beziehungsweise – weiterdenken https://www.bzw-weiterdenken.de Forum für Philosophie und Politik Sun, 25 Oct 2020 11:07:33 +0000 de-DE hourly 1 Ist Leihmutterschaft mit dem Grundgesetz vereinbar? https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/10/ist-leihmutterschaft-mit-dem-grundgesetz-vereinbar/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/10/ist-leihmutterschaft-mit-dem-grundgesetz-vereinbar/#comments Sun, 25 Oct 2020 10:33:08 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16468 Leihmutterschaft ist in Deutschland verboten. Aber warum eigentlich, und könnte sich das vielleicht ändern? Darüber sprach Antje Schrupp mit der Juristin Laura Anna Klein. Sie promoviert zu Reproduktion und Autonomie aus verfassungsrechtlicher und rechtsphilosophischer Perspektive und arbeitet am Lehrstuhl für Rechtsphilosophie und Öffentliches Recht der Universität Mainz.


Laura Klein. Foto: Max Eicke

Laura, das Thema Leihmutterschaft ist derzeit politisch heiß umstritten. In Deutschland ist die Gesetzeslage im internationalen Vergleich restriktiv. Was genau ist hierzulande verboten?

Das Verbot der Leihmutterschaft in Deutschland ergibt sich aus dem Embryonenschutzgesetz und dem Adoptionsvermittlungsgesetz. Das Embryonenschutzgesetz verbietet es, bei einer sogenannten „Ersatzmutter“, so die Begriffswahl in der Gesetzesbegründung, „eine künstliche Befruchtung durchzuführen oder auf sie einen menschlichen Embryo zu übertragen“. Damit ist jede denkbare Form der technologisch assistierten Leihmutterschaft untersagt. Und zwar sowohl die sogenannte altruistische als auch die kommerzielle Form der Leihmutterschaft und auch unabhängig davon, ob Keimzellen der intendierten Eltern oder Spenderzellen verwendet werden. Laut Adoptionsvermittlungsgesetz ist zudem jede „Ersatzmuttervermittlung“ ausdrücklich untersagt.

Wer macht sich strafbar?

Zunächst einmal alle, die bei einer Leihmutter eine assistierte Fortpflanzungstechnik durchführen. Das werden in der Regel Ärztinnen, Biologen oder weiteres medizinisches Personal sein. Dann auch Agenturen, die intendierte Eltern und potenzielle Leihmütter zusammenbringen. Nicht strafbar machen sich hingegen Menschen, die mithilfe einer Leihmutter Kinder haben wollen, ebenso wenig die Leihmutter selbst oder eine möglicherweise involvierte Eizellspenderin. Nach der jetzigen Rechtslage wäre außerdem ein Vertrag über eine Leihmutterschaft in Deutschland unwirksam. Als Mutter gilt im Bürgerlichen Gesetzbuch die Frau, die das Kind zur Welt bringt. Damit wäre eine Leihmutter, die in Deutschland ein Kind gebärt, automatisch die rechtliche Mutter.

In vielen Ländern ist Leihmutterschaft legal und wird viel weniger problematisch angesehen. Woher kommen diese Unterschiede?

Das liegt zum einen an unterschiedlichen Rechtssystemen. Zum anderen kommt es darauf an, welches Bild von Leihmutterschaft man bewusst oder unbewusst vor Augen hat. Im internationalen Vergleich gibt es sehr unterschiedliche Bilder der Leihmutter und ihrer Funktion. Eine Schweizer Rechtswissenschaftlerin, Michelle Cottier, hat gezeigt, wie stark rechtliche Konstruktionen davon abhängen, ob man eine Leihmutter als altruistische Helferin, als Reproduktionsdienstleisterin oder als instrumentalisierte Frau versteht. Auch der Diskurs über Mutterschaft und die Vorstellung von Familienmodellen spielen eine Rolle. Diese kulturell geprägten Vorannahmen spiegeln sich auch im Recht wider. In Großbritannien etwa ist die altruistische Form erlaubt, die Leihmutter wird danach als Helferin gedacht, die den intendierten Eltern ein Kind schenkt. In manchen US-Bundesstaaten, zum Beispiel in Kalifornien, gilt die Leihmutter als Dienstleisterin, die Schwangerschaft und Geburt gegen finanzielle Entschädigung eintauscht. In Deutschland und der Schweiz ist das Bild der instrumentalisierten Frau vorherrschend. In der Schweiz wurde deshalb 2001 das Verbot der Leihmutterschaft explizit in die Bundesverfassung aufgenommen. Das deutsche Grundgesetz hingegen enthält erstmal keine ausdrückliche Bestimmung zur Leihmutterschaft oder allgemein zu Techniken der assistierten Fortpflanzung. Und auch das Bundesverfassungsgericht hat zum geltenden Verbot der Leihmutterschaft bisher keine Stellung genommen.

Eine Gesetzesänderung wäre vom Grundgesetz her also möglich?

Darüber streiten wir Juristinnen und Juristen. In diesem Bereich herrscht nicht nur ethisch und politisch, sondern auch juristisch wenig Einigkeit. Grob gesagt gibt es drei Grundpositionen in der Verfassungsrechtswissenschaft: Die einen meinen, das geltende Verbot sei verfassungswidrig, und Leihmutterschaft sollte in Deutschland eingeführt werden. Andere vertreten die Auffassung, das geltende Verbot sei aus Perspektive des Grundgesetzes zwingend, Leihmutterschaft dürfe hierzulande nicht eingeführt werden. Eine dritte Position nimmt den politischen Gestaltungsspielraum zum Ausgangspunkt. Danach obliegt es dem Gesetzgeber, die Grundrechtspositionen aus Sicht der Beteiligten ausfindig zu machen und in Ausgleich miteinander zu bringen.

Und welche Auffassung vertrittst du?

Die dritte Position: Das Grundgesetz gibt einen Rahmen vor, an dem sich politische Entscheidungen messen lassen müssen, und dabei ist die zentrale Frage, ob Rechte durch Verbote eingeschränkt werden, oder ob andere Rechte durch ein Erlauben gefährdet werden. Konkret kommt es darauf an, dass die grundrechtlichen Positionen aller Beteiligten beachtet werden. Tatsächlich beschneidet das geltende Verbot der Leihmutterschaft Menschen in ihren Freiheiten. Daraus lässt sich aber noch kein verfassungsrechtlicher Anspruch auf Einführung der Leihmutterschaft ableiten. Umgekehrt gibt es eine Reihe sachlicher Gründe und Risiken, die gegen eine Einführung sprechen, und die nicht kleinzureden sind. Der Gesetzgeber muss daher Leihmutterschaft nicht zulassen, kann es aber. Diese Risikobeurteilung liegt in seinem Gestaltungsspielraum.

In welchen Freiheiten werden Menschen denn durch ein Verbot der Leihmutterschaft beschnitten?

Nun ja, von einem freiheitsrechtlichen Ausgangspunkt her ist zunächst die Freiheit der intendierten Eltern, eine Familie mithilfe einer Leihmutter zu gründen, zu nennen. Diese Freiheit ist verfassungsrechtlich als Teil der Familiengründungsfreiheit vom Familiengrundrecht oder als Recht auf reproduktive Selbstbestimmung vom allgemeinen Persönlichkeitsrechtsrecht geschützt. Auch aus Perspektive der so genannten Leihmutter lässt sich zunächst freiheitsrechtlich argumentieren: Die Entscheidung, als Leihmutter tätig sein zu wollen, kann als Ausdruck ihrer Selbstbestimmung über den eigenen Körper und die Intimsphäre begriffen werden.

Und welche Gründe können andererseits rechtfertigen, in diese Freiheiten einzugreifen?

Es müssen Gründe sein, die sich aus dem Grundgesetz selbst ergeben. Teilweise wird vertreten, dass jede Variante der Leihmutterschaft per se die Würde der Leihmutter oder deren Recht auf körperliche Unversehrtheit verletzt, und dass deshalb ein ausnahmsloses Verbot notwendig sei, um die Würde und das Recht der Frau auf körperliche Unversehrtheit zu schützen. Diese Argumentation ist jedoch nahe an einem unguten Paternalismus, weil sie Menschen gegen ihren Willen, aber zu ihrem Wohl schützen will. Ein zweites Argument ist das Risiko der kommerziellen Ausbeutung, vor dem die potenzielle Leihmutter geschützt werden soll. Der Gesetzgeber begründet das Verbot der Leihmutterschaft aber vor allem mit der so genannten „gespaltenen Mutterschaft“, also dem Auseinanderfallen von genetischer und biologischer Mutterschaft, wodurch das Kindeswohl beeinträchtigt werde.

Inwiefern?

Die inzwischen dreißig Jahre alte Gesetzesbegründung nimmt an, dass allein schon dieses Auseinanderfallen von genetischer und biologischer Mutterschaft die Identitätsfindung eines Kindes erschwere und deshalb Leihmutterschaft verboten werden müsste. Dem liegt die Annahme zugrunde, die Geburtsmutter, und nur diese, sei die „natürliche“ Mutter.  Lassen wir mal außen vor, dass sich der rechtswissenschaftliche Diskurs bisher kaum damit auseinandersetzt, warum eigentlich „gespaltene Mutterschaft“ verhindert werden soll, während „gespaltene Vaterschaft“ vom Gesetzgeber als normal akzeptiert wird, und richten wir den Blick auf das Kindeswohl. Die verfassungsrechtliche Position der zu zeugenden Kinder ist nicht so einfach zu fassen. Da die Kinder ja noch nicht geboren sind und bei einem Verbot auch nie geboren werden, kann man sie nicht nach ihren individuellen Interessen fragen. Deshalb kritisieren einige, dass überhaupt versucht wird, ein Verbot der Leihmutterschaft mit dem Kindeswohl zu rechtfertigen. Mir erscheint die Frage nach den Kinderbelangen aber durchaus als wichtig, man müsste sie aber anders angehen. Die Verfassungsrechtswissenschaftlerin Friederike Wapler von der Universität Mainz hat dafür einen überzeugenderen Vorschlag gemacht, nämlich nach abstrakten Mindestbedingungen zu fragen, ohne die bei jedem Kind von einer Gefährdung seines Wohls auszugehen ist: die Achtung der Menschenwürde, ein Mindestmaß an Gesundheit sowie die abstrakte Möglichkeit, die eigene Persönlichkeit zu entfalten.

Was ist mit dem Argument, das Verbot der Leihmutterschaft verstoße gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz, weil es verhindert, dass gleichgeschlechtliche Männerpaare Kinder haben können?

So wird tatsächlich manchmal argumentiert, und zwar mit dem Hinweis darauf, dass gleichgeschlechtliche Frauenpaare ja durchaus mithilfe einer Samenspende Kinder haben können. Wobei der Zugang zur Samenspende für diese Frauen, genauso wie für alleinstehende, alles andere als gesichert ist, aber das ist ein anderes Thema. Der Gleichheitssatz verpflichtet den Staat, Gleiches gleich und Ungleiches ungleich behandeln. Samenspende und Leihmutterschaft sind zwar beides reproduktionsmedizinische Techniken. Aber die Verfahren, mithilfe derer ein Kind gezeugt wird, sind meiner Meinung nach nicht miteinander vergleichbar. Eine Samenspende ist schnell und einfach durchzuführen. Leihmutterschaft dagegen ist mit erheblichen körperlichen Belastungen verbunden, einer Hormonbehandlung sowie Schwangerschaft und Geburt. Man könnte deshalb entweder sagen, dass die Techniken schon gar nicht miteinander vergleichbar sind oder, wenn man die Perspektive der intendierten Elternteile einnimmt, dass die ungleiche Behandlung dieser Paare mit Kinderwünschen eben aufgrund der Verschiedenheit von Samenspende und Leihmutterschaft verfassungsrechtlich gerechtfertigt ist.

Was hältst du von dem Vorschlag, altruistische Leihmutterschaften zu erlauben, aber kommerzielle weiterhin zu verbieten, damit es keine finanzielle Ausbeutung von Frauen gibt?

Das Schwierige daran ist zum einen, dass diese Grenze gar nicht so klar zu ziehen ist. In der Regel bekommt eine Leihmutter auch in dem sogenannten altruistischen Modell eine Aufwandsentschädigung, und wie ich finde, zu Recht, denn die Risiken und Anstrengungen, die mit einer Hormonbehandlung, der Schwangerschaft und Geburt einhergehen, sind ja auch außerordentlich hoch. Zum anderen bestehen bei beiden Modellen Gefahren: Bei einer kommerziellen Form der Leihmutterschaft ist die Gefahr einer Ausbeutung von Frauen, die aus wirtschaftlicher Not handeln, vielleicht größer. Aber bei der so genannten altruistischen Form besteht dafür die Gefahr, dass das Bild der hilfsbereiten, uneigennützigen Frau ausgenutzt wird und am Ende Kinderwunschzentren und Vermittlungsagenturen Geld daran verdienen, aber die handelnden Frauen sich bescheiden zeigen sollen. Abseits von altruistisch oder kommerziell sollten wir nach den sonstigen tatsächlichen Gegebenheiten fragen. Problematisch ist es immer dann, wenn sich die Beteiligten unter Bedingungen struktureller Ungleichheit begegnen.

Mal angenommen, es gäbe Lockerungen von dem Verbot der Leihmutterschaft. Was sollte dabei beachtet werden?

Davor müssten wir eigentlich noch darüber diskutieren, welches Modell der Lockerung gewählt werden soll. Wie sollen die Beziehungsverhältnisse der involvierten Personen gedacht werden? Stellt man sich Leihmutterschaft etwa als dauerhaft enges Beziehungsgeflecht zwischen allen Beteiligten vor oder eher als zu entlohnende Dienstleistung? Unabhängig davon müsste der Staat vor allem sicherstellen, dass die Leihmutter durch die Vereinbarung mit den intendierten Eltern nicht zum Objekt gemacht und ausgebeutet wird. Es müsste sichergestellt werden, dass die Frau freiwillig handelt, also ohne Zwang, Manipulation und auch nicht aus rein finanzieller Not. Sie müsste umfassend über medizinische, psychosoziale und rechtliche Risiken informiert und aufgeklärt werden. Sie müsste vor, während und nach der Schwangerschaft angemessen medizinisch versorgt werden. Die intendierten Eltern hätten kein Recht, über den Körper der austragenden Frau zu verfügen, sie dürften zum Beispiel keine spezifischen Untersuchungen während der Schwangerschaft verlangen oder die Geburtsmethode bestimmen. Und sie hätten auch kein Mitspracherecht, etwa bei einem Schwangerschaftsabbruch aufgrund einer Mehrlingsschwangerschaft oder bei einem auffälligen genetischen Befund.

Genau das alles ist aber in vielen Ländern, in denen Leihmutterschaft legal ist, gang und gäbe.

Ja, leider. Würde man Leihmutterschaft hierzulande einführen wollen, müsste man sich deshalb die Praxis und die rechtlichen Rahmenbedingungen in anderen Ländern ganz genau anschauen und vor allem auch Negativbeispiele. Das wurde etwa für Indien und die USA schon getan. In manchen US-Bundesstaaten herrscht zum Beispiel ein reines Vertragsmodell. Dort können die intendierten Eltern alle denkbaren Verhaltensweisen der Leihmutter vereinbaren, vom Rauchverbot bis hin zum Verbot von Geschlechtsverkehr während der Schwangerschaft. Die Praxis geht sogar teilweise so weit, dass intendierte Eltern der Leihmutter verbieten, Kaffee zu trinken! In Indien, wo Leihmutterschaft lange unter extremen sozioökonomischen und kulturellen Ungleichheiten auch für ausländische intendierte Eltern erlaubt war, waren es vor allem die Kliniken, die den Leihmüttern strengste Vorgaben zu ihrem Verhalten machten. Von dort ist bekannt, dass sich die Leihmütter etwa zu einem Schwangerschaftsabbruch, einem Kaiserschnitt oder einer intrauterinen Operation des Fötus verpflichtet haben. All das wäre in Deutschland mit dem Grundgesetz nicht vereinbar.

Zum Streit zwischen intendierten Eltern und Leihmüttern kommt es oft auch nach der Geburt. Was wäre etwa, wenn es sich die Leihmutter während der Schwangerschaft anders überlegt und doch selbst das Kind großziehen möchte?

Wenn man das verfassungsrechtlich verbriefte Selbstbestimmungsrecht der handelnden Frau ernst nimmt, dann dürfte die Leihmutter in Deutschland nicht zur Herausgabe des Kindes gezwungen werden. Ihr müsste nach der Geburt eine Art Bedenkzeit oder „Umentscheidungsfrist“ zugestanden werden, so ähnlich wie bei Adoptionsfreigaben auch. So sieht das übrigens auch die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, die voriges Jahr einen umfassenden Vorschlag für ein zukünftiges Fortpflanzungsmedizingesetz erarbeitet hat. Meiner Ansicht nach ist gerade das ein sehr wichtiger Punkt. Eine solche Bedenkzeit würde zudem sicherstellen, dass die Frau in der Tat freiwillig handelt.

Auch wenn die Leihmutter freiwillig handelt – ist das „Schwangersein für andere“ nicht doch eine Art versteckter Kinderhandel?

Es müsste jedenfalls auch hier sichergestellt werden, dass das so zu zeugende Kind nicht zum Objekt der Vereinbarung zwischen intendierten Eltern und Leihmutter gemacht werden darf. Das Kind dürfte also nicht als Ware gehandelt werden. Diese Gefahr bestünde vermutlich eher bei einer kommerziellen Form der Leihmutterschaft. Auch dürfte das Kind nicht zu einem Produkt gemacht werden, das man bestellt oder gar bestellt und nicht abholt. Es dürften keine konkreten Merkmale des Kindes vereinbart werden, etwa ein „gesundes Mädchen“. Und die intendierten Eltern hätten kein „Rückgaberecht“, etwa bei einem Kind mit Beeinträchtigung. Aus dem Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Abstammung folgt ohnehin, dass eine anonyme Leihmutterschaft verfassungswidrig wäre. Die Verwandtschaftsbeziehungen müssten also ähnlich wie im Samenspenderregister staatlich gespeichert werden. Zudem müssten Regelungen für die Zuordnung der rechtlichen Elternschaft gefunden werden.

Wie realistisch wäre es, unter solchen Voraussetzungen Leihmutterschaft zu praktizieren?

Die Anforderungen sind zugegebenermaßen hoch, aber ob sie gewährleistet werden können, ist keine Frage des Verfassungsrechts, sondern liegt in der Beurteilung und Entscheidung des Gesetzgebers. Doch wenn man die Grundrechtspositionen der Beteiligten und die Gefahren und Risiken der Leihmutterschaft ernst nimmt, wäre eine Lockerung des Verbots meiner Ansicht nach nur mit starker staatlicher Regulierung möglich. Und zwar mit der Pflicht zur Überprüfung, ob die hohen grundgesetzlichen Anforderungen eingehalten werden. Wenn man eine Lockerung nicht will, zum Beispiel weil die Missbrauchsgefahren eines versteckten Kinderhandels als zu hoch eingeschätzt werden oder weil intendierte Eltern vielleicht nicht bereit sind, die Ungewissheit bis zur Entscheidung der Leihmutter einzugehen, wäre es aus meiner Sicht aufgrund der geschilderten Risiken auch möglich, ein vollständiges Verbot aufrechtzuerhalten.

Hältst du die gesellschaftliche Debatte dennoch für wichtig?

Ja, unbedingt. Denn die Debatte um Leihmutterschaft bietet uns die wertvolle Gelegenheit, grundsätzlich über die Freiheit, Kinder zu wollen oder nicht, über vorherrschende Rollenbilder und über die Vielfalt von Familienmodellen in unserer Gesellschaft nachzudenken und miteinander ins Gespräch zu kommen.


Weiterlesen: Laura Klein, „Elternschaft zwischen Recht und Realitäten“, in: Barbara Rendtorff et. al. (Hrsg.), Geschlechterverwirrungen, Campus Verlag, 2020, S. 229-236. Kontakt: laura.klein@uni-mainz.de 

Antje Schrupp hat sich in ihrem aktuellen Buch Schwangerwerdenkönnen ebenfalls (unter anderem) mit dem Thema Leihmutterschaft auseinandergesetzt. Kürzlich nahm sie dazu auch an einer Gesprächsrunde im SRF teil, die im Internet angeschaut werden kann.

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Sie war eine, die genau hinschaute. Ein Nachruf auf Marianne Wex. https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/10/sie-war-eine-die-genau-hinschaute-ein-nachruf-auf-marianne-wex/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/10/sie-war-eine-die-genau-hinschaute-ein-nachruf-auf-marianne-wex/#comments Wed, 21 Oct 2020 08:00:00 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16526
Körperhaltung im öffentlichen Raum 2020 copyright H.Brunner

Die Künstlerin und (Selbst-)Heilerin Marianne Wex wurde 83 Jahre alt.

Berlin: Ich sitze in der U-Bahn Linie 3 Richtung Krumme Lanke. 14 Stationen habe ich vor mir und nutze die Zeit, um den den öffentlichen Raum zu beobachten. Den Raum, den auch Marianne Wex beobachtet hat. Sie wurde damit berühmt, vor allem ihre Bilder dazu. Die Herren rechts und gegenüber von mir sitzen breitbeinig, die Damen zur linken und rechten mit überschlagenen Beinen. Nur eine junge Frau mit Cowboy-Stiefeletten, zerrissener Jeanshose, rotem Janker und Kurzhaarschnitt hat die Beine entspannt abgestellt. Sie hält ein Buch auf den Oberschenkeln abgestützt, in dem sie vertieft liest. Ihre Beine sind nicht so weit wie die der Herren geöffnet, aber auch nicht verschämt zusammengedrückt. Dennoch ist sie von sechs sitzenden Frauen die einzige in dieser lockeren Haltung, alle anderen sitzen platzsparend und verschränkt.

Zeichnung Frau in der U3 mit lockerer Sitzhaltung 2020 copyright H.Brunner

Marianne Wex ist die Frau, die diese Haltungsmisere per Zufall schon in den 1970ern aufdeckte und dann dokumentiere – in der Ausstellung ‘Let`s take back our space: Weibliche und männliche Körpersprache als Ergebnis von patriarchalen Strukturen“, 1977. Die studierte Künstlerin mit einer Ausbildung in Hamburg und Mexiko erhielt als erste Frau in Hamburg eine Dozentenstelle für Kunst. Über mehrere Jahre fotografierte sie Frauen und Männer im öffentlichen Raum. Erst bei der Sichtung dieser Arbeiten wurden ihr die stereotypen Körperhaltungen von Frauen und Männern bewusst. Sie hielt der Gesellschaft den Spiegel vor, die Bilder wurden zudem im Stern abgebildet und in der ganzen Republik bekannt. Viele taten ihre Bilderserien zunächst als reine Dokumentation ab. Doch sie inszenierte diese schwarz-weißen Bildreihen sehr bewusst indem sie Ausschnitte aus der Werbung und Abbildungen von Politikern unter die Bilder montierte; die breitbeinig sitzenden Männerreihen immer über die Bildreihen der Frauen. Es waren oft doppelt so viele Frauen zu sehen, denn sie machten sich so klein und saßen so eng gedrängt, dass es beim Ansehen schier schmerzte. Die Bilder ließen keine Ausreden mehr zu, wohl aber Raum zur Bewusstwerdung.

