beziehungsweise – weiterdenken https://www.bzw-weiterdenken.de Forum für Philosophie und Politik Wed, 16 Jun 2021 11:15:21 +0000 de-DE hourly 1 Kapitel 11: Notwendigkeit und Wertschätzung der Familien- und Hausarbeit https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/06/kapitel-11-notwendigkeit-und-wertschaetzung-der-familien-und-hausarbeit/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/06/kapitel-11-notwendigkeit-und-wertschaetzung-der-familien-und-hausarbeit/#comments Wed, 16 Jun 2021 11:13:52 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17447 Zum 20. Jubiläum der Flugschrift „Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik“ wurde das Büchlein im Christel Göttert Verlag neu aufgelegt und wird hier im Forum auch erstmals online veröffentlicht (hier der Link zum Anfang). Dies ist das 11. Kapitel: Familien- und Hausarbeit

Die Versorgung der Alten und die Versorgung, Erziehung und Ausbildung der Kinder muss jeweils von der mittleren Generation geleistet werden im Austausch dafür, dass sie selbst als Kinder versorgt wurde und später im Alter versorgt werden wird. Zunehmend wird die Versorgung im Rahmen des Generationengefüges über Geld geregelt. Die Kosten für diese Leistungen werden über die Renten- und Pflegeversicherung und teilweise über Steuern aufgebracht.

Die Familienarbeit wird fast ausschließlich von Frauen geleistet, die dafür nicht explizit und auch nicht annähernd angemessen bezahlt werden. So tritt diese Arbeit nach wie vor zu wenig in Erscheinung, obwohl die Frauenbewegung in diesem Punkt Ansätze zu einem Umdenken gezeigt und einige Veränderungen bewirkt hat.

Viel konsequenter als in bisherigen Ansätzen müssen Frauen darauf hinwirken, dass diejenigen, die nicht bereit oder in der Lage sind, sich an dieser Arbeit zu beteiligen, dafür bezahlen. Dies gilt auch für die Wirtschaft, die ebenso im Rahmen des Generationengefüges profitiert wie die einzelnen.

Nicht bezahlt und noch weniger wahrgenommen wird darüber hinaus die ebenfalls größtenteils von Frauen geleistete Hausarbeit, die nicht nur für die Reproduktion der Arbeitskraft notwendig ist und von der nach wie vor vor allem berufstätige Männer befreit sind. Die geringste Wertschätzung erfahren dabei die Arbeiten, die der Erhaltung des Werts und der Schönheit von Dingen dienen: das Aufräumen, Putzen, Waschen, Reparieren und Schmücken.

Den Müttern der Frauenbewegungsgeneration ist es allerdings nicht gelungen, ihren Töchtern den Sinn der Hausarbeits-Tätigkeiten zu vermitteln. Konflikte zwischen Müttern und Töchtern entzündeten sich häufig an diesem Punkt: Die Töchter sahen nicht ein, dass ihre Mütter die auf Dinge bezogenen Hausarbeitsfähigkeiten nicht auch an ihre Söhne weitergaben und weigerten sich deshalb selbst, sie zu erlernen. Sie glaubten eine Zeitlang selbst daran, dass diese Arbeiten durch den wirtschaftlich-technischen Fortschritt überflüssig würden, bevor die Ökologie-Bewegung die negativen Folgen der Wegwerfgesellschaften und damit die Notwendigkeit nachhaltigen Wirtschaftens zur Vermeidung einer ökologischen Katastrophe ins gesellschaftliche Bewusstsein brachte.

Das Wissen um die Bedeutung der Bindung an Dinge und den damit verbundenen Sinn der Pflege von Dingen ist gesellschaftlich verloren gegangen, weshalb trotz Ökologie-Bewegung Hausarbeit und Hausarbeitsfähigkeiten keine Aufwertung erfahren haben. Die ökologische Bewegung ist solange gefährdet, von kapitalistischen Interessen vereinnahmt zu werden, wie sie das zentrale Widerstandsmoment gegen kapitalistische Weltzerstörung nicht wahrnimmt, das im Schaffen, Pflegen und Erhalten der Bindung an Dinge – und damit in der Hausarbeit – liegt.

Aus: Ulrike Wagener, Dorothee Markert, Antje Schrupp, Andrea Günter: Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik. Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim 1999, Neuauflage 2019

]]>
https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/06/kapitel-11-notwendigkeit-und-wertschaetzung-der-familien-und-hausarbeit/feed/ 2
Freiheit, Gleichheit, Selbstausbeutung https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/06/freiheit-gleichheit-selbstausbeutung/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/06/freiheit-gleichheit-selbstausbeutung/#respond Sat, 12 Jun 2021 09:55:21 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17426 Dieser material- und erkenntnissreiche Sammelband kann als Wissensquelle für eine postpandemische Politik des guten und gerechten Zusammenlebens genutzt werden.

Wer sich mit postpatriarchaler Ökonomie befasst, entdeckt immer mehr Fragen auf immer mehr Ebenen, die alle auf  irgendeine Weise damit zusammenhängen, dass der mit Abstand grösste Wirtschaftssektor der un- und unterbezahlten Care-Arbeit in wissenschaftlichen, medialen und Alltagsdiskursen bis heute nicht angemessen wahrgenommen und reflektiert wird:

Wo liegen die Ursprünge dieser eigenartigen Ausblendung? Welche Folgen hat sie für die direkt Beteiligten und für das Zusammenleben aller im verletzlichen Lebensraum Welt? Wie kommt es, dass ein seit Jahren wachsender Pflegenotstand in einer reichen, sich digitalisierenden Gesellschaft bis heute kaum zur monetären und statusmäßigen Besserstellung der Sorgenden und Pflegenden geführt hat? Warum hat sich die Prognose des Ökonomen Jean Fourastié  (1907-1990), es werde aufgrund des technologiegetriebenen Strukturwandels zu einer dauerhaften, qualifizierten Vollbeschäftigung im tertiären Sektor kommen, nicht erfüllt? Mit welchen Arrangements füllen Gesellschaften die Versorgungslücken, die durch die Auflösung traditioneller Familienstrukturen einerseits, die zunehmende Vermarktlichung des Dienstleistungssektors andererseits entstehen? Warum gelingt es den un- und unterbezahlten Care-Arbeitenden insgesamt so schlecht, ihre Interessen zu vertreten und durchzusetzen?  

Wer sich mit postpatriarchaler Ökonomie befasst, freut sich, dass solche Fragen auch andere Leute umtreiben und dass diese Leute sogar schon vor dem Einschnitt der Corona-Pandemie, in der die Frage nach einer sorgenden Gesellschaft unerwartet an Brisanz gewonnen hat, hochkarätige Konferenzen dazu veranstaltet haben. Die Ergebnisse einer dieser Konferenzen (Frankfurt, 30.9./01.10.2019) können jetzt, in aktualisierter Form, als sechstes Jahrbuch der Reihe „Die Wirtschaft der Gesellschaft“ von der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (Heidelberg) und dem Oswald von Nell-Breuning-Institut für Wirtschafts- und Gesellschaftsethik (Frankfurt a.M.) publiziert, als verlässliche Wissensquelle für eine postpandemische Politik des guten und gerechten Zusammenlebens genutzt werden.

In achtzehn Beiträgen vertiefen sich zwölf Wissenschaftlerinnen und neun Wissenschaftler aus Soziologie, Sozialethik, Arbeitswissenschaft, Gerontologie, Volkswirtschaftslehre, Politologie, Familien- und Haushaltswissenschaft in die Analyse der vielfältigen, in lebhafter Bewegung befindlichen Gegenwartslandschaft der Daseinsfürsorge vor allem in Deutschland und Österreich. Zusammen mit zahllosen Verweisen auf abgeschlossene oder laufende Forschungsprojekte vermitteln die Texte den Eindruck einer sich zunehmend vernetzenden Erkenntnisbemühung, die es sich zum Ziel gesetzt hat, ein Gemeinwesen zu entwerfen, in dem Menschen aller Geschlechter und Zugehörigkeiten in Gerechtigkeit und Sicherheit füreinander sorgen.

Das in Belgien erfolgreich praktizierte Modell subventionierter Gutscheine für haushaltsnahe Dienstleistungen (Uta Meier-Gräwe) kommt in diesem interdisziplinären Austausch ebenso zur Sprache wie unterschiedlich (un)geregelte transnationale Sorgeketten (Friederike Bahl, Simone Habel) oder Experimente mit hauswirtschaftlichen Genossenschaften (Anneliese Durst und Ilona Ostner). Gefragt wird nach der Zukunft des Ehrenamts (Tine Haubner), den Gründen für die seltsame Diskrepanz zwischen moralischer Hochschätzung und monetärer Prekarität im Pflegesektor (Stephan Voswinkel), dem gespannten Verhältnis zwischen traditionellen Gewerkschaften und Menschen in Pflegeberufen, insbesondere in der Alterspflege (Wolfgang Schroeder), der problematischen Rolle des Begriffs „Dienstgemeinschaft“ in den kirchlichen Wohlfahrtsverbänden (Karl Gabriel) oder den Mechanismen der Selbstausbeutung in einem zunehmend marktförmig organisierten Care-Gewerbe.  Während die meisten Beiträge sich im Rahmen eines kritischen Reformismus bewegen weisen insbesondere Paul Mason und Gabriele Winker in ihren Texten über die gegebenen Traditionslinien des klassischen Wohlfahrtsstaates hinaus in eine postkapitalistische, grundlegend neu strukturierte Gesellschaft, „in der die Trennung zwischen entlohnter und unentlohnter Arbeit aufgehoben ist und in der es gelingen kann, jenseits von Geld und Tausch die Bedürfnisse von Menschen zu befriedigen.“ (Gabriele Winker, 457)

So kommt am Ende dieser äußerst material- und erkenntnisreichen Textsammlung der „System Change“ in Sicht, eine Perspektive, die, so ist zu hoffen, in naher Zukunft die Bewegung für eine würdige Organisation menschlicher Daseinsfürsorge mit den Bemühungen um ökologische Nachhaltigkeit im Zeichen des Klimawandels zusammenführen wird.      

Bernhard Emunds, Julian Degan, Simone Habel und Jonas Hagedorn (Hg.), Freiheit – Gleichheit – Selbstausbeutung. Zur Zukunft der Sorgearbeit in der Dienstleistungsgesellschaft, Marburg 2021, 462 Seiten, 36,80 Euro.

]]>
https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/06/freiheit-gleichheit-selbstausbeutung/feed/ 0
Aus der Zeit gefallen (7) – Von Klassen, Generationen und anderen Frauen https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/06/aus-der-zeit-gefallen-7-von-klassen-generationen-und-anderen-frauen/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/06/aus-der-zeit-gefallen-7-von-klassen-generationen-und-anderen-frauen/#comments Fri, 04 Jun 2021 07:30:04 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17417

Die Berliner Autorin Anke Stelling, Jahrgang 1971, geboren und aufgewachsen im Schwäbischen lässt in “Bodentiefe Fenster” und “Schäfchen im Trockenen” gleich zwei Alter Egos am erwachsenen Frauen-Leben mit Kindern, politischem und privatem Anspruch und künstlerischem Beruf verzweifeln. Sie thematisiert Geschlechter- und Besitzverhältnisse und trifft damit auch unsere Nerven – aber unterschiedliche.

Auf Einladung von Maria diskutieren Antje, Anne und Kathleen aus der bzw-Redaktion.

]]>
https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/06/aus-der-zeit-gefallen-7-von-klassen-generationen-und-anderen-frauen/feed/ 3
Sorgearbeit fair teilen – oder Sorgekrise überwinden? https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/05/sorgearbeit-fair-teilen-oder-sorgekrise-ueberwinden/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/05/sorgearbeit-fair-teilen-oder-sorgekrise-ueberwinden/#comments Mon, 31 May 2021 08:04:48 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17401 Mit Unterstützung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Jugend und Frauen haben 14 Verbände während der ersten Welle der Corona-Pandemie ein Bündnis gegründet, das sich zum Ziel gesetzt hat, „die Sorgelücke zwischen Frauen und Männern zu schließen“. Träger ist der Deutsche Frauenrat.

Illustration: Elfriede Harth

Zum 28. Mai 2021 – während der dritten Pandemie-Welle – gab das Bündnis eine Pressemeldung heraus unter dem Titel: „Corona-Krise: Wir brauchen einen Aufbruch zu mehr Geschlechtergerechtigkeit!“ Es wird der Internationale Aktionstag für Frauengesundheit, der 28. Mai, zum Anlass genommen, zu beklagen, dass die Pandemie die Gesundheit von Frauen besonders gefährdet bzw. angegriffen habe. Und als Grund dafür wird die Verschärfung der Zweifach- und Dreifachbelastung von Frauen durch die Corona-Krise gesehen.

Schon vor der Pandemie litten Frauen unter Zwei- und Dreifachbelastung.  Denn Frauen müssen, wie es auch von Männern erwartet wird und bei diesen die Regel ist, zuallererst für ihren Lebensunterhalt und ihre finanzielle Absicherung im Alter eine Erwerbstätigkeit ausüben. Neben dieser existenziellen Notwendigkeit obliegt es den Frauen vielfach zusätzlich noch, den Haushalt zu führen, also eine zweite Arbeitsschicht zu bewältigen, und sich im Falle einer Mutterschaft um Kinder zu kümmern, was zu einer dritten Arbeitsschicht führt. Statt Kinder – manchmal auch noch zusätzlich zu Kindern – können es auch Kranke und Pflegebedürftige sein, die daheim gepflegt werden (müssen). Nur eine Minderheit der Frauen mit hohem Einkommen kann diese zweite und dritte Arbeitsschicht delegieren. Und zwar häufig an eine andere Frau, die meistens dann einen migrantischem Hintergrund hat.

Leben Frauen in einer Ehe oder Partnerschaft, wird die zweite und dritte Arbeitsschicht zwar zum Teil unter beiden Partner:innen aufgeteilt, aber immer noch selten zu gleichen Teilen. Männer sind generell öfter bereit, mehr Zeit in die Erwerbsarbeitsschicht zu stecken als Frauen. Wird Frauen die Zweifach- oder Dreifachbelastung zu schwer, entscheiden sie sich dann eher als Männer dafür, ihre erste Arbeitsschicht zugunsten der zweiten und dritten zu verringern oder gar ganz aufzugeben. Das führt zu finanziellen Einbußen, da nur die erste Arbeitsschicht, nämlich die Erwerbsarbeitsschicht, entlohnt wird. Die anderen beiden Tätigkeiten werden weitgehend als rein private Angelegenheit betrachtet.

Geld verdienen, um Miete und Brot zu bezahlen, müssen alle. Aber ist nicht jede:r frei, sich dafür oder dagegen zu entscheiden, sich „Kinder anzuschaffen“ oder Angehörige zu pflegen?

Die Antwort ist: leider nein! Wenn nicht schon durch Brauch und Moral, so ist der Generationenvertrag klar in unserer Gesetzgebung verankert. Eltern – und zuallererst die Person, die ein Kind gebiert – tragen die volle Verantwortung für ihr Kind (Art. 6 GG, art. 27 UN Kinderrechtskonvention). Aber auch die Verantwortung von erwachsenen Kinder ihren alten Eltern gegenüber ist als Pflicht genau gesetzlich geregelt (§ 1601 ff BGB).

