beziehungsweise – weiterdenken https://www.bzw-weiterdenken.de Forum für Philosophie und Politik Tue, 11 Aug 2020 11:41:30 +0000 de-DE hourly 1 Für Frauen*bewegungsFreiheit in Wald und Parks https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/08/fuer-frauenbewegungsfreiheit-in-wald-und-parks/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/08/fuer-frauenbewegungsfreiheit-in-wald-und-parks/#comments Tue, 11 Aug 2020 11:41:24 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16052 Nach Vergewaltigung in Kleinmachnow bei Berlin: „Ich würde dort nicht mehr hingehen – erst recht nicht alleine“

„Ich gehe seit Jahren hier spazieren – und werde das auch weiterhin tun. Natürlich muss man immer vorsichtig sein. Aber ich denke, die Joggerin hat riesiges Pech gehabt.[…].”

Alleine gehen wir nicht mehr joggen!
“Einmal die Woche gehen Mia (19) und Marisa (21) hier gemeinsam in den Wald, um zu joggen. Diesmal haben sie Verstärkung mitgebracht, ihr Sport findet mit Security statt: Mias Freund Paul (21) begleitet die beiden Läuferinnen auf dem Mountain-Bike. „Ich bin der Bodyguard“, sagt der Mathematikstudent aus Spandau. (…) Und noch immer haben nicht alle hier von den Verbrechen gehört. Viele, die unterwegs sind, wissen nichts von den Vergewaltigungen: „Wir sind gerade mit dem Fahrrad durch den Wald gefahren“, sagt Ulrike (47) aus Neukölln, die gemeinsam mit einer Freundin einen Ausflug macht. „Zurück nehmen wir dann wohl besser die größeren Straßen.“

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Foto: Lea Böhm/unsplash.com

Nach den brutalen Vergewaltigungen von Frauen und Mädchen in den Wäldern rund um Berlin – und zwar am hellichten Tag – war und ist die Angst groß.

Eine Reaktion in den Medien-Schlagzeilen sowie seitens einiger Bürger*Innen war jene, dass Frauen nicht (mehr) alleine im Wald joggen bzw. sonst wie unterwegs sein sollten. Hier stellt sich die Frage, für wen das eigentlich die Lösung des Problems ist. Ich sehe in solchen gut gemeinten Empfehlungen die Gefahr eines Einschnitts in hart errungene Frauen*rechte für die gesellschaftlich-politische Bewegungsfreiheit von Frauen*. Zudem stellt es für jede einzelne Frau* eine große persönliche Gefahr dar.

Den meisten Frauen* ist es schon längst in Fleisch und Blut übergegangen, sich in Wald und Park abends und nachts überhaupt nicht oder nur sehr, sehr vorsichtig zu bewegen. Es ist noch immer – trotz aller Errungenschaften der Frauenbewegungen – verhaltensbestimmend, denn welche Frau* kennt dieses Gefühl nicht: Ich laufe allein in der sommerlichen Dämmerung durch einen Park, den ich kenne und mag. Plötzlich höre ich Schritte hinter mir. Die Atmung und der Herzschlag werden schneller. Die Augen scannen bewusst – unbewusst (?) die Umgebung ab. Wonach eigentlich? Fluchtmöglichkeiten? Andere Menschen? … Noch einmal tief durchatmen. Ich drehe mich um. Puhhh … ich sehe eine Frau*.

Dieses reptilienhirnmäßig verkörperlichte Schutzprogramm möge – und das ist mein Anliegen – nicht auch noch als verkörpertes No-Go bei Tag in der Gesamtheit der Frauen* verinnerlicht werden, wir Frauen* brauchen nicht noch eine No-Go-Area mehr.

Wenn wir Frauen* aus Angst vor einer möglichen Vergewaltigung unseren Bewegungsrahmen eingrenzen, wird nicht nur unsere sportliche  Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Unser Dabei-Sein in der Welt engt sich immer weiter ein.

Als vergewaltigte Frau* weiß ich, wie die Spirale der Angst wirkt. Ich weiß aus gelebter Erfahrung, dass  das Sicherheitsempfinden durch die Einschränkung der Bewegung im öffentlichen Raum nur eine kurzfristig beruhigende Illusion ist, die eine immer größere Einschränkung der Bewegungsfreiheit nach sich zieht, ja regelrecht einfordert. Dies kann so weit gehen, dass frau* aus Angst ihre Wohnung nicht mehr verlässt. Dieses Unsichtbarmachen im öffentlichen Raum ist auch durchaus das Ziel der Angst, da sie die Frau* vor einer potentiell ja immer möglichen neuen Gewalttat/ Gefahr schützen will.

Ein solches Vermeidungsverhalten wirkt kurzfristig vielleicht sinnvoll und schützend. Mittel- und langfristig jedoch dehnt sich die Angst auf alle möglichen Lebenssituationen aus und schränkt den Alltag und die Teilhabe am Leben grundlegend ein.

Ist der Ratschlag, dass Frauen* jetzt bitte auch tagsüber nicht (mehr) alleine im Wald joggen bzw. sonst wie im Wald unterwegs sein sollen, nur eine Strategie der Ratgebenden, um sich nicht mit dem wirklichen Problem, das noch immer weit in patriarchale Gesellschaftsstrukturen hineinreicht, zu beschäftigen?

Wie weit also ist der Ratschlag entfernt von dem, dem fast kein Mann* heutzutage mehr zustimmt, der besagt, dass Frauen* keine Miniröcke tragen sollten, um die Gefahr einer möglichen Vergewaltigung zu reduzieren? Sie trägt „provokante“ Kleidung, besucht „gefährliche“ Orte wie Parks, Wälder zu „gefährlichen“ Uhrzeiten und dies möglicherweise in „riskanter“ Art und Weise, z.B. allein und beschwipst.

Allen Ratschlägen zugrunde liegt die Annahme, dass es die Frau* ist, die die Verantwortung dafür zu tragen hat, ob sie Opfer von sexueller Gewalt wird oder nicht. Und auch jetzt nach den schrecklichen Vergewaltigungen rund um Berlin sind es – mal wieder – Frauen*, die präventiv waldvermeidend darauf achten sollen, kein Vergewaltigungsopfer zu werden.

Es ist den patriarchalen Gesellschaftsstrukturen inhärent, dass selbst wir Frauen* uns am Ende vielleicht gut gemeinte, aber doch sehr unreflektierte No-Go-Ratschläge erteilen. Was können wir dagegen tun? Gibt es hier bereits in Gang gesetzte Öffentlichkeitsarbeit bezüglich solcher Awareness-Prozesse bei uns Frauen*, aber natürlich auch bei Männern*, die genau dieses Dilemma thematisieren; und gibt es eventuell sogar bereits bewährte Lösungsansätze?

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Die feministische Mutter als soziale Utopie. Einige Gedanken, angeregt von dem Film „(M)other“. https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/08/die-feministische-mutter-als-soziale-utopie-einige-gedanken-angeregt-von-dem-film-mother/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/08/die-feministische-mutter-als-soziale-utopie-einige-gedanken-angeregt-von-dem-film-mother/#comments Sun, 09 Aug 2020 07:31:10 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16037 Das Verhältnis zwischen Geschlecht, Reproduktion und Elternrollen beschäftigt mich ja seit einer ganzen Weile. In meinem Buch „Schwangerwerdenkönnen“ (hier Dorothees Rezension), habe ich speziell den Aspekt der Reproduktion bearbeitet, der mir heute im Vergleich zu den Aspekten „Geschlecht“ und „Elternrollen“ zu kurz kommt. Aber natürlich lässt sich das nicht voneinander trennen, man muss es gemeinsam betrachten. In diesem Zusammenhang ist der Dokumentarfilm „(M)other“ von Antonia Hungerland sehenswert, denn er setzt sich mit dem Zusammenhang von Reproduktion, Mutterschaft und Familienformen auseinander.

Antonia Hungerland: (M)other. Dokumentarfilm, 88 Minuten. http://www.motherderfilm.de/

Nicht nur das Muttersein ist derzeit übrigens in der Debatte, auch das Vatersein. Jochen König hat sich kürzlich einen veritablen Shitstorm eingehandelt, weil er vorschlägt, Vaterschaft – in Form von Sorgerecht – an das tatsächliche Sorgen und nicht ans Spermageben zu binden. Das ist natürlich eine originelle Idee, die Trennung von Elternrolle (Vaterschaft) und Reproduktion (Spermagabe) als solche auf der „männlichen“ Seite dieser Gleichung ist aber nichts wirklich Neues. Vielmehr war genau diese Trennung den Männern lange Zeit sogar so wichtig, dass sie das Recht des Spermagebers, die Vaterschaft zu verweigern, gesetzlich festgeschrieben haben, etwa mit dem Verbot der „Recherche de la paternité“ in Frankreich, wonach es im 19. Jahrhundert ausdrücklich verboten war, einen Mann gegen seinen Willen als „Vater“ zu outen.

Auf der „weiblichen“ Seite war das anders, da gilt seit den alten Römern der Rechtsgrundsatz „mater semper certa est“, also „Die Mutter ist immer sicher“, was bedeutet, dass eine Frau, die ein Kind gebiert, automatisch dessen Mutter ist und entsprechend dafür verantwortlich, es zu versorgen. Das steht im BGB heute noch so. Mit der Erfindung von Reproduktionstechnologien ist dieser Zusammenhang aber nicht mehr zwingend. Reproduktive Vaterschaft ist heute genauso „sicher“ festzustellen wie Mutterschaft, sie ist sogar eindeutiger, da in reproduktiver Hinsicht ein Kind zwar nur einen Spermageber, aber zwei biologische Mütter haben kann: Die Eizellengeberin und die Schwangere müssen nicht dieselbe Person sein.

Was bedeutet das nun für unsere Vorstellung von Elternschaft, von Familie, von Geschlecht, von Generationen? Antonia Hungerland hat sich diesem Thema genähert, indem sie Menschen befragt und portraitiert hat, die diesbezüglich in irgendeiner Weise neue Wege gehen: Frauen, die als Leihmütter für andere schwanger sind, Männerpaare, die Eltern sind, Mütter, die sich gegen traditionelle Zuschreibungen wehren. Genau solche Geschichten müssen wir hören und erzählen, um den Boden für neue freiheitliche Regelungen (sozialer und juristischer Art) zu diesem Thema zu finden.

Allerdings kam mir auch hier wieder der Fokus auf das Schwangerwerdenkönnen als körperlicher Prozess etwas zu kurz. Über die die körperlichen Belastungen, die mit dem Schwangerwerdenkönnen zusammenhängen, wurde relativ schnell hinweggegangen. Die eine Leihmutter erzählte einfach nur, dass sie immer super leichte Geburten hat. Ja gut, ist aber ja nicht immer so. Auch haben weder die intendierte Mutter (also die Frau, mit deren Eizelle eine der Leihmütter schwanger war) noch die Väter in dem Film über ihr Nicht-Schwangerwerdenkönnen und ein damit eventuell zusammenhängendes Bedauern gesprochen, obwohl doch diese biologische Ungleichheit (manche Menschen können schwanger werden, andere nicht) die die große Herausforderung ist, die wir bewältigen müssen, wenn wir uns von der heteronormativen Paarlogik verabschieden wollen. Es wäre zum Beispiel interessant, zu erfahren, ob es Unterschiede gibt, wenn ein Mann oder eine Frau nicht schwanger werden kann.

Ich vermute aber, es gehört zum Konzept des Films, weniger auf die körperlich-biologischen Aspekte von Mutterschaft als vielmehr auf die Beziehungen einzugehen: Wie konstituieren sich Familien, wenn die sexuell-reproduktiv-patriarchale Einheit von „Vater, Mutter, Kind“ sich auflöst?

Derzeit scheint in der Debatte der Fokus vor allem noch darauf zu liegen, unerwünschte Zuschreibung an „Mütterlichkeit“ zu kritisieren zurückzuweisen. Also sich dagegen zu wehren, dass Menschen, die geboren haben, unbedingt Mütter sein müssen, und dagegen, dass Menschen, die nicht gebären können, keine Kinder haben sollen. Das ist natürlich wichtig, aber ich fände es in dem Zusammenhang fast noch wichtiger, dabei auch die besondere Qualität und Bedeutung von „mütterlichem“ Handeln herauszuarbeiten.

Gerade wenn man Mutterschaft von Normierungen und Biologismen befreien will, ist es ja notwendig, sie anstelle von Klischees und angeblichen Natürlichkeiten mit sinnvollen Inhalten zu füllen. Der neutrale Begriff „Elternschaft“ reicht dafür meiner Ansicht nach nicht aus. Denn es ist zwar in der Tat falsch, zu behaupten, FRAUEN könnten bestimmte Dinge (Fürsorge etc.) besser als andere, weil sie Frauen sind. Es ist aber gleichzeitig richtig und wichtig, zu betonen, dass MÜTTER (unabhängig von Gender und reproduktiver Rolle) tatsächlich bestimmte Dinge besser können, weil sie Mütter sind. Zum Beispiel weil Menschen durch das Muttersein und die damit zusammenhängenden Erfahrungen im Umgang mit Ungleichheit (Erwachsene und Babys, Verantwortung für Abhängige usw.) eine Expertise haben, die Nicht-Müttern fehlt.