Als Teenager habe ich die Bilder auf kopierten Blättern im Gesellschaftskundeunterricht zu sehen bekommen. Wir diskutierten dazu wie wild und das hat meine Generation sehr stark geprägt: Haltung öffentlich zu verändern, sich als Frau Raum zu nehmen, nicht nur zum Sitzen, sondern auch zum Atmen und zum in Erscheinung treten. Das wurde sicherlich durch die Offenbarung dieser Bildstrecken gestärkt. Marianne Wex legte den Bildband zur Ausstellung 1979 zunächst im Eigenverlag auf, 1984 erschien das Werk im Frauenliteratur Verlag Berlin erneut. Damit beeinflusste sie maßgeblich die feministische Frauenbewegung.

Krankheitsbedingt wandte sich Marianne Wex ab den 1980ern der Selbstheilung zu und lebte einige Jahre in Neuseeland und England. Dort lernte sie viel über ganzheitliche, holistische und spirituelle Medizin und begann Workshops zur Selbstheilung von Frauen anzubieten. Neben Selbstheilung und Körperhaltung war ihr die Parthenogenese ein sehr wichtiges Thema und sie bezog sich dabei auf die Quantenphysik. Dazu veröffentlichte sie ein Buch und verschiedene Aufsätze Ende der 1990er Jahre und Anfang 2000. In Frauenzusammenhängen, etwa in dem Frauenlandhaus Charlottenberg oder auch bei den feministischen Heilpraktikerinnen von Lachesis e. V. war sie regelmäßig als Referentin aktiv. Eine, die öfter mit ihr Veranstaltungen im FGZ Sirona organisierte, sagte begeistert über Marianne, sie sei “eine von den Menschen, die total hierarchielos und die Gleichzeitigkeit des Seins lebten.” * Auch in ihrer Heilarbeit hat sie viele tief berührt.

Anfang des neuen Jahrtausends druckte die Emma die Bildserie noch einmal. Alice Schwarzer stellte fest, ja die Frauen reden zwar heute wie im 21. Jahrhundert, aber ihre Körpersprache ist im 19. Jahrhundert stecken geblieben. Marianne Wex hat in den letzten Jahren ihres Lebens die Bildserie wieder verstärkt international ausgestellt und damit immer wieder neue Generationen inspiriert.

Auf meinem Nachhauseweg schieße ich noch ein Foto in der U-Bahn. Ich bin allein im Waggon, nur eine Frau steigt vorne ein. Ich fotografiere ihre Füße. Später sitzt ein junger Mann neben mir mit überschlagenen Beinen, vielleicht hat sich doch ein bisschen was geändert, aber Luft nach oben bleibt ohne Zweifel.

*Zitat von Sigrid Schellhaas, FGZ Sirona Wiesbaden. Dort stellte Marianne Wex aus und gab Workshops.

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Bohnenstange. Ein Film über das Leben. https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/10/bohnenstange-ein-film-ueber-das-leben/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/10/bohnenstange-ein-film-ueber-das-leben/#comments Sun, 18 Oct 2020 10:41:00 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16410
Szenenfoto: eksystent Filmverleih

Das ist ein merkwürdiger Film: Am Anfang dachte ich, ich bin in einem Gemälde von Vermeer, eine bleiche hagere Frau macht merkwürdige Dinge, wo führt das hin. Auch die Szenerie der Handlung machte mich skeptisch – Leningrad im Herbst 1945, nach Ende des Krieges, überall Leid, Verletzte, Matsch und Kälte.

Aber dann zog mich der Film immer mehr rein, vor allem, weil es laufend überraschende Wendungen gibt. Deshalb möchte ich gar nicht so viel von der Handlung erzählen, und ich würde euch empfehlen, in den Film möglichst rein zu gehen, ohne vorher viel darüber zu lesen. Lasst dieses Kunstwerk auf euch wirken.

Nur so viel: Es geht um Beziehungen, Schwangerwerdenkönnen, Alltagsleben, Vertrauen, Tod und Krankheit, Freundschaft, Verletzlichkeit und Queerness im besten Sinn des Wortes. Denn neben der Handlung und den Ereignissen, neben dem, was getan und unterlassen wird, geht es vor allem darum, dass Menschen sein dürfen, wie sie sind, und seien sie auch noch so merkwürdig und „unnormal“.

Im Mittelpunkt steht die Freundschaft und Liebe zwischen zwei Frauen, der großen und hageren Iya (gespielt von Victoria Miroshnichenko), die von allen „Bohnenstange“ genannt wird, und der kleinen, gewitzten Masha (Vasilisa Perelygina). Die beiden haben sich als Soldatinnen im Krieg kennengelernt, jetzt geht es darum, wie mit den Scherben danach zurechtgekommen werden kann, und woraus vielleicht neues Leben entsteht.

Der Regisseur des Films, Kantemir Balagov, ist erst 29 Jahre alt. Dass er im heutigen Russland, wo lesbische und queere Beziehungen verfolgt und geächtet werden, einen solchen Film dreht, ist für sich genommen schon erstaunlich genug. Doch auch die künstlerische Qualität ist enorm, und so war „Bohnenstange“ ganz zu Recht in diesem Jahr für den Oscar als bester internationaler Film nominiert.

In kunstvoll arrangierten Bildern und Einstellungen zeigt Balagov, wie sich Ereignisse in Körper einschreiben, wie Traumata Leben prägen, wie Menschen sich gegenseitig verletzen, aber auch stützen können. Und so erstaunlich das klingt: Trotz des düsteren Settings und des geschilderten Elends ist der Film nicht anstrengend, nie wollte ich aufstehen, hinauslaufen, nie hatte ich den Eindruck: Das will ich mir jetzt nicht weiter anschauen.

Das liegt daran, dass das eigentliche Zentrum des Films Beziehungen sind, gelingende Beziehungen. Und wo es gelingende Beziehungen gibt, da geht es immer weiter mit der Welt.

Der Film kommt in Deutschland am 22. Oktober in die Kinos. Hier der Link zum Trailer.

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Wege zu einer sorgenden Wirtschaft https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/10/wege-zu-einer-sorgenden-wirtschaft/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/10/wege-zu-einer-sorgenden-wirtschaft/#comments Thu, 15 Oct 2020 09:27:39 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16451

Wie oft wurde in der aktuellen Situation ganz zurecht darauf hingewiesen, dass eine Krise immer auch eine Chance ist und dass die „Corona-Krise“ zum Wendepunkt für uns werden könnte, nein, werden muss, wenn wir nicht alle zum Donnerdrummel fahren wollen.

Um diese Chance jedoch zu nutzen, müssen wir falsche Grundannahmen aufdecken, auf denen Wirtschaft und Gesellschaft basieren. Allen voran die Annahme, dass Fürsorge für Menschen und Mitwelt nicht die Grundlage jeder Gesellschaft und Wirtschaft bilden muss, sondern es sich dabei lediglich um „Gedöns“ handelt und die Beschäftigung damit ein (unnötiger) Luxus sei.

Solange wir uns diese Prämissen, von denen wir oft unbewusst ausgehen, nicht bewusst machen, wird es uns nicht gelingen, die notwendige Transformation zu vollziehen und die vielversprechenden Ansätze und Projekte, die es ja bereits gibt (man denke nur an Gemeinwohlökonomie, Postwachstumsökonomie uvm.), werden ins Leere laufen.

Riane Eisler, international anerkannte Systemwissenschaftlerin und Vorsitzende des Center for Partnership Studies, hat bereits 2008 in ihrem Buch „The Real Wealth of Nations“ gezeigt, wie diese falschen Grundannahmen im Laufe der Jahrtausende entstanden und tradiert wurden, welche Auswirkungen sie auf unser heutiges Leben haben und wie wir uns davon befreien und ein nachhaltiges und menschengerechtes (Wirtschafts-)System aufbauen können.

Dass dieses Werk nun auch auf Deutsch erhältlich ist nahm seinen Anfang im Jahr 2008 als mir meine Freundin Kendra Gettel, mit der ich immer gerne Gedanken und Bücher austausche, Rianes Werk empfahl. Es packte mich. Immer wieder kam ich in Diskussionen darauf zurück, so auch 2013 in einer Korrespondenz mit Ute Plass, die für eine Veröffentlichung meiner „Real Wealth of Nations“-Zusammenfassungen auf der bzw-weiterdenken-Seite sorgte.

Riane Eisler wurde darauf aufmerksam und eine Zusammenarbeit begann – ebenso wie die Suche nach einem Verlag, der dieses grundlegende Werk auf Deutsch herausbringen würde. Viele Menschen sind mir dabei begegnet und haben diesen Weg inspirativ begleitet – manche nur in einzelnen E-Mails, manche in jahrelangen Korrespondenzen, manche in Person und im Gespräch.

Beim Neujahrsempfang der Bücherfrauen in Frankfurt im Januar 2020 empfahl mir Manuela Kupfer, einmal beim Büchner-Verlag nachzufragen – und tatsächlich: Dort erkannte Sabine Manke sofort, wie aktuell und grundlegend Eislers Werk ist und seit dem 14. Oktober 2020 ist es nun auch auf Deutsch erhältlich.

Ich hoffe, dass viele es lesen und umsetzen, denn wie Riane in einem Interview sagte: „Wir können nicht „zum alten Normal“ zurückkehren, sondern müssen die Chance ergreifen, ein besseres Normal zu schaffen – und dazu gehört eine Caring Economy des Partnerismus, in der Fürsorge für Menschen von Geburt an ebenso viel (finanzielle) Wertschätzung und Förderung erfährt wie der Schutz unserer Mitwelt. Rücksichtslose Politik und Praxis dürfen nicht länger belohnt, sondern müssen vielmehr durch hohe Steuern eingedämmt werden […]. Wenn uns dies nicht gelingt, können wir nicht auf eine bessere Zukunft, oder überhaupt eine Zukunft für uns, unsere Kinder und kommende Generationen hoffen.“

Riane Eisler, Die verkannten Grundlagen der Ökonomie, Wege zu einer Caring Economy, Büchner Verlag Marburg 2020, 234 Seiten, 22 Euro.

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Setzt sich ein gegen Gewalt an Frauen und Mädchen und liebt Frauengeschichte: Die Gleichstellungsbeauftragte Heike Ponitka https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/10/setzt-sich-ein-gegen-gewalt-an-frauen-und-maedchen-und-liebt-frauengeschichte-die-gleichstellungsbeauftragte-heike-ponitka/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/10/setzt-sich-ein-gegen-gewalt-an-frauen-und-maedchen-und-liebt-frauengeschichte-die-gleichstellungsbeauftragte-heike-ponitka/#comments Mon, 12 Oct 2020 21:15:27 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16436 Von der Frauenbewegung im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts kennen wir einige wenige Gesichter, die sich die Medien herausgepickt haben und immer wieder hervorholen. Doch ohne die vielen weniger prominenten Frauen, die es auch noch gegeben hat, wäre der große Erfolg der Frauenbewegung nicht möglich gewesen. In einer kleinen Serie möchten wir auf bzw-weiterdenken über einige von diesen Frauen erzählen. Wie sind sie zu ihrem frauenpolitischen Engagement gekommen, was machen sie heute?

Wir freuen uns übrigens über Artikel oder Vorschläge zu weiteren Frauen, deren Leben wir hier vorstellen können.

Als ich das Magdeburger Rathaus verlasse, raucht mir der Kopf und meine Tasche ist prall gefüllt mit Broschüren, Flyern und Büchern aus dem Arbeitsfeld von Heike Ponitka. So viel hatte sie zu erzählen; alles Projekte, für die sie brennt. Das war sofort zu spüren. Wenn sie nicht nach zwei Stunden einen anderen Termin gehabt hätte, hätten wir sicher noch einmal so lange miteinander reden können. Die Vielfältigkeit ist ein Teil des Problems kommunaler oder auch kirchlicher oder universitärer Gleichstellungsbeauftragten. Ihnen sind mit der Zeit immer mehr Aufgaben zugewiesen worden, sodass für jede Einzelne oft zu wenig Kapazitäten da sind. Vielfach sind sie noch für Menschen mit Behinderung, für Migrations-Probleme oder Senior*innen zuständig. In Magdeburg ist das nicht der Fall. Die Stadt ist groß genug, dass es im Amt für Gleichstellungsfragen drei Mitarbeiterinnen gibt. Heike Ponitka ist die Leiterin.

Heike Ponitka freut sich über einen der für das Jubiläum der Magedeburger Fraueninitiative gestalteten Hocker. Fotos: Juliane Brumberg

Unterstützt wird sie vom Politischen RundenTisch der Frauen in Magdeburg‘. Dessen Homepage zeugt ebenso von der Themenvielfalt wie die Homepage des Amtes für Gleichstellungsfragen. Dort finden sich Beratungsangeboten zu ‚Frau und Beruf‘ oder ‚Gewalt an Frauen und Kindern‘ ebenso wie ein Mädchenarbeitskreis oder Feministische Stadtrundgänge. Heike Ponitka zeigt mir ihr kleines Büro im Magdeburger Rathaus, das mit Plakaten von Frauenausstellungen und -konzerten dekoriert ist. Oben vom Regal holt sie drei künstlerisch gestaltete Hocker zu ‚30 Jahre Fraueninitiative Magdeburg‘, die sie am Wochenende zuvor ersteigert hatte.

Für unser Gespräch hat sie eine Übersicht vorbereitet, auf der nicht nur die 14 Gremien aufgelistet sind, in denen sie mitwirkt, sondern auch einige ihrer unterschiedlichsten Projekte. Daraus und ihren Erzählungen entnehme ich, dass ihr die Mädchenarbeit und frauengeschichtliche Projekte besonders am Herzen liegen. Zum Beispiel das Thema ‚Abwanderung besonders von jungen Frauen‘ oder ‚Geschlechterspezifische Berufsorientierung‘ oder ‚Maßnahmen zur Verbesserung der Lebenssituation Alleinerziehender Frauen.

Ein übergeordneter Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die ‚Umsetzung der Europäischen Charta für Chancengleichheit in der Landeshauptstadt Magdeburg‘ . Sie wurde von 1500 Städte in Europa und 50 in Deutschland unterzeichnet. Magdeburg ist seit einem Stadtratsbeschluss im Jahr 2015 dabei und hat dazu einen Gleichstellungsaktionsplan mit 41 Maßnahmen und nach 3 Jahren, für 2019 bis 2022, einen zweiten solchen Aktionsplan mit 59 Maßnahmen erarbeitet. Dieser Plan zeigt, dass das Begehren der Frauen nicht nur nach mehr Teilhabe, sondern auch nach der Freiheit, das in die Politik einzubringen, was ihnen wichtig ist, mühsamer Kleinarbeit bedarf. Kleinarbeit, die die Gleichstellungsstellen leisten. Und Heike Ponitka macht das mit Leidenschaft.

Überwiegend glückliche Kindheit in der DDR

Als ich sie frage, ob sie schon immer Feministin war, denkt sie nach und beginnt über sich zu erzählen: „Ich bin in Rheinsberg, einer Kleinstadt nördlich von Berlin, groß geworden. Da gab es vordergründig keinen Bezug zu den Frauenthemen. Wir waren zwei Schwestern und ich hatte eine überwiegend glückliche DDR-Kindheit. Die Familiensozialisation war so, dass es nie hieß ‚Du kannst das nicht‘. Mein Vater hat mit uns Buden gebaut, uns zum Angeln mitgenommen und meine Mutter hat viel mit uns gelesen. Gemeinsam wurde auch ferngesehen – etwa die Serie ‘Raumpatroullie’ oder auch Ende der 1970er Jahre ‘Holocaust’, was mich sehr erschütterte und prägte. In der FDJ habe ich eine Pioniergruppe geleitet. Was ich mir vorgenommen hatte, wurde mir zugetraut.“ Den ersten Bruch gab es, als sie mit 16 Jahren in Potsdam Pädagogik studieren wollte und dafür die Empfehlung des Schuldirektors brauchte. „Obwohl ich die besseren Schulnoten hatte, hat er einen Jungen und nicht mich unterstützt, weil er das sinnvoller fand.“ Die junge Heike hat aber dann über ‚Außerunterrichtliche Kinder- und Jugendarbeit‘ als Freundschaftspionierleiterin einen anderen Weg zum Institut für Lehrerbildung in Potsdam gefunden und dort vier Jahre studiert.“ Danach hat sie sieben Jahre an zwei Schulen Musik und Deutsch unterrichtet. An beiden Schulen hat sie häusliche und sexuelle Gewalt bei den Schülerinnen mitbekommen „und ich hatte kein Handwerkszeug, um darauf reagieren zu können. Meine Ausbildung in Potsdam war methodisch sehr fundiert – aber über diese Themen gab es zu wenig Kommunikation und Beratungsangebote für Betroffene.“ Diese Erfahrung und die vielen Gespräche mit kirchlich sozialisierten Freundinnen in der Wendezeit, so sieht sie es im Rückblick, waren der Ausgangspunkt für ihr feministisches Engagement.

In der FDJ- und Pionierarbeit hatte Heike Ponitka viel mit Kindern zwischen 6 und 16 zu tun gehabt. Nach ihrem Studium, „mit 20, habe ich die Koordination der außerunterrichtlichen Arbeit für die ganze Schule übernommen und als Musikpädagogin gemerkt, dass es in der Wahrnehmung dieses Faches einen großen Unterschied zwischen Mädchen und Jungen gab. Die Mädchen waren sehr interessiert, doch welcher Junge singt schon gern? Für sie musste ich mir einfach mehr einfallen lassen. Sie durften zum Beispiel ihre Lieblingsplatten mitbringen und wir haben damit gearbeitet.“

In dieser Zeit begann auch die kritische Auseinandersetzung mit dem politischen System, in dem sie bis dahin ganz gut ihren Weg gegangen war. „Ich bin Jahrgang 1964 und war zur Wendezeit 24/25 Jahre alt. Manches in der DDR konnte ich nicht mittragen. Zum Beispiel habe ich gesagt ‚Nie wieder Fahnenappell!‘ Das wurde von der FDJ vorgeschrieben, entsprach aber nicht den Bedürfnissen der Jugendlichen. Ich war zwar in der Struktur, war jedoch sehr froh, als die Wende kam.“ Immer noch empört sie sich über Erich Honecker, der gesagt hatte, dass er niemandem, der geht, eine Träne nachweinen würde. „Das war für mich der Punkt, aus der Partei auszutreten. Eine Staatsführung, der es egal ist, wenn tausende von jungen Menschen das Land verlassen, das ging gar nicht. Ich war einerseits im System und habe andererseits mit den jungen Menschen gearbeitet und wollte sie ernst nehmen. Die Ignoranz des Systems wurde mir unerträglich. Zum Beispiel gegenüber jungen Männern, die den Dienst beim Militär nicht ausgehalten haben.“

An dieser Stelle gehört es dazu, dass wir uns erzählen, wie wir 1889 die deutsch-deutsche Grenzöffnung erlebt haben. Heike Ponitka war während der besagten Pressekonferenz ganz unspektakulär beim Bügeln. „Und da hab ich mich erst mal hingesetzt und einen Cognac getrunken. Ich war entsetzt, wie schnell das plötzlich alles kam. Noch 2 Stunden vorher wären an der Grenze Menschen auf der Flucht erschossen worden. Ich hatte an ein paar Demos auf dem Domplatz mitgemacht, aber dass das dann alles so schnell ging…!“

Arbeitslose Ingenieurinnen, Mathematikerinnen und Kranführerinnen

Nach der Wende musste Heike Ponitka „überlegen, wie mein Leben weitergehen sollte“. Nach ihrer ersten Stelle vier Jahre an einer kleinen Dorfschule bei Neuruppin hatte es sie in eine größere Stadt gezogen, der Liebe wegen nach Magdeburg. „Ich bin nicht nach Magdeburg gezogen, weil es dort so schön war.“ Die Stadt war  damals von der Schwerindustrie geprägt. Heute hat sich das Stadtbild sehr zum Positiven gewandelt, was nicht nur Heike Ponitka ausdrücklich hervorhebt sondern wovon ich mich auch selber vor Ort überzeugen konnte. Sie kam 1988 an eine polytechnische Oberschule und dadurch, dass ich für den Musikunterricht zuständig war, ging für mich an der Schule auch nach der Wende der Unterricht normal weiter. Trotzdem habe ich 1991 bei der Volksbildung gekündigt und gemeinsam mit drei Kolleginnen ein Projekt initiiert.“ Sie holt noch etwas weiter aus: „Auf einen Schlag waren in Magdeburg 20 000 Menschen aus der Schwermaschinenindustrie arbeitslos. Das war für das Gefüge der Stadt sehr schwierig. Es gab so viele Ingenieurinnen, Mathematikerinnen oder auch Kranführerinnen, die plötzlich keine Arbeit mehr hatten. Sie bekamen zwar eigenes Arbeitslosengeld, aber es war sehr schwer oder fast unmöglich für sie, wieder Arbeit zu finden, weil ihre Berufe nicht dem westdeutschen Frauenbild entsprachen.“

In ihrem neuen Projekt interessierte Heike Ponitka mit ihren Kolleginnen sich für die unterschiedlichen Rollenbilder und sie erstellten eine große Befragungsstudie – das erste ostdeutsche Projekt dieser Art – zu ‚Frauen und Männern in Bildung und Erziehung‘. „Ich wollte wissen, wie Pädagog_innen – von der Kindergärtner_in bis zur Berufsschullehrer_in – die Situation wahrnehmen, was sie für ein Rollenbild haben. Angebunden war dies Projekt bei der städtischen Gleichstellungsstelle und wurde über ABM finanziert. Damit wollten wir erfahren, was für Unterstützung DDR-sozialisierte Pädagoginnen für die Frauen- und Mädchenarbeit brauchen.“ Dazu wurden rund 1500 Interviews geführt und hier fügt die Gleichstellungsbeauftragte ein: „Es ist erschütternd: Zwanzig Jahre später wurde eine ähnliche Umfrage gemacht und bei den Rollenbildern und Berufswünschen hat sich gar nicht viel geändert.“

Was die Gleichstellungsbeauftragten angeht, war der Osten zum Teil schneller als der Westen, denn diese wurden bei dem Neuaufbau der Verwaltung von Anfang an gefordert. Mit ihrer Studie war Heike Ponitka in der Institution, zugleich jedoch auch in autonomen Projekten aktiv: „Ich hatte also immer beide Schnittmengen. Ich war in der Fraueninitiative Magdeburg und im Unabhängigen Frauenverband, der Vernetzungsstelle der ostdeutschen Frauen. Wir haben dort Häusliche Gewalt thematisiert und versucht, Orte für lesbische Frauen zu schaffen. Das war zu DDR-Zeiten nicht möglich.“

Ab 1993 hatte sie dann eine feste Stelle am Amt für Gleichstellung der Stadt Magdeburg. „Ich war zuständig für Frau und Beruf, Geschlechtersozialisation, Projektarbeit, Vereinsförderung. Wir haben die Gründung von Wildwasser Magdeburg unterstützt und eigene Frauenschutzwohnungen geschaffen. Wir hatten nur eine kleine Struktur mit vier Frauen, aber einen großen finanziellen Fond und viele Aufgaben. Mehr als 1000 Arbeitsplätze für gering Qualifizierte wurden über eine städtische Gesellschaft (AQB) finanziert, sodass die Familien etwas abgesichert waren. Bei über 25 Prozent Arbeitslosigkeit knallte es in den Familien. Es gab ein großes Gewaltproblem, die Menschen brauchten Beschäftigung. Wir hatten die Möglichkeit, in einem Frauenprojektehaus über den zweiten Arbeitsmarkt um die 40 Arbeitsstellen zu schaffen, Geschichtsprojekte zu beantragen, eine Feministische Stadtführerin zu schreiben sowie Projekte für und mit Migrantinnen zu gestalten.“ So entstanden 2005 z.B. auch eine Ausstellung und der Porträtband ‘Lebenswege – Magdeburger Frauen in Porträts und Texten’ und die Gesprächsreihe ‘Die besondere Begegnung’, die Heike Ponitka mit der Magdeburger Fotografin Elisabeth Heinemann und der Schauspielerin Vera Feldmann entwickelt hat. „Mich interessierte immer, wie man Schicksale sichtbar machen kann. Dabei war die schwierigste Frage für die Porträtierten: ‚Was bedeutet es für dich, Frau zu sein?‘ “

Eine Fortbildung nach der Anderen

Gleichzeitig war der Wissensdurst der immer noch jungen Pädagogin ungebremst. Berufsbegleitend hat sie ihr Diplom in Sozialpädagogik gemacht, viele Weiterbildungen zum Thema Kommunikation, Erwachsenenbildung und Verwaltungsrecht besucht sowie an der Fern-Uni Hagen den Studiengang ‚Internationale Gleichstellungspolitik‘ belegt. „Ein toller Studiengang! Ich wusste, wenn ich noch weiterkommen will, muss ich Qualifikationen vorlegen.“ Dann folgt ein kleiner Exkurs ins Private: „Mit kleinen Kindern hätte ich diese ganzen Fortbildungen neben meiner gut gefüllten Berufstätigkeit nicht machen können. All das Engagement war nur möglich, weil ich mich in wunderbaren Gesprächen mit meiner Partnerin, die frauenpolitisch ebenfalls sehr aktiv ist, immer wieder austauschen konnte und wir vieles zusammen organisiert haben. Das ist ein wichtiger Punkt.“

Mit großer Wertschätzung spricht sie von ihrer Vorgängerin Editha Beier, die 20 Jahre das Amt für Gleichstellung geleitet hat. „Was Editha aufgebaut hat, das war hart. Ich war ja in der zweiten Reihe und kann jetzt die Früchte ernten.“ Auch wenn Heike Ponitka findet, dass es einfacher war, 2010 Gleichstellungsbeauftragte zu werden, als 1990, wurde sie, obwohl langjährige Stellvertreterin, doch in Konkurrenz zu etlichen Mitbewerberinnen 2010 vom Stadtrat als neue Amtsleiterin gewählt.

