zerbrach während des Bürgerkriegs in Afghanistan. Alle sind überall hin geflohen. Einzig eine verwitwete Schwester blieb mit ihren beiden minderjährigen Töchtern in Kabul. Sie wurde mit einem Taliban zwangsverheiratet. Als sie sich retten wollte, tötete der Taliban sie schließlich und die beiden Töchter wurden von den Taliban entführt. Während der Jahre meines Engagements konnte ich sie ausfindig machen. Sie befinden sich in einer sehr schlechten Situation. Ich stehe mit ihnen in Kontakt und sorge mit meiner Unterstützung für ihren Lebensunterhalt. Aktuell versuche ich, die beiden nach Deutschland zu holen. Der Antrag, den ich dafür bei der Bundesregierung gestellt habe, wurde jedoch leider abgelehnt. Die beiden haben inzwischen selber Kinder und sind in einer wirklich problematischen Situation. Sie sind mit ihren Kindern in einer Wohnung, die ich für sie finanziere, und dürfen dort nicht raus.

Hast Du andere Kontakte zu Menschen in Afghanistan?

Ich habe nach wie vor Kontakt mit Menschenrechtlerinnen und Aktivistinnen, die sich noch in Afghanistan befinden und viel Leid erdulden.

Ich glaube an die Menschen und an die Möglichkeit zur Veränderung. Deshalb möchte ich mit meinem spezifischen Wissen, dem einer Deutschen, die selbst als junge Frau vor Krieg und vor Bedrohungen fliehen musste und die mit der Kultur in Afghanistan sehr vertraut ist, zu dieser Veränderung beitragen. 

Seit Ende November besteht eine Whatsapp-Gruppe aus verschiedenen Aktivistinnen und Journalistinnen zum Austausch, an der ich auch teilnehme. Der Name der Gruppe ist „Freiheit und Gleichheit“.

Seit 2015 hast Du in Deutschland in sogenannten Jugendhäusern mit geflüchteten Jugendlichen gearbeitet. Erzähle ein bisschen von Deiner Arbeit dort.

Meine persönlichen Erfahrungen als Deutsche mit Flüchtlings- und Migrationshintergrund haben meinen Einsatz, mein Engagement für die geflüchteten Frauen, Jugendlichen und Kinder entscheidend geprägt.

2009 habe ich begonnen, als Sozialpädagogin in der stationären Jugendhilfe mit jugendlichen Flüchtlingen zu arbeiten. Ab 2015 arbeitete ich in einer Erstaufnahme-Einrichtung mit mehreren minderjährigen Flüchtlingen aus verschiedenen Ländern. Seitdem habe ich in meiner täglichen Berufspraxis mit über 300 jungen Geflüchteten aus Afghanistan gesprochen. Dabei habe ich immer wieder erlebt, wie sehr viele von ihnen durch den langen Krieg, durch die autoritäre Erziehung und durch den Einfluss fundamentalistischer religiöser Lehren traumatisiert sind.

Durch diese Erfahrung wurde es zu meinem großen Anliegen, immer wieder nach Afghanistan zu reisen, um mich dort verstärkt für die Rechte von Kindern und Jugendlichen einzusetzen. Ich habe versucht, mit afghanischen Politikern über die Notwendigkeit der Liberalisierung und Modernisierung bei der Erziehung afghanischer Kinder und Jugendlicher zu sprechen und sie gefragt, ob sie mich und meine Idee über den Aufbau eines Sozialdienstes auf Landesebene unterstützen werden. Die aktuelle Entwicklung macht solche Initiativen leider unmöglich.

Zurück nach Deutschland. Waren es überwiegend Mädchen und Frauen, für die Du Dich hier engagiert hast?

Im Jahr 2013 arbeitete ich in einem Frauenprojekt mit Frauen, die zwangsverheiratet wurden und von sogenanntem „Ehrenmord“ bedroht waren. Die meisten waren türkische und afghanische junge Frauen, die zwischen 16 und 21 Jahre alt waren.

Außerdem war ich mehrere Jahre engagiert in einer Selbsthilfegruppe in München und in einer Beratungsstelle insbesondere für Migrantinnen. Und auch noch in einem Verein für Muslimische Frauen, die noch nie eine Schule besucht haben. Hier konnten wir deutsche Rentnerinnen gewinnen, die Deutsch- und PC-Kurse angeboten haben.

Ich habe sowohl mit Männern als auch mit Frauen gearbeitet, hauptsächlich aber mit Frauen.

Die Arbeit mit Jungen und Männern ist auch sehr wichtig?

Ich denke, wenn die Männer gebildet und liberaler sind, gerade auch in Bezug auf Rechte der Frauen und überhaupt Menschenrechte, können sie anders handeln. In Ländern wie Afghanistan ist es wichtig, dass Männer die Bedeutung der Menschenrechte verstehen und danach handeln, weil Männer dort nach wie vor mehr zu sagen haben als Frauen. Für die Frauen wäre es sehr wichtig, einen Mann an ihrer Seite zu haben, der sie auf Augenhöhe behandelt, denn dann kann auch sie sich entwickeln.

Die vorherige Regierung Afghanistans war eine ungesunde Regierung, die es versäumt hat, ein transparentes, neues und liebenswertes Afghanistan aufzubauen, obwohl sie mit Millionen von Dollars unterstützt wurde. Afghanistan stand an der Spitze bei Korruption und Bestechung, während die Jugend in Armut, Arbeitslosigkeit und Unwissenheit lebte. So wurde Afghanistan zu einem der unsichersten Länder der Welt. Als Frau mit langjähriger Erfahrung in der Arbeit mit jungen Menschen weiß ich, wie ich mit den jungen Leuten arbeiten kann, indem ich die Gesetze und die Kultur analysiere. Für junge Menschen, die in Deutschland ankommen, ist es ein Muss, Gewalt zu vermeiden.

Siehst Du Ansätze, wie die Menschen dem Druck und auch dem Leid, das durch die Familienehre ausgelöst wird, entkommen könnten?

Ich habe den Krieg und die Gewalt mit meinen eigenen Augen gesehen und erlebt. Ich weiß, was es bedeutet, erniedrigt, eingesperrt und bedroht zu werden. Ich weiß, was es bedeutet, heimatlos zu sein, zu stranden, und ich weiß um die Schwierigkeit der Phasen des Ankommens als Migrantin.
In Afghanistan ist es sehr schwierig, sich aus den Fängen häuslicher Gewalt zu retten, und das Gesetz schützt Frauen nicht. Aber in Deutschland gibt es Rechtsstaatlichkeit und das Gesetz schützt Frauen, obwohl es bei häuslicher Gewalt noch Probleme gibt. Die Menschen müssen die Chance haben, zu lernen sich selbst zu lieben und zu respektieren, anstelle zu Opfern von Gewalt zu werden

Stehen Deine Töchter, die hier aufgewachsen und mittlerweile erwachsen sind, auch noch unter diesem Druck der patriarchalen Familienehre?

Ich habe meine Töchter selbstständig und weise erzogen. Nach dem Menschenrecht haben sie ab dem 18. Lebensjahr den Status eines Menschen, unabhängig von universellen Rechten. Ich bin glücklich, in einem Land zu leben, in dem Rechtsstaatlichkeit herrscht. Wenn Druck auf Mädchen ausgeübt wird, schützt das Gesetz sie. Das ist ein Segen, der den Frauen in Afghanistan vorenthalten wird.

Meine ältere Tochter studiert. Meine jüngste Tochter arbeitet in einer Versicherung. Beide sind emanzipiert.

Du hast mir erzählt, dass Du eine gläubige Muslima bist und dass Du Dich hier in Deutschland sehr mit dem Koran beschäftigt hast. Hilft Dir das für deine Arbeit?

Ich denke, dass mein diesbezügliches Wissen mir in der Arbeit geholfen hat. Da ich viele auf den Koran gestützte, liberalere Antworten geben konnte und gläubigen Menschen damit helfen konnte.

Inkompetente,  Menschen unterdrückende Theologen sind ein großes Unglück für die Religion und für die Menschheit, sowie auch die bösen Taten einiger Muslime Der persische Dichter sagte das vor Jahrhunderten:

Der Islam an sich hat keine Fehler.
Die Fehler sind das falsche Verhalten mancher Muslime (z.B. der Taliban).

‏Glaube ist meiner Meinung nach eine persönliche Angelegenheit, die von der Arbeit und der Regierung getrennt sein sollte. Ich bin in einer liberalen muslimischen Familie aufgewachsen. Ich bin eine Monotheistin. Ich betrachte die Handlungen religiöser Extremisten nicht als islamische Religion, denn der Islam sagt ganz klar, dass das Töten eines Menschen Unrecht ist. Der Islam betrachtet Mord als schwere Sünde, aber dennoch töten Taliban-Extremisten immer wieder im Namen der Religion. Das zeigt mir, dass die Taliban keine wirklich gläubigen Muslime sind, sondern den Islam für ihre Zwecke missbrauchen.

Im Laufe der Zeit hat sich gezeigt, dass Du durch Deine Erfahrungen schwer traumatisiert bist. Du hast das mit Hilfe von Therapeuten bearbeitet. Und jetzt versuchst Du dieses Wissen auch an andere Menschen weiterzugeben.

Ja, Ich habe die bewusste, absichtliche, schädliche, die sichtbare und die unsichtbare Gewalt erlebt. Dadurch war ich psychisch, seelisch und emotional traumatisiert. Glücklicherweise habe ich massiv daran gearbeitet. Sehr geholfen hat mir der Psychotherapeut Franz Ruppert. Er ist seit 1992 als Professor für Psychologie an der Katholischen Stiftungshochschule München tätig und arbeitet in eigener Praxis in München. Sein Konzept ist die Identitätsorientierte Psychotraumatheorie (IoPT).

Mariam Wahed hat zwei Bücher zur Trauma-Therapie in Persisch/Dari übersetzt.

In seinem Buch “Wer bin ich in einer traumatisierten Gesellschaft? Wie Täter-Opfer-Dynamiken unser Leben bestimmen und wie wir uns daraus befreien” konzentriert er sich auf einen Aspekt, der in den Trauma-Debatten oft zu kurz kommt: Es ist die Täter-Opfer-Dynamik, die zu einer Endlosschleife der psychischen Verletzungen führt. Dieses Buch habe ich im Jahr 2020 in Persisch/Dari übersetzt.
Ein weiteres Buch von Franz Ruppert, „Frühes Trauma“ habe ich ebenfalls übersetzt. Bereits durch vorgeburtliche Einflüsse oder Ereignisse rund um die Geburt und unmittelbar danach kann die Psyche eines Kindes schweren Schaden nehmen. Diese und viele andere Störungen der frühen Lebenszeit sind der Erinnerung normalerweise nicht zugänglich. Durch das von Franz Ruppert entwickelte Verfahren “Aufstellen des Anliegens” können auch früheste Traumata rekonstruiert und damit aufgelöst werden. Es geht um das Erlebbar-Machen und damit das Zusammenführen von impliziten und expliziten Gedächtnisinhalten. Gerade durch seine Praxisorientierung empfinde ich das Buch als sehr empfehlenswert für alle, die mit Menschen arbeiten.

Außerdem hast Du vor, ein eigenes Buch zu schreiben. Worum soll es darin gehen?

Ich möchte eine Biografie schreiben, in der es auch viel um meine Erfahrungen in Deutschland gehen soll. Ich möchte die Schwierigkeiten aufzeigen, mit denen ich und viele andere Migrantinnen zu kämpfen hatten, sowie die Auswirkungen der Traumata aus Afghanistan und der weitergeführten Traumatisierung auch in Deutschland. Zum Beispiel die geringe und viel zu späte Unterstützung beim Erlernen der deutschen Sprache, was zu falschen Sprachgewohnheiten führt und so schwer ist, sich wieder abzugewöhnen.

Was wünschst Du Dir von Deutschland für Dein Land und für geflüchtete Menschen aus Afghanistan?

Ich wünsche mir, dass die Bundesregierung Deutschland sich nicht von dem Taliban-Regime täuschen lässt und Frauenrechte nicht als Verhandlungsmasse nutzt.
Ich wünsche mir, dass die deutsche Bundesregierung und die internationale Gemeinschaft die Führung der Taliban nicht als politische Regierung eines Islamischen Emirats Afghanistan anerkennen sowie von jedweder monetären und nicht-monetären direkten Unterstützung der Taliban absehen.
Ich wünsche mir mehr Solidarität mit afghanischen Mädchen und Frauen und wünsche mir weiterhin die unverzügliche Evakuierung akut gefährdeter Frauen, die aufgrund ihrer Arbeit, ihres gesellschaftlichen Engagements, ihres Bekanntheitsgrads oder ihrer Lebensweise in Lebensgefahr schweben. Dazu gehören Menschenrechtsaktivistinnen, Politikerinnen, Journalistinnen, Wissenschaftlerinnen, Künstlerinnen, Repräsentantinnen von ethnischen Minderheiten und der LGBTIQ-Community. Dazu gehören auch meine beiden Nichten, denen ich ein besseres und ungefährdetes Leben wünsche.
Ich wünsche mir, dass auch Frauen, die in Frauenhäusern lebten und jetzt versteckt und gefährdet sind, nach Deutschland evakuiert werden.

Mein Appell: Volle Gleichberechtigung für die afghanischen Frauen! Ohne Gleichberechtigung und Freiheit für afghanische Frauen gibt es kein freies Afghanistan und ohne Bildung keine Entwicklung.

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Schreiben von Geschehen zu Geschehen, „zwischen Sein und Sein“ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/12/schreiben-von-geschehen-zu-geschehen-zwischen-sein-und-sein/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/12/schreiben-von-geschehen-zu-geschehen-zwischen-sein-und-sein/#comments Sat, 11 Dec 2021 12:31:09 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=18115 Link zum Beginn der Serie

Dass im Mittelpunkt des ersten Kapitels eines Buchs zum Thema „Natur“ die Stadt Berlin und der Mauerbau stehen, hat mich so sehr befremdet, dass ich erst einmal darüber nachdenken musste, was ich eigentlich unter „Natur“ verstehe. Obwohl ich natürlich weiß, dass Natur mir auch in der Stadt begegnet, ja sogar im Haus, wo sie ständig Care-Arbeit erforderlich macht (z.B. Fruchtfliegen und Spinnweben), denke ich Natur hauptsächlich als etwas, das außerhalb der Stadt, „draußen“ ist. Als ich andere nach ihren Assoziationen zum Begriff „Natur“ fragte, wurde ebenfalls das „Rausgehen“, das „Draußen“ betont, das Unbebaute, das Ursprüngliche ohne menschliche Eingriffe, die Schönheit, Flüsse, Seen, das Meer, Berge, Bäume, Pflanzen, Tiere. Auffallend war, mit welcher Begeisterung die Worte aus den Befragten heraussprudelten: „Schmetterlinge, Blumen, Steine, am Fluss entlanggehen oder am Meer, Seevögel beobachten, …“ Meine Naturfotos zeigen Landschaften, möglichst ohne Straßen und Häuser, oder Blumen, manchmal mit Schmetterlingen, Hummeln oder Bienen. Ich weiß zwar – das hab ich erst vor noch gar nicht so langer Zeit begriffen –, dass die von mir fotografierten Landschaften Natur sind, die immer auch von Menschen gestaltet worden ist, „Kulturlandschaft“ genannt, und dass all die kahlen Berge Schottlands, Irlands und der griechischen Inseln, die mir so gut gefallen, eine Folge menschlicher Abholzung vor langer Zeit sind. 

Die Vorstellung, Natur sei das, was nicht von Menschen geschaffen wurde, im Gegensatz zur Kultur, dem von Menschen Geschaffenen und Gestalteten (so steht es bei Wikipedia), hilft mir also nicht weiter, wenn ich mich auf Chiara Zambonis Text einlassen will.

Sie bleibt ihrem roten Faden treu, dem „mit den fünf Sinnen spazieren gehen“, und geht weiter auf ihrem experimentellen Weg, um unsere Beziehung zu den Dingen zu erkunden und herauszufinden, an welcher Stelle und auf welche Weise die Sprache dabei ins Spiel kommt. 

Ein Text von Ingeborg Bachmann hilft Chiara Zamboni, über Themen wie Natur, Geschichte, unbewusstes Spüren und die Sprache nachzudenken, weniger wegen seines Inhalts, sondern weil sie daran zeigen kann, auf welche Weise die Autorin hierbei die Schrift einsetzt. Es ist eine Rede, die Ingeborg Bachmann beim Entgegennehmen des Georg-Büchner-Preises 1964 gehalten hat. Der Text wurde danach in etwas veränderter Form unter der Überschrift „Ein Ort für Zufälle“ veröffentlicht.

Ingeborg Bachmann lässt uns darin ein angeschlagenes Berlin erfahren, das ganz durcheinander ist. Es ist die Zeit nach dem Krieg, gerade wurde die Mauer gebaut. Alle möchten nur ein ganz normales Leben führen. Doch der Bau der Mauer schneidet den Osten der Stadt vom Westen ab mit einer erschütternden Gewalttätigkeit. Die Berliner:innen sind jedoch „wie in Ölpapier gewickelt“, sie schützen sich vor dem, was da passiert. Sie wollen jene Verletzung nicht wahrhaben, sie wollen sie nicht sehen. Es ist nicht so, dass sie vorgeben, es gäbe sie nicht, das würde ja eine bewusste Entscheidung voraussetzen. Sie wenden unbewusst den Blick ab, denn sie wollen vor allem von dem Gedanken erfüllt sein, dass der so zerstörerische, schreckliche Krieg endlich vorbei und abgeschlossen sei. Sie wollen jetzt einfach nur zufrieden sein und im Frieden leben. Auf der einen Seite ist da also eine illusorische Harmonie, auf der anderen eine Stadt, die durch die Wunde des Mauerbaus erschüttert ist. Es geschieht an einem bestimmten Tag, einem Sonntag im Mai. 

Nur einige wenige nehmen wahr, dass da etwas geschieht, dass eine Art Disharmonie entstanden ist. Doch das dringt nicht an die Öffentlichkeit. Die meisten Menschen sind in einer Art Halbschlaf. Aber wer intensiver spürt, kann merken, „dass die Teile der durch die Mauer auseinandergeschnittenen Stadt sich neigen und aufeinander zu gleiten“ (S. 17).

Bachmann lässt uns durch ihren Text erkennen, dass ein historisch-politisches Ereignis wie der Mauerbau in seiner Tiefe nicht vom Ich erfasst wird, sondern von einer ganz feinen Wahrnehmung, durch die wir diese Realität Berlins als krank, als ein Durcheinander erleben. Dadurch hat der emotionale, moralische und politische Riss, der durch den Einschnitt der Mauer entstand, konkrete körperliche, deutlich wahrnehmbare Auswirkungen. Und damit sind wir beim wichtigsten philosophischen Kern des Textes: Wir spüren die Auswirkungen von historischen Ereignissen mit dem ganzen Körper. 