Dieser Aspekt kommt aber im Film durchaus vor. Besonders berührend fand ich die Szenen, in denen „praktizierte Mutterschaft“ gezeigt wurde, Mütterlichkeit in Aktion sozusagen. Erwachsene und Kinder, die in einer bestimmten Weise miteinander agieren, bei der man gegenseitige Verbundenheit, Nähe und Vertrautheit sieht, gleichzeitig aber Verantwortlichkeit und Zugewandtheit der Älteren, Vertrauen und Geborgenheit der Jüngeren.

Das Gute an einem Dokumentarfilm ist, dass sich diese Dinge zeigen lassen, ohne dass man sie aussprechen, erklären, erläutern, benennen muss. Aber auf diese Weise bleiben sie eben dann auch ungesagt, unerklärt, wie ein selbstverständliches Hintergrundrauschen, das aber nicht selbst im Vordergrund das Thema ist. Und in dieser Hinsicht entspricht auch auch (M)otherland der traditionellen Kultur unserer Gesellschaft, wonach die mütterliche Tätigkeit zwar die Dinge am Laufen hält, aber nicht wirklich der Rede wert ist, nicht eigens analysiert wird, sondern den Anschein macht, irgendwie „natürlicherweise“ vorausgesetzt werden zu können (nur eben nun nicht mehr ausschließlich bei Frauen, die geboren haben, sondern auch bei anderen Menschen, die Eltern werden).

Es aber wäre wichtig, dieses Geschehen zu thematisieren, weil: Die mütterliche „Expertise“ wenn man so will, die Menschen haben, die dauerhaft für ein Baby, ein Kind Verantwortung tragen und es ins Erwachsenwerden begleiten, fehlt ja nicht nur den Individuen, die diese Erfahrung nicht gemacht haben (mir zum Beispiel). Sie fehlt vor allem als gesellschaftspolitische Kategorie, eben vor dem Hintergrund, dass das Muttersein privatisiert, „frauisiert“ usw. wurde. Hier gibt es noch so viel aufzuarbeiten und Patriarchatskritik zu üben, dass ich es bedenklich finde, wenn Begriffe wie „Mutter“ und „Vater“ in geschlechtsneutrale „Eltern“ aufgelöst werden.

„Mütter“ und „Väter“ sind nicht dasselbe, und sie werden auch nicht dasselbe, wenn man sie von bestimmten reproduktive Funktionen (Eizelle und Schwangerschaft vs. Sperma) und sozialen Geschlechterrollen (Weiblichkeit und Männlichkeit) löst. Mutterschaft und mütterliche Qualitäten haben vielmehr ein widerständiges Potenzial gegenüber dem Patriarchat, wenn ich das hier mal so pauschal behaupten darf. Mutterschaft ist nicht nur eine gewaltförmige Zuschreibung, die Leuten mit Uterus gegen ihren Willen übergestülpt wurde (obwohl sie das natürlich auch ist), sondern Mutterschaft bezeichnet ein soziales Verhältnis, das die reale Utopie (sic) einer neuen symbolischen und gesellschaftlichen Ordnung in sich trägt.

Die Mutter ist – in feministischer Tradition – eben nicht das weibliche Pendant zum Vater, weder in dem Sinne, dass sie einfach die weibliche Variante von „Elter“ ist, noch in dem Sinne, dass sie die komplementäre Ergänzung zum Vater ist. Beides sind patriarchale Erzählungen.

Die feministische Mutter steht für die Alternative einer Welt, die nicht mehr von Vaterordnungen strukturiert wird. Und diese feministische Mutter will ich im politischen Diskurs erhalten, auch wenn ich sie nicht mehr exklusiv „weiblich“ denke und auch nicht unbedingt als Uterusbesitzerin, sondern als kulturelle Figur, als Paradigma für eine nährende Beziehungsweise zwischen radikal Ungleichen. Die feministische Mutter sollte also ein echtes Role-Model sein für alle Menschen (sogar für die, die gar keine Kinder haben).

PS: Weil manche das vielleicht missverstehen könnten: Unter „feministische Mutter“ verstehe ich nicht eine Mutter, die selbst Feministin ist, wobei das natürlich nie schaden kann. Sondern ich meine ein feministisches Verständnis von Mutterschaft, also das, was Feministinnen in Müttern sehen.

http://www.motherderfilm.de/

Hier kann man den Film für 99 Cent streamen: https://www.pantaflix.com/de/m/764169

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ein komisches vermittlungslehrstück https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/08/ein-komisches-vermittlungslehrstueck/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/08/ein-komisches-vermittlungslehrstueck/#comments Wed, 05 Aug 2020 12:40:32 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16029

Vergangenen Montag hatte ich Spaß. Morgens las ich über die Abstimmung zum Jugendwort des Jahres 2020 und den restlichen Tag habe ich immer wieder gelacht. Wer es nicht mitbekommen hat, das Jugendwort des Jahres wird in diesem Jahr nicht von einer Verlagsjury gewählt, sondern im Internet abgestimmt. Nachdem der austragende Verlag doch eingeschritten war und den Favoriten „Hurensohn“ disqualifiziert hat, kämpfen nun Wörter wie „Mittwoch“ und „Schabernack“ gegeneinander.

Wie ein ganz normaler nicht-jugendlicher alter Mensch habe ich darüber in der Tageszeitung gelesen. Auch deshalb (also weil ich alt bin und nur auf Alte-Leute-Seiten im Internet rumhänge) ist mir erst mal der internetspezifische Background dieser Wörter völlig entgangen. Inklusive *****sohn sind das nämlich nicht einfach irgendwelche Nonsens-Wörter sondern entstammen bestimmten jugendlichen Internetbubbles. Das misogyne Schimpfwort etwa einer Seite, auf der es ironisch darum geht, sämtliche Anglizismen im Deutschen zu vermeiden bzw. ins Deutsche zu übertragen. Und wer das nicht tut, wird eben mit diesem Ausdruck beschimpft.

Wie gesagt, diese Ebene, war mir zunächst entgangen. Das ändert aber weder etwas an der Freude, die mir diese ganze Sache nach wie vor bereitet, noch an den Denkanschlüssen, die sich für mich daraus an bzw.-weiterdenken-Gespräche ergaben:

Eine Sache, über die sich einige von uns schon länger Gedanken machen und zu der auch ich immer mal eine Runde nachdenke, ist die Bedeutung von „Generationen“. In welcher Weise ist die Konstruktion von Zugehörigkeit aufgrund von Alter bzw. Aufwachsen und Sozialisierung in einer bestimmten Zeit überhaupt sinnvoll? Was genau trägt es aus etwa von „Kriegskindern“ zu sprechen von „Boomern“, „Millenials“ oder was auch immer? Verstehen sich Menschen selbst besser? Lässt sich Gesellschaft, Politik oder Geschichte besser verstehen, wenn man Alterskolonnen bildet? Oder verstellt es vielleicht sogar die freie Sicht zwischen Mensch und Mensch, den aufrichtigen Dialog und damit das gesellschaftliche Verständnis? Kurz gesagt, meine Antwort auf all diese Fragen lautet: „Ja, aber nicht nur.“ Und weiter bin ich mit Konkretisierungen noch nicht. Aber ich denke, dass diese Abstimmung zum Jugendwort ein Beispiel möglicherweise misslungener intergenerationeller Kommunikation ist und damit genau die Ambivalenz von Sinn und Unsinn generationeller Schulbladen illustriert.

Also: a) Hier haben sich (mindestens) zwei Generationen kolossal missverstanden. Und b) Hier ist es zu einem echten Gespräch zwischen (mindestens) zwei Generationen gekommen. Und ich glaube, der Witz liegt in diesem Dazwischen. Jedenfalls finde ich das witzig – vielleicht weil ich selbst dazwischen bin…

Wie meine ich das?

Nun, nehmen wir mal an, dass die diesjährige Änderung des Verfahrens nicht nur darauf zurückzuführen ist, dass der ursprünglich austragende Langenscheidt-Verlag geschluckt wurde. Vielleicht wollte man sich nun im Pons-Verlag die Kritik zu Herzen nehmen und ein „Jugendwort“ tatsächlich von „Jugendlichen“ und nicht von weitgehend nicht-jugendlichen Germanist*innen und Verlagsmenschen ausloben lassen. Umso ärgerlicher, dass man nun von „der Jugend“ in dieser Form vorgeführt wird. Gespräch gescheitert.

Nur, bereits mit der Fragerichtung, also ein besonders hervorzuhebendes „Jugendwort“ in einer besonders zu untersuchenden „Jugendsprache“ zu finden, wird natürlich implizit schon eine riesige Generationsschublade aufgemacht. Die Sprachfom einer besonderen Gruppe (Jugendlicher) wird herausgehoben und damit gegen eine nicht näher bezeichnete „normale“ Sprachform abgegrenzt. Nur zur Verdeutlichung: Es gibt ja kein „Boomerwort des Jahres“. Die Sprache, die Boomer reden, heißt einfach Sprache. Viele Boomer würden sich wahrscheinlich sehr dagegen wehren, wenn man ein Boomerwort des Jahres küren würde. Z.B. weil sie sich von der Bezeichnung Boomer allein schon nicht angesprochen und in eine Schublade gesteckt fühlen – verständlich. Z.B. weil ihre Sprache ja wohl bitteschön plain Hochdeutsch ist – vielleicht, ich bin keine Germanist*in. Vielleicht weil sie ihre eigene Sprache von ganz anderen sozialen Markern besser beschrieben sehen – regional-dialektal, politisches oder sozialen Milieu, Geschlecht…Aber die Sprache, die „Jugendliche“ reden wird vorgeblich eigens untersucht und ausgestellt, dabei wenig differenziert, ein wenig frisiert, damit da nicht nur *****sohn rauskommt, ein bisschen auf Unterhaltungswert (für wen?) geprüft – man könnte zusammenfassend sagen: Jugendsprache wird konstruiert und exotisiert. Und dabei sollen Jugendlichen nun bitte auch noch mithelfen. Meines Erachtens ist diese Generationen-Kommunikation ohne die Berücksichtigung des Machtfaktors nicht verständlich. Und damit komme ich zu einem zweiten Punkt:

In unserem letzten Zoom-Gespräch „Aus der Zeit gefallen“ haben wir unter anderem über Erklären versus Widerstand als Formen subalternen Sprechens geredet. Antje hat eigentlich richtiger Weise darauf hingewiesen, dass die Möglichkeit sich für eine Sprechweise zu entscheiden bereits ein Privileg ist und dass manchen Subalternen nur das Erklären bleibt. Ich bin mir immer noch nicht ganz sicher, ob es nicht auch viele Situationen gibt, in denen widerständiges Sprechen die eigentlich einzige Möglichkeit ist, zum Beispiel, weil einem eh niemand beim Erklären zuhört, oder man nicht ernst genommen wird. Im schlimmsten Fall wird das Gesagte verdreht und gegen einen verwendet. Oder noch ein bisschen anders: Vielleicht ist Erklären im Grunde auch eine von vielen Formen widerständigen (subalternen) Sprechens. Durch eine alternierende „Erklärung der Wirklichkeit“ aus meiner Sicht stelle ich die Deutungshoheit der „herrschenden Meinung“ in Frage. Ähnliches können andere widerständige Kommunikationsformen leisten wie Gespräch-Verweigern, paradoxes Sprechen, Übertreiben, Lügen und eben Formen von Ironie und Humor. In die sehr weite letzte Kategorie könnte man auch die konzertierte „Antwort“ der „jungen Generation“ auf die Auslobung des Jugendwortes rechnen.

Und daran schließen sich für mich noch weitere Fragen an, die ich hier nicht gelöst bekomme: Wir haben das „Erklären“ im Grunde mit „Vermitteln“ wiedergegeben und implizit eine gewisse moralische Bewertung vorgenommen. Vermitteln schafft Beziehung zwischen Menschen, ermöglicht politisches Handeln. Ich würde aber auch aus meinen eigenen Erfahrungen sagen, dass Erklären bisweilen fundamental scheitern kann. Beim Gegen-die-Wand-Quatschen passiert einfach keine Vermittlung. Umgekehrt vermittelt sich aber manchmal etwas ohne Erklären – vielleicht sogar durchs Gerade-nicht-mehr-Reden oder Komplett-Quatsch-Reden. Ich bin mir zum Beispiel fast sicher, dass ich nie zu der Einsicht gekommen wäre, was für ein adultistisch-frecher Blödsinn eigentlich diese Sache mit dem Jugendwort ist, wenn Internet-Jugendliche nicht ihren Blödsinn auf diese Bühne gebracht hätten. In unserem Zoom-Gespräch haben wir aber auch die Gefahren von widerständigem Sprechen gerade in Internetbubbles thematisiert. Dorothee hat ja sehr ausführlich, das Vermitteln vermittelt. (https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/04/das-gespuer-fuer-die-notwendige-vermittlung/) Vielleicht geht es von hier irgendwie weiter? Wie finde ich Kriterien fürs richtige Vermitteln? Und, woran merke ich, wann eine Privilegierung durch Auswahlmöglichkeiten an Widerstandsformen in eine de facto Machtposition kippt, die eine neue moralische Bewertung meiner Sprach- und Vermittlungsformen erfordert?

