beziehungsweise – weiterdenken https://www.bzw-weiterdenken.de Forum für Philosophie und Politik Mon, 20 Sep 2021 10:58:59 +0000 de-DE hourly 1 Arbeit am Weltinnenraum https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/09/arbeit-am-weltinnenraum/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/09/arbeit-am-weltinnenraum/#comments Mon, 20 Sep 2021 09:39:00 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17845 Eva von Redecker: Revolution für das Leben. Philosophie der neuen Protestformen in Verbindung mit dem ABC des guten Lebens

Feminismus, Antikolonialismus, Klimagerechtigkeit, nachhaltige Landwirtschaft, Solidarität in Beziehungen, Reproduktion und Arbeitsorganisation ‒ in ihrem Buch Philosophie für das Leben verbindet Eva von Redecker viele Themen, die mir wichtig sind. Sie analysiert die herrschenden kapitalistischen Machtverhältnisse als Ursache vieler Ungerechtigkeiten und stellt ihnen die Utopie einer sozialistischen Gesellschaftsordnung gegenüber, die das gute Leben aller Lebewesen ermöglicht. Diese sieht sie anfanghaft verwirklicht in den Protesten gegen die Unterdrückung und Ausbeutung von Menschen und Umwelt wie Black Lives MatterNi una menos und Ende Gelände.

Die Kapitalismuskritik im ersten Teil des Buches möchte ich hier nicht wiedergeben. Mehr als die Kritik der bestehenden Ungerechtigkeiten interessieren mich die Praktiken zu ihrer Überwindung und das, was sich darin schon an Veränderung zeigt. Dabei möchte ich mich auf zwei Dinge konzentrieren: Erstens faszinieren mich die Bilder, die von Redecker übernimmt und weiterspinnt, wenn sie im zweiten Teil des Buches beschreibt, wie wir vom jetzigen, in vieler Hinsicht kritikwürdigen Zustand zum gewünschten guten Leben kommen und wo das erhoffte und ersehnte gute Leben für alle heute schon da ist. Unverbrauchte Bilder und neue Begriffe lassen das Neue überhaupt erst sichtbar werden.
Zweitens sehe ich im Ziel eines guten Lebens für alle wie auch in den Praktiken, die Eva von Redecker als Überwindung der herrschenden Verhältnisse beschreibt, Parallelen zum ABC des guten Lebens. Daher möchte ich das Buch dazu in Beziehung setzen.

1. Übersprudelndes Leben

Im Kampf der Black Lives Matter-Bewegung dafür, dass alle leben und atmen können, sieht Eva von Redecker das „übersprudelnde, unvergitterte Leben“, das sich Bahn bricht. Mit dem von Alicia Garza übernommenen Begriff der „effervescence“ beschreibt sie die Entstehung von Freiheit: Sie sei kein Gut, das sich von oben nach unten umverteilen lassen, sondern jeder Verbesserungsversuch müsse bei den Leben mit den größten Schwierigkeiten beginnen. „Befreiung riesele nicht hinab, sie steige auf.“ Dieses Bild verbindet von Redecker mit dem Ausspruch von Ruth W. Gilmore, „Where life is precious, life is precious.“ Sie übersetzt ihn als „Wo das Leben heißgeliebt ist, ist es kostbar,“ und führt den Gedanken weiter: „Wo das Leben kostbar ist, ist es köstlich.“ (S. 169)

Mich lässt dieses Bild einerseits an etwas Organisches und Lebendiges denken, an Gasblasen, die aus dem Schlamm eines Teiches aufsteigen, und auch an die Luftblasen, die beim Tauchen aufsteigen ‒ und andererseits an die Kohlensäure, die im Sekt perlt und schäumt. Es drückt also sowohl die Rettung des Lebens, das Atmen aus, wie auch die Feier des Lebens.

Im ABC des guten Lebens finde ich dazu als Entsprechung, dass sowohl körperliche Bedürfnisse und die generelle Bedürftigkeit der menschlichen Existenz ernst genommen als auch Fülle, Genuss und Schönheit und die Kostbarkeit des Lebens gefeiert werden. „Ein körperliches Wesen, jeder Mensch also, braucht Luft zum Atmen, Wasser zum Trinken, Früchte zum Essen, Sonne und Feuer, um sich zu wärmen.“ (S. 91)

2. Weltverwobenheit

Eva von Redecker bezieht sich auf Hannah Arendts Vita activa und beschreibt, dass menschliche Freiheit darin liege, gemeinsam mehr zu vermögen als alle Einzelnen zusammen, nämlich zu Neuanfängen fähig zu sein. (S. 140) Das Wunder des Handelns bedeute keine Wiederverzauberung der Welt, sondern deren Wiederannahme. (S. 155) „Dass niemand ohne die Arbeit von anderen leben kann, wird zur Grundlage einer Freiheit, die viel weiter reicht als jede ‚wirtschaftliche Unabhängigkeit.‛ [Meine Gegenüber] erleben das menschliche Vermögen, umeinander wissend zu schaffen und zu genießen. Das macht uns gemeinsam frei.“ (S. 218)

Mit Olga Tokarczuk teilt von Redecker die Hoffnung auf neuartige Erzählkünste, in der Vorstellung, uns auf neue Art den lebendigen Kreisläufen widmen zu können und die Geschichte unserer speziellen „Weltverwobenheit“ erzählen zu können. (S. 153-156)

Dass das Anfangen und das Einweben eigener, neuer Fäden in das Gewebe menschlicher Beziehungen immer möglich ist, jeden Tag und jeden Moment, und dass das menschliche Leben immer Freiheit in Bezogenheit ist, dass also Abhängigkeit immer zum Menschsein dazu gehört, diesen Gedanken von Hannah Arendt greift auch das ABC des guten Lebens auf. Statt von Weltverwobenheit spricht es von der Matrix, in die hinein wir geboren werden.

3. Streikend forschen

Frauen*streiks wie die argentinische Bewegung Ni una menos beschreibt von Redecker als befreiende Praxis, und als Forschungsinstrument.

„Jede Einzelne wird mit der Frage konfrontiert: ‚Wie streikst Du?‛ Welche herrschaftsdurchsetzten Tätigkeiten kannst Du Dich zumindest einen Tag lang weigern auszuführen, welchen Erwartungen trotzt Du, welche Selbstverständlichkeiten durchbrichst Du?“ (S. 206)

Dass die Frage nach dem „Wie“ offen gehalten werde, erlaube die Einsicht, dass gerade das, was man am liebsten bestreiken würde, vielleicht einfach nicht ausgesetzt werden kann, zum Beispiel die Kinderbetreuung oder die Arbeit auf der Intensivstation. Indem die Frauen sich den Wunsch zu streiken eingestehen, sei es möglich, eine gesellschaftliche Veränderung einzufordern, die die Bedürfnisse der Arbeitenden und die der auf die Arbeit Angewiesenen gemeinsam an die erste Stelle setze. So öffne gerade der unmögliche Streik die Frage, wie die gesellschaftliche Sorge für das Leben aussehen solle. (S. 206/207)  Von Redecker spricht von einer „Ökonomie der Fülle,“ einer Unerschöpflichkeit, dadurch, dass Geben und Nehmen ineinander aufgehen, von Überfluss statt Mangelwirtschaft. (S. 219)

Den Blick auf die Notwendigkeit und Konfliktbeladenheit von Care-Tätigkeit wie auch auf die Betonung der Fülle statt des Mangels finde ich auch im ABC des guten Lebens. Ebenso auch die positive Sicht auf den Konflikt als Möglichkeit, Lösungen zu finden, die bisher nicht sichtbar waren. Der Begriff der Daseinskompetenz verweist darauf, dass „Grundkenntnisse der Muttersprache, der Moral, der Hauswirtschaft und des geordneten Zusammenlebens“ keine Selbstverständlichkeit sind, sondern von Müttern und anderen, vor allem Frauen, vermittelt werden. (S. 43-45)
Das Negative ist ebenso wichtig: im richtigen Moment auch Nein zu sagen.

4. Sich spiegelnde Bedürfnisse – Verwurzelung

Simone Weils Verankerung der Pflichten des Menschen in den menschlichen Bedürfnissen greift Eva von Redecker auf, möchte sie aber nicht als überzeitliche Gegebenheiten sehen. Stattdessen beschreibt sie eine dynamischere, irdischere Solidarität, die

„nicht auf eine externe Quelle unendlicher Güte [rekurriert], sondern auf die unerschöpfliche Wechselseitigkeit, die sich ergibt, wenn die Erfüllung deiner Bedürfnisse mir selbst zum Bedürfnis wird, sich Bedürfnisse also ineinander spiegeln, anstatt Pflichten zu begründen.“(S. 245)

Eine solche Vorstellung von Solidarität erkennt von Redecker in Simone Weils Beschreibung eines „über alles andere hinausreichenden Bedürfnisses nach Verwurzelung, als Teilhabe eines Menschen an einer Gemeinschaft.“ Dieses Bild der Verwurzelung findet sie wieder in einer Broschüre der Bewegung Ende Gelände, die die Organisation als Wurzelwerk beschreibt, das die Aktionen als Blüten der Bewegung möglich macht und zugleich ein Bild dafür ist, wie die Mitglieder der Bewegung in Zukunft miteinander leben wollen. (S. 246)

Eine solche Wechselseitigkeit wird im ABC des guten Lebens in verschiedenen Kontexten angesprochen: im Bedürfnis nach Zugehörigkeit und gemeinsamen Engagement für ein gutes Leben, in der Unverzichtbarkeit, das Notwendige zu tun und auch der, das Notwendige öffentlich sichtbar zu machen – und in der Differenz und im Dazwischen, die Personen ebenso trennen wie verbinden, sowie der Aufmerksamkeit für verschiedene Arten und Dimensionen der Liebe, als Anziehung zwischen Menschen, die gepflegt und kultiviert werden kann.

5. Einander zur Welt bringen: Gabentausch und „anonyme Liebe“

Beim Nachdenken über Alternativen zum Markt jenseits von staatlicher Planung betrachtet von Redecker zunächst das Schenken und den Gabentausch. Hier arbeitet sie heraus, unter welchen Bedingungen sich die Gefahr einer Überbietungsspirale oder Äquivalenzlogik vermeiden lässt. Dafür sei eine Haltung nötig, die eine Gegengabe immer als Neubeginn sieht, statt als Bezahlung. Diese betrachte nach dem französischen Phänomenologen Paul Ricoeur das zweite Geschenk als „zweite erste Gabe“ und begleiche somit nicht eine Schuld, sondern bestätige eine Beziehung. Sie beschreibt es als notwendig, sich in einer „Selbstprüfung der Freigebigkeit“ ehrlich zu fragen:

„Kann ich mich von diesem Ding wirklich trennen? Kann ich es vorbehaltlos aufgeben? Nicht in Erwartung von Gegenleistung, nicht um meinen Geschmack bestätigt zu sehen, nicht mal darauf spekulierend, meinem Gegenüber definitiv eine Freude zu machen? Kann ich dieses Gut, diesen Zeitaufwand als wahren Überfluss ansehen, den ich ohne Vorbehalt freisetze?“ (S. 254)

Um gleich selbst eine negative Antwort zu geben, jedenfalls in einer Welt der Ausbeutung und Verwertung. Nicht frei geben zu können, offenbare jedoch keine mangelnde Großzügigkeit, sondern „einen Mangel an wirklich solidarisch geteilten Ressourcen in der Welt.“ (S. 254) Es gehe nämlich nicht darum, Opfer zu bringen, sondern wirklich etwas übrig zu haben, und erst in diesem Überfluss zeige sich wahrer Reichtum. 

In einem zweiten Schritt erkennt von Redecker einerseits den „Genuss und Gestaltungsspielraum solidarischer Beziehungsweisen“ an, gibt aber andererseits zu bedenken, dass die „reziproke, persönliche Form des bedürfnisorientierten Güterverkehrs“ ein hohes Maß an Kommunikation und Zuwendung erfordert und fragt: „Wollen wir wirklich in jedem Arbeits- und Verteilungsvorgang so viel Wärme aufbringen?“ (S. 255)

Als Lösung für das Problem fordert sie die „Ermöglichung solidarischer Abstandnahme“ durch eine „Infrastruktur, die dem individuellen Distanzbedürfnis gerecht wird.“ (S. 256) Überschrieben ist dieses Kapitel mit „Anonyme Liebe“, und Eva von Redecker beendet die Beschreibung dieser technischen Lösung mit den Sätzen: „Wir könnten einander zur Welt bringen. Wir könnten einander die Welt bringen.“ (S. 259) Das Pathos dieser grundsätzlich wahren Formulierung überrascht mich etwas, wenn es um Waren- und Güterströme geht und von Redecker letztlich, so scheint es mir, für einen cleveren Versandhandel wirbt, der digitale Möglichkeiten und Algorithmen nicht zur Profitmaximierung, sondern zur passgenauen (und datenschutzkonformen, da anonymisierten) Erfüllung individueller Bedürfnisse nutzt. (S. 259-262) 

Ihre Suche nach einem größeren Maßstab und größeren Linien und der Versuch, die Bedürfnisbefriedigung von persönlichen Beziehungen zu trennen und durch technische Möglichkeiten und Algorithmen zu lösen, hat ein utopisches Moment, das ich sehr spannend finde. Allerdings sehe ich eher die Gefahr, dass es in Dystopie umschlägt, und auch die Gefahr von Kontrolle, Verfügbarkeit und Fremdbestimmung. Vielleicht bin ich zu skeptisch, stelle mir unter Bedürfnissen nur Konsumwünsche vor und sehe die Nutzung von Algorithmen und Datenmengen nur als Gefahr für persönliche Freiheit und Unabhängigkeit. Vielleicht liegt das daran, dass ich „warme“, kommunikative Bezüge im Kleinen positiv bewerte und Konflikte dabei in Kauf nehme. Notwendig ist vermutlich eine Kombination, da sich alle Bedürfnisse gar nicht im Nahbereich erfüllen lassen – und Politik und Wirtschaft diese größeren Zusammenhänge immer schon im Blick haben.

Im ABC des guten Lebens wird ein ähnlicher Unterschied gemacht zwischen der Welt der Gabe und der Welt des Tausches und des Verhandelns als unterschiedliche Arten, das Geben und Nehmen zwischen Menschen zu gestalten. Betont wird die Freiheit des Aktes des Gebens und die freie Wahl zwischen Schenken und Tauschen. Zwar legen die Autorinnen Wert darauf, den Tausch nicht einseitig negativ zu werten und der Welt der Männer zuzuordnen, doch stellen sie die Bedeutung des Schenkens und Gebens heraus, gerade auch in Politik und Wirtschaft. Eine Parallele zu von Redeckers Bedürfnis nach anonymeren Beziehungen zeigt sich in der Hervorhebung der Freiheit des Tauschens und Verhandelns, das größere Unabhängigkeit gewähre.

„Zur Welt zu bringen“ bedeutet wörtlich, wie es der Artikel zu Geburt/Geburtlichkeit im ABC des guten Lebensbeschreibt, ein Kind zu gebären und in das Bezugsgewebe einzubinden, wo es Zugehörigkeit, Behausung, Care und Freiheit in Bezogenheit erfährt. Daneben ist dieses Bild natürlich offen für weitere Akte des gegenseitigen Einbindens in die Welt. Einen etwas anderen Akzent setzt die Betrachtung des Unvorhersehbaren, das dem menschlichen Dasein zwar eine gewisse Angst beschert, aber auch zum kühnen Handeln befreien kann: auch ungewöhnliches Begehren in die Welt zu bringen, dabei allerdings Vorsicht walten zu lassen in Bezug auf neue Technologien. (S. 136)

6. Karte und Atlas: Weltwahrende Zwischenräume und Beziehung zu den Dingen
Eine neue Beziehungsweise auch den Dingen gegenüber sieht Eva von Redecker in den Worten der kanadischen Schriftstellerin Leanne Betasamosake Simpson darüber, was es für sie als Nishnaabekwe bedeute, in Freiheit zu leben: „dass es [ihrem] Urenkel möglich sein wird, sich in jedes Stück [ihres] Territoriums zu verlieben.“ (S. 264) Der indigene Widerstand gegen Öl-Pipelines habe eine aufschlussreiche Perspektive wegen der langen Erfahrung an der Schnittstelle von konstanter Enteignung und kollektiver Erinnerung alternativer Praktiken. (S. 269)

Simpson spricht von der Aufgabe, alle Verluste in eine Karte einzutragen als Verpflichtung gegenüber der kommenden Generation. Diesen erzählenden Nachvollzug, der über die koloniale Logik hinausweist, führt Eva von Redecker weiter mit dem Bild von Atlas, dem aufgegeben ist, das Himmelsgewölbe zu stützen: Er trägt die Verantwortung der „Weltwahrung“ zwischen den Generationen. Eine solche Haltung der Weltwahrung brauche kein Eigentum, sondern benötige „einen Standort, von dem aus sie ihrer Verpflichtung gegenüber anderem Lebendigen gerecht werden kann“. Diese sorgende Einstellung sei keine Aufopferung und brauche auch keinen Altruismus. Weltwahrung sei vielmehr, aufgrund der Abhängigkeit von den planetaren Lebensgrundlagen „eine Form der Selbsterhaltung […], die die Abhängigkeit von anderem Leben offen zugeben kann und deshalb keiner Herrschaft bedarf“. „Weltwahrende Zwischenräume“ gebe es in nahezu jedem Leben.(S. 274)
Was das konkret bedeuten kann, zeigt von Redecker am Gedicht der englischen Dichterin U. A. Fanthorpe:


Atlas

There is a kind of love called maintenance
Which stores the WD40 and knows when to use it;

Which checks the insurance, and doesn’t forget
The milkman; which remembers to plant bulbs;

Which answers letters; which knows the way
The money goes; which deals with dentists

And Road Fund Tax and meeting trains,
And postcards to the lonely; which upholds

The permanently rickety elaborate
Structures of living, which is Atlas.

And maintenance is the sensible side of love,
Which knows what time and weather are doing
To my brickwork; insulates my faulty wiring;
Laughs at my dryrotten jokes; remembers
My need for gloss and grouting; which keeps
My suspect edifice upright in air,
As Atlas did the sky.
(U. A. Fanthorpe: Collected Poems, Norwich 2015, S. 340, zit. nach Eva von Redecker)

Das Gedicht zeige die „herrliche profane und nüchterne Liebe die nichtsdestotrotz die Welt zusammenhält“ und „was es heißt, wenn Sorge und Solidarität den Umweg über die Dinge nehmen.“ Man bejahe sich nicht nur wechselseitig und in seinem menschlichen Wesen, sondern als Teil einer Welt. Von Redecker stellt diese Sorge – wie sicher auch vom Gedicht intendiert – in einen größeren Zusammenhang, der von der Sorge für ein altes Haus zur Sorge für einen angeschlagenen Planeten reicht. „In den Zwischenräumen der bestehenden Herrschaft der ausstehenden Revolution entgegen zu ackern“, sie eine „Aufgabe für umsichtige Experimente.“ (S. 276-279). Es gehe darum, einen Standort zu finden, der Leben aufrechterhält. Atlas sein hieße dann, 

„so sicher in wechselseitiger Regeneration und umsichtiger Instandhaltung stehen, dass alles ineinandergreift, ohne dass man den Gezeiten Gewalt antun müsste. Das befreite Leben trägt sich selbst.“ (S. 284)

Im ABC des guten Lebens findet sich die Bedeutung von Orten, die Zugehörigkeit und Heimat bieten und von Orten im Dazwischen, wo gemeinsame Beiträge zur Gestaltung der Welt und zum Sinn verhandelt werden, als Orte des Politischen, die ebenso Küchentisch wie Stammtisch, runder Tisch, öffentlicher Platz sowie soziale Medien sein können. (S. 105-106) Der Erinnerung an Verluste ähnelt die im ABC angeführte Kraft des Negativen und des fruchtbaren Nein. Der Öffnung der Haushalts-Perspektive auf den Kosmos hin entspricht die Sicht der Ökonomie als Lehre vom guten Welt-Haushalten: Der Haushalt ist „geeignet als Modell für das Ganze als Behausung, die allen Menschen in Geburtlichkeit, Sterblichkeit, Bedürftigkeit und Verletzlichkeit gewisse Grenzen auferlegt und ihnen gleichzeitig eine Fülle von Möglichkeiten eröffnet, in Abhängigkeit frei tätig zu werden“. (S. 79)
Auch das Handlungsmodell der Wirtinschaft klingt an, als einer Sorge für das Wohlergehen der Einkehrenden und die Entscheidung, was dafür notwendig ist. (S. 146-147)

7. Arbeit am Weltinnenraum – Sehnsucht nach etwas, das man nicht kennt

„[A]lles, was lebt, ist jetzt anwesend. Und vieles, das nicht lebt, auch. Die Gegenwart ist der Raum, in dem alles, was es gibt, zusammenkommt.“ (S. 285)

Diesen Raum nennt von Redecker nach der Strophe eines Gedichtes von Rilke den „Weltinnenraum“:

Durch alle Wesen reicht der eine Raum: 
Weltinnenraum. Die Vögel fliegen still 
durch uns hindurch. O, der ich wachsen will, 
ich seh hinaus, und in mir wächst der Baum. 
(Rainer Maria Rilke, Es winkt zur Fühlung fast aus allen Dingen…, S. 878-879 in: ders. Die Gedichte, Leipzig 1998, zit. nach Eva von Redecker.)

Statt romantisch als „abstrakte Beschwörung unendlicher Verbundenheit“ möchte von Redecker die Strophe lieber materialistisch lesen: den Weltinnenraum als „Gegenwart, in der sich alle Stoffwechsel kreuzen,“ auch ganz wörtlich. (S. 285)

„Die Revolution für das Leben hat viele Namen: Abolition. Aktiver Streik. Vergesellschaftung. Weltwahrung. Sie sind allesamt Arbeit am Weltinnenraum.“ (S. 285-286)

und diese Arbeit geschehe „an der Kreuzung zweier Sehnsüchte“, des unbändigen Drangs nach Befreiung aus der kapitalistischen Herrschaft und der „Sehnsucht nach solidarischen Beziehungen und Weltliebe.“ (S. 286) 

Diese Sehnsucht vermisse, was sie noch nicht kennen kann. (S. 287) Eva von Redecker greift eine Kindheitsanekdote Olga Tokarczuks aus ihrer Rede zur Verleihung des Nobelpreises auf: Es gab ein Bild ihrer schwangeren Mutter, in dem sie melancholisch aus dem Fenster sah. Auf die Frage der Tochter, warum die Mutter traurig sei, antwortete die Mutter, sie vermisse sie und sei traurig, dass sie noch nicht da sei. Tokarczuk und von Redecker folgern, dass man sehr wohl etwas vermissen kann, was man noch gar nicht kennt: wenn es in Umrissen bereits zu ahnen ist und man es herbeisehnt:

„Wie kann man etwas vermissen, das noch gar nicht da ist? Vielleicht weil es sich schon in Umrissen abzeichnet. Vielleicht weil diese Umrisse eine Form erkennen lassen, in der die Gewalt der Vergangenheit überwunden wäre. Vielleicht weil jedes Leben, das an die Grenzen der Sachherrschaft rührt, eine Ahnung größerer Freiheit und Verbundenheit weckt.
  Die zweite Sehnsucht, die die Revolution für das Leben leitet, vermisst also, was sie noch gar nicht kennen kann: eine Welt, in der wir pflegen, statt zu beherrschen, teilen, statt zu verwerten, regenerieren, statt zu erschöpfen, und retten, statt zu zerstören.
  Alles, was wir brauchen, ist da.“  (S. 286-287)

Diesem affirmativen Satz entspricht das Vertrauen auf die Fülle, die gutes Leben für alle ermöglicht.