Das Spüren, das zwischen Unbewusstem und Bewusstem liegt, zeigt uns unterschiedliche Ebenen der Realität, die gleichzeitig in einer Stadt präsent sind: Gleichzeitig mit der Verletzung durch den Mauerbau 1961 hören wir die Schüsse der Rechtsextremisten, die 1922 Walter Rathenau ermordeten. Die Ereignisse der Vergangenheit drängen sich uns in der Wahrnehmung von heute auf. In Plötzensee werden die Verschwörer gegen Hitler von 1944 hingerichtet, jetzt wie damals. Nichts wird vergessen, alles ist in der Wahrnehmung vorhanden. „Was gestern war, ist heute und wird morgen sein: Die Stadt ist etwas Organisches und führt ein Leben, das die historischen Ereignisse und die Ebenen aus ferner Zeit als Teil ihres intensiven, unförmigen, sich windenden Seins miteinschließt“ (S. 18).

Eine Art hin und her wogende Aufmerksamkeit ist nötig, um zwischen Bewusstem und Unbewusstem zu spüren, eine Sensibilität, die sich zur Wahrnehmung der Traumebene der Realität hin öffnet. Denn diese ist nicht nur Traum, sondern die traumhafte Seite des Realen. So ist der Traum auch mit dem Wachsein verknüpft und das Wachsein holt sich Wahrheit aus dem Traum. Das geschieht aber nur, wenn der Übergang vom einen zum anderen nicht blockiert oder geleugnet wird. 

Bachmanns Text hilft Chiara Zamboni, etwas Wesentliches hervorzuheben: „Wir nehmen die Dinge wahr, die Bäume, die Straßen, die Tiere, die Geschäfte, die Personen, die Autos, eine Stadt und das Grün, das sie umgibt, den Sand von heute und den vor langer Zeit. In unserer Wahrnehmung ist sowohl die Natur präsent (die Spree, die Linden, die Tiere im Zoo) als auch die Geschichte (die Mauer, die Ermordung Rathenaus, die Hinrichtung der Verschwörer gegen Hitler). Die Wahrnehmung trägt die Vergangenheit und die Gegenwart in sich, das Sichtbare und das Unsichtbare“ (S. 19/20). Und noch eine weitere Erfahrung fügt Chiara Zamboni hinzu: „Wenn etwas geschieht, das gleichzeitig von Einzelnen und der Gemeinschaft als zutiefst ungerecht erlebt wird, dann zeichnet sich das nicht nur in den Gesichtern und Blicken ab, sondern auch darin, wie sich die Dinge zeigen. Die Sonne wird metallisch, die Luft kann man nicht mehr atmen, das Licht wirkt feindselig“ (S.20).

Nicht alle Formen des Schreibens seien geeignet, um dem Sich-Entfalten der wahrgenommenen Fakten in ihrer Fülle aus Traumhaftem und Unbewusstem folgen zu können, schreibt Chiara Zamboni gleich zu Beginn des Kapitels. Ingeborg Bachmann wählt ein Schreiben, das von Geschehen zu Geschehen fortschreitet und das keinen erkennbaren Anfang oder Abschluss kennt. Bachmann schreibt sehr genau, sehr durchdacht, so dass der Text im Einklang mit dem Sinn steht, den sie ihm geben will. Es ist kein Zufall, dass sie aus dem schließlich veröffentlichten Text genau die Teile entfernte, mit denen sie ihr Vorhaben in ihrer Rede erklärt hatte. Auch die Metapher von Verletzung und Wunde durch den Mauerbau kommt nicht mehr vor, denn das wäre ja schon eine Interpretation. Die Leser:innen sollen zu einem Blick auf Berlin geführt werden, der wie von selbst entsteht, ohne dass die Autorin erkennbar wird. Der Schreibstil folgt also dem, was heraussticht, darauf wird gezeigt, indem eine Tatsache nach der anderen und ein Bild nach dem anderen aufgeführt wird. Bachmann vermeidet damit einen interpretativen Diskurs, der nach einer Erklärung für die verstörenden Ereignisse sucht. Die Geschehnisse werden miteinander verbunden, aber nicht nach der Logik von Ursache und Wirkung, sondern so nebeneinandergestellt, wie sie nacheinander in ihrer Zufälligkeit sichtbar werden. Bachmann schreibt sehr genau, experimentell, und sie tut dies mit der Absicht, den Eindruck von Subjektivität sowie jegliche interpretative Symbolisierung zu vermeiden.

Chiara Zamboni schreibt nun, die Stadt, die Welt, die Natur zeigten sich in einer Unmenge von Tatsachen. Jede einzelne davon sei es wert, dass ihr Aufmerksamkeit geschenkt würde. Um die Wahrheit der Welt, so wie sie sich gerade gibt, zu erfassen, sei ein Abstand nötig, ein Sich-Loslösen von einer Normalität, die nicht wirklich sehen will, sondern sich in Illusionen und Gleichgültigkeit flüchtet. Notwendig sei ein Schritt zurück, weg von einer Unmittelbarkeit, die voll beladen sei mit vorgegebenen Interpretationen. Ebenso notwendig sei das Vertrauen in die eigene Sichtweise, die innerlich und äußerlich gleichzeitig Wahrgenommenes bezeuge.

Bachmanns Sichtweise bringt den Gedanken mit sich, dass die Welt nicht in ihrer Existenz vorgeführt werden kann. Sie kann nur von einem Ich aus gezeigt werden, das sich zum Spiegel eines Außen macht, das im Werden ist, und dessen Kräfte durch das Ich hindurchgehen. Das Ich wird dann zu einer Art Haken des Diskurses, an dem die Ereignisse aufgehängt werden. Wenn das gelingt, tritt im Erzählen von unseren Erfahrungen die unbewusste Seite unseres Erlebens hervor. 

Das Ich ist in diesem Fall ohne Repräsentationen. Es ist nur ein sprachlicher Haken, nur das Personalpronomen. Doch wir wissen natürlich genau, dass das Ich viel mehr ist als ein Personalpronomen. Es trägt einen Glauben in sich, ein Vertrauen in andere und in die Möglichkeit, etwas zu sagen, um an einem gemeinsamen Gespräch teilzunehmen.

Wir haben es hier mit einem Paradox zu tun. Auf der einen Seite haben wir ein Ich, das zu einem sprachlichen Haken schrumpft, zu einem Nichts, um sich in die Immanenz dessen hineingleiten zu lassen, in dem sich die Realität und die Welt gibt, wobei es ihm gelingt, in unbekannte Gebiete vorzudringen. Aber auf der anderen Seite sehen wir das Vertrauen, mit dem das Ich im Austausch mit anderen das Wort ergreift, wobei das Subjekt sich als Träger von Bedeutungen, Zweifeln und Fragen empfindet, ausgehend von der einzigartigen Perspektive, aus der es spricht.

Dieses Paradox ist typisch für die mystische Sprache, doch wir erleben es auch, wenn wir von der Natur sprechen wollen. Die Seele weitet sich, um empfindsam für jedes Naturgeschehen zu werden, und wird dabei zu etwas, das der Natur immanent ist. Aber gleichzeitig sprechen wir über die Natur von dem Ort aus, an dem wir sind, und wir hören währenddessen auf die spürbare Verbindung zwischen Seele und Natur. Wo der Schreibstil gewählt wird, der sich horizontal, also seitwärts von Ereignis zu Ereignis weiterbewegt und einfach bezeugt, was wahrgenommen wird, wird eine Seite jenes Paradoxes bevorzugt, nämlich diejenige, bei der das Ich sich zum Spiegel der Realität macht und sich von deren Kräften durchdringen lässt, so dass die Seele sich weitet hin zu allem, was gefühlt werden kann. Während die Sprache sich dann nacheinander an das ankoppelt, was jeweils in den Vordergrund tritt, und nichts davon bevorzugt, zeigt sie während dieser Tätigkeit, wie unbewusste Elemente auftauchen und sich in den Diskurs einschreiben. Sie lässt dabei miteinander verbundene leere Räume offen, ohne sie mit konventionellen Worten zu füllen. Dies ist der Stil, der am deutlichsten Zeugnis ablegt von der Gegenwart des Unbewussten in der Naturwahrnehmung.

Chiara Zamboni forscht nun nach den philosophischen Wurzeln, durch die Ingeborg Bachmann zu jenem Schreibstil gefunden hat, denn sie will besser verstehen, wie dieses Denken sich zur Erfahrung in Beziehung setzt, und besonders zur Erfahrung der Natur. Sie findet heraus, dass Bachmann über einen Text von Ludwig Wittgenstein zu Pascal und schließlich zu Simone Weil kam, die sie als Lehrmeisterin betrachtete. Bachmann schreibt über Simone Weil, das Schreiben sei für diese vor allem eine Übung gewesen, um irgendwann dahin zu kommen, die Distanz zwischen „Wissen“ und „Wissen mit ganzer Seele“ zu überwinden. Sie sei eine Fanatikerin der Genauigkeit im Denken und im Leben gewesen, Genauigkeit, bezogen auf die kleinsten und die größten Dinge (vgl. Bachmann, zitiert S. 28). 

Ingeborg Bachmann ist es wichtig, dass das Wissen durch ihr Schreiben zu einem Wissen mit ganzer Seele wird. Da die Seele kein Objekt ist, von dem man sprechen kann, bedarf es dafür einer Übung des Denkens, durch die die Seele sich in den Körper, die Vorstellungskraft und das Unbewusste hineinziehen lässt. Auch mit der Genauigkeit des Sprechens und Handelns verbindet sie sich. 

Den Abstand zwischen Wissen und Wissen mit ganzer Seele möchte Ingeborg Bachmann also mit ihrem Schreiben überwinden. Für sie hat das Schreiben keinen eigenen Wert, hat nichts mit einem Beruf oder dem Produkt zu tun, sondern es soll Veränderung bewirken. Dies ist für sie existenziell wichtig. Wo Transformation durch ihr Schreiben nicht möglich ist, verzichtet sie lieber darauf.

Chiara Zamboni fasst die Erkenntnisse dieses Kapitels zusammen und geht noch weiter: „Die Liebe zur Realität, zu allem, was an Schmerzlichem oder Erfreulichem geschieht, zur konkreten Erfahrung, die wir machen, wenn wir von den Tatsachen ausgehen, scheint auf den ersten Blick zu einem empirischen Wissen von Dingen und Situationen zu führen. Doch in Wirklichkeit bringt sie uns dazu, die Erfahrung und die Bedeutung der Welt auszuweiten, indem sie das Tatsachenwissen mit dem Wissen der Seele zusammenfallen lässt. Die Sprache begleitet diese Erfahrungen, heißt sie willkommen, bezeugt sie und zeigt die präzisen und tiefgehenden Verbindungen zwischen beidem auf, die der gesunde Menschenverstand normalerweise nicht sieht, da er sich gegen den Zusammenstoß mit der Wahrheit des Realen wehrt. Wenn wir diese Wahrheit einmal empfangen haben, verpflichtet sie uns, in der Realität neue, unvorhergesehene Wege zu gehen. Sie verändert das Begehren. Wenn empirisches Wissen zu einem Wissen der Seele wird, stimmt sich die Sprache in die unendliche Bewegung ein, die von Sein zu Sein fortschreitet“ (S. 29).

Am Ende des Kapitels fügt Chiara Zamboni noch einen Abschnitt über die „Bewegung von Sein zu Sein in den Figuren Meister Eckharts“ hinzu (S. 30-35), da sein Schreiben ein bestimmtes fächerförmiges Vorgehen zeigt, das im Einklang damit steht, wie das Sein sich entfaltet. Beim Studium von Meister Eckhart verstehe man noch besser, was es bedeute, so zu schreiben, dass Erfahrungen metonymisch und durchdrungen von der unbewussten und traumhaften Dimension dargestellt werden können. (Hier hat Antje Schrupp den Unterschied zwischen Metapher und Metonymie gut erklärt, der auch für die weiteren Kapitel wichtig ist).

Einen Gedanken aus dem, was sie von Meister Eckhart gelernt hat und am Ende des Kapitels darstellt, findet Chiara Zamboni ganz besonders schön: Wenn Menschen die Sprache und die Rhetorik zu ihrem eigenen Wohlbefinden und Nutzen gebrauchen, verlieren sie die Verbindung zum Sein. Wenn Worte und Gedanken dagegen nicht vom Sein getrennt werden, das uns existenziell berührt, dann nehmen sie einen bestimmten Klang an, einen Geschmack, einen Geruch. Worte haben also dort eine besondere Würze, wo das Sein sich mit dem Subjekt verbindet und das Subjekt sich mit ihm. „Dann wird das Wissen zu einem Wissen mit der ganzen Seele, wie Ingeborg Bachmann schrieb“ (S. 34).

Chiara Zamboni, Sentire e scrivere la natura. Mimesis Edizioni (Milano – Udine) 2020, 217 S., 20 €

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Vom Hunsrück über Schottland und die Fidschi-Inseln bis nach Wien und wieder zurück https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/12/vom-hundsrueck-ueber-schottland-und-die-fidschi-inseln-bis-nach-wien-und-wieder-zurueck/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/12/vom-hundsrueck-ueber-schottland-und-die-fidschi-inseln-bis-nach-wien-und-wieder-zurueck/#comments Tue, 07 Dec 2021 11:13:16 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=18093

Joan ist als Tochter von US-amerikanischen zivilen Militärangehörigen im Hunsrück aufgewachsen und lebt seit 15 Jahren in Wien. In der Bundesrepublik gilt sie als US-Amerikanerin, in Wien ist sie ein Piefke. Sie lebt und arbeitet im Internet und hat den letzten Coronawinter dazu genutzt, sich durch Ahnenforschung auf Identitätssuche zu begeben. Zwar hat Joan nicht ihre Identität gefunden, aber viele tolle Geschichten, und Maria hat Joan (“Joanalistin”) dabei auf Twitter gefunden und schon im Sommer mit ihr über Gemeinsamkeiten und Unterschiede deutscher und amerikanischer Familiengeschichtsschreibung, feministische Ahnenforschung und vieles mehr geredet.

Maria: Wie bist du auf die Idee gekommen, dich mit deiner Familiengeschichte zu beschäftigen?

Joan: Ich habe mich eigentlich mein ganzes Leben lang mit Familiengeschichte beschäftigt, zumindest indirekt. Meine US-amerikanischen Eltern haben mir den ganzen Tag von ihren Vorfahren erzählt. Meine Mutter erzählte mir immer, wir stammten vom schottischen König Robert The Bruce ab. Was für mich immer absurd erschien, da unser reales Leben als Großfamilie auf einem abgerockten Kleinbauernhof nichts Adeliges und Schickes hatte. Durch die Pandemie hatte ich auf einmal Zeit und entschied mich, diesen Anekdoten meiner Familie nachzugehen. Ein bisschen verwirkliche ich hiermit auch meinen Berufswunsch aus Teenagertagen, als Investigativ-Journalistin zu arbeiten. Auch dieses Ahnenforschungsprojekt hat wirklich stark mit dem Aufdecken von Geschichten, ja sogar Skandalen zu tun.

Maria: Hattest du konkrete Fragen bzw. ein „Suchkonzept“ oder lief das eher wie „Suche jeden Schnipsel über…“?

Joan: Mein Konzept bzw. Vorgehen würde ich jetzt, nachträglich betrachtet, so beschreiben: Am Anfang steht immer das Gespräch mit älteren Verwandten, für die groben Eckdaten, Namen und Informationen. Mit diesen Eckdaten arbeitet man dann weiter. Als zweiten Schritt habe ich dann versucht, diese Informationen zu verifizieren. D.h. ich habe versucht, andere Anhaltspunkte dafür zu finden, dass Personen, von denen ich schon Namen hatte, wirklich existierten, bzw. im Idealfall weitere Informationen zu diesen oder weiteren Vorfahren, an die sich niemand mehr erinnert. Hier ergibt sich aber aufgrund meiner US-Herkunft ein großer Unterschied und ein großes Privileg: Die Digitalisierung und zentrale Kategorisierung und Online-Zugänglichkeit alter Dokumente sind in den USA auf einem ganz anderen Niveau. Einwanderer*innen interessieren sich üblicherweise stark für ihre Wurzeln. Hier kann man vor allem der Mormonenkirche dankbar sein, die haben die größte kostenlose Online-Datenbank zur Ahnenforschung aufgebaut. Sie beinhaltet auch europäische Dokumente, wenn sich ein US-Bezug herstellen lässt, also wenn die Personen in die USA ausgewandert sind. Ich habe hier viele Sachen rausgefunden, u.a. nicht nur die Wohnadressen, sondern auch die Berufe von Vorfahren. Sehr zu empfehlen. Als nächsten Schritt, den man auch parallel zur Archivsuche machen kann, habe ich einen Stammbaum angelegt. Ich würde empfehlen, das am besten auch online zu machen, weil sich dadurch auch neue Familienstränge ergeben. Ich habe meinen Stammbaum einmal auf MyHeritage und einmal auf Ancestry.com angelegt. Da hier auch andere Menschen ihre Stammbäume anlegen, ergeben sich „matches“ und man erfährt was über noch unbekannte Vorfahren. Ich habe alle Information, die ich finden konnte, auch immer noch bei Google eingegeben. Hier tauchen manchmal Personen an überraschend anderen Stellen auf. Und zuletzt hat mir auch Facebook geholfen. Ich habe entfernte Verwandte, die noch leben, via Facebook gesucht und konnte durch die Kontaktaufnahme spektakuläre Dinge herausfinden.

Maria: Hast du während der Recherche gemerkt, dass dich manche Personen oder Familienstränge mehr interessieren als andere?

Ja. Ich stolperte z.B. bei MyHeritage über den Geburtsort meiner Ururururgroßmutter Jessie, die 1845 in Burma geboren wurde aber im Staat New York 1903 starb. Mir erschien das sehr rätselhaft. Ich hatte instinktiv das Gefühl, es steckt eine größere Geschichte dahinter. Und tatsächlich führte mich meine Recherche an das Ende der Welt, nämlich zu entfernten Verwandten auf den Fidschi-Inseln. Ihr Vater war General der West India Tea Company gewesen. Diese Spur führte mich dann schließlich zu einer 83-jährigen Dame, die seit 50 Jahren nach den Nachfahren meiner Ururururgroßmutter suchte, weil sie im Besitz von Kunst und Dokumenten von ihr war. Ihre Eltern hatten das ehemalige Haus meiner Vorfahren in New York gekauft und dort diese Gegenstände gefunden. Unter den Zeichnungen meiner Ururururgroßmutter Jessie war das Örtchen Oberwesel, ein Ort, an dem 140 Jahre später zwei ihrer Urururenkel, meine jüngere Schwester und mein Bruder, geboren wurden. Das war natürlich ein verrückter Zufall, durch den ich aber auch noch einiges über die Zeit damals gelernt habe. Der Zufall wird nämlich erklärbar, wenn man weiß, dass der Ursprung der Rheinromantik gar nicht deutsche, sondern eben britische Künstler*innen und Tourist*innen waren, die um 1840 ins Rheintal reisten, viel Landschaft zeichneten und diese veröffentlichten. Es könnte also sein, dass meine Vorfahrin als Touristin nach Oberwesel kam. Aber noch wahrscheinlicher ist es, dass sie nicht da war, aber nach der Vorlage eines anderen Bildes gezeichnet hat. Tatsächlich habe ich bei Google über die Funktion „Ähnliche Bilder suchen“ ein sehr ähnliches Motiv gefunden.

Jessie Taylor Ferrie (Joans Urururururgroßmutter), Oberwesel

Ich hätte gerne mehr über meine slowakischen Vorfahren erfahren, aber hier ist die Recherche deutlich eingeschränkter.