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Nachdenkliches zur Gestaltung der Zukunft https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/08/nachdenkliches-zur-gestaltung-der-zukunft/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/08/nachdenkliches-zur-gestaltung-der-zukunft/#comments Sun, 02 Aug 2020 10:49:26 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15999

„Unsere Welt neu denken, Eine Einladung“ lautet der Titel des Buches. Danke für die Einladung, gern nahm ich sie an, wurde gut genährt: mit anregenden Gedanken, nachdenklich machenden Überlegungen, persönlichen Reflexionen, klaren Tatsachen, einleuchtenden Querverweisen.

Wir wissen: wir haben nur eine Erde. Während früher viel Planet für weniger Menschen da war, ist nach Jahrhunderten der Ausbeutung nur noch wenig Planet für mehr als sieben Milliarden Menschen vorhanden.

Was tun? Ideen, Initiativen, Interessengruppen gibt es – siehe Fridays for Future – die nach Möglichkeiten und Mitteln suchen, Wege finden, wie wir nachhaltig leben können.

Diesen Zukunftsfragen widmet sich Göpel mit Sachverstand und Mut: sie begibt sich aus der Box bisheriger Denkweisen und imaginiert Anderes.

Göpel formuliert in dem Buch vieles von dem, was ich in meiner Umgebung seit langem reflektiere und diskutiere: in welcher Gesellschaft wollen wir leben? Was brauchen wir wirklich? Bei ihr kommen Sachverstand, Wissen, einflussreiche Position, bildhafte Sprache und Formulierungskunst zusammen, um dem Neuen auf die Sprünge zu helfen. Sie stellt Fragen: Flog die Herkunftsfamilie vor 50 Jahren in den Urlaub? Wieviel Autos besass sie? Wie gross war die Wohnung? Wie oft wurden neue Möbel gekauft? Mussten die Dinge von weit herangeschafft werden?

Göpel demonstriert am ökologischen Fussabdruck, wo wir gelandet sind: seit den 1970er Jahren zehren wir die Natur aus, verbrauchen mehr als regeneriert wird. Würde die deutsche Lebensart globaler Standard bräuchten wir mehr als zwei Erden.

Göpel kritisiert Wachstumskonzepte wie die des Ökonomen Robert Solow, der den Nobelpreis dafür bekam, dass Natur durch Technik substituierbar sei. Für diesen Ökonom ist es keine Katastrophe, wenn die Natur zerstört wird – man muss sie nur durch Technik ersetzen. Die Idee ein solches Wirtschaftssystem zu bauen, ist aus Sicht der Resilienz schlicht Wahnsinn, schreibt Göpel.

„Warum erhalten wir nicht die sich vielfältig mit Energie versorgende und regenerierende Natur, die uns geschenkt wurde? Welches wäre die lebenserhaltende Innovationsagenda?“

Göpel weist nach, dass die heute gültigen wirtschaftlichen Annahmen eben genau dies sind: Annahmen über die Wirklichkeit, die dadurch, dass sie angenommen werden, diese Wirklichkeit schaffen. Darum ist es so wichtig, neue Theorien zugrunde zu legen, menschliche Massstäbe anzulegen.

Wenn ich es flott ausdrücke, sollten wir nicht länger auf Aktienkurse starren, sondern lieber Achtsamkeitskurse besuchen. Göpel erinnert an den Ökonom Ernst Friedrich Schumacher, der – nachdem er Mitte der 1950er Jahre im damaligen Birma als Wirtschaftsberater wirkte – den Slogan prägte: small is beautiful. In seinem Buch “Rückkehr zum menschlichen Mass” beschreibt er die buddhistische Wirtschaftslehre, die Arbeit als etwas betrachtet, dass die Menschen darin unterstützt, ihre Fähigkeiten zu entwickeln. Das alte Menschenbild der heutigen Wirtschaft, wonach wir alle Egoisten seien, muss dringend abgelöst werden: „Wir brauchen eine Neubetrachtung der Werte, die Menschen in ihrer kooperativen Lebendigkeit stützen.” Göpels Vorschläge:

Vom Produkt zum Prozess
Vom Förderband zum Kreislauf
Vom Einzelteil zum System
Vom Extrahieren zum Regenerieren
Vom Wettkampf zur Zusammenarbeit
Von Unwucht zu Balance
Vom Geld zum Wert.

So kommen wir heraus aus der bislang für alternativlos gehaltenen Box der Annahmen. Das Neue vorauszudenken bereitet den Boden für die Wirklichkeit. Drei Empfehlungen gibt Göpel: „Bleiben Sie freundlich und geduldig, aber bleiben Sie dran. Suchen Sie sich Mitstreiter. Lassen Sie sich nicht runterziehen.“

Zukunft machen ist Leben verbringen!

Wer weitergehen will, findet Literaturempfehlungen sowie Hinweise zu Handlungsangeboten. Dieses Mut machende Buch lege ich allen ans Herz, die sich eine gerechte, gütige, gute Welt für alle wünschen: eine solche Gesellschaft ist machbar und vor allem lebbar!

Prof. Dr. Maja Göpel, *1976, arbeitet als Nachhaltigkeitswissenschaftlerin und Politökonomin an der Schnittstelle von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft. Sie ist Generalsekretärin des wissenschaftlichen Beirats «Globale Umweltveränderungen» bei der deutschen Bundesregierung, Mitglied des Club of Rome, des World Future Council, der Balaton Group und Fellow am Progressiven Zentrum. Im März 2019 stellte sie die Initiative «Scientists for Future «vor: mehr als 26.000 WissenschaftlerInnen unterstützen damit die Forderungen der Proteste zu Klima- und Umweltschutz.

Maja Göpel: Unsere Welt neu denken – Eine Einladung, Ullstein Verlag, Berlin 2020, 208 Seiten, 17,99 Euro.

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Aus der Zeit gefallen (2): Wir sprechen über “Kill all Normies” von Angela Nagle https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/07/aus-der-zeit-gefallen-2-wir-sprechen-ueber-kill-all-normies-von-angela-nagle/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/07/aus-der-zeit-gefallen-2-wir-sprechen-ueber-kill-all-normies-von-angela-nagle/#comments Thu, 30 Jul 2020 14:42:35 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15995 In unserem zweiten Zoom-Redaktionsgespräch aus der Reihe „Aus der Zeit gefallen“ sprechen wir über Angela Nagles Essay „Kill all Normies. Online Culture Wars from 4Chan and Tumblr to Alt-Right and Trump“, der 2017 erschienen ist. 

Angela Nagle, 1984 geboren, ist eine irisch-amerikanische Autorin, die in Dublin promoviert hat und in verschiedenen britischen und amerikanischen Publikationen schreibt. Ihr Essay „Kill all Normies. Online Culture Wars from 4Chan and Tumbr to Alt-Right and Trump“ (auf deutsch: fälschlicherweise übersetzt mit „Die digitale Gegenrevolution) analysiert die Rolle des Internets beim Aufstieg der amerikanischen Alt-Right-Bewegung, mit der schließlich auch Donald Trump ins Weiße Haus gespült wurde. 

Nagle zeigt an vielen Beispielen die Gefährlichkeit und Brutalität dieser – nicht auf die USA beschränkten – Bewegung, in der sich Hass auf Frauen und Homosexuelle, Rassismus, Männlichkeitswahn und Antisemitismus mit einem tiefsitzenden Gefühl des eigenen Abgehängtseins verbinden, auf, aber sie übt auch Kritik an der „Linken“ und konstatiert, dass deren Performance einen Beitrag zum Aufstieg dieser Bewegung geleistet hat.

Zum Video:

Angela Nagle: Kill All Normies. Online Culture Wars From 4Chan And Tumblr To Trump And The Alt-Right. Alresford, UK: Zero Books. 2017

Deutsch:

Angela Nagle: Die digitale Gegenrevolution. Online-Kulturkämpfe von 4Chan und Tumblr zu Alt-Right und Trump, transcript:. 2018

PS von Antje Schrupp: Ich spreche im Video an einer Stelle von Harvey Milk und behaupte, er wäre Bürgermeister von San Francisco gewesen. Stimmt aber nicht, er war nur Mitglied des Stadtrats!

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„Dich kriegen wir auch noch klein“ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/07/dich-kriegen-wir-auch-noch-klein/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/07/dich-kriegen-wir-auch-noch-klein/#comments Sun, 26 Jul 2020 07:42:50 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15980 Aus heutiger Sicht ist es fast nicht mehr vorstellbar, mit wie viel Sexismus, Häme und Widerstand Politikerinnen zu kämpfen hatten, die in den ersten Jahren der Bundesrepublik im Bundestag oder in Ministerien aktiv waren. Dazu eine Buchempfehlung von Brigitte Leyh.

Torsten Körner: In der Männer-Republik. Wie Frauen die Politik eroberten, 2020, Kiepenheuer & Witsch, 368 Seiten, 22 €.

Wenn ein Mann über Frauen schreibt, bin ich meist erst einmal misstrauisch. Aber in dem kürzlich erschienenen Buch „In der Männer-Republik. Wie Frauen die Politik eroberten“ von Torsten Körner wird uns das Ausmaß der Frauendiskriminierung in der parlamentarischen Geschichte der Bundesrepublik vor Augen geführt.

Schon die vier Mütter des Grundgesetzes Elisabeth Selbert, Friederike Nadig, Helene Weber und Helene Wessel begegneten der unverhohlenen Geringschätzung vieler männlicher Kollegen. Auch später lösen die berechtigten Anliegen von Politikerinnen bei vielen Männern im Parlament lediglich Heiterkeit aus. In der Presse ihrer Zeit wurden sie, ihre Anliegen und Leistungen allzu häufig ignoriert und ausgeblendet.

Bundeskanzler Konrad Adenauer zum Beispiel äußerte sich ganz unverblümt besorgt, als mit Elisabeth Schwarzhaupt 1961 erstmals eine Frau Bundesministerin wurde: Dann könne man nicht mehr so offen reden, klagte er, außerdem sei sie nicht trinkfest. Obwohl Schwarzhaupt promovierte Juristin war, wurde sie nicht nur von ihm zum „Fräulein“ geschrumpft und auf das Gesundheitsministerium verwiesen, das Adenauer als unwichtig genug einstufte, um es einer Frau anzuvertrauen. Dass die CDU-Politikerin darauf drängte, den Gleichberechtigungsgrundsatz in deutsches Recht umzusetzen und zum Beispiel gegen den damals immer noch existierenden „Gehorsamsparagraphen“ (§1354) im Bürgerlichen Gesetzbuch anging, der Ehemännern die Entscheidung über das gemeinschaftliche eheliche Leben zusprach, fanden viele männliche Politiker unnötig und lästig.