Das ABC des guten Lebens trägt im Titel das Ziel, das gute Leben für alle, das es noch nicht gibt und das daher auch Gegenstand einer Art Sehnsucht ist. Gleichzeitig irritiert es mich, das so zu nennen, da die Autorinnen eher das Diesseitige und das Hier und Jetzt als Ort des Handelns betonen.
Die beiden Texte treffen sich darin, dass sie bestehende Praxen guten Lebens sichtbar machen.

Gemeinsam ist auch das Augenmerk auf die Bedeutung der Sprache: Die Bedeutung der Arbeit am Symbolischen ist der Ausgangspunkt des ABC des guten Lebens, daher ist die Sprache und das Finden neuer Begriffe und Bilder ganz zentral:

„Durch das Nachdenken über Begriffe und die Verbreitung neuer und eigener Benennungen können wir das Sprechen über die Welt und damit die Welt beeinflussen. […] Wenn wir nun beginnen, neue, andere Wörter in die Welt zu setzen […], dann verändern wir auch unsere Wahrnehmungen und diejenigen der anderen. […] Mit der Zeit verändert sich dann auch das Denken und damit die Welt.“ (S. 123-124)

Eva von Redecker: Revolution für das Leben. Philosophie der neuen Protestformen
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2020, ISBN 978-3-10-397048-7.

Ursula Knecht, Caroline Krüger, Dorothee Markert, Michaela Moser, Anne-Claire Mulder, Ina Prätorius, Cornelia Roth, Antje Schrupp, Andrea Trenkwalder-Egger: ABC des guten Lebens. Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim 2012, ISBN 978-3-939623-40-3.


Ein Brief von Eva von Redecker auf der Website der Fischer Verlage.

Rezension des Buches bei Palais F*luxx.

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Gedanken über das Patriarchat https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/09/gedanken-ueber-das-patriarchat/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/09/gedanken-ueber-das-patriarchat/#comments Fri, 17 Sep 2021 05:24:09 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17758 Das Wort Patriarchat und somit auch das Buch Patriarchtskritik von Kirsten Armbruster, Naturwissenschaftlerin, Publizistin der Interdisziplinären Patriarchatskritikforschung (IPKF), löst Emotionen aus. Viele unterschiedliche. Und auch Missverständnisse. Das geht von „Endlich ein fundiertes Buch“ bis „Schon wieder diese Männerhasserinnen“ etc.

Liebe Frauen und Männer!
Kritik am Patriarchat bedeutet nicht, gegen Männer zu sein!

Im Gegenteil. Viele Männer leiden genauso unter dem patriarchalen System wie Frauen. Und ich möchte sagen – immer mehr.
Und – nicht alle Frauen sehen das so. Sie haben sich eingerichtet im System.

Vieles ist zur Gewohnheit geworden. Und es ist nicht so leicht, die (scheinbare) Komfortzone zu verlassen.

Das Patriarchat ist ein altes, jedoch nicht uraltes System. Denn vor dem Patriarchat gab es auch anderes.
„Nur einen sehr kurzen Zeitraum der Menschheitsgeschichte leben wir in patriarchalen Gesellschaftsstrukturen, die von gewaltsamen, kriegerischen Auseinandersetzungen geprägt sind. Viel länger war die Lebensweise des Menschen friedlich, weil matrifokal. Eine matrifokale Lebensweise stellt Mütter und Kinder ins Zentrum und setzt auf ein partnerschaftliches Zusammenwirken von Frauen und Männern.“ (Kirsten Armbruster)

Das Patriarchat ist vor allem ein veraltetes System, das den Menschen, der Natur, den Tieren, schadet. Man braucht sich nur umzusehen in der Welt, so wie sie jetzt ist oder dabei ist, zu werden. Ja, Männer haben das Patriarchat errichtet und Frauen haben sich darin eingerichtet. Die Patriarchatskritik gibt Auskunft darüber.

Ich sehe es auch nicht als einen „weiblichen Weg“, sondern einen „gemeinsamen Weg“. Ich zitiere da immer Sabine Lichtenfels, weil sie meine Meinung so gut formuliert hat:

„Eine neue Frauenmacht ist nicht gegen den Mann gerichtet und nicht gegen unsere Liebe zu den Männern, sie verlässt aber entschlossen diejenigen männlichen Strukturen, die zu der weltweiten Vernichtung des Lebens und der Liebe beigetragen haben. Es liegt jetzt an uns Frauen, die politische und sexuelle Verantwortung wieder anzunehmen, die so lange gefehlt hat. Wir laden alle engagierten Männer ein, sich unserer Friedensarbeit anzuschließen.”

Die Gleichsetzung von „Patriarchatskritik = gegen Männer zu sein“ ist einer der Gründe, warum ich bis jetzt gezögert habe, über Armbrusters Texte zu schreiben. Denn ich weiß, dass viele – Männer und Frauen – beim Thema Patriarchat sogleich aufhören zu lesen, weil sie der Meinung sind, es ginge um Männerhass. Das ist sehr schade. Dass viele auch meinen, es sei eine weitere Spaltung der Gesellschaft und dies leid sind, verstehe ich. Aber so ist es nicht. Und auch ich möchte nicht spalten.

Das Patriarchat spaltet die Gesellschaft. Auf vielen gesellschaftlichen Ebenen.

Nicht darüber zu schreiben, wäre feige. Ich erinnere mich an die vielen Anfeindungen und auch Bedrohungen, denen ich ausgesetzt war, wenn ich für Frauenrechte eingetreten bin (weiter unten im Text mehr dazu). Ich denke, diese Erinnerungen haben auch dazu beigetragen, dass ich das Schreiben darüber bisher vermieden habe.

Jedoch:
Die „Bestellungen beim Universum“, die eine Zeit lang angesagt waren, sind wieder vom Bücher-Himmel verschwunden, weil es so nicht funktioniert. Die Bestellung allein genügt nicht. Man muss schon etwas dafür tun.
Wenn sich ein neuer Weg an einer Wegkreuzung auftut, muss man ihn gehen. Es reicht nicht, an der Kreuzung sitzen zu bleiben und zu warten, dass der Weg zu einem kommt. Man muss schon etwas dafür tun – ihn gehen, auch wenn es vielleicht vorerst ein steiniger Pfad ist und keine Autobahn.
Wenn viele Frauen vom Ende des Patriarchats sprechen, sitzen sie doch an der Wegkreuzung und warten, dass das Universum das erledigt. Wobei das Universum doch bereits so kräftig mitwirkt – siehe Klimakatastrophen – es schreit sozusagen: Es reicht!

Die Patriarchtskritik schreit nicht – obwohl sie das tun könnte – aber sie weist mit vielen Erkenntnissen darauf hin. Sie macht vieles klar, warum es so gekommen ist und warum es so nicht weitergehen kann.

Es bedarf einer höchst notwendigen intensiven und diffizilen Auseinandersetzung damit.

Den Weg gemeinsam gehen – Frauen und Männer.  

Ich weiß, dass sich Kirsten Armbruster mit dem Thema Patriarchatskritik Angriffen und Unverständnis aussetzt. Ich erinnere mich an Johanna Dohnal, als sie 1990 (!) die erste Frauenministerin Österreichs wurde – wie sie angefeindet und lächerlich gemacht wurde. Wieviel Unverständnis für die Notwendigkeit von Frauenrechten es gab. Wie unnötig und störend ihre männlichen Kollegen dies alles fanden.

„Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.“ (Mahatma Gandhi)

Armbruster bringt zur Sprache, was zur Sprache gebracht werden muss.  
Und dies sehr professionell, ausführlich und umfassend.
Auf 650 Seiten fasst sie ihre Arbeit zusammen. Sie „decodiert die Gehirnwäsche des Patriarchats, der wir alle ausgesetzt sind, mithilfe eines wissenschaftlichen, interdisziplinären Forschungsansatzes, in der Erkenntnisse der Archäologie, der Anthropologie, der Religionswissenschaften, der Linguistik, der Soziologie, der Biologie, der Genetik, der Kulturwissenschaften und der Landschaftsmythologie einfließen.“ (Armbruster)

Begleitet und unterstützt wird sie dabei von ihrem Mann Franz Armbruster, der eine reiche Auswahl an Fotos beisteuert. Mich faszinieren u.a. die vielen Höhlenzeichnungen, die ich sonst nicht zu Gesicht bekommen hätte. Sebastian Tippe, Diplompädagoge, hat den Text „Toxische Männlichkeit“ beigesteuert; Rona Duwe, Grafik- und Webdesignerin, Feministin und Autorin, den Text „Liebe und Sexualität“.
Zur Archäologie und Umdeutung der Geschichte: Jahrhundertelang hatten Männer die Deutungshoheit über Ausgrabungen – weil es keine Archäologinnen gab – und wenn, dann nur als Zuarbeiterinnen für die Männer. Männer deuteten aus der Sicht der Männer.
Zu Frauenrechten: Johann Dohnal, wie schon erwähnt, erst 1990 die erste Frauenministerin in Österreich. Wie wurde sie angefeindet, wie musste sie kämpfen. Männer fanden ihre Sicht als Frau in der Politik nicht wichtig und auch störend.
Erfindungen: Wurden den Männern zugeschrieben. Erst in den letzten Jahrzehnten kam an die Öffentlichkeit, wieviele Erfindungen von Frauen gemacht wurden. Was nicht sein sollte, durfte nicht sein.
Psychoanalyse: Ein weites Feld, das zeigt, dass Frauen am Beginn des letzten Jahrhunderts noch als Hysterikerinnen behandelt wurden und in Irrenhäusern landeten, wenn sie nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen wollten, selbständig sein wollten, oder in der Ehe vergewaltigt und missbraucht wurden (was damals nicht so gesehen oder bezeichnet wurde).

Meine Erfahrungen als Psychotherapeutin (1989) im tiefsten ländlichen Bereich an der tschechischen Grenze: Männer bedrohten mich mit Gewalt, weil ihre Frauen den Anspruch erhoben, am Abend das Auto benutzen zu dürfen, um zu Workshops und in Therapie zu fahren, etc. – Diese ‚Flausen‘ hätte ich ihnen in den Kopf gesetzt. Zum ersten Mal in ihrem Leben sprachen die Frauen über den Alkoholmissbrauch ihrer Männer und über Gewalt in der Beziehung.  

„Die Patriarchatskritik delegitimiert die Definitionsmacht des Patriarchats und entlarvt sie als androzentrischen Irrtum, wie Gerda Lerner es 1995 bereits in ihrem Buch „Die Entstehung des Patriarchats“ treffend formuliert hat. Lerner schrieb:
„Historiker haben das Wirken von Frauen zugeschüttet (…) Frauen hatten keine Geschichte – das wurde ihnen gesagt, und das glaubten sie. So war es letzten Endes die Hegemonie des Mannes über das anerkannte Symbolsystem, durch die die Frauen am entschiedensten benachteiligt wurden“.

Viel wäre da noch dazu sagen.
Vieles steht im Buch.
In das Buch – so umfangreich – habe ich bis jetzt nur hinein geschmökert. Trotzdem empfehle ich es. Weil es notwendig ist, sich damit auseinander zu setzen. Und ich bin mir sicher, dass ich nicht immer einer Meinung mit Armbruster sein werde. Nicht bei der Geschichte, das ist allein ihre Domäne, aber vielleicht bei den Lösungsansätzen. Das ist normal! Man kann nicht immer in allem einer Meinung sein. Ich stimme nicht allem bedingungslos zu, nur weil ich eine Frau bin.

Doch wenn es einen grundlegenden und wesentlichen Inhalt gibt, mit dem ich übereinstimme, lohnt es sich, sich damit auseinanderzusetzen und in einen Diskurs zu treten.
Und das ist es.
Lasst uns darüber reden.

Begriffserklärung: „Unter Androzentrismus wird eine Sichtweise verstanden, die Männer als Zentrum, Maßstab und Norm versteht. Androzentrismus kann also als eine gesellschaftliche Fixierung auf den Mann oder ‘das Männliche’ verstanden werden (vergleiche Männlichkeit). Ein androzentrisches Weltbild versteht den Mann als die Norm, die Frau als Abweichung von dieser Norm. 
Androzentrismus ist eine spezifische Form von Sexismus, in der das Weibliche nicht zwangsläufig als minderwertig bezeichnet, sondern einfach als  ‚das Andere‘, ‚das von der Norm Abweichende‘ aufgefasst wird. Stillschweigend wird dabei Mensch als Mann und die männliche Sicht der Dinge als die allgemeingültige gesetzt. …“ https://de.wikipedia.org/wiki/Androzentrismus

Zum weiterlesen:

Kirsten Armbruster, Patriarchatskritik, Books on Demand; 650 S., 33,99 €, ISBN: 3753404233.

Kirsten Armbruster: https://herstory-history.com

https://mutterwut-muttermut.de/?fbclid=IwARhttps://mutterwut-muttermut.de/?fbclid=IwAR1c4j8tIJ17O985UlT_P5xJcrmOdpfb8U-k5TjcDp9at6f7s6EDvPXe-Dw

Sebastian Tippe: https://feministinprogress.de/ueber-mich/

Rona Duwe: https://rona-duwe.de/?fbclid=IwAR1bfnXgypBT4Xvygnko5734mQFJ7GRvGXouNEY-ygH8Mt4eFMQXRFoLiuI

Die Entdeckung der MATRIFOKALITÄT, Die Ursprünge der Patriarchatsforschung und ihre Emanzipation von der Matriarchatsforschung: https://www.gabriele-uhlmann.de/matrifokal.htm

Sabine Lichtenfels: https://www.tamera.org/de/heilung-der-liebe/

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https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/09/gedanken-ueber-das-patriarchat/feed/ 1
Plädoyer gegen das Unpolitischsein https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/09/plaedoyer-gegen-das-unpolitischsein/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/09/plaedoyer-gegen-das-unpolitischsein/#comments Tue, 14 Sep 2021 09:16:46 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17813 “Im Unpolitischsein zeigt sich der Wille zum Verbleib in einem sich als Elfenland entpuppenden Happyland.”

(aus dem folgendem Text)

Dieses Foto und alle folgenden: Anne Newball Duke

In meinen letzten zwei Artikeln habe ich mit meinem eigenen Politischsein beschäftigt. Ich wollte mir klar darüber werden, was Politischsein eigentlich (für mich) bedeutet, wo es beginnt, ob “ein politisch denkender Mensch” das gleiche ist wie “ein politisch handelnder Mensch”, und ab wann ich mich selbst als politisch handelnden Menschen begriffen habe, und wie es dazu gekommen ist. In diesem Artikel möchte ich mich mit dem Unpolitischsein beschäftigen. Zwei Aufhänger in meinem Nachdenken gibt es dafür: zum einen habe ich lange über meine Wut über die #allesdichtmachen-Kampagne im Frühling diesen Jahres nachgedacht. Und der andere Aufhänger ist die Flutkatastrophe in Deutschland. In den Reaktionen auf diese ist mir klar geworden, dass die Klimakrise für sehr viele Menschen auch weiterhin undenkbar ist. Ich überlege, warum viele Menschen in dieser Undenkbarkeit und damit in gewissem Sinne auch in ihrem Unpolitischsein verharren.

“Unpolitischsein” bei Amazon eingegeben, spuckt nicht ein Buch aus, das dieses Wort im Titel trägt. Auch bei meiner Ecosia-Suche erscheinen wenige Artikel mit dem Wort im Titel. In zwei der wenigen Artikel, die ich gefunden habe, sprechen die Autoren Nils Hipp und Kris Wagenseil davon, dass mensch Privilegienbesitzer*in sein muss, um sich Unpolitischsein leisten zu können. Was Kris Wagenseil als Anekdote an den Anfang seines Artikels stellt, ist auch mir bereits in den vielfältigsten Formen begegnet:

“‘Ich beschäftige mich nicht mehr mit Politik’, sagte sie. ‘Das hat mir nicht gut getan. Immer diese negativen Nachrichten. Da wurde ich richtig depressiv’. Wenn, müsse man sich ‘voll und ganz der Politik’ zuwenden. Aber so sei es besser, keine Nachrichten zu schauen, für die innere Ausgeglichenheit. Die Leute, die sich andauernd mit Politik beschäftigen, seien ja unglücklich, man merke das sofort. Besser Yoga machen, das eigene Glück jenseits dessen suchen. Gesundwerden an und in sich selbst, anstatt die Lösung in der Politik, d.h. außerhalb von einem selbst, zu suchen.”

Und auch mir wird immer mal wieder nahegelegt, das mit dem Politischsein doch wieder zu lassen, und zwar immer dann, wenn mich die Klima-Arbeit emotional sehr mitnimmt. Es erscheint dann meinem Gegenüber eine hilfreiche Unterstützung, wenn es sagt: “Warum tust du dir das an? Hör lieber auf damit, sonst wirst du noch krank.”

Kris Wagenseil kommt dann aber – so wie auch ich – zu dem Schluss: “Eine solche unpolitische Haltung ist gerade nicht ‘neutral’, sondern gefährlich.” Und deswegen ist ein Zurück in einen wie auch immer gearteten unpolitischen Zustand für mich nicht mehr denkbar.

Ich bin mittlerweile der Meinung, dass Unpolitischsein deswegen gefährlich ist, weil es nahezu überall auf der Welt innerhalb eines europatriachalen Wissenssystems kultiviert und in gewissem Sinne auch gefördert wird (den Begriff “Europatriarchat” entnehme ich Minna Salamis wunderbarem Buch Sinnliches Wissen. Eine schwarze Perspektive für alle, 2021). So spricht beispielsweise Rutger Bregmann (in: Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit, 2020) bei Betrachtung der amerikanischen Demokratie (und unter Berufung auf verschiedene Historiker*innen-Studien) davon, dass es sich eher um eine “elektive Aristokratie” handelt, in der die Bürger lediglich ihre Herrscher wählen dürfen. Und dass dieses Modell ursprünglich “zur Eindämmung demokratischer Tendenzen” konzipiert war, also dazu gedacht war, “die breite Masse auf Abstand zu halten”: “Die Gründerväter der Vereinigten Staaten wollten nicht, dass sich der Bürger allzu viel mit Politik abgibt.” (S.266)

Manchmal überkommt mich ein ähnliches Gefühl, wenn mir Menschen sagen, dass ihr politischer Gestaltungswille nicht über das Kreuzchenmachen bei der Bundestagswahl und vielleicht noch bei der Landtagswahl alle vier/fünf Jahre hinausgeht.

Ein unpolitischer Mensch kümmert sich in meiner ersten groben Einordnung – die erweitere ich aber gleich noch – vor allem um sich selbst und seine Lieben und lässt die “Politik” mal machen. Das heißt, er schwimmt lautlos in deren Fahrwasser mit, ob er diese “Politik” nun komplett gut findet oder nicht. Vielleicht schimpft er dann ab und zu mal vom Sofa den Fernseher, das Handy oder die Zeitung an, aber außerhalb der eigenen vier Wände und außerhalb des Kreises der eigenen Lieben verhält er sich ruhig. Das heißt, ganz automatisch gibt er sein “Go” auch einer politischen Ausrichtung, mit welchem wir aktuell das Ende der Zivilisation ansteuern. Das vom “Ende der Zivilisation” sage nicht ich, sondern u.a. Australiens führender Klimaforscher Will Steffens.

Rechtes Denken schleicht sich ein über viele kleine Schritte

Mir ist das mit dem Mitschwimmen erst so richtig aufgegangen, als ich mich maßlos über die unsägliche Kampagne #allesdichtmachen im April diesen Jahres aufregte. Erst dachte ich, meine Wut über diese Kampagne sei übertrieben, und ich müsse mal runterkommen, aber je mehr ich mich damit beschäftigte, desto wütender wurde ich. Ich war vor allem wütend darüber, wie viele Menschen mir sagten, das sei doch nicht schlimm, man dürfe doch nochmal eine andere Meinung haben. Und sie sagten es auch noch, als ich ihnen bereits erklärt hatte, dass die meisten (Vor-)Denker*innen der Querdenkerbewegung aus der rechten Szene kommen. Wieso? Warum schrie es nicht auch aus ihrem Bauchgefühl heraus, dass es sich hier nicht einfach nur um eine andere Meinung handelt, sondern um einen weiteren Diskursentfacher, der mit vielen weiteren dieser Art zu einem realen Rechtsruck im Lande führt?

Vielleicht reicht der Satz, “Hitler ist auch nicht über Nacht zum Reichskanzler geworden”, um zu verstehen, dass es nicht egal ist, was bekannte Schauspieler*innen und sonstwie Kunstschaffende des Landes da in aufwendig produzierten Filmchen von sich gegeben haben. Auch damals hat sich das ganze Nazi-Ideologiegerüst über Jahrzehnte aufgebaut, hat ein Steinchen das nächstgrößere Steinchen ins Rollen gebracht. Und in dieser Zeit gab es neben den großen Brocken auch immer viele viele kleine, vielleicht in Realzeit und für Nichtbetroffene (“Puh, ein Glück bin ich keine Jüd*in oder Kommunist*in oder so.”) unscheinbar wirkende Schritte hin zu Hitler und seiner “Machtergreifung”, hin zu ihm und unter seiner Herrschaft handelnden Menschen, deren Schrecken und Zweifel (“Wo sind denn unsere Nachbarn hin?”) sehr schnell in pragmatischen Realitätssinn schwappen konnten und – da gesellschaftlich und von Seiten des Staates nicht sanktioniert – auch durften (“Ach die Nachbarn… kommen die wieder? Nee, oder? Schaun wir doch mal, obs da was zu holen gibt bei denen zu Haus? Die andern machens doch auch… Ändern kann man ja eh jetzt nix mehr…”).

Sind das “Schauspieler*innen”?