Maria: Wie kommt das?

Joan: Also, das hat mehrere Gründe. Das fängt schon dabei an, dass die europäischen Einwanderer*innen ja meistens erst mal in Ellis Island ankamen. Und schon dort bei der Einreise wurden dann manchmal ihre Namen verändert. So wurde mein Vorfahre dort als Andrew Kissel geführt. Da das aber sicher nicht der slowakische Name ist, ist es ganz schwer, da weiterzusuchen.

Bei meinen schottischen Vorfahren konnte ich jedoch sehr weit zurückgehen. Da hatte ich Glück, dass mein Urururururgroßvater Rev. William Ferrie, der neben seiner Tätigkeit als Pastor bei der Church of Scotland auch am St. Andrews College Geschichte unterrichtete, Vorarbeit geleistet hatte. Ich fand zwar die von meiner Mutter erwähnte Robert De Bruce-Verbindung noch nicht, aber dafür eine Verbindung zu Robert Wallace aka Braveheart. Die Verbindung ist jedoch als spekulativ zu werten. Relativ gut gesichert ist jedoch die Verbindung zu William Penn, dem Gründer von Pennsylvania. Das ist der Neffe meiner Ururururururururururrururugroßmutter gewesen.

Maria: Wie hat deine engere Herkunfts-Familie auf deine Forschungen reagiert?

Joan: Die waren ganz entzückt. Meine zwei Geschwister, deren schottische Urururgroßmutter ihren Geburtsort in Deutschland im 19. Jahrhunderte zeichnete, haben eine wichtiges für sie historisches Kunstwerk entdeckt. Bei meinem Vater gab es auch eine schöne Entdeckung, nämlich das Foto seines Urururururgroßvaters. Das hatte eine gemeinsame Vorfahrin auf einer Plattform hinterlassen. Dabei muss man wissen, dass mein Vater mit seinem Großvater keinerlei Kontakt hatte, weil dieser früh die Familie verließ. Und auf einmal hatten wir ein Foto, das eine eindeutige Verwandtschaft mit einem Mann zeigte, der bereits 1860 im Zuge des amerikanischen Bürgerkrieges starb. Mein Vater war sehr gerührt.

Maria: Was waren deine spannendsten Entdeckungen?

Joan: Da gibt es so viele.

Die erwähnte Verbindung zu den Fidschi-Inseln war sicherlich ein Highlight, wie auch die entdeckte Kunst meiner Ururururgroßmutter.

Die Töchter des Neffen von Jessie Taylor Ferrie auf den Fidschi-Inseln

Die Verbindung zur Church of Scotland, bei der drei meiner Großväter als Pastoren dienten, war aber auch sehr spannend. Ihre Tätigkeit zwang sie regelmäßig zur Flucht vor den Engländern und ließ sie schließlich den Schritt der Auswanderung in die USA vollziehen. Einer dieser Großväter war nicht nur Pastor, sondern, wie erwähnt, auch Professor am St. Andrews College. Dort experimentierte man 1845 mit dem neuen Medium Fotographie, und so existiert tatsächlich ein Foto meines Ururururgroßvaters, der zu den ersten fotografierten Menschen in Schottland gehört. Deshalb liegt das Foto auch im Archiv. (https://collections.st-andrews.ac.uk/item/prof-ferrie/37425)

Weitere Religionsflüchtlinge in meiner Familie sind Quäker. Die Familie, die den Mädchennamen meiner Urgroßmutter trägt, kam 1669 in den USA an, also rund 50 Jahre nach der Mayflower. Daher auch die Verbindung zu den Gründervätern der USA mit William Penn, weil natürlich die frühen Bewohner der USA alle eng miteinander vernetzt waren und sich gegenseitig heirateten.

Spannende Entdeckungen brachten auch meine DNA-Ergebnisse. Sie bestätigten im Grunde meine starken schottischen und irischen Wurzeln. Sie zeigen jedoch auch einen starken iberischen Zweig. Eigentlich gibt es keine spanischen und portugiesischen Hinweise in meiner Familie. Eine Erklärungsmöglichkeit wäre die Existenz der sogenannten „Black Irish“. Deshalb haben meine Eltern auch einen DNA-Test gemacht, weil ich auch diesem Geheimnis auf die Spur kommen möchte.

Maria: Was ist denn „Black Irish“?

Joan: Das ist geschichtswissenschaftlich eine umstrittene Sache, die ich vielleicht mit meiner DNA-Analyse untermauern kann. Es geht um folgende These: Im 15. Jahrhundert sollen spanische Seeleute in Irland gelandet sein und dort Beziehungen zu irischen Frauen eingegangen sein. Und damit könnte man erklären, warum in Irland heute nicht nur rothaarige Menschen leben, sondern auch dieser Typ „helle Haut, dunkle Haare“. In meinem DNA-Test kam jetzt raus, dass ich 19% iberische Vorfahren habe. Das war eine totale Überraschung, die sich auch niemand erklären konnte, weil wir eben in der Familie nur die schottischen, irischen und slowakischen Vorfahren kannten.

Maria: Siehst du Ahnenforschung v.a. als persönliche Entdeckungsreise oder steckt da auch was Politisches drin? Gibt es für dich z.B. „feministische“ Ahnenforschung?

Joan: Bei Ahnenforschung wird auf einmal Weltgeschichte sehr persönlich. Bei der Recherche kommt man auch mit dem damaligen Zeitgeschehen in Kontakt und erfährt viel über Kriege und Konflikte. Und ja, es wird sehr nachvollziehbar, welches Schicksal Frauen damals hatten. Mir sind die teilweise großen Altersunterschiede bei den Ehen aufgefallen. Frauen oder besser gesagt, junge Mädchen, heirateten oft 20 Jahre ältere Männer. Ein trauriger Fall ist hier meine Urururgroßmutter mit dem schönen Namen Keziah. Sie heiratete mit 18 Jahren in der Einöde von Ohio zwei Wochen vor der Geburt meiner Ururgroßmutter einen 40 Jahre alten Mann mit dem Namen Isaac Kepler, einen deutschen Einwanderer. In meiner DNA gibt es jedoch keine deutschen Hinweise. Jetzt frag ich mich natürlich, was hinter dieser Geschichte steckt. Übrigens starb Keziah mit gerade mal 20 Jahren bei einer Fehlgeburt. Allein diese Geschichte zeigt im Kern das Leid, eine Frau zu sein, und wie Schwangerschaften ein Todesurteil bedeuten konnten.

Und auch zum Thema Frauengeschichte: Erst vor kurzem ist noch ein sehr spannendes Detail dazugekommen. Ich habe tatsächlich noch eine sogenannte Salemhexe gefunden. Sagen dir die Prozesse von Salem was?

Maria: Nein, gar nicht. Erzähl mal.

Joan: In den USA gab es Hexenverfolgungen eigentlich nur eine sehr kurze Zeit. Ich glaube, es wurden insgesamt 19 Frauen damals in Massachusetts hingerichtet. Meine 12-fache Urgroßmutter, Mary Bradburry konnte aber vorher flüchten. Die Vorwürfe gegen sie waren natürlich total absurd, also sie könne sich in Tiere verwandeln usw. Aber vermutlich war der echte Grund ein anderer: Ungewöhnlich war ohnehin, dass sie zum Zeitpunkt der Anklage schon 77 Jahre alt war, was ein ziemlich hohes Alter für Frauen in dieser Zeit war. Und sie hatte wohl der Heirat einer ihrer Nichten nicht zugestimmt. Jedenfalls hat sie überlebt und wurde noch 85 Jahre alt.

Und dann ist da natürlich noch der feministische Aspekt mit den weiblichen Familienlinien. Viele meiner Verwandten, die auch Ahnenforschung gemacht haben, haben da nur die männliche Linie verfolgt. Das lief wahrscheinlich viel über die Identifikation mit demselben Nachnamen, und die Frauen haben den Namen mit der Heirat abgegeben und dann wurden diese Linien nicht weiterverfolgt. Also, da war ich tatsächlich die erste, die diese Linien verfolgt hat, und da kamen so coole und interessante Geschichten raus. Aber das war nicht leicht. Der Mädchenname wird ja ganz oft in der weiteren Lebensgeschichte nicht mehr angegeben, und dann muss man über den Abgleich von Vornamen und Geburtsdaten gehen, und das ist wirklich aufwändig.

Maria: Ich bin ja an den Twitter-Kurzberichten über deine Fundstücke hängengeblieben, weil ich mich selbst für Ahnenforschung interessiere. Als ich das jetzt nochmal durchgegangen bin, habe ich gemerkt, dass sich deine Recherche für mich so liest, als ob du viele schöne und spannende Geschichten gefunden hast. Auch ein paar traurige, aber insgesamt eben gute Geschichten. Und dann dachte ich daran, dass das wahrscheinlich ein entscheidender Unterschied ist, ob man nun „deutsche“ Ahnenforschung macht oder nicht. Ich rechne erst mal mit einem ganzen Haufen Nazi-Geschichten, was bei aller Neugier und kritischer Distanz doch auch eine ganz schöne psychische Barriere für mich darstellt. Das ist noch keine Frage…Aber ein bisschen unschöne amerikanische Geschichte hast du ja doch auch gefunden. Kannst du sagen, was das mit dir macht?

Joan: Als ich als Kind mit meinen US-amerikanischen Eltern nach Deutschland zog, fiel mir schnell auf, wie wenig meine Schulfreunde über ihre Vorfahren wussten. Das ist in Österreich – ich wohne seit 15 Jahren hier – nicht anders. Ich denke also das Thema „Angst vor Schandflecken“ existiert nicht in dem Ausmaß bei mir. Als ich rausfand, dass ein Urgroßvater in Alabama geboren wurde, war mir jedoch sofort klar, dass ich auf Sklaven stoßen würde. Das ist einfach unvermeidbar, wenn man einen Südstaatenbewohner entdeckt im Stammbaum. Und so habe ich erfahren, dass mein Urururgroßvater Henry, der auch später im Bürgerkrieg fiel, eine 12 Jahre ältere zweifache Witwe heiratete, die 18 Sklaven besaß. Die 18 Sklaven gingen ca. 1850 auf seinen Namen über. Ich hatte gehofft, nicht solche Vorfahren zu haben. Aber ich habe sie leider. Und so muss ich damit leben, dass meine Vorfahren zum Teil des Problems gehören, das wir bis heute in den USA mit Rassismus haben. Ein bisschen „Ausgleich“ sind hier meine Quäker-Vorfahren, die zumindest geflüchtete Sklaven aufnahmen. Und so gibt es auch hier Licht und Schatten.

Aber ja, mein US-amerikanischer Hintergrund beeinflusst natürlich meine Recherchen. Wie schon gesagt, es ist einfacher durch die Vorarbeit z.B. der Mormonen. Aber es ist auch viel üblicher. Ich habe gelesen, dass nach Gärtnern Ahnenforschung das zweitbeliebteste Hobby in den USA ist.

Maria: Mir ist auch aufgefallen, dass ich in Deutschland z.B. eigentlich niemanden kenne, der so eine DNA-Analyse hat machen lassen. Das hat sicher auch ein bisschen mit in Deutschland grundsätzlich größeren Bedenken zum Datenschutz zu tun. Aber vielleicht auch mit einem Unwohlsein gegen solche DNA-gestützte Zuteilung zu ethnischen Gruppen und eine befürchtete Nähe zur NS-Rassenforschung.

Joan: Oh ja, das ist mir auch aufgefallen, das ist wirklich ein Unterschied. Und da verstehe ich die deutsche Perspektive auch voll. Hier gibt es eben einfach diese Geschichte der „staatlichen Ahnenforschung“. Und auch bei den DNA-Analysen sind natürlich die US-amerikanischen Datenbanken viel größer, US-Amerikaner*innen finden viel mehr, und es kommt zu diesen irren Geschichten, dass Leute ihr biologischen Eltern oder Geschwister finden. Aber natürlich gibt es auch in den USA Menschen, die diese Analysen nutzen, weil sie zeigen wollen, dass sie keine schwarzen Vorfahren oder so haben. Für mich persönlich ist Ahnenforschung aber ein Partythema.Und zu dem Datenschutz…Ja, also wenn einem Anonymität wichtig ist, sollte man eher keine DNA-Analyse machen lassen. Vielleicht zahle ich auch irgendwann in der Zukunft einen Preis für meine Neugier jetzt, wer weiß. Aber es ist wirklich interessant, was man da finden kann.

Ja, und dann haben Joan und Maria sich noch ein bisschen darüber unterhalten, warum Geschichte überhaupt interessant oder uninteressant ist. Einig waren sie sich ganz schnell darin, dass die Verbindung der eigenen (Familien-)Geschichte mit (Welt-)Geschichte beides zugänglicher und interessanter macht. Aber hat das Gestern und Vorgestern mit dem Heute und Morgen etwas zu tun? Kann man vielleicht sogar, wie Joan vorschlägt, Geschichtswissenschaft wie Big Data verwenden, um etwas für die Zukunft zu lernen? Ein Schüler der 6. Klasse, in der Maria mal Geschichte unterrichtet hat, hat sich jedenfalls sehr gewünscht, in Geschichte etwas über die Zukunft zu lernen. Und Maria hat auf jeden Fall viel über freudvolle Ahnenforschung gelernt. Anregung für den nächsten Coronawinter…Vielen Dank, Joan!

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Frauen in der Sportberichterstattung https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/11/frauen-in-der-sportberichterstattung/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/11/frauen-in-der-sportberichterstattung/#comments Mon, 29 Nov 2021 16:51:04 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=18078 Wenn Frauen die Führung übernehmen, entwickeln Sportverbände sich positiv. Das war eine interessante Information bei einer gemeinsamen Veranstaltung von Journalistinnenbund und Deutschlandfunk, in der es überwiegend um die politische Dimension der alltäglichen Sportberichterstattung ging.

„Raus aus der Abseitsfalle“ war die Veranstaltung, ein sogenanntes Medienlabor, überschrieben, die der Journalistinnenbund in Kooperation mit dem Deutschlandfunk zu Frauen in der Sportberichterstattung organisiert hatte. Und so ist es, die Frauen stehen im Abseits, sowohl als Berichterstatterinnen und Kommentatorinnen über Sportereignisse als auch als aktive Sportlerinnen, über die viel zu wenig berichtet wird.

Das als Präsenzveranstaltung geplante Medienlabor fand, Corona geschuldet, leider nur digital statt, aber es wurde aufgezeichnet und kann unter diesem link angeschaut werden. Und es ist, obwohl es drei Stunden dauert, keine Minute langweilig, ideal für lange Winterabende in der Corona-Zeit. Ich selber bewege mich lieber sportlich, als dass ich Sportsendungen verfolge, bin also keine Expertin, aber hier ging es um etwas ganz anderes, nämlich um die sehr unterschiedliche Weise, wie und von wem über Männer und Frauen im Sport berichtet wird. Warum heißt es 1. und 2. Bundesliga, wenn es Männer sind, die hinter dem Ball herlaufen und Frauenfußball, wenn Frauen Fußball spielen? Warum wird bei einer Bundestrainerin für Stabhochsprung davon ausgegangen, dass sie nur Frauen trainiert? Und ob das ein Ehrenamt ist? Warum können nur 48 Prozent der Spitzensportlerinnen von dem Geld leben, das sie bekommen? Warum wird bei einer Fußballkommentatorin gefragt, ob sie überhaupt eine Erlaubnis hat, sich außerhalb der Küche aufzuhalten? Wie mit einem Brennglas zeigt sich auch beim Sport: Männer sind die Norm, Frauen die Abweichung, das Außergewöhnliche. Das Schlimme ist eigentlich, dass uns dies im Alltag noch nicht einmal auffällt. Wir sind es nicht anders gewöhnt

Hochdifferenziert haben darüber beim Medienlabor Sportjournalistinnen sowie eine Trainerin und eine ehemalige Spitzensportlerin diskutiert. Schon der Keynote der ZDF-Sportreporterin Claudia Neumann zuzuhören, war ein Genuss. Ihre Kolleginnen aus anderen Medien in den anschließenden Diskussionsrunden standen ihr in nichts nach, zumal alle immer bemüht waren, nicht die üblichen Anschuldigungen zu wiederholen, sondern herauszuarbeiten, in welchen Konstellationen Männer und Frauen völlig unkompliziert und gleichberechtigt zusammenarbeiten und unter welchen Bedingungen das nicht der Fall ist: Häufig dann, wenn in Redaktionen mit vielen älteren gestandenen Männern junge Kolleginnen neu dazukommen. In jungen Redaktionen dagegen sei das Geschlecht kein Thema. Ein Thema ist es aber leider für unqualifizierte, anonyme Wichtigtuer in den sozialen Netzwerken, die Frauen, insbesondere als Fußballkommentatorinnen, übelst beleidigen. Warum eigentlich?

Dazu hatte die Sportsoziologin Ilse Hartmann-Tews Einiges zu sagen. Allein der Rückblick in die Geschichte zeige, dass schon beim Turnvater Jahn Sport nur männlich gedacht und zum Teil militärisch ausgerichtet war. In der Schule gab es ein Pflichtfach Sport lange Zeit nur für Jungen. Erst 50 Jahre später wurde es für Mädchen eingeführt, dann aber mit Gymnastik und Tanz und nicht mit Fußball und Rugby. ‚Mannhaftigkeit‘ galt lange als das Wesentliche des Sports.

Im weiteren Verlauf der Veranstaltung, wurde deutlich, dass auch die Sportverbände große Probleme mit dem Thema ‚Sexuelle Gewalt‘ und – ähnlich wie die Kirchen – noch keinen guten Weg gefunden haben, damit angemessen umzugehen.  

Zurück zur Sportberichterstattung, in der, so Hartmann-Tews, die Marginalisierung von Frauen Kontinuität hat. Außerdem würden sie weniger bei der Ausübung ihres Sports gezeigt, sondern am Spielfeldrand oder im privaten Umfeld. Das nannte sie ‚Entsportlichung‘ der Frauen. Aber, und das finde ich einen besonders interessanten Aspekt, Hartmann-Tews hatte auch Positives zu berichten: Frauen im Präsidium oder als Vorsitzende eines Sportverbands verändern dessen Situation positiv, sowohl bei der Gewinnung Ehrenamtlicher, als auch bezogen auf die finanzielle Situation. Frauen würden sich nach diesen Positionen nicht drängen, aber hineinwachsen und nach ein paar Jahren zeige sich, dass ein weiblich geführter Verband besser geführt werde.

Insgesamt also eine sehr informative und auch wichtige Veranstaltung von Journalistinnenbund und Deutschlandfunk. Gerade weil wir beim Thema Sport oft nicht politisch hinschauen, sondern uns eben für den Sport und die Ergebnisse interessieren, bemerken wir nicht, wie uns ganz subtil überholte Rollenbilder mitgeliefert werden, die sich dann verfestigen.