Gerne erzählt sie von „erfolgreichen Kooperationen zwischen west- und ostdeutschen Frauen, auch wenn einige westdeutsche Frauen ein sehr konservatives Rollenbild hatten.“ Sie freut sich über gelungene Partnerschaften mit der Volkshochschule oder der Bibliothek. Die Frauenthemen in die Strukturen von Politik und Verwaltung zu bringen, das ist ihr Anliegen. „Zur Zeit läuft eine Aktion zur (Um-) Benennung von Straßennamen. Wir haben 1700 Straßen in Magdeburg, davon sind 460 Nach Männern und 46 nach Frauen benannt.“ Stolz berichtet sie von der Zusammenarbeit mit der Geschichtsprofessorin Eva Labouvie, die zwei große Lexika zu Frauen in Sachsen-Anhalt herausgegeben hat. Heike Ponitka hat dazu die Artikel über Anna Schlein und Lore Krüger beigesteuert. Oder davon, dass die Magdeburger Frauenlobby Großbordelle in der Landeshauptstadt verhindert hat.

Grundsätzlich fühlt sie sich von den Frauen vom Politischen Runden Tisch der Stadt Magdeburg, besonders auch „den tollen Frauen im Stadtrat“ in ihrer Arbeit gut unterstützt. Auch in der Vergangenheit gab es viel Engagement und Frauenpower in Magdeburg: „Als z.B. in den 1990er Jahren der Ausschuss für Familie und Gleichstellung abgeschafft werden sollte, kamen die Frauen aus den Vereinen in den Stadtrat und stritten für die Beibehaltung des Ausschusses, was gelang, oder organisierten eine Demo auf dem Domplatz gegen § 218.“ Andererseits erlebt sie die Akzeptanz bei Frauen auch „ambivalent – von dringend notwendig bis zu absoluter Ablehnung nach dem Motto ‚ich kenne in meiner Familie keine Frau, die von Gewalt betroffen ist‘.“ Und sie resümiert: „Gleichstellungsbeauftragte ist nicht der Wunschberuf von Müttern für ihre Töchter. Aber die jungen Frauen wollen dahin.“

Frauenfeindliche Ironisierungen sind verletzend

Als ich sie nach ungeliebten Aufgaben frage, schüttelt Heike Ponitka den Kopf: „Gibt es nicht. Auch den Finanzbereich finde ich wichtig und spannend. Was ich nicht liebe, sind Ironisierungen im Stadtrat. Da gebe ich ordentlich kontra, doch es kränkt mich trotzdem. Wenn sich jemand über arbeitslose Frauen oder Frauenhandel lustig macht, das bringt mich an die Grenzen meiner Belastbarkeit.“ Während sie die gute Zusammenarbeit mit der Beratungsstelle ProMann in Magdeburg hervorhebt, findet sie es mit den AfD-Abgeordneten im Stadtrat problematisch. „Sozialfeindliche Haltungen toleriere ich nicht, auch nicht die Banalisierung des Themas Gewalt. Da stehe ich auf und sage, ‚Sie können nicht gegen geltendes Recht verstoßen‘.“ Immer wieder also das Gewalt-Thema. Während sie grundsätzlich sehr positiv in die Zukunft blickt und sich über „viele engagierte junge Frauen in der Stadt freut“, fasst sie doch etwas besorgt zusammen: „Wir haben versucht, in 30 Jahren gute Bedingungen für Familien zu schaffen. Aktuell gibt es jedoch ziemlich große Probleme im Bereich ‚Hilfen zur Erziehung‘, und zwar in jungen Familien, in denen Frauen schon als Kindern das Rückgrat gebrochen wurde.“

Ausgleich findet Heike Ponitka beim Lesen. „Dabei kann ich gut abschalten und abtauchen. Außerdem bin ich begeisterte Kino- und Konzertgängerin und liebe Yoga.“ Doch Genaueres kann ich sie kaum noch fragen, denn ihre Mitarbeiterin schaut zur Tür herein und erinnert an den nächsten Termin. Die Gleichstellungsbeauftragte erklärt: „Ich muss ins Ministerium, weil ich mich für die Gründung einer landesweiten Arbeitsgruppe für von Gewalt betroffene Menschen mit Behinderungen einsetzen will und dort besonders für das Wohlergehen behinderter Frauen und Mädchen.“ Gewissenhaft mailt sie mir ein paar Tage später, dass die Gründung der Arbeitsgruppe im Ministerium bestätigt wurde. Und ergänzt die Antwort auf meine Frage, wie sie Entspannung findet: „Natürlich bei meiner bunten Patchwork-Familie. Das war und ist ein wichtiger Aspekt meines Lebens. Ich bin also eher die Teamplayerin. Das Alleinsegeln liegt mir nicht so sehr.“

Mehr Infos: Amt für Gleichstellungsfragen in Magedeburg

Im Rahmen dieser Serie wurden bisher die Donaupriesterin Gisela Forster, die Feministin Barbara Linnenbrügger, die Malerin Waltraud Beck, die Professorin Monika Barz, die Historikerin Irene Franken, die Tagungsleiterin Herta Leistner, Dagmar Schultz, die Alltagsforscherin Maria Rerrich, die Matriarchatsfrau Siegrun Laurent, die Gründerin Claudia Gather, die Heilpraktikerin Bali Schreiber, die Verbandsfrau Marlies Hesse, Ika Hügel-Marshall, die Stiftungsverwalterin Gudrun Nositschka, die Berliner Frauenpreisträgerin Karin Bergdoll, die Sozialpädagogin Erni Kutter, Philosophin Dorothee Markert, die Museumskuratorin Elisabeth von Dücker und die Frauenakademie München vorgestellt.

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Spaziergang mit Undine https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/10/spaziergang-mit-undine/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/10/spaziergang-mit-undine/#comments Fri, 09 Oct 2020 10:22:10 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16428 Undine ist in der mythischen Sagenwelt ein weiblicher Wassergeist und in Kultur und Literatur eine häufig verwendete Figur – so auch in dem neuen gleichnamigen Film von Christian Petzold. Gedanken dazu von Barbara Peveling.

Undine im Film. Paula Beer hat für ihre Rolle den Silbernen Bären bekommen. Szenenfoto: Pfiffl-Medien.

Undine habe ich immer geliebt. Undine war meine Jeanne d´Arc, meine Befreierin. Als junge Frau konnte ich den „Undine geht“Text von Ingeborg Bachmann auswendig.

Oh ja, Undine. Ihre Leidenschaft und Leidensbereitschaft, diese Hingabe, Entschlossenheit und Fatalität hätte ich gerne gehabt. Undine ist die Frau aus dem Wasser, sie ist schön, jung, ihr Körper vollkommen, und sie macht die Männer verrückt. Aber Undine ist nicht böse. Sie leidet. Sie ist ihrer Schönheit, ihrer Fatalität hilflos ausgeliefert. Ein Opfer, genau wie die Männer, die ihrem Charme erliegen. Undine ist keine Frau fürs Leben. Sie fügt sich nicht. Undine, schreibt Ingeborg Bachmann, sie spricht wahr.

„Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar.“ Dies ist die Inschrift auf dem Grab von Ingeborg Bachmann, ihrer Dankesrede zum Hörspielpreis der Kriegsblinden 1959 entnommen. In dieser Rede ermutigt Bachmann die Gesellschaft dazu, Autor*innen zu unterstützen, die sich mit dem Wesentlichen, dem, was weh tut, beschäftigen. Sollte es vielleicht eher heißen: Die Wahrheit ist dem Manne zumutbar?

Der Film von Christian Petzold ist seiner ganzen Texttreue zu Ingeborg Bachmanns Undine, als Naturelement, in der heutigen Zeit für mich problematisch. Problematisch ist dabei nicht, die Liebe als ein Element darzustellen, das in seiner Absolutheit alles andere in den Schatten stellt, so dass es nur noch das eine gibt: die Liebe oder den Tod.

Problematisch ist, diese leidenschaftliche Liebe als etwas Weibliches darzustellen, etwas, das ganz und gar feminin ist, Frauen zu eigen, fast schon eine zwanghafte Handlung, die sie, wie bei Bachmann oder Petzold, bekämpfen müssen, um nicht an ihr zu scheitern, ihr nicht zu erliegen und mit ihren Kampf gegen diese Liebe, die Beherrschung der Leidenschaft, werden sie zu Heldinnen. Frauen sind Helden (hier bewusst männlich geschrieben), indem sie die Welt vor ihren überschäumenden Emotionen retten und damit vor dem Untergang bewahren.

Männer retten die Welt vor dem Bösen, kämpfen für ihre Ideale, Frauen aber nur für oder gegen die Liebe?!

Das war nicht immer so. Oder doch? Shakespeare jedenfalls hat auch viele männliche Helden geschaffen, die vor dieser einer Wahl stehen: Liebe oder Tod! Und genau deswegen müssen sie ja auch alle untergehen, denn Gefühle zu zeigen, sie zu leben, ihnen nachzugeben oder gar zu folgen, das ist seit der Neuzeit verpönt. Einer Zeit, in der es bezeichnenderweise gerade so richtig los ging mit der Hexenverfolgung. Diese hatte unter anderem zum Ziel, die Macht der Frauen, vor allem unabhängiger Frauen, zu unterbinden, wie Mona Chollet in ihrem Essay „Hexen, die unbesiegte Macht der Frauen“ (erschienen 2020 in der Edition Nautilus), sehr gut darstellt. Und so ist der „männliche“ Teil der Menschheit mit der Moderne immer mehr ins Rationale gerutscht, wogegen dem „weiblichen“ Bevölkerungsteil der Bereich des Emotionalen zugeschrieben wurde.

Mythen und Sagen dienen als soziale Vehikel, erklärt die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann, die entsprechende Vorstellungen im kulturellen Gedächtnis verankern. Undine ist die körperliche Manifestation der liebenden Leidenschaft, die Männer überkommt wie Wellen im Meer. Und wenn diese beiden aufeinandertreffen, Männer und Leidenschaft, bleibt nur der Tod. Denn Männer sind nicht zum Leiden aus Liebe gemacht, sie opfern sich höheren Zielen.

Undine ist ein schöner Film, die Kameraführung, besonders unter Wasser, die Bilder, die Musik, alles stimmt. Vor allem die Schauspieler*innen stimmen. Paula Beer hat für ihre Rolle als Undine den silbernen Bären in Berlin bekommen. Zu Recht.

Die Rolle der aus Liebe Leidenden ist Frauen praktisch auf den Leib geschrieben. Da kann man nichts machen, oder doch? Unsere historischen Hauptplatinen sind voller Frauen, die aus liebender Leidenschaft Unheil bringen: Eva, Undine, Salome, Kassandra, Medea. Um nur einige zu nennen. Frauen, die ihre Unabhängigkeit und ihre Wahl, sich nicht anzupassen, nicht dem Patriarchat zu beugen, mit dem eigenen Tod oder dem Tod des Liebsten bezahlen.

In dem Film „Undine“ zeigt Christian Petzold eine Frau, die sich gegen dieses Schicksal wehrt, aber auch, wenn sie ihm nicht folgt, es ist und bleibt ihre Rolle, liebend zu leiden, und somit scheint es für Frauen nur zwei Möglichkeiten zu geben: Anpassung oder Tod.

„Ihr Ungeheuer mit euren Frauen! … Ihr mit euren Musen und Tragtieren und euren gelehrten und verständigen Gefährtinnen, die ihr zum Reden zulaßt…“ hat Ingeborg Bachmann geschrieben. Und sie hat es geschrieben, damit wir verstehen, dass es so ist, aber nicht, damit es so bleibt.

Das war auch Christa Wolfs Absicht, als sie „Medea: Stimmen“ schrieb. Doch Christa Wolfs Medea ist keine Mörderin, es ist nur der Mythos, der über sie von den Korinthern verbreitet wird. Sind wir sie heute immer noch nicht los, die schlauen Korinther? Müssen wir ihnen weiter glauben?

In ihrem Essay „Le génie lesbien“ (Das lesbische Genie) ruft Alice Coffin Frauen dazu auf, solidarischer zu sein, auf gegenseitige Kritik zu verzichten, was sie als das „lesbische Genie“bezeichnet. Das Allgemeine, das „Neutrale“, so hat es Simone de Beauvoir beschrieben, ist das Männliche. Und so ist es heute immer noch. Daran wird sich auch nichts ändern, wenn wir nichts ändern.

Jeder Mensch sollte mindestens einmal in seinem Leben die Erfahrung gemacht haben, eine Person, die sich derselben geschlechtlichen Kategorie wie er selbst zuordnet, zu lieben. Vielleicht könnten sich Männer so endlich erlauben, eine Leidenschaft zu empfinden, die sie sonst nur Frauen zuschreiben. Emotionen, Gefühle, die so stark sind, dass das Selbst daran droht unterzugehen, zu ertrinken, wie es bei Undine heißt.

Christa Wolf und Ingeborg Bachmann haben auf Tatsachen in unserem kollektiven Gedächtnis mit ihren Schriften aufmerksam gemacht. Sie haben den Stift in die Hand genommen und die Wahrheit der gesellschaftlichen Zustände ihrer Zeit zu Papier gebracht. Indem wir sie wiederholen, bleiben wir vielleicht ihren Worten treu, nicht aber ihrem Willen. Es ändert sich nichts.

Wir ändern nichts. Es ist an der Zeit, dass wir neue Geschichten schreiben. Als Kind mochte ich den „kleinen Wassermann“ von Ottfried Preussler sehr. Auch der kleine Wassermann leidet daran, dass sich beide Welten, die über und die unter Wasser, nicht wirklich vereinigen lassen. Doch der kleine Wassermann ist ein Kind, Jungen dürfen das noch, leiden. Aber als erwachsener Mann wird er sich vielleicht von all dem, was nicht zu seiner eigenen Wahrnehmung gehört und deswegen nicht logisch erklärbar ist, abwenden, um nicht daran zu leiden. Wir wissen es nicht, es hat noch niemand diese Geschichte aufgeschrieben, aber es ist an der Zeit!

„Schreib“, hat Hélène Cixous in ihrem „Lachen der Medusa“ geschrieben, „schreib, damit niemand dich aufhält, kein Mann…“ Und so auch hier und jetzt: Schreiben wir neue Geschichten und Mythen, kritzeln wir die Wände voll, zeichnen Graphik Novels, drehen Filme, schreien wir es von den höchsten Türmen, werfen Flaschen mit Botschaften ins Meer, schicken Feuerwerke mit Worten in den Himmel, die von starken Heldinnen und schwachen Helden erzählen. Keine leidenden, liebenden Wesen, die untergehen, oder am Ufer allein zurückbleiben, dem davonziehenden Mann noch einmal traurig hinterherwinkend. Diesem einen, egal ob er Hans heißt oder Christoph, der sie zwar unendlich liebt, aber sich dann doch um das Tragtier mit Nachwuchs an seiner Seite kümmern muss, weil er stark genug ist, seiner Leidenschaft zu widerstehen. Lassen wir unsere starken Heldinnen und schwachen Helden endlich auferstehen aus den Gräbern, in denen sie schon so lange ruhen, weil wir sie dorthin verbannt haben und werfen wir den Frosch endgültig an die Wand. Es wird kein Prinz daraus hervorkrabbeln, der uns befreit, das können nur wir selbst.

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Rosemarie von Schweitzer (1927-2020) und die kritische Wissenschaft vom Haushalten. Eine Begegnung https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/10/rosemarie-von-schweitzer-1927-2020-und-die-kritische-wissenschaft-vom-haushalten-eine-begegnung/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/10/rosemarie-von-schweitzer-1927-2020-und-die-kritische-wissenschaft-vom-haushalten-eine-begegnung/#comments Tue, 06 Oct 2020 14:57:21 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16421 Am 26. September 2020 ist die kritische Haushaltswissenschaftlerin Rosemarie von Schweitzer im Alter von 93 Jahren in Pohlheim bei Gießen gestorben. Erinnerungen an eine Pionierin der Philosophie der Daseinskompetenz.

Foto: Uta Meier-Gräwe

Wie es damals, Mitte der Neunziger Jahre, genau angefangen hat, weiß ich nicht mehr. Aber dass die Begegnung mit den Haushaltswissenschaften für mich ein heilsames Aufwachen bedeutet hat, daran erinnere ich mich. Als vielbeschäftigte Mutter einer kleinen Tochter und streitbare Feministin reiste ich damals durch die Lande und erzählte allen, die es hören wollten, dass Wirtschaftswissenschaftler die Gratisarbeit der Frauen in Privathaushalten ignorieren und uns damit stillschweigend einer massiven Ausbeutung ausliefern. Viel Statistik kannten wir damals zwar noch nicht. Wir wussten noch nicht, dass es sich bei der unbezahlten Care-Arbeit um den größten Wirtschaftssektor handelt. Aber dass da Grundlegendes, Notwendiges, Schönes geleistet und für fremde Interessen benutzt wurde, das war seit der feministischen Hausarbeitsdebatte der 1970er und 1980er Jahre bekannt. Wir stützten uns vor allem auf  die Analysen der Bielefelder Soziologinnen Maria Mies, Veronika Bennholdt-Thomsen und Claudia von Werlhof und auf die Marxismuskritik von Christel Neusüß, Adelheid Biesecker, Frigga Haug und anderen. Wir waren wütend, und wir hatten Recht.

Home Economics: Nicht nur ein Rädchen im kapitalistischen Getriebe

Und dann kam eine daher, deren Namen ich nicht mehr weiß, und sagte, es gebe da einen blinden Fleck in unserem feministischen Weltbild: Ja, es ist skandalös, dass die unbezahlte Arbeit nicht im Bruttosozialprodukt vorkommt, dass die Haushaltsproduktion als bloßer Konsum missverstanden, banalisiert, naturalisiert, sentimentalisiert wird. Aber dass die akademische Ökonomie sie gänzlich ausblendet, stimmt nicht. Denn es gibt die Haushaltswissenschaft. Manchmal heißt sie auch anders, zum Beispiel Home Economics oder Ökotrophologie oder Haushalts- und Ernährungswissenschaft oder Human Ecology. Bei aller terminologischen Vielfalt ist sicher: Diese Wissenschaft existiert. Zwar nicht in allen Ländern auf Universitätsniveau, aber rund um die Welt in Fachschulen, an denen Leute lernen, was Haushalte sind und wie sie sich am besten organisieren lassen. Nicht immer, aber immer öfter existiert diese Wissenschaft auch in Form systemkritischer Diskurse. Die Haushaltswissenschaft, wie sie zum Beispiel von der Philosophin, Agrarökonomin, Soziologin und Erziehungswissenschaftlerin Rosemarie von Schweitzer entwickelt wird, erforscht das Haushalten nicht als möglichst perfekt zu ölendes Rädchen im kapitalistischen Getriebe, sondern nimmt, ähnlich wie die feministischen Analysen, die Institution Haushalt als solche in den Blick, in ihrer ganzen Komplexität, Eigendynamik und potentiellen Sprengkraft. 

Die Wissenschaft der Daseinskompetenz

Vom 21. bis 23. Oktober 1996 nahm ich an einer Arbeitstagung des Internationalen Verbands für Hauswirtschaft (IVHW) in Wien teil, mitorganisiert von den österreichischen Ministerien für Land- und Forstwirtschaft und Bildung. Das Thema hieß: „Europa: Herausforderungen für die Alltagsbewältigung“. Ich lernte viel von den Home Economists aus aller Welt. Von mir wollten sie wissen, was feministische Ethikerinnen, Philosophinnen und Theologinnen zu unbezahlten Care-Tätigkeiten herausgefunden hatten. Am letzten Tag der Konferenz saß ich zusammen mit Rosemarie von Schweitzer, von 1969 bis 1992 Professorin für Wirtschaftslehre des Haushalts und Verbrauchsforschung an der Universität Gießen, auf dem Podium. Wir inspirierten einander, gerade weil wir Begriffe aus unterschiedlichen Traditionen benutzten, aber es war mir peinlich, dass ich ihre Bücher noch nicht gelesen hatte, dass ich überhaupt so wenig wusste von ihr und ihren Mitstreiterinnen und Mitstreitern, von den Kämpfen um einen Ort im hermetischen universitären Herrenhaus und in der Politikberatung, von den Suchbewegungen für eine angemessene Begrifflichkeit, von Rückschlägen und Fortschritten.