Ich nenne die an der #allesdichtmachen-Kampagne vor der Kamera Mitwirkenden von nun an “Schauspieler*innen”, und zwar mit Absicht in Anführungszeichen gesetzt, weil ich beim faszinierten und zunehmend angeekelten Schauen der Videos immer denke: wow, ist das jetzt Schauspielkunst – und zwar überlegte ich das auch, wenn es besonders schlecht und unprofessionell rüberkam – oder kann das weg? Leider geht es nicht mehr weg, denn es ist ja nun in der Welt, auch wenn einige “Schauspieler*innen” danach ihr Video entfernt haben: die ganze Kampagne ist mit all diesen Lösch-, halbherzigen Entschuldigungs- und Talkshow-Geschichten in der Welt und somit ein weiteres nicht sehr kleines rechtes Steinchen, das wieder andere ins Rollen gebracht hat und noch bringen wird.

Für mich gibt es drei Varianten, wie jene “Schauspieler*innen “ja” zu diesem Projekt gesagt haben.

Variante eins:

Die “Schauspieler*in” ist ganz Schauspieler*in; will heißen, sie spielt eine (wenig komplexe) Rolle wie im Theater, zum Beispiel “die zynische Mutter”, “den erschöpften Zyniker” usw. usf. Sie kann sich so vom Inhalt der Rolle abtrennen, stellt das eigene Können in den Dienst einer Sache, welcher auch immer, das ist ihr egal. Nach dem Motto, wer einen Serienmörder spielt, ist natürlich keiner in real life, und promotet natürlich auch nicht das Serienmörderleben. Hier hat also eine Abspaltung stattgefunden zwischen Person und der von ihr verlangten Rolle.

Sie werden wohl in etwa folgendes gedacht haben: Oha, der Soundso und die Soundso machen auch mit, das sind berühmte Kolleg*innen, da lass ich mich nicht zweimal bitten, da krieg ich ein bisschen Berühmtheit und Aufmerksamkeit ab. Auch wenn ich meinen eigenen Beitrag vielleicht eher semi finde: sicher ergibt er erst im großen Ganzen Sinn. Und inhaltlich vertraue ich den Macher*innen total, denn sind wir nicht alle links-mitte-liberales künstlerisches Bürgertum, die werden mich schon nicht in die Kacke reiten.

In Variante eins geht es der “Schauspieler*in” zudem nicht um die Message und auch nicht ums “große Ganze”; das ist ihr sogar letzten Endes egal; es geht ihr lediglich ums eigene Dabeisein bei einer irgendwie “coolen/großen Sache”.

Variante zwei:

Hier nutzt die Person ihre schauspielerischen Fähigkeiten, um “eine zynische Ausgabe der eigenen Meinung” zu inszenieren. Sie trennt also den Inhalt der Inszenierung nicht von ihrem eigenen politischen Selbstverständnis. (Im Selbstverständnis hält sich der unpolitische Mensch übrigens oft für politisch.)

Die “Schauspieler*in” weiß um die politische Brisanz des Themas und ist gerade deswegen “voll dabei”, nach dem Motto, “endlich mal Bewegung in die Debatte bringen”, “die Zeit war nicht nur für andere kacke, sondern echt auch für mich, das muss mal gesagt werden”, usw.

Das Unpolitischsein zeigt sich hier in der Ausblendung anderen Lebens und Leidens und Sterbens. Es geht der “Schauspieler*in” nur um ihr eigenes Leid und dessen Darstellung. Vielleicht denkt sie noch, sie spricht ja auch für andere, in purer Selbstüberschätzung vielleicht sogar für “den Rest der erschöpften, genervten Nation”. In diesem Sinne versteht sie die eigene Performance als politisches, vielleicht sogar solidarisches Statement, oder zumindest als Beitrag zur Debattenkultur, zur Anheizung des Diskurses.

Die unpolitische Einstellung zeigt sich, indem keinem der “Schauspieler*innen” der Variante eins und zwei vorher klar ist, dass sie hier querdenkerische Thesen auf bravouröse Weise inszenieren und mit ihrem schauspielerischen Können verlebendigen. Es gibt hier kein Bewusstsein für die Auswirkungen und den Wirkungsgrad des eigenen politischen Handelns. Denn klar: sich dafür zur Verfügung zu stellen, ist ein politischer Akt, der aber aus einem Unpolitischsein heraus überhaupt erst entstehen konnte. Und dieser Akt hat dann natürlich auch Auswirkungen auf den politischen Diskurs. Das weiß die “Schauspieler*in”; lediglich der Wirkungsradius ist vorher nicht so richtig abzuschätzen vielleicht.

Unpolitischsein bedeutet somit auch, dass sich keine der “Schauspieler*innen” der Konsequenzen ihres Tuns bewusst ist. Und die Konsequenzen wiederum kennen sie nicht, weil sie in Happyland leben – ich erkläre den Begriff gleich nochmal – und dadurch die Konsequenzen auch nicht selber tragen müssen. Die Konsequenzen ergeben sich für andere, und zwar nicht nur für die, die noch immer an Corona sterben und leiden und die an den Betten um ihr Überleben kämpfen, sondern auch für jene, deren Freiheiten wegen der sich überall verbreitenden rechten Perspektiven und “Meinungsfreiheiten” schleichend, aber massiv eingeschränkt werden.

Die Vordenker*innen der aktuellen Corona-Querdenker-Bewegung kommen nahezu alle aus der rechten Szene. Die “Schauspieler*innen” unterstützen somit rechtes Denken, geben ihm einen ordentlichen Schups nach vorne. Und das hat natürlich konkrete Auswirkungen auf das Leben von Jüd*innen in Deutschland, auf das Leben schwarzer Menschen, Menschen mit migrantischer Geschichte usw. usf. Aber das sieht der unpolitische Mensch nicht, weil er nur sich und das Leiden seiner Lieben sehen kann und will. Er stellt diese Verbindung einfach nicht her. Diese Verbindung nicht herstellen zu wollen – aus Faulheit, Lustlosigkeit, und vor allem, weil sie es in der ihr gegebenen privilegierten Position nicht muss –, darin manifestiert sich für mich das Unpolitischsein. Und gefährlich ist es dann, dass er mit seiner Ausübung der “Meinungsfreiheit” gleichsam die Freiheit anderer beschneidet. Wenn mensch von der Bedrohung anderer Menschen durch das eigene Tun nichts weiß und nichts wissen muss, dann bewohnt mensch das schöne Happyland.

Es ist dann auch egal, ob die “Schauspieler*innen” es aus Variante eins heraus gemacht haben oder aus Variante zwei (bei manchen gab es sicher eine leicht schizophrene Mischung aus beidem); es ist auch egal, ob sie irgendwelche Manager*innen oder Agent*innen für sich haben denken und entscheiden lassen; das Resultat – die Konsequenzen für andere und somit für die ganze Gesellschaft – sind dieselben.

Und das ist jetzt die Erweiterung meiner anfänglichen groben Einordnung, was ich unter Unpolitischsein verstehe: von diesen Konsequenzen (eines Einmischens in einen politischen Diskurs) im Vorhinein nichts wissen zu wollen – zumal wie im Falle der “Schauspieler*innen” ausgestattet mit nicht unerheblichem kulturellen Kapital –, sich nicht zu informieren und die Zusammenhänge nicht herstellen zu wollen, das ist für mich der Inbegriff des Unpolitischseins.

Variante drei:

Es gibt den kleinen Rest, der nicht in eins oder zwei passt. Das sind die, die genau wussten, was sie da tun, die diese Kampagne initiiert und umgesetzt haben. Ein möglichst großer Wirkungsradius war intendiert; je größer, desto besser. Aber die Initiator*innen brauchten für die Kampagne möglichst viele unpolitische “Schauspieler*innen”; ohne die – also nur mit den aus echter politischer Überzeugung agierenden Schauspieler*innen (diese mit Absicht ohne Anführungsstriche, weil die genau wussten, was sie tun) – wäre die Kampagne nicht so ein Erfolg geworden. Zum Glück also trafen sie auf ein paar Dutzend “Schauspieler*innen”, die sich wegen ihres Unpolitischseins vor den rechten Karren haben spannen lassen.

Unpolitischsein hat einige “Schauspieler*innen” der Variante eins und zwei dazu gebracht, etwas zu tun, worüber sie danach erschrocken die Hände über den Kopf schmeißen. Sie ziehen panisch Videos zurück und werfen mit Entschuldigungen um sich, in denen deutlich wird, dass sie noch immer nicht verstanden haben, was sie da eigentlich angerichtet haben. Heike Makatsch: “Wenn ich damit rechten Demagogen in die Hände gespielt habe, so bereue ich das zutiefst. “Wenn, nicht dass“, so kommentiert schon der Spiegel-Journalist Peter Maxwill. Oder Ulrike Folkerts: “Die Videos, die entstanden sind, wurden falsch verstanden, sind vielleicht falsch zu verstehen”. Vielleicht. Und: Nicht ich habe etwas Falsches getan, sondern die andern sind schuld, wenn sie es falsch verstehen, weil ich weiß ja, was ich eigentlich sagen wollte, auch wenn ich das nicht gesagt habe. Sie haben es einfach immer. noch. nicht. verstanden. Oder sie wollen es immer noch nicht verstehen. Denn sie wollen einfach verdammt nochmal auf Teufel komm raus in Happyland wohnen bleiben.

Happyland

Unpolitische Menschen sind Bewohner*innen von Happyland. Als Happyland bezeichnet Tupoka Ogette in ihrem Buch exit RACISM. Rassismukritisch denken lernen (2020) folgendes: “Happyland ist eine Welt, in der Rassismus das Vergehen der Anderen ist. In Happyland wissen alle Bewohner*innen, dass Rassismus etwas Grundschlechtes ist. Etwas, das es zu verachten gilt. (…) Der Begriff ist nicht ambivalent, denn rassistisch ist, wer schlecht ist. Darüber gibt es in Happyland einen Konsens. (…) Hinzu kommt, dass man in Happyland davon ausgeht, dass Rassismus etwas mit Vorsatz zu tun hat. Damit man etwas rassistisch nennen kann, muss es mit Absicht gesagt oder getan worden sein. Des Rassismus bezichtigt werden kann also nur jemand, der oder die* vorsätzlich beschließt, dass die nun folgende Handlung oder das im Folgenden Gesagte rassistisch sein soll. Die Wirkung, die der Verursachende derselben nicht beabsichtigt hat, liegt entsprechend nur im Auge des Betrachters und der Verursachende trägt keinerlei Verantwortung dafür. Auch Absicht und Wirkung bilden in Happyland keine kausale Kette und haben – wenn überhaupt – nur sehr wenig miteinander zu tun. Die*der Happyländer*in entscheidet, wann und wie das Gesagte beim Empfangenden ankommt, wie es sich anfühlt und anzufühlen hat. ‘Ich habe es nicht so gemeint, also musst du nicht so beleidigt tun.'” (S. 21f.)

Seit Tupoka Ogettes Konzept vom Happyland in mir arbeitet, sehe ich auch diese unpolitischen “Schauspieler*innen” als Bewohner*innen von Happyland, ersichtlich ja auch an haargenau derselben Argumentations- und Rechtfertigungslinie, siehe Makatsch und Folkerts.

Natürlich erschüttert es einige, auf die rechte Seite gestellt zu werden, ich nehme es einigen sogar ab. Ich nehme es sogar auch jenen ab, die sich – wie ich über Twitter mitbekommen habe – aktuell nach Benutzung des Wahl-O-Maten ebenso verwundert die Augen reiben, weil ihnen aufgrund ihrer Eingaben rechte Parteien zur Wahl vorgeschlagen werden. Denn bisher haben sie sich vielleicht genau wie die “Schauspieler*innen” irgendwo zumindest liberal-mittig verstanden. Wie konnte der eigene, noch nicht selbst eingestandene (Ich bin nicht schuld, wenn der Wahl-O-Mat meine Antworten und Eingaben als rechts versteht, weil ich mich selbst nicht als rechts einstufe, et basta.) Rechtsruck passieren?

Die Intellektuellen und deren Sicherung ihrer Sicherheiten

Kommen wir vor der Beantwortung dieser Frage noch zu den Intellektuellen. Die kann ich nicht in Anführungsstriche setzen, denn sie SIND es, und da gibt es nichts Ambivalentes und Schimmerndes. Ich kann sagen, das, was die Soundso und der Soundso sagt, ist für mich kein sinnvolles Einbringen von derundder Philosophie, das ist eher Bullshit, trägt nix zur Lösung bei, aber die Person bleibt Intellektuelle, weil Intellektuelle soundso definiert werden, und punkt. Thea Dorn ist demnach eine Intellektuelle und Schriftstellerin, Daniel Kehlmann ein Schriftsteller und Juli Zeh ebenfalls eine Schriftstellerin, beide wie Thea Dorn mit zutiefst verinnerlichtem bürgerlichen Wertekanon und intellektuellen Ambitionen – zumindest pusht sie die ZEIT (aber auch andere Medien) da gerne hin, indem sie sie auf die Coverseite der ZEIT und dann auch nochmal auf der ersten Seite im Feuilleton platzieren (ZEIT vom 29.04.2021, Nr. 18, S.47f.). Die Sehnsucht nach dem oder der Intellektuellen, die unsere Zeit zu deuten weiß, so wie früher zu Dreyfus-Affären-Zeiten, hach, sie ist einfach immens im bildungsbürgerlichen Happyland.

In meiner Lesart deckt sich der Inhalt, aber vor allem das Ziel dieses intellektuellen Triells über weite Strecken mit denen der #allesdichtmachen-Kampagne. Gerade die ganz bestimmte Auslegung von Konzepten wie Freiheit hat bei den dreien einen klaren Nutzen für die aufgeklärten, liberal eingestellten Bürger*innen (wie sie selbst). Ihre Deutungsperspektive, dargelegt auf hohem sprachlichem Niveau – bläst sich dabei wie ein Ballon über die Häupter der Leser*innen auf, welche sich nicht in den Ballon zu pieksen wagen, wegen seiner so hohen intellektuellen Flughöhe. Dabei ist es doch egal, ob “schauspielerin” sich zynisch darüber beschwert, dass ihre Kinder eingesperrt oder geschlagen werden müssen, um den Coronaregeln zu gehorchen, oder ob Frau Dorn argumentiert, dass durch die Opferung der Freiheitsrechte eine Armut entsteht, mit der ebenfalls Menschenleben auf’s Spiel gesetzt werden. (Ich verweise hier nochmal ganz unbescheiden auf meinen Artikel “Tod und Rose”, in welchem ich versuche, diese Argumentation zu demontieren.) Und wenn sie dann noch am Ende Freiheit als Gegensatz zur Fürsorge implementiert, dann sehen wir eine Frau, die wie verrückt um ihre Freiheit in Unabhängigkeit strampelt, die nichts davon wissen will, dass auch sie nur in Abhängigkeit von anderen, zumindest jedenfalls von ihren 60 größtenteils unbekannten Sklav*innen weltweit lebt (darüber nachzuhören z.B. hier), aber sie will und muss es ja nicht sehen. Am Ende will auch sie nur – wie Makatsch und Liefers und Folkerts – ihr schönes idyllisches Happyintellektuellenland sichern.

Wir sehen also – egal ob in diesem Falle von “Schauspieler*in” oder Intellektueller – es kommt dasselbe bei rum. Es werden lediglich andere Menschengruppen abgeholt. Das Feuilleton der ZEIT liest ja nicht jede Person, die Tatort o.ä. sieht oder bei Twitter unterwegs ist. In beiden Fällen geht es darum, nicht das Wohle aller im Kopf zu haben, sondern nur das Wohl der eigenen Gruppe, die Verdichtung und Zementierung des eigenen Selbstverständnisses und die Sicherung der eigenen Sicherheit.

Aber sichert die Sicherung des eigenen Verständnisses von der Welt noch die eigene Sicherheit? Welche Sicherheit wird denn gesichert? Was passiert, wenn Makatsch, Kehlmann, Liefers, Dorn, Proll, Zeh und wie sie alle heißen, bemerken, dass ihre Definition von Sicherheit, auf der sie ihr Leben aufbauen, der sie ja auch vertrauen, nur noch pure Illusion ist? Zerpieksen sie dann den von ihnen selbst zum Fliegen gebrachten Ballon der (rechts-)liberalen Diskurse, die den Rechten und Neoliberalen natürlich extrem gut ins machtstrategische Konzept passt? (Julia Fritzsche hat auf sehr eindrückliche Weise in Tiefrot und radikal bunt verdeutlicht, wo rechte und neoliberale Diskurse sich treffen und sich gemeinsam gut in Schwung bringen können und voneinander profitieren, da sie nicht selten die gleichen politischen Ziele verfolgen.) Oder ist diese Form der politischen Äußerung im rechten Meinungsspektrum von “Schauspieler*innen” und Intellektuellen bereits die je eigene bewusste oder auch unbewusste Entscheidung, zur Not auch mit Gewalt in Happyland verbleiben zu wollen?

Wer unpolitisch ist, möchte Vieles nicht sehen: weder, dass jeder Mensch der wohlhabenden westlichen Welt etwa 60 Sklav*innen weltweit an sich kleben hat (ist deren Freiheit weniger wert als deine, Thea?); noch will er realisieren, dass das eigene Leben durch das eigene Tun nicht mehr gesichert wird. Denn das ist ja – wie wahrscheinlich in jeder anderen Gesellschaftsform – auch der Antrieb des Handelns im Europatriarchat: die eigene Existenz sichern, ein gutes Leben haben. Und wie kann nun von diesen Menschen verstanden werden, dass dieses Tun, Machen, Denken plötzlich nicht mehr Sicherheit gibt; ja wie kann das denn überhaupt plötzlich sein, dass diese Sicherheit in den Fluten von Ahrweiler untergeht?

In der bürgerlichen Auslegung der Welt ist Klimakrise nicht denkbar

Rassismus kann eine weiße Person im europatriarchalen System ein Leben lang nicht betreffen; Rassismus muss für sie nicht denkbar sein. Misogynie kann eine männliche Person in ebendiesem System ein Leben lang nicht tangieren; Misogynie muss für sie nicht denkbar sein. Antisemitismus kann in diesem System das Problem der Anderen, der Betroffenen bleiben; Antisemitismus muss für Happylandbewohner*innen nicht denkbar sein. Dies zumindest, solange all diese -ismen fein brav eingezäunt bleiben und diese “Minderheitenprobleme” nicht zu Happylandbewohner*innenproblemen werden. Tricky daran ist natürlich, dass immer weiter zunehmendes, in die sogenannte Mitte schwappendes rechtes Denken (und hier ist auch rechtspopulistisches, rechtskonservatives und rechtsliberales Denken gemeint) – und zwar genau durch solche Formen wie die #allesdichtmachen-Kampagne – das traute eigene Happyland dann doch irgendwann tangiert, siehe Drittes Reich, aber zu diesem unserem jetzigen Zeitpunkt der Geschichte scheinen diese -ismen vorgeblich (noch) nicht das Problem der Happylandbewohner*innen.

Mit der Klimakrise verhält es sich aber anders. Die tangiert das Leben der Happylandbewohner*innen sehr wohl, wie die Flutkatastrophe zeigt.

Amitav Ghosh schreibt in Die große Verblendung. Der Klimawandel als das Undenkbare (2017) über ebendiese bürgerlichen Sicherheiten, dass das bürgerliche Leben auch hierzulande nur noch eine Illusion, also gar nicht mehr wirklich vorhanden sei. “Es gibt keinen Ort, in dem noch unangefochten das erwartete geordnete bürgerliche Leben herrscht.” (S. 42). Es kann weggespült werden von der Klimakrise im Hier und Jetzt vor Ort. Das Monster ist im Lande, nicht mehr nur im Keller, einfach so auf unheimliche Weise plötzlich mitten unter uns, wie kann das sein, es war doch bisher nur fiktiv, in der Science Fiction, im Kino, im Horrorfilm, oder auch real, aber dann halt irgendwo weit weg auf der Welt, und zwar im eigenen Weltbild completely disconnected vom eigenen Leben. Und wie kann dieser Klimakriseneinbruch real sein, wenn bezüglich Klima im Wahlprogramm der CDU alles easypeasy und machbar und nicht weltbewegend erscheint? Was soll ich davon als unpolitische Wähler*in halten? Sind 183 Tote in einer Flutkatastrophe in Deutschland nicht viel? Keine Krise? Wenn im Wahlprogramm von dieser Krise nicht die Rede ist, ist sie dann einfach auch nicht existent, diese Krise? Oder hat die CDU – schrecklicher, unheimlicher Gedanke – etwa ein Programm für ein (klimakrisenloses) Elfenland (Begriff siehe Artikel von Bernd Ulrich) geschrieben?

Die Klimakrise ändert hier was in den Formen der Betroffenheit. Denn von der Klimakrise kann ja auch die Happylandbewohner*in unmittelbar betroffen sein. Wenn die Person dann weiterhin die Klimakrise und ihre Auswirkungen negiert und verdrängt und nicht sehen möchte, dann ist die Person nicht mehr nur Happylandbewohner*in, sondern auch Elfenlandbewohner*in. Denn das so scharf verteidigte und gesicherte bürgerliche Leben im bestenfalls abgezahlten und somit den eigenen Kindern in Zukunft das Dach über den Kopf sichernde Eigenheim, es ist ja nun ganz real und vor den eigenen entsetzten Augen einfach so zerbrochen und davongeschwommen.

Amitav Ghosh schreibt: “Je höher der Rang eines Offiziers, desto näher stand sein Haus am Wasser und desto romantischer war die Aussicht, die er und seine Familie genossen. (…) Der Anblick der zerschmetterte Häuser war verstörend. Und das aus Gründen, die über die unmittelbare Tragödie des Tsunamis und des Verlusts so vieler Menschenleben in dieser Siedlung hinausgingen. In dem Design des Stützpunkts kam eine Selbstgefälligkeit zum Ausdruck, die an Wahnsinn grenzte. Die Wahl des Standortes war auch nicht einfach dem üblichen improvisatorischen Pfusch indischer Siedlungsmuster zuzuschreiben, denn dieser Stützpunkt muss von einer staatlichen Behörde entworfen und errichtet und der Standort von nüchternen Militärs und staatlichen Bauingenieuren ausgesucht und für gut befunden worden sein. Hier war der vom Staat adaptierte bürgerliche Glaube an die Gesetzmäßigkeiten der bürgerlichen Welt an den Punkt geistiger Umnachtung getrieben worden.” (ebd., S.54f.)

Wer jetzt kurz irritiert war: Nein, Ghosh schreibt hier nicht über die Flutkatastrophe in Deutschland Mitte Juli, sondern über den verheerenden Tsunami, ausgelöst durch ein gewaltiges Seebeben im Indischen Ozean am 25.12.2005, das tausenden Menschen zwischen der nördlichsten Spitze von Sumatra und den südlichsten Inseln der Andamanen- und Nikobaren-Kette das Leben kostete.