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Wenn traditionelle Religionen gesellschaftlich immer mehr an Bedeutung verlieren https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/11/wenn-traditionelle-religionen-gesellschaftlich-immer-mehr-an-bedeutung-verlieren/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/11/wenn-traditionelle-religionen-gesellschaftlich-immer-mehr-an-bedeutung-verlieren/#comments Fri, 26 Nov 2021 12:16:37 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=18021

Angesichts des Schneckentempos, in dem dringend notwendige Veränderungen bei den Kirchen vorangehen, und besonders wenn mal wieder ein wichtiger Vorstoß, z.B. von Maria 2.0, einfach nur abgeschmettert wird, denke ich öfter: „Geht sterben! Ihr habt es nicht besser verdient, als dass ihr gesellschaftlich und politisch immer mehr an Bedeutung verliert und eure Mitgliederzahlen rapide zurückgehen!“

Nun gut, immerhin gibt es jetzt nach dem kurzen Zwischenspiel von Margot Kässmann schon die zweite Frau im höchsten Amt der Evangelischen Kirche Deutschlands. Und die Präsidentschaft des Zentralkomitees der deutschen Katholiken wird ebenfalls zum zweiten Mal durch eine Frau ausgeübt. Ich wünsche Annette Kurschus und Irme Stetter-Karp von Herzen alles Gute für ihr zukünftiges Wirken. Dass sie viel bewegen können, wage ich allerdings nicht zu hoffen. 

Eine Aussage, die Ina Praetorius dieser Tage ihren Facebook-Followern hingeworfen hat, bringt mich nun dazu, meine resignative, ja manchmal fast schadenfrohe Haltung gegenüber den Kirchen nochmals zu überdenken. Sie schrieb: „Solange wir als Gesellschaft keinen tragfähigen Ersatz für die Matrix der traditionellen Religionen gefunden haben, sollten wir vorsichtig sein mit allgemeinem Religions-Bashing.“

Ein solcher Ersatz war früher beispielsweise die Arbeiterbewegung mit ihrer Hoffnung auf den Sozialismus und ihrem Eintreten für Solidarität und ein besseres Leben aller.

Dass da wirklich etwas fehlt, zeigt sich z.B. an der zunehmenden Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal anderer wie beim lockeren In-Kauf-Nehmen von wieder mehr Todesfällen durch und wegen Covid, an böswilligen Verleumdungen und Hassbotschaften im Netz und daran, wie oft Menschen, die einen Unfall verursacht haben, einfach weiterfahren, ohne sich um mögliche Verletzte zu kümmern. Vielleicht hat ja auch die Gläubigkeit gegenüber Verschwörungstheorien etwas damit zu tun, dass etwas Tragfähigeres fehlt.

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Mutter! Eine sehenswerte Ausstellung in der Kunsthalle Mannheim https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/11/mutter-eine-sehenswerte-ausstellung-in-der-kunsthalle-mannheim/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/11/mutter-eine-sehenswerte-ausstellung-in-der-kunsthalle-mannheim/#comments Sun, 21 Nov 2021 13:17:42 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=18041 Es gibt keine Definition von Mutterschaft und Muttersein, und es kann auch keine geben, weil sich darin biologische, soziale und kulturelle Aspekte unentwirrbar vermischen. Während die biologischen Aspekte kaum und die sozialen Aspekte nur langfristig veränderbar sind, findet auf kultureller Ebene eine viel dynamischere Verständigung statt. Hier werden Geschichten erzählt und Bilder geschaffen, in denen die Einzelperspektive zählt. Kultur wird von Individuen gemacht, die natürlich von ihrer Zeit und ihrem Kontext geprägt, aber nicht davon determiniert sind. Es muss keine Technologie entwickelt, kein Gesetz geändert, kein Schulbuch neu geschrieben werden, Kunst und Kultur können spontan, jederzeit mit Neuem intervenieren.

Cindy Sherman, unititled, 1990

Umso auffälliger ist, wie konventionell die – zumindest als solche tradierte – Kunst das Thema Mutterschaft lange behandelt hat. Das wird deutlich, wenn man die Ausstellung „Mutter!“ besucht, die noch bis zum 6. Februar 2022 in der Kunsthalle Mannheim gezeigt wird. Sie ist unbedingt einen Besuch wert. Erstens sind dort auch großartige neuere und weniger den Konventionen verpflichtete Werke zu sehen, und zweitens ist es eben auch interessant, diese doch stark verengte Perspektive unserer Kulturgeschichte einmal so deutlich vor Augen geführt zu bekommen.

Das Konventionelle besteht darin, dass eigentlich bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts die Darstellung von Mutterschaft sich allergrößtenteils auf Imitationen und Variationen des Motivs „Madonna mit Kind“ beschränkt hat. Die Mutter, die auf das Kind hinabblickt, das sie im Arm hält. Das Kind ist im Zentrum, denn wir wissen ja – es ist nicht einfach nur ein Kind, es ist der Erlöser. Mir war nicht klar, wie dominant diese Ikonografie war und bis heute ist. Und ja, das ist eine männliche Tradition, wie sich auch in der Pressemitteilung der Kunsthalle widerspiegelt, wo die Einführung in die gezeigten Werke mit den Worten beginnt: „In der Ausstellung sind Arbeiten von Egon Schiele, Pablo Picasso, Edvard Munch, René Magritte und Otto Dix zusehen.“

Tatsächlich sind die vielen Variationen von „Mutter mit Kind auf dem Schoß/an der Brust“ dann auch langweilig, vor allem wenn man sie so geballt in einem Raum sieht. Natürlich sind die Bilder gut, sie sind jeweils im typischen Schiele-Picasso-Munch-Magritte-usw.-Stil gehaltene Versionen der Ikone, aber abgesehen davon sind sie (oder wirkten auf mich) eben nicht originell. Irgendwie orientierten sich auch weibliche Künstlerinnen wie Pauls Modersohn-Becker stark an diesem Motiv. Es gibt allerdings fließende Übergänge. Auf die Spitze getrieben wird es schließlich in der Skulptur von Käthe Kollwitz, die eine auf der Erde hockende Mutter zeigt, die ihre beiden kleinen Kinder umklammert: die Symbiose von Mutter und Kind als unzertrennlicher Einheit.

Valie Export, ohne Titel, 1976

Nur schwer scheint in der Kunst die Idee Eingang gefunden zu haben, dass Mutter und Kind sich möglicherweise auch anders zueinander verhalten können. Zum Glück sind auch solche Werke reichlich in der Ausstellung vertreten: Valie Exports Frau, die anstelle eines Kindes ihren Staubsauger umarmt, Chantal Joffes Selbstbildnisse mit ihrer Tochter Esme. Ein schöner Kontrast auch Rineke Dijkstras „Julie“: die Fotografie einer jungen Frau in Krankenhaus-Unterhosen, die ihr Neugeborenes im Arm hält – in der traditionellen Ikonografie ist die Mutter meist ganz auf das Kind bezogen, während das Kind oft ins Publikum schaut, hier ist es andersherum: Die Mutter schaut direkt die Betrachterin an, während sie den Kopf des Kindes schützend mit der Hand abdeckt.

Nicht nur die schützenden und nährenden, auch die „dunklen Seiten“ der Mutter werden thematisiert, etwa in Tracey Moffatts Fotoserie „Scarred for Life“ über das Leid, das Mütter auch über ihre Kinder bringen können. Am spektakulärsten ist sicher die Installation „Mootherr“ von Laure Prouvost, die extra für diese Ausstellung entwickelt wurde: ein begehbares Licht-Klang-Skulpturen-Spektakel mit vielen Brüsten und Inside-Uterus-Feeling.

Laure Prouvost: Mootherr, 2021

Ebenfalls präsent ist das Thema der Nicht-Mutterschaft, allerdings nicht konzeptionell herausgearbeitet, sondern eher verstreut. Da wäre etwa die eindrückliche Fotoserie von Elina Brotherus über ihren vergeblichen Versuch, schwanger zu werden (deren Schluss-Foto den sprechenden Titel „My Dog is Cuter Than Your Ugly Baby“ trägt). Aber auch Jeanne Mammens Bild „Die Kindsmörderin“ von 1910-1915, oder Tracey Emins Installation „Feeling Pregnant“ gehören dazu – und letztlich sogar die berüchtigten Tote-Föten-Fotogafien von Lennart Nilsson, die fast verschämt in einer Ecke platziert wurden, vermutlich weil sie wegen ihrer späteren Instrumentalisierung durch fanatische Abtreibungs-Gegner*innen einen schlechten Ruf haben. Aber letztlich sind auch sie nur künstlerische Zeugnisse der schichten Tatsache, dass eben nicht jede Schwangerschaft in der Geburt eines Kindes mündet.

Elena Brotherus: My Dog is Cuter Than Your Ugly Baby, 2013

Neu war mir, dass es in der Kunstgeschichte neben dem Topos der „Madonna mit Kind“ noch einen weiteren häufig bearbeiteten Aspekt gibt: Viele Künstler*innen haben sich explizit mit dem Tod der/ihrer Mutter auseinandergesetzt. Vielleicht ist das ein Spiegelbild der Madonnen-Erzählung – wo die Mutter-Kind-Symbiose am Anfang des Lebens das größte Glück ist, ist der Tod der Mutter die größte Katastrophe. Es gibt eine ganze Reihe von Arbeiten, die dieses Thema aufgreifen, am eindrücklichsten für mich war „The Orbituary“ von Sophie Calle über den Tod ihrer Mutter, die sich wiederum zuvor mit dem Tod von ihre eigenen Mutter auseinandergesetzt hatte. Unter anderem gehört dazu eine Texttafel, auf der steht:

On December 27, 1986, my mother wrote in her diary: „My mother died today.”
On March 15, 2006, in turn, I wrote in mine: „My mother died today.”
No one will say this about me.
The end.

Kurz mal durchatmen, aber: Ja, so wird es mir auch gehen.

Es gibt noch viele weitere erwähnenswerte Exponate, von Beyonces madonnenhafter Instagram-Selbstinszenierung als Mutter von Zwillingen über Candice Breitz‘ amüsante Filmcollage „Mother“ (feat. u.a. Meryl Streep, Susan Sarandon, Julia Roberts) bis zu Ragnar Kjartanssons großartig skurrilem Videoclip „Me and My Mother“. In Endlosschleife steht er da, während seine Mutter ihn anspuckt, das Rotz-Geräusch begleitet die Besucherin durch die gesamte Ausstellung (in Zeiten von Corona zuckt man dauernd zusammen, weil: die Aerosole!!! )Die Frau in dem Clip ist tatsächlich die Mutter des Künstlers, in dem oben verlinkten Video kommt sie auch selbst zu Wort.

Ein anderes Highlight der Ausstellung war für mich der Kurzfilm „Once Removed on My Mother’s Side“ von Nathalie Djurberg und Hans Berg. Zwei Stoffpuppen im Stil von Horror-Momo sieht man hier in einer extrem körperlichen Pflegebeziehung, bei der die fleischige demente Mutter am Ende die dünne, rückenkranke Tochter erdrückt. Krass!

Was mir in ein wenig gefehlt hat, war abstrakte Kunst zum Thema. Eigentlich würde ich vermuten, wäre das doch ein großartiges Sujet, aber es scheint nicht viel zu geben. Deshalb steuere ich hier selbst etwas bei, denn ich habe mir just diesen Sommer ein Gemälde mit dem Titel „Geburt“ gekauft. Es stammt von der noch wenig berühmten Künstlerin Selamawit Mulugeta – wenn die Mutter!-Ausstellung noch einmal gezeigt wird, stelle ich es gerne als Leihgabe zur Verfügung!

Selamawit Mulugeta: Geburt, 2021 (hängt nicht in Mannheim, sondern über meinem Sofa :))

Kuratiert worden ist „Mutter!“ ursprünglich von Marie Laurberg und Kirsten Degel für das Museum Louisiana in der Nähe von Kopenhagen, für Mannheim wurde sie von Johan Holten kuratiert und um einige Kunstwerke sowie einen historisch-soziologischen Mittelteil erweitert. Das ist da überzeugend, wo ein Bezug zur speziell deutschen Mutterideologie hergestellt wird oder wo Exponate wie ein „Stillassistent für Väter“ aus Plastik gezeigt werden. Verzichtbar fand ich hingegen den Exkurs zur Geschichte der Frauenemanzipation. Was die Einführung des Frauenwahlrechts oder alte Ausgaben der Zeitschrift „Emma“ mit dem Thema der Ausstellung zu tun haben, bleibt schleierhaft. In meiner Wahrnehmung hatten diese Exponate keinen inhaltlichen Sinn, sondern führten lediglich zu einer „Genderisierung“ der Ausstellung. Das war aber gar nicht nötig, und vielleicht konterkarierte es sogar die eigentliche Stärke des Konzepts, nämlich das Phänomen der Mutterschaft als allgemein menschlich relevantes Thema darzustellen. Also als etwas, das zwar offensichtlich von Frauen dominiert und, wenn man so will, größtenteils „betrieben“ wird, aber gerade eben nicht „Frauensache“ ist, sondern „Menschensache“. Die Körperlichkeit von Schwangerschaft, aber auch von nährenden Care-Beziehungen ist in vielen der Werken präsent, da musste man eigentlich nicht noch mit der Nase drauf gestoßen werden, dass das „ein Frauenthema“ ist.  

Alles in allem aber eine wirklich sehenswerte Ausstellung, die ihr nicht verpassen solltet. Vom Mannheimer Hauptbahnhof ist die Kunsthalle nur zehn Minuten zu Fuß entfernt.

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„Die Natur spüren und schreiben“ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/11/die-natur-spueren-und-schreiben/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/11/die-natur-spueren-und-schreiben/#comments Tue, 16 Nov 2021 11:20:58 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=18009

Als die Sprachphilosophin Chiara Zamboni mir vor einigen Jahren bei einem Spaziergang erzählte, dass sie ein Buch über die Natur schreiben wollte, war ich ziemlich überrascht. Doch ich fand das Vorhaben gut und irgendwie auch wichtig. Inzwischen hat die Frage nach unserer Haltung gegenüber der Natur eine andere Dringlichkeit bekommen. Denn nun sind auch die Länder, die die Klimakatastrophe maßgeblich verursachen, zunehmend selbst spürbar von Klimawandel und Artenverlust betroffen.

Doch als ich Chiara Zambonis Ende 2020 erschienenes Buch vor einem halben Jahr zum ersten Mal las, entsprach sein Inhalt überhaupt nicht dem, was ich erwartet hatte. Es ist eine sehr gründliche philosophische Forschungsarbeit, in der mit politischen Aussagen äußerst sparsam umgegangen wird. Die Frage ist nicht, was wir tun können, um unseren Planeten zu retten, sondern wie wir die Dinge um uns herum und unsere Verbindung mit ihnen erfahren, die ebenso wie wir zur Natur, zur Erde, gehören. Zamboni durchsucht meinem Eindruck nach beinahe die gesamte uns zugängliche Philosophie nach Ansätzen zu einer anderen Haltung gegenüber der Natur, die nicht so tut, als seien wir etwas ganz anderes als sie und könnten uns als Subjekte ihr gegenüberstellen, sie beschreiben, nutzen und verändern ohne Rückwirkungen auf uns selbst. 

Der Schwerpunkt des Buches liegt also auf der Erforschung der Frage, wie überhaupt über die Natur nachgedacht, gesprochen und geschrieben werden kann, da – wie ich beim Lesen immer besser verstand – die uns selbstverständliche bisherige Herangehensweise grundlegend falsch ist. Die Art und Weise, wie wir über die Natur sprechen, blendet unsere Abhängigkeit von ihr aus und verhindert, dass wir unser Verbundensein mit ihr, unser Teil-Sein von ihr, wahrnehmen und spüren. Ich sehe einen Zusammenhang zwischen dieser Haltung und der Tatsache, dass Menschen die Erde möglicherweise schon irreparabel geschädigt haben.

In ihrer Forschungsarbeit suchte Chiara Zamboni bei Schriftstellerinnen, Philosophinnen, einigen Philosophen und anderen Denkern und Denkerinnen nach einem „roten Faden“ in deren Vorschlägen, wie wir Natur  – und uns selbst darin – anders denken, sprechen und schreiben können. Der Autorin, die jahrzehntelang an der Universität von Verona Philosophie gelehrt hat, kommt dabei zugute, dass sie sich auskennt in der Welt der Philosophie, aber auch mit psychoanalytischen Ansätzen, mit Dichtung und Literatur. Während es mich fasziniert, wie sie bei den für sie zentralen Herzensanliegen – die Liebe für die Präsenz der Dinge, die unbewusste Dimension des Fühlens und Wahrnehmens, die Wichtigkeit der Sprache und das Nachdenken über sie – immer mehr in die Tiefe geht und sie gleichzeitig immer wieder aus anderen Blickwinkeln untersucht, merke ich, wie sehr ich an meine Grenzen komme, weil ich mir ja zur Philosophie nur autodidaktisch einen bescheidenen Zugang erarbeitet habe. 

Nach dem ersten Lesen hatte ich einiges noch nicht verstanden und traute mir allenfalls zu, eine oberflächliche Rezension zu schreiben. Doch es ist mir auch ein Anliegen, dass etwas von den Bildern und Gedanken dieses Buches auf Deutsch vermittelt wird. Denn ich bin überzeugt, dass ein Umlernen im Wahrnehmen und Sprechen von der Natur notwendig ist, damit wir in eine andere Haltung gegenüber der Erde hineinwachsen können, die wiederum Voraussetzung ist, dass wir aus tiefster Überzeugung heraus und auf sinnvolle Weise die notwendigen politischen und gesellschaftlichen Veränderungen angehen können.

Daher freue ich mich, dass Chiara Zamboni mir erlaubt hat, in einer bzw-weiterdenken-Serie auf die mir am wichtigsten erscheinenden Gedanken in den einzelnen Kapiteln ihres Buches einzugehen. Damit ist ja nicht ausgeschlossen, dass das Buch irgendwann auch noch als Ganzes übersetzt wird.

Auf einige Gedanken und Formulierungen aus der Einleitung möchte ich vorab kurz eingehen, da sie im Buch immer wieder eine Rolle spielen. 

Ihren „roten Faden“ findet Chiara Zamboni durch eine „sonderbare“ Formulierung Meister Eckharts in einer Predigt. Er spricht davon, dass die Seele von der Nähe zu Gott abgelenkt wird, wenn sie „mit den fünf Sinnen spazieren geht“. In einer anderen Predigt über die biblische Geschichte von Maria und Martha findet Zamboni dann die positive Antwort auf eine der Fragen, die jene Formulierung bei ihr ausgelöst hat: „Kann eine Person, die mit den fünf Sinnen in der Welt spazieren geht, Gott nicht auch nahe und ganz bei sich sein?“ (S. 10). Meister Eckhart zufolge ist die biblische Martha den Dingen gegenüber frei, ohne in Gegnerschaft zu ihnen zu treten oder sich von ihnen fernhalten zu müssen. Sie ist nah bei den Dingen und kann mit den fünf Sinnen spazieren gehen und gleichzeitig bei sich selbst sein, da sie ja die Verbindung mit den Dingen in ihrer Seele trägt. Nach dieser Lebensqualität wird Zamboni im Weiteren Ausschau halten, wobei sie sich vor allem durch Texte der Schriftstellerinnen Ingeborg Bachmann und Anna Maria Ortese sowie der Philosophie von Maria Zambrano und Maurice Merleau-Ponty anregen lässt.