Es ist also nur eine logische Schlussfolgerung, dass Frauenrechtsorganisationen jetzt, wo die Gesundheit vieler Frauen wegen einer akuten Verschärfung der Zwei- bzw. Dreifachbelastung in unserer (neoliberalen) Gesellschaft gefährdet oder beeinträchtigt wurde, von der Politik fordern, Rahmenbedingungen zu schaffen, die Frauen entlasten.

Die Forderungen, die nun das Bündnis „Sorgearbeit fair teilen“ am Internationalen Aktionstag Frauengesundheit stellt, sind jedoch schlicht enttäuschend. Was als Problem im Privatleben von Menschen diagnostiziert wird, soll privat von den Betroffenen und auf deren Kosten gelöst werden. Es sollen Männer einen „fairen Teil“ der (unbezahlten) zweiten und dritten Arbeitsschicht übernehmen, damit Frauen sich stressfreier der ersten Arbeitsschicht widmen können. Damit sie so „berufliche Entfaltung“ erfahren. Die Preisfrage, die sich stellt, ist: Wie soll die Politik Männer dazu bekommen, diese ihrer eigenen beruflichen Entfaltung im Weg stehenden Tätigkeiten zu übernehmen?

(Zwischenfrage: Warum nur gründen Menschen Familien und warum bekommen Menschen Kinder, wenn alles damit Verbundene belastet und anscheinend kein Terrain für persönliche Entfaltung bietet? Wenn es dagegen nur die berufliche Entfaltung behindert?)

Was sind also die konkreten Vorschläge des Bündnisses?

Erstens: Eine Steuerreform, nämlich die Abschaffung des Ehegattensplittings. Dadurch sollen verheiratete Frauen davon abgehalten werden, auf eine mögliche „berufliche Entfaltung“ in einer Erwerbstätigkeit zu verzichten, und sich legitim weigern können, Zeit in die anderen – als problematisch betrachteten – zwei Schichten zu stecken.

Allerdings: Für unverheiratete Frauen greift das Ehegattensplitting nicht. Und auch für Menschen und Haushalte, die aufgrund von Armut keine Einkommensteuern zahlen (Hartz IV-Empfänger:innen zum Beispiel) ist eine solche Reform irrelevant. Sie erhalten ja auch kein Kindergeld, kein Elterngeld und – sollte es denn mal eingeführt werden – vermutlich auch kein Pflegegeld. Diese Menschen werden, auch wenn sie unbezahlt gesellschaftlich notwendige Tätigkeiten erbringen und sich etwa um Kinder oder Pflegebedürftige kümmern, als Sozialschmarotzer:innen betrachtet, die auf Kosten der Erwerbstätigen leben.

Zweitens: Es sollen Männer, ganz gleichgültig über welches Erwerbseinkommen sie verfügen, ihre Erwerbsarbeitszeit (und somit ihr Einkommen) verringern, damit sie mehr Zeit für unbezahlte Sorgearbeit haben. Sollen also Männer genau das tun, wovon Frauen dringend abgeraten wird? Nämlich Teilzeit arbeiten, obwohl damit Altersarmut vorprogrammiert ist? Zumal Teilzeit eher in weniger gut vergüteten Berufen möglich ist.

Woher der Mann kommen soll, mit dem Alleinerziehende die unterschiedlichen Formen von Arbeit teilen sollen, bleibt ebenfalls ein Rätsel.

Um noch einmal die Anfänge des Internationalen Aktionstags Frauengesundheit in Erinnerung zu rufen: Er wurde 1987 von der UNO ausgerufen. Frauenorganisationen aus dem Globalen Süden (Lateinamerika und Karibik) hatten sich stark gemacht für einen Aktionstag für frauenspezifische Gesundheitsfragen, die mit dem Recht auf körperliche Selbstbestimmung von Frauen zusammenhängen: Recht auf Sexualaufklärung, Recht auf Verhütungsmittel, straffreier Zugang zu Schwangerschaftsabbruch, um Muttersterblichkeit zu verhindern, Vorsorge für Brust-, Gebärmutter- und Eierstockkrebsm aber auch fachliche Betreuung während Schwangerschaft und Geburt und das Recht auf ein Leben frei von (sexueller) Gewalt (denn Gewalt kann lebensbedrohend sein).

Zwar sind in Deutschland und zum Teil auch in Europa viele diese Forderungen inzwischen mehr oder weniger erfüllt, aber die Paragrafen 218 und 219 zum Beispiel stehen immer noch im Strafgesetzbuch. Wegen des Abrechnungssystems der Fallpauschalen schließen immer mehr Geburtsstationen „aufgrund mangelnder Rentabilität“, sodass Gebärende selbst in Großstädten oft Schwierigkeiten haben, in der Nähe ihrer Wohnung niederkommen zu können. Obstetrische Gewalt, also Gewalt bei der Geburtshilfe, nimmt aus eben diesem Grund zu: Eine Geburt, die länger als fünf Stunden dauert, ist im Fallpauschalenregime „unrentabel“. Gebärende werden medizinisch entmündigt: Die Rate der medizinischen Interventionen und besonders der Kaiserschnittgeburten steigt. Hebammen klagen über Überlastung, weil die Eins-zu-eins-Betreuung von Gebärenden im Kreißsaal nicht möglich ist. Freischaffende Hebammen werden mit immer teureren Versicherungsforderungen regelrecht aus dem Beruf gedrängt. Und während der Pandemie hat die häusliche Gewalt gegen Frauen und Kinder zugenommen, und viele Vorsorgeuntersuchungen wurden wegen Corona nicht oder nicht rechtzeitig durchgeführt. Leider ist von all diesen drängenden Problemen nichts in der Pressemeldung zum Aktionstag Frauengesundheit zu finden.

Es ist erwiesen, dass die Zweifach- und Dreifachbelastung von Frauen, und ihre Verschärfung erst recht, zu psychischen und physischen Gefährdungen führt. Das ist genau, was als „Care-Krise“ verstanden wird. Das Bündnis „Care Revolution“ fordert daher schon lange:

1. Eine Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit (für alle) auf maximal 30 Wochenstunden bei vollem Lohnausgleich, damit alle Menschen Zeit haben, sich an der notwendigen Sorgearbeit zu beteiligen und sich somit die Vielfachbelastungen verringern.

2. Den massivem Ausbau von Infrastrukturen öffentlicher Daseinsvorsorge (bezahlbare Wohnungen, kostenloser ÖPNV, gute und inklusive Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit, gute Gesundheitsversorgung, gute Pflegeeinrichtungen und vieles mehr), damit Menschen mit Sorgeverantwortung die notwendige Unterstützung und Entlastung erhalten.

3. Eine Erhöhung des Personals und die Vergesellschaftung von Krankenhäusern und Pflegeheimen, damit dort alle gut versorgt werden und die Carearbeitenden ihre Arbeit ihren Ansprüchen entsprechend gut machen können.

4. Allgemeinverbindliche Tarifverträge in allen Careberufen, damit Menschen, die diese notwendigen Berufe ausüben, entsprechend dem gesellschaftlichen Wert ihrer Arbeit entlohnt werden. Für (migrantische) Betreuer:innen in Privathaushalten muss es gesetzlich geregelte, angemessene Löhne, Sozialversicherung und Arbeitszeiten geben.

5. Den Aufbau von kommunalen und überregionalen Care-Räten, damit Menschen entsprechend ihren Bedürfnisse entscheiden können, welche Unterstützung sie haben möchten.

6. Die Einführung eines personenbezogenen, existenzsichernden Bedingungslosen Grundeinkommens, damit alle Menschen jederzeit auf eine gesicherte Existenz vertrauen können und angstrfei zwischen Job, Sorgeaufgaben und sozialem und politischem Engagement wählen können.

Diese Punkte, die schon lange vor der Pandemie erarbeitet wurden, sind erst recht für die Zeit danach wichtig. Denn jetzt ist die Care-Krise endlich für alle sichtbar geworden.

Für die Gesundheit der Menschen ist jedoch auch noch anderes, zum Beispiel die Klimafrage zentral. Deshalb hat sich sich die „Care Revolution“ in der Pandemie mit anderen Organisationen vernetzt in der Kampagne #PlatzFürSorge.

Um es mit „Fridays for Future“ zu sagen: Wir brauchen „System change, nicht climate change“! Und wir brauchen das nicht nur in Deutschland, sondern global. Das hat Corona als globale Pandemie ebenfalls klar gezeigt. Auch aus einer Care-Perspektive ist deshalb die die Auflösung aller Lager und ein Recht auf Familiennachzug für Geflüchtete zu fordern.

Letztlich fließen all diese unterschiedlichen Aspekte in einem grundlegenden Gedanken zusammen:

Alle Menschen haben ein Recht auf Familie, ein Recht darauf, gemeinsam zu leben und sich umeinander kümmern zu können.

]]>
https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/05/sorgearbeit-fair-teilen-oder-sorgekrise-ueberwinden/feed/ 6
Sich verletzbar schreiben https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/05/sich-verletzbar-schreiben/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/05/sich-verletzbar-schreiben/#comments Fri, 28 May 2021 23:17:31 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17373 Wieviel Persönliches geben AutorInnen beim Schreiben über sich preis? Und wo ist die Grenze, wenn es um psychische Krankheiten oder persönliche Verletzungen geht? Diesen und anderen Fragen gingen AutorInnen und LiteraturwissenschaftlerInnen kürzlich in der Diskussionsreihe „Mental Health und Literatur“ nach. Sie wurde vom Literaturforum im Brecht-Haus veranstaltet und fand Ende April in Form von Podiumsdiskussionen und Lesungen statt. Besonders eindrücklich fand ich den Programmpunkt „Verletzbarkeit als emanzipatorische Praxis“ mit Paula Fürstenberg, Lea Schneider und David Wagner. Verletzbarkeit, was für ein Wort im Vergleich zur Verletzlichkeit! Ich sehe es praktisch vor mir, wie ein verletzliches Pflänzchen klein und zart dasteht und hofft, dass es irgendwie durchkommt, wenn überhaupt. Und auf der anderen Seite die starke Frau, die ihre Rüstung ablegt und allen zeigt, was ihr wichtig ist und wo sie verletzbar ist.

Das Thema hat mich stark an unser Schreiben hier auf bzw-weiterdenken erinnert, bei dem wir oft von uns selbst ausgehen und Persönliches preisgeben. Und abwägen, ob es nicht zu persönlich ist, zu heikel vielleicht. Und ehe ich den Gedanken richtig gefasst hatte, wurden in der Diskussion auch schon die Italienischen Denkerinnen genannt, an deren Tradition wir mit unserer Art des Denkens und Schreibens ja anknüpfen.

Nochmal zurück zur Wortwahl: Bei Verletzbarkeit geht man davon aus, dass es jemanden gibt, der verletzen könnte, denkt die LeserInnenschaft schon mit. „Kann ich das jetzt schreiben? Und falls ja, mit welchen Reaktionen muss ich rechnen? Halte ich diese Reaktionen aus? Wenn nein, lieber nicht schreiben.“ Schade, Denkblockade, hier geht es leider nicht weiter.

Bild: Kathleen Oehlke

Wenn wir die Welt verstehen wollen, können wir die persönliche Ebene nicht ausblenden, denn wir gehören ja zur Welt. Wir wollen doch verstehen, was strukturelle Probleme sind, was persönliche Prägungen, wie die miteinander verwoben sind. Wenn wir ableiten wollen, wie ein gutes Leben für alle gelingen kann, werden wir das aufdröseln müssen.Die öffentliche Seite, nun gut, die lässt sich auch aus einer gewissen Distanz noch ganz gut durchdenken. Aber die persönliche, psychologische Ebene, die geht ans Eingemachte. Und wir brauchen das Reden über diese Seite. Sonst wäre es, als würde man ums Problem kreisen und genau, wenn es spannend wird, doch wieder abbiegen. Weil: Das ist zu persönlich, zu privat. Womöglich hat es mit dem Elternhaus zu tun, und man möchte ja auch niemandem auf den Schlips treten, also warten, bis die Eltern tot sind, aber dann haben sie ja noch immer mich geprägt. Also warten, bis ich tot bin, aber dann kann ich nicht mehr denken. Also alles heimlich aufschreiben und hoffen, dass es jemand findet und posthum veröffentlicht oder zumindest in die Debatten einbringt. Und dann dauern Veränderungsprozesse eben mal schnell mehrere Generationen. Man schützt sich so vielleicht selbst vor Verletzungen, aber Emanzipation ist so nicht zu haben.

]]>
https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/05/sich-verletzbar-schreiben/feed/ 3
Die Politik der Frauen ist Politik https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/05/frauenpolitik-ist-politik/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/05/frauenpolitik-ist-politik/#comments Mon, 24 May 2021 10:34:10 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17366 Diesen Text schrieb Lia Cigarini als Einführung für eine Redaktionskonferenz der Online-Zeitung „Via Dogana“ des Mailänder Frauenbuchladens im April 2021. Mit ihrer Erlaubnis stellen wir ihre Gedanken auch in diesem Forum zur Diskussion. Übersetzung: Antje Schrupp

Ich will mit drei Zitaten beginnen, die meiner Meinung nach für die Geschichte der Politik der Differenz von grundlegender Bedeutung sind.

Das erste stammt von Carla Lonzi in „Wir pfeifen auf Hegel“ (1970): „Die weibliche Differenz besteht in der jahrtausendelangen Abwesenheit der Frau aus der Geschichte. Machen wir uns diesen Unterschied zunutze: Wenn die Integration der Frau erst einmal erreicht ist, wer weiß, wie viele Jahrtausende nötig sein werden, um dieses neue Joch abzuschütteln?“

Das zweite ist eine Erklärung der Dienstagsgruppe der Arbeitskammer von Brescia aus einem Text, den sie im goldenen Sottosopra „Ein Faden vom Glück“ von 1989 veröffentlicht haben. Ich zitiere: „Es fällt uns schwer zu analysieren, woher unsere Stärke letztendlich kommt. Ihre Quelle ist weiblich, das ist sicher, aber diese Einsicht ist oberflächlich und mittlerweile längst bekannt. Wir stellen keine Ansprüche oder Forderungen an die Gewerkschaft. Sondern wir wollen eine Gewerkschaft von Frauen und Männern sein, eine Gewerkschaft, die die sexuelle Differenz auf allen Ebenen berücksichtigt. Wenn wir zulassen, dass die sexuelle Differenz auf eine bloße mathematische Formel reduziert wird, auf eine gleichmäßige Präsenz der Geschlechter, vergeben wir die Möglichkeit, einen Konflikt auszutragen, der politisch ist.“

Das dritte Zitat schließlich findet sich in der ersten Ausgabe der zweiten Serie der Printzeitung Via Dogana (1991) mit dem Titel „Politik ist die Politik der Frauen“. Ich zitiere: „Jetzt stehen wir vor einer neuen Herausforderung, und zwar der, den Dualismus zu beenden, wonach Frauenpolitik eine Politik sei, die neben jene andere angeblich männliche oder neutrale tritt, und stattdessen eine echte Politik der sexuellen Differenz hervorzubringen.”

Es gibt noch mehr Möglichkeiten, das zu verstehen. Das vorhandene Gebäude aufzuteilen und sich neben den Männern zu deren Bedingungen einzurichten, ist, wie Carla Lonzi geschrieben hat, sicherlich der falsche Weg.