Und wenn ich nun in den Nachkatastrophentagen der Flut in Deutschland die Zeitung aufschlug, so taten sich merkwürdige Parallelen auf, z.B. hier in der ZEIT in dem Artikel “Vor uns die Sintflut”. Da heißt es zum Beispiel: “‘Schauen Sie hier’, sagt der Professor und zeigt auf eine Karte der Bezirksregierung – Gefahren durch Hochwasser. ‘Es ist genauso gekommen, wie es die Hydrologen berechnet haben.’ In verschiedenen Blautönen sind auf der Karte die Gefahrenstufen bei extremem Hochwasser eingezeichnet. Das überschwemmte Gebiet in Inden ist so eindeutig blau markiert, dass auch ein Laie die Gefahr erkennt. ‘Wer weist einem Areal mit Hochwassergefahr ein Baugebiet aus?’, fragt der Professor. ‘Da sind doch die Probleme programmiert!’ (…) Am Wasser wohnen ist reizvoll. Oft liegen dort die teuersten Grundstücke.” (ZEIT vom 22.07.21, S.5)

Aber die Illusion stirbt zuletzt, noch sind genügend Spiegel aufgestellt, sodass die Selbstbetrachtung mit Meerblick noch immer stattfinden kann. Aber die Konstrukte werden aufwendiger. Mehr Spiegel sind notwendig, die Spiegelhersteller*innen freuts, dann werden auch sie die letzten sein, die untergehen, zumal die in Fluten zersplitternden und hinweggleitenden und in Dürren feuerzündelnden Spiegel auch gern in den Phasen der nachlassenden Flut und der nachlassenden Dürre nachbestellt werden.

Ich schweife ab, ich werde zu metaphorisch, zu zynisch, das will ich nicht, das tut mir leid, aber irgendwie hängt ja alles mit allem zusammen; meine Metaphernlust, mein anscheinend auch leicht entzündbarer Zynismus, meine schlechte Laune, die Nazis und ihre unpolitischen Lakaien, die Klimakatastrophe und der Unwille vieler Menschen, diese real existierende Katastrophe in ihr Weltbild zu integrieren.

Von der Notwendigkeit des Auszugs aus dem Happyland

Vielleicht lehne ich mich weit aus dem Fenster, aber diese “Mich-erwischt-es-nicht,-und -wenn-doch,-dann-als-Letzte”-Untergangsmentalität haben Nazi-Ideologie und Klimakrisenverleugnung und -verdrängung gemeinsam. Auch hier geht es um Privilegien der Happylandbewohner*innen, die es noch! vereinfachen, der längst angekommenen postbürgerlichen Klimakrisen-Realität denkerisch aus dem Wege zu gehen. Postbürgertum! Was für ein versnobtes intellektuelles, postmodernes Wort, meinen jetzt vielleicht einige Leser*innen, und ich kann es ihnen nicht verdenken. Aber nix mit Postmoderne, ich spreche von einer zutiefst in unserem Gesellschaftsentwurf wurzelnden Krise, der das Ende eingeschrieben ist und bei der die Frage nur ist, ob wir sie erstens bereit sind anzuerkennen, und ob wir zweitens den Schritt ins Unbekannte wagen mit Fragen, die in eine neue Gesellschaft weisen. Also ist die erste Frage: Wer hat Angst vor neuen Fragen? Selbsternannte Adorno-Thea, du? Til, du? (Gerade vor ein paar Tagen spülte mir ein neues Video der #allesdichtmachen-Art in meine twitterige Wahrnehmung. Ach ja, die armen Rechten, haben “nur” Corona und Flüchtlinge als Thema, also hübsch weiter bedienen und dieselben Suppen nochmal aufwärmen, bloß nicht einen dieser kostbaren und immer noch so fruchtbaren Diskurse einschlafen lassen.)

Weil würdet ihr, Thea und Til, mit mir die Notwendigkeit eines Auszugs aus Happyland anerkennen, dann würde uns gemeinsam die Frage beschäftigen: Ja, wohin denn nur ausziehen und wie nicht das Fürchten lernen? Wie wollen wir denn jetzt leben, wenn uns das Bürgertum, das uns einige Generationen lang in Sicherheit gewogen hat, unterm Arsch wegbricht? Sicher ist jedenfalls, dass das Ende selbst (sowie aber auch das bewusste Anerkennen dieses Endes) nur noch mit Gewalt und unter Inkaufnahme der Zunahme von Katastrophen hinausgezögert werden kann. Und das ist – wie ich es schon öfter anmerkte, keine Zukunftsmusik: Wir tun es schon, siehe EU-Außengrenze, siehe Afghanistan, wir haben es schon, siehe Flutkatastrophe usw. usf. Wollen wir mit dieser Gewalt fortfahren und sie erhöhen, wieder erhöhen und nochmal erhöhen, abgesichert durch Freiheitsinterpretationen, die keinen Pfifferling mehr wert sind, aber immer noch gut verkaufbar, Thea und Til, Heike, Juli und Ulrike? Oder wollen wir aufhören, das Ende hinauszuzögern und alle Kraft dafür verwenden, uns vor dem Neuen und Unbekannten nicht mehr zu ängstigen?

Was ein erster Schritt sein könnte? Ich empfehle euch, euch ohne bürgerliches Denkkorsett an die Ränder des Systems zu wagen und dort den rauen Gegenwind zu spüren. Wer ganz mutig ist und immer noch Kraft hat, sich dem Wind entgegenzustellen, der streckt jetzt noch seinen kleinen Zeh und vielleicht auch die Nasenspitze mal ganz vorsichtig aus Happyland hinaus. Na? Welcher Wind weht da so? Wie fühlt sich das an? Sagt bescheid, wenn wir uns noch weiter vorwagen können; gerne in einer Video-Kampagne, beispielsweise mit den Titel #vonwelchendieauszogenumdasundenkbarezudenken.

Eine kleine Zusammenfassung

Weiter vorne hatte ich behauptet, die Antwort zu wissen, wie dieser Rechtsruck zum einen im Lande und zum anderen in den Personen selbst zustande gekommen ist. Ich habe keine allumfassende Antwort, aber für mich Erklärungen gefunden: 1. eine so erfolgreiche Kampagne wie #allesdichtmachen trägt zu einem Rechtsruck im Land bei. 2. Ein Rechtsruck kann in den Personen – von den Personen selbst sogar unbemerkt – durch Unpolitischsein entstehen. Das Gefährliche daran ist, sich nicht für die weltlichen Zusammenhänge und die Zusammenhänge in einem bestimmten Gesellschaftssystem zu interessieren und sodann auch nicht ein eigenes Denken und Begehren daraus zu entwickeln, sondern dieses eigentlich so notwendige eigene Denken anderen zu überlassen/anzuvertrauen, wobei diese “Anderen” nicht selten Wächter*innen der europatriarchalen Ordnung oder sogar rechte Demagog*innen sein können. Diese Form des Anvertrauens kann in einer europatriarchalen Ordnung nicht nur enttäuscht, sondern eben auch gefährlich werden.

Es ist aber nicht so, dass unpolitischen Menschen nicht auch eigentlich das gute Leben für alle Würderträger*innen dieser Welt am Herzen liegt. Ganz im Gegenteil; es liegt vielen am Herzen, und sie verstehen dann nicht, warum das, was sie tun, rechts ist oder rechtes oder klimaleugnerisches Denken fördert. Deshalb ist es so wichtig, diese Zusammenhänge im eigenen Denken herzustellen. Wir werden das gute Leben für alle nicht innerhalb dieser Ordnung finden, die zudem sowieso gerade am Zerbrechen ist, siehe Klimakrise. Auf die Klimakrise weiß uns die bürgerliche Auslegung der Welt keine Antworten zu geben, weil die Klimakrise bzw. unsere weltliche Verbundenheit in dieser nicht einbedacht wurde und sich die Klimakrise auch dadurch bis heute so unbeschwert entfalten konnte. Umso dringlicher und wichtiger finde ich es, dass jede unpolitische Person ihre politische Ader im Körper findet, mit der sie sich – am besten ab sofort, denn viel Zeit bleibt nicht mehr – aktiv für das gute Leben aller Würdeträger*innen dieser Welt einsetzt und sich somit ein stückweit aus Happyland hinausbewegt.

Ein bisschen Klugscheißerei am Ende

Ans Ende möchte ich heute lauter Sätze setzen, die mir unzusammenhängend während des Schreibens an dem Artikel durch den Kopf spukten; teils sind es Wiederholungen und Überspitzungen aus dem Text.

Unpolitischsein können sich nur Happylandbewohner*innen leisten. Ihre im System verankerten Privilegien ermöglichen ihnen zum einen Diskurshoheit und wirkmächtige Aufmerksamkeit, und zum anderen Verdrängung, Verzerrung, Ignoranz und Gleichgültigkeit, z.B. gegenüber Menschen, die systembedingt nicht mit beiden Beinen in Happyland wohnen können.

Unpolitischsein ist ein Luxus, den wir uns nicht mehr leisten können.

Unpolitischsein von sich selbst als mitte-links-grün-verortenden Menschen kommt im europatriarchalen System immer rechter und neoliberaler Politik zugute.

Unpolitischsein ist die Verweigerung der Auseinandersetzung mit der Selbstzerstörungsfunktion in unserem europatriarchalen Gesellschaftssystem. Diese Verweigerung trägt somit automatisch zur Zerstörung des Planeten, wie wir ihn kennen, bei. Die Welt “nur” wahrzunehmen und die Verbundenheit mit ihr zu spüren, “nur” privat Gutes und dezidiert Richtiges zu tun, ist nicht mehr genug.

Unpolitische Menschen tragen daher Mitschuld an der Klimakrise, auch wenn sie sich vegan ernähren und nicht mehr fliegen usw., also ihren persönlichen fossilen Fußabdruck so weit wie möglich reduzieren.

Wer unpolitisch im Europatriarchat ist, nutzt das eigene Auf-der-Welt-Sein nicht für ein gutes Leben für alle Würdeträger*innen dieser Welt.

Ein unpolitischer Mensch nutzt weder seine Empathie noch sein sinnliches Wissen im Sinne des guten Lebens für alle. Im Umkehrschluss: Für ein gutes Leben für alle Würdeträger*innen dieser Welt einzustehen, ist per sé politisch.

Ein unpolitischer Mensch muss notgedrungen viel Vertrauen in die parlamentarische (Parteien-)Politik haben und kann konsequenterweise von dieser auch heftigst enttäuscht werden. Ein leicht aus dem Munde kommendes Politik-Bashing ist daher logische Konsequenz. Denn ein unpolitischer Mensch vertraut den Berufspolitiker*innen auch das eigene Denken an. Gründe hierfür sind für Happylandbewohner*innen Denkfaulheit, Lustlosigkeit und zu wenig Zeit. Gründe dafür sind aber auch wiederum systeminhärent, denn die (vorrangig) parlamentarische, repräsentative Demokratie fördert das Unpolitischsein. Alles ist inakzeptabel und muss grundsätzlich neu gedacht werden im jetzigen krisenhaften Zustand der Welt.

Wer Zeitnot als Argument für Unpolitischsein anführt und trotzdem nicht will, dass die Welt für die Menschen unbewohnbar wird, der sollte nur die Parteien wählen, die sich unmissverständlich für ein BGE und Arbeitszeitverkürzung bei akzeptablem Lohnausgleich einsetzen.

Unpolitischsein schränkt die dem Menschen möglichen Wissensmöglichkeiten und -fähigkeiten ein. Dieses Wissen fehlt uns aktuell, um neue Gesellschaftssystem denkbar und gangbar zu machen.

Wenn wir ein einigermaßen gutes Leben für nachfolgende Generationen weitestgehend sichern wollen, ist Unpolitischsein, also der bewusste Verbleib in einem sich als Elfenland entpuppenden Happyland, keine Option mehr.

Unpolitische Menschen im Europatriarchat schränken die Freiheit anderer ein.

Unpolitische Menschen sollen weniger ihr ganz persönliches Happyland und Elfenland konstruieren als vielmehr die weltverbundene Realität (mit all den sich daraus ergebenden Konsequenzen) anerkennen, auf die sie fahrlässigerweise und zum Schaden aller jetzigen und späteren Generationen ihr zerstörerisches Happy-Elfenlandkonstrukt stellen.

Wer Angst als Argument für Unpolitischsein anführt, sollte sich (gern professionelle) Hilfe suchen, um diese zerstörerische Kraft zu bekämpfen.

Rechte und Neoliberale brauchen unpolitische Menschen für das Durchsetzen ihrer politischen Agenda. Deswegen sind sie Förderer*innen des Unpolitischseins. Deswegen schreiben nur Linke darüber, dass Unpolitischsein gefährlich ist.

Die kapitalistische, patriarchale und imperiale Gesellschaftsordnung kann der Klimakrise – wenn überhaupt – nur mit Gewalt begegnen, denn nur das enthält ihr Handwerkskoffer. Es ist der Ordnung egal, ob sie dabei die Menschen, die ihr zur Existenz verhelfen und am Laufen halten, vernichtet. Es ist der Ordnung auch total egal, ob mit ihr überhaupt die Mehrheit der Menschen untergehen. Sollten beispielsweise die Rechten wieder an Macht gewinnen, so fressen sie mit jedem Machtgewinn zuerst die politischen Gegner*innen auf, und sodann aber auch die ganzen unpolitischen Helferlein, die sich teils noch während des Gefressenwerdens verwundert die Augen reiben und sagen: Wie konnte es nur so weit kommen, wo ich das doch alles nicht wollte? Ich habe doch nichts Böses gemacht. Oftmals wissen diese bis zum Verschlucken nicht, was sie eigentlich falsch gemacht oder was ihr Vergehen war. Ich sage es nochmal: Das Vergehen ist, sich nicht für die weltlichen Zusammenhänge und die Zusammenhänge in einem bestimmten Gesellschaftssystem zu interessieren und kein eigenes Denken daraus zu entwickeln.

Unpolitischsein können wir uns in einer kapitalistischen, patriarchalen, imperialen Ordnung nicht leisten, denn es spielt immer dieser Ordnung zu. Deswegen ist es auch kein Wunder, dass bei weniger politischem Druck gegen diese Ordnung Errungenschaften (z.B. durch die Frauenbewegungen) einfach so wieder verloren gehen können. Siehe aktuell Abtreibungsrechte in Polen und Texas, Frauen in Afghanistan usw. usf.

Wer unpolitisch ist, ist nicht erwachsen und nicht verantwortungsbewusst, auch nicht gegenüber seinen Lieben, auch wenn er das selbst aus tiefstem Herzen glaubt.

Wer Gleichgültigkeit und Unwissen als Gründe für Unpolitischsein anführt, der sollte den eigenen Kopf einmal in den verseuchten Flutkatastrophenschlamm in Erftstadt stecken. Ganz freiwillig und gewaltlos, meinetwegen auch nur rein imaginär. Damit nicht genug. Die Person sollte die Aufgabe bekommen, in drei Monaten (Verlängerung möglich) ein Konzept vorzulegen, wie Erftstadt in eine lebenswerte Stadt wiederaufgebaut werden könnte, die auch 2070 noch existiert.

Unpolitischsein von vielen Menschen führt zu einer Politik für Unpolitische, die nie links und grün (“grün” hier verstanden als wirklich wirksame Klimapolitik) sein kann. Politischsein im Sinne eines Eintretens für das gute Leben für alle Würdeträger*innen auf dieser Welt ist nicht gemütlich, ist nicht einfach, ist immer komplex, ist im Europatriarchat immer gegen den Strom schwimmen, ist angesichts der Dringlichkeit der Notwendigkeit wirkungsvoller Klimapolitik größtenteils Pionierarbeit und erfordert daher enorm viel Kreativität, kann – ist erstmal Strom drauf – spannend, sinnstiftend und erfüllend sein. Deshalb: Wer irgendwie will, aber nicht weiß, wie er seinem Unpolitischsein entkommen kann: einfach starten, ausprobieren, wechseln, wechseln, ausprobieren, fühlen, bis es funkt, bis Strom drauf ist.

Kein Mensch sollte unpolitisch sein. Nie.

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NEU SEHEN https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/09/neu-sehen/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/09/neu-sehen/#respond Wed, 08 Sep 2021 19:00:00 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17797
Ein Tanz-Bilderalbum – Ausstellungsstück

Die aktuelle Fotoausstellung im Städel, Frankfurt am Main, steht unter diesem Motto.

Neu Sehen ist tatsächlich eigentlich eine alter Hut. Genau genommen entstand “NEU SEHEN” als Begriff mit der Entwicklung der Kleinbildkamera vor gut 100 Jahren. Der Ausstellungsuntertitel “Die Fotografie der 20er und 30er Jahre” lässt es uns erahnen.

Neue Perspektiven, neues Experimentieren, neue Verwendungen wurden in dieser Zeit entdeckt. Das Studienfach Fotografie wurde an den Kunsthochschulen eingeführt und Fotografie in den Medien publik gemacht, die Öffentlichkeit wurde angehalten, mitzugehen: Neu zu sehen! All dies wird in der Ausstellung gezeigt, z.B. mit Zeitschriften, Plakaten, historischen Lehrbüchern und jeder Menge Bild- und Fotomaterial. Mit dabei sind viele Fotograf*innen, Künstler*innen wie Gertrud Arndt, Lotte Jacobi, Madam d Òra, YVA um nur einige der weiblichen der insgesamt über 100 Fotografen und Fotografinnen zu nennen. Makroaufnahmen, Froschperspektiven, Schattenfotografie, all dies wurde in dieser Zeit entwickelt. Neue Formate wie Bildbände zu Landschaftsfotografie eroberten den Markt, industrielle Fotografie, Aktionsfotos von Künstlerinnen, um ihr Talent zu zeigen, Porträts als Medium, um Gefühle zu transportieren, entstanden in diesem neuen Licht.

Wie die Fotografie Einzug in die Zeitungen hielt, wie der Beruf der Pressefotografie entstand und wie Fotografie dann in den 30ern zunächst für Werbung, dann für Propaganda herhalten musste. Der Missbrauch durch die Nationalsozialisten und die Inszenierung des Militärs wird thematisiert.

Neu Sehen, dass können die Menschen auch heute noch lernen. Im Städel hat mit dieser ersten Ausstellung die noch recht neue Sammlungsleiterin für Fotografie Dr. des. Kristina Lemke einen der spannendsten fotografiehistorischen Momente ins Visier genommen.

Die Ausstellung unterteilt sich in verschiedene Themenbereiche: Ausbildung, Nutzung des Mediums für Werbe- und Pressearbeit bis zur politischen Funktionalisierung ist Bekanntes und weniger Bekanntes hier sorgsam aufbereitet vorgestellt. Interessant und etwas gruselig anmutend die Röntgenfotografie und besonders intensiv die Porträts der Künstler*innen der Zeit. So ist dort auch “neu” zu sehen ein Porträt von Tatjana Barbakoff, einer jüdischen Tänzerin und Berühmtheit ihrer Zeit, neben dem Tänzer Harald Kreutzberg, Käthe Kollwitz oder dem Malerehepaar Dix. Das Schicksal der Fotograf*innen und Künstler*innen nimmt nicht selten durch den Nationalsozialmus eine brutale Wende. Doch zeigt sich hier so deutlich eine Aufbruchstimmung, Schaffenslust und Kraft, gepaart mit Kreativität, die dem freien Zeitgeist (Weimarer Republik) entsprach und vielen, insbesondere den jungen Frauen, neue Möglichkeiten eröffnete. NEU SEHEN – eine spannende Empfehlung.

NEU SEHEN

Die Fotografie der 20er und 30er Jahre

Ausstellung ist noch bis zum 24.10.21 geöffnet oder sonntags als digitales Erlebnis buchbar.

Städel Museum

Schaumainkai 63

60596 Frankfurt

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Stadt, Land, Krise – ein Podcast über Feminismus https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/09/stadt-land-krise-ein-podcast-ueber-feminismus/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/09/stadt-land-krise-ein-podcast-ueber-feminismus/#comments Mon, 06 Sep 2021 11:56:09 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17775 Diesen Post von Barbara Streidl sah ich kürzlich auf Instagram, und dabei fiel mir wieder ein, dass wir hier im Forum noch gar nicht den Podcast „Stadt, Land, Krise“ vorgestellt haben, den sie und Laura Freisberg seit ziemlich genau einem Jahr für Frauenstudien München produzieren. Das ist ein Versäumnis, denn ihre Themen passen sehr gut zu unserem Forum, und es waren auch schon viele Frauen bei ihnen zu Gast, zu denen auch wir hier seit langem Beziehungen pflegen: Zum Beispiel die Verlegerin Ulrike Helmer, in deren Verlag unter anderem die Diotima-Übersetzungen erschienen sind, oder Autorinnen wie Julia Fritzsche, die schon zweimal bei unserer neuen Video-Reihe-Gespräche mitgemacht hat (hier) und (hier).

Das Themenspektrum bei „Stadt Land Krise“ ist breit, es geht zum Beispiel um aufs Land ziehen, um Endometriose, um Philosophinnen oder um Ökofeminismus (an der Folge hat auch unsere regelmäßige Autorin Cornelia Roth mitgewirkt, die auch hier schon über das Thema geschrieben hat).

Von daher habe ich Barbara eingeladen, ihren Instagram-Post bei uns zu crossposten! Ihr werdet merken, dass das für ein anderes Publikum geschrieben ist, denn regelmäßige Leserinnen unseres Forums würden vermutlich nicht auf die Idee kommen, dass es feministischer sei, an der Karriere zu basteln als sich um Kinder zu kümmern. Doch genau das ist eine große Stärke von Barbara, wie sie darauf achtet, alle Frauen anzusprechen ohne dabei große Kenntnisse in feministischen Debatten vorauszusetzen und dabei auch auf Fragen und Anliegen einzugehen. Von daher ist dieser Podcast vielleicht auch eine Empfehlung für eure Töchter, Nichten, Enkelinnen, Nachbarinnen…. (Antje Schrupp)


Barbara Streidl

Ein typisches Bild von mir: Ein Buch (“Geständnisse einer Teilzeitfeministin” von Heike Kleen), und der Nudelkochtopf daneben. Zum Glück ist der Dampf gerade weg, sonst wäre die Lesebrille wieder total beschlagen.⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀
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Ich habe sehr oft den Reis überkochen lassen, die Nudeln zu weich, die Bohnen verbrannt, weil ich Hausfrau und Journalistin bin. Vor allem in den Lockdown-Zeiten, als ja wirklich alles gleichzeitig an einem Ort mit der ganzen Familie und allen anderen stattgefunden hat, war das so.⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀
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Dahinter steckt auch ein strukturelles Problem: Bin ich Teilzeitfeministin, weil ich mich nachmittags mehr um Kinder und Haushalt kümmere als um mefine Karriere? ⠀

Darüber hat die Journalistin Heike Kleen dieses Buch geschrieben, “Geständnisse einer Teilzeitfeministin”, und Laura Freisberg und ich haben mit ihr darüber gesprochen. Über die Zerrissenheit, die Prägung durch das Elternhaus und die Frage nach dem, was wir unseren Kindern gerne vorleben möchten.⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀
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Teilzeitfeminismus ist für Heike Kleen keinesfalls ein Schimpfwort, sondern viel mehr eine Möglichkeit, auch mal den Druck, unter dem viele Frauen stehen, abzumildern. Daneben geht es ihr auch darum, die Schwierigkeiten, unter denen viele Frauen leiden, die sich zerreißen, dieses große Dilemma einmal mehr sichtbar zu machen. Find ich gut!