Ausgehend von jener Freiheit im Nahe-bei-den-Dingen-Sein möchte Chiara Zamboni zeigen, dass und auf welche Weise wir eine Vertrauensbeziehung zu den Dingen, der Erde und unseren inneren Bildern und Vorstellungen haben. Diese Bindung und Verbindung besteht innerlich und äußerlich, ohne dass wir das gewählt haben. Sie ist unbewusst. Zamboni meint, die Seele habe wahrscheinlich viel mit jenem unbewussten Vertrauensverhältnis zu tun. Wenn wir beispielsweise auf der Erde gehen, empfinden wir sie als etwas Sicheres und Stabiles. Wir haben keine Angst, sie könnte sich vor uns auftürmen oder unseren Schritten nicht standhalten. Wir erwarten von der Erde nichts Unvorhergesehenes. Deshalb bedroht uns ein Erdbeben ganz besonders, nicht nur wegen der Lebensgefahr, sondern weil jenes Vertrauensverhältnis dadurch erschüttert wird.

„Vertrauen ist etwas, das zu Beziehungen gehört. Wir sind dabei zweifach gebunden, an die Erde und ans menschliche Sein. Wir sind beziehungsmäßig miteinander verbunden, wenn wir vertrauen, und die Erde ist dann kein Objekt, dem wir als Subjekte gegenüberstehen. Sie kann nicht verkauft oder gekauft werden, sie ist kein Thema des Rechts und kann auch nicht reduziert werden auf die Umwelt oder das Klima. Tatsächlich ist diese Beziehung viel mehr und etwas ganz anderes, sie ist die symbolische Bedingung des Lebens.“ (S. 11) 

Ausführlich geht Chiara Zamboni auf den Begriff „sentire“ ein, der ja auch im Titel des Buches steht. Im Italienischen umfasst dieser Begriff die ganze Palette der Sinneswahrnehmungen, vom Fühlen, Empfinden, Spüren, Wahrnehmen bis zum Hören, Schmecken und Riechen. Ich übersetze ihn mit „spüren“. Zamboni gebraucht diesen Begriff, um die „Resonanz der Dinge der Welt in der Seele“ zu benennen, wenn man „mit den fünf Sinnen spazieren geht“. Spüren geschieht innerlich und äußerlich, ohne dass es dabei einen klaren Übergang gibt. Der Begriff „spüren“ dient als Brücke, da er auf die unbewusste Seite unserer Beziehung zur Welt anspielt.

„Spüren“ ist mehr als „wahrnehmen“. Zum Spüren gehört, dass sich im Wahrgenommenen ein traumhaftes Element und das Im-Werden-Sein zeigt. Beim Spüren drängen sich im Wahrnehmen die Vergangenheit und die auf die Zukunft gerichtete Gegenwart auf. Beispielsweise wenn uns im vertrockneten Gras des Sommers der Geruch trockenen Grases an anderen Orten und in vergangenen Jahren entgegenkommt. Und wenn ein alltägliches Haus auch das unbekannte Haus wird, dem wir in unseren Träumen begegnen. 

Schritt für Schritt wird Chiara Zamboni in ihrem Buch die Konzeption des Unbewussten neu formulieren. Und dabei wird sie auch immer wieder über die Sprache nachdenken, über den Bezug zwischen Sprache und Natur. Je mehr wir dem Spüren Raum geben und uns ihm gegenüber öffnen, um so mehr werden wir mit der Frage nach der Sprache konfrontiert. „Denn das Gefühl der Überfülle im Spüren entspringt aus dem Inneren der Symbolsprache und zeigt in Wirklichkeit das Scheitern der Sprache an, die für diese Erfahrung nur inadäquate Formulierungen zur Verfügung stellt.“ (S. 12) Wenn wir nicht über die Sprache nachdenken, so Chiara Zamboni in einem Brief, „fallen wir entweder in eine vorgespiegelte Unmittelbarkeit oder in eine Sprache, die die Erfahrung verrät“. 

Chiara Zamboni, Sentire e scrivere la natura. Mimesis Edizioni (Milano – Udine) 2020, 217 S., 20 €

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Die Vielfalt des Mütterlichen https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/11/die-vielfalt-des-muetterlichen/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/11/die-vielfalt-des-muetterlichen/#respond Sat, 13 Nov 2021 08:51:56 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17994 Mutterschaft als Gemeinschaftswerk: Von der Bedeutung sozialer Beziehungen für die einzelnen Mütter und ihre Möglichkeiten handelt der Film „Maternal“ der italienischen Regisseurin Maura Delpero.

Die junge Mutter Fatima und die Nonne Paola entwickeln ein Vertrauensverhältnis. Foto: Missingfilms.de

Schauplatz der Handlung ist Buenos Aires. In einem schon etwas in die Jahre gekommenen, von älteren katholischen Nonnen geführten Heim finden junge Mütter in sozialen Schwierigkeiten eine Bleibe. Sie können hier während der Schwangerschaft oder mit ihren kleinen Kindern wohnen, werden dafür aber auch dem teilweise etwas altmodischen Regime der Nonnen unterworfen.

Zwei der jungen Frauen sind die rebellische Lu (Agustina Malale), die die Nase voll hat von allem und von ihrer vierjährigen Tochter Nina oft genervt ist, und die hochschwangere Fati (Denise Carrizo), die fest entschlossen ist, aus der Misere rauszukommen und für sich und ihre Kinder ein besseres Leben zu schaffen.

Der Film beginnt mit der Ankunft einer neuen Nonne aus Italien, Paola (Lidiya Liberman), die sehr viel jünger ist als die anderen Schwestern. Sie wird vor allem für Fati zum Vorbild und zur Vertrauten, während Lu mit ihr heftige Kämpfe austrägt. Als Lu eines Tages nicht mehr zurückkommt, sucht deren Tochter die Nähe von Paola und wandert nachts immer öfter zu ihr ins Zimmer. Die entwickelt in der Tat bald mütterliche Gefühle gegenüber dem Kind.

Der Film ist deshalb so stark, weil es der Regisseurin gelingt, die Konflikte hinter diesem Beziehungsnetz klar und ungeschminkt zu erzählen, ohne jemals in eine Klischeefalle zu tappen. Die Regisseurin denunziert niemanden, selbst die älteren Nonnen, obwohl sie im Gegenüber zu den drei jungen Frauen wie aus der Zeit gefallen wirken, werden mit Sympathie gezeichnet. Als Zuschauerin kann man sich in alle Beteiligten hineinfühlen, alle handeln nachvollziehbar, ihren eigenen Möglichkeiten und Wünschen entsprechend. Ein klassisches Drama eben. Am Ende wird deutlich, dass Mutterschaft nur gelingen kann, wenn sie nicht als Konkurrenz unter Frauen verstanden wird, sondern als Beziehungsnetz, das den Müttern Halt und Unterstützung bietet.

Dabei hat der Film teilweise dokumentarische Anteile, was auch daran liegt, dass außer Lidiya Liberman, die Paola spielt, alles Laienschauspielerinnen sind und entsprechend authentisch rüberkommen. Ein sehr sehenswertes Stück Kino. Der Film läuft seit 11. November in Deutschland im Kino.

Infos und Trailer

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DER HERD https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/11/der-herd/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/11/der-herd/#comments Tue, 09 Nov 2021 06:47:17 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17970

Erster Beitrag aus der Serie: “Küchengeschichte(n) – wie Haushaltsgeräte die Care-Arbeit veränderten und verändern

“Eigner Herd ist Goldes wert…”

Als ich ein Kind war, standen in der Küche meiner Großmutter zwei Herde neben einander: der alte Holz betriebene aus Gusseisen mit den Herdringen und ein neuerer elektrischer. Dem aber, so ließ die Großmutter durchblicken, sei nicht ganz zu trauen. Weswegen jeder Morgen damit begann, den alten Herd anzuheizen. Den ganzen Tag über verlangte der bollernde Herd ihre Aufmerksamkeit, denn es war wichtig, dass er nie ausging. Holzscheite mussten nachgelegt, die Glut überprüft werden. Die Großmutter entfernte sich selten längere Zeit weit von der Küche. Ich dachte als Kind nicht darüber nach, dass es der Herd war, der sie an diesen engen Radius band und ihren Bewegungsspielraum einengte. Sie hat sich auch nie darüber beklagt. Stattdessen näherte sie sich nur widerwillig der Ingebrauchnahme des neueren (damals längst nicht mehr neuen) elektrischen Herds. Stets wurde geprüft, ob die Ergebnisse dem Althergebrachten standhalten konnten und nicht selten war sie nicht ganz überzeugt. Für die Großmutter erfüllte ein Herd seinen Dienst am besten, wenn die Gerichte so schmeckten, wie sie sie seit jeher gekannt hatte. Abweichungen stand sie skeptisch gegenüber. Einmal hatten mein Bruder und ich einen Ferienkochkurs besucht und wollten der Großmutter zeigen, was wir gelernt hatten, nämlich italienische Pizza backen. Sie ließ uns zunächst gewähren und war nicht wenig erfreut, dass wir beim Vorbereiten des Hefeteigs ganz so vorgingen, wie sie es gewohnt war. Aber als wir den Teig, wie wir es gelernt hatten, ganz dünn auf dem Blech ausrollen wollten, griff sie ein. Ein guter Hefeteig brauche eine gewisse Höhe. So wurde unsere Pizza hoch wie ein Zwetschgenkuchen. Den Belag aus Tomatensauce, Salami und Käse akzeptierte sie als eine exotische Variante: „Schmocht net schlecht.“, sagte sie, nachdem sie probiert hatte. 

Wie noch die Frau den Herd versah….da stand es gut um uns.” (Goethe)

Ein solcher Herd, wie die Großmutter ihn hatte, erinnerte noch schwach an die doppelte Bedeutungen des Wortes im Alemannischen und in den verschiedenen nordischen Dialekten: Erdreich und Feuerstatt. Für sie war der Herd der Mittelpunkt und Fixpunkt ihres (Erd-)Reiches, von dem aus sich ihre Welt erschloss. Und auch die Feuerstatt, deren Glut am Leben zu halten war, die gleichzeitig Wärme spendete und der Zubereitung von Mahlzeiten diente. Anderseits war in ihrer Lebenswelt der Herd zugleich das Symbol einer patriarchalen Ordnung, der sie sich klaglos unterwarf. Denn der Herd war in den tausenden Jahren des Patriarchats zum exklusiven Ort der Frau geworden, die in seinem Radius zu verbleiben hatte, damit der Mann sich immer weiter davon entfernen konnte. Für die Frau blieb der Herd mithin ein realer und bindender Fixpunkt, während er für den Mann zum symbolischen Ort seines „Heimes“ und seines Besitzes wurde: „Eigner Herd ist Goldes wert.“ Das Sprichwort hing in nicht wenigen Küchen meiner Kindheit gestickt im Rahmen an der Wand. 

Das Blaue Kochbuch

Meine Mutter dagegen war stolz darauf, in ihrer Küche im eigenen Heim von Anfang an einen modernen elektrischen Herd zu haben. Sie kochte nach dem blauen, millionenfach aufgelegten Kochbuch „Das elektrische Kochen“, das die Berliner Kraft- und Licht-Aktiengesellschaft (BEWAG) herausgab. (Auch heute noch ist es ein Bestseller.) Als ich meinen eigenen Hausstand gründete, erbettelte ich mir das Buch von meiner Mutter und ich habe jahrelang damit gekocht. Die Ausgabe, die ich besitze, ist von 1966 – also ein Jahr nach meiner Geburt erschienen und schon die 27. Auflage. Im Vorwort wird darauf eingegangen, dass das „Blaue Kochbuch“ seit über 30 Jahren „mit dem elektrischen Kochen auf das Engste verbunden ist.“ Das Blaue Kochbuch machte es sich zur Aufgabe, „alle Vorteile der Elektroküche“ aufzuzeigen. 1966 schrieb die Herausgeberin: „Die ständige Weiterentwicklung der Technik, die neuesten Erkenntnisse der Ernährungswissenschaft und vor allem auch das Bestreben des menschlichen Geistes, Neuerungen zu schaffen, die die Lebensbedingungen verbessern und die tägliche Arbeit erleichtern, machen es gerade dieses Mal erforderlich, den technischen Teil umfangreich zu ändern und zu ergänzen.“ Von Technikskepsis war 1966 nichts zu spüren, vielmehr zeigt das Buch die anhaltende Begeisterung für die Erleichterungen im Arbeitsalltag durch die Elektrifizierung für „die Hausfrau”. Als Vorteile des elektrischen Kochens erscheinen der Verzicht auf „viel Zusatz von Wasser“, wodurch die Gerichte ausgelaugt würden, wie es „bei der früheren Kochweise” nötig gewesen sei. Auf den ersten Seiten des Buches wird die genaue Funktionsweise verschiedener Herdtypen der damaligen Zeit erklärt und in einer Tabelle die unterschiedlichen Kochvorgänge den jeweiligen Bereichen der Automatik-Kochplatten zugeordnet. Ähnlich gründlich werden die damals gebräuchlichen Formate elektrischer Backöfen erklärt. Was bei diesem Kochbuch auffällt im Vergleich zu allen neueren Kochbüchern, die ich kenne (und ich besitze nicht wenige), ist, wie eindeutig es sich an „die Hausfrau“ wendet und deren Beruf als eigenständigen ernst nimmt. Es gibt technische Gebrauchsanleitungen, ökonomische Tipps zum sparsamen und nachhaltigen Kochen, genauso wie umfangreiche Tabellen zur Warenkunde. Erst dann beginnen die Rezepte. 

Das “blaue Kochbuch” von 1966

“Das bisschen Haushalt…”

So belegt das Buch für mich einerseits, wie in den 60er Jahren „die Hausfrau“ noch ein vollkommen anerkannter Beruf war, andererseits aber die Rationalisierung der Hausarbeit, die es propagiert, auch dazu beigetragen hat, dem Beruf Schritt für Schritt genau diese Anerkennung zu entziehen. 1977 sang dann schon Johanna von Koczian: „Das bisschen Haushalt…“ und dokumentierte damit in satirisch überspitzter Form, wie die Elektrifizierung aus männlicher Perspektive die Hausarbeit so sehr erleichtert hatte, dass sie als eigenständiger Beruf immer weniger anerkannt wurde.

Tatsächlich ist das Kochen mit Hilfe des elektrischen Herdes viel effizienter und zeitsparender zu bewältigen. Meine Mutter wäre niemals freiwillig zum alten Holzherd zurückgekehrt. Das „elektrische Kochen“ sicherte ihr – im Vergleich zu meiner Großmutter – einen Zugewinn an frei verfügbarer Zeit und Bewegungsfreiheit. Was den elektrischen Herd so attraktiv machte, waren zwei Aspekte (die – soweit ich das einschätzen kann – auch für den Gasherd gelten, auf den einige Kochaffine in meinem Umfeld schwören): Er ist sofort ohne Vorbereitung einsatzbereit und man kann ihn sorglos zurücklassen, wenn man sich weiter und länger von zuhause fortbewegen will. Der alte Holzherd hatte für das „große Haus“ getaugt, in dem eine größere Zahl von Menschen die Verantwortung übernehmen konnten: die Hausfrau, die (Schwieger-)Töchter, sowie die Mägde und Knechte. In der Kleinfamilie, wie sie das Zusammenleben im Haushalt seit spätestens den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts auch auf dem Land prägte, blieb die Verantwortung für den Herd an der einen Hausfrau hängen und band sie an ihn.

Der “eigne Herd” und die Freiheit der Hausfrau

Meine Generation ist die letzte, die die alten mit Holz betriebenen Herde noch im Alltagsbetrieb in ihrer Kindheit erlebt hat. Ich verbinde nichts Nostalgisches damit, sondern nur Frühaufstehen, Plage und Einschränkung. Nun könnte man sich ein Plädoyer für die Rückkehr zu einem (neu gedachten)„großen Haus“ (z.B. in Wohnprojekten) vorstellen, eingedenk der Symbolik, die der „eigne Herd“ für die patriarchalische Ordnung hat und die es zu überwinden gilt. Doch – wie immer – liegen die Dinge kompliziert: Der „eigne Herd“ ist eben nicht nur und ausschließlich Symbol männlicher Herrschaft über die Familie, sondern sicherte auch vielen Frauen endlich Unabhängigkeit von der (Schwieger-)Familie, von der Überwachung durch den Familienclan oder die weitere Community, die den Zugriff auf den Gemeinschaftsherd regelte. Wieviel Wert die meisten Menschen (und vor allem Frauen) auf den „eigenen Herd“ legten und noch immer legen, zeigt sich in Gesprächen mit geflüchteten Frauen. Fast wortgleich habe ich Frauen, die am Ende des 2.Weltkrieges ihre Heimat verloren und Flüchtlingsfrauen, die vor wenigen Jahren aus dem Nahen Osten nach Deutschland kamen, darüber klagen hören, dass nichts schlimmer gewesen sei, als sich in einer Gemeinschaftsunterkunft den Herd mit anderen teilen zu müssen. Immerzu habe es Streit und Missgunst gegeben. Mag der „eigne Herd“ aus einer patriarchalischen Perspektive bloß die Metapher für den Besitz des Herrn sein, so bedeutet es für viele Frauen ganz offenbar den realen, uneingeschränkten Zugriff auf das eigene Arbeitsgerät, die Souveränität über die eigene Arbeitsweise, Zeiteinteilung und Qualitätskontrolle. Den „eignen Herd“ will eine offenbar, hat sie ihn einmal gehabt, nicht teilen. Auch in WGs, so meine Erfahrung, löst das Teilen des Herdes (neben der des Kühlschranks) nicht selten Konflikte aus (eingebrannte Reste auf den Platten, Töpfe, die ungeleert tagelang stehen bleiben…). Man teilt den Herd nur, wenn man muss, befürchte ich, aus ökonomischen Zwängen. In allen Wohnprojekten, die ich kenne, in denen Menschen leben, die mehr Einkommen haben als typische Studenten, gibt es zwar eventuell eine Gemeinschaftsküche für größere Veranstaltungen und besondere Gelegenheiten, aber selbstverständlich hat jede Wohneinheit auch ihren „eignen Herd“. Gemeinschaftliches Kochen ist ein populärer, spaßorientierter Freizeitevent für gehobene Schichten, aber keine freiwillige Option für den Care-Alltag, scheint mir.

Anzeigenseite aus dem “Blauen Kochbuch” von 1966

94% aller Haushalte haben einen elektrischen Herd

Der elektrische Herd wurde bereits um 1850 erfunden, breite Verbreitung in den Haushalten fand er aber erst in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts. Noch bis weit nach dem 2. Weltkrieg gab es in vielen Haushalten aber auch, wie das Beispiel meiner Großmutter zeigt, Holz befeuerte Öfen. Heute dagegen ist der elektrische Herd aus den privaten Haushalten in Deutschland nicht mehr wegzudenken: 94% sind mit einem ausgestattet. Etwa 10% des Gesamtstromverbrauchs eines durchschnittlichen Haushalts gehen auf seine Rechnung. Gusseisenplatten haben dabei den höchsten Verbrauch, während Ceranfelder und Induktionsfelder sich nur geringfügig im Verbrauch unterscheiden. Je älter der Herd ist, desto mehr Strom verbraucht er. Sehr moderne Herde kommen mit einem durchschnittlichen Verbrauch von 0,4 Kilowattstunden aus (bei älteren Herden liegt dieser Wert bei rund 1,6). Elektroherde sind in jedem Fall (selbst wenn der Strom nicht ausschließlich aus erneuerbaren Energien gewonnen wird) wesentlich umweltfreundlicher als die alten Holzherde mit ihren gesundheitsschädlichen Emissionen. Auch hier, wie meist, ist ein verklärender, romantisierender Blick in die Vergangenheit unangebracht. 