Aber wo liegt der Fehler? Wir haben selbst gesagt: Die Geschlechter sind zwei, die Welt ist eine. Vielleicht lag der Fehler in der Theorie der Partialität. Es war richtig, die Idee der Partialität vorzubringen, um den männlichen Universalismus zu kritisieren, der nicht nur die sexuelle Differenz, sondern auch die Existenz von Frauen als solche auslöschte. Doch dann wurde dieses Konzept der Parteilichkeit auf das Frausein selbst und auf die Frauenpolitik angewendet und diese als etwas Partikulares (im Sinne von Teilbereich der Politik”) dargestellt. Und das ist falsch.

Um es zusammenzufassen: Die Politik der sexuellen Differenz tritt nicht dafür ein, dass Frauen und Männern sich gegenseitig begrenzen. Sondern sie will eine Realität denken und freiheitlich gestalten, in der es sowohl Frauen als auch Männer gibt.

In den vergangenen Jahren, und ich würde sagen verstärkt seit der Krise von 2008, ist viel über den Tod und das Sterben der Politik gesprochen worden.

Ich möchte nachdrücklich betonen, dass es die männliche Politik ist, die sich in einer Krise befindet. Dies auszusprechen, gibt nicht nur den Blick frei auf die Politik der Frauen, sondern auch darauf, wie unzulänglich die Antwort ist, die die Männer bislang auf die Krise gegeben haben. Sie haben es nicht vermocht, sich mit der notwendigen Klarsicht am Konflikt zwischen den Geschlechtern zu beteiligen. Die überwiegende Mehrheit der Männer hat sich stattdessen einem zunehmend ungezügelten Narzissmus verschrieben. Schon seit den 1970er Jahren hat die männliche Politik angefangen, sich aufzulösen, und die ehemals reiche politische Sprache zu verlieren, die Kultur hervorbringt und auf diese Weise auch die Teilnehmer am politischen Diskurs kultiviert. Demgegenüber verweise ich auf den sprachlichen Reichtum der Politik der Differenz, die seit den frühen 1970er Jahren weibliche Narrative geprägt hat. Aus ihr sind Vorschläge und Früchte erwachsen, genauso wie aus den Beziehungen mit Künstlerinnen, Historikerinnen, Wissenschaftlerinnen, kurz gesagt, es fand eine gegenseitige Befruchtung statt.

Mit der politischen Praxis, die wir nach und nach geschaffen haben – zum Beispiel Frauenorte und so weiter – haben wir auch theoretische Einsichten gewonnen. Drei Beispiele: Das erste betrifft die Beziehung zwischen Subjekt und Objekt. Wir haben verstanden, dass ihre Trennung künstlich ist und dass es trügerisch ist, sich Ziele zu setzen, bevor man sie selbst erprobt hat. Zweitens haben wir verstanden, dass das Begehren im Grunde kein Objekt hat, auf das es gerichtet ist. Das Begehren ist die wichtigste Essenz des Menschen. Das dritte Beispiel betrifft die Gesetze. Es wird oft fälschlicherweise angenommen, Probleme des persönlichen Lebens und der Geschlechterverhältnisse könnten per Gesetz gelöst werden. Aber bei diesen Dingen setzt sich das Gesetz nicht durch. Das Gesetz stiftet keine Wahrheit, im Gegenteil, es stiftet Verwirrung. Dieses Wissen hat eine Grundidee nahegelegt: Man kann Menschen nicht gleichstellen, indem man Gesetze macht, die für alle gleich sind. Das klingt paradox, ist in Wahrheit aber nur die Einsicht in die persönliche Einzigartigkeit aller Menschen.

Nur sehr wenige Männer haben sich mit dem politischen Denken und Handeln von Frauen auseinandergesetzt. Ich nenne nur ein aktuelles Beispiel aus der italienischen Tagespolitik, das deutlich macht, wie taub manche Männer gegenüber einer Politik der Differenz sind: Weil seine Partei keine Frauen für die Ministerämter vorgeschlagen hatte, hat Enrico Letta, Sekretär der PD (Sozialdemokraten), angekündigt, er wolle nun jeweils eine Frau für das Amt des Fraktionspräsidenten und als Unterstaatssekretärin vorschlagen, damit man in Europa nicht wieder mal einen schlechten Eindruck hinterlässt. Auf das Elend dieser Argumentation von Letta hat eine politische Klasse, die offenbar nichts über die Kämpfe der Frauen und den Feminismus weiß (außer Quoten, wenn Posten zu verteilen sind) keinerlei nennenswerte Reaktion gezeigt. Die Frauen der Partei haben sich nur untereinander gestritten.

Während der Pandemie haben viele davon gesprochen, dass ein zivilisatorischer Wandel notwendig sei (auch wenn sie dabei nicht an die Freiheit der Frauen gedacht haben und den Konflikt zwischen den Geschlechtern beiseiteschieben), und zwar aus zwei Gründen: wegen der ökologischen Zerstörung des Planeten Erde und wegen der Ungerechtigkeit bei der Verteilung des Reichtums. Im Wesentlichen kann man sagen, dass der Kapitalismus in technologischer Hinsicht gesiegt hat, dabei jedoch unerträgliche Ungleichheiten geschaffen hat. Ich bin der Ansicht, dass es möglich ist, erste Schritte eines Weges aufzuzeigen, den nur die Politik der Differenz mit ihrer Praxis des Von-sich selbst-Ausgehens und der Beziehungen gehen kann, der aber diejenigen Männer mit einbezieht, die wissen, dass die Männerpolitik und deren Parteien und Institutionen auf der Vorstellung von Identität Beruhen und mit der heutigen Realität nicht in Einklang zu bringen sind.

Schon seit den 1990er Jahren hat sich die Politik der Differenz zu Wort gemeldet und einen zivilisatorischen Wandel gefordert. 1997 schrieb ich in einem Text mit dem Titel „Ein expliziter Konflikt“: „Dieser Zivilisations-Übergang wird von einem Geschlecht vorangetrieben, das unerkannt ist, weil die weibliche Differenz außerhalb der gängigen Interpretationskategorien steht. … Die Gleichheit definiert ein Feld von Werten und Zielen, die erreicht werden sollen: Gleichheit in Bezug auf Gehalt, Karriere, Rechte usw. Die Differenz hingegen nicht. Sie gibt nur Hebel an die Hand, mit deren Hilfe sich die symbolische Ordnung verstehen und brechen lässt: das Von-sich-selbst-Ausgehen und die Politik der Beziehungen anstelle von Organisation und Repräsentation. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Differenz, obwohl sie eine tiefgreifende Erfahrung jeder Frau ist, sich ihrer Erfassung und Interpretation entzieht. Ich glaube, das liegt an einer Zurückhaltung, sie anzunehmen und in der Welt zum Zirkulieren zu bringen, aus ihr eine politische und nicht nur innerliche Tatsache zu machen.“

Das haben wir uns damals gedacht. Jetzt füge ich hinzu, dass die Aussage von Carla Lonzi zu einer Prophezeiung geworden ist: Wir haben als Frauen von der Differenz profitiert.

Eine Untersuchung der Zeitschrift Internazionale Nr. 1399 vom 11. März 2021 berichtet, dass Mädchen Kraft schöpfen aus der Gruppe ihrer Freundinnen, mit denen sie Erfahrungen, Emotionen und Urteile darüber teilen, was in der Welt geschieht. Das heißt, sie sind sich ihrer selbst bewusst. Und vor allem nennen sie ihre Mütter als Vorbilder. Sie sind frei.

Auch eine kürzlich vom Corriere della Sera veröffentlichte Umfrage zeigt, dass die Beziehungen zwischen Töchtern und Müttern gut sind. Andererseits erinnere ich mich daran, dass sich mein Gefühl in Bezug auf meine Mutter veränderte, nachdem wir in meiner Consciousness-Raising-Gruppe über unsere Erfahrungen, auch die intimsten, gesprochen hatten und so das Patriarchat dekonstruierten.

Wir haben also ein weibliches Symbolisches geschaffen: ein „Unter Frauen“, das zur symbolischen Struktur geworden ist, aus der wir Kraft schöpfen, so wie die weibliche Genealogie, also das Vertrauensverhältnis zu einer Frau, die vor dir zur Welt gekommen ist, und die dein Begehren unterstützen kann.

Schließlich: die Beziehung zur Mutter als Figur der Vermittlung unter Frauen. Und ich füge hinzu: auch als Vermittlung mit den Männern. Und eine mögliche Vermittlung zwischen Männern und Frauen.

Während ich über diese Dinge nachdachte, erinnerte ich mich an einen Briefwechsel mit einem Freund, Dino Leon, einem geschätzten Juristen, über die Politik der Differenz. In einem Brief schrieb er: „Ich denke, dass etwas (ich weiß nicht wie viel) auch an das männliche Kind weitergegeben werden kann. Seine Mutter bringt auch ihm das Sprechen bei.“

Fast alle Männer, die sich der Politik der Differenz zugewandt haben, weisen darauf hin, dass die Beziehung zur Mutter eine Vermittlung für die Beziehungen zwischen Frauen und Männern sein kann. Während der Metoo-Debatten sagte etwas Ähnliches sogar ein bekannter italienischer Sänger, an dessen Namen ich mich nicht erinnere, in einem Interview mit dem Corriere: „Wenn Sie eine gute Beziehung zu Ihrer Mutter haben, respektieren Sie Frauen.“

Ich sehe in diesen einfachen Worten ein Prinzip der Vermittlung für eine Politik von Frauen und Männern, das der demütigenden, irreführenden und obsessiven Forderung von Berufspolitiker:innen nach Gleichheit ein Ende setzt. Aber ich sehe ein noch ehrgeizigeres Ziel darin. Nämlich dass die Politik der Differenz von Frauen und Männern erste Schritte zur Bekämpfung der ökologischen Zerstörung des Planeten Erde weisen und das ständige Wachsen sozialer Ungerechtigkeiten beenden kann.

]]>
https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/05/frauenpolitik-ist-politik/feed/ 2
Die Kundin: Dokumentarfilm über das Leben und Wirken von Marlies Krämer https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/05/die-kundin-dokumentarfilm-ueber-das-leben-und-wirken-von-marlies-kraemer/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/05/die-kundin-dokumentarfilm-ueber-das-leben-und-wirken-von-marlies-kraemer/#comments Thu, 20 May 2021 07:09:34 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17360

Marlies Krämer aus Sulzbach im Saarland ist eine streitbare Feministin: Sie kämpfte erfolgreich für die Bezeichnung Inhaberin im Personalausweis. Bisher noch ohne Erfolg blieb ihr Gerichtsverfahren für die Anrede als Kundin und Kontoinhaberin bei der Sparkasse Saarbrücken, das sie bis zum Bundesgerichtshof brachte. Daneben ist sie Schriftstellerin, Dichterin und vor allem feministische Netzwerkerin und Aktivistin, zuletzt für die Anerkennung von Sorgearbeit.

Nun gibt es einen Dokumentarfilm über sie. Regisseur Camilo Berstecher Barrero ist begeistert von seiner 80-jährigen Hauptfigur. Er porträtiert diese engagierte Frau und ihr im besten Sinne eigenwilliges Leben sehr liebevoll und zeigt, wie sie auch in Kleinigkeiten konsequent handelt. So wuchsen mir Marlies Krämer und ihr tapferer Kampf ans Herz, trotz meiner anfänglichen Skepsis, weil ich sie als anstrengend in Erinnerung hatte. Das Anstrengende und Nervige gehört wohl dazu, wenn eine Frau gegen viele Hindernisse und Widerstände etwas erreichen will.

Der deutsch-kolumbianische Regisseur verließ seine Heimat aus politischen Gründen. Er engagiert sich in der Kulturpolitik und studiert an der Hochschule der Bildenden Künste Saar in Saarbrücken. „Die Kundin“ ist sein erster langer Dokumentarfilm. Er ist nominiert für den Megaherz Student Award.

Achtung: Dieser Film ist nur noch bis Sonntag, 23. Mai, zu sehen! Er kann über die Webseite des Münchner Filmfestivals gestreamt werden, das Online-Ticket kostet 6 Euro.

Website über den Film “Die Kundin” bei der HBK Saar
Film “Die Kundin” von Camilo Berstecher Carrero beim Dokfest München

]]>
https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/05/die-kundin-dokumentarfilm-ueber-das-leben-und-wirken-von-marlies-kraemer/feed/ 3
Kapitel 10: Reichtum und Armut als Beziehungsfragen https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/05/kapitel-10-reichtum-und-armut-als-beziehungsfragen/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/05/kapitel-10-reichtum-und-armut-als-beziehungsfragen/#comments Tue, 18 May 2021 07:45:18 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17350 Zum 20. Jubiläum der Flugschrift „Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik“ wurde das Büchlein im Christel Göttert Verlag neu aufgelegt und wird hier im Forum auch erstmals online veröffentlicht (hier der Link zum Anfang). Dies ist das 10. Kapitel: Reichtum und Armut

Die Armut, so heißt es, ist immer noch weiblich. Dies ist richtig, insofern Frauen weltweit weniger Verfügung über Geld und Eigentum haben als Männer. Aber: Frauen sind reich an Fähigkeiten und Dingen zur Bereicherung des Lebens, reich an Freiheit, an Lebensweisheit und Überlebensstrategien, reich an Beziehungen. Wir weisen deshalb einen Reichtumsbegriff zurück, der sich auf das Materielle und Zählbare beschränkt. Vielmehr ist Reichtum das, was zur Bereicherung des Lebens beiträgt.

Flugschrift
Flugschrift “Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn”

Weiblicher Reichtum bedeutet Fülle und Lebensqualität, die aus der Mitte der Wirtschaft erwächst – und mit diesen Reichtümern wollen Frauen verschwenderisch umgehen. Geld allein macht nicht reich, es ist jedoch ein Mittel, um schöne Dinge zu erwerben – und die Bindung an schöne Dinge, die mir wertvoll und kostbar sind, stellt ein Stück Reichtum und Lebensqualität dar. Dass Reichtum nicht mit Geld und der Quantität des Besitzes gleichzusetzen ist, zeigt interessanterweise die Werbung, die bevorzugt Bilder von gelingenden Beziehungen präsentiert.

Armut entsteht durch Vereinzelung, indem die Verfügung über gesellschaftlichen Reichtum individualisiert wird. Armut in den „reichen“ Ländern steht häufig in Zusammenhang mit dem Scheitern von Beziehungen: So berichten Obdachlose, dass am Anfang ihres Abstiegs meist das Ende einer wichtigen Beziehung stand.

Nicht Reichtum stellt ein Problem für das Zusammenleben dar, sondern Habgier, die in vielen Gestalten und unter vielerlei Namen Motor einer neoliberal-kapitalistischen Marktwirtschaft ist und die gleichfalls beinhaltet, aus dem gegenseitigen Tausch auszusteigen. Der gegenwärtige Stand der Entwicklung des Kapitalismus entzieht den Reichtum den menschlichen Tauschbeziehungen, indem das Geld vom Tauschmittel zum Selbstzweck wird: In der globalen Kapitalspekulation dient Geld nicht mehr zum Erwerb sinnvoller Dinge, sondern stattdessen zum Gewinn von mehr Geld. Das Geld wird selbst zum Ding – dies ist die Seite, in der sich Habgier strukturell zeigt.