Immer wieder kam es vor, dass Politiker weibliche Abgeordnete durch Gelächter, Schenkelklatschen, höhnische Zwischenrufe störten. Frauenverachtende Witze und Sprüche wie „Dich kriegen wir auch noch klein“ waren an der Tagesordnung. Der Bundestagspräsident ließ dieses rüpelhafte Verhalten in aller Regel durchgehen, wie Waltraud Schoppe (Die Grünen) später bemerkte. In fast allen Parteien wurden Kandidatinnen zudem regelrecht auseinandergenommen, wie Körner schreibt: „Ist sie nicht zu alt? Oder zu jung? Ist sie nicht zu hübsch? Ist sie hübsch genug? Warum ist sie nicht bei den Kindern? Ist sie klug? Ist sie vielleicht zu klug? Ist sie unverheiratet? Geht sie auf Männerfang aus? Ist sie so frustriert, dass sie in die Politik gehen muss? Welche Qualifikationen bringt sie überhaupt mit? Nimmt sie nicht dem verdienten Genossen Müller Huber Schmidt den Platz weg?“

Das Buch zählt all die Steine und Minenfelder auf, die den Frauen in patriarchalischer Solidarität im Parlament in den Weg gelegt wurden, während sie für die Abschaffung des Gehorsams in der Ehe, gegen den Abtreibungsparagraphen, gegen Vergewaltigung, sexuelle Gewalt, für gleiche Bezahlung, gegen Kernkraft und für Kindergärten eintraten. Statt sich mit den Anliegen ihrer Kolleginnen ernsthaft auseinanderzusetzen, waren viele Politiker damit beschäftigt, herauszufinden, ob die Frau einen BH trug oder ob sie im Bett nicht besser aufgehoben wäre als im Parlament. Während die Frauen sich dafür einsetzten, dass die Gleichberechtigungsverpflichtung von 1949 mit den entsprechenden Konsequenzen real umgesetzt wurde, haben sie es mit einem Plenarsaal zu tun voller „Gelächter und Grinsen, man wirft einander vielsagende Blicke zu, haut sich auf die Pulte und die eigenen Schenkel.“

Torsten Körner ruft bemerkenswerte und oft heute schon wieder vergessene Politikerinnen in Erinnerung wie Renate Schmidt (SPD), Käte Strobel (SPD), Petra Kelly (Die Grünen), Hildegard Hamm-Brücher (FDP), Ingrid Matthäus-Maier (erst FDP, dann SPD), Antje Vollmer (Die Grünen), Annemarie Renger (SPD) und Rita Süssmuth (CDU). Und natürlich Heide Simonis (SPD), die 1993 die erste Ministerpräsidentin wurde. Die Grünen haben mit ihrer radikalen Forderung nach 50-Prozent-Parität weitere Frauen von Format ins ungewohnte Rampenlicht gebracht, obwohl auch sie es in ihrer Partei nicht immer leicht hatten. Die von ihnen vorgeführte – und von ihrem Parteikollegen Joschka Fischer belächelte – Gleichberechtigung hat auch dazu beigetragen, dass Kohls „Mädel“ Angela Merkel (CDU) erste Bundeskanzlerin werden konnte.

Auf allen 362 Seiten des Buches kann man den Respekt spüren, den der Autor seinen Protagonistinnen entgegenbringt. Wenn Männer so über Frauen schreiben, ist das okay für mich.

Torsten Körner: In der Männer-Republik. Wie Frauen die Politik eroberten, Kiepenheuer & Witsch 2020, mit Bildern und Quellen, 368 Seiten, 22 Euro.

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Kapitel 6: Freundinnenschaften und Konflikte unterschiedlicher weiblicher Lebensmodelle https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/07/kapitel-6-freundinnenschaften-und-konflikte-unterschiedlicher-weiblicher-lebensmodelle/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/07/kapitel-6-freundinnenschaften-und-konflikte-unterschiedlicher-weiblicher-lebensmodelle/#comments Wed, 22 Jul 2020 10:45:17 +0000 http://bzw.soundsites.net/?p=15974 Zum 20. Jubiläum der Flugschrift „Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik“ wurde das Büchlein im Christel Göttert Verlag neu aufgelegt und wird hier im Forum auch erstmals online veröffentlicht (hier der Link zum Anfang). Dies ist das 6. Kapitel: Freundinnenschaften.

Die Notwendigkeit und Möglichkeit der Frauen, sich für oder gegen Mutterschaft zu entscheiden, hat in unserer Gesellschaft eine Kluft zwischen Müttern und Nichtmüttern entstehen lassen. Woher kommen die Schwierigkeiten in den Beziehungen zwischen beiden weiblichen Lebensmodellen? Gegenseitiger Neid auf das Leben der jeweils anderen, das für leichter gehalten wird? Enttäuschte Erwartungen — weil die Mütter sich mehr tatkräftige Unterstützung erhofft hatten und die Nichtmütter enttäuscht sind über den Abbruch alter Beziehungen und vielleicht auch über das Ende eines vormals gemeinsamen politischen Engagements? Vielleicht auch die nicht gelebte Trauer der Nichtmütter über einen unerfüllten oder sich selbst verbotenen Kinderwunsch?

Verloren gegangen ist in diesem Streit die gute alte Institution der „Tante“. Zur Entbindung nahmen Frauen früher ihre Mutter oder eine Freundin mit. Heute wird versucht, die Väter an diese Stelle zu setzen. Aber während es vielfach nicht gelingt, die Väter wirklich für eine aktive Vaterschaft zu begeistern, werden durch die Beschränkung auf das Elternpaar die Freundinnen und „Tanten“ verprellt.

Die Kommunikationsbarriere zwischen Müttern und Nichtmüttern verhindert, dass sie gegenseitig ihre Dankbarkeit ausdrücken für das, was jede in ihrem Lebensbereich auch für die anderen Frauen erarbeitet. Dadurch ist auch eine fruchtbare gegenseitige Kritik an der jeweiligen Lebensweise fast unmöglich. Mütter äußern ihre Kritik nicht, wenn ihre Freundinnen sich von Beruf und Karriere auffressen lassen; umgekehrt können Nichtmütter kaum ihr Bedürfnis nach zusammenhängenden Gesprächen und Kontinuität der Beziehung zu ihren nun Mütter gewordenen Freundinnen ausdrücken bzw. gegen deren Verschwinden in der Mutterrolle die Aufrechterhaltung eigener Wünsche einfordern. Wo die notwendige Auseinandersetzung aber nicht geführt wird, können die Freundinnenschaften an unausgesprochenen Vorwürfen ersticken.

Auch zwischen lesbischen und heterosexuellen Frauen findet die Auseinandersetzung um Lebensentwürfe kaum noch statt. Eine gewisse gesellschaftliche Akzeptanz lesbischen Lebens geht einher mit einer Ansicht, die vom unhintergehbaren spezifischen So-Sein der lesbischen wie der heterosexuellen Frau ausgeht und deshalb Fragen der Lebensgestaltung dem gemeinsamen Gespräch entzieht.

Eine neue Besinnung auf die Bedeutung der lesbischen und heterosexuellen Lebens- und Beziehungsform für die jeweils andere Gruppe könnte aber fruchtbare Impulse für eine neue frauenbewegte Politik freisetzen: Lesben verkörpern in besonderer Weise die Freiheit eines frauenidentifizierten, sich von Männern unabhängig machenden Frauenlebens; während das Leben frauenbewegter Heteras für Lesben die Möglichkeit eines selbstbewussten Umgangs mit Männern aufzeigen kann, der Größenphantasien vorbeugt und die Männer realistisch wahrnimmt.

Aus: Ulrike Wagener, Dorothee Markert, Antje Schrupp, Andrea Günter: Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik. Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim 1999, Neuauflage 2019

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Auf der Kippe https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/07/auf-der-kippe/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/07/auf-der-kippe/#comments Tue, 14 Jul 2020 11:56:16 +0000 http://bzw.soundsites.net/?p=15965

„Kann es sein, dass Corona eigentlich nur Konflikte und Probleme in Ihrem Leben verstärkt, die sonst auch da wären?“, möchte meine Psychologin von mir wissen. Wegen der hübsch gemusterten Maske kann ich ihr zart-klügliches Lächeln nur erahnen. Sie hat eine von diesen Premium-Masken. Hat sie die selbst genäht? Woher nimmt sie die Zeit? Hat sie die gekauft? Woher nimmt sie das Geld? Sie soll mich nicht so angrinsen mit ihrer Angebermaske. Angebermasken sind definitiv ein Problem, das mir nur Corona beschert hat. Diese Frage soll sich wohl besonders gescheit anhören. Hat sie sich sicher nicht selbst ausgedacht. Nee, hab ich nämlich auch gelesen diesen einen Essay, auf zeit.de und den anderen, auf sz.de. Also vom letzten nur die Überschrift, weil ich den sonst hätte bezahlen müssen. Soweit kommt das noch, dass ich Leute für ihre dümmliche Fragestellerei mit extra Runzelstirn bezahle. „Ich bin nicht depressiv, mein Leben ist mir nur gerade zu scheiße“, sage ich meiner Hausärztin, die mich eindringlich ermahnt, mein neuerlich wieder aufgenommenes Rauchlaster einzustellen, aber dafür ein „ganz mildes Antidepressivum“ zu nehmen. Ich mache Runzelstirn und versuche dabei einen gleichzeitig festen und glaubhaft leidenden Blick. Immerhin – vier Tage krank. Jetzt kann ich nach Hause gehen und mit den coronabedingt daueranwesenden Kindern spielen – grandios. Ich musste in den letzten Jahren ja feststellen, dass alle diese von meiner Mutter sehr bemitleideten vernachlässigten Kinder, die früher den ganzen Tag vor der Glotze saßen, während ich Geige geübt habe oder Klavier, oder Judo, oder im Kindertheater war, jetzt bei SAP oder Audi arbeiten. Oder irgendwas mit Beratung machen. Jedenfalls geht es ihnen wunderbar mit ihren hässlichen Riesenhäusern mit Trampolin im Garten für die aktuellen und zukünftigen Kinder, und die Nachbarskinder dürfen da auch draufrumhopsen. Und meine Kinder auch, wenn ich zu Besuch komme, in die alte Heimat. Die Kinder lieben das. Auch Corona lässt sich da gut aushalten, es rechnet sich fast. Die Mamis machen noch ein bisschen Elternzeit – das Kleinste ist ja noch nicht ganz 3. Und die 600€ für den Halbtagsplatz im Dorfkindergarten, verrechnet mit dem Teilzeitgehalt in dieser Steuerklasse, also das ist schon ok so. Ich genieße das. Die Riesenhäuser mit den Riesengärten und das Trampolin für die Kinder. Einmal waren wir auch versuchsweise kurz auf dem Spielplatz. Das kleine Kind hatte große Angst auf dem Weg, der nur eine Straße war ohne Gehweg. „Mama, nicht auf der Straße laufen, da kommen Autos.“ Nee, das sieht nur aus wie eine Straße. Am Wochenende kommt da höchstens mal ein Traktor vorbei. Traktoren mag das Kind, den Spielplatz nicht – der sieht haargenau aus wie 1995. Dorfspielplätze sind nichts für Kinder – die haben ihre Trampolins in den Halbe-Million-Euro-Riesenhäuser-Gärten. Spielplätze sind für später, zum Saufen und Rauchen da – fast vergessen. Eine halbe Million, warum genau arbeite ich nicht bei SAP? Da ist meine Mutter dran schuld, mit ihrer blöden Anti-Fernseh-Politik, und der Geigenunterricht. Eine ordentliche Freizeitgestaltung, ein hervorragender Schulabschluss, und schon ist das Leben und die Zukunft versaut. Mütter sind das Schlimmste. Ich mache das alles anders, setze die Kinder jetzt vor den Fernseher und mich auf den Mini-Balkon, rauchen. Was für eine dusselige Frage. SAP, Trampolins, Zigaretten und mein ewig unfertiges Leben, alles keine Corona-Innovationen. Danke, da komme ich auch alleine drauf.

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„Das Patriarchat ist zu Ende“ – Perspektiven und Strategien jenseits des Gender Mainstreaming https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/07/das-patriarchat-ist-zu-ende-perspektiven-und-strategien-jenseits-des-gender-mainstreaming/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/07/das-patriarchat-ist-zu-ende-perspektiven-und-strategien-jenseits-des-gender-mainstreaming/#comments Sat, 11 Jul 2020 07:59:08 +0000 http://bzw.soundsites.net/?p=15909 „Kannst du mir ein Seminar anbieten, in dem du meinen Mitarbeiterinnen eine Einführung und Grundlagen zu dem Ansatz der ‚Italienerinnen‘ und dem Theorieansatz des Sex und Gender-Konzepts nahe bringst? Ich suche nach einer entsprechenden Weiterbildung, und da fiel mir ein, dass du dich damit auskennst.“

Unverhofft erhielt ich im Februar diese Anfrage von Anja Taubner von der Fachstelle Geschlechtergerechtigkeit im Kirchenkreis Hamburg Ost der Nordkirche. Nach kurzer Bedenkzeit sage ich zu und nahm die Herausforderung an.

Denn wie nenne ich eine Denkrichtung, eine Praxis, für die es keinen allgemein gültigen Begriff gibt, wie grenze ich die Auswahl der Veröffentlichungen ein und was lässt sich in vier Stunden online via Zoom realistischerweise so vermitteln, dass es das gesetzte Ziel erreicht?

Seit mehr als dreißig Jahren beschäftige ich mich mit feministischen Themen. Studierte an der Uni Dortmund Frauenstudien (1999) und führte dieses Handlungsfeld in dem sich anschließendem Studium der Erziehungswissenschaften weiter.  

Ich hatte das große Glück, bei Angelika Wetterer (Sex und Gender-Ansatz) zu studieren, bei der ich eine Prüfung ablegte. Meine Diplomarbeit verfasste ich über eine Evaluation eines Gendertrainings. In dieser Zeit kam ich zum ersten Mal in Berührung mit den „Italienerinnen“, durch die Flugschrift „Hunger nach Sinn“, die mich inspirierte. Meine erste Hausarbeit im Rahmen der Frauenstudien beschäftigte sich mit dem Buch: „Wie weibliche Freiheit entsteht.“

Zwanzig Jahre später konnte ich Impulse und Veranstaltungen verschiedener Art mit gestalten, wie zum Beispiel die Mitarbeit in der „Steuerungsgruppe Gender“ im Kirchenkreis Osnabrück und der Mitgestaltung des Frauenmahls, wo wir Antje Schrupp durch meine Initiative als Referentin gewannen, oder der Mitarbeit mit einem Beitrag bei der ersten Denkumenta 2013, in St. Arbogast.