Hier der Link direkt zur Podcast-Episode mit Heike Kleen

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Wenn es anders kommt, als gewünscht https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/09/wenn-es-anders-kommt-als-gewuenscht/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/09/wenn-es-anders-kommt-als-gewuenscht/#comments Fri, 03 Sep 2021 05:06:06 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17769

Verschenkt lautet der Titel eines kleinen Romans, der jüngst im Christel Göttert Verlag erschienen ist. Wer hat hier was verschenkt? Eine Mutter, die vielen Jahre, in denen sie ihre Kinder alleine groß gezogen hat? Der Nachbar seine Zeit, weil er immer wieder Anlaufstelle für Sohn und Tochter war, während die Mutter noch im Büro arbeiten musste? Die Kinder ihr Bemühen, der oft überforderten Mutter keinen Ärger zu machen? Oder hat die Mutter sich einfach ver-schenkt, als sie der Tochter zum 30. Geburtstag ein Geschenk macht, das diese nicht annehmen will? Und nochmal ver-schenkt, als sie dem Vater ihrer Kinder nebst neuer Partnerin die ihr heilige Geschichte von der Geburt der Tochter darbietet und dazu einen gänzlich unpassenden Rahmen wählt?

Die Mutter, Claudia, blickt zurück auf die schweren Jahre der Trennung. Auf die Zeit danach, als die Kinder noch klein waren und sie alles richtig machen wollte. Dafür hatte sie die gerade begonnene Karriere als Autorin abgebrochen, um in einem Bürojob ein regelmäßiges Einkommen zu erwirtschaften. Auch da also hat sie sich sozusagen verschenkt. Claudia ist unsicher. Hat sie alles richtig gemacht? Oder war ihr Leben geprägt von einer Kette von Fehlentscheidungen?

Die Kinder geben darauf keine Antwort. Sie sind erwachsen und auf einem guten, erfolgreichen Weg. Sie gehen liebevoll mit ihrer Mutter um, insbesondere, als eine Notsituation eintritt.

Dieses in-Frage-stellen des eigenen Wegs: Ist es eine typisch weibliche Eigenschaft? Insbesondere, wenn es nicht gelungen ist, die althergebrachte Vater-Mutter-Kind-Familienform zu praktizieren? Ist es Claudias Schuld, dass alles so schwierig war? Oder sind es vielmehr die gesellschaftlichen Strukturen, die alleinerziehenden Müttern das Gefühl und die Angst vermitteln, mit ihren Kindern ins Abseits zu geraten, auch wenn sie sich noch so anstrengen und alles geben, was sie zu verschenken haben?

Diesen Fragen spürt das Buch nach und – es ist ja schließlich ein Roman – im Laufe der Handlung eröffnen sich Möglichkeiten, alte Fehlentscheidungen zu revidieren.

Annette Reese, verschenkt, Ein Kurzroman, Christel Göttert Verlag Rüsselsheim 2021, 157 S., 17 €.

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Kapitel 12: Jenseits marktwirtschaftlicher Zweckrationalität: Care-Arbeit https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/08/kapitel-12-jenseits-marktwirtschaftlicher-zweckrationalitaet-care-arbeit/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/08/kapitel-12-jenseits-marktwirtschaftlicher-zweckrationalitaet-care-arbeit/#respond Tue, 31 Aug 2021 11:03:00 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17753 Zum 20. Jubiläum der Flugschrift „Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik“ wurde das Büchlein im Christel Göttert Verlag neu aufgelegt und wird hier im Forum auch erstmals online veröffentlicht (hier der Link zum Anfang). Dies ist das 12. Kapitel: Care-Arbeit

Flugschrift
Flugschrift “Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn”

Die Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft und der Industrialisierung hat die noch heute vorherrschende Vorstellung eines Gegensatzes von häuslicher Arbeit, die auf Fürsorge (Care) beruht und unbezahlt ist, und marktwirtschaftlich organisierter Erwerbsarbeit herausgebildet, die nach Kriterien der Zweckrationalität organisiert ist.

Diese Entgegenstellung gehört ebenfalls zu den weit verbreiteten falschen Alternativen: Einerseits gibt es die marktwirtschaftliche Logik nirgendwo absolut: Auch in Betrieben wird Care-Arbeit geleistet; von Führungskräften wird in neuerer Zeit zunehmend Fürsorgefähigkeit erwartet. Auf der anderen Seite wird auch ein Privathaushalt nach rationalen Gesichtspunkten organisiert, wodurch Hausfrauen Management-Fähigkeiten erwerben.

Anstelle der Entgegensetzung der beiden Arbeitsbereiche ist endlich davon auszugehen, dass es jeweils eine unterschiedliche Mischung von Care-Orientierung und Zweckrationalität gibt. Darüber hinaus ist nicht zu vergessen, dass es in unserer Kultur aus guten Gründen immer Arbeitsbereiche gegeben hat, die bezahlt wurden und doch dem unmittelbaren Zugriff marktwirtschaftlicher Gesetze entzogen worden sind, wie etwa Bildung, soziale Arbeit, medizinische Versorgung, rechtlicher Beistand.

Allerdings sind die hier erzielten Gehälter in den Bereichen, in denen hauptsächlich Frauen arbeiten, im Vergleich zum Produktionssektor nicht angemessen. Die gegenwärtige Tendenz, soziale Arbeit einseitig marktwirtschaftlichen Prinzipien zu unterwerfen, ist kurzschlüssig, da selbst der bisher marktwirtschaftlich organisierte Bereich nicht ohne Care-Arbeit auskommt, ja deren Wichtigkeit zunehmend ins Blickfeld rückt und dort in sie sogar planmäßig investiert wird. Gewinnorientierung in der Care-Arbeit ist kontraproduktiv, da sie den Aufbau und die Erhaltung gelingender Beziehungen erschwert, was sich auf alle gesellschaftlichen Bereiche negativ auswirkt.

Frauen, die sich dafür entscheiden, eine erwachsene, berufstätige Person zu versorgen, leisten Arbeit, die direkt in die Geldverteilung eingebunden werden muss, um sie sichtbar zu machen und die damit verbundenen Tausch beziehungen und -möglichkeiten zu erweitern.

Dass Hausarbeit zur Entlastung der Berufstätigen und die häusliche Fürsorge für Kinder, kranke und alte Menschen sowie die Pflege privater Beziehungen ein wichtiger Beitrag zum Wohlergehen der beteiligten Menschen sind, ist erst in dieser Generation aus dem Bewusstsein geraten. Im vormals propagierten „Ernährerprinzip“, das diese Arbeiten in höhere Männerlöhne einkalkulierte, war die Idee, dass Geld eine Form von Anerkennung für diese Tätigkeiten ist, immerhin noch enthalten. Das Ernährerprinzip hat allerdings nie so funktioniert, dass das den Frauen (und Kindern) zustehende Geld diesen wirklich und in vollem Umfang zugute kam.

Heute ist das Ernährerprinzip durch die Forderung ersetzt worden, Männer müssten sich an der sogenannten „Reproduktionsarbeit“ beteiligen. Dies funktioniert in der Praxis aber nur sehr ungenügend. Faktisch leisten Frauen diese Arbeit heute weitgehend umsonst – für berufstätige Ehemänner, erwachsene Söhne, manchmal auch Töchter. Damit tragen sie zum einen dazu bei, dass bestimmte Arbeitsbereiche weiterhin gering geschätzt werden, was dazu führt, dass überwiegend von Frauen geleistete Arbeit fast überall schlechter bezahlt wird. Zum anderen ergibt sich dadurch eine Wettbewerbsverzerrung im Beruf gegenüber denen, die nicht von Hausarbeit befreit sind – in erster Linie trifft dies berufstätige Frauen.

Es ist also eine neue Form der gesellschaftlichen Vermittlung in Hinsicht auf Hausarbeit und Care notwendig. Seit Beginn der 80er Jahre gibt es genaue Berechnungen über den quantitativen Anteil dieser Tätigkeiten an der in unserer Gesellschaft notwendigen Arbeit insgesamt. Eine Lösung müsste zum einen die gesamte berufstätige Gesellschaft an der Finanzierung der Kindererziehung beteiligen und zum anderen sicherstellen, dass die Hausarbeit für erwachsene, berufstätige Personen von diesen angemessen honoriert wird.

Jede Form von Ehegattensplitting ist abzuschaffen. Wir brauchen keine Privilegierung von Ehe und Familie in unserem Recht, sondern einen besonderen Schutz von Care-Arbeit, von Fürsorge im Rahmen der Generationen. Dies würde nicht nur zur materiellen Absicherung derer, die diese gesellschaftlich wichtige Arbeit leisten, dienen, sondern hätte auch positive Auswirkung auf die Bewusstwerdung und Anerkennung der kulturellen Werte, die durch diese Arbeit vermittelt und geschaffen werden.

Das derzeitige Sozialhilfesystem baut auf dieser Abwertung der Care-Arbeit auf und zwingt allein erziehende Mütter daher häufig dazu, sich selbst und ihre Kinder zu pathologisieren. Kinder müssen für ihre Mütter oder Eltern lügen, um zum Beispiel das Mitwohnen eines Freundes der Mutter oder Schwarzarbeit vor dem Sozialamt zu verbergen. Der hierdurch verursachte Schaden für die Gemeinschaft wiegt viel schwerer als ein möglicher Missbrauch der Sozialsysteme.

Staatliche Hilfen müssen grundsätzlich an die versorgende Person ausbezahlt werden, so lange sie sich ausschließlich der Familienarbeit widmen möchte, ohne staatliche Kontrollen oder sonstige Auflagen.

Aus: Ulrike Wagener, Dorothee Markert, Antje Schrupp, Andrea Günter: Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik. Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim 1999, Neuauflage 2019

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Ohne Gleichberechtigung keine funktionierende Wirtschaft https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/08/ohne-gleichberechtigung-keine-funktionierende-wirtschaft/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/08/ohne-gleichberechtigung-keine-funktionierende-wirtschaft/#comments Sat, 28 Aug 2021 09:58:00 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17630 Auf Linda Scotts Buch „Das weibliche Kapital“ wurde ich durch einen ganzseitigen ZEIT-Artikel mit dem Titel „Frauen sind die größte Unterschicht der Welt“ (Nr. 40, 24.9.20) neugierig. Daraufhin habe ich mir das Buch gekauft, es ist wie eine feministische Offenbarung. Scott entlarvt die männerdominierte Ökonomie, die die wirtschaftlichen Leistungen der Frauen unterschlägt bzw. ignoriert, als Wurzel des wirtschaftlichen Übels der Welt. Dieses Übel kann nur beseitigt werden, wenn die Unterdrückung der Frauen abgeschafft wird. Scott untermauert ihre These, dass Wohlstand einer Gesellschaft nur mit Gleichberechtigung geht, mit zahlreichen Untersuchungen und Statistiken.

Wie kommt die emeritierte Oxford-Professorin für Ökonomie zu dieser Behauptung? Der Klappentext besagt: „Für ihre jahrzehntelange Forschung zur wirtschaftlichen Rolle rund um den Globus wurde sie vom Prospect Magazine zweimal unter die Top 25 der Global Thinkers gewählt. Neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit berät sie UN-Panels, Think Tanks und international tätige Unternehmen.“

Linda Scott weiß also, wovon sie spricht, und sie argumentiert mit ihren Erfahrungen in der Dritten Welt, die sie mit dem speziellen Blick auf die weibliche Bevölkerung bereist hat. Daher hat sie nur scheinbar Banales herausgefunden, dass es nämlich einen wichtigen Zusammenhang gibt zwischen dem Schulbesuch, also der Bildung von Mädchen, dem Menstruationstabu und dem Fehlen von Monatsbinden.

Scotts Hauptaugenmerk aber gilt, wie der Titel schon sagt, der Ökonomie: Frauen produzieren fast die Hälfte aller landwirtschaftlichen Produkte weltweit, haben aber in vielen Ländern oft weder Grundbesitz noch die Verfügungsgewalt über die Erträge, die sie an die Männer übergeben müssen. Die kleineren Beträge, die sie behalten dürfen, taugen nicht zum Kauf besserer Geräte, zur Erhöhung der Produktivität. Ihre eingeschränkte Bewegungsfreiheit und Verbote gegen Frauen im Handel bremsen sie aus. Oft sind Frauen allein verantwortlich für die Versorgung ihrer Familie, während viele Männer laut Scott ihre Einkünfte für sich selbst, für Alkohol und Vergnügungen verwenden. Kurz gesagt, Gemeinschaften werden durch männliche Vorherrschaft klein und ökonomisch unten gehalten. „Den Vereinten Nationen zufolge leiden 925 Millionen Menschen auf der Welt chronisch Hunger. 150 Millionen von ihnen könnten ernährt werden, wenn die Benachteiligung von Frauen in der landwirtschaftlichen Produktion  aufgehoben würde. Die Forschung zeigt auch, dass Landwirtinnen bei gleichen Ausgangsbedingungen genauso viel produzieren wir Landwirte.“ (S. 90)

Diese Aussage ist so gewaltig, dass ich froh bin, zur Bestätigung Kofi Annan, den ehemaligen Generalsekretär der Vereinten Nationen, zitieren zu können: „Studie um Studie hat uns gelehrt, dass es kein wirksameres Werkzeug gibt als die Ermächtigung der Frauen. Keine andere politische Maßnahme hat bessere Chancen, die wirtschaftliche Produktivität zu erhöhen oder die Kinder- und Müttersterblichkeit zu senken. Keine andere politische Maßnahme hat derart eindeutige positive Auswirkungen auf Ernährung und Gesundheit, die HIV-Prävention eingeschlossen. Keine andere politische Maßnahme erhöht die Bildungschancen der nächsten Generation so wirksam.“ (S. 24)

Vergleiche in 163 Ländern zeigen, dass der Wohlstand einer Bevölkerung umso mehr steigt, je mehr die Frauen gleichberechtigt sind, erwerbstätig und mit eigenem Geld. Wo Frauen aber nur schuften dürfen, nichts erben und nichts besitzen, sich nur den allerletzten Bissen gönnen, damit ihre Kinder halbwegs satt werden, wo Kinder von schlecht genährten Müttern schon im Mutterleib geschwächt sind, da sind Krankheiten und Elend vorprogrammiert.

Wow! Was für ein Buch!

Linda Scott, Das weibliche Kapital, Hanser Verlag München 2020, 412 Seiten, 26 Euro.

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Die Unbeugsamen https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/08/die-unbeugsamen/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/08/die-unbeugsamen/#comments Wed, 25 Aug 2021 15:00:00 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17702 Voriges Jahr schon hat Brigitte Leyh in diesem Forum das Buch „In der Männer-Republik“ von Torsten Körner vorgestellt, in dem er auf der Grundlage von zahlreichen Interviews schildert, was Politikerinnen in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik Deutschland erlebt haben. Am 26. August kommt nun, basierend auf demselben Material, sein Dokumentarfilm „Die Unbeugsamen“ ins Kino.

Zahlreiche Pionierinnen der Bonner Republik erinnern sich an ihre Jahre in der Parteipolitik: Zu Wort kommen Herta Däubler-Gmelin (SPD), Marie-Elisabeth Klee (CDU), Ursula Männle (CSU), Christa Nickels (Die Grünen), Ingrid Matthäus-Maier (FDP/SPD), Renate Schmidt (SPD) und Rita Süssmuth (CDU). Historische Aufnahmen erinnern darüber hinaus an weitere Politikerinnen wie Aenne Brauksiepe (CDU), Hildegard Hamm-Brücher (FDP), Waltraud Schoppe und Petra Kelly (Die Grünen). 

Wenn es darum geht, frauenpolitische Entwicklungen zu beurteilen, wird meist die Frage gestellt, ob es denn im fraglichen Zeitraum „Fortschritte“ gegeben hat oder nicht. Die Protagonistinnen vergangener Zeiten werden dabei häufig zwar mit Bewunderung betrachtet, jedoch klingt das häufig so, als wären sie irgendwie noch auf einer vergangenen Stufe des Feminismus, zwar aufgrund der ungünstigeren Umstände, aber doch. Beim Anschauen des Films wird klar, wie ungenügend diese Perspektive ist. Viel interessanter ist die Frage, was sich verändert hat, was aber auch nicht. Denn es gibt in Belangen der Freiheit der Frauen nicht einfach stetigen Fortschritt, sondern abrupte Veränderungen ebenso wie langsame, Verbesserungen, aber immer auch die Gefahr von Verschlechterungen, Erfolge werden errungen und manchmal auch vereinnahmt und in ihr Gegenteil gewendet.

Sicher ist seit den Anfangsjahren der Bundesrepublik manches, sogar vieles besser geworden. Abgesehen von konkreten, erkämpften Gesetzesänderungen ist da vor allem ist die Tatsache zu nennen, dass offensichtliche Häme und sexualisierte Herabwürdigung von Politikerinnen heute nicht mehr so häufig unwidersprochen bleibt wie damals. Politikerinnen müssen heute auch nicht mehr prinzipiell beweisen, „dass sie es auch können“, was nach 16 Jahren Regierungszeit Merkel ja einfach nur lächerlich wäre.

Andererseits werden Konflikte heute zuweilen sogar mit härteren Bandagen ausgetragen. Und gerade was die Parteipolitik betrifft, so ist doch die feministische Radikalität früherer Jahrzehnte weitgehend aus dem Bundestag verschwunden. Dabei sind tatsächlich besonders die Grünen hervorzuheben, deren Einzug in die Parlamente tatsächlich einen Kulturwechsel bedeutet hat – und deren herausragende Persönlichkeiten in ihren Anfangsjahren Frauen waren. Man denke nur an die Radikalität einer Petra Kelly, aber auch an die Wahnsinns-Rede von Waltraud Schoppe über Vergewaltigung in der Ehe im Jahre 1983 (aus der Ausschnitte gezeigt werden). Im Film ist erzählt Christa Nickels, die Mitglied im so genannten „Grünen Feminat“ von 1984 war, dem ersten rein weiblichen Fraktionsvorstand, von dieser Zeit.

Gerade am Beispiel der Grünen lässt sich aber auch sehen, wie Parlamentarismus den Effekt haben kann, feministische Radikalität einzufangen. Hier zeigen sich auch die größten Differenzen zu den Frauen in den anderen Parteien, in denen Politikerinnen sich eher behutsam und in kleinen Schritten zunehmend feministisch positioniert haben. Was natürlich auch daran liegt, dass es sich hier um historisch ältere Parteien handelt, zu denen Frauen gewissermaßen nachträglich hinzugekommen sind, während die Grünen sich von Anfang an als feministische Partei verstanden.

Dass sich Dinge in der Tat nicht nur durch Provokation und Skandal, sondern auch durch vermeintliche Unscheinbarkeit und Unauffälligkeit ändern lassen, zeigen die großen Erfolge von Rita Süßmuth in der CDU. Sie wurde 1985 von Helmut Kohl zur Familienministerin gemacht, der damals unter Druck stand, endlich eine „zweite“ Frau ins Kabinett zu holen (neben Bildungsministerin Dorothee Wilms). Denn bis dahin hatte es als ungeschriebenes Gesetz gegolten, dass ein Kabinett höchstens eine Frau verkraftet. Eine Frau kann als Ausnahme gelten, zwei sind schon fast ein Muster. Und dass Frauen genauso normal wie Männer politische Ämter innehaben, war vor sechzig Jahren tatsächlich für die bundesdeutsche Mentalität noch unvorstellbar.

Auch die erste Bundesministerin, Elisabeth Schwarzhaupt, war 1961 nur auf Druck der CDU-Frauen (vor allem Aenne Brauksiepes) und gegen den ausdrücklichen Willen von Bundeskanzler Konrad Adenauer ins Amt gekommen. Ein wesentliches Merkmal der Frauenpolitik zumindest in den Anfangsjahren der BRD war es denn auch, dass die Frauen in den verschiedenen Parteien sich gegenseitig wenn auch nicht immer unterstützten, so doch beeinflussten. Die Wahl von Rita Süßmuth war insofern auch eine Reaktion auf die vielen Frauen bei den Grünen.

Alles in allem also ein sehr sehenswerter Film, der sich ganz auf die Erzählungen und Rückblicke der interviewten Frauen stützt und so einen wichtigen Aspekt der frühen Bundesrepublik dokumentiert. Dass sich die Recherche auf Westdeutschland beschränkt, ist allerdings etwas schade. Mich hätte es auch interessiert, die entsprechenden Entwicklungen in den beiden Teilen Deutschlands miteinander zu vergleichen. Tatsächlich wirkt eine rein westdeutsche Herangehensweise an dieses Thema über 40 Jahre nach der Vereinigung beider Deutschlands schon ein bisschen anachronistisch.

Trotzdem eignet sich der Film gut, auch für Bildungsveranstaltungen oder den Schulunterricht, wofür der Verleih viele Materialien zur Verfügung stellt.

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Die Qual der Wahl … https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/08/die-qual-der-wahl/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/08/die-qual-der-wahl/#comments Tue, 24 Aug 2021 20:00:00 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17723
Es ist schon ein Kreuz mit dem Kreuzchen… Bild © H.Brunner

Im September ist es so weit, die Bundestagswahl steht an. Immerhin sind wir in der glücklichen Lage wählen zu können, keine Selbstverständlichkeit. Die Rechte der Frauen* werden in vielen Ländern stark eingeschränkt oder zumindest wird eine Einschränkung stark gefordert. Auch hier muss für jedes Quäntchen gekämpft werden und Obacht gegeben werden, dass die erkämpften Frauenrechte nicht hinterrücks wieder abgesägt werden. Daher fanden wir es spannend, zusammenzustellen, was die Parteien auf gezielte Fragen zu Frauenrechten antworten. Einige feministische Organisationen haben Wahlprüfsteine erstellt und den Parteien zugesandt. Hier nun eine sicherlich nicht vollständige Auswahl, alphabetisch geordnet, um so zum Weiterlesen und Weiterdenken anzuregen.