Die Bindung an Dinge wird von der kapitalistischen Wirtschaft zerstört, da sie ihren Interessen entgegensteht. Die Bindung an Lebensorte wie auch Arbeitsplätze widerspricht den kapitalistischen Imperativen der Mobilität und Flexibilität; die Bindung an konkrete Dinge wird aufgebrochen, um das unermüdliche Kaufen, Konsumieren und Wegwerfen in Gang zu halten.

Damit bringt die kapitalistische Wirtschaftsweise eine neue Art von Armut hervor, die nichts mehr zu tun hat mit der Armut, die beispielsweise an mehrfach geflickter Kleidung zu erkennen war. Ihr wesentliches Kennzeichen ist die zerstörte oder nicht erlernte Bindung an Dinge. Dieser Armut ist mit (mehr) Geld allein nicht abzuhelfen. Wer selbst keine Bindung an Dinge entwickeln konnte, hat auch keinen Respekt vor der Bindung der anderen an Dinge, die ihnen lieb sind.

Wir erleben, wie Kinder und Jugendliche häufig untereinander vereiteln, dass bei einem von ihnen Bindung an Dinge entstehen oder erhalten bleiben kann, indem sie durch Spott bis hin zur absichtlichen Zerstörung von Gegenständen bei andern unmöglich machen, was ihnen selbst vorenthalten wurde. Oder sie hierarchisieren die Wertigkeit der verschiedenen Dinge — entlang von Markennamen, gehorchen also der patriarchal-kapitalistischen Logik des Hierarchisierens und Trennens.

Aus: Ulrike Wagener, Dorothee Markert, Antje Schrupp, Andrea Günter: Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik. Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim 1999, Neuauflage 2019

Weiter zum Kapitel 11: Notwendigkeit und Wertschätzung der Familien- und Hausarbeit

]]>
https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/05/kapitel-10-reichtum-und-armut-als-beziehungsfragen/feed/ 7
Who writes HERstory? https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/05/who-writes-herstory/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/05/who-writes-herstory/#comments Wed, 12 May 2021 09:52:28 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17304
Gestaltung der Graphik: Katharina Koch (www.instagram.com/kaelko)

„Who writes HERstory? WE DO“ prangte wochenlang auf der Litfaßsäule gegenüber. Lange wusste ich nicht, wer da schreibt, und was genau. Frauengeschichte, das dachte ich mir schon, aber sonst? Ich war neugierig.

Schließlich fand ich heraus, dass es ein Aufruf zu einem Edit-a-thon war, einem Online-Workshop, bei dem die Datenlücke zwischen den Geschlechtern bei Wikipedia durch gemeinsame Einträge geschlossen oder zumindest verkleinert werden soll. Also darum, Frauen auf Wikipedia sichtbar zu machen. Für mich kam diese Erkenntnis, was diese Veranstaltung betrifft, zu spät, ich hatte an dem Termin schon andere Pläne. Seitdem ließ mich die Idee nicht mehr los. Immer wieder überlegte ich, welche Frau in Wikipedia so sehr fehlt, dass ich sie dringend ergänzen will.

Dringend deshalb, weil es eine Hürde für mich gab. Der unterstützende Workshop war vorbei und ich nicht besonders computeraffin − und so fürchtete ich die männlichen Nerds, die sich bei Wikipedia tummeln. Tatsächlich gibt es bei Wikipedia natürlich auch einige Frauen und sogar feministische Projekte, die ich allerdings erst später entdeckte. Mein allererster Schritt auf Wikipedia war eine kleine Ergänzung beim Artikel über Ina Praetorius. Die neu geschenkte Festschrift Dass die Welt wohnlich für alle wird fügte ich als Literatur über sie ein. Dann fand ich zwei Frauen, über die ich schreiben wollte – beziehungsweise ich fand sie eben nicht auf Wikipedia.

Rita Laura Segato, die ich im Februar bei einer Online-Konferenz von Medico erlebte, ist eine argentinisch-brasilianische Anthropologin und Feministin, deren Buch Wider die Gewalt über Feminismus und Kolonialismuskritik im Mai erscheint. Zu ihr gibt es eine spanische Seite, die ich übersetzen und anpassen möchte. Das habe ich noch etwas zurückgestellt, um einen eigenen Artikel zu schreiben.

Dorothee Markert brauche ich hier nicht eigens vorzustellen. Eher meinen Bezug zu ihr: Ich habe sie bei der Denkumenta 2013 kennen gelernt und seitdem haben mich ihre Bücher und ihre Texte hier im Forum begleitet. Daher fand ich es schön, sie bei Wikipedia sichtbar zu machen.

Ich fragte sie erst, ob ihr das überhaupt recht ist, ein Schritt, der bei Wikipedia so vielleicht nicht unbedingt üblich ist, mir aber wichtig war. Ich legte also in Eigenregie los und schnell entwickelte dieses Projekt eine gewisse Dynamik, einerseits weil mich die Auseinandersetzung mit dem Werk von Dorothee Markert faszinierte, andererseits auch, weil Wikipedia einen Rahmen vorgibt, dem ich gerecht werden wollte – ja musste, wenn mein Artikel Bestand haben soll. Es gibt Hilfsseiten für alle geforderten Formalia, und gerade dieses Grundgerüst und das Bewusstsein, dass es nicht perfekt sein muss, haben mir geholfen. Auch meine unvollkommenen Artikel finde ich besser als gar keine, und andere, kompetentere Frauen können weiterschreiben und sie verbessern.

Das ist der Grund für diesen Text. Ich möchte euch einladen, bei Wikipedia mitzuschreiben. Konkret habe ich drei Bitten:

1.Guckt euch meinen Artikel zu Dorothee Markert an, korrigiert, wo es nötig ist, und schreibt daran weiter, wenn etwas fehlt − oder kürzt, was zu ausufernd ist. Das gilt auch für andere Artikel: die zu Ina Praetorius und Antje Schrupp zum Beispiel sind in Ordnung, aber es könnte noch mehr Substanzielles darin stehen. 

2. Schreibt selbst Artikel. Zu Diotima, zum Mailänder Frauenbuchladen, zu Chiara Zamboni fehlen sie. Um nur einige zu nennen, zu denen ich hier im Forum Expertinnen weiß. Projekte und Portale bei Wikipedia zu Frauen und Feminismus listen die „Frauen in Rot“, also noch fehlende Artikel, auf. Mir allerdings macht es viel mehr Freude, selbst welche zu finden.

3. Wie es mir mit Kritik der Wikipedia-Community ergeht, finde ich gerade erst heraus. Ob es dort Solidarität unter Frauen gibt, will ich auch noch näher erkunden. Was mich betrifft: Ich helfe gern, wo ich kann, und freue mich auch über Austausch, hier, per Mail und bei Wikipedia.

Warum ihr all das tun sollt? Mir macht es große Freude. Seit ich einmal begonnen habe, finde ich immer mehr Themen, über die ich schreiben möchte. Gleichzeitig ist es nicht immer leicht, mich in diesem Umfeld zu behaupten. Daher freue ich mich, wenn ihr Lust darauf habt, mit mir zusammen Frauen auch in Wikipedia sichtbar zu machen.

Ich verstehe, dass es Argumente dafür gibt, an anderer Stelle zu schreiben, zum Beispiel hier auf bzw-weiterdenken, wo ein inhaltlicher Austausch möglich ist. Gern komme ich auch über den Sinn oder Unsinn dieses Projekts mit euch ins Gespräch. 
Ich habe entschieden, beides zu tun. Ich habe mit Wikipedia begonnen, schreibe nun hier − was ich schon seit Jahren vorhatte − und möchte beides auch noch öfter tun, zu anderen Themen.

Der Edit-a-thon, von dem ich gelesen hatte, wurde veranstaltet und unterstützt von K8 Institut für strategische Ästhetik, LAG Frauenbeauftragte Saarland, Frauenbüro der Landeshauptstadt Saarbrücken, FrauenGenderBibliothek Saar, AStA-Referat für politische Bildung der Universität des Saarlandes, Wikimedia Deutschland e. V.

Frauen, Feminismus und feministische Projekte in Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Portal:Frauen/Fehlende_Artikel
https://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:WikiProjekt_Feminismus

Downloadlink zu einem Vortrag für Bibliothekarinnen über WomenEdit von Marlene Neumann, Stadtbibliothek Erlangen am 4.5.21

]]>
https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/05/who-writes-herstory/feed/ 15
Gerechtere Bezahlung ist nötig https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/05/gerechtere-bezahlung-ist-noetig/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/05/gerechtere-bezahlung-ist-noetig/#respond Sun, 09 May 2021 20:12:27 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17288

Die Pandemie fördert zutage, was nottut. Sie zeigt auf, wo etwas aus dem Gleichgewicht geriet. Sie legt den Finger auf Wunden. Die Autorin Julia Friedrichs schrieb vor und während der Pandemie eine Bestandsaufnahme über die Lage der Menschen, die tatsächlich systemrelevant sind. Würden diese ihren Job sein lassen, bräche das System zusammen. Und doch werden sie nicht so bezahlt, dass sie davon leben können.

Sie spricht mit einem früheren Karstadt Verkäufer, einem Putzmann in der Berliner U-Bahn, einer freiberuflichen Musiklehrerin, einem gemobbten IT-Spezialisten, einem Kneipenwirt. Sie trifft diese Menschen immer wieder im Lauf eines Jahres und vergleicht mit früher. Sie interviewt Soziologen, Wirtschaftsforschende, zitiert Statistiken und Prognosen. Sie mailt den Unternehmen, den Verwaltungen – bisweilen ohne Antworten zu erhalten. Sie geht in Rathäuser, befragt Parteispitzen und zeichnet mit all diesen Informationen eine lebendige Skizze unserer Gesellschaft. Ihr Scheinwerfer lenkt die Aufmerksamkeit zu den Menschen, die im englischen Sprachgebrauch stolz working class/Arbeiterklasse genannt werden. Hierzulande werden sie eher verschämt als kleine Leute bezeichnet. Die Studie beleuchtet Missstände, benennt Mängel. ÖkonomInnen hatten ihr gesagt, in den 1980er, 1990er Jahren habe es einen Bruch gegeben. Ab da sei die Kluft zwischen Finanz- und Realwirtschaft immer grösser geworden. Ab da wäre es der working class nicht mehr möglich gewesen, dass die Kinder es einmal besser haben werden als die Eltern.

Die Gespräche und Interviews rütteln auf und so schliesst das Buch mit Ideen für eine Gesellschaft, die Teilhabe ermöglicht. Eine Gesellschaft, die das Attribut sozial verdient.  Jetzt wäre die Zeit dafür eine Steuerreform, die weniger die Arbeit, sondern mehr das Kapital besteuert; für eine Erneuerung des Bildungssystems, das gleichwertige Chancen bietet. Eine gerechte Welt ist denkbar und machbar. Der Staat sollte klug und umsichtig entsprechende Prioritäten setzen und dem ausbeuterischen Kapitalismus Grenzen setzen.

Julia Friedrichs, Working Class – Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können, Berlin/Piper Verlag, Berlin/München 2021, 320 S., 22 €.

]]>
https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/05/gerechtere-bezahlung-ist-noetig/feed/ 0
Die Unterwerfung von Frauen unter die männliche Norm https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/05/die-unterwerfung-von-frauen-unter-die-maennliche-norm/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/05/die-unterwerfung-von-frauen-unter-die-maennliche-norm/#comments Thu, 06 May 2021 14:14:11 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17341

Bei Autounfällen ist die Sterberate von Frauen um 17 Prozent höher. Warum? Weil der Mann bzw. dessen Dummy bei den vorgeschriebenen Versuchen der Standard ist, nach dem sich Gurt, Abstand zum Armaturenbrett, und Sitz richten. Das Risiko schwerer Verletzungen ist für Frauen 47 Prozent höher, weil die Rückenlehnen ein Männergewicht von 76 Kilogramm bei 1,77 Metern Länge voraussetzen, so dass Frauen mit ihrem geringeren Gewicht bei für sie härterer Rückenlehne leichter durch die Windschutzscheibe katapultiert werden. Die Forderung nach auch weiblichen Dummys mit Brüsten führte zu deren Positionierung auf dem Beifahrersitz – so, als würden Frauen kein Auto fahren.

Das Entlarven von Fakten in einer Welt, die für Männer entworfen wurde, ist das Anliegen der englischen Autorin und preisgekrönten Journalistin Caroline Criado-Perez in „Unsichtbare Frauen. Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert“. Das Buch liest sich auf 424 Seiten voller Fakten wie ein Krimi. Selbst ich als informierte Feministin bin erschüttert über das gewaltige Ausmaß der Unterschlagung von Fraueninteressen in so gut wie allen Lebensbereichen, und das ist nicht nur empörend und dumm und volkswirtschaftlich teuer, sondern für uns Frauen schädlich bis tödlich!

Nicht nur beim Autobau, auch in anderen Bereichen der Technik werden Frauen ignoriert: Obwohl Frauen öfter stürzen, gibt es keine Geräte zur Sturzfrüherkennung, Beckenbodentrainer werden trotz Bedarfs nicht entwickelt, bessere Milchpumpen für Stillende werden abgelehnt zugunsten eines schmerzhaften Modells, die Headsets sind zu groß und so weiter und so fort.

Auch die Gestaltung des öffentlichen Raums missachtet weibliche Bedürfnisse. Ein besonders ärgerlicher Punkt ist , dass Frauen aufgrund ihrer Anatomie (Menstruation) und sozialen Rolle (zum Beispiel sind sie häufig in Kinderbegleitung unterwegs) zum Zeitverschwenden und Schlangestehen vor Toiletten verdammt sind. Dass Toiletten für Frauen und Männer (die zusätzlich Urinale haben) die gleiche Grundfläche haben, ist also nur scheinbar ein Ausdruck von Gleichbehandlung.

In der Medizin werden Schmerzen von Frauen oft nicht ernst genommen oder auf die Psyche geschoben, sodass Frauen signifikant häufiger Psychopharmaka beschrieben bekommen. Herzinfarkte bei Frauen wurden aufgrund ihrer anderen Symptome jahrelang nicht erkannt und die Frauen stattdessen mit Bauchschmerzen, Kurzatmigkeit und Übelkeit nach Hause geschickt. Und auch das Glück des Gebärens wird durch die Macht einer sexistischen Medizin getrübt.

Medikamente werden in Versuchsreihen entwickelt, die oft nur mit Männern getestet wurden, obwohl Frauenkörper durchschnittlich ganz andere Fettgewebe und einen anderen Stoffwechsel haben. Auch in Tierversuchen dominieren die Männchen, teilweise wird das Geschlecht auch gar nicht erwähnt und bleibt unbeachtet, so als ob es keine Rolle spielte. Die Einbeziehung von Weibchen wurde als zu teuer abgelehnt. „Selbst im Fall von Krankheiten, die bei Frauen häufiger vorkommen, untersuchen die Wissenschaftler oft ausschließlich XY-Zellen“, schreibt Criado-Perez. Die Dosierung von Tabletten wird ebenfalls meist auf den Standardmann zugeschnitten, für eine Frau kann die Dosis zu hoch oder unwirksam oder sogar schädlich sein, wie etwa bei Aspirin, Paracetamol, oder Morphium.

All das geschieht nicht einmal aus bösem Willen, sondern einfach aus Ignoranz und Borniertheit. Die Beispiele dafür, wie sehr Frauen von einer angeblich objektiven Wissenschaft ignoriert und vernachlässigt werden, sind in dem Buch überwältigend. Wer es nicht glauben will – und bitte weiter nachforschen – findet fast 50 Seiten Anmerkungen und Belegstellen. Ich bin der Meinung, das Buch sollte ein Muss sein. „Das war für mich eine Offenbarung zu lesen“ sagte eine junge Frau vor kurzem. Sie ist dadurch zur Feministin geworden.