Warum hatten wir Feministinnen uns nicht längst mit dieser Szene verständigt, die seit Jahrzehnten beharrlich für eine angemessene Wahrnehmung des größten Wirtschaftssektors arbeitete, zum Beispiel in Form von Zeitbudgetstudien und der Familienberichte der deutschen Bundesregierung? Pflegen da alle ihre eigenen Gärtchen statt Beziehungen zu verwandten Initiativen? – Wieder zuhause, abonnierte ich die Fachzeitschrift „Hauswirtschaft und Wissenschaft“ der Deutschen Gesellschaft für Hauswirtschaft dgh.

Systemrelevanz und Ignoranz

Dann las ich Rosemarie von Schweitzers Grundlagenwerk „Einführung in die Wirtschaftslehre des privaten Haushalts“ (Stuttgart 1991). Darin standen vertraute Einsichten wie diese: „Was für die einen – die Männer – privates Unterstützungssystem zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ist, ist für die anderen – die Frauen – ein privates Aufgabenfeld, das der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben erhebliche Grenzen und Barrieren setzt.“ (21). Über diese mir geläufige Kritik hinaus lernte ich auf jeder Seite Neues zur Ideengeschichte des Haushaltens, zur Statistik und zu transdisziplinären Methoden, mit denen sich die politische Ökonomie der Haushalte im Einzelnen besser verstehen lässt.

So angetan war ich von diesem Buch und seiner Autorin, dass ich der Redaktion der Sendung Sternstunde Philosophie des Schweizer Fernsehens, in der ich damals mitwirkte, mehrmals vorschlug, eine Diskussionsrunde zum Stellenwert des Haushaltens in der Ökonomie zu organisieren. Erwin Koller, der damalige Chef der „Sternstunden“, wischte den Vorschlag vom Tisch mit der Bemerkung, das interessiere die Leute nicht und mache keine Quote. Am 17. Februar 1998 schrieb ich an Rosemarie von Schweitzer: „Immer wieder habe ich den Damen und Herren der Redaktion mit Ihrem roten Buch vor der Nase herumgewedelt und versucht, begreiflich zu machen, wie viel eine kritische Theoretikerin des Haushalts zur aktuellen Weltlage zu sagen hat. … (Der Durchbruch) ist … nicht gelungen. Die Verbindung Haushalt – Theorie – Philosophie – Relevanz geht in die Köpfe … der … Medienschaffenden einfach nicht hinein.“ Am 18. März schrieb sie zurück: „Eine neue symbolische Ordnung lässt sich nur finden, wenn es gelingt, die sich gegenseitig ausgrenzenden Sprachen in ihrer selbstbezogenen Einäugigkeit … wieder über ein allgemeineres Verständnis … von Grundbegriffen zu öffnen für einen neuen Sprachgebrauch, neue Kommunikationsnetze und somit sich ändernde Wahrnehmungsvermögen… Auch ohne Medienauftritt freue ich mich auf eine Diskussionsrunde mit Ihnen.“ 

Bis heute, bis ins Jahr der großen pandemiebedingten Aufmerksamkeit für (nicht) systemrelevante Tätigkeiten, haben die „Sternstunden“ die Ökonomie des Haushaltens nicht zum Thema gemacht.

Und noch einmal angstvolle Abwehr

Vom 16. bis 18. Juli 2001 habe ich Rosemarie von Schweitzer noch einmal getroffen: im Kloster Heiligkreuztal anlässlich einer Tagung des Pfarrkonvents Reutlingen. Ich kann mich gut erinnern, wie pikiert viele der schwäbischen Pfarrherren auf ihren faktenreichen Vortrag zur Ideengeschichte des Haushalts und auf meinen Vorschlag reagierten, das „Reich Gottes“ doch einmal versuchsweise „Haushalt Gottes“ zu nennen. Nur schon dieser Gedanke lasse Gott unerträglich klein erscheinen, meinte einer. Haushalten, so fragten wir zurück, sei also zu trivial für ein Göttliches, das laut christlicher Tradition vor ungefähr 2000 Jahren als schreiendes scheißendes Baby im Stall zu Bethlehem zur Welt gekommen ist? Traut ihr Pfaffen euch nicht zuzugeben, dass ihr alle von dieser Art des Tätigseins abhängig seid, um, rundum versorgt und wohlgenährt, mit euren kantigen Herrgottspredigten das Geld verdienen zu können, das euch das Recht zu geben scheint, euch „Ernährer“ eurer Familien zu nennen? 

Auf diese Frage haben wir bis heute keine Antwort bekommen.

Notwendige Konvergenz für den notwendigen Paradigmenwechsel

Am 26. September 2020 ist Rosemarie von Schweitzer im Alter von 93 Jahren nach längerer Krankheit in Pohlheim bei Gießen gestorben. Uta Meier-Gräwe, ihre Nachfolgerin auf dem Gießener Lehrstuhl für Wirtschaftslehre des Privathaushalts und Familienforschung ist seit 2018 emeritiert. Die Professur wurde inzwischen reduziert auf naturwissenschaftlich orientierte Verbrauchsforschung. In ihrem Nachruf für Rosemarie von Schweitzer schreibt Uta Meier-Gräwe über die notorische Geringschätzung des Fachs: „Bis zu (meinem Stellenantritt in Gießen nach einer ostdeutschen Berufsbiographie I.P.) war mir nie so klar geworden, welche Geringschätzung Mainstream-Ökonomen, aber auch Naturwissenschaftler*innen unseren haushaltswissenschaftlichen und feministischen Themen gegenüber an den Tag legten. Meine Studentinnen wurden oft als ‚H-Mäuschen‘ tituliert, die gewissermaßen eine gehobene hauswirtschaftliche Ausbildung durchlaufen, um sich dann unter den Agrarstudenten oder den angehenden Ernährungswissenschaftlern einen heiratsfähigen Kandidaten zu angeln, dem sie später Kinder schenken und den Haushalt führen.“

Mit Uta Meier-Gräwe wünsche ich mir, dass die kritische Haushaltswissenschaft postpandemisch eine gewaltige Auferstehung erlebt, und dass sie sich weiter mit den vielen Menschen verbündet, die für einen Paradigmenwechsel im ökonomischen Denken und Handeln streiten: der Care-Revolution, dem Equal Care Day, der Siebten Schweizer Frauen*synode, dem Verein WiC (Wirtschaft ist Care), dem europäischen Netzwerk WIDE (Women in Development Europe), dem CareSlam, dem Bayerischen Forschungsverbund ForGenderCare, der Initiative Care.Macht.Mehr, der US-amerikanischen Caring Economy Campaign, dem Schweizer Frauen*streik, dem Schweizerischen Katholischen Frauenbund, den Evangelischen Frauen Schweiz und vielen anderen, die mit uns unterwegs sind. Rosemarie von Schweitzer wäre mit Begeisterung dabei. Schon im Jahr 1991 hat sie in ihrer klaren, unaufgeregten Sprache gesagt, worum es dieser Bewegung, die sich inzwischen auf den Begriff Care als Mitte geeinigt hat, geht:

„Auf das Paradigma des Maßhaltens und der sozialen Verantwortung ist wirtschaftliches Handeln aufzubauen, wenn die Menschheit menschlich überleben will. Dieses muss eine Kultur des haushälterischen Handelns und unterhaltswirtschaftlichen Denkens und Entscheidens in personaler Verantwortung sein.“ (Einführung 1991, 331)

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Kapitel 7: Beziehungsvielfalt und Engagement jenseits von Paar- und Familienstrukturen: die „allein“ lebende Frau https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/10/kapitel-7-beziehungsvielfalt-und-engagement-jenseits-von-paar-und-familienstrukturen-die-allein-lebende-frau/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/10/kapitel-7-beziehungsvielfalt-und-engagement-jenseits-von-paar-und-familienstrukturen-die-allein-lebende-frau/#comments Sat, 03 Oct 2020 15:51:41 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16407 Zum 20. Jubiläum der Flugschrift „Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik“ wurde das Büchlein im Christel Göttert Verlag neu aufgelegt und wird hier im Forum auch erstmals online veröffentlicht (hier der Link zum Anfang). Dies ist das 7. Kapitel: Beziehungsvielfalt.

In unserer Geschichte hat es immer sehr viele „allein“ — jenseits von Paar und Familienstrukturen — lebende Frauen und Männer gegeben, denken wir etwa an die Vielzahl der Klöster im Mittelalter, an die Beginenhöfe oder an die Stifte. Die „Single-Gesellschaft“ ist keine historische Ausnahmeerscheinung.

Was sich allerdings geändert hat, sind die Formen, in welchen Frauen und Männer als einzelne, jenseits von Familienanbindungen leben. So lässt sich festhalten, dass sogenannte Alleinlebende immer wieder nach speziellen Formen gesucht haben, die ihnen ein Zusammenleben mit anderen jenseits der Familienstrukturen erlaubten, das über freundschaftliche Kontakte hinausging und durchaus auf einem gemeinsamen Alltag einschließlich gemeinsamen Wirtschaftens beruhen konnte.

Wir sind heute gewohnt, die Lebensform der allein lebenden Frau als Defizit und Zukurzkommen abzuwerten. Aber: Frauen entscheiden sich durchaus bewusst und aus ganz unterschiedlichen Gründen dafür, alleine zu leben, oft für eine Lebensphase, manchmal für immer: weil sie keine falschen Kompromisse in einer Paarbeziehung eingehen wollen; weil sie nach dem Ende einer Beziehung aus den unterschiedlichsten Gründen keine neue eingehen; weil sie kurze, wechselnde sexuelle Beziehungen suchen, in denen sie sich nicht dauerhaft binden; weil sie ganz in ihren Tätigkeiten – Beruf, Engagement, Spiritualität, der Fülle des Alltags – aufgehen wollen; weil das Alleinleben selbst erstrebenswert ist und eine Menge unvergleichbarer Möglichkeiten bietet.

Viele der allein lebenden Frauen leisten einen wesentlichen Beitrag zum Zusammenleben der Gesellschaft. Alleine zu leben kann ein Engagement für die Gemeinschaft beinhalten, das wir heute kaum mehr schätzen. Die Anerkennung der allein lebenden Frau erscheint uns darum als ein zentraler Punkt, das Zusammenleben der Gesellschaft neu zu verstehen. So wird es zur Herausforderung, die vielfältigen kommunikativen, fürsorglichen, kulturellen, finanziellen und politischen Bezüge von allein lebenden Frauen wahrzunehmen, insbesondere insofern diese unser Gemeinwohl betreffen.

Aus: Ulrike Wagener, Dorothee Markert, Antje Schrupp, Andrea Günter: Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik. Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim 1999, Neuauflage 2019

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Wir brauchen ein bisschen Geld von euch! https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/09/wir-brauchen-ein-bisschen-geld-von-euch/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/09/wir-brauchen-ein-bisschen-geld-von-euch/#comments Wed, 30 Sep 2020 15:36:07 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16395

Liebe Leser*innen – wie euch vielleicht schon aufgefallen ist, haben wir unsere Internetseite etwas runderneuert. Vor allem diejenigen von euch, die uns ab und zu auf dem Smartphone oder einem Pad lesen, haben vielleicht die Verbesserungen bemerkt: Der Text passt sich jetzt dynamisch an die Größe des Bildschirms an.

Dass das Lesen an kleinen Geräten bisher nicht schön war, war uns durchaus bewusst, allerdings konnte man das aufgrund der Struktur unserer Seite nicht einfach mit einer automatischen Lösung beheben. Wir haben nämlich inzwischen – Tadaaa – 170 Autorinnen, die für uns schreiben!

Manche regelmäßig, andere haben bisher nur einen Artikel veröffentlicht, aber das ist natürlich wirklich eine sehr schöne Sache!

Allerdings ist eine so große Zahl an Autor*innen für Gemeinschaftsblogs nicht üblich. Deshalb hat für uns keine Standardlösung funktioniert, sondern wir mussten für die Einrichtung einer Mobilseiten-Version ein bisschen Geld in die Hand nehmen: Konkret hat uns der Relaunch knapp 800 Euro gekostet, davon hatten wir 400 Euro noch von vergangenen Spenden auf unserem Konto – aber für die zweiten 400 Euro suchen wir noch Spenderinnen.

Wie ihr vielleicht wisst, ist unser Projekt komplett ehrenamtlich. Wir verstehen die Arbeit an “Beziehungsweise Weiterdenken” als politischen, feministischen Aktivismus, deshalb bezahlen wir keine Honorare für Artikel, und auch wir Redakteurinnen bekommen kein Geld.

Umso schöner wäre es, wenn Ihr Leserinnen uns jetzt mit einem Geldbetrag unter die Arme greifen würdet. Kleine und große Beträge gehen per Überweisung an folgendes Konto:

DKB – Kontoinhaberin: Maria Coors
IBAN DE84 1203 0000 1069 9022 19, BIC BYLADEM1001

(Spendenquittungen können wir leider nicht ausstellen, weil wir kein gemeinnütziger Verein sind.)

Mehr Möglichkeiten, wie du uns unterstützen kannst.

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Was Sprache mit uns macht https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/09/was-sprache-mit-uns-macht/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/09/was-sprache-mit-uns-macht/#comments Tue, 29 Sep 2020 20:43:51 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16372
Cover

Sprache bestimmt das Bewusstsein. Umgekehrt stimmt es auch: Bewusstsein bestimmt unsere Sprache. Kübra Gümüşay lockt uns mit diesem Buch auf die Fährten der Sprache, die uns zu neuem Bewusstsein führen kann. Eine gerechte Gesellschaft bereitet sich auch durch Wortwahl vor. Wenn ich nicht angesprochen werden als die, die ich bin, werde ich nicht gesehen. In unserer Sprache ist es wichtig zu differenzieren, die Möglichkeiten zu nutzen, die eine der, die, das Sprache bietet. Ob in Sprachen, die die Unterscheidung nach Geschlecht nicht treffen, bei Prime Minister, doctor, teacher das Bild einer Frau vor dem inneren Auge aufscheint, wurde bislang nicht untersucht. Das wüsste ich gern.

Gümüşay führt locker von der Macht der Sprache zu den Lücken, die durch einen Absolutheitsglauben entstehen. In ihren klugen, klaren Ausführungen liegt Potential: werden wir uns unserer Sprache bewusst. Und sehen wir Vielsprachigkeit als Fähigkeit und nicht als Mangel, wie es gerade kürzlich ein Bericht einer Kulturbehörde in Österreich suggerierte.

Zahlreiche Querverweise stützen die Darlegungen der Autorin, die von ihrer Sehnsucht nach einer menschlichen Sprache ausgehen. Sie sehnt sich nach einer einbeziehenden Sprache, einer Sprache, die Differenzierung und Gemeinschaft zulässt, einer Sprache, die  unsere Welt nicht begrenzt, sondern unendlich weit öffnet und Freiheit schenkt: «Freies Sprechen setzt voraus, dass die eigene Menschlichkeit und Existenzberechtigung nicht zur Disposition steht.» Erleichternd empfinde ich ihren Hinweis, dass wir erst auf dem Weg dazu sind und Fehler machen werden, Fehler machen dürfen, kritisieren dürfen, ohne schon gleich Lösungen parat zu haben. Ohne Fehler hätten wir nie etwas gelernt. Auch dank unserer Fehler lernen wir die Welt und uns selbst kennen.

Mit «Sprache und Sein» gibt Gümüşay Anreize, zu hoffen: «Anreize sich der eigenen Perspektive und Begrenztheit bewusst zu werden. Und damit der Potenziale dieser Welt. Anreize, an der Gesellschaft mitzubauen, in der wir wirklich leben wollen.»

Ich wünsche Büchern dieser Art grosse Verbreitung, um ein gerechtes, gütiges, wertschätzendes Miteinander entstehen zu lassen.

Kübra Gümusay, Sprache und Sein, Hanser Verlag Berlin 2020, 208 S., 18 Euro.

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Niemals Selten Manchmal Immer https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/09/niemals-selten-manchmal-immer/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/09/niemals-selten-manchmal-immer/#comments Sat, 26 Sep 2020 09:31:56 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16324 Schwanger, mit 17, ohne feste Beziehung – Autumn weiß genau, dass sie jetzt in dieser Situation, kein Kind bekommen möchte. Zuhause lebt sie in bedrückenden Familienverhältnissen, ihr Job an der Supermarktkasse bietet kaum Chancen. Also sucht sie nach Möglichkeiten einer Abtreibung, was aber im ländlichen Pennsylvania gar nicht so einfach ist. Hilfe findet sie nur im Internet und bei ihrer Cousine Skylar.

Autumn (Sidney Flanigan, links) und ihre Cousine Skylar (Talia Ryder, rechts) versuchen in New York City, eine Abtreibung für Autumn zu bekommen.

In der lokalen Klinik hingegen wird sie von der Ärztin moralisch unter Druck gesetzt und, wie sich später herausstellt, auch noch über den Stand ihrer Schwangerschaft belogen. Außerdem braucht sie als Minderjährige in Pennsylvania für eine Abtreibung die Einwilligung der Eltern, aber mit denen kann und will sie nicht reden.

Stattdessen fährt Autumn (grandios gespielt von Sidney Flanigan) zusammen mit ihrer drei Jahre älteren Cousine Skylar (Talia Ryder) heimlich nach New York City, wo es andere Gesetze zum Schwangerschaftsabbruch gibt und damit Möglichkeiten und Anlaufstellen. Doch dabei stellt sich heraus, dass sie nicht in der zehnten, sondern bereits in der achtzehnten Woche ist, und das kompliziert die Lage erheblich.

Die amerikanische Independent-Regisseurin Eliza Hittman erzählt ihre Geschichte fast dokumentarisch, weder zeigt sie ihre Protagonistin als Opfer, noch verschweigt sie die desaströsen Umstände, denen Jugendliche wie Autumn ausgesetzt sind. Es sind diese Verhältnisse, die der zunächst merkwürdig anmutende Titel anspricht: „Niemals Selten Manchmal Immer“ lauten die vier Antwortmöglichkeiten für Fragen eines Fragebogens, den Autumn vor dem Eingriff bei einer Sozialarbeiterin zu ihren Lebensumständen beantworten muss: Wie oft werden Sie geschlagen? Wie oft erleben Sie sexuelle Gewalt? Niemals? Selten? Manchmal? Immer?

Die Regisseurin zeigt die beiden jungen Frauen auf einer trostlosen Odyssee durch New Yorker Busbahnhöfe, Bars, Hamburgerläden und Warteräume –  in empathischen Großaufnahmen, die jede Gefühlsregung registrieren, Enttäuschung, Angst, Entschlossenheit. Was für eine Gesellschaft ist das, in der reproduktive Selbstbestimmung nur unter solchen Verhältnissen zu bekommen ist?

Natürlich ist dieser Film politisch wichtig in einer Zeit, wo konservative Kräfte dabei sind, die Rechte Schwangerer auf körperliche Selbstbestimmung wieder massiv einzuschränken. Und nach dem Tod von Ruth Bader Ginsburg vorige Woche droht nun mit Trumps Nominierung der Katholikin Amy Coney Barrett eine ausgewiesene Abtreibungsgegnerin in den Supreme Court der USA nachzurücken – und dort stehen in den nächsten Jahren zahlreiche Abtreibungsgesetze zur Entscheidung an.

Mit seiner direkten und zugleich subtilen Erzählweise ist „Niemals Selten Manchmal Immer“ aber nicht einfach nur ein politischer Film von aktueller Brisanz. Sondern es ist auch richtig gutes Kino.

In Deutschland kommt der Film am 1. Oktober in die Kinos. Hier ein Link zum Trailer

Eine Themen-Preview mit einem Online-Panel zum Thema gibt es am Montag, 28. September, mehr Infos dazu hier. An diesem Tag rufen unter dem Motto “Schwangerschaftsabbruch ist Grundversorgung: Egal wo. Egal wer. Egal warum” in Deutschland über 100 Organisationen, Parteien und Bündnisse in Deutschland zum Safe Abortion Day auf. In mehr als 50 Städten finden rund um den 28. September Kundgebungen, Lesungen, Demos und viele weitere Aktionen statt. Informationen der Website:
https://safeabortionday.noblogs.org/mitmachen/aktionen-2020/.

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Reflexionen über überlebens-notwendige Lebensveränderungen und Verzicht https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/09/reflexionen-ueber-ueberlebens-notwendige-lebensveraenderungen-und-verzicht/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/09/reflexionen-ueber-ueberlebens-notwendige-lebensveraenderungen-und-verzicht/#comments Wed, 23 Sep 2020 09:59:22 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16157 Es ist noch immer nicht im Allgemeinbewusstsein angekommen, dass wir alle – und damit meine ich wirklich „alle Menschen“ – etwas verändern müssen.
„Uns geht’s doch gut! Warum etwas verändern?“
Ja, aber …

Jetzt, zur Coronazeit und der Klimaveränderung, die nicht irgendwann kommt sondern die bereits begonnen hat, wäre es dringend notwendig,  sich folgende Fragen zu stellen:

  • was brauche ich zu einem guten Leben?
  • brauche ich das was ich bereits habe wirklich alles?
  • worauf kann ich verzichten?
  • was kann ich verändern in meinem Leben?
Foto: Monika Krampl

Ich bin 70 Jahre und saß gestern mit zwei 70-jährigen Frauen zusammen, die mich erstaunt und verwundert anschauten, als ich sagte, dass ich mich frage was ich mit dem Rest meines Lebens anfange? Ich schaute verwundert zurück – ist es doch gerade jetzt Zeit für Veränderungen im Leben – meine ich.

Für mich persönlich gehört zu einem guten Leben, dass ich nicht über Jahre oder gar Jahrzehnte hinweg in gleichen Alltagsgewohnheiten versinke und mir der vielen anderen Lebensmöglichkeiten gar nicht mehr bewusst bin. Jahreszeiten verändern sich / unsere Leben verändern sich / Lebensrhythmen werden mit den Jahren anders.

Ja, werden sie das?
Nur wenn wir uns selbst und unsere Umgebung mit Achtsamkeit wahrnehmen.

Ich habe immer wieder Neues ausprobiert und möchte auch weiter Neues ausprobieren. Ja, ich möchte sagen – ich muss – weil ich mich verändert habe und daher liebe alte und wohlbekannte Lebensgewohnheiten nicht mehr stimmen. Es passt einfach nicht mehr. Wie ein Kleid, das nicht mehr richtig passt …

Birgit Wittstock schreibt in einem Falter-Newsletter, einer österreichischen Wochenzeitung, die bekannt ist für ihren investigativen Journalismus, über eben diese fehlende Bereitschaft zur Veränderung und bezeichnet sie als den „kollektiven Egoismus“. Und ich frage mich – ist es Egoismus oder Unbewusstheit oder Achtlosigkeit oder Unlust etwas zu verändern und damit einhergehend Angst, dass es einem dann vielleicht nicht mehr gut geht?