Für die Durchführung meines Seminars wählte ich einen Mix aus theoretischem Input, Biografiearbeit, einem fragegeleiteten Austausch und einigen ausgewählten Audios aus dem „ABC des guten Lebens“, die meine Tochter für mich einsprach.

Im Rahmen des Praxistransfers lag die eigentliche Herausforderung darin, wie sich diese Denkrichtung, Perspektive in die Alltagspraxis integrieren lässt. Geht das überhaupt und wenn ja, wie?

Da tauchen Themen auf wie Arbeitsplatzverdichtung, die Frage, wo (berufliche) Räume sind, um diese Themen weiterzudenken, und was von dem Gehörten auf welche Weise nützlich ist, und wie es sich mit einfachen Mitteln umsetzen lässt, um in die Erfahrung zu kommen.

Ich entschied, mich für dieses einführende Seminar an den Fragen zu orientieren, die Ina Praetorius in ihrem Buch: „Weit über Gleichberechtigung hinaus …“ entwickelt. Ihre Leitfrage lautet: Wenn Gleichberechtigung nicht das Ziel von Frauen (und Männern) ist, welche Fragen können wir stellen, die mir einen anderen, neuen Blick, einen Perspektivwechsel ermöglichen, um nicht nur mein tägliches Tun anders wahrzunehmen, sondern auch Ideen zu generieren, die in meinem Alltag anwendbar sind? Wie identifiziere ich patriarchale Überschreibungen, und wie kann ich sie unter dem neuen Blickwinkel definieren?

Das Ganze spielerisch anzugehen, in einen offenen, suchenden Prozess einzusteigen, ist eine mir wichtige Grundhaltung, die Räume öffnet. Diese überaus inspirierende Sichtweise zu verstehen ist wie ein Tanz, ein Flirt, um zu prüfen, ob sich daraus eine länger andauernde Beziehung ergibt.

Mein Leitgedanke dafür lautet: forschend gute Fragen zu entwickeln, die einen Perspektivwechsel ermöglichen. Dafür lässt sich die Gruppe nutzen, um gemeinsam an konkreten Anlässen, mit der jeweils anderen, gute Fragen/Sichtweisen zu entwickeln.

Insgesamt ist das Konzept gut aufgegangen. Die „Austauschinseln“ wurden genutzt, der Methodenmix ließ keine Langeweile aufkommen, die Teilnehmerinnen waren bis zum Schluss aufmerksam dabei.

Resümee: Gute Fragen für den Praxistransfer zu entwickeln und sich dabei gegenseitig zu unterstützen, ist an sich eine gute Idee, aber vielleicht im Rahmen einer Einführung zu viel. Das hieße, solch ein Angebot benötigt eine Vertiefung.

Meine Frage an euch lautet: Was sind eure Erfahrungen mit Seminaren mit diesem Ansatz? Welche Wege des Praxistransfers wähltet ihr, wo liegen Hürden, was bewährte sich?

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Ein gutes Leben für alle erfordert ein neues Zukunftsdenken und Zukunftssprechen. https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/07/ein-gutes-leben-fuer-alle-erfordert-ein-neues-zukunftsdenken-und-zukunftssprechen/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/07/ein-gutes-leben-fuer-alle-erfordert-ein-neues-zukunftsdenken-und-zukunftssprechen/#comments Wed, 08 Jul 2020 16:07:42 +0000 http://bzw.soundsites.net/?p=15937

Mit großem Interesse verfolge ich die Debatte um den Begriff der Frau; nicht erst, seitdem sie wieder neu hochkocht. Dies ist ein weiterer Diskussionsbeitrag zu denen von Jutta Pivečka, Antje Schrupp, Dorothee Markert und vielen anderen.

“Nichts im Bereich von Genderdiskursen ist wahr oder falsch, sondern es geht beim Sprechen über Geschlecht(er) darum, was wir wollen, was wir als sinnvoll erachten für das gute Leben aller.” (Antje Schrupp in Schwangerwerdenkönnen (2019), S. 154)

Mir liegt viel daran, diesen Punkt in der Debatte noch einmal stärker zu machen.

“Ich bin mein Körper, etwas anderes bin ich nicht”, sagt Jutta Pivečka in einem der Diskussionsbeiträge. Ich würde zustimmen, dass ich auch mein Körper bin. Und aus diesem Grund – angeregt durch Ilan Stephani – beginne ich gleich heute damit, meinen Körper in meine Körperin sprachlich umzugendern und fühle mich gleich mehr in mir zu Hause. Meine Körperin nun besitzt aber auch die Fähigkeit, mich mit anderen Menschen in Beziehung zu setzen, kann gerade über die Sprache mit anderen Menschen in Beziehung treten. Meine Körperin ist fähig, Empathie für andere Menschen zu empfinden. Es gibt nicht nur ein “Ich- bin” sondern auch ein “Aus-mir-heraus”, ein “Von-mir-aus”, was mir ermöglicht, auch andere Dinge als nur mich selbst zu sehen, zu denken, zu fühlen. Sonst würde ich ja das Begehren “eines guten Lebens für alle” nicht haben können.

Dieses Begehren ist hochpolitisch. Ich persönlich finde ja, jede/r sollte es haben. Ich persönlich kann nicht begreifen, dass andere es nicht haben. Mit Julia Fritzsche habe ich letztens überrascht festgestellt, dass uns beiden ein sehr stark ausgeprägtes Mitfühlen mit den Kindern in einem “geografisch weit entfernten” Krieg innewohnt (ich kann “weit entfernt” nur in Anführungsstriche setzen, weil… was auf dieser runden Welt ist schon “weit entfernt”; ab wann einer etwas als “weit entfernt” gilt, ist so relativ; abhängig vielleicht auch von der Größe des je eigenen Empathieradiusses). Uns geht das Leid so nahe, dass es uns nachhaltig verstört. Gerade Nachrichtenbilder aus Kriegsgeschehen hängen viele Tage wie Blei in mir fest und bestimmen oft über Wochen viele meiner Emotionen und Gedanken. Für mich war das Teilen dieser Empfindung tatsächlich etwas Neues. Wir dachten dann weiter darüber nach. Wie viele von uns sind wir, die so empfinden? Braucht es vielleicht gerade so ein Fühlen für andere und mit anderen, um ein gutes Leben für alle zu wollen und sich also auch aktiv dafür einzusetzen?

Ich jedenfalls habe dieses Ziel, und dieses Ziel liegt in einer noch nicht festgeschriebenen Zukunft. Und da es also durch und durch politisch ist, denkt und fühlt und lebt und atmet und bewegt sich meine Frauenkörperin zutiefst politisch und ist zudem in die Zukunft gerichtet. Somit ist es für mich zum einen gar nicht möglich, in einem auf mich bezogenen Frausein nur eine “biologische”, aber natürlich auch keine nur “politische” Dimension zu erkennen. Das Politische fließt durch meine Adern, es pulsiert in meinem Herzen, pumpt in meiner Lunge, es weint oder kotzt sich manchmal aus usw. usf. … alles zutiefst körperinliche, biologische Prozesse. Deswegen finde ich persönlich vielleicht zu dem Gedanken “einfach nur biologisch Frau sein” keinen Zugang.

Ich sehe einfach nicht, wie Frauen in einer immer noch patriarchal-kapitalistisch geprägten Gesellschaftsordnung “einfach nur biologisch Frau sein” können. Und ich sehe auch nicht, wie mir dieses Denkkonstrukt die Freiheit gibt, (fast) alles tun können. In mir kommen da nur ganz unschöne Bilder sich unterordnender Frauen auf. Versuche ich es also andersrum: Wenn ich “einfach nur biologisch Frau sein” könnte, dann würde ich bereits in einer macht- und hierarchiefreien Gesellschaft, also in einer guten Zukunft leben. Und dann wäre wiederum fraglich, ob ich mich dann überhaupt noch als Frau definieren müsste.

Wenn ich sage, “ich sehe … nicht”, dann ist es also eine Frage der Art und Weise, wie ich auf die Welt blicke. Wenn es mir – ich versuche mich jetzt, in dich, Jutta, hineinzuversetzen – möglich ist, Freiheit zu entwickeln aus der Kenntnis, dass Frausein nur eine biologische Kategorie ist… dann schwappt in mir spontan ein Wunsch hoch: Ich würde gern mindestens eine Woche im Monat, in der emotional und kreativ und gedanklich und körperinlich alles drunter und drüber geht, gern keine Anforderungen der Gesellschaft und der Familie an mich erfüllen, weil ich da eigentlich schon genug mit mir als meiner Körperin zu tun habe. Und wenn wir schon beim Wunschkonzert sind: Ich würde wahrscheinlich generell sowieso nur noch das tun und geben wollen, was ich gern tue und gebe. Das kann ich aber nicht einfach tun. Ich kann mich nicht eine von vier Wochen einfach ausklinken, ich kann nicht nur tun und geben, was ich tun und geben will. Schon allein, weil immer money on my mind und im Portemonnaie sein muss. Also was meinst du, Jutta, was kannst du tun? Ich möchte es wirklich verstehen. Ich habe in der Diskussion gemerkt, dass ich wirklich Schwierigkeiten habe, es tief in mir zu verstehen, was du meinst.

Der zweite Gedanke ist sodann, und er ist wirklich sehr sehr stark: dass diese Möglichkeit, (fast) alles tun zu können, nur weil diese Erkenntnis des “nur biologischen Frauseins” durch mich geschwappt ist, ein Privileg ist. Denn wie viele Frauen haben – trotz dieser Erkenntnis – nicht einfach die Möglichkeit, (fast) alles zu tun, was sie mögen? Und da grüßt sie schon wieder: die politische Dimension.

Die politische Dimension

Ich bleibe zunächst bei der politischen Dimension, später komme ich noch zur guten zukünftigen.

Warum denke ich als meine Frauenkörperin politisch? Warum denke also ich als Frau politisch? Vielleicht, weil ich mir meiner Privilegien so bewusst bin. Bevor ich nichts von ihnen wusste, war das Leben leichter. Jetzt ist es schwer, ein ständiges schlechtes Gewissen nagt an mir. Wie werde ich das los? Indem ich mir meiner Verantwortung bewusst werde, die leider mit diesen Privilegien mitgeliefert wurde. Ich würde diese Verantwortung gern nicht haben. Oder gern nichts von ihr wissen. Denn es gibt ja so viele Möglichkeiten, sie falsch zu benutzen, ihrer nicht gerecht zu werden, es ist irgendwie immer ein Von-oben-nach-unten, es kostet jedenfalls viel viel Mühe, dass es das nicht ist, und das finde ich per se problematisch an der Verantwortung. Privilegien und somit (gewusste und dann entweder angenommene oder eben verdrängte, oder aber ungewusste) Verantwortung sind den oberen Hierarchiestufen inhärent. Warum und wie entstand nun einst die hierarchische Gesellschaft? Eine der großen Fragen der Menschheit.

Eine hierarchische Gesellschaft jedenfalls braucht zweifelsohne Kategorien. Von Beginn an, so scheint es, war da die Ordnung der Geschlechter. Mit ihr können Hierarchien am besten etabliert und bewahrt werden; alle anderen Kategorien kommen schon weit weniger “natürlich” daher, sind aber natürlich auch sehr wichtig, denn die Mischung macht’s (zu gender kommen ja noch class und race… und noch so einige andere hinzu). Je nachdem, in welcher Kategorienmischung mensch daherkommt, muss Mensch zeit seines Lebens für minimalste (Menschen-)Rechte und Freiheiten kämpfen oder die “Unterordnung” akzeptierend sein Glück suchen. Oder Mensch wurden – in eigener Anstrengung oder der anderer – bereits viele Rechte und Freiheiten erkämpft, oder aber Mensch wurden diese schon immer zugesprochen. Gerade letztere/r neigt dazu zu glauben, andere würden “ihre”/”seine” Rechte und Freiheiten auch schon längst bewohnen (können, wenn sie nur wirklich wollten), oder es gäbe “gute Gründe”, dass sie es nicht tun. Die patriarchal durchtränkte neoliberale Ideologie hilft diesem Glauben ganz arg.

Wo die Kategorie Frau nun hierarchisch eingeordnet ist, das zeigt sich ja auch in den Texten und Kommentaren in dieser Debatte: immer wieder fallen die Worte “Kampf” und “Schmerz” und “Stolz” und “Eroberung” und “Kränkung”, “leiden”, “Gehör finden”, “Trost”, “erlittene Entwertung und Misshandlung unserer Körper”, “Macht und Hierarchie”, “Normalsein”. Wie kann also Frausein nur biologisch und nicht politisch sein? Geht das überhaupt?