Caroline Criado-Perez: Unsichtbare Frauen. Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert. Penguin 2020, 15 Euro.

]]>
https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/05/die-unterwerfung-von-frauen-unter-die-maennliche-norm/feed/ 4
Die einprogrammierten Vorurteile der Algorithmen https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/05/die-einprogrammierten-vorurteile-der-algorithmen/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/05/die-einprogrammierten-vorurteile-der-algorithmen/#comments Mon, 03 May 2021 13:31:45 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17324
Joy Buolamwini vom MIT deckt rassistische und sexistische Vorurteile in Algorithmen auf. Foto: Netflix

Der Film beginnt mit einer Entdeckung: Bei einem Kunstprojekt will die Wissenschaftlerin Joy Buolamwini eine Software benutzen, die Gesichter vermisst. Aber aus irgendwelchen Gründen funktioniert das nicht so, wie es sollte. Bis sie herausfindet, wo das Problem liegt: Die Software kommt mit ihrer schwarzen Hautfarbe nicht zurecht. Mit Gesichtern weißer Menschen klappt es einwandfrei. Der Grund ist simpel: Der Algorithmus der Software wurde ausschließlich mit Bildern von weißen Gesichtern trainiert – und kann daher Schwarze nicht gut erkennen.

Ähnliche Beispiele gibt es in der Softwarewelt unzählige. Rechenprogramme sind immer nur so neutral wie diejenigen, die sie programmieren. Und deshalb sind die Vorurteile der von weißen Männern dominierten Computerbranche direkt in die Produkte, die dort hergestellt werden, eingeflossen. Und: Dort zementieren sie bereits vorhandene Vorurteile und verbreiten diese immer mehr.

Es steht dabei deutlich mehr auf dem Spiel als dass hin und wieder ein Kunstprojekt nicht so verläuft, wie es sollte. Aus den verzerrenden Algorithmen entstehen handfeste Benachteiligungen in der realen Welt. Ob es um Zugang zu Krankenversicherung, um Überwachungskameras vor Wohnblocks, um Evaluierung von Kreditwürdigkeit geht – in sehr vielen Fällen bekommen die von Algorithmen errechneten Vorschläge und Ergebnisse eine Schlagseite, die Dynamik entfaltet. Algorithmen beeinflussen ganz direkt die Lebenschancen und Möglichkeiten von Menschen.

Wenn nichts gegen diese Gefahr unternommen wird, so warnen die Expertinnen, die in dem Film zu Wort kommen, können soziale Errungenschaften nachhaltig untergraben und zurückgedreht werden, und das alles unter dem Deckmantel der angeblichen Neutralität – weil viele glauben, Mathematik hätte doch keine Vorurteile. Besonders gravierend wird es im Fall von so genannter „künstlicher Intelligenz“, also wenn Programme sich selbstständig weiterentwickeln.

Ein hauptsächliches Problem bei all dem ist, dass Software-Produkte in der Regel keiner gesellschaftlichen Kontrolle unterliegen, sondern privatwirtschaftlich vermarktet werden. Auch Staaten kaufen ihre Software bei profitorientierten Unternehmen. Die Firmen aber legen die Programmierung ihrer Codes nicht offen, da sie als Betriebsgeheimnis gilt. Das heißt, die Benachteiligung oder Verzerrung zu Ungunsten von Menschen, die keine weißen Männer sind, lässt sich im konkreten Fall überhaupt nicht nachweisen. Meist ist sie den Programmierern selber ja gar nicht bekannt. Das heißt: Der Computer entscheidet so oder so, aber niemand weiß genau, warum eigentlich. Und es gibt bislang kaum eine ethische oder politische Kontrolle. Verzerrte Algorithmen heben damit die Strukturen gesellschaftlicher Diskriminierung auf ein ganz neues Level.

Es sind auffälligerweise ganz überwiegend Frauen, die in den vergangenen Jahren zu diesen Themen geforscht haben. Die Filmemacherin Shalini Kantayya hat für ihren Film die wichtigsten davon vor die Kamera geholt: Die Autorin von „Weapons of Math Destruction“, Cathy O’Neil, die Autorin von „Automating Inequality“ Virginia Eubanks, die KI-Forscherinnen Timnit Gebru und Meredithi Broussard. Außerdem spricht sie mit britischen Aktivist:innen von „Big Brother Watch UK“, begleitet eine chinesische Studentin in ihrem durchdigitalisierten Alltag und die Bewohner:innen eines sozialen Brennpunkts, die sich gegen Überwachung wehren. Ein sehr wichtiger und sehenswerter Film!

Coded Bias – Vorprogrammierte Diskriminierung, USA 2020. Englisch mit deutschen Untertiteln. Regie und Buch Shalini Kantayya, Netflix, 85 Minuten.

]]>
https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/05/die-einprogrammierten-vorurteile-der-algorithmen/feed/ 2
Begehren und Wohlbehagen https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/04/begehren-und-wohlbehagen/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/04/begehren-und-wohlbehagen/#respond Fri, 30 Apr 2021 16:39:15 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17294
Lektüreerfahrungen beim erneuten Lesen von Nicht Mangel, sondern Fülle. Arbeiten neu denken von Dorothee Markert

„Nichts in der Welt kann den Verlust der Freude an der Arbeit wettmachen.“
Dieses Zitat von Simone Weil stellt Dorothee Markert ihrem Text voran. Wie wahr, denke ich, als ich das kleine quadratische Buch wieder in die Hand nehme. Als ich darin lese, merke ich, wie sehr mich diese Gedanken ermutigt haben in den letzten Jahren, ohne dass mir das bewusst war. Schon der Titel benennt den notwendigen Perspektivwechsel: von der Fülle auszugehen statt von einem Mangel.

Ich habe eine schwierige Zeit hinter mir. Zwischen Beruf und Kindern verlor ich das, was mich antreibt und mir Freude macht. Dass es legitim ist, Ansprüche an den eigenen Arbeitsplatz zu haben, dass es wichtig ist, dem eigenen Antrieb und Interesse zu folgen, darin bestärkt mich dieses Buch.

​„Mein Begehren leben oder ihm zumindest auf der Spur bleiben“

Das beschreibt sehr gut, was mir neuen Auftrieb und neue Kraft gibt. Das Begehren als Richtung meines Lebens finde ich allmählich wieder und suche neue Wege, es zu verwirklichen. In der Berufswelt bin ich ihm immerhin auf der Spur, im Bereich der Haus- und Familienarbeit finde ich es eher. Da geht es dann schon um einen zweiten Schritt:

„Das Begehren in die Welt bringen“ 
Bei der konkreten Umsetzung immer wieder überprüfen, ob es für mich stimmt, und dabei auch „meine eigenen Grenzen spüren, sie akzeptieren und zu ihnen stehen.“ Ja, ich brauche neben der Arbeit „Zeit (…), all meinen anderen Pflichten nachzukommen, vor allem den familiären, aber auch der, mir selbst Gutes zu tun.“ Diese Pflicht verteidige ich inzwischen gegen andere Ansprüche an mich.

Ein Anspruch auf Wohlbehagen und die Pflicht, mir selbst Gutes zu tun!
Jetzt, wo ich das aufschreibe, klingt es selbstverständlich. Zum Glück, denn lange war es das nicht.


Alle Zitate stammen aus: Dorothee Markert: Nicht Mangel, sondern Fülle. Arbeiten neu denken. Christel Göttert Verlag, Königstein/Taunus 2003.

]]>
https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/04/begehren-und-wohlbehagen/feed/ 0
Wie die Denkumenta 2019 mein Politischsein beeinflusst hat https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/04/wie-die-denkumenta-2019-mein-politischsein-beeinflusst-hat/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/04/wie-die-denkumenta-2019-mein-politischsein-beeinflusst-hat/#comments Mon, 26 Apr 2021 09:17:10 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17265
Zeichnung und Fotos: Anne Newball Duke

Nach meinem letzten Artikel hatte mich Antje im Kommentarbereich direkt gefragt, ob auch die Erfahrungen auf der Denkumenta 2.0 im August 2019 etwas mit meinem politischen Aktivwerden zu tun gehabt haben. Diese Frage verwirrte mich anfangs sehr. Denn sie zwang mich in gewisser Weise, Ebenen meines inneren Politischseins zu verbinden, die zwar irgendwie zusammengehörten, die ich aber bewusst in dem Artikel nicht zusammengedacht hatte. Das Politischsein, das aus den Erfahrungen rund um die Denkumenta resultierte, war tatsächlich relativ einfach aus meinem Artikel herauszufiltern, eben weil es dafür doch einer irgendwie anderen Form des Reflektierens bedarf. Welche Form dies auch immer war, so wirkte diese “andere Form des Politischseins” der Denkumenta natürlich, und sie hatte auch irgendetwas ausgelöst, denn nicht von ungefähr ging ich einen Monat nach der Denkumenta – gestärkt durch die Denkumenta – das erste Mal auf einen globalen Klimastreik der FFFs. Die Denkumenta-Erfahrungen hatten mir anscheinend auch ermöglicht, mich überhaupt mit meinem Begehren in die Öffentlichkeit zu wagen und mich hier für das gute Leben für alle mehr einzusetzen. Und trotzdem fand ich die Denkumenta in dem Artikel über meine “Politischwerdung” nicht erwähnenswert. Ich denke schon, dass es auch daran liegt, was Antje in einem weiteren Kommentar schrieb, den ich hier noch einmal leicht gekürzt wiedergebe:

“Es berührt ja auch ein wenig die Frage, welche Art von Politik beschreibbar und erzählbar ist, weil sie von Leuten, die in unserer Kultur geprägt sind, ‘wiedererkannt’ wird, und welche Art des politischen Handelns und Sprechens ‘unsichtbar’ bleibt, weil sie zwar wirkt, aber schwer in ein Narrativ passt. Es ist ja auch spannend, wie wenig wir alle hinterher über die zweite Denkumenta geschrieben haben, fast so, als würde etwas verlorengehen, indem man es in Worte fasst.”

Tja, wie kann ich diese Form des “unsichtbaren politischen Handelns” nun in Worte fassen, sodass diese Erfahrungen im besten Falle auch für andere Menschen – zumindest lesend – erfahrbar werden? Und ist es dann nicht wieder nur eine Rückübersetzung? Denn ich hatte ja auf der Denkumenta einige Wiedererkennenungsmomente: das, was ich erlebte, hatte ich schon einmal gelesen, und zwar in Büchern wie Wie weibliche Freiheit entsteht. Eine neue politische Praxis oder im ABC des guten Lebens (die Bücher und ihre Inhalte sind immer wieder Ausgangspunkt von Überlegungen, z.B. hier und hier). Gerade in ersterem wurde über diese Art der Erfahrungen gerade in von den italienischen Philosophinnen um Luisa Muraro und Chiara Zamboni u.v.a. bereits einiges geschrieben. Sie haben in gewissem Sinne eine ganze philosophische Praxis erfahrend erarbeitet und gießen sie seitdem in Worte und Philosophien. Und im Grunde haben wir ja bei der Denkumenta “lediglich” diese Erfahrungsformen aufgenommen und wiederum in eine Praxis rückübersetzt. Oder? Was ist Neues entstanden, was könnte ich da noch Interessantes hinzusetzen? Oder wie kann ich vermitteln, dass da knapp vier Tage eine Art praktische Utopie gelebt wurde, die aus dem Patriarchat hinaus und weit hinein ins Postpatriarchat weist?

Vor ein paar Wochen dann hatte ich eine Art Erscheinung; eine Art Versinnbildlichung meiner Denkumenta-Erfahrungen. Ich sehe eine Art trockenen Springbrunnen. Ich setze mich in dessen Mitte, das Wasser wird angedreht und beginnt unter meinem Körper zu arbeiten. Es hat so viel Druck und Kraft, dass es mich langsam in die Höhe hebt. Nach ungefähr einem Tag Denkumenta bin ich etwa drei bis vier Meter über dem Boden angekommen und schaue hinab; hinab auf die patriarchal-kapitalistische Welt da unten. Aber damit nicht genug. Der Wasserstrahl verlängert sich nun parallel zum Erdboden derart, dass ich mich darauf weiter fortbewegen kann. Wie kann das sein, wer oder was hält den Strahl derart kräftig in der Höhe? Ich kann nun in meiner Versinnbildlichung auch die Perspektive wechseln, denn ich will wissen, wer oder was mich auf dem Wasser trägt, und sehe nun unter dem Strahl lauter Frauen. (Auch sie berühren den Boden nicht; keine ist ja vier Meter groß. Sie stehen irgendwie “fest in der Luft”. (Wer hier nach physikalischen Gesetzen sucht, ist fehl am Platz.) Es sind die Denkumenta-Frauen und überhaupt alle Frauen – auch aus anderen Zeiten – die/deren Denken ich bisher kennenlernen durfte, die an einem guten Leben für alle auf verschiedenste Weise herumgedacht und gearbeitet haben, und denen ich somit meinen aktuellen Wissens- und Verstehens- und Gefühlsstand verdanke. Nur weil es sie gibt, ist es mir möglich, mich auf dem Wasserstrahl zu halten. Wären sie nicht, würde das Wasser wieder in der Quelle versiegen, und ich würde wieder auf dem harten Boden des Patriarchats landen; nicht mehr direkt an der Springbrunnenquelle, aber ob die paar Meter Vorwärtskommen für irgendwas gut sind, wird in diesem Bild erstmal nicht deutlich.

Natürlich lande ich da noch immer oft. Ich bin ja nicht weniger verstrickt in diese jetzige gesellschaftliche Realität als viele andere. Aber ich weiß um die Kraft, die wir Frauen haben können, wenn wir uns in einem Denkumenta-Zustand befinden. Und natürlich kann auch ich den Wasserstrahl für andere Frauen oben halten. Es ist gar nicht schwer, das Wasser ist nicht schwer zu halten, und wir lachen viel, es fühlt sich gut und leicht und genau richtig an; und zwar beides: oberhalb wie unterhalb des Wasserstrahls zu sein. Das Oben und Unten hier hat nichts mit Hierarchie oder so zu tun. Ich kann über und unter dem Wasserstrahl gleichermaßen sinnvoll wirksam sein. Vielleicht kann ich es so interpretieren: über dem Wasser geht es eher um mich und meine persönliche Entwicklung, und unter dem Wasser spielt sich die beste aller gesellschaftlichen Praktiken für eine solche persönliche Entwicklung ab, z.B. durch das Insprachebringen meines, unseres Begehrens.

Dieses Springbrunnenbild hat sicher seine Macken, aber das war es nun mal, was sich mir “offenbarte”. Und es ist auch das Bild, das es mir jetzt ermöglicht, die Erfahrungen der Denkumenta zu vergegenwärtigen. Und damit konnte ich auch das erste Mal “plastisch” verstehen, was Ina Praetorius, Antje Schrupp und viele andere meinen, wenn sie sagen: “Das Patriarchat ist zu Ende”. Ich verstehe es manchmal immer noch nicht, ehrlich gesagt. Aber wenn ich unter dem Wasser stehe, fest in der Luft verankert, dann weiß ich es, dann fühle ich es. Und das außergewöhnliche Gefühl war, dass ich anscheinend wirklich real unter oder über Wasser mitten in der Luft stehen kann; und dieses Gefühl würde ich das utopische Moment der Denkumenta nennen.