Zurück zu dem Treffen der drei 70-jährigen – 210 Jahre geballt an einem Tisch, das hat schon was!

Beim Verabschieden auf der Straße sehe ich das Auto der einen 70-jährigen. Ein Volvo Cabriolet. Ich sehe sprachlos wie das Dach auf Knopfdruck verschwindet. Wie sie sich hinter das Steuer schwingt und mit flatterndem Haar in den Sonnenuntergang fährt. Na ja, es war nicht ganz so. Die Haare haben nicht geflattert, die saßen sehr fest in ihrer Form. Und der Sonnenuntergang war noch nicht so weit.

Und für kurze Zeit tauchte ich ein in die Phantasie, dass ich mit diesem schicken Cabriolet mit meinen weißen, im Fahrtwind flatternden Haaren durch die Hügel der Toskana in den Sonnenuntergang fahre. Im Radio laut – sehr laut, die Songs von Dire Straits und The Doors …

Zurück am Boden der Realität frage ich mich, ob es nicht ein Leichtes ist, über Veränderung und Verzicht zu sprechen, wenn man dies alles nicht hat? Ist es nicht sehr leicht, davon zu sprechen, wenn ich mir das alles sowieso nicht leisten kann? Sollte ich daher meine kleine Pension als Segen betrachten? Zum Nachdenken und Überdenken eines Lebens, das ich bis dahin führte, und einem nun aufgezwungenem Verzicht, der im Anfang nicht leicht war, hat es zweifellos geführt. Und jetzt im Nachhinein bin ich froh und dankbar darüber. Es hat mich aufmerksamer und dankbar für die kleinen Freuden – die in Wirklichkeit ganz groß sind – gemacht.  

Und ich stelle mir die Frage, ob ich der Verführung, mit diesem schicken Cabriolet durch die Toskana zu fahren, standhalten würde, wenn ich es mir leisten könnte?

Ja, würde ich.

Aus Umweltschutzgründen; weil ich diese Autos, auch wenn ich es mir leisten könnte, zu teuer finde; ich möchte nicht so viel Geld für ein Auto ausgeben; weil ich diesen ganzen digitalen-Schnickschnack im Auto nicht will. Ich will selbst fahren und mich nicht dauernd von Assistenzsystemen stören lassen und schon gar nicht will ich, dass ein Auto selbst fahrend ist – ich möchte das Lenkrad selbst bewegen und schalten und walten können …

Ich lebe jetzt seit drei Jahren ohne Auto. Und es geht. Ich benutze öffentliche Verkehrsmittel. Und nur manchmal, so hin und wieder, fehlt mir ein Auto – einfach ins Auto steigen und ab in den Süden…

Ja, es gibt sie, die Momente, in denen es nicht leicht ist mit dem Verzicht.

Trotzdem. Ich habe in den letzten Jahren vieles reduziert.

Von 110 Quadratmeter Wohnfläche auf 50 Quadratmeter. Ich habe Möbel / Geschirr / Bücher / Kleidung / Bilder / Krimskrams / Auto / Motorrad – schlussendlich auch meine Stapel von Tagebüchern / Kartons voll mit Unterlagen aus dem Studium, den vielen Projekten, Workshops und Seminaren / und noch vieles mehr – all meine gelebte Vergangenheit ausgelichtet (entsorgt).

Und es geht mir gut. Ja, es geht mir gut.
Es ist leichter – lichter – geworden.
Es ist Platz für Neues.
Nichts festhalten. Nichts haben wollen.
Leben.
Einfach leben.

„Zu sein, zu leben, das ist genug …“ (Friedrich Hölderlin)

Damit ich auch eines Tages leichten Herzens gehen kann.
Weil ich gelebt habe.

Passend dazu ein Textauszug aus dem Artikel „Unser Wohlstand tötet das Klima – Zeit etwas zu verändern“:
„Werbung und unser eigenes Statusdenken verführen ebenso zu mehr Konsum wie die Konkurrenz der Arbeitnehmer_innen untereinander. Denn „um konkurrenzfähig zu bleiben, werden die Individuen dazu gedrängt, die Zeit- und Kosteneffizienz zu erhöhen, indem sie in Autos, Küchengeräte, Computer und Smartphones investieren“, schreiben die AutorInnen.
Dazu leben besonders wohlhabende Menschen ein Konsumverhalten vor, dem viele nacheifern wollen. ‘Überkonsum’ bedeutet dann auch, Geld auszugeben, um einen vermeintlich höheren Status nach außen sichtbar zu machen und sein eigenes Wohlbefinden zu steigern.
Das Problem: Je mehr Personen dabei mitmachen, umso höher steigt das Konsumniveau und umso teurer müssen die gekauften Statusgüter werden, während das gesellschaftliche Wohlbefinden stagniert”.

Dieser Artikel erschien auch auf dem Blog von Monika Krampl.

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Nachdenken über Arrival III (von III): Über den Lebenssinn und die Sterbebett-Theorie https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/09/nachdenken-ueber-arrival-iii-von-iii-ueber-den-lebenssinn-und-die-sterbebett-theorie/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/09/nachdenken-ueber-arrival-iii-von-iii-ueber-den-lebenssinn-und-die-sterbebett-theorie/#comments Wed, 16 Sep 2020 08:38:25 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16341 Mit diesem Artikel geht’s in die letzte Runde meiner Nachdenk-Trilogie über den Film “Arrival” und die Kurzgeschichte “Story of your Life”. Ich greife noch einmal Ideen und Gedanken auf, die in dem Videopodcast zum Film aus Zeitgründen keinen Platz mehr gefunden haben. Ich knüpfe hier unmittelbar an den Überlegungen von diesem und diesem Artikel an.

Foto und Gestaltung: Anne Newball Duke

Sprache und (Un-)Sterblichkeit

Eines Tages, so richtet sich Louise in Gedanken an ihre zukünftige Tochter, werde ich ohne deinen Vater sein und auch ohne dich. Alles, was ich dann haben werde, ist diese Alien-Sprache. “So I pay close attention, and note every detail.” (Story of your Life, S. 172)

Das sollten wir auch tun. Denn ohne eine neue Sprache, die mit neuen Denk- und Fühlformen verbunden ist und sich mit Haut und Haaren einer lebenswerten, wieder verweltlichten Zukunft zuwendet, werden wir in keiner Zukunft ankommen.

Eine neue Sprache, also voller neuer Denk- und Sprachmuster, ist möglich, wenn sie an die aktuelle Kultur andockt und sich mit den sich stetig verändernden Menschen weiterentwickelt. Und diese in Entwicklung befindliche Sprache gebe ich auch meinen Töchtern weiter; sie wirkt somit in gewisser Weise über meinen Tod hinaus weiter. Es ist von Gewicht, ja geradezu überlebenswichtig, mit welcher Sprache ich zu meinen Töchtern spreche. Sprache verbindet Menschen miteinander. Und es ist von Gewicht, welche Verbindungen Verbindungen verbinden (vgl. Donna Haraway in Unruhig bleiben [2016] 2018, S.23). In einem Fadenspiel (hierzu siehe auch Teil II) geht es “um das Weitergeben und das Empfangnehmen von Mustern, um das Fallenlassen von Fäden und um das Scheitern, aber manchmal auch darum, etwas zu finden, das funktioniert, etwas Konsequentes und vielleicht sogar Schönes; etwas, das noch nicht da war, einer Weitergeben von Verbindungen, die zählen; ein Geschichtenerzählen, das von Hand zu Hand geht, von Finger zu Finger, von Anschlussstelle zu Anschlussstelle – um Bedingungen zu schaffen, die auf der Erde, auf Terra, ein endliches Gedeihen ermöglichen.” (S.20)

Vielleicht können wir Menschen uns doch noch irgendwann an den Gedanken gewöhnen, dass der eigene Tod keine so große Rolle spielt. Denn das Leben endet bei genauerem Hinsehen nämlich nicht mit dem Tod. Nach mir muss nicht die Sintflut kommen. Nur MEIN kleines schönes Leben endet. Es wird aus den weltlichen Verbindungen herausgelöst; aber nicht ganz: meine sterblichen Überreste – wie es so schön heißt – können in Humus verwandelt werden, Regenwürmer können sich durch meinen für sie immer noch interessanten, sich auflösenden Körper wühlen etcpp. Ich trage so auch nach meinem Tod noch zu weiterem Leben bei. Das alles gehört zum weltlichen endlichen Gedeihen dazu.

Und wenn ich jetzt beginne, einen Sprache zu sprechen, die der Verweltlichung mehr zuspricht, dann hinterlasse ich meiner weiter nach mir gedeihenden Welt etwas sehr Wertvolles. Eine solche Sprache, die uns auch Louise in gewisser Weise vermacht, verändert unser Denken, auch das der nach uns kommenden Generationen. Sie geht über unseren Tod hinaus und reicht hoffentlich weit in die Zukunft hinein, baut weiter an einer Zukunft, in der alle Lebewesen dieses zerbrechlichen Lebensraums Erde ein gutes Leben haben. Wir beginnen mit einer Sprache und einem Denken, das unser Sein ab sofort rückbindet an die Erde, wir müssen verstehen, dass wir von der Erde (Haraway, S.26) sind.

Denn mit unserer jetzigen Vorstellung von der linearen Lebensgeschichte, die irgendwann vom Tod abgeschnitten wird, tun wir so, als könnten wir uns aus den komplexen weltlichen Verbindungen herauslösen, hätten nichts mit ihnen zu tun. Damit trennen wir aber genau jene weltlichen Verbindungen auf, die wir und so viele andere Lebewesen zum Erdenbeleben benötigen. Wir müssen begreifen, dass das Leben auch über unseren individuellen Tod hinaus weiter gedeihen möchte, und dass die Responsabilität, für ein Weitergedeihen nach unserem je singulären Tod zu Sorge zu tragen, bei uns Menschen liegt – ob wir wollen oder nicht. Donna Haraway nennt die Übernahme der Verantwortung für die Begegnung (die gegenwärtige sowie die zukünftige), um die man nicht gebeten hat, das “Kultivieren von Responsabilität” (S.181).

Über den Sinn, den freien Willen und Louise

Ted Chiang wiederholt des Öfteren – zumindest las ich es hier und da – dass einer seiner großen Vorbilder Jorge Luis Borges ist. Als Anregung für “Story of your Life” habe ihm so auch dessen Book of Ages gedient. Darin gibt es eine Bibliothek, die eine detaillierte Geschichte der Zukunft enthält, auch die Träume aller Menschen; also wirklich alles aller je singulären Leben. Borges allerdings geht es hier – so weit ich das verstehe, selbst gelesen habe ich das Buch nicht – um eine vorgestellte Unendlichkeit. Die mathematische Wahrscheinlichkeitsrechnung nie aus den Augen verlierend, geht er hier der Frage nach, ob eventuell Sinnvolles aus purem Zufall entstehen kann. Seine Menschen, die sich in der Bibliothek aufhalten, sterben jedoch, ohne je irgendeine Antwort auf ihre Lebens- und Sinnfragen zu erhalten, sich verlierend in dieser schieren Unendlichkeit an Möglichkeiten, in ihr bisheriges oder zukünftiges Leben einzutauchen.

Ich frage mich nicht das erste Mal, warum gerade männliche Schriftsteller – gerade im Gefolge Borges’ oder bereits zurückzuführen auf Giordano Brunos Philosophie der Unendlichkeit des Weltalls – so angepiekst von der Idee sind (auch z.B. von jener des Theorems der endlos tippenden Affen), dass Sinn – betrachtet und ausgehend von mathematischen Wahrscheinlichkeitsrechnungen – eventuell nur zufällig entstehen könne. Zumindest macht es ihnen einen riesigen und sicher auch diebischen Spaß, der Idee fiktiv nachzugehen, dass sich alles Tun und Sein des Menschen durch die glänzende Abwesenheit von Sinn auszeichnet; ja es enthält sogar den Gedanken, dass selbst Sinn eigentlich sinnlos ist.

Ted Chiang nun greift diese Idee auch wieder auf; allerdings lenkt er in seiner Fragestellung die Aufmerksamkeit jetzt auf den Sinn und wie wir Menschen dem Zufall sozusagen entkommen könnten: er staffiert also in seiner Fiktion nicht mehr so sehr die Frage dem (möglichen) Zufall des Sinns aus; sondern er fragt in gewisser Weise – der Film tut es noch viel intensiver –, wie wir wahrhaftigen Sinn im Leben erreichen könnten und uns also gerade nicht verlieren in den puren Möglichkeiten. Für Louise macht es – trotz Verlustes des freien Willens (also so, wie wir es wohl aktuell noch verstehen… als “Verlust”) – Sinn, die Zukunft zu kennen (Liebe zu Mann und Tochter, Lernen der Heptapod-Sprache). Im Film hat sie die Fähigkeit, durch das Sprachenerlernen auf das Zukunftsgeschehen erkennbar einzuwirken. Hier wird der Figur der Louise mehr Handlungsmacht verliehen – so jedenfalls interpretiere ich das –, indem sie auf das zukünftige Weltgeschehen entscheidend einwirkt.

Ich denke, das ist der Grund, dass ich – anders als Jutta, Antje und Maria im Videopodcast – von der Film-Louise mehr angetan war als von der Kurzgeschichten-Louise, sie einfach interessanter fand. Ich würde nicht sagen, dass sie im Film einen weniger komplexen Charakter darzustellen hatte; es wurde sich vielmehr auf eine Eigenschaft konzentriert, die durch das Sprachenerlenen und die dadurch eintretende Wahrnehmungsveränderung eintreten könnte. Auf ein utopisches Moment sozusagen.  

Die Louise im Film hört genau zu. Sie notiert jedes Detail. Sie lässt wirken. Manchmal wirkt es wie melancholisches Starren. Aber das ist es nicht, kann es nicht sein. Denn die Melancholie gefällt sich – gedankliche Tiefe lediglich vortäuschend oder hinter sich lassend oder sich in ihr verlierend – eher im oberflächlichen Geplätschere. Ich als Zuschauerin habe das Gefühl zu spüren, wie Louise hingegen das Fremde in Form der Heptapods von Anfang an als etwas Eigenes zu durchdringen sucht. Sie erkennt sich. Sie hat von Anfang an ein so großes Vertrauen (; ihr Vertrauen erinnert mich an Elsas Vertrauen in Frozen II, mit der diese der Stimme folgt): Louise geht nicht in das “Abenteuer Alien”, um dem Fremden ins Angesicht zu sehen. Sie geht da rein mit dem Wissen, dass sie Eigenes finden wird, sie hat das Begehren, sich mit den Heptapods im Sinne Haraways verwandt zu machen, indem sie das Angebot des Suchens und Findens annimmt, das die Heptapods ihr machen; sie und die Heptapods spielen, ebenfalls in den Worten Haraways, ein Fadenspiel. Keinesfalls wird ihr Denken annektiert oder usurpiert. Was ich sehe, wenn sie vor dem Bildschirm voll mit Schriftsprache der Heptapods sitzt und es den Anschein hat, sie schaue weiter, immer weiter, tiefer und noch tiefer in die Strukturen dieser Sprache, ist ein emsiges Mustererzeugen durch Vertrauen, Verstehen, Durchdringen, Durchkauen, Schlucken und Verdauen, durch Verarbeiten, Zuhören und Anknüpfungen suchen und finden. Durch diese körperlichen Prozesse sind Sprache und Heptapods bald in ihren Träumen angekommen, und sie nimmt die Träume an und verdenkt wiederum das Geträumte und Verdaute: Intuitiv weiß sie, dass sie das Eigene im Fremden finden muss, um lebend voranzukommen. Als Linguistin weiß sie, dass die Veränderung ihrer Wahrnehmung natürlich auch ihre innere Körperwelt zutiefst verändern wird. Für eine wahrhafte Kommunikation, in der Verbindung entsteht, muss sie offen und verwundbar sein.

Intuitiv entstandenem Vertrauen gibt sie mehr Bedeutung als ihrer einstigen Lehrbuch-Metaphorisierung der Sprache als Waffe (siehe Teil II). Nur so bemerkt sie, dass der Fehler in der Art liegt, wie die Erdenmenschen den Heptapods die jeweiligen Menschensprachen zu vermitteln versuchen. Und sie erkennt die Bedeutung und die Macht von Metaphern, die tief in der Kultur verankert sind und mit denen wir Menschen uns – wie ich es im zweiten Teil dieser Nachdenk-Trilogie bereits mit Donna Haraway schrieb – auf tödliche Pfade begeben haben. Es ist von Gewicht, mit welchen Erzählungen wir andere Erzählungen erzählen. Es ist von Gewicht, welche Wissensformen Wissen wissen. (…) Es ist von Gewicht, welche Welten Welten verweltlichen. (Haraway, S.53) Oder wie Audre Lorde es formuliert: “Wir können die alte Macht nicht im Namen und mit den Mitteln eben dieser alten Macht bekämpfen. Das können wir nur, indem wir eine völlig neue Struktur schaffen, die jeden einzelnen Aspekt unseres Lebens berührt.” (Macht und Sinnlichkeit, S.50)

Die Sterbebett-Theorie

Louise, die meines Erachtens – auch da waren wir im Podcast unterschiedlicher Meinung – einfach wunderbar von Amy Adams dargestellt wird, ist nicht nur irgendwie undefiniert traurig, sondern sie verleiht dem Wissen um die bereits geschriebene Zukunft Sinn, indem sie beispielsweise jeden Moment mit ihrer Tochter tief in sich einsaugt; sie nimmt beispielsweise die Geräusche der Steine in sich auf, mit denen ihre Tochter spielt. Sie weiß ja um ihre Fähigkeit, die Erinnerungen in Vor- und Rückblicken timeswitchen und so miteinander in Kontakt treten lassen zu können. Und genau das ist das Mehr, das ihr kein noch so freiheitlicher freier Wille geben kann. Ich erkenne in der Film-Louise, dass sie ganz genau um dieses Mehr weiß. Sie nimmt die Gegenwart immer mehr und mehr im Licht der zukünftigen und zukünftig vergangenen Effekte und ihrer anwachsenden und zukünftigen Fähigkeiten wahr.

Und hier verbinden sich meine Argumentationsstränge wieder: Würden wir Menschen also wie Louise das Nachdenken über die Bedeutung unseres jetzigen Handelns im Licht der zukünftigen Effekte zulassen und reflektieren, würden wir also sofort Konsequenzen daraus ziehen; wir würden – da bin ich sicher – sofort einen anderen Weg einschlagen und unsere Flagge mit der Aufschrift “Gutes Leben für alle Lebewesen” in fünfzig Jahren in die hoffentlich nasse, feuchte, fruchtbare, von Regenwürmern und anderen Krittern (Critter ist ein im Amerikanischen für alles mögliche Getier gebräuchlicher Begriff. Ich habe ihn hier von Donna Haraway übernommen, die ihn großzügig verwendet: für Mikroben, Pflanzen, Tiere, Menschen, Nicht-Menschen und manchmal auch für Maschinen, siehe S.231) nur so wimmelnde Erde stecken.

Ich gehe noch weiter, ich würde sagen, dass alle Handlungen, in denen der eigene Tod – oder sagen wir weniger dramatisch: die eigene Sterblichkeit – mitgedacht ist, einen größeren Freiheitsgrad in sich tragen. Und ganz nebenbei fände dabei bereits das Neuausrichten des Freiheitsbegriffes statt.

Als ich etwa 17 oder 18 war, sah ich im Kino den wundervollen Film “Antonias Welt” von Marleen Gorris. Er prägte mich nachhaltig, bis heute. Vielleicht, weil es damals noch so ungewöhnlich war, einen so feministischen Film zu sehen zu bekommen. In meiner Erinnerung nahm ich Antonias letzte Worte mit, die es – so habe ich jetzt beim Wiedersehen nach mehr als 22 Jahren bemerkt – so gar nicht gibt in dem Film. Aber egal, was ich damals mitnahm, war Folgendes: Antonia – ins Alter gekommen – entscheidet sich eines Morgens, dass heute ein guter Tag für sie zum Sterben ist, und ruft all ihre Lieben zusammen. Im Sterbebett liegend zieht Antonia ein Resümee über ihr Leben und sagt zu den um sie Stehenden, dass sie zufrieden ist mit ihrem heute zu Ende gehenden Leben: sie hätte es nicht anders leben wollen, es nicht mit anderen Menschen verbringen wollen. Alles war gut so, wie es war. Wie gesagt, das sagt sie eigentlich gar nicht, aber diese Worte habe ich dieser Szene irgendwie entnommen, und diese Worte oder dieses Antonia-Gefühl einer gewissen Zufriedenheit und Ruhe kurz vor dem Sterben trage ich seitdem in meiner Tragetasche (wieder Donna Haraways Vokabular, das sie Urula K. Le Guin entleiht) mit mir.

Von diesem Moment an wusste ich, dass ich einmal auch so auf dem Sterbebett liegen möchte: Ich möchte nichts bereuen. Ich möchte von keinem schlechten Gewissen geplagt werden; vor allem möchte ich kein “Hätte ich doch!” fühlen müssen. Ich möchte keine Rachegefühle gegen andere Menschen hegen, keine Schuldzuweisungen und keine Wut in mir tragen. Da ich nicht wissen konnte und kann, wann ich sterben werde, bedeutete das von da an bis heute für mich, das Leben so zu leben, dass ich jeden Tag im Reinen mit mir und meinen Taten sterben könnte. Idealerweise bin ich natürlich zu meinem Sterbezeitpunkt steinalt und von wenig Schmerzen geplagt. Wie kann ich sicher sein, dass dem so sein wird? Ich kann mir natürlich nicht sicher sein. Aber wenn ich wichtige Entscheidungen zu treffen habe, dann stelle ich mir vor, wie ich auf dem (idealen Antonia-)Sterbebett liege, alle meine Lieben um mich herum: Verträgt sich die eine Entscheidungsrichtung vielleicht mehr mit einem zufriedenen Gefühl als die andere? Könnte sie eher dazu beitragen, dass ich kurz vor Ende Ruhe finden kann? Oder sogar nochmal weiter vorne angesetzt: Ist die Entscheidung überhaupt an sich sinnvoll – von der Sache her und/oder zu diesem Zeitpunkt? Welche Entscheidung – oder noch allgemeiner – was ist wirklich wichtig? So könnte auch der Satz “pick your fights”, über den ich in letzter Zeit öfter in allen möglichen Kontexten mit Freund*innen nachgedacht habe, in diesem Kontextfeld gedeutet werden; als “Wisse, worüber es sich überhaupt zu streiten und wofür es sich zu kämpfen lohnt”.