Ich habe begonnen, Natalie Angiers Buch zu lesen. Und ich lese es – obwohl ich noch nicht über die Einleitung hinaus bin, aber vielleicht gerade wegen dem, was sie hier schreibt – als zutiefst politisches Buch. Auch sie kämpft doch, auch sie bereitet Grund für neue wichtige Körper*innengedanken in den Leser*innen. Sie schreibt darüber, was bisher ungesagt oder verborgen oder verzerrt oder vergessen worden war, damit wieder mehr Menschen präzisere Analysewerkzeuge zu Gedanken und Gefühlen und Emotionen und Sprachentwicklung, den eigenen, aber auch andere Körper*innen betreffend, bekommen und noch tiefer “in erster Person nach Worten suchen” (Luisa Muraro) können. Ihre Motivation ist eine politische, das lese ich ganz klar in den ersten Seiten heraus.

Und hier entfaltet sich mir ein Zusammenhang zwischen Natalie Angiers Arbeit und dieser Debatte: Sind es nicht gerade solche Analysewerkzeuge, wie Natalie Angier sie uns zur Verfügung stellt, die es uns ermöglichen, Probleme und Herausforderungen und bisher ungelöste Denkfragen eben besser, weil präziser und gerichteter zu bearbeiten? Wenn es also gerade thematisch um die Menstruation geht, dann warum nicht gezielt “Menschen mit Menstruationshintergrund” (leicht angeschnippelter Titel eines ZEIT-Artikels von Christine Lemke-Matwey in der ZEIT vom 25.06.2020, S. 43) ansprechen? Noch erstaunter war ich dann, als ich den Artikel las, auf den Joanne K. Rowling hier den nun allseits bekannten Tweet abgegeben hatte. Der Titel des Artikels von Marni Sommer, Virginia Kamowa und Therese Mahon ist: “Creating a more equal post-COVID-19 world for people who menstruate“. In dem Artikel werden mit “girls, women and gender non-binary persons” oder auch “girls, women an all people who menstruate” genau jene Menschen angesprochen, die auch in Zeiten der Pandemie unbedingt Zugang zu den “basic services, particularly in low-income countries” im Bereich “menstrual health and hygiene” benötigen.

Es ist einfach großartig und sollte uns glücklich stimmen, dass hier ALLE! Menschen Hilfe bekommen (sollen), die menstruieren! Wie kann denn hier bitte Anstoß daran genommen werden, dass durch ein so wohlüberlegtes Verwenden der Begriffe “Mädchen”; “Frauen” und “Menschen, die menstruieren”, genau die Menschen angesprochen und mitgedacht werden, die angesprochen und mitgedacht werden müssen? Was bringt es einer Datenerhebung in diesem spezifischen Bereich, wenn alle Frauen gezählt werden, davon aber ein nicht unerheblicher Teil ja gar nicht mehr menstruiert; und zum andern aber Mädchen und Menschen mit nichtbinären Geschlechtsidentitäten nicht einbezogen werden?

Wir sollten froh sein, dass dies endlich geschieht, wir sollten dankbar sein für eine Sprache, die in der Hinsicht immer präziser wird und endlich – da in Sprache und aktivem Handeln inkludiert – Menschen sichtbar macht und in medizinischer Hinsicht mitdenkt und dadurch sodann der Grundstein dafür gelegt ist, dass alle Menschen, die menstruieren, auch ausreichend versorgt werden.

Ich kann daher den Anstoß von Joanne K. Rowling an dieser so wohlüberlegten begrifflichen Differenzierung (die leider von den drei Autorinnen nicht ganz durchgängig und kohärent beibehalten wird) tatsächlich nur als Lust auf eine gezielte Suche nach Möglichkeiten und Aufhängern für eine Provokation der “Queer-Fraktion” lesen, und gleichzeitig auch als eine Unlust, sich mit den Kämpfen anderer um Hör- und Sichtbarkeit überhaupt nur beschäftigen zu wollen. Letzteres ist ja okay (ich persönlich finde es nicht okay, aber das fällt wohl unter Demokratie und Meinungsfreiheit), aber nicht in Verbindung mit ersterem. Wirklich und ganz ehrlich: Keine will hier irgendeiner ihren hart erkämpften Begriff wegnehmen oder sie unsichtbar machen; eben ganz im Gegenteil: Es sollen jene Menschen sichtbar gemacht werden, die sonst vergessen worden wären, und das sind eben in diesem ganz spezifischen Fall gerade nicht nur Frauen! Ich möchte kurz alle, besonders jene Frauen, die hier Anstoß nehmen, bitten, mit mir ein kurzes Empathie-Experiment durchzuführen: stell dir vor, du bist ein trans Mann, der menstruiert: Wie fändest du es, wenn dir keine medizinische und sonstige mit Menstruation zusammenhängende Versorgung zukommt, weil du einfach in den Studien, die eine diesbezügliche Bestandsaufnahme machen, gar nicht mitgedacht wirst? Wie fühlt sich das an?

Wenn wir ein gutes Leben für alle wollen, dann schließen sich hier weitere Fragen an: Wie könnten sich denn Menschen, die sexuelles Begehren und/oder Gender- und Geschlechtsidentitäten jenseits der heteronormativen Zweigeschlechtlichkeit bewohnen, zeigen, ohne neue Kategorien zu eröffnen? Gibt es denn andere Möglichkeiten als die, über neue Kategorien eine Veränderung im öffentlichen Bewusstsein zu erreichen und Identitäten und Beziehungen sicht- und hörbar und mitdenkbar und versprachlichbar zu machen, die vorher unbenannt und (nicht immer, aber oft) unerkannt in the margins existierten? Just for the record: Wir befinden uns immer noch in einer hierarchischen Gesellschaft, in der weiterhin gerade in der Körper- und Biopolitik eine massive Kontrolle und Disziplinierung stattfindet. Ich sehe ehrlich gesagt keinen anderen Weg, als dass wir alle uns gemeinsam und behutsam, angeleitet von den jeweils Bedürfnisse und Begehren Mitteilenden, da hindurchtasten und ausprobieren, was ihnen innen wie außen passt und was nicht.

Die “Fraktion” – es sind ja leider Fraktionen, anders kann mensch das ja nicht nennen, aber vielleicht lösen wir die ja endlich bald mal auf – um Joanne K. Rowling sagt grob vereinfacht zum einen: “Bitte keinen neue Begriffe mehr, denn es gibt schon einen.” Dieser Aussage ist zudem inhärent, dass es irgendwie auch schon zu viele (verwirrende) Begriffe gibt. Und dann gibt es zum anderen noch die Aussage, dass bestimmte Menschen “nicht ganz Frau” sind, da sie es nicht von Geburt an gewesen sind, bestimmte Kämpfe nicht gekämpft haben usw. usf. Und diese eignen sich nun den Begriff an. Darunter sind eventuell sogar noch solche, die sich vielleicht gerade einfach nur einen Rock aus Jux und Dallerei anziehen. Sie tun dies, um die “richtigen” Frauen zu ärgern, indem sie in ihre Schutzzone eindringen. Ich glaube wirklich, dass ein solches, als gewaltvoll empfundenes Eindringen geschehen ist und es auch vielfach geschieht. Das aber wirklich Traurige daran ist, dass es hier zu keiner Kommunikation, die in einem gegenseitigen Verstehen mündet, kommt. Und das denke ich immer und immer wieder: Viel zu wenig Kommunikation, an allen Ecken und Enden und von allen Seiten zu wenig Verständnis und Verstehen aufgrund von zu wenig gelingender Kommunikation. Joanne K. Rowling zum Beispiel wollte hier keine Kommunikation entstehen lassen, sie wollte “ihre” Leute befriedigen und die “anderen” vor den Kopf stoßen. Was hart ist, weil ja so viele von diesen “anderen” sich ja lange bei ihr zu Hause geglaubt haben.

Seit drei Tagen versuche ich, mich in diese beiden Aussagen hineinzubegeben, sie in irgendeiner Art zu verdauen, damit ich sie zumindest kurzzeitig fühlen und verstehen kann. Aber mir, meiner Körperin ist das zu viel Exklusion. Ich spucke diese Aussagen einfach immer wieder aus. Denn für mich zählt das Begehren und die Bedürfnisse anderer Menschen, die nicht ich selbst bin. Sie sind mir nicht egal. In gewisser Weise haben alle, egal, ob und wie sie sich marginalisiert fühlen und gelitten haben und Schutzzonen suchen usw. usf., mit mir zu tun. Sie sind nicht das “andere”, sie sind nicht abkoppelbar von mir.

Ich halte die innerfeministischen Grabenkämpfe für eine absolute und traurige Energie- und Emotionenverschwendung. Lieber ins Gespräch kommen, Ziele und Begehren klar formulieren und basierend auf funktionierenden Beziehungen gemeinsam schauen, für welche es sich wirklich lohnt zu kämpfen. Grabenkämpfe fixieren meines Erachtens einen Status quo, der letzten Endes am wenigsten den Grabenkämpfenden zugutekommt.

Die Frauenbewegung hat es Frauen ermöglicht, stolz und selbstbewusst und glücklich eine Frau zu sein, sich Frau zu nennen, egal ob verheiratet, lesbisch oder sonstwas. Aber der Kampf für gender- und geschlechtsbezogene Freiheit ist eben noch nicht zu Ende; das kann er ja gar nicht, so lange unsere Gesellschaftsform eine patriarchal-kapitalistische ist. Und ich denke nicht, dass das Patriarchat mal in dem einen Bereich da ist und in dem anderen nicht. Dazu gibt es bereits so viele Forschungen und Studien. Nur weil eine bestimmte Biopolitik gerade nicht gewaltvoll auf meine Körperin einwirkt, heißt das ja nicht, dass dieselbe Biopolitik gerade zur selben Zeit auf viele andere Körper*innen in unterschiedlichen Ebenen und Bereichen massiv einwirkt. Und das ist zumindest mir nicht egal. Warum ist es mir nicht egal? Weil mein Freiheitsbegehren das Freiheitsbegehren anderer einschließt. Das ist einfach so. Ich kann und will es nicht ändern. Das heißt im Klartext: ich fühle mich und meine Körperin nicht frei, solange ich andere Körper*innen nicht frei weiß. Also wirkt diese Biopolitik über diesen “Umweg” auch wieder auf meine Körperin ein.

Die zukünftige Dimension

In einem Begehren drückt sich die Sehnsucht nach einem “Mehr” aus, das – so würde ich gern die ABC-Definition (Anne-Claire Mulder u.v.a.: ABC des guten Lebens (2012, S. 35ff.) auffüllen – dann in gewisser Weise immer auch in die Zukunft weist. Mit einem Begehren befinden wir uns also oft in der vorhin bereits angesprochenen zukünftigen Dimension.

Gut wird die Zukunft für mich, wenn ich meinem Wünschen und Wollen näherkomme, dass alle Menschen ein gutes Leben haben. Ich werde dies “zu meinen Lebzeiten” wohl nie erreichen. Dennoch steuere ich es an. Ich kann es aber nicht allein. Andere müssen auch für dieses Begehren brennen oder es aktiv unterstützen; auf je eigene Art. Aber eigentlich nicht nur einige andere, sondern eigentlich alle müssen ein gutes Leben für alle wollen. Alle müssen also dasselbe Begehren haben. Die Wege dahin können sehr unterschiedlich sein. Unterschiedlich, aber kommunizier- und verstehbar für alle. Wie geht das? Für mich beginnt es – neben dem bereits erwähnten Willen zur Empathie – damit, die Fähigkeiten und Potenziale des Wechselverhältnisses von Sprache und Wirklichkeit neu auszuloten.

In der Debatte verdeutlichten Jutta Pivečka und Antje Schrupp auch, wie Sprache und Wirklichkeit für sie miteinander verknüpft sind. Jutta Pivečka sagt, Sprache sei für sie “in erster Linie ein Zeichensystem, das versucht Wirklichkeit abzubilden, nicht Wirklichkeiten zu schaffen”. Und sie ergänzt: es komme darauf an, wo man den Akzent setzt. Eine veränderte Sprache schaffe häufig keine neuen Wirklichkeiten, sondern eine veränderte Wirklichkeit bringe eine andere Sprache hervor. Und Antje sagt, sie glaube “auch nicht daran, dass Sprache neue Wirklichkeiten schafft, sondern dass sie eher darauf reagiert, wenn neue Wirklichkeiten eine andere Sprache erfordern”. Hier wurde mir klar, dass mein Anspruch an die Verknüpfung von Sprache und Wirklichkeit doch darüber hinausgeht. Ich meine, dass Sprache auch fähig ist, zukünftige Wirklichkeiten auszupinseln. Und dass wir sie endlich selbstbewusst und aneignend und in diesem Sinne verstehend nutzen sollten.