Sprechende Herde? 

Als wir um die Jahrtausendwende umzogen und eine neue Küche aussuchen mussten, wurde mir in einem exquisit ausgestatteten „Küchenstudio“, in dem ununterbrochen eine sanfte Melodie aus den Lautsprechern dudelte, vom engagierten Verkäufer ein „smarter Herd“ angeboten, der Kochvorgänge speichern und eigene Rezeptvorschläge unterbreiten könne, ferngesteuert zu bedienen sei und sogar mit mir sprechen könne. Ich fragte, ob der Herd auch Möhren putzt und Kartoffeln schält und entschied mich dann, weil das verneint wurde, gegen das smarte Gerät. Nichts, was dieser Herd konnte, befriedigte irgendein Bedürfnis bei mir: Weder macht es mir Mühe Rezepte nachzuschlagen (sondern eher Freude), noch möchte ich mit meinem Herd reden. Ich bin froh, wenn er Ruhe gibt. Die „smarte“ Küche wird kommen, aber mir persönlich fällt gegenwärtig noch nichts ein, womit ein digitalisierter Herd mich beglücken könnte. Vielleicht beweist dieses Skepsis aber nur, dass nun ich die Position meiner Großmutter eingenommen habe und dem Neuen nur mit geringer Aufgeschlossenheit begegne.

Seit 6 Jahren leben wir nun wieder in einer neuen Wohnung und haben den Herd der Vorgängerin übernommen. Mir gefällt er nicht, denn er hat keine Drehknöpfe, sondern Touchscreen neben den Platten und piepst gefühlt dauernd, was ich fast so schlimm finde, wie wenn er sprechen würde. Ich habe die Konsequenz gezogen und mich weitgehend vom Herd verabschiedet. Das Kochen hat mein Mann übernommen. 

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Lebensnotwendiger Feminismus https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/11/lebensnotwendiger-feminismus/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/11/lebensnotwendiger-feminismus/#comments Wed, 03 Nov 2021 23:03:12 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17966

Wieder einmal kam ein Buch zu mir, dessen Autorin mir geläufig war, hatte ich doch ihren wohl grössten Erfolg vor Jahrzehnten begeistert gelesen: Benoîte Groult (1920-2016) beschrieb 1988 mit dem erotischen Roman «Salz auf unserer Haut» weibliche Leidenschaft. Sie schildert darin freizügig ihre jahrzehntelange Liebschaft, die sie während ihrer ebenfalls Jahrzehnte währenden Ehe pflegte.

«Leben heisst frei sein» nun, vom Verlag als Roman betitelt, ist eigentlich eine Autobiographie – nicht im üblichen Sinne, denn es ist angereichert mit den Gesprächen, die sie mit einer jüngeren Journalistin über ihr Leben führte. Und es enthält essayartig ihre Betrachtungen zum Feminismus, den sie für lebensnotwendig hält. Ohne diesen, so schreibt sie, habe sie an Calciummangel gelitten. Es fehlte ihr an Vorbildern. «Ich musste mich vom Halseisen der Traditionen befreien, von all den angeblich notwendigen Fesseln…ich wollte aussprechen, was ich entdeckt habe: dass es wichtiger ist als alles andere, sich selbst zu verwirklichen.»

So ist dieses Buch die Geschichte einer Bewusstwerdung. Im französischen Original schreibt Groult von der évasion, der Flucht also aus den Konventionen. Sie setzte sich für ein liberales Abtreibungsgesetz ein, machte immer wieder Vorschläge für weibliche Berufsbezeichnungen, mit denen man sich in Frankreich noch heute schwertut. Allein, dass sie sich écrivaine/Schriftstellerin nannte, wurde für anmassend gehalten. Groult prangerte früh die Klitorisbeschneidung als Verstümmelung an, wandte sich damit gegen Soziologen, Anthropologen, Ethnologen, die in diesem Gewaltakt einen förderlichen Initiationsritus sahen. Die Schriftstellerin war Mitgründerin der ersten – inzwischen eingegangenen – feministischen Zeitschrift.

Eine tatkräftige Frau voller Lebenslust, die ehrlich in den Spiegel ihres Lebens schaut, tritt uns entgegen, anregend und ermunternd: «Solange ich weiss, wo ich wohne, solange ich bei der Ankunft vom Lächeln meiner Gärten empfangen werde, solange die Erde nichts von ihrer Farbenpracht verloren hat, das Meer nichts von seiner geliebten salzigen Bitterkeit, die Menschen nichts von ihrer Sonderbarkeit und das Schreiben und das Lesen nichts von ihrer Anziehungskraft, solange meine Kinder mich immer wieder zu den Wurzeln der Liebe zurückführen – ja, solange muss sich der Tod ganz still verhalten. Solange ich lebendig bin, kann er mir nichts anhaben.»

Benoîte Groult: Leben heisst frei sein, Roman, aus dem Französischen von Irène Kuhn, Knaur Taschenbuch München, 1999, 378 Seiten.

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KÜCHENGESCHICHTE(N) – Von der Steckdose zum Display https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/10/kuechengeschichten-von-der-steckdose-zum-display/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/10/kuechengeschichten-von-der-steckdose-zum-display/#comments Fri, 29 Oct 2021 16:02:12 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17930
Mitteleuropäische Küche,
Anfang des 21. Jahrhunderts

Ankündigung einer neuen Serie auf bzw-weiterdenken:

Wie Haushaltsgeräte die Care-Arbeit verändert haben…und verändern werden

„Der Haushalt … ist geeignet als Modell für die ganze Welt, denn wie der Haushalt so ist auch die Welt eine Behausung, die allen Menschen in Geburtlichkeit, Sterblichkeit, Bedürftigkeit und Verletzlichkeit gewisse Grenzen auferlegt und ihnen gleichzeitig eine Fülle von Möglichkeiten eröffnet, in Abhängigkeit frei tätig zu werden.“, heißt es im „ABC des guten Lebens“. Der HAUSHALT erscheint im Text vor allem als sinnstiftender (metaphorischer?) Rahmen menschlicher Existenz, gerade auch um den Begriff zu erweitern über den konkreten privaten Haushalt hinaus, in dem eine mit anderen zusammen wohnt, kocht und schläft. Damit will sich diese Verständnis von Haushalt abgrenzen gegen ein verkürztes modernes Verständnis der Haushalte „als markt- und damit einkommensabhängige private Konsumeinheiten“.

Der historische Kontext, in den der (zugegeben: sehr kurze) Text den Haushalt stellt ist dabei schlicht: Es gibt eine jahrhundertelange patriarchale Phase, in der der Haushalt dem männlichen Staatsbürger die (Pseudo-)Unabhängigkeit sichert, bevor der Begriff im kapitalistischen Zeitalter die oben zitierte Bedeutung annimmt. Wie die Industrialisierung diesen Haushalt von innen heraus konkret verändert hat und damit auch die Beziehungen und Gestaltungsspielräume der im Haushalt zusammen lebenden Menschen, gerät hier nicht in den Blick. Dabei ist doch gerade die im Haushalt verrichtete (Care-)Arbeit in nicht zu überschätzender Weise durch die mit der Industrialisierung verbundene Elektrifizierung erleichtert und beschleunigt worden.

Heute stehen wir an einem weiteren technologischen Wendepunkt der Geschichte. Die Digitalisierung wird vor dem privaten Haushalt nicht Halt machen, vielmehr wird er bereits auf vielen Ebenen durch diese revolutioniert. Wenn er als „Modell für die ganze Welt“ dienen kann, lohnt sich daher m.E. der Blick zurück auf die Veränderungen, die die Elektrifizierung im Haushalt ausgelöst hat. Genauso wichtig scheint mir die Formulierung unserer Erwartungen und Hoffnungen gegenüber den Veränderungen, die durch die Digitalisierung möglich werden können. Was bedeuten uns bestimmte (meist elektrische) Haushaltsgeräte, wie haben sie das Arbeiten im Haushalt und die Beziehungen der im Haushalt lebenden Menschen zueinander verändert? Was wünschen wir uns von digital gesteuerten Geräten im Haushalt? Was befürchten wir von ihrem Einsatz?

Mit diesem BLITZLICHT möchte ich eine Serie auf bzw-weiterdenken.de ankündigen, die die Veränderungen bewusst vom Detail aus, in diesem Falle also vom einzelnen Haushaltsgerät und seiner Bedeutung für unser Leben und Arbeiten im Haushalt her, denkt. Vielleicht, aber nicht zwingend wird am Ende dieser Serie sich ein Fazit ergeben, dass den größeren Zusammenhang herstellt zur Art des Produzierens und Konsumierens in unserer Gesellschaft.

Beginnen soll die Serie mit dem HERD. 

(Eure, der Leserinnen, Hinweise, Wünsche, Eindrücke, Erinnerungen in den Kommentaren sollen in die künftigen Artikel einfließen. Ich bin gespannt! Geplant sind bisher als weitere Serienthemen: KÜHLSCHRANK, ELEKTROMIXER, STAUBSAUGER, KAFFEEMASCHINE – und – auf besonderen Wunsch von Antje Schrupp – der THERMOMIX. Weitere Vorschläge sind willkommen!)

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Die Erwachsenenbildnerin Dr. Marianne Kaiser https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/10/die-erwachsenenbildnerin-dr-marianne-kaiser/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/10/die-erwachsenenbildnerin-dr-marianne-kaiser/#comments Thu, 28 Oct 2021 16:55:19 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17940 Von der Frauenbewegung im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts kennen wir einige wenige Gesichter, die sich die Medien herausgepickt haben und immer wieder hervorholen. Doch ohne die vielen weniger prominenten Frauen, die es auch noch gegeben hat, wäre der große Erfolg der Frauenbewegung nicht möglich gewesen. In einer kleinen Serie möchten wir auf bzw-weiterdenken über einige von diesen Frauen erzählen. Wie sind sie zu ihrem frauenpolitischen Engagement gekommen, was machen sie heute?

Wir freuen uns übrigens über Artikel oder Vorschläge zu weiteren Frauen, deren Leben wir hier vorstellen können.

Marianne Kaiser in ihrem Wohnzimmer vor einem großen Gemälde der italienischen Malerin Monica Ferrando. Es zeigt Demeter, die ihre Tochter Kore aus der Unterwelt wieder ans Licht führt. Fotos: Juliane Brumberg

Im März 2020 schlug eine Leserin und Autorin unseres Forums vor, Marianne Kaiser in bzw-weiterdenken vorzustellen. Als ich hörte, dass Marianne Kaiser den größten Teil ihres Berufslebens an der Volkshochschule Gelsenkirchen zugebracht und dort die Frauenbildungsarbeit aufgebaut hat, war ich sofort interessiert. Denn Ähnliches hatte ich – allerdings erst in den 1990er Jahren – an der Volkshochschule meiner (sehr viel kleineren Heimatstadt) erlebt: dass die Frauenthemen durch eine engagierte Volkshochschulleiterin eine breite Basis bekamen. Aus dem geplanten Interview wurde erst einmal nichts, die Coronazeit hatte dazwischengefunkt. Aber dann endlich, im Herbst 2021, sitze ich in der U- und Straßenbahn und fahre durch Gelsenkirchen, diese Ruhrpott-Stadt, in der ich vorher noch nie gewesen bin und die einen gewaltigen Strukturwandel hinter sich hat. Er wurde begleitet und auch ein wenig mitgeprägt von Marianne Kaiser. Als ich mit meinem Rollköfferchen vor ihrem Haus eintreffe, winkt sie mir schon aus dem Fenster zu und fragt, ob ich alles gut gefunden habe. Eine jung gebliebene 80jährige öffnet mir die Tür und eh ich mich versehe, sind wir in ein Gespräch über zweischweifige Sirenen verstrickt, die sie an kleinen Kapellen in der Toskana entdeckt hat. Ich kenne dieses Motiv von Fresken an Südtiroler Kirchen. Ein Thema, zu dem sie schon viel gesammelt hat. Nun überlegt sie, was aus dem Material werden soll.

Aber deshalb bin ich nicht hier, obwohl mich ihre Fotos von den Nixen schon locken würden. In unserem Gespräch soll es um Frauenbildungsarbeit gehen, die, wie sich herausstellt, Marianne Kaiser nicht nur an der Volkshochschule Gelsenkirchen, sondern auch in der örtlichen Arbeitsgemeinschaft ‚Arbeit und Leben‘ vorangebracht hat. Dort arbeiten VHS und der Deutsche Gewerkschaftsbund zusammen, das Programm gehörte zu ihrem Fachbereich. 30 Jahre, von 1970 – 2000 leitete sie – mit einer kurzen Unterbrechung an der Volkshochschule Wetzlar – den VHS-Fachbereich ‚Gesellschaft und Politik‘. Parallel war sie in der Gewerkschaft aktiv und konnte auf diese Weise ihre Fähigkeiten zur Vernetzung weiterentwickeln. Was auch schnell klar wird: Marianne Kaiser versteht sich nicht als Teil der neuen Frauenbewegung der 1970er Jahre und auch nicht unbedingt als Feministin. Sie fühlt sich eher in der Tradition der ‚alten‘ Frauenbewegung‘ aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verankert. Und es waren ja tatsächlich hauptsächlich die Gewerkschaften, die nach Nazi-Zeit und Krieg die letzten Reste des alten Frauenkampfgeistes in die Bundesrepublik hinübergerettet haben. Aber natürlich hat Marianne Kaiser die Impulse der neuen Frauenbewegung aufmerksam verfolgt und als geübte Vernetzerin in die Volkshochschularbeit integriert.

Ambivalenzen im Elternhaus

Das frauenpolitische Interesse war ihr als 1940 geborenes Kriegskind in gewisser Weise schon in die Wiege und auf jeden Fall auf die Schulbank gelegt. „Meine Klassenlehrerin war sehr fortschrittlich. Sie hat mit uns die Geschichte der Frauenbewegung durchgenommen und schon in den 1950er Jahren, als das noch nicht üblich war, mit uns Dokumente aus der NS-Zeit gelesen.“ Außerdem hat diese Lehrerin die begabte Abiturientin für die Studienstiftung des Deutschen Volkes vorgeschlagen. „Das habe ich gerne angenommen“ erzählt Marianne Kaiser, „allerdings mit der Folge eines unterschwelligen Konflikts mit meiner Mutter, der nie aufgelöst werden konnte.“

Sie holt noch etwas weiter aus und erzählt von einer geistig wachen und politisch interessierten Mutter, die gleichzeitig aber für ihre Tochter das weibliche Rollenbild der 1950er Jahre mit Ehe und Familiengründung vor Augen hatte. Eine Berufsausbildung vor der Ehe war nur für den Notfall gedacht. Sprüche wie ‚Mädchen, mach Dir Locken, sonst bleibste hocken‘ prägten den Alltag und tatsächlich wurde die kleine Marianne schon als Kind beim Friseur mit einer Dauerwelle malträtiert. So war der Zeitgeist damals, der nicht nur bei der Mutter, sondern auch beim Vater zu großen Ambivalenzen führte. Ein ständiger Streitpunkt ihrer Eltern bereitete bei dem aufmerksamen Mädchen den Boden für ihre frauenpolitische Wachsamkeit. „Meine Mutter wäre sehr gerne wieder arbeiten gegangen.“ Doch der Vater, der einerseits eine höhere Schulbildung und das Studium der Tochter förderte, hat andererseits nicht zugelassen, dass seine Ehefrau wieder berufstätig wird. „Und er hat auch unterbunden, dass meine Mutter sich aktiv in die SPD einbringt und ein Amt übernimmt“, berichtet Marianne Kaiser, „seine Auffassung war: Ich als Kriegsversehrter und das Kind brauchen Dich zu Hause. Berufstätig sein ist etwas Schönes, aber die Familie hat Vorrang.“ Und sie fügt an: „Die Problematik der Vereinbarkeit von Familie und Beruf hat mich seither begleitet, die hatte ich im Gepäck, als ich zur Volkshochschule kam – und ein grundsätzliches Gefühl dafür, dass Gleichberechtigung anders aussehen muss.“

Zunächst ging sie aber zum Studieren nach Göttingen. Dort belegte sie die Fächer Deutsch und Englisch mit dem Ziel, Studienrätin zu werden. Dabei hatte sie im Hinterkopf, dass dies am ehesten ein mit Familie zu vereinbarender Beruf sei. Politisch wach und engagiert war sie auch dort, noch deutlich vor den Studentenunruhen der 1968er Zeit. Sie zeigt mir einen Beitrag mit dem etwas trockenen Titel ‚Stereotyp und Studentin‘, den sie 1962 für eine links orientierte Studentenzeitschrift geschrieben hatte und ergänzt, dass sie „in einem anderen Artikel die fehlende Kinderbetreuung für Studentinnen“ moniert habe. 1965 heiratete sie und folgte ihrem Mann 1967, wie es damals üblich war, „mit wehenden Fahnen“ ins Ruhrgebiet an die Ruhr-Uni in Bochum. Dort sympathisierte sie mit den Reformbestrebungen der Studentenbewegung und auch dem historischen Tomatenwurf. Klassenkampf und Revolution waren dann aber doch nicht so ihr Ding. Bezüglich ihres Studiums hatte sie sich umorientiert und sich für eine literaturwissenschaftliche Promotion entschieden, die sie 1970 abschloss. Schon ab 1968 arbeitete sie an der VHS Bochum im Grundstudienprogramm als Kursleiterin im Fach Literatur. Das war die Zeit, in der es wegen fehlender Schulbildung noch einen großen Nachholbedarf an Erwachsenenbildung gab und diese zunehmend professionalisiert wurde. Eine Bewerbung auf die Stelle des Leiters des Fachbereichs ‚Gesellschaft und Politik‘ an der VHS Gelsenkirchen im Jahr 1970 war erfolgreich und Marianne Kaiser prägte diesen bis zu ihrem Ruhestand im Jahr 2000.

Frauenpolitische Erfolgsgeschichte

In den Beginn dieser Zeit fallen die Scheidung von ihrem Mann, ein Gastspiel an der VHS in Wetzlar von 1974-1977, eine Krebserkrankung und damit die endgültige Verabschiedung von einem potentiellen Kinderwunsch. Doch beruflich waren die Weichen in die richtige Richtung gestellt, was ihre Neigungen und Fähigkeiten angeht. Insbesondere wurde ihr Berufsleben eine frauenpolitische Erfolgsgeschichte. Während ihrer Zeit an der VHS in Wetzlar hatte sie sich in einem großen Projekt engagiert, in dem Kindergartenhelferinnen ihren Hauptschulabschluss nachholten und sich zur Kindergartenpflegerin qualifizierten. Diese Erfahrungen brachte sie mit zurück nach Gelsenkirchen. In der Rückschau sagt Marianne Kaiser: „Ich habe die Frauenbildung zu einem zentralen Schwerpunkt meiner Arbeit gemacht im Hinblick darauf, dass es da in dieser Region einen erheblichen Nachholbedarf gab.“

Schon 1971 hatte sie im VHS-Programm zum ersten Mal einen Gesprächskreis ‚Politik für Frauen‘ ausgeschrieben, ab 1973 mit einem Kinderbetreuungsangebot. Sie zeigt mir einen Schnellhefter, in dem sie 1996 die Veranstaltungen für die ‚Zielgruppe Frauen‘ zusammengefasst hat. Da finden sich Ende der 1970er Jahre Titel wie ‚Frauen in der Arbeitswelt gestern und heute‘, ‚Ehe, Familie Partnerschaft im Film‘, ‚Studienfahrt für Frauen in die DDR‘, ‚Gesprächskreis für Türkinnen‘, ‚Frauen schreiben über sich‘ oder ‚Gleicher Lohn für gleiche Arbeit‘.