Den Sinn des Lebens so von hinten, vom Ende her aufzurollen, finde ich für mich eine gute Strategie. Ich verliere so nie aus den Augen, dass mein Gedeihen endlich ist, dass aber das weltliche und vor allem menschliche Gedeihen an sich – im besten Falle!, wenn wir Menschen es jetzt nicht wirklich komplett vergeigen – aber auch nach meinem Tod weitergeht. Wenn meine Töchter – von denen ich damals beim ersten Schauen von “Antonias Welt” ja auch noch nichts wusste – mich anschauen, dann möchte ich das Gefühl haben, alles mir in der Macht und in meinen Möglichkeiten Stehende dafür getan zu haben, dass sie ein gutes Leben haben. Ich wünsche mir sehnlichst, dass sie ihre Sprache nie, oder zumindest immer weniger, als Waffe benutzen müssen. Dass ihre Sprache also hauptsächlich eine Pfad- und Wegöffnerin hin zu einem guten Leben für alle wäre, mit der sie und alle Menschen befähigt werden, die Zeit sinnvoll in Richtung Zukunft zu öffnen.

Der 1930 geborene Oren R. Lyons jr., Turtles Clan, Seneca Nation, Haudenosaunee Confederation (eine traditionsreiche Konföderation verschiedener Nationen, die unterschiedliche Namen getragen hat, u.a. Iroquois/Irokesen, Haudenosaunee ist die Selbstbezeichnung, vgl. Wikipedia) schrieb: “Wir schauen nach vorne, wie es einer der ersten Mandate verlangt, die uns als chiefs gegeben wurden. Wir müssen sichergehen, dass jede Entscheidung, die wir fällen, eine Beziehung zum Wohlergehen und Wohlbefinden der siebten Generation von jetzt an unterhält.” Und weiter: “Wie steht es mit der siebten Generation? Wohin bringt ihr sie? Was werden sie haben?” Das “Great Binding Law” (das große bindende Gesetz) sagt: “Suche das Wohlergehen des ganzen Volkes und führe dir immer nicht nur die Gegenwart, sondern auch die kommenden Generationen vor Augen, auch diejenigen, deren Gesichter noch unter der Erde liegen – die Ungeborenen der zukünftigen Nation.” (Vgl. Constitution of the Iroquois Nations; der ganze letzte Absatz ist zitiert aus Donna Haraway, Unruhig bleiben, S.298f.)

“Arrival” trägt keinen Aufruf in sich, die Zukunft auf einem beschädigten Planeten so weiterzudenken, dass gutes Leben für alle Lebewesen dennoch irgendwie möglich ist; aber der Film hat mein eigenes Denken sehr inspiriert und befeuert; viele andere Denkmomente habe ich seitdem unbescheiden (wieder so ein tolles Wort, das von Donna Haraway irgendwie neu verhandelt wird) miteinander verknüpft. Und das hat noch lange kein Ende.

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Mut zum Blut https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/09/mut-zum-blut/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/09/mut-zum-blut/#comments Sun, 13 Sep 2020 05:00:00 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16307
Menstruation with a pride. Oil on Canvas. 215 x 275
2010-11 Copyright Sarah Mapel

60 Jahre Pille

Vor sechzig Jahren kam die Pille in den USA auf den Markt. Seit 1961 ist sie im ehemaligen Westdeutschland erhältlich gewesen, ab 1965 im ehemaligen Ostdeutschland.

Ihr Siegeszug wurde mit der kostenfreien Abgabe begünstigt; die sexuelle Revolution, der Pillenknick – alles bekanntes Vokabular, das zu dieser Zeit und dem Thema gehört.

Um die Nebenwirkungen wurde und wird gerungen und um die Einnahme bis heute kontrovers diskutiert. Fakt ist, dass es aber einen ganz neuen Knick der Pille gibt: den der Pillen-unwilligen oder -scheueren Generation. Eine aktuelle Studie zeichnet dieses Bild zumindest in Deutschland: Junge Frauen sind der Pille offenbar kritischer gegenüber eingestellt – oder sind sie vergesslicher und undisziplinierter?

Die Pharmaindustrie arbeitet weiter daran, die Pille an die junge Frau zu bekommen. (Siehe TK Pillenreport 2015, S. 30 folgende.) Die Pille gänzlich ohne Blutung wird nun angepriesen und dies auch von einer sonst eher kritischen deutschen Kabarettistin. Abgesehen davon, dass die Hygienemittelindustrie dann finanzielle Einbußen hätte, hätte aber die Pharmaindustrie ein schönes neues Verdienstpäckchen: Frauen, die fünf Tage zusätzlich die Pille einnähmen, damit sie gar keine Blutung mehr bekämen, sorgten für fünf oder sechs Pillchen mehr pro Kopf. Das summiert sich bei ca. 150 Millionen weltweiten Userinen pro Tag.

Blood-shaming und Let it free-bleed

Ganz anders treten jungen Feministinnen dazu auf und dies nicht nur in Deutschland. Da ist die “Let it free-bleed” Bewegung zu nennen: Feministinnen, die es satthaben, ihre Menstruation zu verstecken und offensiv damit umgehen. Das (letzte) Zeichen eines vorhandenen Rhythmus und der spezifischen Besonderheit von Frauen bluten zu können, möchten diese keinesfalls wegradiert bekommen. Sich nicht länger von Hygiene Artikeln der eigenen weiblichen Kraft berauben zu lassen wurde Thema, spätestens mit der Elite Sportlerin Kiran Gandhi, die 2015 ohne Binde an den Start ging, worüber dann auch Brigitte berichtete. Künstlerinnen wie unsere Titelbildgeberin Sarah Mapel oder Marisa Carnesky and the Menstronauts und viele andere starteten spätestens ab den 10er-Jahren des neuen Jahrtausends dazu mit Ausstellungen, Installationen oder Performances und regten die öffentlichen Diskurse rund ums Bluten neu an und auf.

Zyklus zu haben, ist eine Entdeckungsreise wert

Die Menstruationsberatungen und Zyklusworkshops der Frauengesundhgeitszentren (FFGZ) haben verstärkten Zulauf, erfahre ich im Gespräch mit Taina Engineer. Vor zwei Jahren starte sie als junge Nachwuchsaktive im FFGZ Berlin. Seit 1974 werden dort Beratungsangebote und Kurse zu Frauengesundheit angeboten und die hauseigene Zeitschrift, die Clio erstellt. Als Sexualpädagogin war sie an der Entwicklung eines neuen Zyklus- und Menstruationsberatungsangebot beteiligt. Sogar für sie selbst, sagt sie, habe sich mit dem Erleben in den Kursen vieles an ihrer Sicht auf die Menstruation neu und positiv verändert. Und auch wenn Taina Engineer großer Fan von natürlichen Zyklen ist, so ist es ihr hinsichtlich der Pilleneinnahme wichtig, Frauen nicht zu bevormunden und jede individuelle Entscheidung zu akzeptieren. Ziel des FFGZ ist es, betont sie, Frauen umfangreich zu Beraten und Wissen zu vermitteln, um sie so am Ende zu informierten und selbstbestimmten Entscheidungen zu befähigen.

Zu den Beratungen kommen Frauen mit hohem Leidensdruck und den unterschiedlichsten körperlichen und psychischen Beschwerden, von Stimmungsschwankungen, Kopfschmerzen, Depression bis hin zu den Krämpfen. Aber auch jene, die weg von der Pille möchten und nach Alternativen suchen. Die Altersgruppen sind sehr unterschiedlich, junge 18-Jährige interessieren sich ebenso wie Frauen, die die 30 längst überschritten haben. Taina Engineer berichtet, dass über die Beratungen die Frauen dann in die Workshops finden. Dort geht es zunächst viel um die Biologie, darum, die verschiedenen hormonellen Phasen kennenzulernen. Es gilt, Zeiten für Aktivität auf der einen Seite und Rückzug und Kreativität auf der anderen mit den Körperzyklen zu entdecken und bewusst zu nutzen. Als weiteren Beratungsbereich zur Menstruation bekommen die Frauen sehr gute Informationen zu den inzwischen weiter entwickelten Hygieneprodukten jenseits von Tampon und Wegwerfbinde.

Pille und Depression und Tabu

Die eigene Kraft zu erleben, den eigenen Zyklus zu erleben und zu entdecken, motiviert viele Frauen, die Pille abzulehnen – das begegnet mir in meiner Praxis als Heilpraktikerin. Das Bluten zudem nicht länger als beschämend erleben zu wollen, sondern selber zu gestalten, darüber schrieben schon vor fast 20 Jahren Autorinnen wie Dagmar Margotsdotter-Fricke, in: Menstruation- von der Ohnmacht zur Macht. Sie machte Straßeninterviews, die sie mit der offenen Frage: “Haben Sie/hast Du schon mal geblutet?” * startete; die Reaktionen spiegeln das Tabu nur zu deutlich.

Erwähnen möchte ich im Zusammenhang mit‚ ‘60 Jahre Pille’ noch die aktuelle Aussage der Oberärztin Dr. Vanadin Seifert-Klauss aus München. Auf einer Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie gab sie Anfang September 2020 zu bedenken, dass den Frauen die Potenz Leben geben zu können, mit der Pille emotional genommen werde und dies zu Depressionen führen könne. Tatsächlich ist diese Nebenwirkung aufgrund einer Studie auf den Beipackzetteln zu finden und insbesondere sehr junge Frauen sollen betroffen sein.

Es geht also um Potenz, um Kraft, und nicht nur um ein bisschen Blut, das den Schlüpfer beschmutzt. „Mut zum Blut!“ sage ich da, als eine, die sich gerade von ihrem Blut verabschiedet hat. Mit 15 Jahren hatte auch ich die Pille für drei Monate genommen, um sie dann wütend in die Ecke zu werfen. Ein Zyklus in Pfeilrichtung auf einem Packungsblister war mir unerträglich. Die Nebenwirkungen auch: Aufgequollen, plötzlich verschieden große Brüste, sodass ich wegen Verdachts auf Krebs sogar zur Ultraschalldiagnostik fahren musste und das schlimmste: eingeschlafene Libido, kaum dass sie erwacht war. Ein Büchlein wurde mein Leitfaden: Natürliche Geburtenkontrolle von Magaret Nofzinger. Der Freundin meiner Mutter, die es mir schenkte, bin ich noch heute sehr dankbar dafür.

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Sexuelle Gewalt: Wi(e)der das Schweigen. Wider die Diktatur der Heilung https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/09/sexuelle-gewalt-wieder-das-schweigen-wider-die-diktatur-der-heilung/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/09/sexuelle-gewalt-wieder-das-schweigen-wider-die-diktatur-der-heilung/#comments Mon, 07 Sep 2020 16:02:58 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16272 Es gab eine Zeit, die nannte sich Feminismus, da wurden die Frauen, die (in ihrer Kindheit) sexuelle Gewalt erfahren haben, dazu aufgefordert, das Schweigen zu brechen! 

Diese Zeit ist vorbei. Die Tatsache, dass viele Frauen in ihrer Kindheit sexuelle Gewalt erfahren, ist inzwischen in das gesellschaftliche Bewusstsein gedrungen, aber heute werden die Frauen, wenn sie über ihre Gewalterfahrung sprechen, dazu aufgefordert, eine Therapie zu machen: Wenn sie ‚darüber’ reden wollen, – bzw. ‚müssen’ – dann doch bitte hinter den verschlossenen Türen einer Therapiepraxis – schließlich gibt es genug bestens ausgebildete TherapeutInnen, die bestens dafür bezahlt werden, dass sie zuhören und der Patientin zur ‚Heilung‘ verhelfen.

Die Trauma-Forschung hat Frauen, die sexuelle Gewalt erfahren haben, geholfen, sich selbst besser zu verstehen, aber leider hat sie auch dazu beigetragen, die Frauen als ‚traumatisiert‘ zu pathologisieren und ihnen eine neue Bürde aufzulasten: heutzutage werden sie zwar nicht mehr zwangsläufig für das verantwortlich gemacht, was ihnen passiert ist, aber  sie sind dafür verantwortlich, ‚heil‘ zu werden, – denn dank der Trauma-forschung und all den guten Trauma-TherapeutInnen ist dies ja nun möglich.

Es gibt nur zwei mögliche Identitäten, die die patriarchale Gesellschaft einer Frau anbietet, die sexuelle Gewalt erfahren hat : 

1. Die Traumatisierte, die Kranke, dafür bekommt sie Mitleid und, wenn sie Glück oder genug Geld hat, eine therapeutische Behandlung.

2. Die Geheilte, die es geschafft hat, das Schreckliche hinter sich zu lassen, die es geschafft hat, sich wieder einzureihen in die patriarchale gesellschaftliche Ordnung, in der es nun mal (sexuelle) Gewalt, aber dafür auch gut ausgebildete TherapeutInnen gibt.

Undenkbar, ein System ohne sexuelle Gewalt??

Die TherapeutInnen „heilen“ die Frauen, die sexuelle Gewalt erfahren haben, aber sie „heilen“ nicht das System. Im Gegenteil: Diese angebliche „Heilung“ trägt dazu bei, dieses System zu erhalten. (Denn wenn die Folgen der Gewalt heilbar sind, kann ja alles so bleiben).

Ich habe in meiner Kindheit sexuelle Gewalt erfahren. Ich bin sehr tief verletzt und erschüttert worden, aber ich fühle mich nicht krank. (Doch ich habe inzwischen eine „Heilungs-Allergie“).

Das System, das mich umgibt, ist krank. Die Menschen, die Gewalt ausüben, sind krank. Das wird bei all dem Gerede um die ‚Heilung‘ und dem großen Angebot an Trauma-Therapie-Formen völlig aus dem Bewusstsein verdrängt.

Von Heilung zu sprechen, ist einfach nur der Versuch, das gesellschaftliche Trauma zu personalisieren – und es zu verdrängen.

Die sogenannte ‚Heilung‘ ist ein Teil dieses kapitalistischen Systems, das ja gut daran verdient.

Durch das, was ich erlebt habe, bin ich wie auf einem Schleudersitz aus dem bestehenden kollektiven Gesellschaftssystem rausgeflogen, das uns (angeblich) eine unverletzbare Integrität zusichert: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“  Für mich gab es diese Integrität nicht, es gab keinen sicheren Ort. Die Regeln, die Sicherheiten des Systems, galten für mich nicht, und ich konnte mich nie als einen Teil dieses Systems erfahren.

Das birgt aber auch eine Chance:                                                                              

Durch diesen ‚Rausschmiss‘ bin ich nicht an dieses System gebunden. Da  das ‚alte‘ System nicht greift, muss ein neues gefunden werden. D.h., ich war und bin immer wieder gezwungen, eine ganz eigene Selbst-Sicherheit, ein Selbst-Bewusst-Sein zu finden, das außerhalb und unabhängig ist von dem herr-schenden System. Das empfinde ich weder als ‚krank‘ noch als Schwäche.

Warum sollte ich „heil“ werden, und wer bitteschön definiert, was heil ist? 

In dem Wohnprojekt für Mädchen, in dem ich als Pädagogin gearbeitet habe, gab es eine Zielsetzung: Aus Mädchen, die sexuelle Gewalt erfahren haben, ganz normale Mädchen zu machen. (Wenn von außen Bemerkungen kamen wie: „Die sind ja ganz normal“, dann war das das höchste Lob für die pädagogische Arbeit der Heimleiterin) 

Also bedeutet ‚heil‘, normal zu sein? Ist eine Einbeinige ‚heil‘, wenn sie genauso gut gehen kann wie eine Zweibeinige?

Warum sollte ich eine Therapie machen, die mir hilft, mich wieder in genau das System zu integrieren, das mir keinerlei Sicherheiten bietet? Ein System, das mir weismachen will, ich hätte einfach nur p.P., persönliches Pech, gehabt? Ich sei einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen?  

Sexuelle Gewalt ist kein persönliches Trauma! Es ist ein kollektives Trauma, und es betrifft uns alle. 

Aber rausgeflogen zu sein, bedeutet auf der anderen Seite eben auch ausgeschlossen zu sein, einsam zu sein, nicht ‚gesellschaftsfähig’, nicht kompatibel, nicht ‚systemrelevant‘ zu sein. Ich kann und will nichts dazu beitragen, dieses System zu erhalten. Aus meiner Perspektive, von außerhalb,  sehe ich all das, was falsch läuft, was krank macht. Für mich gibt es immer noch eine andere Wahrnehmung, eine andere Wahrheit, eine andere Dimension.

In psychologischer, philosophischer und spiritueller Hinsicht macht alles, was passiert, Sinn. Und Erfahrungen sind dazu da, dass wir daraus lernen. Die buddhistische Lehre geht sogar so weit, dass sie sagt, wir brauchen das Leid, um uns weiterzuentwickeln. Was würde es für einen Sinn machen, aus dem System rauszufliegen (wozu ja eine enorme Energie notwendig ist), wenn es einfach nur darum ginge, unter einem enorm großen Energieaufwand wieder in das System zurückzukehren und alles zu vergessen, was ich da außerhalb des Systems erlebt habe, wert-volles Erfahrungs-Wissen (und sei es noch so traumatisch)?

Für mich sind die Frauen, die sexuelle Gewalt erlebt haben, Botschafterinnen,  Wegbereiterinnen, ‚Lehrerinnen‘, die den Weg aus der Gewalt kennen, weil sie bereits Räume kennen, die außerhalb des Systems liegen. Räume voller Möglichkeiten, größer und weiter als die, die  innerhalb des Systems vorstellbar sind.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich habe nichts gegen Therapeutinnen, ich habe sehr viel Respekt und Wertschätzung für Therapeutinnen. Ich habe selbst immer wieder sehr wertvolle therapeutische Hilfe bekommen. Nur finde ich halt: Therapeutinnen sind keine politische Lösung. Und die Trauma-Forschung hat sicherlich auch Erkenntnisse hervorgebracht, die hilfreich sind, um Muster und Zusammenhänge in der eigenen Psyche zu erkennen und die eigene Geschichte besser verarbeiten zu können. Ich habe nichts dagegen, dass Therapeutinnen ihr psychologisches Wissen über die Zusammenhänge und Folgen eines Traumas verkaufen.  Mir haben Therapeutinnen geholfen, ‚innerpsychisch Ordnung zu schaffen‘. Aber von ‚Heilung‘ kann keine Rede sein. Heilung kann nur über Beziehung und Verbundenheit stattfinden. Und diese Verbundenheit entsteht nicht in Therapiepraxen, wo die sogenannte professionelle Distanz herrscht, die dafür sorgt, eine klare hierarchische Ordnung einzuhalten, hier die Helfende und dort die Hilfe-Suchende. Hier die Gesunde, dort die Kranke. Hier die im System integrierte, dort die, die mit dem System nicht klarkommt. Die Gebende und die Nehmende. Die, die das Geld kriegt, und die, die bezahlt – (wenn es gut läuft,) für das Verständnis und die Zuwendung auf Zeit.

Ich glaube nicht, dass es (nur) darum geht, eine persönliche ‚Heilung‘ zu erfahren, sondern darum, aus unseren Erfahrungen zu lernen und Konsequenzen zu ziehen, damit das System, damit unsere zwischenmenschlichen Beziehungen ‚heil‘ werden können.

Dafür brauchen wir einen Macht-freien Raum außerhalb der Therapiepraxen, in dem wir diese Erfahrungen mit-Teilen und aus-Tauschen können, einen Raum, in dem wir Verbunden-Sein können. 

Die Entdeckung der Ohn-macht als Macht-freier Raum

Ich leide längst nicht mehr an dem, was mir in der Kindheit angetan worden ist. Ich habe Wege gefunden, aus diesem Leiden eine ganz eigene Kraft zu entwickeln. 

Foto: Rava Katz
Positive Ohnmachtserfahrung in einer Höhle

Ich leide unter der Ausgrenzung, die die Frauen bewusst oder unbewusst, aktiv oder passiv vollziehen, leide unter der Nicht-Zugehörigkeit, der Nicht-Mit-Teilbarkeit. 

Und ich denke, da bin ich sicherlich nicht die Einzige. Die Frauen, die sexuelle Gewalt erlebt haben, schweigen – wieder – aus Angst vor Ausgrenzung, aus Angst, als Traumatisierte, als Kranke wahrgenommen zu werden.  

Ich habe sehr selten Frauen getroffen, die über ihre Gewalterfahrung sprechen. Und wenn ich es erlebt habe, dass Frauen ihre Gewalterfahrung erwähnen, dann nie, ohne dass sie gleichzeitig beteuern (müssen), wie viel Heilung sie schon erfahren haben oder welch eine tolle Therapeutin sie haben. 

Oder anders herum, wenn ich in einem bestimmten Zusammenhang die sexuelle Gewalterfahrung erwähnt habe, wurden mir gleich – stillschweigend – Visitenkarten von guten TherapeutInnen zugesteckt oder Buchtipps gegeben – oder ich musste mir Geschichten von glücklichen Kindheiten und ganz tollen Vätern anhören. Und beim nächsten Frühstück (Seminarsituation) saß ich dann alleine am Tisch.

Ich habe mein Leben lang Ausgrenzung erfahren, spätestens seit dem Augenblick, in dem ich begonnen habe, die sexuelle Gewalt zu erinnern und bewusst aufzuarbeiten. Ausgrenzung in der Familie, in der Gesellschaft, im Studium, im Beruf, unter Kolleginnen. Und ganz besonders schmerzhaft waren bzw. sind die Ausgrenzungen und Abgrenzungen unter Freundinnen und in Frauenkreisen, bei Frauen-Seminaren.

Genauso lange, wie ich unter dieser Ausgrenzung leide, versuche ich herauszufinden: Warum? Warum haben Frauen so sehr das Bedürfnis, sich abzugrenzen, wenn sie mit der sexuellen Gewalterfahrung konfrontiert werden? 

(Ich weiß, einige werden mir nun die „me-too-Bewegung“ entgegenhalten, aber die hat ja in einem recht anonymen, beziehungslosen virtuellen Raum stattgefunden) 

Ich habe nun eine Antwort gefunden: 

Es ist die Ohnmacht. Mit dem Sprechen über die sexuelle Gewalterfahrung steht unvermittelt immer auch die Ohnmacht im Raum. Ohnmacht, die jede Frau kennt. Ob mit oder ohne sexueller Gewalterfahrung in der Kindheit. Und keine Frau will an ihre Ohnmacht erinnert werden.

Ich habe mich auf den Weg gemacht, die Ohnmacht zu erkunden. Entgegen den Ratschlägen aller Therapeutinnen, die sagen: ‚Geh nicht in die Ohnmacht!‘. Manche sagen dir einen Satz, den du nachsprechen sollst: ‚Es ist vorbei. Ich werde nie wieder so ohnmächtig sein‘.  Ich konnte das nicht nachsprechen. Weil es ja nicht der Wahrheit entspricht. Natürlich kann und könnte es passieren, dass ich wieder so ohnmächtig sein werde. Ohne Macht zu sein, ist eine Seite des Lebens, des Mensch-Seins.

In Südfrankreich habe ich zusammen mit einer Freundin eine Höhle entdeckt. Gewappnet mit Kerzen und Taschenlampe haben wir uns hineingetraut. Tief hinein in Mutter Erde. Teilweise enge Gänge, dann sind wir in einer Halle angekommen. Dort wollte die Freundin die Taschenlampe ausmachen, wollte wissen, wie es so ist, in völliger Dunkelheit. Ich war sehr ängstlich, wollte erst nicht, aber dann hat sie mich überredet. Und das, was ich dann erlebt habe, war sehr beeindruckend : Ich habe zur  gleichen Zeit eine Weite und eine Geborgenheit von einer solchen Intensität erfahren, die ich nie wieder vergessen habe. 