Seit ich Marge Piercys Frau am Abgrund der Zeit (1976) gelesen habe, weiß ich das für mich sicher. In meinem ersten Artikel auf bzw – weiterdenken hatte ich bereits ein Zitat aus diesem feministischen Science Fiction-Roman angebracht: Hier erklärt ein weiblicher Zukunftsmensch der utopischen Reisenden aus der (fiktiven) Jetzt-Welt, warum es in ihrer Welt, also in der von morgen, nur noch Bruthäuser gibt und keine Schwangeren und somit auch keine Gebärenden mehr. Unweigerlich befinde ich mich nun in dem Dilemma der “engen symbolischen Verflochtenheit von Reproduktion und Geschlecht” (Antje Schrupp, Schwangerwerdenkönnen (2019), S. 14). Aber ich glaube, an dem Beispiel dennoch am besten herausarbeiten zu können, um was es mir geht, denn vielleicht ist ja die Verflechtung nicht nur symbolisch, sondern ganz real:

“Das war Teil der Revolution der Frauen, die die alten hierarchischen Strukturen zerbrochen hat. Am Ende war da die eine Sache, die wir auch aufgeben mussten, die einzige Macht, die wir jemals besessen hatten, im Austausch für keine Macht für niemand. Die ursprüngliche Form der Reproduktion: die Macht, Kinder zu gebären. Denn solange wir biologisch in Ketten lagen, konnten wir niemals gleich sein. Und die Männer konnten niemals so weit humanisiert werden, dass sie Liebe und Zärtlichkeit entwickelten. Also wurden wir alle Mütter. Jedes Kind hat drei. Um die Fixierung auf die Kleinfamilie zu unterbinden.” (Marge Piercy, Frau am Abgrund der Zeit, S. 125)

Seitdem denke ich über diese mögliche zukünftige Kategorienlosigkeit in Bezug auf Gender und Geschlecht nach. Ist sie gut? Ist sie schlecht? Freiheit für wen? Auf Kosten von wem und welcher Freiheit? Was bedeutet es, als ein Mensch, der schwanger werden kann, die Freiheit der Schwangerwerdenkönnens zu verlieren? Wäre es nicht beispielsweise viel besser, alle Menschen könnten schwanger werden? Marge Piercy schrieb diesen Roman u.a. in dem Inspirationsfeuer von Shulamith Firestones The Dialectic of Sex (1970). Für Firestone ist Schwangerwerdenkönnen das Kriterium dafür, wie wir Freiheiten sowie aber auch Arbeit gesellschaftlich “verteilen”. Sie arbeitet in dem Buch den Denkfehler in Engels’ ausschließlich ökonomischer Definition des historischen Materialismus heraus, in welchem er davon ausgeht, “dass die Produktion, und nächst der Produktion der Austausch ihrer Produkte, die Grundlage aller Gesellschaftsordnung ist; dass in jeder geschichtlich auftretenden Gesellschaft die Verteilung der Produkte, und mit ihr die soziale Gliederung in Klassen oder Stände, sich danach richtet, was und wie produziert und wie das Produzierte ausgetauscht wird.” (Shulamith Firestone, Frauenbefreiung und sexuelle Revolution ([1970] 1975), S.11f.)

Firestones Neufassung der Definition, der nun die biologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern zum Zweck der Reproduktion als Entstehungsursache der Klassen zugrunde liegt, sieht so aus:

“Die materialistische Anschauung der Geschichte geht von dem Satz aus, dass die Dialektik der Geschlechter die Grundlage aller Gesellschaftsordnung ist: Die Gliederung der Gesellschaft in zwei biologisch unterschiedene Klassen, und die Kämpfe dieser Klassen gegeneinander; die Veränderung in den Bedingungen von Ehe, Fortpflanzung und Kinderaufzucht, und die erste Arbeitsteilung auf der Grundlage der Geschlechter, die sich dann zum dem ökonomischen und kulturellen Klassensystem weiterentwickelt, sind die Triebkräfte aller historischen Ereignisse.” (ebd, S.18)

Und jetzt erst hat ihrer Analyse nach Engels’ Darstellung der Ergebnisse des materialistischen Geschichtsansatzes an Realität gewonnen:

“Der Umkreis der die Menschen umgebenden Lebensbedingungen, der die Menschen bis jetzt beherrschte, tritt jetzt unter die Herrschaft und Kontrolle des Menschen, die zum ersten Male bewusste, wirkliche Herren der Natur, weil und indem sie Herren ihrer eigenen Vergesellschaftung werden.”(ebd, S.19)

Was Marge Piercy nun macht, ist, in Romanform durchzuspielen, wie es wäre, wenn die Gesellschaft sich der Dialektik der Geschlechter entledigte. Bevor der Aufschrei ertönt, möchte ich gleich den Zunder etwas rausnehmen: Es geht mir hier nicht um ein Richtig oder Falsch, sondern darum, dass ein solches Gedankenspiel uns aus einer gedanklichen Sackgasse befreien kann.

Als ich mich in Piercys Utopia hineinbegab, empfand zumindest ich große Freiheit. Für alle Menschen, die in einer solchen Zukunft leben. Hier gibt es keine Männer und keine Frauen und auch keine sonstigen gender- und geschlechtsbezogenen Kategorien mehr. Die Zukunftsmenschen wissen zwar um sie, durch ihre Beschäftigung mit der/den Geschichte(n). Aber es ist für sie und ihre utopische Gesellschaftsform in dem Sinne eine abgeschlossene Vergangenheit, als dass diese gender- und geschlechtsbezogenen Kategorien sich als falsch erwiesen haben, da sie Macht und Hierarchien etablieren und festigen. Aber auch in Marge Piercys Utopia ist diese Gesellschaftsordnung ständig bedroht, denn anderswo auf der Welt existiert ein extrem patriarchales Gesellschaftsmodell weiter, und beide Gesellschaftsordnungen befinden sich in kriegerischen Auseinandersetzungen. Die Zukunftsmenschen sagen der Zukunftsreisenden deshalb immer und immer wieder: du musst bereits etwas tun, damit es uns geben kann! Wenn du den Kampf gegen patriarchale Unterdrückung, gegen Misogynie, Androzentrismus, Kapitalismus etcpp. aufgibst oder gar nicht erst aufnimmst, dann wird es uns nicht geben. Also Kämpfe! Tu es, damit zukünftige Mütter nicht wie du – doppelt und dreifach marginalisiert aufgrund von race, class und gender –  aus Mutlosigkeit, Erschöpfung und Hoffnungslosigkeit den Impuls in sich verspüren, ihre Tochter schlagen! Tu es, damit in Zukunft keiner Frau wie dir mehr ihre Tochter durch staatliche Gewalt entrissen wird! Tu es für all die Kinder der kommenden Generationen!

Als in dem Roman eine der Zukunftsfiguren, die der Zukunftsreisenden eher wie ein Mann erscheint, seine milchvolle Brust hervorholt, um als eine Mutter ihr Baby zu stillen, da durchströmte mich ein unbekanntes warmes Gefühl. Ich bemerkte wieder mal, dass mein Freiheitsbestreben nicht nur mich und alle Frauen umfasst, sondern einfach alle Menschen. Ich musste daran denken, dass mir ein Vater zweier Kinder einmal sagte, dass er – immer wenn seine Frau die Kinder stillte – eine solche Sehnsucht, ein solches Begehren empfunden hatte, dies auch zu können, diese Nähe und Verbundenheit spüren zu können; so sehr, dass er auch in unserem Gespräch – seine Kinder sind bereits groß – wieder emotional sehr bewegt war. Und ich fragte mich: Warum sollte das Schwangerwerdenkönnen, das Stillenkönnen, eigentlich nur den biologischen Frauen “im richtigen Alter” vorbehalten sein? Und schon befand ich mich im Roman und bei Shulamith Firestones radikalen Forderungen, dass wir die Möglichkeiten der Technologie doch bitte dazu nutzen sollten, diese biologische Differenz abzuschaffen.

Jetzt ist es aber wichtig zu verstehen, dass Marge Piercy ihre Zukunftsmenschen in eine dafür ideale Gesellschaft setzt: Frauen gaben “die einzige Macht, die sie jemals besessen hatten, im Austausch für keine Macht für niemand”. Diese Menschen leben in einer macht- und hierarchiefreien Gesellschaft. Freiheit entspringt hier einer gender- und geschlechterbezogenen Kategorienlosigkeit.

Sprache also bildet für mich beileibe nicht nur die Wirklichkeit ab. Denn für eine wie mich, die von ihrem Hier- und So-Sein aus ständig den Blick in die Zukunft wirft, muss Sprache Zukunftssprechen ermöglichen, sonst würde mein Denken verkümmern und ich mit ihm. Geht es nicht genau darum, wenn Luisa Muraro sagt, wir alle müssen “in erster Person nach Worten suchen”? Warum sollte diese Suche denn nur in die Vergangenheit und die sogenannte Gegenwart (an deren Existenz ich sowieso immer mehr zweifle; einige Physiker*innen geben mir hier recht) gerichtet sein? Ist ein großer Teil unseres Sprechens nicht sowieso schon immer in die Zukunft gerichtet? Tun wir nicht vielmehr merkwürdig schizophren nur so, als “ginge das ja gar nicht”, und “deswegen machen wir es auch nicht”, also… obwohl wir es machen? Hier beißt sich die Ratte selbst in den Schwanz. Das Bilderverbot – sicher nicht der einzige Grund, aber sicher ein wichtiger – hat uns auf vielen Ebenen die zukunftsgerichtete Denkfähigkeit eingeschnürt und verkorkst, das merke ich immer mehr.

Wir alle müssen Zukunftssprache entwickeln, wenn unser Ziel – so wie der Titel der letzten Denkumenta – “ein gutes Leben für die ganze Welt” ist. Wie sonst sollte es möglich sein, gute Zukünfte zu konstruieren und anzustreben? Und dafür bedarf es Worte, dafür bedarf es einer Sprache, noch bevor es die passende Wirklichkeit dafür gibt. Denn zukünftige Wirklichkeitsentwürfe müssen kommunizierbar sein.

Die Aneignung der Zukunft hin zu einem guten Leben für alle könnte für mich auch die Loslösung von Hierarchien und den damit verbundenen gender- und geschlechtsbezogenen Kategorien beinhalten. Das müsste und würde ich halt gern diskutieren. Ich rede damit nicht die Frauenbewegung klein – bitte nicht falsch verstehen, denn sie ist für mich ein riesiger und einer der wichtigsten Kämpfe/Schritte überhaupt hin zu einem guten Leben für alle. Ohne sie wären wir noch ganz woanders, ich bin so voller Dankbarkeit für all die Kämpfe, die bereits geführt wurden und mir beispielsweise so viele Freiheiten geschaffen haben (auch wenn ich als in der DDR Geborene und Sozialisierte finde, dass die jeweiligen Ost- und West-Frauengeschichte(n) zukünftig noch bewusster und fruchtbarer und verständnisvoller miteinander verbunden werden könnten). Lernen können wir immer noch. Ausruhen gilt nicht. Die Herausforderungen sind nicht kleiner geworden.

Und wir können lernen, genau zu lesen und unsere Emotionen, unsere Gefühle, unsere Energie gezielt für Kämpfe einzusetzen, die richtig und wichtig sind. Denn es war ja ganz sicher nicht das Ziel jener drei Journalistinnen, die Kämpfe und Bewusstwerdungsprozesse der Frauenbewegung unkenntlich zu machen; ihr Artikel wurde vielmehr für einen billigen Grabenkampfmove benutzt. Die durch diesen unehrlichen Move entstandene Verschiebung, Verzerrung und Vernebelung von Ursache und Wirkung vom Grunde her ernster und wahrhaftiger Anliegen kann nur entwirrt und entnebelt werden, wenn nach dem Ziel, nach den wahren Bedürfnissen und dem Begehren gefragt wird.

Ob ich nun denn bereit gewesen wäre, auf das Schwangerwerdenkönnen zu verzichten, wenn ich dieses Beispiel schon so in die Diskussion werfe? Ich kann das gern für mich beantworten: Ich hätte nicht darauf verzichten wollen, natürlich nicht. Aber ich kann mir vorstellen, dass ich es mir – mich in eine/n Zukunftskörper*in imaginierend – vorstellen könnte, wenn ich also ein Mensch der Zukunft wäre, die in einer Welt lebt, wie Marge Piercy sie entworfen hat. Alles in allem aber können das wirklich nur Menschen der Zukunft beurteilen, deren Leben auf dem Leben vorheriger Menschen aufbaut, die einen solchen Weg überhaupt gangbar gemacht haben und damit eine solche Wirklichkeit überhaupt Wirklichkeit haben werden lassen. Aber ich glaube tief und fest an folgendes: Verzicht (alle verzichten auf Schwangerwerdenkönnen “durch die kommende feministische Revolution im Zeitalter der Technologie” (Firestone, S. 21) sowie aber auch ein Mehr (alle, die das wollen, können durch eine solche Revolution schwanger werden; ich verstehe aber auch, warum Firestone sich für die andere Variante entschieden hat… ihrer Analyse nach würde ja dann die Dialektik der Geschlechter und somit hierarchisches Denken bestehen bleiben…) könnten Teil sein eines guten Lebens für alle. Denn Verzicht sowie ein Mehr könnten mir sodann mehr Freiheiten in einem Bereich schenken, der mehr meinen wahren Bedürfnissen entspricht, von denen ich jetzt vielleicht noch gar nichts weiß. Mein Ziel immer vor Augen, ein gutes Leben für alle zu wollen, kann ich nur sagen, dass es mir Spaß macht und mein Körperingehirn in große spannende Unruhe versetzt, mir das vorzustellen.