— EINSCHUB: Ich arbeite in dem Text mit den Begriffen “Realität und “real”, wie Chiara Zamboni sie in Franςoise Doltos Denken findet. In unverbrauchte worte. frauen und männer in der sprache (übersetzt von Dorothee Markert, erschienen im Christel Göttert-Verlag) auf S. 91f. zitiert Zamboni Dolto und erläutert daraufhin die begrifflichen Unterschiede:

“In La foi au risque de la psychoanlayse schreibt Dolto: ‘In Wirklichkeit sind wir in der Realität und ihren Wiederholungen wie in einer Falle gefangen. Über diese Realität spricht unsere logische Vernunft, die das Reale verdeckt, das unvorhergesehen auftritt.’ Die Realität drängt sich uns über Gesetze auf, die demonstrieren, dass sich alles wiederholt. Was mit dem Begehren zu tun hat, findet dagegen auf der Ebene des Realen statt. Die Realität ist eine Vorstellung, die den meisten wissenschaftstheoretischen Konzepten zugrunde liegt. (…) Ein Experiment wird dann als wissenschaftlich anerkannt, wenn es in anderen Kontexten reproduziert werden kann. Und natürlich gehen auch wir in unserem täglichen Leben davon aus, dass die Stühle, die wir auf den Boden stellen, nicht plötzlich zu fliegen beginnen und dass die Sonne jeden Morgen aufgeht. Dass die Realität sich wiederholt, ist ein Teil der zentralen Sicherheiten, auf die sich unser Leben stützt. (…) Für Dolto drehen sich die Worte des Begehrens um einen unvorhergesehenen Anziehungspunkt. Dabei handelt es sich um etwas Reales, das den Anfang einer neuen Bewegung in der Welt einfängt. Die Gesetze, die die Tatsachen der Realität beschreiben, können es nicht erfassen. Wenn die Diskontinuität des Realen nicht erfasst wird, bleibt die Realität mit ihrer Gleichförmigkeit vorherrschend. Die Stärke der Argumentation Doltos liegt darin, dass sie den Weg, der durch die Worte des Begehrens eröffnet wird, das ‘Reale’ nennt. Der Begriff ‘real’ hat eine gewichtigere Bedeutung als Begriffe wie ‘Phantasie’ oder ‘Utopie’, die oft mit dem Begehren in Verbindung gebracht werden. Dass das Begehren zum Bereich des Realen gehört, bedeutet, dass es Welt eröffnet.” ENDE EINSCHUB —

Was hat mir die Denkumenta gegeben? Was bringt mir das Springbrunnenbild? Die Denkumenta hat mir gezeigt, dass ich und wie ich mein Denken aus den Verstrickungen der Realität manövrieren kann, um dann mit anderen Frauen nach Worten zu suchen, indem wir das Reale aus der Realität herausschälen, um so eine Art Verbindungsraum für die Sprache und das Reale entstehen zu lassen. Die Denkumenta stellt im Grunde die Frauen, diesen Raum und diese Zeit zur Verfügung.

Vielleicht ist es das, was Antje im Kommentar “unsichtbares politisches Handeln” genannt hat. Das Handeln wird möglich, indem in einer Denkumenta eine real existierende Utopie entsteht, in der Normen, Werte etcpp. der uns umgebenden Gesellschaft einfach abgeschaltet werden und dafür jene Gesetzmäßigkeiten zum Zuge kommen, die wir uns “im Verborgenen” – also unterhalb der existierenden Ordnung – schon erarbeitet haben, und die plötzlich innerhalb dieses Denkumenta-Rahmens aufblühen und in einer ungeahnten Größe oder auch Gänze hervortreten können. Vier Tage in diesem Zustand öffnet natürlich das Begehren nach “Mehr davon” auch in der Realität. Als die Denkumenta vorbei war, hieß das auch nicht, dass diese Form des Abtastens des Realen nicht mehr möglich war. Einmal in der Welt gewesen, weiß ich, dass es da sein kann, und dass ich es auch selbst entstehen lassen kann. Das war sogar Thema am Ende; ich erinnere mich, dass – ich glaube Ina Praetorius war es – meinte, wir sollten von nun an Veranstaltungen – seien es unsere oder andere –subversiv denkumenta-mäßig unterwandern; oder vielleicht sagte sie es auch eher so: Wenn zu einer Veranstaltung einer Denkumenta-Frau auch nur eine weitere Denkumenta-Frau kommt, dann kann schon eine kleine Denkumenta entstehen; wir könnten dann also mitten in der Realität ein kleines Stück vom Boden der Realität abheben und uns unter dem Wasserstrahl treffen.

Die Denkumenta hat mir somit auch dafür Selbstbewusstsein gegeben, dass ich solche Momente entstehen lassen kann. Und es ist seitdem nicht nur einige wenige Male passiert. Nicht ganz so magisch vielleicht, aber es gab so Momente. Zu wissen, dass es geht, das gibt ganz viel Ruhe und Kraft. Ich kann also getrost weitergehen und versuchen, mehr Denkumentas in die Welt zu bringen.

Natürlich wünsche ich mir, dass es auch mal wieder eine “echte” Denkumenta gibt. Aber ich kann auch gut mit der Idee leben, überall ein bisschen Denkumenta entstehen zu lassen; möglichst mit anderen Denkumenta-Frauen; einfach “weil die wissen, wie es geht”, dann ist es einfacher, und ich fühle mich nicht allein. Auch die in Coronazeiten entstandenen Video-Gespräche sind für mich so eine kleine Denkumenta. Eine Denkumenta allerdings in Kontexte zu tragen, in der außer mir noch niemand diesen Denkumenta-Zustand kennt, ist nicht immer einfach. Immer wieder muss ich überlegen, ob es all die Anstrengungen wert ist. Aber nur, wenn ich es versuche, gibt es überhaupt die Chance, dass sich ein zartes Denkumenta-Pflänzchen entwickelt. Es kann zugrunde gehen, es kann gar nicht erst keimen, alles ist möglich. Manchmal gebe ich auf. Dann denke ich, ich muss es woanders probieren, ich habe hier keinen Strom mehr drauf. Manchmal aber begegne ich dann später einem Menschen aus diesem “aufgebenen” Denkumenta-Versuch, und es wird klar, dass auch hier irgendetwas zurückgeblieben ist, und sei es nur ein kleiner Denkumenta-Gedanke, der sich irgendwo im Körper festhaken konnte.

Ich bin mir dessen bewusst, dass meine Gedanken etwas holprig sind. Ich bin auch dessen bewusst, dass das Springbrunnenbild etwas schräg ist, denn stehen nicht wir in der Denkumenta viel mehr mit beiden Füßen fest auf dem Boden, dem Realen viel näher? Nun, das ist aktuell die mir mögliche Form, um diesem “unsichtbaren politischen Handeln” ein bisschen mehr auf die Spur zu kommen… Und vielleicht regen das Bild und meine Gedanken dazu doch Andere an, nochmal über die Denkumenta und ihr Wirken auf das je eigene Verständnis vom politischen Sein nachzudenken. Denn ich glaube, es bedarf noch vieler anderer Eindrücke und Bilder, um hier ein etwas größeres Bild entstehen zu lassen.

—————————————————————————————————-

Als ich für diesen Artikel in meinem eigenen Archiv nach Aufzeichnungen von damals zur Denkumenta suchte, fand ich einen Brief an meine Freundinnen. Wahrscheinlich redete ich nach meiner Rückkehr ständig von der Denkumenta, und sie fragten mich daraufhin, was es denn so Außergewöhnliches war, was ich da erlebt hatte. Ich entschied mich für eine Sammelmail an alle, aus der ich jetzt einige teils verbundene, teils unverbundene Fetzen zitiere; teils habe ich sie auch etwas nachbearbeitet:

“Heute ist ein merkwürdiger Tag, ein bisschen so, als wenn eine neue Ära beginnt, und meine emotionalen Schleusen sind noch nicht geschlossen, und ich dachte mir, dass das vielleicht genau der richtige Zeitpunkt ist, um euch zu schreiben, um das für mich denkerisch zu verarbeiten, was da auf der Denkumenta passiert ist, und das für mich auch so ein bisschen zu protokollieren, um in schwierigen Phasen wieder darauf zurückgreifen zu können.”

“Einen Anfang zu finden ist schwer… es hat viele Ebenen…”

“Dieses Denken bringt eben zutiefst politischen und ganzheitlich gedachten Feminismus zusammen, der nicht nur schaut, wie es einzelnen Frauen besser geht, oder wie es mir persönlich in einer immer noch patriarchalen Ordnung besser geht (das auch!), sondern er ist immer darauf ausgerichtet, das gute Leben für alle zu wollen, und für dieses Bestreben jeder Einzelnen Kraft zu geben.”

“Die Inhalte des Buches Wie weibliche Freiheit entsteht. Eine neue politische Praxis. (1988), das ich gerade erst gelesen hatte, war dann für mich auch das gelebte Herzstück der Denkumenta. Warum? Weil es in dem Buch um eine Praxis unter Frauen geht, die auf dem affidamento gründet, auf einem grundsätzlichen gegenseitigen Anvertrauen. Frauen schildern bzw. reflektieren in dem Buch (ich hatte das Buch aus der Bib ausgeliehen, habe es also nicht mehr und kann nur wiedergeben, was bei mir hängengeblieben ist), wie es war in Frauengruppen der 1970er Jahre, warum diese ersten feministischen Frauengruppen teils funktioniert, teils nicht funktioniert haben, und wie sie dann aus den gemachten Erfahrungen und Reflexionen das Sprechen unter Frauen immer weiter entwickelt haben, oder… wie soll ich sagen… sie haben überlegt, wie es grundsätzlich möglich ist, dass Frauen von unterschiedlichster Herkunft, Lebensmoment, Arbeit, finanzieller (Un-)Besorgtheit etcpp. doch miteinander sprechen und trotz oder gerade durch ihre jeweiligen Erfahrungen an- und miteinander wachsen können. Und genau aus dieser Praxis heraus hat sich dann eine politische Praxis vorbei am patriarchalen Diskurs entwickelt. Im Mittelpunkt steht das Begehren einer jeden Frau, sie wird gefragt: Was willst du? Wohin zieht es dich? Warum bist du hier? Was fehlt, was ist zuviel in deinem jetzigen Leben? Wo knirscht es bei dir? Und wenn du noch keine Worte für deine Erfahrungen und Gefühle hast, vielleicht können wir sie zusammen suchen?”

“Nun fahre ich zur Denkumenta mit all meinen Ängsten: Werden die anderen Frauen mich mögen? Passt mein Vortrag? Wird mir irgendeine was klauen? Ihr wisst, dass das ein Thema war für mich, und zwar ein riesiges. Ich sitze also im Zug, und plötzlich überfällt mich eine Art bleierne Müdigkeit. Es ist, als sei ich müde von anstrengenden Erlebnissen, die mich bereits überfordern, bevor sie überhaupt begonnen haben: so viele neue Frauen; Frauen auch, die ich schon von ihren Schriften her kenne und verehre. Wer bin ich schon? Wer oder wie muss ich sein, damit sie mich mögen? Mögen sie mein Denken? Hat es Mehrwert für sie? Halten sie es für bedeutsam, haben sie Lust, es mit mir weiter zu entwickeln? Wird es die Möglichkeiten, den Raum dafür geben? Was nun alle meine Zweifel und meine Angst angeht, ist nun folgendes passiert: dadurch, dass es dort bei der Denkumenta in dem Umgang miteinander nichts Patriarchales gab, und auch nix Kapitalistisches – wenn ich das mal so platt sagen darf –, es also tatsächlich eine andere Ordnung gab, in der alle so gerne von den anderen lernen und hören wollten, gab es keine Konkurrenz zwischen den Frauen, keine Machtspielchen, kein ‘Diemagmichnicht’, was es sonst doch immer gibt, das alles war GAR KEIN THEMA: es war alles ganz und gar anders.”

“Es gab einfach ein grundsätzliches Grundvertrauen und einen riesigen Vertrauensvorschuss von allen Frauen in jede einzelne, nach dem Motto: ‘Wir wollen alle eine bessere Welt, und wir haben alle schon unsere Erfahrungen gemacht, wir kennen die meisten Hindernisse und Mauern, wir wissen um die angebliche Unmöglichkeit, sie wird uns auch ständig unter die Nase gerieben. Und wir halten es dennoch für möglich, einfach auch, weil es notwendig ist, und deswegen gehen wir trotzdem weiter, weil das Streben nach einem guten Leben für alle Würderträger*innen dieser Welt einer unserer Grundantriebe und Energiespender ist.'”

“Bisher, also vor der Denkumenta, hatte ich auch immer das Gefühl in Diskussionen, ich gehe zu weit, persönlich oder denkerisch, ich werde danach nicht mehr gemocht, und deswegen immer rote Flecken im Gesicht, die Suche nach verwirrten oder verärgerten Gesichtern, mit denen ich danach Aussprachen führen muss, und die daraus immer resultierende grundsätzliche Verunsicherung: ticke ich richtig? All das war bei der Denkumenta nicht vorhanden. Allerdings habe ich dennoch bis zum Ende diese Angst gespürt. Es ist so tief drinnen, das alte Muster. Und was passiert da bei der Denkumenta? Frauen sagen stattdessen: ‘Ja! So ist es!’ Sie klatschen spontan los, sie nicken, sie kommen danach zu mir und sagen so Sachen wie: ‘Das war sehr bewegend, ich danke dir für deinen Kommentar’. Dasselbe bei anderen tun zu können… wie tief das mir verwurzelt ist, ich wusste das gar nicht. Warum war das so? Vielleicht, weil alle die Erfahrung und den Energieverlust kennen, wenn das eigene Denken und Streben und sogar Sein als unmöglich abgestempelt wird. Wer denkt sich und lebt sich denn heutzutage schon raus aus dieser patriarchal-kapitalistischen Ordnung, und wer weiß denn dann nicht, wie schwierig und anstrengend genau das ist?

“Das heißt ja nun nicht, dass wir immer alle einer Meinung waren in den vier Tagen, das wäre ja langweilig. Nein, aber das Denken setzte einfach schon mal ganz woanders an [eben “fest in der Luft” unter dem Wasser, würde ich jetzt sagen, und nie fiel eine runter]. Und es war eben dieses Geben und Nehmen, das einfach so aus einem heraus- und hereinpurzelte, von und nach ganz tief drinnen.”

“Das Vertrauen kam auch daher, dass generell gilt: jedes Zitat, alles Wissen und Verstehen, das ich einer anderen Frau zu verdanken habe, muss zurück an diese Frau gekoppelt werden. Denn indem ich sie zitiere, hole ich sie auch in gewisser Weise in den Kreis der jetzt lebenden und denkenden Frauen zurück. Durch diese Praxis gerät das Wissen dieser Frau nicht in Vergessenheit, und ich schreibe sie so auch wieder und wieder in die Geschichte ein; und so verändere ich auch ein ganz klitzekleines bisschen die Weltgeschichtsschreibung. Außerdem kann ich so auch über dieses geschenkte Wissen weiterdenken und vergebe keine sinnlose Energie, um mich auf falschen Lorbeeren auszuruhen. Das ist ja auch gar nicht in meinem Sinne, wenn ich das gute Leben für alle will. Dann bin ich ja in gewisser Weise gezwungen, immer weiter daran rumzudenken, wie das denn gehen kann und was mein Beitrag sein könnte. Klauen bringt also gar nix, schon gar keine Energie. Wenn ich aber tolle Denker*innen zitiere und mit ihrem Denken weiterarbeite, dann entsteht eine bestimmte Art von Energie. Es ist dann, als säße ich mit ihnen zusammen und wir denken zusammen. Das geht nicht, wenn ich ‘klaue’, denn dann verbanne ich ja die Andere aus dem Raum und verpasse die Chance eines intervitalen Gesprächs.”