Der Deutsche Frauenrat
hat sich intensiv mit der Bundestagswahl beschäftigt und schon im Februar wichtige Leitlinien und Forderungen zu den Frauenrechten unter dem Motto: Frauenrechte auf die Agenda, erarbeitet.

Die evangelische Frauenhilfe Westfalen
hat Wahlprüfsteine für die Bundestagswahl 2021 erarbeitet. Schwerpunkt sind der Erhalt demokratischer Werte. Zum Thema Frauen findet ihr hier sehr viele Wahlprüfsteine.

Der Landesfrauenrat Hamburg
hat auf seine Wahlprüfsteine zu Frauenrechten schon viele Antworten der Parteien erhalten.

Das Nationales-Netzwerk Frauengesundheit
Das 1994 gegründete Netzwerk vieler Frauengesundheitsorganisationen fragt u.a. nach der Einrichtung eines Bundesinstitutes für Geschlecht und Gesundheit nach kanadischem Vorbild oder Maßnahmen zur gesundheitlichen Versorgung von gewaltbetroffenen Frauen. Die Antworten der Parteien zu Wahlprüfsteinen finden sich auf der Homepage und auch die erarbeiteten Wahlprüfsteine sind dort als PDF downloadbar.

Pinkstinks
erarbeitet einen informativen Film zum Thema, ab 1. September soll dieser aufrufbar sein!

Terre des Femmes
hat den Parteien Wahlprüfsteine vorgelegt. Das Hauptanliegen ist hier:
Prävention und Abschaffung der Genitalverstümmelung, Einführung eines Sexkaufverbots.
Die Wahlprüfsteine sind auf der Seite aufrufbar.

Zu guter Letzt:
Abgeordnete selbst befragen, auch eine Möglichkeit!

Da bietet sich einerseits der Bundestag direkt Link an, aber auch die Seite von Abgeordneten Watch.
Hier sind alle öffentlich gestellten Fragen und gegebenen Antworten gespeichert und es ist einsehbar wie oft die Politiker*innen bereit sind zu antworten.

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Die zerbrechliche Härte des Alters https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/08/die-zerbrechliche-haerte-des-alters/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/08/die-zerbrechliche-haerte-des-alters/#comments Sun, 22 Aug 2021 09:43:00 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17679
Foto: Magdalene Geisler

Sie wohnt bei mir um die Ecke und wurde schon immer von meinem Mann und mir „scharf“ beobachtet, wenn sie des Weges kam und kommt. Sie ist immer wohlfrisiert, trägt noch immer Schuhe mit hohen Absätzen, aber geht an einem Stock. Wenn ich sie sehe, macht sie sich entweder auf nach Pankow oder kommt von den dort getätigten Besorgungen zurück. Und alles piekfein.

Ich hatte sie lange nicht gesehen, aber kürzlich sind wir zusammen aus der Straßenbahn gestiegen. Ich ging ihr vorsichtig nach, weil ich sie nicht erschrecken wollte, habe mich ihr vorgestellt und nachgefragt, ob es stimmt, was mir andere über sie schon erzählt haben. Dass sie in den gastronomischen Spitzenkneipen der DDR-Hauptstadt jahrzehntelang tätig war. Ja, sagt sie – das „Lindencorso“ war ihr Terrain, aber auch das „Café Moskau“, wo sie an der Bar tätig war. Das „Lindencorso“ – vor allem das kleine Espresso-Café, das dazu gehörte – ist mir selbst noch in guter Erinnerung, weil dort die Studentinnen und Studenten stundenlang bei einem Kaffee saßen.

Eine der heftigsten Szenen aus dem DEFA-Film „Solo Sunny“ spielt im Amüsierlokal des „Lindencorsos“. Einem Dienstreisenden an der Bar, der sie ziemlich plump anmacht, zerbricht die Heldin, gespielt von Renate Krößner, die Brille und steckt sie ihm wieder ins Jackett. Es war auch im realen Leben ein Dorado für Dienstreisende, das „Lindencorso“. Und drum herum waren einige Hotels, in denen sie wohnten, so dass es nicht weit war vom Amüsement ins Bett, mit wem auch immer. Dort zu arbeiten, brauchte es nicht nur Attraktivität, sondern auch eine gewisse freundliche Härte und Resolutheit. Das kann ich mir bei ihr gut vorstellen.

Überhaupt könnte sie viel erzählen, glaube ich, aber ich will sie nicht drängen. Sie ist mit dem täglichen Kraftaufwand beschäftigt und hat – vom ehemaligen Beruf – dennoch diese professionelle Freundlichkeit, die mir imponiert und gefällt. Und die feste Überzeugung, dass die äußere Aufmachung immer auch eine Rüstung ist.

Sonja Plonus heißt sie und meint – als wir uns auf eine Bank setzen –, dass sie sich ziemlich aufraffen muss, um ihren täglichen Gang zu absolvieren. Es wird von Jahr zu Jahr härter. Sie hat eine Makuladegeneration, die fortschreitet, und in ihrem Alter wird da nicht mehr operiert. Also hält sie sich ziemlich streng an Wege, die sie kennt. Und ich denke bei mir, dass auch ich das schon kenne.

Sie war mal verheiratet, aber ihr Mann ist gefallen, ihr Kind ist mit 8 Monaten gestorben. Das war im Jahr 1955. Sie hat nicht wieder geheiratet. Und jetzt wohnt sie hier, und einmal am Tage kommt auch eine Pflegekraft zu ihr, obwohl sie ja eigentlich noch immer alles selbst tut. Aber sie ist dadurch ein bisschen unter Beobachtung. Sonst ist sie allein.

Ich darf sie abbilden, das hat sie mir erlaubt. Ich finde, dass sie ein Muster an Disziplin ist, und der Welt eine Person zeigt, die dem Leben zugewandt ist, und ein Bild jener zerbrechlichen Härte zeigt, die zu manchen alten Menschen gehört, die Tag für Tag nicht aufgeben.

Sonja Plonus ist 97 Jahre alt.

Ich bewundere sie.

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Steht es in den Sternen? https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/08/steht-es-in-den-sternen/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/08/steht-es-in-den-sternen/#respond Thu, 19 Aug 2021 11:50:55 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17464

Endlich ein Buch, das ich Neugierigen auf Astrologie empfehlen kann. Klar, ich weiss, dass Astrologie umstritten ist. Doch da ich selbst seit Jahrzehnten – ich fing gleichzeitig mit Astrologie und Yoga in den 1960er Jahren an – immer wieder interessante, meine Skepsis überrumpelnde Erfahrungen mache – aktiv wie passiv – beschäftige ich mich weiterhin forschend und fragend damit. Und bin immer wieder überrascht, wenn wildfremde Menschen mir nach Monaten oder Jahren mailen: was Du damals anhand meines Horoskops sagtest, trifft immer noch zu, begleitete mich und half über manche Klippe.

Wir alle wissen, dass die Sonne uns verbrennen kann, der Mond die Gezeiten beeinflusst – die anderen Planeten sind Nichtsnutze? Kann ja wohl nicht sein. Wir leben in diesem Universum und es hat Auswirkungen auf unser Leben. Jeder bäuerlich lebende Mensch weiss, dass im Frühjahr geborene Tiere anders sind – anderen Charakter haben, sagte mein Vater – als die im Herbst Geborenen. Bei Menschen soll es keine Rolle spielen? Wenn die Altvorderen ein System erdacht, erfunden haben, das sich mit dem Grösseren Ganzen auseinandersetzt, gehe ich neugierig damit um. Die Astrologie, die lange mit der Astronomie eins war, zeigt Möglichkeiten auf, ohne diese als allein verfügbare zu benennen. Der freie Wille bleibt: was ich aus meinen Anlagen mache, ist die eigene Entscheidung.

Chani Nicolas, die Autorin von Astro Power, schreibt in einer klaren, sachlichen und zugleich zugewandten Sprache. Sie definiert die Grundbegriffe der Astrologie, bezieht ihr eigenes Erleben ein ohne zu verallgemeinern. Sie lässt grosse Offenheit zu, betont den Wert der Freiheit, Astrologie ist für sie ein spannendes Forschungsfeld, eine Möglichkeit unter vielen sich selber besser kennen zu lernen. «Dein Geburtshoroskop ist ein Schnappschuss des Himmels». Sie erklärt unser Strahlen am Beispiel der Sonne, erläutert am Beispiel des Monds, welche Bedürfnisse – emotional und körperlich – wir haben. Über den Aszendenten – die genaue Geburtszeit – kommt sie zu Motivation und Intention. Die Beziehungen der Planeten untereinander schlüsselt sie über brauchbare Bilder und anregende Assoziationen auf. Ganz oft nähert sie sich den Themen über Fragen, diese Weite zieht sich durch das ganze Buch und macht das Lesen zu einem lebendigen Erkennen.

Wer sich frank und frei der Astrologie nähern will, kann ausprobieren, ob diese Methode ihm oder ihr etwas sagt. Wer sich bereits länger damit befasst, wird durch die frische und fabelhaft übersetzte Sprache angeregt.

Chani Nicolas: Astro Power – Es steht in Deinen Sternen – Wie du mit Astrologie dein wahres Potenzial erkennst und lebst, aus dem amerikanischen Englisch von Elisabeth Liebl, Goldmann Verlag München 2021, 304 Seiten, 14 Euro.

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Verschenkekultur als Beitrag zum Klimaschutz https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/08/verschenkekultur-als-beitrag-zum-klimaschutz/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/08/verschenkekultur-als-beitrag-zum-klimaschutz/#comments Mon, 16 Aug 2021 08:38:26 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17640

Überraschend etwas geschenkt zu bekommen, löst – zumindest bei mir – ein ganz besonderes Gefühl aus, das sich seit der Kindheit kaum verändert hat. Das sei ja wie an Weihnachten, wird dann manchmal gesagt. Denn wir erinnern uns an das kindliche Gefühl der Vorfreude, das mit der Hoffnung verbunden war, diesmal etwas zu bekommen, was wir uns wirklich gewünscht haben. Auch wenn diese Hoffnung oft enttäuscht wurde – in meiner Familie wurden wir Kinder nicht ermutigt, Wünsche zu äußern – hat sich das positive Vorgefühl erstaunlicherweise bis heute erhalten.

Ein Gefühl „wie Weihnachten“ hatte ich auch als Studentin, wenn wir bei jedem Sperrmülltermin spät abends durch das entsprechende Viertel streiften und ungeheure Schätze mit nach Hause nahmen. Wir wohnten damals zu sechst in einer Baracke, die wir mit dem Gefundenen ausstatteten, mit Isoliermaterial, Bettrosten, Teppichen, Öfen, Ofenrohren und vielen Brettern und Kisten, aus denen wir unsere Betten, Regale und Schreibtische bauten. Einmal im Jahr gab es damals auch noch den großen Städtischen Flohmarkt, bei dem weder Standgebühr noch Eintritt bezahlt werden musste, das war jedes Mal ein Fest. 

Dass es verboten wurde, sich etwas vom Sperrmüll zu holen, und dass es Flohmärkte heute fast nur noch mit Anmeldung, Standgebühr und oft sogar mit Eintrittsgeld gibt, ist wahrscheinlich unter anderem die Folge der fehlenden Achtsamkeit im öffentlichen Raum, die wiederum mit der Ignoranz und Verachtung gegenüber bestimmten Care-Tätigkeiten zusammenhängt, dem Aufräumen und Saubermachen:  Der Flohmarktplatz sah am Abend aus wie eine Müllhalde, und ebenso war es oft mit dem Sperrmüll, den die Leute ursprünglich ordentlich vor ihrem Haus aufgeschichtet hatten: In ihrer Gier rissen manche Sperrmüllsammler:innen alles auseinander, kehrten das Unterste zuoberst und hatten auch kein Problem damit, wenn etwas zu Bruch ging und schließlich die halbe Straße mit Scherben übersät war. Ich verstand die städtische Reaktion darauf, aber ich bedaure bis heute, dass diese niederschwelligen Möglichkeiten, wie gut erhaltene Dinge die Besitzer:innen wechseln und damit weiterleben konnten, verloren gingen bzw. nur noch reduziert und in dem Bewusstsein möglich sind, etwas Illegales zu tun.

Irgendwann wurden dann die Verschenkekisten erfunden, wahrscheinlich auch deshalb, weil die Hürden für Flohmarktverkäufe immer höher wurden. Ich weiß noch, wie ich zum ersten Mal ein Buch aus einer solchen Kiste nahm, ich schaute zu den Fenstern des Hauses hinauf und bedankte mich mit einer Geste, obwohl da wahrscheinlich gar niemand war.

Wenn ich zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs bin und Zeit dafür habe, schaue ich in jede Kiste, obwohl ich ja eigentlich kaum etwas brauche, nur weil das Vorfreude-Gefühl so schön ist. Und immer mal wieder finde ich ein Buch, das mich interessiert oder das ich meiner Nachbarin mitbringen kann. Das ist dann jedes Mal „wie Weihnachten“. Ab und zu habe ich auch schon Bücher gefunden, die mir ganz neue Welten eröffneten.

Immer wichtiger ist mir in den letzten Jahren die Möglichkeit geworden, über Verschenkekisten Dinge loszuwerden, die mir mal etwas bedeutet haben, die ich aber nicht mehr brauche. Bei den beiden Wohnungsauflösungen unter Pandemie-Bedingungen, an denen ich in letzter Zeit beteiligt war, wollten wir unbedingt vermeiden, dass gut erhaltene Dinge, die von den Vorbesitzer:innen ein Leben lang gepflegt worden waren, einfach auf den Müll geworfen wurden. Denn in dieser Zeit waren die Lager der Wohlfahrtsorganisationen voll, weil sie ja ihre Läden nicht öffnen durften. Ich freute mich über jedes einzelne Stück, das an einem Platz mit viel Publikumsverkehr mitgenommen wurde oder das Menschen bei uns abholten, aufgrund unserer Annoncen oder weil ich sie angesprochen hatte, als sie unseren Sperrmüll durchsuchten. Bei der Suche nach weiteren Möglichkeiten, Geschirr und Gläser weiterzuschenken, begegnete mir eine Art Riesen-Verschenkekiste („Givebox“), die von einer Berufsschulklasse gebaut worden war und von der Kirchengemeinde betreut wurde. Eine Hütte in der Größe eines Gartenhäuschens war innen rundherum mit tiefen Regalbrettern bestückt, auf denen viel Platz war für Gläser, Geschirr, Töpfe und Pfannen, kleine Elektrogeräte, Kinderbücher und Spiele. Zu bestimmten Zeiten konnten Dinge gebracht oder geholt werden, es gab eine Zeitschaltuhr für den Türöffner. 

Bei all diesen Verschenkeaktionen war mir keine Mühe zu viel: Ich transportierte die Kisten dorthin, wo die Wahrscheinlichkeit groß war, dass jemand die Dinge darin brauchen konnte, und „betreute“ sie mehrmals am Tag, denn auch hier gab es Leute, die achtlos alles durcheinanderwarfen und dabei sogar manchmal Dinge kaputtmachten. Abends und bei Regen holte ich meine Kisten wieder ab. Denn wenn Verschenkekisten nass werden, sehen sie sehr schnell wie Müll aus. Ohne Betreuung funktionieren übrigens auch öffentliche Bücherregale oder Bücherschubladen nicht. Denn leider gibt es auch hier Leute, die einfach wahllos das, was sie loswerden wollen, in die Regale stopfen.

Weil nicht alle, die Verschenkekisten in den öffentlichen Raum stellen, sie so „betreuen“ wie ich ­­– als Rentnerin kann ich mir ja gut die Zeit dafür nehmen –, sehen die Reste davon tatsächlich manchmal wie „versteckter Sperrmüll“ aus. Unter dieser Überschrift stand im Mitteilungsblatt meiner Gemeinde vor drei Monaten eine Notiz, in der das Abstellen von Verschenkekisten vom Ordnungsamt als „unerwünscht“ bezeichnet wurde, verbunden mit der Drohung, dass es als „unerlaubte Müllablagerung“ zur Anzeige gebracht werden könnte.

Meine Empörung darüber brachte ich bei einer Befragung zum Klimaschutz zum Ausdruck, die etwa zeitgleich in meiner Gemeinde durchgeführt wurde.

Denn Verschenkekisten tragen auf mehrfache Weise zum Klimaschutz bei:

  • Sie machen das Zu-Fuß-Gehen oder das langsame Radfahren attraktiver, weil dabei immer wieder Überraschungen auf einen warten
  • Sie wirken der Verschwendung von Ressourcen und Energie entgegen, weil Dinge länger benutzt anstatt neu gekauft werden 
  • Durch sie kann ein achtsamer Umgang mit Dingen demonstriert werden sowie Dankbarkeit für Dinge und Liebe zu den Dingen. Damit wirken solche Kisten der Wegwerfmentalität entgegen
  • Durch Verschenkekisten muss weniger Müll wegtransportiert und weniger neue Dinge müssen hertransportiert werden
  • Sie machen Schenkenden und Empfangenden Freude, was die Notwendigkeit von Ersatzbefriedigungen reduziert

Als ich nach einer längeren Regenperiode endlich wieder zwei Verschenkekisten an einen Platz gestellt hatte, an dem viele Menschen vorbeikommen, mit Geschirr und Töpfen in der einen und einigen guten Kinderbüchern in der anderen, erlebte ich am Abend eine böse Überraschung: Gemeindemitarbeiter hatten meine Kisten mitgenommen und in ihren Müllcontainer geworfen. Da dieser Container außerhalb des eingezäunten Bauhofs stand, konnte ich hineinschauen: Das Geschirr – darunter eine Suppenschüssel aus meiner Kindheit – war zerbrochen, die Bücher verschmutzt, nur wenige konnte ich noch retten. Das zeigte mir nachdrücklich, dass ich von nun an beim Aufstellen von Verschenkekisten bereits etwas Illegales tat, zumindest in meiner Gemeinde.

Offensichtlich hatte mein Eintreten für Verschenkekisten in der Klimaschutzumfrage keine Einstellungsänderung bei der Gemeindeverwaltung bewirkt. In dem zusammenfassenden Bericht über die Umfrage im Mitteilungsblatt kam meine Stellungnahme dann auch nicht vor, denn hier interessierten nur die Bildung einer Arbeitsgruppe und die Bereitschaft zur Investition in erneuerbare Energien. Beides ist sicher wichtig, aber der ignorante Umgang mit den aus der Bevölkerung kommenden niederschwelligen Beiträgen zum Klimaschutz, die langfristig eine Einstellungs- und Verhaltensänderung unterstützen können, weil sie Freude machen und zu einem leichteren Leben beitragen, hat mich schon sehr verstört. Leider entspricht es aber ziemlich genau dem, was die etablierte Politik für Klimaschutz tun will und wozu sie eher nicht bereit ist: Technische Lösungen, die die Wirtschaft ankurbeln, ja, Unterstützung von Verhaltensänderungen, die den Konsum und die Verschwendung reduzieren, nein.

Wir sollten das nicht akzeptieren, sondern die niederschwellige Verschenkekultur propagieren und ausbauen: Mit großen „giveboxes“ in jedem Dorf und jedem Stadtviertel, mit der Rücknahme des Verbots, sich etwas vom Sperrmüll zu holen, und mit absoluter Freiheit für Verschenkekisten!

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„Auf sich nehmen, was man auf sich nehmen muss“ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/08/milena-jesenska/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/08/milena-jesenska/#comments Wed, 11 Aug 2021 18:45:24 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17667 Gedanken zu Geistesgegenwart, Care und Notwendigkeit bei Milena Jesenská
Vor 125 Jahren wurde Milena Jesenská geboren. Die tschechische Publizistin und Journalistin engagierte sich im Widerstand gegen den Nationalsozialismus und starb 1944 im KZ Ravensbrück. Foto von 1937 / gemeinfrei.

Am 10. August 2021 ist der 125. Geburtstag der tschechischen Publizistin und Journalistin Milena Jesenská (1896-1944). Bekannt ist sie vielen als Adressatin von Briefen Kafkas, doch es lohnt sich unbedingt, ihr eigenes Werk zu entdecken: Feuilletons und Reportagen, die in den Jahren 1919 bis 1939 erschienen.

Die erste deutsche Herausgeberin Dorothea Rein musste Jesenskás Artikel in der Prager Nationalbibliothek von Hand abschreiben oder abfotografieren und dann abtippen, weil es dort keine Kopierstelle gab. Ein Auslöser dafür, diese mühevolle Arbeit auf sich zu nehmen, war für Rein der Skandal, dass in der Neuauflage der Briefe Kafkas im S. Fischer Verlag zwar drei Feuilletons von Milena Jesenska enthalten waren, ihre Biografie dort aber 1924 mit dem Tod Kafkas endete – obwohl sie diesen um zwanzig Jahre überlebte und in dieser Zeit unter anderem ihre herausragendsten politischen Reportagen verfasste.

Reins Auswahl von 41 Artikeln erschien erstmals 1984 mit einer biographischen Skizze der Herausgeberin. Sie wurde ins Französische, Italienische und Japanische übersetzt und ist inzwischen in der 5. Auflage lieferbar.

Voriges Jahr nun erschien, herausgegeben von Alena Wagnerová, noch eine umfangreichere Edition der Texte Jesenskás im Wallstein Verlag. Dafür wählte Wagnerová 79 Texte aus. In ihrem Vorwort geht sie vor allem auf die Rezeption des Werks ein, ordnet die Texte nach Schaffensperioden und kommentiert sie.

Für beide Ausgaben gilt, was Jorge Semprun schreibt: „Ein Buch, das man seinen Freunden schenken und mit lauter Stimme auf den Straßen rühmen möchte, von dem man wünscht, es in der Metro in den Händen Fremder zu sehen, die einem dadurch nah und vertraut werden, selbst im größten Gedränge.“ (zitiert nach der Website des Verlags Neue Kritik)

Milena Jesenskás Artikel befassen sich mit sehr unterschiedlichen Themen. Sie schreibt feuilletonistische Texte über Mode, Architektur und die Wiener Kaffeehauskultur, philosophische Betrachtungen über alltägliche Beobachtungen, sozialkritische Reportagen aus Wien nach dem Ende der Monarchie, später politische Reportagen über deutsche Emigranten in Prag und die Situation nach der Annexion der Tschechoslowakei sowie Artikel für eine Zeitschrift des Widerstands.

Immer wieder schreibt sie auch darüber, was notwendig ist für ein gutes Leben aller. Ihre Texte beinhalten eine ähnliche Sicht, wie ich sie auch im ABC des guten Lebens finde, auf die Geistesgegenwart, auf Care und Notwendigkeit.