„Mein Akzent war, Gleichberechtigung zu realisieren,“ verdeutlicht Marianne Kaiser. Dazu passt, dass sie sich 1972 dafür entschied, „dass mein gesellschaftspolitisches Engagement die Gewerkschaftsarbeit sein sollte und dabei habe ich die Frauenbelange in den Mittelpunkt gestellt.“ In Wetzlar arbeitete sie im DGB-Kreisfrauenausschuss mit und brachte sich später in Gelsenkirchen als Vorsitzende des Kreisfrauenausschusses und als Personalrätin in die ÖTV ein. „Die ehrenamtliche Gewerkschaftsarbeit konnte ich gut mit der frauenpolitischen Volkshochschularbeit, besonders bei Angeboten der ‚AG Arbeit und Leben‘ verbinden, sie hat sich wie ein roter Faden bis heute durch mein Leben gezogen.“ Konkret erinnert sie sich: „Ich habe die Gewerkschaftskollegen mit ihren Frauen eingeladen, Frauenseminare organisiert und auf Angebote hingewirkt, in denen gewerkschaftlich orientierte Frauenbildungsarbeit stattfand “

Lohngerechtigkeit für die Heinze-Frauen

Damit nähern wir uns einem großen Thema, in das Marianne Kaiser viel Engagement und viel Herzblut gesteckt hat: Lohngerechtigkeit! Vor 40 Jahren, von 1978 – 1981 wurde es zum ersten Mal in großem Stil öffentlichkeitswirksam verhandelt. Damals hatten 29 Frauen, die bei den Fotobetrieben Heinze in Gelsenkirchen arbeiteten, durch drei Instanzen geklagt, um den gleichen Lohn wie ihre männlichen Kollegen zu bekommen. Worum ging es? Die Deutschen fingen an, wieder auf Reisen zu gehen und dank der vielen Urlaubsfotos boomte auch die Fotoindustrie. Also führte der Laborbetrieb Heinze Nachtschichten ein, die damals für Frauen grundsätzlich nicht zugelassen waren. Es wurden also Männer in diese bislang nur mit Frauen besetzten Abteilung eingestellt. Für Männer wie Frauen galt die Lohngruppe 1 mit einem Stundenlohn von 6 DM, jedoch erhielten die Männer eine erheblich höhere Zulage, als die Frauen: mindestens 1,50 DM, unabhängig von den zusätzlichen Nachtzulagen, während die Frauen nur Pfennigbeträge als Zulage bekamen. Die Vermittlungsbemühungen des Betriebsrats hatten keinen Erfolg. Die Firma argumentierte, dass sie ohne diese höheren Zulagen keine Männer für die Nachtschichten finden würde. Sie bestand auf ihrer Vertragsfreiheit. Daraufhin beschlossen 29 Frauen, zu klagen. Und hier kommt nun Marianne Kaiser ins Spiel. Als gewerkschaftliche Referentin informierte sie 1978 bei einer Betriebsversammlung über Lohngleichheit und im Rahmen ihrer Tätigkeit an der Volkshochschule organisierte sie dann 1979 begleitende Seminare zum Verlauf des Prozesses. Durch ihre gute Vernetzung trug sie außerdem dazu bei, eine breite öffentliche Aufmerksamkeit für das Anliegen der Frauen herzustellen. Im Frühjahr 1979 solidarisierten sich in Gelsenkirchen zum ersten Mal gewerkschaftliche Frauenausschüsse, Betriebsräte, die autonome Frauenbewegung sowie die parteipolitisch oder konfessionell organsierten Frauen. Dem Sieg der Heinze-Frauen vor dem Arbeitsgericht in Gelsenkirchen folgte eine Niederlage bei der zweiten Instanz in Hamm im Herbst 1979. Aber eine Revision vor dem Bundesarbeitsgericht in Kassel war zugelassen. Der Prozess fand zwei Jahre später, im September 1981, statt. Marianne Kaiser trug dazu bei, während dieser Zeit auch eine überregionale Öffentlichkeit für das Thema zu sensibilisieren.

Aus dem in den Weiterbildungsseminaren mit den Heinze-Frauen aufgezeichneten Tonmaterial erarbeitete Marianne Kaiser in Absprache mit den Kolleginnen und in Kooperation mit der IG Druck und Papier ein Manuskript, das der Rowohlt Verlag 1982 in seiner Reihe ‚Frauen aktuell‘ veröffentlichte. Außerdem entstand, basierend auf dem Buch, ein Theaterstück für die Ruhrfestspiele mit dem Titel ‚Frauen sind keine Heinzelmänner‘.

Unter dem Motto ‚Solidarität mit den Heinze-Frauen‘ hatte die Gewerkschaft ‚Druck und Papier‘ kurz vor dem Gerichtstermin eine Großdemonstration mit 6000 Teilnehmer:innen organisiert. Marianne Kaiser war dabei, als vier Busse aus Gelsenkirchen sich auf den Weg nach Kassel machten. Im Prozess bekamen die Klägerinnen recht und erhielten die eingeklagten 20 000 DM. Für die Heinze-Frauen war das jedoch leider nur ein Teilerfolg. Die Firma Heinze stand Anfang 1982 vor dem Konkurs und es kam zu keiner Folgeklage mehr über die den Frauen zustehenden Nachzahlungen in Höhe von 100 000 DM. Die Signalwirkung allerdings, die von diesem Urteil ausging, war deutschlandweit ein Meilenstein in Bezug auf Lohndiskriminierung.

Auch jetzt noch kommen immer wieder Anfragen zu dem Heinze-Thema. Marianne Kaiser hat ein umfangreiches Archiv dazu angelegt, das sie dem Institut für Stadtgeschichte in Gelsenkirchen übergeben hat. „Doch solange ich lebe“, sagt sie, „verfüge ich darüber“.

Richtig geärgert hat Marianne Kaiser sich vor einigen Jahren über das Drehbuch eines ARD-Films zu den Heinze-Frauen. Der Regisseur hatte im Vorfeld ein Interview mit ihr geführt und ihr dann das Drehbuch zu lesen gegeben. „Da habe ich auf den Putz gehauen, denn es stand dort kein Sterbenswort über die Gewerkschaften. Wer hatte denn das alles bezahlt? Ich wusste zwar, dass es ein Spielfilm werden sollte, aber im Drehbuch war die Handlung auf die leicht verkitschten Erfahrungen einer Einzelkämpferin verkürzt. Die Solidarität der Frauen kam überhaupt nicht vor. Ein bisschen was von dem Kern des Konflikts wurde transportiert, aber nichts von der historischen Realität.“ Ihr Ärger hat etwas genützt. Die Kritik wurde partiell berücksichtigt und im Nachhinein sagt sie versöhnlich: „So ist es ein spannender Film geworden, der die Erinnerung an die Heinze-Frauen wachhält.“

Frauenvernetzung

„Durch die Heinze-Geschichte hat sich auch bei den Frauen in Gelsenkirchen etwas verändert, die verschiedenen Strömungen der Frauenbewegung haben sich erstmalig wahrgenommen“, ergänzt Marianne Kaiser, „es war die erste große Gemeinschaftsaktion. Ich konnte vernetzen und Querverbindungen ins Gespräch bringen, die Volkshochschule war wie eine Schaltstelle zur Vernetzung. Wir hatten damals ein starkes Wir-Gefühl in der Frauenbewegung.“ Das war neu. Das gegenseitige Interesse zwischen den gewerkschaftlich orientierten Frauen und der neuen Frauenbewegung begann erst zu wachsen. „Ich hatte junge Kursleiterinnen, die der neuen Frauenbewegung verbunden waren und ihre Ansichten und neue personenbezogene Arbeitsmethoden mitbrachten“, erinnert sich Marianne Kaiser. „Die neue Frauenbewegung hat da Impulse gesetzt, durch die auch Bewegung in die gewerkschaftliche Frauenarbeit kam. Irgendwann sagte eine ältere Gewerkschaftskollegin damals ‚Naja, mit dem Patriarchat haben wir ja auch einige Erfahrung‘.“ Marianne Kaiser betont noch einmal: „Methodisch und inhaltlich habe ich ganz viel von der neuen Frauenbewegung gelernt. So entstand zum Beispiel auch die Idee, Studienfahrten in die DDR oder nach Rom nur für Frauen und deren Fragestellungen anzubieten. Das Konzept der Zielgruppenarbeit war modern.“

Daraus entwickelte sich ein weiteres Projekt mit der Volkshochschule als einem Ort der Vernetzung. „Ab Mitte der 1980er Jahre habe ich viele Jahre zusammen mit dem städtischen Frauenbüro eine gemeinsame Veranstaltung aller Frauenorganisationen zum Internationalen Frauentag am 8. März organsiert, eine Veranstaltung die zusätzlich neben den eigenen Aktionen der einzelnen Gruppierungen stattfand. Das Motto ‚Getrennt, zusammen, oder Beides?‘ beschrieb dabei unser Anliegen. Mit Vorträgen zu aktuellen Fragen der Frauenpolitik haben wir gezeigt, dass die Frauen in der Stadt präsent sind.“

Beschäftigung mit der eigenen Biographie

Aber noch einmal zurück zu den Heinze-Frauen. In den von der VHS begleitend zu den Gerichtsterminen durchgeführten Seminaren ging es nicht nur um die juristischen Aspekte, sondern auch darum, wie die Gelsenkirchener Frauen ‚aus kleinen Verhältnissen‘ diese Zeit persönlich erlebt haben. Sie waren es nicht gewöhnt, so in der Öffentlichkeit zu stehen. „Damit ist das biographische Lernen zunehmend in die Frauenbildung eingeflossen. Persönliche Erfahrungen und Einsichten haben wir nicht unbedingt über reines Berichten, sondern durch szenische Lesungen in die Projekte eingebunden. Einmal ging daraus sogar ein von den Teilnehmerinnen gegründetes autonomes Frauentheater namens ‚Stiefmütterchen‘ hervor.“ Schmunzelnd ergänzt Marianne Kaiser: „Neue Techniken, wie etwa die Wäscheleine, an der Notizen über alles, was wichtig war, aufgehängt wurde, hätte es in keinem Männer-Seminar gegeben.“

Aus dem bislang über sie Erzählten wird deutlich, was Marianne Kaiser selbst folgendermaßen formuliert: „Ich habe zwei durchlaufende Themenschwerpunkte im Bildungsangebot gehabt: Frauen und Stadtgeschichte. Bei beidem gab es viel Nachholbedarf.“

Arbeit an der symbolischen Ordnung

Vor dem Blick auf ihre stadtgeschichtlichen Aktivitäten ist es jedoch interessant zu erfahren, wie sie die Biographiearbeit mit Frauen in Gelsenkirchen nach zehn Jahren Seminartätigkeit theoretisch und philosophisch einordnete. 1993 hat sie dazu einen Aufsatz veröffentlicht mit dem Titel ‚Frauen können mehr‘. Das war auch der Oberbegriff für die Frauenbildungsseminare, in denen seit 1992 die Teilnehmerinnen angeleitet wurden, Wunschvorstellungen für die eigene Zukunft zu entwerfen und sich über ihr Begehren klar zu werden. Nach zehn Jahren hatte Marianne Kaiser die gute Idee, alle Frauen noch einmal zu einem Wochenende einzuladen, bei dem sie aufgefordert waren, die Wirkung dieser biographisch orientierten Seminare zu reflektieren. 16 von ca. 60 Frauen nahmen teil. Marianne Kaiser schildert es folgendermaßen: „Entscheidend, so erinnerten sich die Teilnehmerinnen, waren die in den Seminaren erfahrenen Bestärkungen. Diese hatten dazu geführt, gewollte, aber noch unerprobte Veränderungen im eigenen Leben tatsächlich anzupacken.“ Hier schlägt Marianne Kaiser nun den Bogen zum Affidamento-Konzept der italienischen Philosophinnen, denn wie es dort beschrieben wird, hatten die Gelsenkirchener Frauen anderen Frauen die Autorität zugebilligt, ihre Wünsche als berechtigt anzuerkennen und sich bei ihrer Verwirklichung von ihnen bestärken zu lassen. Das ‚Mehr‘ einer anderen Frau, sei es aus der Gruppe, sei es aus der Teamleitung, half, die in der eigenen Biografie empfundenen Begrenzungen zu überschreiten. Das galt auch für sie selbst. „Ich war für einzelne Frauen eine mütterliche Autorität, habe sie aber auch meinerseits gefunden. So verdanke ich zwei Teamerinnen, dass ich, als sie mir den Zugang zur autonomen Frauenbewegung voraushatten, an ihrem Vorsprung, ihrem ‚Mehr‘, wachsen konnte.“ Marianne Kaiser beendete ihre Ausführungen in dem Aufsatz damals folgendermaßen: „Die Zensur der männerorientierten symbolischen Ordnung, die Frauen ausschließlich in ihrem Verhältnis zu Männern wahrnimmt und bei jeder von uns in Gefühl und Selbstwahrnehmung hineinwirkte, war ein Stück weit außer Kraft gesetzt worden. Jede einzelne hatte ganz konkret ihre weibliche Identität erweitert. Wir konnten wirklich mehr nach den Seminaren. Und wir hatten verstanden, warum das Private politisch ist.“

Danach gefragt, wie sie die frauenpolitische Erwachsenenbildung heute wahrnimmt, berichtet sie von einem Gespräch mit einer ihrer Nachfolgerinnen, die ihr sagte: „Das läuft alles nicht mehr so, wie es früher war. Die Frauenbildungsarbeit als Zielgruppenarbeit ist ausgelaufen. Aber es gibt auch nicht mehr diesen Nachholbedarf.“

Schwerpunkt bei Frauen- und Lokalgeschichte

Marianne Kaiser mit den Porträts von Frauen, die für die Frauengeschichtswerkstatt interviewt wurden.

Für Marianne Kaiser noch lange nicht ausgelaufen ist ihr historisches Interesse und Engagement, und zwar insbesondere das für Frauen- und Lokalgeschichte. Jahrelang hat sie sich in das ‚Forum Geschichtskultur an Ruhr und Emscher’ eingebracht und erzählt mir, mit welchen Worten sie während der Gründungsversammlung 1991 die männerzentrierte Geschichtsschreibung in Frage gestellt hat: „Wir wissen alle, dass Berg- und Stahlarbeiter die tragenden Säulen der Region waren. Aber ich bitte zu bedenken, dass diese Männer auch Frauen, Mütter und Töchter hatten.“ Daraufhin wurde sie dann gleich in den Vorstand gewählt.“ Schon vorher, seit 1989, hatte sie sich einen Namen gemacht mit einer Frauengeschichtswerkstatt, bei der 25 Kursteilnehmerinnen die Suche nach historischen Quellen genauso kennengelernt hatten, wie die Durchführung von Zeitzeuginnen-Interviews – und dafür prompt mit einem Preis des Forums ausgezeichnet worden waren. An kreativen Ideen mangelte es Marianne Kaiser nicht: Auch eine Revue zur Stadtgeschichte, einen Kalender zum Thema ‚Frauen und Arbeit‘ oder den Themenschwerpunkt ‚Frauen und Stadtplanung‘ brachte sie mit wechselnden Teams auf den Weg.

Ein Kalenderblatt aus der VHS-Arbeit das zeigt, wie Frauen ihre Arbeitszeiten ausbalancieren müssen.

Die Region war geprägt von einem immensen Strukturwandel, denn nicht nur Bergbau und Stahlindustrie brachen weg, sondern auch die Textilindustrie wanderte immer weiter ab nach Osten in Richtung Asien. Marianne Kaiser trug in der VHS und im Forum Geschichtskultur dazu bei, diese Verluste in Geschichtswerkstätten zu bearbeiten und die Erfahrungen mit dem Niedergang der Produktionsstätten zusammenzutragen. Die Historikerin Uta C. Schmidt interpretiert das in einem Aufsatz über Marianne Kaiser folgendermaßen: „In einer Stadt mit Strukturbruch wie Gelsenkirchen bot die Geschichtsarbeit auf jeden Fall die Möglichkeit, ein Stück weit die Deutungshoheit über die eigene Biographie zurück zu gewinnen und der Ohnmacht und Entmächtigung eigene Erzählungen entgegen zu setzen.“

Ein weiterer Schwerpunkt, bei dem Marianne Kaiser Akzente setzte, war die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus in Gelsenkirchen. 1982 erschien dazu in der VHS eine Dokumentation. Darin wurde auch über ungarische jüdische Mädchen und Frauen berichtet, die 1944 bei einem Luftangriff ums Leben kamen. Einer der Überlebenden half Marianne Kaiser 1994 mit Hilfe der Frauengeschichtswerkstatt, das Grab von deren verschollener Schwester in Bottrop ausfindig zu machen und dann 1999 eine würdige Totenfeier auszurichten.

Ähnlich wie mit der Gewerkschaft gab es auch beim Forum Geschichtskultur Überschneidungen mit Win-win-Effekten zwischen der beruflichen VHS-Arbeit und dem ehrenamtlichen Engagement. Der Geschichtsarbeit ist sie in ihrem Ruhestand bis heute treu geblieben. Sie schreibt Texte für www.frauenruhrgeschichte und war mehrfach als Expertin gefragt zu dem Thema ‚Heinze-Frauen‘ für Studentinnen und zuletzt für die Landesausstellung im ‚Haus der Geschichte Nordrhein-Westfalen‘.

Ein reiches Leben, nicht ohne Brüche

Marianne Kaisers Lebensweg verlief nicht ohne Brüche. Sie brannte für ihre Themen und hat sich unermüdlich in ihre Arbeit hineingekniet. Ganz offen erzählt sie: “So ungefähr ab 1985 hatte ich den Verdacht, ich werde zu einer Workaholic. Und ich wollte alles, nur nicht süchtig werden. Es kam zu einer Art burnout, weshalb ich mir eine vorübergehende Arbeitszeitverkürzung gegönnt habe. Stattdessen habe ich italienisch gelernt, bin eine Beziehung mit einem italienischen Mann eingegangen, die 20 Jahre währte und habe dem Leben neben der Arbeit Raum gegeben.“ Sie fügt hinzu: „Auch ich habe aus der Frauenbildungsarbeit gelernt und reduziert.“ Nichtsdestotrotz hat sie ihre Italien-Erfahrungen dann auch für ihre Volkshochschule weiterentwickelt und zwei Frauenstudienreisen nach Rom organisiert.