“Egal, an welchem Tisch ich beim Essen saß; es ging immer ungefähr so: ‘Heute morgen sagte die und die blablablabla, und das hat mich stark zum Nachdenken angeregt’. Es wurde so offen diese Philosophie praktiziert, (…). Man fühlt dadurch irgendwann eine unglaubliche Wärme, und das Vertrauen wächst und wächst; es zeigt sich so, wie viel der Vertrauensvorschuss, den alle sich am Anfang gegenseitig gegeben haben, wert ist und zu was ein solcher fähig ist.”

“Und klar gibt es ein Geborgenheitsgefühl, wenn meine Idee von einem guten Leben plötzlich einfach da ist, einfach so um mich herum praktiziert wird.”

“Aber auch das Alter war scheißegal, Alter löst sich auf, alle sind schön, und es ist ein solches Geschenk: Frauen, die so viel Wissen und Erfahrung haben und es nicht nur mit dir teilen, sondern auch deine Erfahrung für wichtig und bedeutsam halten. Eben weil alle wissen, dass jede Erfahrung für das Ziel eines guten Lebens für alle wichtig ist.”

“Einmal saßen wir so zusammen abends beim Feuer, und da sagte meine Nachbarin (ich glaube, es war Juliane Brumberg) zu mir: ‘Tja. Wenn jetzt alle Menschen so miteinander umgehen würden wie wir das gerade tun?’ ‘Dann hätten wir es geschafft, dann hätten wir eine andere Ordnung’, habe ich dann überlegt.”

“Ich kenne jetzt beinahe fünfzig neue, komplett unterschiedliche Frauen. Und wir sind relativ gut vernetzt jetzt. Das war auch alles so einfach. Seitdem weiß ich: wer Lust hat, vernetzt sich einfach, kein langes Rumgedenke und Machtgetue. Wer alleine weiterdenken will, bitte sehr, aber ich frage mich dann nicht mehr masochistisch, was der Grund oder ob ich der Grund für die Vernetzungsunlust bin.”

Zwei Dinge würde ich jetzt noch gerne festhalten, die mein Denken seit der Denkumenta sehr prägen: Zum Einen hat mir die Praxis gezeigt, dass ich daran glauben kann, dass wenn ALLE Menschen das Ziel eines guten Lebens für alle Würdeträger*innen auf der Welt hätten und zudem um die Bedrohung und die bereits massiv vorangeschrittene Beschädigung, teils sogar Irreparabilität der verletzlichen Welt wissen, dass wir dann relativ zügig die patriarchal-kapitalistische Gesellschaftsordnung hinter uns lassen könnten. Und zweitens, dass wenn ALLE dieses Ziel hätten, ich in JEDEN einzelnen Menschen Vertrauen hätte. Dann wäre im Übrigen auch kein Vertrauensvorschuss mehr nötig. Es wäre mir dann auch egal, welche Wege andere gehen und ob die ganz anders aussehen als meiner: ich wüsste, sie arbeiten auf dasselbe Ziel zu wie ich, und sie tun es mit all ihrem Wissen und all ihrer Erfahrung: das ist es, was sie wollen und können, genau da und nicht woanders haben sie  “Strom drauf”, und deswegen ist es gut so. Wäre dieses Ziel also gesteckt, würden viele viele viele Wege zu einem guten Leben für alle Würderträger*innen auf dieser Erde führen.

]]>
https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/04/wie-die-denkumenta-2019-mein-politischsein-beeinflusst-hat/feed/ 7
Louise Michel oder: Die Liebe zur Revolution https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/04/louise-michel-oder-die-liebe-zur-revolution/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/04/louise-michel-oder-die-liebe-zur-revolution/#respond Wed, 21 Apr 2021 10:00:00 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17254

Florence Hervé, Autorin und Journalistin, die im Karl Dietz Verlag schon die Feministinnen Clara Zetkin und Flora Tristan vorstellte, die eine Mitherausgeberin des Kalenders “Wir Frauen” ist und die 2014 die Annahme des Bundesverdienstkreuzes für Ihre Arbeit verweigerte, hat sich zum 150. Jahrestag der Pariser Kommune einer ihrer bedeutendsten weiblichen Kämpferinnen – Louise Michel – gewidmet.

In dem handlichen Taschenbuch gibt Frau Hervé Einblicke in das Leben der Louise Michel: neben der Kindheit und dem Werdegang zeigt sie ihre künstlerische Seite, ihre revolutionäre Seite, ihre feministische Seite. Louise Michel wurde 75 Jahre alt. Nach dem blutigen Niederschlag der Pariser Kommune wird aus dem Drama ihre Mission, die Werte und Ideen der Kommunarden weiter publik zu machen und am Leben zu erhalten.

Insgesamt beeindruckend ist die Darstellung dieser offensichtlich hoch begabten jungen Frau, die es versteht, Fäden zu knüpfen, Reden zu halten und selbst dem Gericht die Stirn zu bieten, was an sich schon für eine Frau zu dieser Zeit revolutionär war.

Die verschiedenen Lebensstationen der Louise Michel sind übersichtlich und feinsinnig zusammengestellt. Selten zuvor veröffentlichte Porträt-Aufnahmen, originale Briefwechsel sowie Zitate aus ihrer Autobiografie und ihren oftmals sich um die Freiheit kreisenden Gedichte lassen die überzeugte Anarchistin lebendig werden. Am Ende ist uns nicht nur Louise Michel nahe, sondern natürlich auch die Pariser Kommune und der Puls dieser historisch sehr besonderen Zeit.

Dieses Buch ist ein wichtiger Beitrag, der die Wurzeln des Kampfes um Gleichberechtigung und Freiheit mit aufzeigt und die Liebe zur Revolution nicht nur als Untertitel transportiert.

Zusammengefasst: Herstory spannend, gründlich und dabei kurzweilig und offensichtlich mit Liebe aufbereitet.

Eine weitere Rezension zu dem Buch hat unsere Kollegin Antje Schrupp in ihrer Serie: “Antje las ein Buch” vorgestellt.

Florence Hervé: Louise Michel oder: Die Liebe zur Revolution, Verlag Dietz Berlin, 135 Seiten, mit Abb., Broschur, 12,00 €, ISBN 978-3-320-02381-2

]]>
https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/04/louise-michel-oder-die-liebe-zur-revolution/feed/ 0
Neues von Frauen in Film und Fernsehen: „I care a lot“ und „Das Damen-Gambit“ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/04/neues-von-frauen-in-film-und-fernsehen-i-care-a-lot-und-das-damen-gambit/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/04/neues-von-frauen-in-film-und-fernsehen-i-care-a-lot-und-das-damen-gambit/#comments Sat, 17 Apr 2021 14:32:18 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17233

Marla Grayson ist eine ganz fiese Type. Stets perfekt gestylt und mit überbordendem Selbstbewusstsein rennt sie mit ihren High-Heels herum, wie andere es nicht mal in Turnschuhen könnten. Ihre gesamte Smartness, Fitness und Energie nutzt sie keineswegs, um die Welt zu verbessern, sondern dafür, auf Kosten anderer reich zu werden. Und zwar nicht irgendwelcher anderer, sondern auf Kosten der besonders Verletztlichen: Sie luchst alten, alleinstehenden Menschen ihre angesparten Vermögen ab, indem sie sie entmündigen und sich zu ihrer gesetzlichen Betreuerin machen lässt. Warum das gelingt? Na, ganz einfach: Sie nutzt die typischen Weiblichkeitsklischees für sich aus. „Caring“ ist schließlich ein Job, und haben wir nicht immer gefordert, dass der gut bezahlt wird?

Um einiges sympathischer ist Beth Harmon, die als kleines, verwaistes Mädchen vom Hausmeister ihres Kinderheims Schachspielen lernt und sich hinaufarbeitet, bis sie schließlich in Moskau den Weltmeister besiegt. Nicht nur Mädchen und Frauen haben diese Miniserie mit Begeisterung geschaut, sondern auch Jungen und Männer, und sie konnten sich mit Beth identifizieren. Wow!

Wie Frauen in Film und Fernsehen dargestellt werden, ist immer ein feiner Seismograf für gesellschaftliche Veränderungen – und das Reden darüber eine Möglichkeit, solche Veränderungen wahrzunehmen und zu reflektieren. Deshalb nehmen wir im sechsten Video-Gespräch aus der bzw-Redaktion diese zwei aktuellen Beispiele unter die Lupe: den Film „I care a lot“ und die Miniserie „Das Damen-Gambit“, beide aus dem Jahre 2020 und beide bei Netflix zu sehen.

Was ist aus feministischer Sicht von den Figuren zu halten? Was gefällt uns, was gefällt uns nicht? Ist euch zum Beispiel mal aufgefallen, dass die MarkTomJacks als Hauptfiguren fast ausgestorben sind – zumindest mal bei Netflix? Oder dass sich Geschlechterbeziehungen mehr und mehr vom rein männlichen Blick lösen? Wie werden Beziehungen unter Frauen entworfen? Mit wem können wir uns identifizieren und mit wem nicht?

Wir – das sind diesmal wieder Antje, Anne, Maria und Julia, und unsere Urteile über die ausgewählten Filme fallen ziemlich unterschiedlich aus, umso interessanter konnten wir darüber diskutieren. Viel Spaß beim Anschauen!

]]>
https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/04/neues-von-frauen-in-film-und-fernsehen-i-care-a-lot-und-das-damen-gambit/feed/ 5
Mutterschaft https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/04/mutterschaft/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/04/mutterschaft/#respond Wed, 14 Apr 2021 20:02:57 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17110

Mutterschaft und Menstruationszyklus, I-Ging und Befindlichkeit, Individuum und Gesellschaft, Single und Paar, Mutter und Tochter – zwischen all diesen Seinszuständen mäandert die kanadische Autorin Sheila Heti in ihrem jüngsten Buch. Zwischen ihrem 30. und 40. Lebensjahr beschäftigte sie sich reflektierend mit der Möglichkeit, Mutter zu werden. In Kapiteln, die sie nach den Phasen des Menstruationszyklus benennt, betrachtet sie das Leben, das sie gerade mit ihrem Freund führt. Drei Münzen wirft sie, befragt das I-Ging über den nächsten Schritt. Heti streift die Geschichte ihrer vor dem Holocaust in Ungarn geflüchteten jüdischen Mutter und deren Mutter, will ergründen, was diese Genealogie mit ihren Entscheidungen zu tun haben könnte. Ihre Gefühle bearbeitet sie gedanklich, ihre Gedanken befühlt sie. Was will sie, ohne der Gesellschaft zu genügen? Was kann frau unabhängig von der Gesellschaft wollen? Hat frau einen freien Willen unabhängig von der Gesellschaft?

Dicht webt Heti den Teppich dieses existentiellen Themas nicht nur der Frauen; noch braucht es zwei Personen, um neues Leben in die Welt zu setzen.

Man erfährt nicht konkret wie Heti sich entscheidet, erahnt allerdings ihren Weg. Ihr gelingt das Hin- und Hergerissensein zwischen den beiden Möglichkeiten, die so oder so das Leben verändern, in aller Vehemenz zu beschreiben – genauso wie im Laufe des Menstruationszyklus Launen in alle Richtungen mäandern. «Woher soll ich wissen, ob mit meinem Leben wirklich etwas nicht stimmt, wenn den halben Monat alles auf Rosen gebettet ist und den andern halben auf Dornen? Welcher Sicht kann ich trauen? Ist überhaupt eine davon wahr?» Als sie das Buch vollendet, schickt sie die Seiten ihrer Mutter, diese schreibt ihr: «Jetzt wirst du bald vierzig, und ihr (der Grossmutter) Tod ist auch ungefähr vierzig Jahre her. Du hast sie nie kennengelernt, aber jetzt schenkst du ihr ewiges Leben.» Geistige Kreativität entspricht körperlicher Fruchtbarkeit und es ist gut so.

Sheila Heti,  Mutterschaft, Rowohlt Hamburg 2020, 316 Seiten, 22 €/12 €.

]]>
https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/04/mutterschaft/feed/ 0
Unsere Gegenwartsinsel finden – Marlen Haushofers “Die Wand” – neu gelesen https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/04/unsere-gegenwartsinsel-finden-marlen-haushofers-die-wand-neu-gelesen/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/04/unsere-gegenwartsinsel-finden-marlen-haushofers-die-wand-neu-gelesen/#comments Sun, 11 Apr 2021 14:25:15 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17168 Zum 101. Geburtstag von Marlen Haushofer – * 11. April 1920

Im vergangenen Jahr –  2020 – hätten gleich zwei Jubiläen Anlass geboten, das Werk Marlen Haushofers zu feiern: Ihr 100. Geburtstag und ihr 50. Todestag. Doch die deutschen und österreichischen Verlage von Marlen Haushofer ließen die Gelegenheit verstreichen. Keine einzige Veranstaltung organisierten sie. Auch eine Werkausgabe der großen österreichischen Schriftstellerin steht noch immer aus. In einem Manifest forderten namhafte Schriftstellerinnen Marlen Haushofer und ihr Werk endlich gebührend zu würdigen: https://stifterhaus.at/fileadmin/user_upload/Downloads/Steyrer_Manifest.pdf  Vor diesem Hintergrund hat mich dieser Artikel von Malaz Naileh (Jahrgang 2001, geboren in Damaskus) besonders gefreut, der zeigt, dass Haushofers Werk auch einer neuen Generation noch viel zu sagen hat.

Jutta Pivecka 

***

Malaz Naileh liest Marlen Haushofers „Die Wand“

Im Roman „Die Wand“ von Marlen Haushofer geht es um eine Frau, die mit Bekannten in Urlaub nach Österreich gefahren ist. Sie wollen die Auszeit in einem Jagdhaus in den Bergen verbringen. Eines Morgens wacht die Frau in der Jagdhütte auf und findet sich von einer unsichtbaren, durchsichtigen Wand eingeschlossen, hinter der kein Leben mehr existiert. Die Frau ist am Anfang allein mit dem Hund Luchs, aber im Laufe der Zeit kommen weitere Tiere hinzu. Sie hat eine Katze (die „alte Katze“ genannt wird) und die Kuh Bella. Die alte Katze bringt weitere kleine Katzen auf die Welt und Bella gebiert ein Kalb. Die Lieblingskatzen der Ich-Erzählerin werden Perle und Tiger. Perle ist eine weiße Katze mit blauen Augen und Tiger ist dunkelgrau-schwarz auf rötlichem Untergrund. Doch Perle und Tiger sterben ein paar Monate nach der Geburt. Die Ich-Erzählerin beschreibt im Roman ihren Alltag und ihre Gefühle in der Art eines Berichts. Sie hält den Wunsch fest, dass eines Tages ihr Bericht von einem Menschen gelesen wird. Am Anfang der Isolation fühlt sie starke Angst und ist verwirrt, im Laufe der Zeit gewöhnt sie sich jedoch zunehmend an die Situation. Der Roman hat ein offenes Ende und wir erfahren nicht, was mit der Wand passiert oder wie sie entstanden ist.