Die Gegenwart ist das Leben ‒ Geistesgegenwart

In ihrem Artikel „Es ist nicht gut, sich auf etwas zu freuen“ (1926) appelliert Jesenská dafür, sich weder in Nostalgie noch in Vorfreude zu verlieren, sondern nüchtern die Gegenwart auszukosten ‒ weil sie das Einzige sei, was wir haben:

„Manchmal scheint mir, wir leben am Rande einer Versenkung, in die unsere Gegenwart fällt. Wir hüten die Vergangenheit als Schatz und berechnen die Zukunft, aber vergeuden die Gegenwart auf hoffnungslose Weise. Es dringt kaum bis in unser Bewusstsein, das sie das Leben ist, und allein sie. Wir kochen Tee und meinen, das sei nur ein Zwischenspiel zwischen etwas, was war und was sein wird. In Wahrheit ist es nicht so, sondern das ist das Leben. Es ist das ewige Sitzen im Wartesaal, das Warten auf einen Schnellzug, der nie kommt. Aber diese Waldlichtung mit Heidekraut, Sand und spärlichen Kiefern, durch deren Kronen die Sonne scheint, ist wunderbar schön, dummes Herz, denke jetzt nicht an einen Mann, der dich entweder zu wenig oder zu sehr liebt, denke nicht an einen neuen Mantel mit gebrauchtem Futterstoff und an die Notwendigkeit, ans Steueramt zu schreiben, denke nur an das, was du siehst. Denke einzig und allein daran, erfasse es gänzlich, vergiss alles andere, sei weder traurig noch fröhlich, auch nicht glücklich oder sehnsüchtig, das ist alles Unsinn, sei jetzt gegenwärtig und sei fähig, mein Gott, sei fähig, nur diese Stunde zu sehen und alles auszukosten, was sie in sich birgt. Sei fähig, die Kette aus Angst, Unsicherheit, Schmerz, Unzufriedenheit und Sehnsucht zu zerreißen, ganz einfach: sei.“ (1, S. 98-99)

Auch Ina Praetorius setzt sich in ihrem Büchlein Im postpatriarchalen Durcheinander. Unterwegs mit Xanthippe dafür ein, die Gegenwart wertzuschätzen, statt einem wie auch immer gearteten Später hinterherzuhetzen, ob es nun Himmel oder Ewigkeit heißt oder Work-Life-Balance, oder, wie sie bei einem Vortrag zur Idee der Geburtlichkeit sagte, Urlaub, Pension, Lottogewinn, Karriereschritt. Sie wirbt dafür, das Ende und das, was danach kommt (oder auch nicht), Gott zu überlassen und sich unseren Aufgaben zuzuwenden: das zu gestalten, was uns möglich ist. Also dem Hunger entgegenzuwirken durch gutes Essen, den Durst durch Wasser, Tee, Bier, Saft, Wein, der Krankheit durch Heilkunst, Pflege, Begleitung, Impfstoffe. Kurz, dafür zu sorgen, dass alle genug zum guten Leben haben. Die Politik und die Wirtschaft seien das Eigentliche und der Lebensinhalt für geborene Menschen, und nicht etwas Anderes, Unsichtbares.Sie betont:

„Wenn ich mich und alle Menschen als geburtlich wahrnehme, dann muss ich also nicht phantasieren, dass wir eigentlich etwas Anderes, etwas Unsichtbares sind, ich kann einfach hinschauen und sagen: Das Eigentliche ist hier und jetzt. Und dann heißt die Folgerung: Es gibt viel zu tun, denn dieses Dasein und Tun ist das eigentliche.“ (Vortrag im Rahmen des Vorarlberger Frauensalon der Katholischen Kirche Vorarlberg am 12.5.2021, Link zum Vortrag.)

Unsentimentale Fürsorge ‒ Care

Milena Jesenská richtet denselben unsentimentalen Blick auf menschliche Beziehungen und die Fürsorge, die wir zum Leben brauchen. Ihr Text „Meine Freundin“ (1921) porträtiert eine Zimmerwirtin. Die amüsierte Ironie der Ich-Erzählung kontrastiert mit der handfesten, unsentimentalen Fürsorge der Zimmerwirtin, durch die sie die Erzählerin am Leben erhält. Beide verbindet eine ambivalente, gänzlich unromantische Beziehung:

„Es ist nicht gerade wenig, was wir gemeinsam erlebt haben. In den drei Jahren, die ich in dieser verfluchten Stadt sitze, war sie mein Trost. Ich weiß, dass ihre Liebe zu mir ebenso groß ist wie meine Liebe zu ihr, und dass ich mich jederzeit auf sie verlassen kann. Im stumpfen Glauben, dass man leben müsse, verbrachte sie Wunder, die mir heute noch unerklärlich sind. Keine Krone, die sie nicht mit mir geteilt hätte, kein Brot, dessen größter Teil mir nicht zugefallen wäre. Wo wäre ich heute ohne sie? Das ist meine Freundin. Ein Leben ohne sie kann ich mir nicht vorstellen. Sollte ich nach Amerika auswandern, wäre sie mein umfangreichstes Gepäckstück. Ich kann früh nicht aufstehen, wenn sie nicht mit einem Besen und einer bekleckerten Schürze neben meinem Bett steht. Stieße mir etwas zu, könnte ich mich außer Frau Kohler niemandem anvertrauen, und das Abendessen würde mir nicht schmecken, wüsste ich nicht, dass sie den ihr gebührenden Teil gestohlen hat, was sie manchmal, aus Versehen, auch unterlässt. Wir haben stillschweigend ausgemacht, dass wir uns nie trennen werden.“ (1, S. 25-28)

Der Text „Melancholie bei Regen“ (1921) widmet sich tödlichen Unfällen, deren zufällige Zeugin die Erzählerin wird, sowie kleinen Nöten und Ängsten der Menschen, die ihr auf der Straße begegnen. Auch hier erstaunt Jesenskás unverblümte, direkte und zugleich mitfühlende, zarte Darstellungsweise. Ihr Artikel „Der Teufel am Herd“ (1923) setzt sich dafür ein, die Ehe als Solidargemeinschaft statt als Glücksversprechen zu sehen.

Einerseits findet sie es ganz natürlich, dass Ehen unglücklich sind: „Zwei Menschen ‒ zwei kleine, vereinsamt, der ganzen Hoffnungslosigkeit, Trübseligkeit und Ausweglosigkeit des Lebens preisgegebene menschliche Wesen, zwei Menschenkinder auf der riesigen Erdkugel, die so unvorstellbar, schrecklich und beunruhigend groß ist, zwei nach natürlichem und gewöhnlichen Recht unglückliche Menschen ‒ sollen auf einmal, unversehens, etwa um halb zehn Uhr vormittags, eingesperrt in eine Wohnung, einen Namen, ein Hab und Gut, ein Schicksal haben, sollen plötzlich und nur deshalb, weil sie zu zweit sind, glücklich sein?“

Einen zweiten Grund macht sie aus, der zum Scheitern von Ehen führt: „Die Menschen heiraten, ohne sich definitiv füreinander zu entscheiden. Oder besser gesagt, ohne sich zu entscheiden, auf alles andere zu verzichten.“ Um des Glückes willen zu heiraten, bezeichnet Jelenská als eigennützig. Stattdessen fordert sie, nur aus dem einzigen Grund zu heiraten, dass man ohne andere Menschen nicht leben kann: „Zwei Menschen heiraten, um miteinander zu leben. Warum brauchen sie zu dem riesigen Geschenk dieser Möglichkeit noch Glück?“

Als Aufgabe der Ehe bezeichnet sie stattdessen, einander zu tolerieren und zu bestätigen: „Schließlich ist es immer nur Selbstbestätigung, was ein Mensch von einem anderen erbittet. Einen Beweis, dass er „trotzdem“ geliebt wird. Menschen leben zusammen, um einen Kameraden zu haben. In der Einsamkeit der Welt jemanden zu haben, der die Berechtigung ihrer Existenz mit allen Fehlern und Mängeln bestätigt. Das größte Versprechen, das Mann und Frau einander geben können, ist der Satz „Ich geb dich nicht her.“ Darin liegt alles. Anstand, Wahrhaftigkeit, Heim, Treue, Zugehörigkeit, Entscheidung, Freundschaft. Wie unendlich groß ist so ein Versprechen gegenüber dem winzigen Glück.“ (1, S. 67-70)

Diese sachliche Betrachtung Lebensgemeinschaft mit einem anderen Menschen kann allerdings, so finde ich, nicht nur als Plädoyer für einen nüchternen Blick auf die Ehe gelesen werden, sondern könnte über Jesenskás Blick auf diese Lebensgemeinschaft hinaus auch dazu führen, Freundschaften, Wohngemeinschaften und andere Formen des Zusammenlebens mehr zu schätzen und nach Alternativen zur Ehe zu suchen.

Statt „Unabhängigkeitshysterie“: Notwendigkeit

Der Text „Unabhängigkeitshysterie“ (1927) plädiert für ein Einverständnis mit der Notwendigkeit ‒ eine Haltung, die mir auch heute sehr zeitgemäß erscheint, gerade in Hinblick auf Klimakrise und Pflegenotstand: „Die Freiheit, im nächsten Augenblick nach Afrika zu fahren, ist aus der Höhe von einigen hundert Metern nur ein wunderliches Geruder von Ort zu Ort. Die Freiheit des Geldes ist ein Gefangensein in Tausenden Konventionen, die Freiheit der Armut ein Gefangensein in tausend unerfüllten Wünschen. Eine Freiheit hat der Mensch aber, und zwar die zu sterben; und noch eine: nicht frei sein zu wollen. Wirkliche Freiheit besteht darin, auf sich zu nehmen, was man auf sich nehmen muss, und zwar ruhig.“ (2)

Milena Jesenská hat sich dieser Pflicht gestellt und sich im Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime und für die Ausreise gefährdeter Personen eingesetzt. Letztlich hat sie dieses Engagement mit ihrer Freiheit und ihrem Leben bezahlt. Sie starb im Mai 1944 im KZ Ravensbrück.

Weiterlesen: Ein biografischer Artikel zu Leben und Werk von Milena Jesenská erschien auf der Plattform Palais F*luxx.


Die Zitate sind folgenden Büchern entnommen:

(1) Milena Jesenska: Alles ist Leben. Feuilletons und Reportagen 1919-1939. Herausgegeben und mit einer biografischen Skizze versehen von Dorothea Rein, Verlag Neue Kritik, Frankfurt am Main (5) 2008, 304 Seiten, ISBN 978-3-8015-0192-1, 22,50 Euro.

(2) Milena Jesenská: Prager Hinterhöfe im Frühling. Feuilletons und Reportagen 1919–1939. Herausgegeben von Alena Wagnerová, aus dem Tschechischen von Kristina Kallert, Wallstein Verlag, Göttingen 2020, 416 Seiten, ISBN 978-3-8353-3827-2, 32,00 Euro.

Ursula Knecht, Caroline Krüger, Dorothee Markert, Michaela Moser, Anne-Claire Mulder, Ina Prätorius, Cornelia Roth, Antje Schrupp, Andrea Trenkwalder-Egger: ABC des guten Lebens. Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim 2012, ISBN 978-3-939623-40-3. www.abcdesgutenlebens.de


Buchvorstellung:

„Milena Jesenská. Prager Hinterhöfe im Frühling. Feuilletons und Reportagen 1919-1939“
von Alena Wagnerová am Mittwoch, 13. Oktober 2021, um 19:00 Uhr in der FrauenGenderBibliothek Saar, Großherzog-Friedrich-Straße 111, 66121 Saarbrücken und online (Hybrid-Veranstaltung)
Veranstalterinnen: FrauenGenderBibliothek Saar und Heinrich-Böll-Stiftung Saar
Veranstaltungsform: Eine begrenzte Personenzahl kann den Vortrag vor Ort in der FrauenGenderBibliothek Saar anhören. Alle weiteren Interessierten können sich digital per Zoom einwählen. Anmeldung für beide Varianten an info@frauengenderbibliothek-saar.de (Eintritt frei).

Das Porträt von Milena Jesenská ist als Postkarte beim Verlag Neue Kritik erhältlich, einzeln oder im Set mit Porträts von Amelia Earhart, Eleonora Duse, Bette Davis, Tina Modotti, Gret Palucca, Jaroslava Vondrácková und Colette. (Link zum Postkarten-Set)

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Über die Klimaveränderung, Katastrophen und Veränderungen in unser aller Leben https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/08/ueber-die-klimaveraenderung-katastrophen-und-veraenderungen-in-unser-aller-leben/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/08/ueber-die-klimaveraenderung-katastrophen-und-veraenderungen-in-unser-aller-leben/#comments Sun, 08 Aug 2021 15:06:58 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17623 Am 2. Juli habe ich geschrieben:
Wir brauchen uns keine Katastrophenfilme mehr ansehen, weil diese einstmals ausgedachten Katastrophen bereits Wirklichkeit sind und noch mehr werden – Tsunami, Wirbelstürme, Feuersbrünste, Pandemien, Hungersnöte, Wasserflutungen / Wasserknappheit, etc. etc.“

Foto: Monika Krampl

Heute ist der 26. Juli und in dieser kurzen Zeit ist viel passiert – hier in Europa.
Nein, kein Katastrophenfilm – sondern Realität.
Nein, kein einzelnes „Jahrhunderthochwasser“ – sondern unsere jetzige und zukünftige Realität.
Mittlerweile noch dazu der viel zitierte Bundeskanzler-Kurz-Sager “Wir wollen nicht zurück in die Steinzeit“ – und damit meinte er, dass wir weiter Straßen und Autobahnen bauen müssen.

Ja, so schaut’s aus, wenn es 10 nach 12 ist.

Viele Menschen warten auf einen „Neuanfang“ – der ihnen von PolitikerInnen immer wieder versprochen wird. „Die Normalität würde dann und dann kommen“ -, und gemeint wird damit – es wird wieder so werden, wie es früher war.
Doch:
 „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen.“
„Wir steigen in denselben Fluss und doch nicht in denselben, wir sind es und wir sind es nicht.“ (Heraklit)
Wir sind es und wir sind es nicht.
Der Neubeginn ist immer wieder Heute.
Hier und Jetzt.
Es ist so, wie es ist.
Ich habe keine Antworten auf die Fragen – wie wir uns darauf vorbereiten sollen / könnten.


Und doch, wenn ich mir recht überlege womit ich in den letzten Jahren – oft auch sehr mühsam – beschäftigt war, kommt mir heute dies alles wie eine Vorbereitung auf die jetzigen Zeiten vor.
Und doch, es gibt keine allgemein gültigen Antworten und jede und jeder muss sie für sich selbst finden. Bald.

Die letzten Jahre / meine Vorbereitung:

  • ich hab mein Hab und Gut reduziert – habe vieles weggegeben, von dem ich dachte, ich kann ohne dem nicht leben – ich kann – das gibt Sicherheit
  • ich habe mich hier an diesem, meinem neuen/alten Wohnort eingewurzelt und mich mit meinen Sehnsüchten nach der Ferne auseinandergesetzt – bis ich wusste, woher sie kommen, und jetzt bin ich froh und dankbar, hier zu sein und nicht immer weg zu wollen – auch – weil es sowieso nicht geht – Dankbarkeit für das, was ist
  • mein Sohn wohnt neben mir – Zufall? Nein. War mir diese unmittelbare Nähe bis dahin nicht wichtig, bin ich heute sehr froh und dankbar dafür, weil es das Einzige ist was zählt – liebevolle Beziehungen und Gemeinschaft – das stärkt
  • ich habe mich gefragt – wer bin ich, wenn ich das alles, was ich bis jetzt war, nicht mehr bin – und weiter, wer bin ich, wenn ich das alles, wie ich bis jetzt gelebt habe, nicht mehr leben kann – nun, auch hier hat mir eine Reduktion – ein Ankommen in der Genügsamkeit – sehr gut getan
  • ich habe mich zurückgezogen, lebe in wohltuender Stille gut mit mir allein, mit wenigen HerzensfreundInnen, mit denen ich eine so große Herzensverbindung habe, dass wir uns nicht dauernd sehen müssen, um mich in dieser Verbindung aufgehoben zu fühlen – Ruhe in sich selbst
  • bin ich bis jetzt schon wenig bis gar nicht mehr geflogen – werde ich jetzt aus Umweltschutzgründen und weil ich der Meinung bin, dass uns Corona und Klimakatastrophen in Zukunft nicht mehr – oder nur sehr wenig – fliegen lassen werden – nicht mehr in ein Flugzeug steigen – Entscheidungen bringen Erleichterungen

Den Spagat schaffen – das Leben gut zu leben und das Undenkbare denken …

Die Verbundenheit von beidem – weil alles zusammengehört …

In einem Essay hat Carolin Emcke zur „MeToo-Debatte“ geschrieben:
“Wir sollten die eigene Macht nicht unterschätzen, wir sollten uns nicht als wehrlos denken, nicht vereinzeln lassen, sondern uns einander zuwenden, Allianzen suchen, im Freundeskreis, in den Familien, in der Schule, in der Nachbarschaft. Verbündete suchen, mit denen gemeinsam sich die Strukturen aufbrechen lassen, die Gewalt und Ausbeutung ermöglichen”.

Und ich möchte ergänzen: Wir brauchen Gemeinschaft – jetzt um so mehr – dich und dich und dich – um gemeinsam unsere Antworten zu finden, wie wir jetzt im Angesicht der Klimakatastrophe leben wollen und ein Stück weit zur Verringerung der Ausbeutung beitragen können. So weit es halt für jede*n Einzelne*n von uns geht …

leben im hier und jetzt

vergangenheit aufgeräumt

zukunft ungewiss

pánta chorei kaì oudèn ménei

alles bewegt sich fort und nichts bleibt

nichts bleibt

leben im hier und jetzt

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Evas Apfel oder die kollektive Schuldbereitschaft der Frau https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/08/evas-apfel-oder-die-kollektive-schuldbereitschaft-der-frau/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/08/evas-apfel-oder-die-kollektive-schuldbereitschaft-der-frau/#comments Wed, 04 Aug 2021 11:51:19 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17647 Zur Erinnerung an Christa Mulack

Am 22. Juli 2021 ist die Feministische Theologin und Patriarchatskritikerin Christa Mulack (*1943) gestorben. In den letzten Jahren hatte ich sie aus den Augen verloren. Doch in den 1990er Jahren war sie für mich eine Wegbereiterin für mein ‚Feministisches Coming Out‘. Ihre Bücher und Veröffentlichungen zur Feministischen Theologie und zur Matriarchatsforschung haben mich sehr geprägt. Ich nahm sie jetzt wieder zur Hand. Insbesondere einen Schuber mit vier Heften, in dem über eine Frauenreise ‚Auf den Spuren der Göttin‘ nach Catal Höyük in der Türkei berichtet wurde. Darin ein Aufsatz von Christa Mulack ‚Matriarchales und Patriarchales Weltbild‘. Besonders nachhaltig beeindruckte mich seinerzeit – und heute immer noch – eine tabellarische Auflistung von matriarchalen und patriarchalen Prinzipien, die Christa Mulack einander gegenübergestellt hat. Und egal, ob es Matriarchate in dieser Weise wirklich gegeben hat, die matriarchalen Werte bieten Anhaltspunkte oder sind eine Vision, nach der eine bessere Zukunft für Frauen und Männer gestaltet werden könnte: Mutterrecht statt Vaterrecht, Matrilinearität mit weiblicher Erbfolge statt Patrilinearität, Leben, Liebe und Glück als höchster Wert statt Gehorsam gegenüber Autorität und männlichem Gesetz, Polares sowohl-als-auch Denken statt Dualistischem entweder-oder, ein zyklisches statt einem linearem Weltverständnis und nicht zuletzt eine Göttin der Beziehung statt einem Gott als absolutem Herrscher. Diesen Fragestellungen hat Christa Mulack mit großer Leidenschaft in vielen Vorträgen und Seminaren unter die Frauen gebracht.

Das Aha-Erlebnis schlechthin hatte ich bei dem Buch … und wieder fühle ich mich schuldig, Ursachen und Lösungen eines weiblichen Problems, das 1993 im Kreuz Verlag erschien. Das feministische Rad hat sich weitergedreht, trotzdem lohnt es sich, noch einmal auf die weiblichen Schuldgefühle zu blicken. In Erinnerung und mit Dank an Christa Mulack möchte ich an dieser Stelle die Buchvorstellung veröffentlichen, die ich 1994 für meine Heimatzeitung, die Fränkische Landeszeitung in Ansbach, unter dem Titel ‚Evas Apfel oder die kollektive Schuldbereitschaft der Frau‘ geschrieben habe.

„…  und wieder fühle ich mich schuldig.“ Schon der Titel trifft. Geht ganz tief hinein. Welche Frau kennt es nicht, dieses Nachdenken und dieses Grübeln, diese Bereitschaft, die Verantwortung zu übernehmen, sich schuldig zu fühlen. Und das ist ja auch nichts Gefährliches. Gefährlich ist es, wenn andere – Männer? – diese Bereitschaft zur Selbstkritik ausnutzen und Frauen dazu bringen, fremde Schuld auf sich zu nehmen.

Was ist das für ein Gesellschaftssystem, in dem Straftaten überwiegend von Männern begangen werden, aber hauptsächlich Frauen sich schuldig fühlen? Das Buch enthält eine massive Portion Patriarchatskritik, zeigt Wege auf, sinnvoll mit Schuld umzugehen und macht Mut, sich selbst zu vergeben.

Die Autorin Christa Mulack betont ausdrücklich, dass auch Männer unter übermässigen Schuldgefühlen leiden können. Doch handelt es sich bei ihnen nicht um so ein auffallend kollektives Phänomen. Aber gerade darum geht es ihr: aufzuspüren, warum die Frauen in ihrer Gesamtheit so leicht bereit sind, die Schuld sich selbst aufzuladen, während Männer dazu angeleitet werden, Schuldgefühle – etwas beim Töten im Krieg – als durch Sachzwänge begründet zu verdrängen.

Christa Mulack wendet sich dabei nicht generell gegen die Auseinandersetzung mit der eigenen Schuld, sie hält diese sogar für ausgesprochen wichtig. Das feinfühlige Reagieren auf das eigene Gewissen und nicht auf das patriarchale System hält sie für unerlässlich, wenn ‚frau‘ auch dem Weg ist, ihre Selbstbestimmung zu ergründen.