Zu vielen Frauenbildungsseminaren hat sie begleitend Kinderbetreuung angeboten, für diese Problematik hatte sie eine besondere Sensibilität. „Eine eigene Familie mit Kindern und Beruf zu vereinbaren, war das Thema meiner Studienzeit. Es hat mich immer wieder beschäftigt, einschließlich der Erfahrung, dass es mir nicht gelungen ist, beides zu leben“, resümiert sie etwas wehmütig. Meinen Eindruck, dass ihr Leben ein sehr reiches Leben war und noch ist, bestätigt sie: „Es hat mir auch die Möglichkeit geboten, soziale Bindungen zu knüpfen, die mir eine Familie ersetzten und ersetzen. Rückblickend bin ich sehr dankbar, dass die Frauenbewegung in vielfältigster Form in meinem Leben wichtig geworden ist. Sie hat mir immer wieder Stärke gegeben in der Arbeit und in persönlichen Krisensituationen.“ An der heutigen Entwicklung der feministischen Debatten und Aktionen vermisst sie jedoch oft den Blick auf die Gemeinsamkeit von Erfahrungen und die daraus erwachsende Solidarität.

Zum Abschied gibt sie mir noch mit auf den Weg: „Es war mir ein Anliegen, dass die Volkshochschule ein Ort der Kommunikation und Begegnung ist. Außerdem war mir das ‚Wir‘ in der Frauenbewegung besonders wichtig.“ Und zuletzt: „Im Rückblick bin ich eine Feministin gewesen, aber ich habe mich selber damals nicht so bezeichnet.“

Zum Weiterlesen:

Marianne Kaiser (Hg.), Wir wollen gleich Löhne, Dokumentation zum Kampf der 29 Heinze-Frauen, Frauen aktuell rororo 4623, Reinbek 1982.

Uta C. Schmidt, Marianne Kaiser / 1940, Eine Erwachsenenbildnerin als kritische Begleiterin und Akteurin im Strukturwandel https://www.frauenruhrgeschichte.de/frg_biografie/marianne-kaiser/.

Interview mit Marianne Kaiser über ihre Arbeitsweise in: Anders arbeiten in Bildung und Kultur, Kooperation und Vernetzung als soziales Kapital, Hg.: Friedrich Hagedorn, Sabine Jungk, Mechthild Lohmann, Heinz H. Meyer, Basel 1994 (Zukunftsstudien 14), S. 69-76.

Aus den Anfängen der Frauenbildungsarbeit: Marianne Kaiser zusammen mit Hannelore Peltzer-Gall, Aspekte einer Didaktik- und Methodendiskussion der Bildungsarbeit mit Frauen in Volkshochschulen, in: Angela Jurinek-Stinner / Marianne Weg (Hg.), Frauen lernen ihre Situation verändern. Was kann Bildungsarbeit dazu beitragen? München/Wien/Baltimore 1982.

Marianne, Kaiser, Frauen können mehr, Erfahrungen aus der Frauenbildungsarbeit an der Volkshochschule Gelsenkirchen 1982-1992, in: Karin Derichs-Kunstmann / Brigitte Müthing (Hg.), Frauen lernen anders, Theorie und Praxis der Weiterbildung für Frauen, Bielefeld 1993, S. 182-194.

Marianne Kaiser zus. mit Anneliese Kaminski, Roswitha Komosha, Christel Trilling, Gina Cornelisen-Wagner, Die Fraueninitiative‚ Thyssen Schalker Verein muss weiterleben, in: Der Schalker Verein, Arbeit und Leben in Bulmke-Hüllen, Hg.: Örtl. AG Abeit und Leben (DGB/VHS), Gelsenkirchen 2008, S. 219-231.

Im Rahmen dieser Serie wurden bisher die Donaupriesterin Gisela Forster, die Feministin Barbara Linnenbrügger, die Malerin Waltraud Beck, die Professorin Monika Barz, die Historikerin Irene Franken, die Tagungsleiterin Herta Leistner, Dagmar Schultz, die Alltagsforscherin Maria Rerrich, die Matriarchatsfrau Siegrun Laurent, die Gründerin Claudia Gather, die Heilpraktikerin Bali Schreiber, die Verbandsfrau Marlies Hesse, Ika Hügel-Marshall, die Stiftungsverwalterin Gudrun Nositschka, die Berliner Frauenpreisträgerin Karin Bergdoll, die Sozialpädagogin Erni Kutter, Philosophin Dorothee Markert, die Museumskuratorin Elisabeth von Dücker, die Frauenakademie München, die Gleichstellungsbeauftragte Heike Ponitka und die Sängerin Renate Lettenbauer vorgestellt.

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Pandemische Familien – Das bleibt unter uns https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/10/pandemische-familien-das-bleibt-unter-uns/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/10/pandemische-familien-das-bleibt-unter-uns/#comments Mon, 18 Oct 2021 09:06:06 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17904

Die Pandemie hat Grenzen in Frage gestellt und Grenzen gezogen. Dabei ging es um Schutz, Fürsorge und Sicherheit, um Sicherheitsbedürfnisse, aber auch um Zugehörigkeit, um soziale Bedürfnisse und darum, die Grenzen des Miteinanders neu auszutarieren. Ein Haushalt, eine Familie galten als unhinterfragte Maßeinheiten für eine solide Balance von Solidarität und Sicherheit. Sie waren sozusagen die Optimisten, mit denen wir lernen sollten, durch die Pandemie zu segeln. Doch es gab frühe Lecks, überraschende Windböen, geschlossene Häfen und rücksichtslose Manöver von Supertankern, die Optimisten schnell zum Kentern bringen konnten.

Im Frühjahr 2020 war Social Distancing für die meisten eine klare Sache. Anders für Patchwork-Familien. Denn wenn Kinder mit Umgangsrechten im Spiel sind, da war der Gesetzgeber eindeutig, galten Kontaktbeschränkungen nicht. Kindern von getrenntlebenden Eltern stand es frei, zwischen den Haushalten ihrer Eltern zu wechseln – gewissermaßen hin und her zu segeln. Als Familienpatchwork war man, was Social Distancing anging, in einer Grauzone, und diese Grauzone konnte zuweilen ziemlich groß und unübersichtlich sein. Denn ja, mitunter haben ja auch die neuen Partner:innen der getrennten Eltern ebenfalls Kinder aus früheren Ehen oder Beziehungen. Und die Halbgeschwister pendeln dann wiederum auch. Und so weiter. Wo hört dann die Familie auf? Und was ist ihr Kern? Und wie funktioniert dann Social Distancing? 

Keine einfache Sache, Vereinbarungen mit der neuen Familie des Ex-Mannes zu treffen, fand ich. Ging aber nicht anders. Die knallharte Realität war eben: Es mussten unangenehme Entscheidungen getroffen werden, um Ansteckungsrisiken zu minimieren. Die See war rau und nicht alle konnten schwimmen. Im Familienpatchwork gab es Covid-Klinikpersonal hier, Pflegebedürftige dort und dazwischen die jüngeren Generationen von Kindergarten bis Uni. Und das ist im Grunde nichts weiter als ein Abbild von Gesellschaft. Das ganze Haus. Verbunden mit all den unbequemen konflikthaltigen Fragen, die sich nicht eindeutig beantworten ließen, gleichwohl aber einer Lösung bedurften: Wer darf wann wen treffen, damit diese und jener nicht gefährdet werden? Welche Risiken gehen wir ein, welche meiden wir? Und wer nimmt sich wann zurück? Was ist gerecht? Kann es gerecht sein unter den Bedingungen eines Seebebens? – Es gibt eine Menge Verhandlungsbedarf insbesondere dort, wo Familie kein einzelner Haushalt ist, sondern ein weitverzweigtes Wegenetz. Miteinander segeln ist eine komplizierte Sache. Und in mancherlei Hinsicht war es viel zu gefährlich. 

Zu den erschütternden Erlebnissen in der Pandemie gehört für mich, dass Eltern, die Job-bedingt regelmäßig Umgang mit Covid-Patient:innen hatten, sich über längere Phasen von ihren Kindern trennten, um andere nicht zu gefährden. Oder auch ganz einfach: um noch einen Menschen zu finden, der bereit war, sich um ihre Kinder zu kümmern, während sie Todkranke pflegten. Sie sangen ihre Kinder über Videocall in den Schlaf und winkten ihnen nach der Schicht von Ferne zu. 

Während zugleich wiederum vor den Klinikfenstern jene für ihre Freiheitsrechte demonstrierten, die noch nicht verstanden hatten, dass „Freiheit“ nicht möglich ist, wenn man den Zusammenhang von Autonomie und Fürsorge zerreißt. Drinnen und draußen sind Kategorien, über die Zugehörigkeit und Identität als etwas Eindeutiges verhandelt werden. Sie operieren über Abgrenzung und Ausschluss. Im Kern aber geht es um Kontinuität und Sicherheit – und letztlich um Macht: Hier die Wahrung der Komfortzone, dort die Menschen, die hohe Risiken tragen müssen und täglich über ihre Grenzen gehen, um andere in Sicherheit zu bringen. Was für eine Schieflage. Doch genau diese Schieflage ist der Kern patriarchal organisierter Gesellschaftsformen. Und vielleicht ist es noch nie so deutlich gewesen wie in der Pandemie, dass nicht Familie Kernzelle von Gesellschaft im Kleinen ist, sondern Gesellschaft als Ganzes patriarchale Familienmuster repliziert und gerade damit demokratische Formen des Zusammenlebens unterwandert. Den einen wird der Wind aus den Segeln genommen, damit anderen der Treibstoff nicht ausgeht.

Bürofamilien

Auch für meinen Beruf ist das Unterwegssein zwischen verschiedenen Kontexten konstitutiv. Als Freiberuflerin läuft eine mal hier, mal dort in den Hafen ein und trägt so zum Erhalt eines Wegesystems bei, aus dem immer wieder neue Kooperationen entstehen. Eine trotz mancher Risiken sehr fruchtbare Art zu arbeiten. Umso erstaunlicher, was in der Pandemie passierte. In ihrer (Büro-)herde fühlten sich offenbar nicht wenige bereits vor der Erfindung eines Impfstoffes gegen Covid immun. Zwischen verschiedenen Arbeitszusammenhängen pendelnde Freiberufler:innen, welche die Herdenzusammengehörigkeit per se unterwanderten und dann noch Ansprüche an Hygienemaßnahmen stellten, wurden zuweilen schnell als lästig und störend wahrgenommen, umso mehr natürlich dort, wo das Querdenken und Corona-Leugnen Pfahlwurzeln schlug und das Bedürfnis nach einer kollektiven Identität in den Vordergrund drängte, inklusive der Lust an Lagerbildung – womit manche ihre persönliche Wohlfühlzone als Kern einer gemeinsamen Wagenburg etablieren konnten. Plötzlich gab es hohe Hafenzölle. Und dann wurde die Funkverbindung gekappt.

Die Familiarisierung von Arbeitsbeziehungen ist ein unterschätzter Sparring-Partner im Kampf gegen Covid, vielleicht war sie in der Pandemie bislang einer der Hauptgründe für den unverantwortlichen Widerstand gegen eine Homeoffice-Pflicht. Auch hier gab es dann plötzlich schnell die, die drinnen waren, und die, die außen vor blieben. Und die Etablierung dieser Grenze hatte eine systemische Bedeutung. Urplötzlich hatten die einen das Nachsehen und blieben auf dem Verhandlungsbedarf, den eine Pandemie mit sich bringt, sitzen; die anderen reklamierten Deutungshoheit und bestimmten, was der Rede wert ist: Hier war sich die Bürogemeinschaft einig, dass man immer noch zusammen an einem Tisch Schulter an Schulter zu Mittag essen kann, dort waren die unbequemen Abweichler. Auch das ist Teil der Sehnsucht nach Familie: Kollektive Einmütigkeit hier, Spielverderber dort. Geschlossene Systeme stabilisieren sich gerne über Außenseiter. Allzumal in Krisenzeiten. Allein auf offener See waren Optimisten jedoch ernsthaft in Gefahr.

Hermetische Familien und Sündenböcke

Mein größtes Problem im Umgang mit Coronaleugnern und selbsternannten Querdenker:innen war für mich mein psychologisches Interesse. Ich bin staunend so damit beschäftigt herauszufinden, wie mein Gegenüber tickt, dass ich zu spät mitbekomme, wie es mir schadet. Was ich lange verkannt habe, ist, dass die mentalen Pirouetten von „Querdenker:innen“ nicht nur auf teils faszinierende Weise vorführen, wie Verdrängungsmechanismen – Verschiebung, Verleugnung, Verkehrung ins Gegenteil – funktionieren, sondern dass die paranoide Interpretation von Wirklichkeit, zu der hermetische Systeme neigen, ständig neues Futter braucht und sich alles unterschiedslos einverleibt. Das Problem ist, dass geschlossene Systeme Abweichler brauchen, um sich zu konsolidieren. Sie schicken den Sündenbock nicht nur in die Wüste – oder aufs offene Meer –, sie müssen ihn kontrollieren. Das gelingt durch Übergriffe, Unterstellungen, über zum Teil wahnwitzige Kurzschlussreaktionen, mit denen Koinzidenzen und Analogien überinterpretiert werden. Auf diese Weise lässt sich die sukzessive Entstehung von Verschwörungsmythen beobachten, was psychologisch interessant ist, aber ungemütlich wird, wenn man selbst zum Gegenstand der Verschwörungstheorie geworden ist.  Doch Sündenböcke sind, solange sie sich nicht mit den Anhaftungen identifizieren, die andere ihnen mitgeben: frei. Autonomie und Zugehörigkeit wurzeln in der Bewegung, nicht in der exakten Verortung. Und dasselbe gilt für Identität, die auf individuellen Erfahrungen beruht und keiner Ideologie bedarf. Sie bleibt zwischen Annäherung und Abgrenzung beweglich, in Schwingung mit dem Segel und dem Wind. Supertanker können sie zum Kentern bringen.

Das ganze Haus

Zugehörigkeit und Individualität sind Grundbedürfnisse, die potenziell miteinander in Konflikt stehen. Ebenso wie Freiheit und Sicherheit. Oder Abhängigkeit und Autonomie. Und diese Konflikte sind ebenso konstitutiv für unser Sein und Miteinander-Sein wie jedes Bedürfnis für sich es ist. Auch dieser Zusammenhang darf nicht zerrissen werden, nicht auf der Ebene des Subjekts, nicht in der Familie, nicht auf der Ebene von Gesellschaft. Wo der Konflikt ausgelagert wird, um Gemeinschaft zu konsolidieren, wird in Wahrheit Gemeinschaft zerstört. Wo Einmütigkeit als Prädisposition behauptet wird, agiert die Gemeinschaft antipluralistisch und kann jede Sicherheit nur trügerisch sein. Wo Ganzheitlichkeit reklamiert wird, wird es unmenschlich. Denn auch der Konflikt und die Selbstentfremdung gehören zum Ganzen, zum Menschsein dazu. 

Wir bleiben nur dann miteinander in Entwicklung, wenn wir in einer Offenheit der Differenz – zu uns selbst und zum anderen – bleiben. Niemand segelt alleine. Niemand kann das Wetter genau vorhersagen oder das eigene Verhalten bei der nächsten Böe oder Welle. Spielraum und Sicherheitsabstand lassen sich nur zusammen austarieren. Es ist es eine Herausforderung, hinreichend Raum zu lassen, ohne den Zusammenhang mit den anderen zu verlieren. Die stimmige Balance liegt in der Verantwortung aller. Dabei sind Freiräume und Sicherheiten nicht unabhängig voneinander zu haben, sie existieren nicht bedingungslos, wir können sie nur gemeinsam füreinander herstellen. Seewärts geht es allein dann, wenn wir klimatisch in Beziehung bleiben. Im besten Falle ist es das, was Gemeinschaft leisten kann. Ob es nun Verwandte, Wahlverwandte, Seelenverwandte sind oder das Patchwork-Gedöns: Familie ist nicht das eine Boot, sie ist eine Flotte. Sie ist der Kompass, das Echolot, der Radar. Und das Meer zwischen uns.

Wir sind: gemeinsam unterwegs. Wer auch immer wir sind. Mal näher, mal ferner. Denn nur so können wir füreinander bedeutsam werden und bleiben. 

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Kapitel 13: Sinnvolle Arbeit, gelingende Beziehungen: Orientierungen von Frauen in der Erwerbsarbeit https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/10/kapitel-13-sinnvolle-arbeit-gelingende-beziehungen-orientierungen-von-frauen-in-der-erwerbsarbeit/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/10/kapitel-13-sinnvolle-arbeit-gelingende-beziehungen-orientierungen-von-frauen-in-der-erwerbsarbeit/#comments Fri, 15 Oct 2021 07:26:46 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17916 Zum 20. Jubiläum der Flugschrift „Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik“ wurde das Büchlein im Christel Göttert Verlag neu aufgelegt und wird hier im Forum auch erstmals online veröffentlicht (hier der Link zum Anfang). Dies ist das 13. Kapitel: Erwerbsarbeit.

Flugschrift
Flugschrift “Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn”

Der Kampf der Frauenbewegungen um Emanzipation ins Berufsleben hat dazu geführt, dass es für Frauen heute selbstverständlich ist, grundsätzlich berufstätig sein zu können. Wir teilen die Befürchtung nicht, diese Freiheit könnte den Frauen wieder genommen werden. Es geht heute nicht mehr um den Kampf gegen Weiblichkeitsideologien, die den Frauen das Recht auf Berufstätigkeit absprechen.

Es hat sich jedoch auch gezeigt, dass Erwerbstätigkeit allein die Frauen nicht aus ihren dienenden Rollen befreit hat. Das Entgegensetzen von angeblicher Freiheit und Selbstverwirklichung durch Erwerbsarbeit und angeblicher Unfreiheit und Selbstverleugnung bei Familienarbeit stellt eine falsche Alternative dar. Trotz aller Schwierigkeiten sollten wir den Anspruch nicht aufgeben, beide Lebens- und Arbeitsbereiche nach unseren Vorstellungen zu gestalten.

Ernst nehmen sollten wir die Distanz erwerbstätiger Frauen zu Gewerkschaftsforderungen, die rein quantitativ an Lohnerhöhung und Arbeitszeitverkürzung orientiert sind. Frauen sind und waren auch im Beruf immer wieder gute Beziehungen und der Sinn ihrer Arbeit wichtig – und gegen diese Optionen dürfen nicht andere berechtigte Anliegen, wie Kritik an ungesicherten Arbeitsverhältnissen, gesundheitsschädlichen Arbeitsplätzen, erzwungener Flexibilität und niedrigen Frauenlöhnen ausgespielt werden.

Damit sich die Sinn- und Beziehungsorientierung nicht mehr wie bisher zum finanziellen Nachteil der Betreffenden auswirkt, muss gewährleistet werden, dass Frauen in allen Bereichen, vor allem wo sie Care-Arbeit leisten, das ihnen zustehende Geld erhalten.

Die Orientierung an gelingenden Beziehungen auch im Arbeitsumfeld und die Wertschätzung für die Sinnhaftigkeit von Arbeit sind wichtige Maßstäbe bei der notwendigen Umgestaltung der Wirtschaft im Hinblick auf die Bedürfnisse der Menschen. Sie dürfen nicht gering geschätzt und den Frauen etwa durch Managementkurse und den Rat, mehr „Ellenbogen“ zu zeigen, aberzogen werden.

Aus: Ulrike Wagener, Dorothee Markert, Antje Schrupp, Andrea Günter: Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik. Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim 1999, Neuauflage 2019

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