Und genau dasselbe habe ich erlebt, als ich mich getraut habe, mich  meinen Ängsten zu stellen und die Ohnmacht zuzulassen:

Ein unendlich weiter Raum und eine tiefe Geborgenheit, die aus der Verbundenheit mit allem Sein entsteht. 

Macht-losigkeit als Geborgenheit!? In unserem Macht-System unvorstellbar!

Da-Sein ohne Macht haben zu müssen, eine Wohltat!!

Seit die Männer die Herr-schaft übernommen haben, versuchen sie die Ohn-macht zu bekämpfen. Es existiert ein unausgesprochenes Gesetz: Ohn-macht ist schlecht. Ohn-macht ist das Gegenteil von Macht – auch das Gegenteil von Eigen-Macht. Wer ohn-mächtig ist, geht unter, hat keine Überlebenschance. Im Zweifelsfall müssen wir Macht ausüben, um nicht ohn-mächtig zu sein.  

Und deshalb grenzen sich Frauen von Frauen ab, die sexuelle Gewalt erfahren haben. Durch Frauen, die offen mit ihrer Gewalterfahrung umgehen, werden Frauen an ihre eigenen Ohne-Macht-Erfahrungen erinnert. Und das wollen sie nicht. Weil sie die Gehirnwäsche des Patriarchats durchlaufen haben : Ohnmächtig zu sein bedeutet, Opfer zu sein, Verliererin zu sein. Also wollen Frauen sich von den Frauen abgrenzen, die die Ohn-macht verkörpern, denn durch die Abgrenzung spüren sie ihre Entscheidungs-Macht. Die Entscheidung, bei den Gewinnerinnen zu sein, nicht bei den Opfern.

Der Ohne-Macht-Raum wird geschlossen. Die Chance, sich zu verbinden, wird nicht wahr-genommen.  Jede bleibt für sich alleine. Kämpft weiter gegen die Ohnmacht. Macht mit im großen Macht-Gefüge, das Heilung von Ohn-macht verspricht. Verbundenheit und Spiritualität als Wohlfühlprogramm oder zur Selbstoptimierung,  ja gerne. Aber bei der Ohn-macht hört die Verbundenheit auf!

Dabei ist das Ohne-Macht-Sein das, was uns verbindet. Ein weiter weiblicher Raum, aus dem die Männer-Herr-schaft  uns vertrieben hat. 

In den Religionen gibt es so etwas wie diesen Ohn-machts-Raum, im Christentum nennen sie ihn Demut, im Buddhismus nennen sie ihn Erleuchtung. Aber in allen Religionen gibt es ein patriarchalisches hierarchisches Machtgefüge, mit einem Mann an der Spitze, der entscheidet, wer in diesen Raum darf, und was eine dafür tun muss. Also nicht wirklich geeignet für das Verbunden-Sein.

Wenn ich etwas aus diesen schmerzhaften Erfahrungen gelernt habe, dann ist es genau das: Wir sollen die Ohnmacht nicht verdammen. Ohnmacht ist nichts Schlechtes und Ohnmacht ist nicht das Gegenteil von Macht. Es ist nicht die Macht, die die Ohnmacht hervorruft. Ohnmacht gibt es ganz unabhängig von Macht. Will sagen, zuerst gab es die Ohnmacht, dann kam die Macht. 

Nur in einem Ohne-Macht-Raum können wir uns wirklich verbinden, nur da wissen wir, dass wir alle gleich sind, dass wir alle Eins sind, dass es nur ein Miteinander gibt. In der Sprache unserer Gesellschaftsordnung würde es heißen, dass wir alle voneinander abhängig sind, ich nenne es Miteinander-Verbunden-Sein.

Wenn wir es annehmen können, ohne Macht zu Sein, dann ist da ein weiter weiblicher Raum, der uns die Möglichkeit bietet, die Herr-schaft zu beenden, uns zu verbinden und unser Leben friedvoll und sinnvoll zu gestalten.

Während des Corona-Lock-downs habe ich genau das empfunden. Einen tiefen Frieden, eine Verbundenheit, eine Chance, das System neu zu gestalten.

Ich denke, es war die (kollektive) Ohnmacht, die sich alle eingestehen mussten. Und es gab keinen Feind, keine Macht, die wir dafür verantwortlich machen konnten, um die Ohnmacht nicht zu spüren. Im Gegenteil, die Ohnmacht hat uns – für eine gewisse Zeit – alle verbunden.

Ich schreibe in der Vergangenheitsform, auch wenn die Corona Krise noch nicht vorbei ist, aber die Stimmung ist inzwischen – leider – wieder eine andere. Die Ohnmacht ist wieder ‚verdrängbarer‘ – scheinbar kontrollierbarer – geworden. 

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Vom rationalen Umgang mit unzivilisierten Gefühlen https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/09/vom-rationalen-umgang-mit-unzivilisierten-gefuehlen/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/09/vom-rationalen-umgang-mit-unzivilisierten-gefuehlen/#comments Thu, 03 Sep 2020 09:36:15 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16264 Wie kann man miteinander sprechen, wenn man sich nicht einmal auf grundlegende Fakten einigen kann? Wie tritt man Menschen gegenüber, auf die man stark emotional reagiert, weil das, was sie sagen, einfach falsch ist? Darüber hat sich Anja Boltin aus aktuellem Anlass Gedanken gemacht.

Wie diskutiert man mit Menschen sprechen, deren Meinungen man für komplett falsch hält?

Eine Frau, die zu meinen Lieblingsmenschen auf Facebook gehört, brachte kürzlich die Rede auf den Begriff „zivilisierte Verachtung“, um sich angemessen auf die Menschen beziehen zu können, die kein Problem darin erkennen können, mit Rechten mitzulaufen beziehungsweise Rechte auf ihren Demos mitlaufen zu lassen. Ich finde den Begriff recht gut, zeigt er doch, dass wir mehr und mehr beginnen können, auch den bewussten Blick – den Metablick – auf unsere komplexeren Emotionen zu richten und präzise in die gesellschaftliche Debatte einzubringen.

Noch besser als „zivilisierte Verachtung“ gefiele mir allerdings die Bezeichnung „begründete Verachtung“, weil sie zum einen den bildungsbürgerlichen Zungenschlag der Überlegenheit durch Zivilisiertheit vermeidet und zum anderen schon direkt zum Gespräch einlädt: „Ich habe gute Gründe, dich aufgrund deiner Taten oder deiner Worte zu verachten und nenne sie dir gern, falls du dialogbereit bist – kannst du meine Gründe entkräften? Das würde mich ehrlich freuen.“ Das wäre für mich eine rational beziehungsorientierte Haltung.

Ich glaube, wenn wir mehr und mehr einüben würden, entspannt auf diese Art unser reichhaltiges Repertoire an Gefühlen einander gegenseitig zu kommunizieren, mit Gründen, mit Respekt, dann könnten wir auf große Teile der zur Zeit so anstrengend gewordenen Hass- und Hetzkommunikation im Netz verzichten.

Ich glaube, die Verachtung ist immer dann eine spontan auftretende Empfindung, wenn wir ganz genau wissen, dass das Gegenüber falsch liegt. Ich halte dieses Wissen für wertvoll. Problematisch scheint mir nur der spontane Impuls, diese Verachtung dann in respektloser Art und Weise kundzutun. Das ist zwar sehr verständlich, aber kommunikativ zumindest ungeschickt und in der Regel nicht zielführend.

Kürzlich habe ich mir ein bisschen Zeit genommen, detaillierter auf den Vorwurf eines Menschen auf Facebook einzugehen, der – in meinen Augen zurecht – beklagte, dass die Corona-Kritiker*innen so sehr verächtlich gemacht werden. Ich schrieb als Antwort:

„… Ich kann gut nachvollziehen, dass Sie es so empfinden, und Ihre Kritik ist berechtigt und ich würde gern ein paar Worte dazu sagen. Ich stehe voll und ganz auf der Seite der kompetenten Wissenschaftler, auf die sich auch die Regierung bei ihren Entscheidungen beruft. Ich habe mir die Bakhdis und Wodargs angesehen und habe verstanden, wo deren Denkfehler liegen. Es gibt dazu ausreichend Faktenchecker-Videos im Netz. Die Fehler dieser Leute liegen häufig in einem Mangel an Sorgfalt und komplexem Denken. Durch Vereinfachungen, Auslassungen etc. wird Falsches behauptet und massenhaft verbreitet. Ich kann aber verstehen, dass diese Infos für viele Menschen plausibel oder auch nur wünschenswert sind, also vertraut man ihnen. Das ist doch gar nicht verwerflich.

Und es ist, wie Sie sagen, verwerflich, wenn Menschen, die etwas falsch verstehen, pauschal abgewertet werden. Bitte haben Sie aber auch dafür Verständnis. Ich selbst habe die enorme Wut über Tage an mir erlebt und beobachtet (nach der ersten Berlin-Demo), die es in mir ausgelöst hat, dass Menschen mit wenig komplexem Verständnis plötzlich viel Einfluss bekommen. Zu Lasten der Gemeinschaft.

Wir alle sollten stolz sein auf die wissenschaftlichen Errungenschaften unserer komplexen Gemeinschaft. Und jede/r sollte sich (mehr als bisher) anstrengen, mehr als bisher zu verstehen. Und wir sollten uns dazu gegenseitig um Hilfe und Unterstützung bitten, anstatt Unwissenheit oder Fehleinschätzungen zu verlachen oder gar zu verachten.

Die DDR, in der ich aufgewachsen bin, hatte quasi das genau gegenteilige Problem des Westens. Im Westen herrscht zum Teil bis heute noch immer deutlicher „Bildungsdünkel“ vor. Man bildet sich etwas auf Wissen und Bildung ein und stabilisiert das Ego gern, indem man auf sogenannte „Ungebildetere“ herabschaut.

In der DDR gab es, wie mir scheint tief verankert und systemisch wirksam, das gegenteilige Phänomen: Dort hat eine eher ungebildete Arbeiterschicht die Führung (gewaltsam) übernommen und nun systematisch und mit heftigem Sadismus Intellektuellenverachtung betrieben. Diesbezüglich gab es eine gewisse Kontinuität nach 1945 (die Judenverachtung hat auch einen Aspekt der Intellektuellenverachtung beinhaltet … man sprach in diesem Zusammenhang von „Intelligenzbestien“!)

Warum ich das erzähle? Weil ich inzwischen glaube, dass das ganze Chaos da draußen sich aus einer tragischen Melange dieser beiden Teil-Deutschländer ergibt.

Die rechte Szene ist offen intelligenzverachtend, während die „Coronakritiker“ eher aus dem Milieu der Verlachten und Verachteten kommen. Und nun (endlich!) ihre lange gelähmte Wut aktivieren können. (Was eigentlich super ist).

Aber halt leider auf das falsche Ziel gerichtet und nicht erkennend, dass sie durch ihre Solidarisierung oder blind-naive Tolerierung der Rechten unbemerkt den Bock zum Gärtner machen. Bemerken würden die auf diese Art seelisch verletzten „Wutbürger“ das Übel erst, wenn es zu spät ist und ihre „geliehene Energie“ den Rechten die Macht verliehen hat, die diese niemals (!!) bekommen sollten. Dann wird es aber zu spät sein!

Deshalb werden sie (ungünstigerweise) „Covidioten“ genannt, weil die entsetzte Mehrheit dieser Gesellschaft Gott sei Dank nicht so blind und bedürftig-naiv ist. Und die Gefahr ganz klar erkennt.“

Ich plädiere hier also für einen rational begründenden Umgang mit unseren Gefühlen und Emotionen – den zivilisierten ebenso wie den sogenannt unzivilisierten, den einfacheren ebenso wie den komplexen.

Zum Menschsein gehört die ganze Palette.

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„Seine Frau pflegt ihn…“ Warum falsches Framing von Care zu falschen Analysen führt. Ein Fallbeispiel. https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/08/seine-frau-pflegt-ihn-warum-falsches-framing-von-care-zu-falschen-analysen-fuehrt-ein-fallbeispiel/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/08/seine-frau-pflegt-ihn-warum-falsches-framing-von-care-zu-falschen-analysen-fuehrt-ein-fallbeispiel/#comments Sun, 30 Aug 2020 07:40:57 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16256 Am 17. Oktober 2019 sendete das Nachrichtenportal „10 vor 10“ des Schweizer Fernsehens SRF eine neunminütige Reportage mit dem Titel „Pflegekosten – die Armutsfalle“.  Anlass für die Sendung war eine Sparmaßnahme, die das nationale Parlament im März 2019 beschlossen hat: Ab 2021 müssen die sozialstaatlichen Ergänzungsleistungen, die Senior*innen zusätzlich zur regulären Rente beziehen können, um ihre Pflege im Alter zu finanzieren, unter bestimmten Bedingungen von den Erb*innen zurückbezahlt werden. 

Gezeigt wurden in der Reportage zunächst Bewohner*innen eines Alters- und Pflegeheims, die die hohen Kosten ihrer Pflege aus dem eigenen Vermögen bezahlen oder dafür Ergänzungsleistungen beziehen. Danach besucht der Reporter den ehemaligen Swissair-Informatiker Walter Ehn in seiner Eigentumswohnung für ein Interview: Das Pflegeheim ist, so Ehn, für ihn „keine Option“ (Minuten 03.21-03.23), obwohl er seit Jahren gehbehindert und pflegebedürftig ist. Herr Ehn will keine Ergänzungsleistungen beziehen, jetzt wegen der Rückerstattungspflicht erst recht nicht. Er will nicht, dass seine Tochter und die Enkel später  eventuell ihre Wohnung verkaufen müssen, um die Ergänzungsleistungen zurückzahlen zu können (Minuten 06.16-06.26). Der Reporter erklärt den Hintergrund dieser Position mit einem einzigen bezeichnenden Satz: „Seine Frau pflegt ihn, vor allem in der Nacht

Obwohl die Reportage die zur Debatte stehende konkrete politische Maßnahme zulasten von Erbinnen und Erben durchaus kritisch beleuchtet, entsteht hier doch der Eindruck, dass Walter Ehn die vorbildliche Person ist, die im Gegensatz zu den Heimbewohner*innen sich selbst, seiner Tochter und der Allgemeinheit Kosten erspart, indem er günstig zuhause lebt und keine Ergänzungsleistungen bezieht. 

Beanstandung: Die unbezahlten Pflegeleistungen der Ehefrau bleiben unsichtbar

Am 29. Oktober 2019 reichte Martha Beéry-Artho gegen diese Reportage bei der Ombudsstelle der SRG Beschwerde ein. Sie kritisiert zwei Dinge: Zum Einen erfülle die Sendung nicht den in der SRG-Konzession Art.3.3 festgelegten Anspruch der „angemessenen Darstellung und Vertretung der Geschlechter.“ Zum Anderen blieben die unbezahlten Pflegeleistungen der Ehefrau unsichtbar, weshalb das Gebot der Sachgerechtigkeit nicht erfüllt sei. Denn die pflegende Ehefrau werde zwar erwähnt, sie werde aber nicht befragt, und ihre Situation werde nicht geschildert, obwohl sie zwingend zum Thema gehöre. Martha Beéry-Artho schreibt in ihrer Beschwerde: „Pflege kostet Arbeit, Zeit, Einsatz, Energie, … auch wenn sie ohne Bezahlung geleistet wird. … Wie aus den genannten Zahlen der Kosten der zu pflegenden Alten in Heimen zu entnehmen war, (ist) die gratis erbrachte Pflege der Angehörigen zuhause für den Staat kostensparend. … Das kommt nirgends zur Sprache.“  

Ablehnung der Beanstandung: Es handelt sich um zwei Themen

Der Ombudsmann Roger Blum wies am 24. November 2019 die Beanstandung ab, nachdem er eine Stellungnahme der zuständigen Redaktion eingeholt hatte. In seiner Begründung verweist er zum Einen auf die Programmautonomie und gibt der Redaktion Recht, die in ihrer Stellungnahme betont hatte, es seien in der Sendung mehrere Frauen zu Wort gekommen. Zum anderen argumentiert er, und das ist der eigentlich wichtige Punkt, „die Freiwilligenarbeit (sei) in diesem Beitrag nicht das Thema“ gewesen, und es wäre „zu kompliziert“ geworden, diesen Aspekt in einer Sendung zu berücksichtigen, in der es ja um ein anderes Thema, nämlich nicht die Betreuung durch Angehörige, sondern die Frage der Pflegekosten, gegangen sei. Es störe ihn zwar auch, dass „diese wichtige Person, die Herrn Ehn das von ihm gewählte Finanzierungsmodell ermöglicht, nur kurz erwähnt und nicht gezeigt“ worden sei. Aber da die Frau es abgelehnt habe, gefilmt zu werden, läge „keine böse Absicht der Redaktion vor“, zumal überzeugend dargelegt worden sei, dass man „die Freiwilligenarbeit vor allem der Frauen“ in anderen Sendungen thematisiert habe.

Zwei Themen? 

Das Framing der Situation folgt hier deutlich dem schlecht begründeten Verständnis von (so genannter) Ökonomie, das nur „Einrichtungen und Handlungen“ einbezieht, die in den Geldkreislauf einbezogen sind. Entsprechend erscheinen die unbezahlten Leistungen der Ehefrau, die hier entgegen der Terminologie des Bundesamtes für Statistik fälschlicherweise als „Freiwilligenarbeit“ statt als „Betreuungsarbeit“ bezeichnet werden, als ein anderes Thema, das in andere Sendungen verlagert werden kann, in denen es um Anderes, nämlich nicht um Ökonomie, sondern um „Hilfe“ durch „Angehörige“ geht. Die traditionelle, im Zeitalter der Emanzipation längst überwunden geglaubte Dichotomie von (männlich codiertem) öffentlich sichtbarem monetärem Kalkulieren und (weiblich codierter) privat-unsichtbarer Fürsorglichkeit ist leicht zu erkennen. Roger Blum hat allerdings wohl Recht, wenn er keinen „bösen Willen“ seitens der Redaktion erkennen kann. Es geht hier tatsächlich nicht um gut oder böse im individuell moralischen Sinne, sondern um mehr oder weniger plausible Definitionen des Ökonomischen.

Oder doch nur ein Thema namens „Pflegekosten“ ?

Vor dem Hintergrund eines plausibleren bedürfniszentrierten Verständnisses von Ökonomie erscheint die traditionelle Sphärentrennung allerdings als obsolet, denn ob Pflegeleistungen bezahlt oder unbezahlt erbracht werden, spielt keine Rolle, solange die Bedürfnisse der umsorgten Person befriedigt werden. Würde die Situation des Ehepaars Ehn vor dieser Folie zur Darstellung gebracht, so wüssten wir, nachdem wir die Reportage gesehen haben, nicht nur, wie viele Schweizer Franken von wo nach wo geflossen sind, sondern auch, wie viel Zeit und Energie die Ehefrau investiert, wie viel sie durch ihre Leistung zur gesellschaftlichen Wertschöpfung beigetragen und folglich dem Staat an Kosten erspart hat, wie sich ihre Tätigkeit auf ihr Befinden und ihre eigene Alterssicherung auswirkt, kurz: wie es ihr geht. Statt der traditionellen zweigeteilten Welt aus einer von Geldwerten dominierten sichtbaren Sphäre und einer von vor- oder außerökonomischer ehelicher Liebe bestimmten unsichtbar gemachten Privatsphäre hätten wir ein sachgerechtes Gesamtbild, in dem eine realistische Kostenrechnung im Sinne und zugunsten aller Beteiligten allererst möglich würde. 

Beschwerde abgelehnt: Der Entscheid der UBI vom 29. Mai 2020

Martha Beéry-Artho hat am 19. Dezember 2019 ihre vom Ombudsmann abgelehnte Beschwerde an die nächste Instanz, die UBI (Unabhängige Beschwerdeinstanz Radio und Fernsehen) weiter gezogen. An ihrer Sitzung vom 29. Mai 2020 hat auch die UBI die Beschwerde abgeleht. In der Begründung, die am 14. August 2020 versandt und publiziert wurde, steht: „Die Beschwerdeführerin rügt, die Berichterstattung sei unvollständig gewesen. Die Redaktion habe nicht darauf hingewiesen, dass der pflegebedürftige Mann nur dank der unentgeltlich erbrachten Pflegeleistungen seiner Frau weiterhin zu Hause leben könne. Diese Rüge ist jedoch unbegründet, verweist doch die Redaktion in einem Off-Kommentar ausdrücklich auf die Pflegeleistungen der Ehefrau («Seine Frau pflegt ihn, vor allem in der Nacht.»). Aufgrund des Kontexts und der Ausführungen des Mannes war für das Publikum erkennbar, dass die Ehefrau diese Betreuung unentgeltlich erbringt. Dass die Informationen zu diesem Aspekt etwas knapp ausfielen, hatte seinen Grund auch im Umstand, dass sich die Ehefrau nicht vor der Kamera äussern wollte. Das Publikum wurde aber aufgrund des erwähnten Hinweises der Redaktion nicht über die von der Frau erbrachten Pflegeleistungen getäuscht, dank welchen ihr Ehemann zu Hause bleiben konnte.“

Was schließen wir daraus?

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Die Vergangenheit wird ausgelichtet – Platz für die Gegenwart https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/08/die-vergangenheit-wird-ausgelichtet-platz-fuer-die-gegenwart/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/08/die-vergangenheit-wird-ausgelichtet-platz-fuer-die-gegenwart/#comments Thu, 27 Aug 2020 20:36:53 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16149

Im Februar des Jahres 2020 veröffentlichte ich Teil 1. „Lebe bewusst jeden kostbaren Augenblick deines Lebens. Es wird der Augenblick kommen, von dem du niemals wissen wirst, dass du ihn erlebt hast.“ Alles begann mit diesem Satz, der mich aus dem Schlaf weckte. Und dann geschah das bis jetzt Unvorstellbare – von einer Sekunde zur anderen ohne lange Überlegungen – die Entscheidung, ich entsorge meine über die Jahrzehnte geführten und gehüteten Tagebücher. Ein bis dahin unvorstellbarer Gedanke.“

Foto: Monika Krampl

Nach dem Auslichten meiner Tagebücher, das mir im Rückblick wesentlich leichter erscheint als das jetzige, machte ich den letzten Durchgang. Den Begriff Auslichten (gefällt mir besser als Entsorgen) habe ich von Cambra Skade übernommen. Für eine Weile versank ich in den vielen Kartons, die im Gästezimmer meines Sohnes gestapelt waren. Wir konnten kaum zur Tür rein. Ein schmaler Gang blieb. Zwischen meiner Vergangenheit und dem Rest der Sachen meiner verstorbenen Mutter, die wir nach dem großen Flohmarkt noch behalten hatten. Zum Durchsehen. Nun war die Zeit auch für dieses Durchsehen gekommen.
Auslichten im Sinne von Loslassen und auch Loswerden. Meine Vergangenheit nicht nur gedanklich, sondern auch materiell loswerden.