Selbst Theologin, prangert sie Vertreter von Kirche und Theologie an, die Fähigkeit des Menschen, sich schuldig zu fühlen, immer wieder für Herrschaftsinteressen missbraucht zu haben. Und da es immer Männer waren, die in der kirchlichen Hierarchie Macht ausübten, hat sich ein einseitiges System herausgebildet, in dem männliche Schuld tabuisiert und weibliche Schuld zum Kern allen Übels hochstilisiert wurde. Die biblischen Geschichten werden dazu herangezogen, dies zu untermauern. War doch Eva daran Schuld, dass Gott die ersten Menschen aus dem Paradies vertrieben hat: weil sie vom Baum der Erkenntnis gegessen hat, weil sie sein wollte wie Gott! Mulack stellt die Frage anders: Müsste es nicht geradezu als Versäumnis gelten, wollte der Mensch nicht sein wie Gott? Was ist Sünde daran, wenn der Mensch göttliche Vollkommenheit als Ziel anstrebt?

Christa Mulack 1996 als Referentin bei einem Seminar in Ansbach. Foto: Juliane Brumberg

Christa Mulack stellt die These auf, „dass das durch die Jahrtausende den Frauen durch patriarchale Strukturen aufgezwungene Versäumnis, vom Baum der Erkenntnis von gut und böse zu essen, nicht nur hinter weiblichen Schuldgefühlen sondern ebenso hinter den großen Weltproblemen steht.“ So ist inzwischen auch die Weltorganisation der Vereinten Nationen soweit, einen Zusammenhang zwischen der Überbevölkerung und den mangelnden Erkenntnismöglichkeiten (Bildung!) der Frauen zu sehen. War es also eine sehr folgenschwere Weichenstellung, als mit der Etablierung des Patriarchats, Frauen aus allen geistigen, religiösen und politischen Führungspositionen verbannt wurden? Und immer noch sind an der Spitze der Machthierarchien Männer, die festlegen, was richtig und was falsch ist, was Schuld ist und wer schuldig wird.

Die Autorin erhebt nicht den Anspruch, ein allumfassendes Werk über Schuldgefühle geschrieben zu haben; sie hebt deutlich hervor, dass dieses Buch aus der feministischen Sichtweise geschrieben ist. Und so birgt es denn auch über die Schuldproblematik hinaus eine Fülle von – nicht unbedingt zum ersten Mal formulierten – Einsichten, die das Wissen um Ursprünge und Vergangenheit von Frauen erheblich erweitern. So erfahren wir etwas über matriarchale Traditionen und über die Bedeutung des Märchens „Das Mädchen ohne Hände“, über die Erkenntnis des weiblichen Opferseins, über die Forderung nach Gleichberechtigung auch an der Schuld im Dritten Reich, der Ausbeutung der Dritten Welt und der Umweltzerstörung. Und außerdem wird auch die Frage gestellt nach der Mitschuld der Frauen am Patriarchat.

Dieses Buch entspricht wissenschaftlichen Anforderungen, ist aber so lesbar und gut verständlich geschrieben, dass jede Frau, die auf der Suche nach der Wahrheit ist, sich ohne Weiteres darin zurechtfindet, Dass mit diesem Thema Frauen angelockt werden können, hat sich bis in kirchliche Gruppen hinein herumgesprochen, das Thema ist ‚in‘. Doch ob ‚man’ wirklich bereit ist, Christa Mulack gründlich zu lesen und ihre Einsichten zu beherzigen, ob die Kirche als Institution wirklich daran interessiert, ist dass Frauen sich nicht länger schuldig fühlen, ist fraglich.

Christa Mulack, … und wieder fühle ich mich schuldig, Ursachen und Lösungen eines weiblichen Problems, Kreuz Verlag Stuttgart 1993, 400 S., Pomaska-Brand, Schalksmühle 2008, ISBN 978-3-935937-58-0.

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Ein Stadtspaziergang zum Thema „Wirtschaft ist Care“ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/08/ein-stadtspaziergang-zum-thema-wirtschaft-ist-care/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/08/ein-stadtspaziergang-zum-thema-wirtschaft-ist-care/#comments Sun, 01 Aug 2021 09:46:09 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17599

Im Jahr 2020 sollte in Sursee in der Nähe von Luzern die siebte Schweizerische Frauensynode stattfinden. Zusammen mit den „Stadtführungen Sursee“ entwickelte die Vorbereitungsgruppe, an der auch der Verein „Wirtschaft ist Care“ maßgeblich beteiligt war, einen Stationenweg durch die kleine Stadt. Wegen der Pandemie musste die Frauensynode abgesagt werden, aber die Vorbereitungsarbeit war nicht umsonst. Eine wunderschöne kleine Broschüre ist entstanden, an der das Besondere ist, dass sie explizit zur Nachahmung auffordert und anleitet:  Stadtspaziergänge wie hier können mit Hilfe dieser Broschüre überall, in jeder Stadt und jedem Dorf, mit recht geringem Aufwand etabliert werden, so die Vision. „Wir laden Sie ein, auch an Ihrem Wohnort herauszufinden, wo Wirtschaft schon überall Care ist und wo sie es an anderer Stelle wieder werden kann! Realisieren Sie ihren eigenen Stationenweg dort, wo Sie wohnen“, so steht es gleich in der Einleitung.

Für jede der 15 Stationen genügt eine Doppelseite, auf der ganz unterschiedliche Elemente untergebracht sind: Auf der einen Seite wird der Ort genannt, beispielsweise der Bahnhofsvorplatz, die ehemalige Landwirtschaftliche Schule oder der Friedhof. Nach der Überschrift, z.B. „Arbeiten“, „Lernen“,  „“Schützen“, „Ressourcen Teilen“, kommt eine Impulsfrage wie „Wie würden wir wohl unser Zusammenleben regeln, wenn plötzlich das Geld außer Kraft gesetzt wäre?“. Darunter eine witzige Illustration, die demonstrierende Menschen zeigt mit jeweils zur Station passenden Slogans auf großen Schildern. Auf der anderen Seite steht der eigentliche Stadtführungstext über die Geschichte des jeweiligen Ortes, der meistens kürzer ist als der zu „Wirtschaft ist Care“, in dem gut verständlich der gedankliche und reale Zusammenhang zwischen allen Elementen der Doppelseite hergestellt wird, manchmal gibt es auch noch Worterklärungen am Rand. 

Wollen wir einen eigenen Stationenweg erstellen, genügt also die Suche nach einem jeweils entsprechenden Ort und dessen kurzer Beschreibung, alles andere kann aus der Broschüre übernommen werden.

Mich hat die Broschüre angeregt, den Spaziergang gleich für das kleine Dorf auszuprobieren, in dem ich wohne. Obwohl es hier keine mittelalterlichen Gebäude gibt, keine Stadttore und noch nicht mal einen Laden, fand ich trotzdem für die meisten Stationen eine Entsprechung: Fürs „Ankommen“ meine Bushaltestelle, für „Landwirtschaft und Bodensorge“ einen der wenigen noch bestehenden Landwirtschaftlichen Betriebe, für „Sterben“ den Friedhof, für „Schützen“ das Feuerwehrhaus, für „Ressourcen Teilen“ die Bücherschubladen am Rathaus oder das Wasserreservoir, für „Auswandern und Einwandern“ das Haus, das für junge Flüchtlinge gebaut wurde, für „Lernen“ den Kindergarten, für „Arbeiten“ die einzige noch verbliebene Gaststätte, für „Tauschen und Handeln“ den Markt einmal in der Woche. Für die anderen Themen müsste ich vielleicht das ein Kilometer entfernte nächste Dorf noch dazu nehmen. 

Auf jeden Fall ermöglicht die Broschüre ganz niederschwelliges, aber wirkungsvolles politisches Handeln, das sicher sogar Spaß macht.

Wirtschaft ist Care – (K)ein Spaziergang

Herausgeberin: Schweizerische Frauen*synode 2021

Die Broschüre kann unter info@frauensynode.ch kostenlos bezogen oder als pdf heruntergeladen werden unter http://www.frauensynode.ch/de/material  

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Unterwegs mit Xanthippe. Ein kleines Büchlein über das postpatriarchale Durcheinander https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/07/unterwegs-mit-xanthippe-ein-kleines-buechlein-ueber-das-postpatriarchale-durcheinander/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/07/unterwegs-mit-xanthippe-ein-kleines-buechlein-ueber-das-postpatriarchale-durcheinander/#comments Thu, 29 Jul 2021 07:16:58 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17482

Ina Praetorius denkt, schreibt und spricht schon länger über das Ende des Patriarchats und das Durcheinander, das daraus folgt – auch mit vielen Beiträgen in diesem Forum. Voriges Jahr hat sie ein kleines, kompaktes Buch darüber in der Reihe „philosophisch-politische Bändchen“ im Christel Göttert Verlag veröffentlicht und schreibt dazu im Vorwort: „Das Buch ist klein aus zwei Gründen: Zum einen gibt es viele Leute, die wenig Zeit zum Lesen haben […].“ Sie nennt Kinderbetreuung, anstrengende Jobs oder auch „Schweigen, Kochen, Schlafen und Politik“ als Gründe. „Zum anderen braucht es keine dicken Wälzer, um zu erklären, was das postpatriarchale Durcheinander ist und wie eine am besten so in ihm klarkommt, dass Neues entsteht.“ (S. 7-8)

„Postpatriarchal“ bedeutet, dass Ina Praetorius, mit anderen Frauen und Männern zusammen, vom Ende des Patriarchats ausgeht und dessen Denkmuster nicht mehr verwendet. (S. 12, S. 16) Das „Durcheinander“ heißt für sie dreierlei: dass dadurch eine kreative Unordnung entsteht, wo Wörter und Wirklichkeit neu geordnet werden müssen, dass das neue Denken „durch einander“ geschieht, also in Bezogenheit zu anderen, und dass es als „durch ein ANDER“ auch offen ist für ein ANDERES, UNERREICHBARES, UNVERFÜGBARES, UNBERECHENBARES, DAZWISCHEN, was einige Menschen „Gott“ nennen. (S. 8-9. S. 16-17)

Mit Xanthippe die Welt als Eins erkennen – Geburtlichkeit und gutes Leben mit Scheiße

Ausgehend von Xanthippe, die nicht klaglos hinzunehmen bereit ist, dass Sokrates seinen Tod als Übergang zum eigentlichen Leben begrüßt, beschreibt Praetorius, was es heißt, die Zweiteilung der Welt zu überwinden: „Xanthippe ausreden zu lassen, bedeutet, die Welt als Eins zu erkennen.“ (S. 43) Der Sterblichkeit und der Ausrichtung auf ein jenseitiges Leben stellt sie die Geburtlichkeit gegenüber. Was das bedeutet, beschreibt sie, von Hannah Arendt ausgehend, so:

Menschen sind nicht, wie Platon meinte, unabhängiger Geist, und Mütter sperren nicht Seelen in lästige Körper. Menschen kommen vielmehr durch einander als abhängige Winzlinge in die Welt. Die Welt ist schön und schrecklich zugleich und mit hoher Wahrscheinlichkeit der einzige Raum, den wir bewohnen können. (S. 57)

In diesem Geborensein verortet Praetorius die unantastbare Würde des Menschen, also im tatsächlichen Dasein, dem ehemaligen »Diesseits« […]: Als geburtliche Wesen sind wir alle vom ersten bis zum letzten Tag unseres Lebens abhängig von Luft, Wasser, Erde und von allem, was sie hervorbringen, von einander und von gelingenden Gemeinwesen. Gleichzeitig sind wir frei zu nähren, was uns immer schon nährt. Wir sind und bleiben Neulinge, bedürftige, atmende Körper, fähig zur Neugier und zum Neuen, zum Spielen, zum Ausprobieren, zum Vergeben und zum täglichen Anfang. (S. 59)

Aus dieser Wertschätzung der materiellen Bedingungen des Menschseins leitet sie die Notwendigkeit ab, über ein „gutes Leben mit Scheiße“ nachzudenken, also die Scheiße, die Dreckarbeit, das Lästige, den Leib und seine Bedürfnisse in den Blick zu nehmen: „All dies ist kein dummes Zeug, das wir möglichst hinter uns lassen sollten zugunsten eines vermeintlich höheren Lebens, sondern eingeschlossen in die allgemeine und geburtliche Würde aller in der einen Welt. Die Vertröstungen auf ein besseres Später haben ein Ende. Xanthippe bekommt Recht.“ (S. 60)

Bei aller Scheiße geschieht nämlich doch gutes Leben: Es gibt den Frühling und das Meer, Musik und Kinderspiel, gutes Kochen und Essen, Tanz und Stille und den Sternenhimmel, Gespräche mit Freundinnen und Freunden, ein Gefühl, in der Welt sicher und zuhause zu sein, als geborenes Mensch, das isst und trinkt und kackt und stinkt und liebt und manchmal krank und dann wieder gesund ist und eines Tages stirbt. Es ist gut, dafür zu sorgen, dass Menschen friedlich, gerecht und mit Lust zusammen leben, solange sie da sind. (S. 64)

Wirtschaft als Befriedigung echter Bedürfnisse, hier und jetzt

Die Verheißung eines idealen Jenseits findet die Autorin außer bei Aristoteles und Platon sowohl in „mächtige[n] Glaubenssystemen, die ihren Einfluss aus der Konstruktion unsichtbarer Welten zogen“ ‒ als auch in den Erwartungen an „die Heilslehre der Moderne […]: »die Wirtschaft«“, den Konsum und die Work-Life-Balance, die das eigentliche Leben auf später vertagen. Stattdessen plädiert Praetorius für eine „Ökonomie der Geburtlichkeit“. Diese liegt in der Fürsorgeabhängigkeit aller begründet und leugnet sie nicht, sondern strebt die „Reorganisation der Ökonomie um ihr Kerngeschäft“ an: „die Befriedigung tatsächlicher menschlicher Bedürfnisse weltweit.“ Ina Praetorius spinnt weiter, was Xanthippe hätte sagen können, und entwirft eine diesseitige Vorstellung, wie gutes Leben hier und jetzt gelingen kann: „Ja zum wirklichen Dasein zu sagen: mit Mist, Entzücken, mit tatsächlichen Wünschen und all dem Normalen dazwischen.“ (S. 96)

Religiöse Praxis – Jasagen, individuell und gemeinsam

Damit wandelt sich auch die Vorstellung von dem, was Ahninnen und Vorfahren »Gott« nannten. Ina Praetorius übernimmt von diesen die Kennzeichnung durch Großbuchstaben, spricht aber vom Anderen, vom Unverfügbaren, vom Dazwischen. (S. 8-9) Sie beschreibt zwei postpatriarchale religiöse Praxen. Zum einen, als bereits geübte individuelle Praxis, das Dasitzen und Sortieren als Einüben ins Jasagen, zum anderen als Vorschlag und Entwurf das gemeinsame Sich-Hinsetzen mit anderen, „wie früher im Gottesdienst“, das Erzählen, Singen, Tanzen, Schweigen – und das „Gespräch […] darüber, was wer als Nächstes mit wem tun sollte, damit das gute Leben mit Scheiße auch an Werktagen gelingt“.  (S. 102-103)

Durch einander – eine neue Erzählung

Der Kritik einer solchen Vorstellung als „Sozialromantik“ hält Ina Praetorius das Beispiel der Wellbeing Economy Governments partnership entgegen, einem Bündnis von Regierungen, die sich am Wohlergehen aller Geborenen orientieren wollen. Zu dessen erstem Arbeitstreffen waren die Regierungschefinnen von Schottland, Island und Neuseeland im Mai 2019 in Edinburgh zusammengekommen und hatten sich auf eine vernachlässigte Tradition im Werk von Adam Smith berufen, „die das Wirtschaften und das Regieren ans Glück der Menschen bindet“. (S. 107-108)

Ina Praetorius endet mit einer Fabel, die sie aus verschiedenen biblischen Erzählsträngen webt: Elemente aus der Geschichte von David und Goliath, wie eine Konfrontation dadurch friedlich endet, dass ein:e Kleine:r eine:n Große:n überrumpelt – und zum Lachen bringt – verknüpft sie mit Elementen aus der Speisung der Fünftausend – wo viele gemeinsam essen und trinken und satt werden. (S. 111-115)

So löst sie ihren Anspruch ein und zeigt ganz praktisch, wie im postpatriarchalen Durcheinander Neues entstehen kann: durch die Arbeit am Symbolischen und eine neue narrative Praxis. Das kleine Buch enthält viel Stoff zum Nachdenken und Weiterdenken. Nicht nur dass Literaturangaben die weitere Vertiefung erlauben. Das Buch geht vor allem weit über Patriarchatskritik hinaus: Es überwindet sie, indem es eine neue philosophische und politische Anthropologie entwirft, aus der heraus auch eine neue Ethik, Wirtschaftsordnung und Religionsausübung (wenn eine die Praxen, die Praetorius beschreibt, so nennen darf) begründet werden. – Damit ermutigt es auch zum Handeln, das bereits in einem neuen Denken und Sprechen bestehen kann, und in der Folge auch in einem neuen Verhalten – zugunsten des guten Lebens aller Geborenen.

Ina Praetorius: Im postpatriarchalen Durcheinander. Unterwegs mit Xanthippe. Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim 2020, 7,50 Euro,

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Erspartes Leiden https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/07/erspartes-leiden/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/07/erspartes-leiden/#comments Mon, 26 Jul 2021 10:13:55 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17606 Wieder einmal dachte ich an Luisa Muraros Text „Freudensprünge“, als ich fast einen Monat lang in einer Kleinstadt in einer nicht von mir gewählten und eingerichteten Wohnung lebte, weil wir die Wohnung meiner Schwiegereltern auflösen mussten. Wegen der Pandemie konnten wir nicht im Hotel wohnen und noch nicht einmal abends Essen gehen. Es war kalt und regnerisch und die Heizung funktionierte nicht, weil die Reparatur sich für den Vermieter vor dem Umbau nicht mehr lohnte.

Während ich mich nach anfänglichem Horror irgendwie doch immer mehr arrangierte, dachte ich voller Mitgefühl an die vielen Ehefrauen im Patriarchat, die selbstverständlich dort hinzogen, wo ihr Mann eine Stelle fand oder wo seine Verwandtschaft dem Paar eine Wohnung zur Verfügung stellte. Es ist noch gar nicht so lange her, dass, auch wenn die Frau ebenfalls berufstätig war, noch nicht einmal die Frage gestellt wurde, ob sie am Wirkungsort ihres Mannes auch eine Stelle finden würde bzw. ob sie dort überhaupt leben wollte. 

Ein kleines Dorf, früher keine Idylle

Ich dachte an meine Mutter, die immer in der Stadt gelebt und sich sehr modebewusst gekleidet hatte, sogar im Krieg. Als mein Vater nach der Gefangenschaft eine Dorfschullehrerstelle bekam, in einem kleinen Dorf ohne befestigte Straßen und ohne Kanalisation, musste sie dort und später in einer Kleinstadt mit einer pietistisch geprägten Bevölkerung leben, in einer Wohnung mit Plumpsklo und Kohleöfen. Ihre Heimatstadt mit ihren kulturellen Angeboten und ihren Freundinnen war zwar nur 50 km entfernt, doch das war unerreichbar weit, denn der Zug war teuer und an ein Auto oder Telefon war noch lange nicht zu denken.

Dass Frauen heute nicht mehr selbstverständlich an einem Ort ihr Leben verbringen müssen, den sie niemals selbst gewählt hätten, ist auch „erspartes Leiden“, ein Grund für Freudensprünge! 

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Ein Jahrhundertleben in Geschichten https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/07/ein-jahrhundertleben-in-geschichten/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/07/ein-jahrhundertleben-in-geschichten/#comments Sun, 25 Jul 2021 10:15:03 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17567 Eine Freundin schenkte mir ein Buch, dreifach wohl verpackt, hübsch anzuschauendes Geschenkpapier mit grossen in verschiedenen Farben und Formen auf weiss platzierten Tupfen, dämmende Hülle, Tüte – vielleicht damit ich es ja nicht vor meinem Geburtstag auspacke, wie sie mir lächelnd nahelegte. Nun, der Geburtstag ist Ende des Monats, jetzt habe ich Zeit und Lust zu lesen, nehme das von ihr beigelegte Gedicht von Hilde Domin mit der Rose als Stütze.

Helga Schubert bei einer Lesung in Ansbach im Juni 2021. Foto: Juliane Brumberg

Und so lese ich drauf los: ‘Vom Aufstehen’ schreibt Helga Schubert, ein Leben in Geschichten. Diese ziehen mich in Bann. Auch wenn die Autorin um einige Jahre älter ist als ich, im Gegensatz zu mir in der DDR aufwuchs, so ist doch vieles vertraut, rührt an die eigene Vergangenheit. Die knappe, kurze, lakonische Sprache enthält Liebe, wurzelt in tiefen Emotionen, Erfahrungen. Vielleicht macht es diese Verdichtung, dass so vieles mitschwingen kann.

Im Altweibersommer enthüllt sich Schubert einer ihrer Gründe fürs Schreiben: die Arbeit draussen ist getan, jetzt kann sie sich zurückziehen, den «Versuchungen der Welt» widerstehen und darauf vertrauen, dass «sich etwas Wichtiges zu einer Geschichte verdichtet».

«Die Geschichte hat etwas herausgehoben aus dem Lebensfluss, das ich nun betrachten kann, mit Freundlichkeit oder Trauer, mit Bewunderung oder Abscheu» (S. 128) Schreiben und sich damit herauswagen ist ein Geschenk, gibt Hoffnung, lässt erkennen, macht verständlich. «Nichts ist klar so oder so, erfahre ich beim Schreiben oder spätestens beim Lesen».

Ja, so ist es, wie gern hätten wir Eindeutigkeiten, doch sind die selten zu haben und welchen Preis tragen sie?

Helga Schubert zeigt einen Teil ihrer inneren, unveräusserlichen Schätze, gesammelt in einem langen Leben (Jahrgang 1940). «Ich komme beim Älterwerden auch langsam aus der Zukunft an, ich nehme Abschied von den Aussichtstürmen, die ich nie besteigen, den warmen Meeren, in denen ich nie baden werden, den Opernhäusern, den Museen in fernen Hauptstädten, der Transsibirischen Eisenbahn, in der ich nicht schlafen werde.»

Dieses Ankommen, zurück kehren aus der Zukunft lernen wir beim Älterwerden. Das Alter präsentiert viele Abschiede: reale, wenn Menschen in der Umgebung sterben, gedachte, wenn Sehnsüchte und Pläne nicht mehr in die verbleibende Zeit passen.

Mit der letzten Geschichte ‘Vom Aufstehen’, die dem Buch den Titel lieh und in der sie über die problematische Beziehung zwischen Mutter und Tochter schrieb, gewann Helga Schubert im vergangenen Jahr den Ingeborg Bachmann Preis in Klagenfurt – im Alter von 80 Jahren!

Helga Schubert: Vom Aufstehen – Ein Leben in Geschichten, dtv München 9. Auflage 2021, 221 Seiten, 22 €.

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