Collage von Malaz Naileh

Ich habe Marlen Haushofers 1963 erschienenen Roman zum ersten Mal im Winter 2020 gelesen. Für mich enthält dieser Roman drei wesentliche Botschaften, die mich beschäftigt haben und die meiner Meinung nach auch heute noch Gültigkeit besitzen. Erstens: Das Verhalten eines Menschen ist von seinem Denken abhängig. Dies spiegelt sich im Verhalten der Frau. Am Anfang ist sie pessimistisch und verliert daher die Kontrolle, kann ihre Lage nicht überblicken und reagiert konfus. Erst als sie sich mental beruhigt und beginnt, sich um die Tiere Sorgen zu machen, kann sie ihre Gedanken ordnen und einen Plan fassen. Eine weitere Botschaft des Romans ist, dass jeder Mensch in sich sehr gegensätzliche Eigenschaften vereinen kann, die je nach Lebenssituationen aktiviert werden. Drittens hat der Roman auch gezeigt, dass der Mensch sich verantwortlich für jemand fühlen muss, um zusätzliche Kräften zu mobilisieren. Im Roman ist erkennbar, dass die Tiere das Motiv der Frau waren, um zu arbeiten und einen Überlebensweg zu suchen und zu finden. Die Sorge um andere erweist sich daher in diesem Roman auch als Selbstfürsorge. Denn indem die Frau Verantwortung für die Tiere übernimmt, kann sie auch sich selbst stabilisieren.

An einem Satz aus dem Roman bin ich hängen geblieben: „Ich bedaure die Tiere, und ich bedaure die Menschen, weil sie ungefragt in dieses Leben geworfen werden.“ Ich habe lange überlegt, ob ich uns bedauern muss, aber ich habe mich dagegen entschieden. Ich bedaure uns Menschen nicht, auch wenn wir ungefragt geboren sind. Die meisten von uns leben gern, auch wenn dieses Leben oft schwer ist. Wir freuen uns auf morgen, auch wenn wir heute verletzt werden. Ich denke, dass auch in Marlen Haushofers Roman sich dieser Lebenswille gegen alle Widerstände und allen Schmerz zeigt. Ein anderer Satz, der mich bewegt hat, ist: „Nun, da ich fast nichts mehr besaß, durfte ich in Frieden auf der Bank sitzen und den Sternen zusehen, wie sie auf dem schwarzen Firmament tanzten.“ Mein erster Gedanke, nachdem ich diesen Satz gelesen habe, war: Je mehr wir besitzen, desto mehr beschäftigen wir uns mit unserem Besitz. Der Satz stimmt auch, wenn man sich „viel besitzen/viel haben“ nicht nur auf der materiellen Ebene anschaut, „viel besitzen/viel haben“ kann viel Arbeit, viel Geld, viele Gefühle und Sorgen oder viele Kinder bedeuten. Viel von etwas zu haben, bedeutet viel nachdenken, viel Energie verwenden und Zeit verbringen, um uns um unseren Besitz zu kümmern. Viel von etwas zu haben, bedeutet immer viele Sorgen. Indem die Frau in Haushofers Roman unfreiwillig damit konfrontiert wird, nichts mehr zu besitzen, erfährt sie auch „sorgenfrei“ zu sein. Doch es zeigt sich, dass sie nach kurzer Zeit wieder beginnt, von Dingen und Tieren „Besitz zu ergreifen“, weil das sorgenfreie Leben ganz offenbar unmenschlich ist.

Auf derselben Seite des Romans findet sich der Satz: „Ich begriff, dass alles, was ich bis dahin gedacht und getan hatte, oder fast alles, nur ein Abklatsch gewesen war. Andere Menschen hatten mir vorgedacht und vorgetan.“ Die Aussage umfasst unser ganzes Leben, unsere Gedanken, unsere Gewohnheiten und wie wir die Welt empfinden. Als Beispiel nehme ich die Zeit: Warum zählen wir die Minuten und Stunden des Tages? Warum hat die Woche sieben Tage, nicht acht? Warum hat ein Monat 30 oder 31 Tage, nicht 15? Diese Zahlen, die die Zeit einteilen, werden uns vorgegeben und es wird uns beigebracht, dass sie sehr wichtig sind und wir uns an sie halten müssen. Wir schaffen als Menschen eine eigene Ordnung, die derjenigen der Natur nicht unbedingt entgegensteht, aber doch ganz andere, unsre eigenen Regeln setzt. Das nennen wir Kultur. Kultur entsteht, indem die Menschen einer Gruppe, die zusammen leben, sich gegenseitig nachmachen. Am Anfang ist es ein unkritisches Nachmachen und mit der Zeit passen wir uns auch dann an, wenn wir bestimmte Verhaltensweisen weder verstehen, noch gutheißen. Wir sagen einfach: „Ja, jeder tut es.“. In verschiedenen Kulturen sind manche Verhaltensweisen ohne erkennbaren Grund verboten. Die einzige Antwort, die man in solchen Situationen bekommt, ist: „Es ist eine Tradition bei uns.“. Eine Begründung fehlt. Auch aus solchen Zusammenhängen ist die namenlose Ich-Erzählerin in Haushofers Roman herauskatapultiert.

Der letzte Satz, der mich zum Überlegen gebracht hat, war: „Vergangenheit und Zukunft umspülten eine kleine warme Insel des Jetzt und Hier.“ Ich verstehe das so, dass wir uns auf unsere Gegenwartsinsel fokussieren müssen, um uns nicht in den umgebenden Wassern der Vergangenheit und Zukunft verlieren. Auch dies ist etwas, das die Frau in Marlen Haushofers Roman erst erlernen muss – oder umgekehrt: Sie muss verlernen, die Gegenwart immer wieder zu verlieren, weil sie sich zuviel mit Vergangenheit und Zukunft beschäftigt. So ist es nämlich in ihrem früheren Leben in der Stadt  offenbar gewesen.

Marlen Haushofers Roman „Die Wand“ versucht meiner Meinung nach eine Antwort auf die Frage zu geben, was ein Mensch ist. Oft sind die Antworten, die man findet, wenn man eine Definition hierfür sucht, rein biologisch: Der Mensch ist ein Säugetier aus der Ordnung der Primaten. Auch in Haushofers Roman wird deutlich, dass der Mensch ein Tier ist: Er besteht aus einem Körper, der Nahrung braucht, um gesund zu bleiben. Aber es zeigt sich gerade in der Einsamkeit, in die die Frau geworfen wird, dass ein Mensch noch mehr ist, nämlich ein Wesen, dass Liebe und Gefühle braucht, dass zur Selbsterhaltung auch die Fürsorge um andere braucht und dass ein Mensch Kultur schafft, selbst in der Einsamkeit, denn die Frau schreibt ihre Gedanken auf und hofft, dass sie einmal gelesen werden.

Ich glaube, dass es kein Zufall ist, dass der Mensch, dem Marlen Haushofer in „Die Wand“ eine Stimme verleiht, eine Frau ist. Die Frau in Haushofers Roman erfährt, dass ihr Leben nur sinnvoll ist, wenn sie sich um die Tiere kümmert. Sie begreift dies im Laufe der Zeit, obwohl sie als eine Frau dargestellt wird, die weiß, dass ein Leben, in dem man sich immer nur um andere kümmert, ein Leben als Hausfrau und Mutter, wie sie es vorher geführt hat, eine Frau auch von sich selbst entfremden kann. Die Trennung von der Familie, die Einsamkeit erfährt die Frau im Roman auch als Befreiung. Trotzdem begreift sie in einem Lernprozess, dass ihre Selbsterhaltung keinen Wert hat, wenn sie ohne Bezug zu anderen bleibt. Sie erhält die Tiere und sie schreibt auf, was sie erlebt. Sie erfährt sich selbst, indem sie Beziehungen eingeht. Fast am Ende des Romans erscheint ein Mann und bringt diese Tiere um, ohne darüber nachzudenken, wieviel Geduld und Arbeit es gekostet hat, diese Tiere am Leben zu erhalten. Der Mann ist bereit, alle und alles zu opfern, um sich selbst zu retten und am Leben zu bleiben. Die Frau jedoch hat verstanden, dass Leben bedeutet, zu lieben und Fürsorge zu übernehmen. Ihr Bestreben geht dabei eben auch über die bloße Selbsterhaltung hinaus: Sie sucht auch nach Schönheit und Glück in den kleinen Erlebnissen und im Schauen der Natur. 

Das Gedankenexperiment,  unser Leben und unsere Gedanken hinter einer durchsichtigen Wand, abgetrennt von allen anderen, einzuschließen, das Marlen Haushofer angestellt hat, ist auch für eine gegenwärtige Leserin ungeheuer lehrreich. Dieser Roman hilft seiner Leserin die Welt und sich selbst neu zu sehen.

]]>
https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/04/unsere-gegenwartsinsel-finden-marlen-haushofers-die-wand-neu-gelesen/feed/ 3
Charles Michel oder: Wie sich die EU von Despoten instrumentalisieren lässt https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/04/charles-michel-oder-wie-sich-die-eu-von-despoten-instrumentalisieren-laesst/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/04/charles-michel-oder-wie-sich-die-eu-von-despoten-instrumentalisieren-laesst/#comments Thu, 08 Apr 2021 07:50:58 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17180 Unter dem Hashtag #SofaGate wird in den Sozialen Medien ein Desaster diskutiert, das der türkische Despot Erdogan der Europäischen Union beschert hat:

Bei einem Treffen mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und EU-Ratspräsident Charles Michel – beide gleichrangige Repräsentant:innen der EU – bekam lediglich Michel einen “Herrschersessel” auf Augenhöhe neben Erdogan angeboten, von der Leyen hingegen musste entfernt und “tiefer” auf einem Sofa Platz nehmen.

Die EU zeigt sich empört. Leider zeigt sie sich nicht an der richtigen Stelle empört.

Denn nicht Erdogan ist für das Desaster verantwortlich zu machen, sondern Ratspräsident Michel: In einem von der EU verbreiteten Video ist zu sehen, wie von der Leyen stehen bleibt und ihren Unmut deutlich macht, während Michel nicht schnell genug auf dem ihm angebotenen Sessel neben Erdogan Platz nehmen kann. Er ist auch nicht wieder aufgestanden, nachdem das Problem deutlich wurde, hat sich nicht mit von der Leyen solidarisiert. Keineswegs. Er hat klar gemacht, dass das ihr Problem ist und nicht seins.

Erdogan ist hier wieder mal ein propagandistisches Meisterstück gelungen: Er hat die EU vorgeführt als eine Organisation, die nicht zu ihren eigenen (angeblichen) Werten steht. Denn die Adressat:innen seiner Inszenierung sind ja nicht wir, die hier Empörten. Sondern es sind die Männer rund um den Globus, die sich die alten patriarchalen Zeiten zurückwünschen.

Sie haben hier gesehen: Sobald man den europäischen Männern einen Macho-Thron anbietet, hüpfen sie genauso drauf wie alle anderen. Das westliche Bekenntnis zur Freiheit und Gleichheit der Frauen ist auch nur Show. Was für ein Symbol, nur wenige Tage nachdem die Türkei ihren Austritt aus der Istanbul-Konvention zur Bekämpfung häuslicher Gewalt erklärt hat!

Beibt nur zu hoffen, dass die Sache in der EU wenigstens ein Nachspiel hat. Charles Michel und die Mitarbeitern des Protokolls müssen die Veranwortung für das Desaster. Wenn man sein erbärmliches Statement auf Facebook dazu liest, spricht allerdings nichts dafür, dass er das freiwillig macht.

Kommentare lesen und schreiben zu diesem Artikel hier entlang!

]]>
https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/04/charles-michel-oder-wie-sich-die-eu-von-despoten-instrumentalisieren-laesst/feed/ 11
Kapitel 9: Geld als Symbol der Abhängigkeit und Mittel der Politik https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/04/kapitel-9-geld-als-symbol-der-abhaengigkeit-und-mittel-der-politik/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/04/kapitel-9-geld-als-symbol-der-abhaengigkeit-und-mittel-der-politik/#comments Tue, 06 Apr 2021 12:38:23 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17173 Zum 20. Jubiläum der Flugschrift „Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik“ wurde das Büchlein im Christel Göttert Verlag neu aufgelegt und wird hier im Forum auch erstmals online veröffentlicht (hier der Link zum Anfang). Dies ist das 9. Kapitel: Geld

Flugschrift
Flugschrift “Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn”

Die Ansicht, der Besitz von Geld garantiere größtmögliche Freiheit, ist ein Irrtum. Wo Geld als neutrales Tauschäquivalent eigentlich doch gerade die Verhandlungsmöglichkeiten in den menschlichen Beziehungen ausweiten und öffnen sollte, ist es in unserer industrialisierten Gesellschaft zu einer isolierten Größe geworden, mit der persönliche Unabhängigkeit assoziiert wird. Das ist eine Illusion. Es geht immer um die Frage: Welche Abhängigkeit bin ich bereit einzugehen, um welcher anderen Abhängigkeit zu entkommen?

Vor allem Männer nutzen Geld, um durch den Konsum von Fast-Food, sexuellen Dienstleistungen und industrialisierter Unterhaltung aus ihrer Abhängigkeit von konkreten Frauen und persönlichen Beziehungen herauszukommen. Sie nehmen aber meist nicht wahr, dass sie sie gegen die Abhängigkeit vom Arbeitgeber, von anonymisierten Dienstleistern oder vom Marktgeschehen eintauschen.

Geld ist aber nicht nur ein Mittel der Wirtschaft, sondern eines des Zusammenlebens und das heißt, der Politik. Es ist Symbol für unsere Abhängigkeit von anderen Menschen, eine abstrakte Form, diese Abhängigkeit anzuerkennen, auch wenn die Illusion der „finanziellen Unabhängigkeit“ diese Tatsache verschleiert. Es geht darum zu verstehen, dass man weder durch die Überschätzung des Geldes, noch durch seine Verachtung (wie das beispielsweise in manchen romantisierenden Vorstellungen von Subsistenzwirtschaft der Fall ist) Unabhängigkeit gewinnt.

Nicht Unabhängigkeit ist erstrebenswert, sondern Freiheit. Freiheit gründet darin, die gegenseitige Abhängigkeit von allem und allen anzuerkennen. Hinsichtlich der Faktizität der Abhängigkeit macht es keinen Unterschied, ob man von Geld oder von konkreten anderen Menschen abhängig ist. Freiheit gewinnen wir dadurch, dass wir aus dieser falschen Alternative ausbrechen und die Möglichkeiten erweitern, die Modalitäten unserer Abhängigkeit von Fall zu Fall auszuhandeln — wobei es immer auf die konkrete Situation und die beteiligten Personen ankommt.

Aus: Ulrike Wagener, Dorothee Markert, Antje Schrupp, Andrea Günter: Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik. Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim 1999, Neuauflage 2019

Weiter zum Kapitel 10: Reichtum und Armut als Beziehungsfragen

]]>
https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/04/kapitel-9-geld-als-symbol-der-abhaengigkeit-und-mittel-der-politik/feed/ 1