Nicht, weil sie so schrecklich war. Das war sie auch. Ein Teil davon.
Auch das Glückliche – ich möchte mich nicht dahin zurück sehnen.
Das war einmal – so beginnen doch Geschichten: Es war einmal … Meine glücklichen Erinnerungen behalte ich und lege sie vorsichtig in meine innere Schatzkiste. Jedoch, ich möchte mich nicht zurück sehnen und damit den Blick für und die Anwesenheit in der Gegenwart verlieren. Denn, wenn ich glücklich sein möchte, dann kann ich das nur in der Gegenwart – und so wie ich jetzt bin, nämlich anders.

Das Glück der Vergangenheit kann ich so nicht mehr leben.
Ich bin JETZT.
Ich bin jetzt eine ANDERE. 

Immer wieder die Unsicherheit – zum Beispiel bei der vielartigen Korrespondenz mit meinen Freund*innen, meinen Liebsten; mit interessierten Menschen an meinen vielen Projekten und noch mehr Projektideen. Sie stammt aus einer Zeit, in der wir uns noch viele Briefe geschrieben haben und ich staune. Ob ich sie nicht doch behalten sollte – die Briefe? Aber warum? Das alles wurde vor Jahrzehnten geschrieben und ich habe es nie mehr gelesen. Ich werde es auch jetzt und in Zukunft nicht lesen. Warum also? Nur um sie zu „haben“? Es schmerzt. Es macht traurig – das Loslassen. Ein Teil von mir möchte es nicht loslassen, möchte dahin zurück. Dahin, wo es so schön und lebendig war. So viele Menschen in meinem Leben.   

Und jetzt ….?

Ich möchte mehr Sein als Haben. Es ist Zeit, mich auf das Wesentliche und Wenige zu konzentrieren und nicht einen materiellen Berg von Vergangenheit hinter mir herzuschleppen, bei jedem Schritt. Ich habe das Bild von einem riesigen Sack, der am Boden hinter mir herschleift und ich ihn mit Gurten – so wie einen Rucksack – an meinen Schultern befestigt habe. Jeder Schritt ist mühsam, denn der Sack ist schwer. Mit schweren Schritten stapfe ich dahin.
In den Kartons stapeln sich Ordner. Ordner über Ordner, angesammelt und gefüllt mit meinem Leben über die letzten 35 Jahre; akribisch – gründlich und sorgfältig – beschriftet. Ordner mit der Korrespondenz mit Freund*innen und Liebsten; mit Kolleg*innen und Menschen in Seminarzentren im In- und Ausland;  Ansichtskarten und Glückwunschkarten meines Sohnes. Die Korrespondenz mit unseren singhalesischen Freunden in Sri Lanka – hatten wir – mein zweiter Ehemann und ich – doch bereits alles in die Wege geleitet zum auswandern. Es sollte nicht sein. Und ich staune immer wieder, mit wie vielen Menschen ich in Kontakt war! Und ich erinnere mich, wie offen – mit großen offenen Augen und offenem Herzen, einer grenzenlosen Liebesbereitschaft – ich durch die Welt gegangen bin und Menschen angezogen habe. Und viele – allzu viele – gingen mit der Zeit verloren – weil wir den Kontakt nicht gehalten haben.
Die, die geblieben sind, sind meine treuesten Weggefährt*innen auf meinen verschlungenen Lebens-Pfaden.

Ich vermisse die Liebe – in erster Linie meine eigene.
Ich spüre die grenzenlose Liebe nicht mehr, – nicht so wie damals.
Irgendwann vom Pfad der Liebe abgekommen, mein Herz zugemacht und verschlossen. Den Schlüssel weggeworfen. Den Schlüssel habe ich bereits wieder gefunden. Es war schwer, ihn in dem verrosteten Schloss umzudrehen. Jetzt bin ich dabei, die auch in ihren Scharnieren verrostete Tür zentimeterweise zu öffnen …

Und kaum ist es mir gelungen aufzusperren, klopfte einer meiner ehemaligen Liebsten an die Tür. Im Laufe dieser Wiederbegegnung schrieb ich ihm:

Das Wiedersehen

Ich habe keine Angst
dir zu sagen
dass ich dich noch immer
liebe
und
begehre
Ich habe keine Angst
weil meine Liebe
unabhängig
davon ist
ob du mich liebst
weil meine Liebe
nichts verlangt
von dir

Und mit großem Erstaunen und ebenso großer Freude merke ich, wie viel ich doch in diesen Jahren über die Liebe gelernt habe.

Die nächsten Ordner führen mich in die Welt meiner psychotherapeutischen Praxis.
Der Erste enthält die vielen Originalmanuskripten und Folder der abgehaltenen Seminare und Workshops. Mein Gott, war ich fleißig und engagiert! Ordner mit Projektideen im zivilgesellschaftlichen Bereich und über angedachte Seminare und Workshops; Mitschriften der Therapiesitzungen, Befunde für die Krankenkassen; Honorarnoten, etc. Ich weiß nicht, von wie vielen hunderten von Klient*innen in den 25 Jahren. Die vielen Dankesschreiben. An die meisten habe ich keine Erinnerung mehr. Ich sehe die Anzahl der Therapiestunden – und sehe, wie viel ich gearbeitet habe. Welch’ Energie ich hatte!

Ordner mit den Lehrunterlagen, meinen Seminararbeiten, von den zwei Semestern an der Sigmund-Freud-Privatuniversität. Zwei Semester fehlen noch, dann hätte ich den akademischen Titel Bachelor. Zurzeit meines Studiums der Psychotherapie vor Jahrzehnten gab es noch keinen akademischen Titel.  
Aufgehört hatte ich, als ich meine Mutter in den letzten zwei Jahren ihrer Krebserkrankung begleitete. Heute ist es mir nicht mehr wichtig. Doch ich erinnere mich gerne – lerne ich doch mit viel Neugier und Begeisterung Neues.
Die ungeliebtesten Ordner – die Unterlagen meines Steuerberaters. Darüber legt sich der Mantel des Schweigens. Ich bin eine Frau der Worte. Zahlen bereiten mir Unbehagen.

~~~~~~~~~~~~~~~~~

Viel Trauer ist in mir – aber ich spüre auch die Last der Vergangenheit.
Das Mitschleppen.
Erleichterung wird folgen.
So wie es mit dem Auslichten der Tagebücher auch war.
Es ist gut.
Es ist gut so, wie es ist.

Dies alles passierte in den letzten Wochen und jetzt?

Ob mich die Rückschau auf meine Lebenserinnerungen auch stolz macht, fragte eine meiner Herzensfreund*innen, und ich schrieb ihr:

„Ja, ein bisschen. Aber vor allem macht es mich dankbar. So viele Menschen – da bin ich noch immer sprachlos – es macht mich unendlich dankbar den Menschen gegenüber für ihr Vertrauen, sich mit mir auf die tiefen Prozesse in den Therapien eingelassen zu haben; und ehrfürchtig und demütig für die viele unendliche Energie, die ich hatte.”
Ich staune, wundere mich über die Wunder meines Lebens und erfinde mich wieder einmal neu …

Dieser Artikel erschien auch auf dem Blog von Monika Krampl.

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Ein Schulaufsatz von 1998 über Geschlechterrollen https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/08/ein-schulaufsatz-von-1998-ueber-geschlechterrollen/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/08/ein-schulaufsatz-von-1998-ueber-geschlechterrollen/#comments Sun, 23 Aug 2020 20:36:08 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16167

„Sexism in the Schoolhouse“ lautet die Überschrift eines Zeitungsartikels von 1992, mit dem wir im Schuljahr 1998/99 im Englischunterricht gearbeitet haben. Darin wird über eine Studie berichtet, der zu Folge Mädchen und Jungen im Schulunterricht unterschiedlich behandelt werden – zum Nachteil der Mädchen. Gegen Ende des Artikels wird die Sichtweise der damaligen stellvertretenden US-Bildungsministerin Diane Ravitch dargestellt, die folgendermaßen zitiert wird: Rather than sexism in education, …, the problem is sexist attitudes encouraged by TV, advertising and movies: the researchers „picked the wrong target.“

Kürzlich fiel mir mein Aufsatz, leider ohne die genaue Aufgabenstellung, in die Hände und löste einiges bei mir aus. Ich gehe davon aus, dass wir zum Zitat von Diana Ravitch Stellung beziehen sollten. Und das schrieb ich dazu (stilistisch etwas geschliffene Übersetzung):

Ich denke, dass Sexismus in unserer Gesellschaft nicht auf einen einzelnen Bereich des täglichen Lebens zurückzuführen ist. Natürlich spielen Fernsehen und Werbung eine wichtige Rolle bei diesem Problem, aber ich bin davon überzeugt, dass seine Wurzeln in der Erziehung und der Bildung liegen. Wenn Babys alt genug sind, um mit Spielzeug zu spielen, bekommen sie dieses von ihren Verwandten. Aber da gibt es einen Unterschied. Jungen bekommen Spielzeugautos, Bälle oder Puzzles, wohingegen Mädchen daran gewöhnt werden, mit Puppen, kleinen Backöfen und Babyausstattung zu spielen. Das bedeutet, Jungen kommen im Alter von drei oder vier Jahren mit technischen Dingen in Berührung, während Mädchen vielleicht niemals z. B. ans Reparieren ihres Fahrrades herangeführt werden. Stattdessen lernen sie den Haushalt zu führen und bekommen den Eindruck, dass ihr Job etwas mit Bildung oder Kinderbetreuung zu tun haben muss.

Dazu kommt, dass es in der Schule LehrerInnen gibt, die Vorurteile gegen Mädchen haben, besonders in den naturwissenschaftlichen Fächern. Dadurch fühlen sich dann auch die Jungen den Mädchen überlegen. Persönlich habe ich Erfahrungen mit dem Verhalten von Jungen z. B. im Sport gemacht. Ich spiele gern Basketball, weswegen ich häufig mit den Jungen im Jugendclub spiele. Als ich gerade angefangen hatte, wollen manche Jungs nicht gern mit mir spielen. Dazu muss ich sagen, dass ich das einzige Mädchen dort bin, so dass es für sie eine neue Erfahrung war. Wie jede/r, habe ich mich im Lauf der Zeit verbessert und mittlerweile macht es den Jungen nichts mehr aus, mich in ihrem Team zu haben. Diese Erfahrung lehrte mich, das Mädchen und Frauen nicht aufgeben sollten, für ihre Rechte zu kämpfen.

Die andere Seite des Konflikts ist, dass das, was Kinder von ihren Eltern lernen, täglich im Fernsehen und in der Werbung gezeigt wird. Deswegen glauben Kinder wirklich, dass Frauen eine Art Bedienstete der Männer oder gar eine niedere Spezies sind. Da ist z. B. dieser Werbespot für Würstchen, in dem ein Junge und sein Vater von einem Fußballspiel nach Hause kommen, während die Hausfrau in der Küche arbeitet. Vater und Sohn setzen sich an den Tisch und bestellen bei der Mutter die beworbenen Würstchen als seien sie in einem Restaurant. Meiner Meinung nach ist dies typisch für nachahmendes Verhalten. Der Vater in diesem Spot zeigt dem Jungen, wie eine Frau zu behandeln ist. Und die Mutter sagt nichts gegen dieses Verhalten, so dass der Junge glauben muss, dass das so richtig ist. So kommt es, dass kleine Jungen während der Werbepause in einem Film derartiges Verhalten gezeigt bekommen und es womöglich übernehmen.

Zusammenfassend muss ich sagen, dass die Autorin [wahrscheinlich meinte ich Diane Ravitch] nicht unbedingt falsch liegt. Aber sie behandelt das Problem nicht in seiner Komplexität und dass es aus verschiedenen Faktoren besteht, die miteinander verknüpft sind.

Nachdem ich mich darüber gefreut hatte, dass ich auch schon während meiner Schulzeit kritisch auf Geschlechterstereotype geschaut habe, kam bei mir eine Art Wut hoch. Ich hatte plötzlich ganz klar und aus eigenem Erleben vor Augen, dass die stellv. US-Bildungsministerin vor fast dreißig Jahren auf den enormen Einfluss von Werbung auf die Reproduktion von Geschlechterklischees hingewiesen hat. Und zwar so, dass das Thema auch im „ganz normalen“ Schulunterricht behandelt wurde. Und nun finde ich meinen Schulaufsatz wieder und muss feststellen, dass er aktueller geworden ist anstatt veraltet. Mir scheint es, als hätten etliche Marketingabteilungen dieser Welt den Artikel und das Zitat von Diane Ravitch gelesen und ihr unbedingt Recht geben wollen. Aber nicht, ohne zumindest klischeebeladene Grüße in Form von Prinzessinenfedertaschen und Pausensnacks „für echte Kerle“ in die Schulen zu schicken.

Rückblickend würde ich sagen, dass ich zwar eigene Erfahrungen in den Aufsatz einfließen lassen konnte, aber gleichzeitig nicht den Eindruck hatte, die Darstellungen in TV und Werbung könnten etwas mit mir zu tun haben. Ich habe ja schließlich mit den Jungs Basketball gespielt. Bis ich allmählich begriff, dass sie sehr wohl etwas mit mir zu tun haben, waren ca. 15 Jahre vergangen. Fünfzehn Jahre, in denen sich die heute ca 60-70 Jährigen vielleicht gefragt haben, wo wir, die „jungen Frauen“, sind bzw. so lange waren. Wieso von uns so lange so wenig zu hören war. Und ich bin wütend. Wütend für alle diese und mit allen diesen Frauen, die seit Jahrzehnten für Geschlechtergerechtigkeit kämpfen, und dann feststellen müssen, dass Rosa-Hellblau-Geschlechterklischees mittels Marketing immer aggressiver reproduziert werden und dass viele junge Frauen das Problem nicht ernst nehmen, vielleicht nicht einmal sehen.

Hoffnungsvoll stimmt mich, dass sich Organisationen wie der Verein Klische*esc e.V. und Pinkstinks unermüdlich dafür einsetzen, das Bewusstsein für problematische Geschlechterklischees zu schärfen und dafür kämpfen, dass diese sowohl aus Klassenzimmern, als auch aus der Werbung verschwinden. Auf dass niemand in zwanzig Jahren diesen Text findet und mit heruntergeklappter Kinnlade feststellt, dass die Problematik mit den Rollenklischees in der Werbung und in Schulen ja 2020 „schon“ bekannt war seitdem immer schlimmer geworden ist.

Quellen und Links

Der im Unterricht behandelte Artikel aus der Sprachlernzeitung „World and Press“ (Mai-Ausgabe von 1992) war eine gekürzte Version des Artikels „Sexism in the Schoolhouse“ von Barbara Kantrowitz erschienen in der Newsweek, 23.2.1992. (https://www.newsweek.com/sexism-schoolhouse-200632 , bis zur Stelle …”picked the wrong target.” )

http://pinkstinks.de

http://klischeesc.de

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Die Sprache unsrer Ursprungs-Mutter MA https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/08/die-sprache-unsrer-ursprungs-mutter-ma/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/08/die-sprache-unsrer-ursprungs-mutter-ma/#comments Sat, 22 Aug 2020 10:14:04 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16135

Da liegt er vor mir, der Prachtband, ausladend, 664 Seiten dick, fast drei Kilo schwer und daher ungeeignet als Bettlektüre… So gewichtig wie das Buch ist auch sein Inhalt: Es ist ein Pionierwerk, denn es betrachtet die „Venus“-Kunst nicht nur im vorgeschichtlichen Europa und Nahen Osten, sondern global. Die Gesichter dieser Kunst werden innerhalb eines ausgeklügelten Symbolsystems erfasst und klassifiziert und erscheinen erstmals gemeinsam in einem einzigen Buch. Dies erklärt den stattlichen Umfang des Werkes.

Die Historikerin, Theologin und Symbolforscherin Annine van der Meer legt damit umfassende Ergebnisse ihrer jahrzehntelangen Arbeit vor. Die titelgebende „Sprache unsrer Ursprungs-Mutter MA“ (in Fortführung von Marija Gimbutas‘ „Die Sprache der Göttin“ von 1995?) sind Zeichen, Symbole und Darstellungen in Plastiken und Skulpturen, die ohne Worte bis heute mit uns kommunizieren. Eine Sprache muss man verstehen können. Hier bekommen wir die passende Übersetzungshilfe.

Im Vorwort stellt van der Meer den Wandel der Perspektiven innerhalb der archäologischen Forschung dar, der auch der Grund für dieses Buch ist. Die Interpretationen von Fundstücken sind stets geprägt vom Weltbild der Betrachtenden. Bis heute ist die patriarchal geprägte Wissenschaft teilweise noch sehr in alten Denkmustern gefangen. Es ist bedrückend zu lesen, wie die ausdrucksstarken und berührenden Darstellungen weiblichen Seins in einer männerdominierten Öffentlichkeit zu „Pin-ups“ oder „Gespielinnen“ degradiert oder in den Zusammenhang von Fruchtbarkeit und Sexualität gestellt wurden. Das Heilige, Spirituelle, Machtvolle wird nicht wahrgenommen oder ignoriert und einfach nicht kommentiert. Hier wirken die vor Jahrhunderten durchgeführten „Korrekturen“ zum Beispiel im Alten Testament nach, die zu einer Herabwürdigung des Weiblichen führten und in der christlich geprägten Kultur bis heute weiterleben.

Das Buch gliedert sich in zwei große Teile. Der erste umfasst einen kunsthistorischen Ablauf von 40.000 vor unserer Zeit bis zum Jahr 0, teilweise auch bis in die Gegenwart. Besonders interessant finde ich nachzulesen, wie im Nahen Osten die Entwicklung und Veränderung der dort verehrten Göttin in die christliche Maria stattfand. Deren Bild sollte auch die hiesige spirituelle Weiblichkeit über Jahrhunderte prägen. Spannend finde ich auch, wie physikalische, chemische und biologische Verfahren heute zu neuen Erkenntnissen verhelfen.

Es gibt viele Querverweise, die mit einem gut durchdachten System leicht aufzufinden sind und dazu anregen, selbst zu vergleichen und zu verstehen. Nach jedem Kapitel erfolgt eine übersichtliche Zusammenfassung der wesentlichen Erkenntnisse. Am Ende des ersten Teils versorgt van der Meer uns sogar mit einer Checkliste, anhand derer wir selbst in Bildbänden oder in Museen eine Analyse der vorhandenen Skulpturen durchführen können – diese Idee gefällt mir sehr!

Der zweite große Teil zeigt die Symbole in einer thematischen Gliederung, die Deutungen werden quer durch die Zeiten und Kulturen nebeneinander gestellt. Die Zahlen, Orte, Elemente, Tiere, Pflanzen, Körperhaltungen, Bekleidungen haben sich nämlich auf der ganzen Welt wiederholt. Es wird auch erkennbar, wie sich die Darstellungen mit dem wachsenden Einfluss des Patriarchats veränderten.

Van der Meer stellt sich gegen die gewohnte Interpretation der Skulpturen, die den spirituellen und sakralen Aspekt verdrängt oder auch schlichtweg nicht weiß. Sie schildert die Herausforderung, in einer patriarchal geprägten Begriffsverwendung die Bedeutungen neu zu besetzen und sammelt unermüdlich Fakten und Beweise für ihre Sichtweise, die sich zu einem runden, eindeutigen Bild zusammenfügen. Dabei setzt sie eine interdisziplinäre und vergleichende Methode ein und findet mit den Lesenden zusammen eine gültige, brauchbare Definition für Venus-Kunst. Der Wert und die Bedeutung dieser weltweit verbreiteten Darstellungsform werden zurückgebracht und belegen den Beitrag der Frauen zur menschlichen Geschichte.

Annine van der Meer

Van der Meers Vision für das 21. Jahrhundert besteht darin, den akademischen und den spirituellen Feminismus zusammenzuführen, sodass die uralte Weisheit und die Spiritualität der Frauen wieder in den Alltag integriert werden können. Gleichzeitig wird dadurch auch eine Rehabilitation der Kulturen der Urbevölkerungen auf der ganzen Welt möglich, in denen das Weibliche mehr geachtet wird. Das vergessene Weibliche wird ins Bild gerückt, und es entsteht eine „Balance und Verbindung zum Männlichen“ (S. 17), die in die Zukunft weist.

Ich konnte van der Meer nicht immer folgen in ihrer Beurteilung von Gestaltungen mit wenig Busen und Taille als „kindlich“ und „entsexualisiert“ und die Bewertung von runden, kurvigen Formen als weiblich-stolz. Die schlanke Figur wird oft als „jung“ bezeichnet, die füllige soll die reife oder auch alte Frau darstellen, ohne dass das für mich an Gesichtern oder anderen Indizien ablesbar ist. Ich denke, dass auch vor Jahrtausenden Frauen ganz unterschiedliche Körper hatten, und dass es so wie heute auch junge, voluminöse neben alten, schmalen gab. Ohne eine Expertin zu sein, stellt sich mir die Frage, ob die Figuren nicht manchmal auch ein Abbild vielfältiger und gleichwertiger Frauenformen sein können?

Das Werk ist sehr detailliert, aber gut und abwechslungsreich zu lesen. Van der Meer bedient sich eines lebhaften Schreibstils, der die Freude an ihren Erkenntnissen, aber auch den Ärger über Kolleg_innen spürbar werden lässt. Sie verficht ihr Ziel, falsche und unbegründete Interpretationen zu benennen und zu korrigieren, mit großem Engagement und erlaubt sich auch mal den einen oder anderen Sarkasmus. Alles wird durch unzählige Fotos (die meisten von der Autorin selbst aufgenommen), Skizzen und Karten illustriert. Weiß-Rot-Schwarz – die Farben der Großen Göttin – ziehen sich durch die ganze liebevolle Gestaltung der Ausgabe: vom Umschlag, auf dem die 8000 Jahre alte „Lady von Çatal Höyük“ prangt, bis zum Design der einzelnen Seiten und den zwei (!) Lesebändchen. Ausführliche Quellen- und Literaturverzeichnisse fehlen natürlich auch nicht.

Nachdem dieses Buch zunächst auf Niederländisch und dann auch auf Englisch erschienen ist, wurde in der nun vorliegenden deutschen Fassung der Inhalt nochmals überarbeitet und ergänzt, sodass auch ganz aktuelle Forschungserfolge enthalten sind, die unvorstellbare 40.000 Jahre zurückreichen. Es ist ein Gemeinschaftserfolg: Neben der Autorin haben drei Übersetzerinnen und eine Anzahl Sponsorinnen dem kleinen Verlag geholfen, die deutsche Ausgabe Wirklichkeit werden zu lassen.

Mein Fazit: Dieses Buch ist ein Meilenstein der Kulturgeschichte und gehört nicht nur in den Privatgebrauch, sondern auch in alle wissenschaftlichen und kommunalen Bibliotheken!

Annine van der Meer, Die Sprache unsrer Ursprungs-Mutter MA., Die Entwicklung des Frauenbildes in 40 000 Jahren globaler „Venus“-Kunst, Christel Göttert Verlag 2020, 664 Seiten, ca. 1300 farbige Abbildungen und s/w-Skizzen, 69,95 €.

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