(Wem das Gedankenexperiment auch wieder zu viele fiese knallharte Biopolitik enthält: es werden ja schon andere Wege ausprobiert, Macht und Hierarchie abzubauen. Wirtschaft ist Care ist ein solcher. Hier verpufft die ganze Wichtigkeit z.B. von “Finanzwirtschaft” und “Warenproduktion” und wird hinter die Fürsorge für Mensch und Planet platziert. Alles, was also nun finanziert und produziert wird, muss immer auf die Bedürfnisse aller Bewohner*innen dieses zerbrechlichen Lebensraums Erde abgestimmt sein.)

Der Text endet nicht so rund und mit viel mehr Fragezeichen für mich und wahrscheinlich auch für die Leser*innen, aber zumindest habe ich die mir dringendsten Unruhepunkte versprachlicht. Ich nehme jetzt zum Schluss noch einmal indirekt Bezug zum Ausgangspunkt, dem guten zukünftigen Leben für alle, der mir so wichtig ist:

Ich bin eine Frau. Ich bin eine Frau, die Freiheit nicht nur für sich alleine will. Ich bin also nur dann eine freie Frau, wenn alle Menschen frei sind. Und wenn alle Menschen frei sind, dann kann es möglicherweise sein, dass es mir als ein Anne-Mensch einer der nächsten Generationen egal ist, ob ich irgendwann mal als eine Frau bezeichnet worden wäre. Ich kann mir vorstellen, dass es mich sogar gruseln würde. Einfach deshalb, weil damals, als meinem Vergangenheits-Ich diese geschlechtsbezogene Kategorie noch so wichtig war, es noch nicht common sense war, dass alle Menschen – also auch die nicht-weißen, nicht-heteronormativen, nicht-cis Männer – normale Menschen waren. Oder vielleicht andersrum, unter der Prämisse, dass Menschsein pluralistisch ist: dass es also noch nicht common sense war, dass niemand normal war (vgl. Antje Schrupp, Schwangerwerdenkönnen (2019), S. 40).

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2:1 – Stopp Hate Speech https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/07/21-stopp-hate-speech/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/07/21-stopp-hate-speech/#comments Sun, 05 Jul 2020 20:00:00 +0000 http://bzw.soundsites.net/?p=15918 Schluss mit Verunglimpfung von Frauen im Netz (und anderswo)
Das Urteil des OLG Köln6/20: Verunglimpfung von Frauen erfüllt den Strafbestand §130 Volksverhetzung

Das OLG Köln hat’s geläutet: Die pauschale Verunglimpfung von Frauen ist strafbar und fällt seit Juni 2020 unter den Tatbestand der Volksverhetzung, §130 StGB. 

Ab sofort gelten Behauptungen, Frauen seien „Menschen zweiter Klasse“, „minderwertige Menschen“ und „den Tieren näher stehend“, als pauschalisierte Verunglimpfung und als Tatbestand der Volksverhetzung. Genau über diese Worte, die auf einer Webseite veröffentlicht waren, wurde zuvor im Landgericht Bonn verhandelt und zunächst eine Strafe wegen Volksverhetzung verhängt. Im Berufungsverfahren wurde der Angeklagte, aus “Rechtsgründen”, wieder freigesprochen.

2:1 – Die Revison räumt auf

Eigentlich unfassbar, dass es dazu überhaupt eine Revision benötigte, aber was nun genau unter Volksverhetzung fiele und ob da die Mehrzahl einer Bevölkerungsgruppe (Frauen) mit gemeint sein könnte, musste das OLG Köln auf Antrag der Staatsanwaltschaft neu betrachten. Und siehe da, Schluss mit den Herabwürdigungen, Schluss mit Hassreden gegen Frauen im Netz, auf Blogs und Homepages, etc-pp..

Wenn Frauen unter Missachtung des Gleichheitssatzes als unterwertig dargestellt werden und ihre Menschenwürde angegriffen werde, sei davon auszugehen, dass sich der Tatbestand der Volksverhetzung erfüllt habe, so nun die Urteilsbegründung des OLG.

Sicherlich fraglich und kein lobenswertes Signal, dass die Mehrheit einer Gesellschaft auf diese Weise geschützt werden muss, aber die gesellschaftliche Realität lebt patriarchal und in diesem Kontext ist dieses Urteil überlebenswichtig. Denn erst kommt der Gedanke, dann das Wort, dann die Tat. Geschriebene Worte wirken zudem noch viel stärker in uns als gesprochene. Steht so etwas erst mal schwarz auf weiß da, ist die Legitimation und Hinführung schnell geschaffen, so etwas als “normalen Wortlaut” zu akzeptieren. (Siehe auch Artikel zur Etablierung/Konstruktion des Gutmenschen als Negativ-Begriff ) Was aus Hetze und Hass entsteht, wissen wir sehr gut. Die Gewalt gegen Frauen steigt und steigt seit Jahren, der Mord an Frauen hat einen Namen erhalten: Femizid. Die Hetze im Netz gegen Frauen hatte bisher freien Lauf.

Dieser Richterspruch kann, aktiv angewandt, mit dazu beitragen, die Gewalt gegen Frauen zu bekämpfen. Im Grunde ist es traurig, dass wir in einer Gesellschaft leben, die solch ein Urteil nötig hat, um ihren Frauenhass zur Räson zu bringen, aber es ist gut zu wissen, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der solche Urteile möglich sind.

Quelle

http://www.justiz.nrw.de/JM/Presse/presse_weitere/PresseOLGs/15_06_2020_/index.php?cookie-agree=-1 5-7-9.42

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https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/07/21-stopp-hate-speech/feed/ 2
Von der Begrenzung zur Selbst-Beschränkung des „Genug“ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/07/von-der-begrenzung-zur-selbst-beschraenkung-des-genug/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/07/von-der-begrenzung-zur-selbst-beschraenkung-des-genug/#comments Sat, 04 Jul 2020 07:41:39 +0000 http://bzw.soundsites.net/?p=15898 Wegen der Seuche musste das von mir schon lang ersehnte jährliche Denk-Treffen von „Kultur-Schaffen“ dieses Jahr leider ausfallen. (Hier habe ich einmal etwas über den Denkzusammenhang „Kultur-Schaffen“ geschrieben). Wider Erwarten ging das gemeinsame Denken beim stattdessen vereinbarten Videotreffen recht gut, auch wenn das Drumherum fehlte: die Freude des Wiedersehens, die Gespräche in den Pausen und beim Essen, der Genuss des Zusammenseins, das Gefühl zu Beginn, unendlich viel Zeit zum Denken zu haben, der Luxus des Versorgtwerdens in einem schön gelegenen Tagungshaus, all das, was bisher zu unserer Erfahrung gehörte, dass gemeinsames Denken glücklich macht. Zum Trost und weil Videotreffen anstrengender sind und daher nicht so lange dauern können wie unsere sonstigen Denktage, vereinbarten wir gleich mehrere weitere Videositzungen für dieses Jahr, etwa alle zwei Monate wollen wir an einem Tag ein paar Stunden lang miteinander denken.

Beim zweiten Treffen erzählten wir zunächst reihum von unseren Erfahrungen, Beobachtungen und Erkenntnissen im Corona-Lockdown und kamen schließlich zum Thema „Umgang mit Grenzen“. Eine These war, dass das Akzeptieren und Einhalten von Grenzen leicht fällt, wenn wir ihre Notwendigkeit einsehen. Die Schwierigkeit liegt jedoch darin, dass diese Notwendigkeit gut begründet und vermittelt, am besten sogar selbst erfahren werden muss. Seit die Ansteckungs- und Todeszahlen der Seuche in unserem Land zurückgegangen sind und immer wenn der Klimawandel bei uns wieder weniger spürbar ist, schwindet die Einsicht, dass Begrenzungen und Einschränkungen notwendig sind. So kommt es durch Nicht-Einhaltung von Abstandsgebot, Maskenpflicht und Begrenzung der Personenzahl zu erneuten Ansteckungswellen, in einigen Ländern schon zu einem zweiten Lockdown. Und der Raubbau an unseren irdischen Lebensgrundlagen geht unvermindert weiter, obwohl die Grenzen des Wachstums schon lange überschritten sind, was durch den Klimawandel inzwischen auch bei uns immer deutlicher spürbar ist.

Der Widerstand gegen von außen gesetzte Grenzen nimmt gerade überall zu, die Bereitschaft, auf vernünftige Argumente zu hören, schwindet zusehends. Wie an dem Konjunkturpaket zur Ankurbelung der Wirtschaft nach dem Lockdown zu sehen ist, wurde auch von Seiten der Regierung die Chance nicht genutzt, durch gezielte Maßnahmen auf einen Umbau der Wirtschaft weg von klimaschädlichen Produkten hinzuwirken, also beispielsweise von Autos und Flugzeugen. 

Von außen gesetzte Grenzen akzeptieren wir als Erwachsene meistens nur im Notfall oder wenn massive Sanktionen drohen. Sie werden mit einer Unfreiheit gleichgesetzt, die wir nach der Kindheit überwunden zu haben glaubten. Sich dagegen zu wehren, scheint viel mit Selbstachtung zu tun zu haben, vielleicht auch mit zahlreichen Heldenerzählungen vom Grenzen-Überwinden, die uns geprägt und die kulturelle Verknüpfung von Grenzüberschreitung und dem Gefühl von Freiheit verstärkt haben. Eine Mitdenkerin behauptete daher, Grenzen seien nie freiwillig, sonst wären es keine. Als ich widersprach und meine Erfahrung mit Selbst-Beschränkung nach dem Maßstab des persönlichen „Genug“ anführte, schlug eine andere Mitdenkerin eine Unterscheidung vor, die mich nun zum Weiterdenken inspiriert: „Begrenzung“ als das von außen Gesetzte und „Beschränkung“ im Sinne von „sich einschränken“ als freiwilliges Sich-Selbst-Beschränken. 

Schon mehrmals habe ich solche Begriffsunterscheidungen, sogar wenn sie nicht dem üblichen Sprachgebrauch entsprechen, als sehr inspirierend für das Denken empfunden, z.B. Hannah Arendts Unterscheidung der Begriffe „Arbeiten“, „Herstellen“ und „Handeln“ für das menschliche Tätigsein oder die Unterscheidung zwischen „Bedürfnis“ und „Begehren“ bei Chiara Zamboni. „Eingrenzung“ und „Einschränkung“ werden eigentlich synonym gebraucht, wie ich meinen Wörterbüchern entnehmen konnte. Auch die Bilder einer Grenze und einer Schranke unterscheiden sich ja nicht sehr, höchstens in der Vorstellung, dass man eine Schranke umgehen kann, zumindest zu Fuß. Nichts hindert uns jedoch daran, die beiden Begriffe „Begrenzung“ und „Beschränkung“ für eine Unterscheidung im oben beschriebenen Sinne zu nutzen. Im Weiteren spreche ich also von Begrenzung, wenn die Grenze von außen gesetzt wird, und von Beschränkung, wenn ich selbst bestimme, wo für mich das „Genug“ liegt.

Viele Menschen, mit denen ich gesprochen oder deren Aussagen ich gelesen habe, auch meine Mitdenkerinnen von „Kultur-Schaffen“, konnten dem Lockdown Positives abgewinnen: Sie fühlten sich nicht so getrieben, sie kamen heraus aus dem Hamsterrad, sie hatten nicht ständig Angst, etwas zu versäumen, sie konnten innehalten und sich Pausen gönnen, ihnen wurde bewusst, was sie brauchen und was nicht. So viele Menschen misteten zuhause aus, dass die Recyclinghöfe nicht mehr alles annehmen konnten. Auf den Straßen standen Kartons mit Sachen „zu verschenken“, da konnte ich mich immer wieder mit Lesestoff eindecken. Menschen entwickelten Dankbarkeit für gute Lebensmittel, nahmen sich Zeit für das Kochen, lernten den Wert guter Beziehungen neu schätzen, sie führten gute Gespräche, bei manchen war auch das Zusammensein mit den Kindern inniger und entspannter. Großeltern schrieben ihren Enkelkindern Briefe, diese malten Bilder für sie. Man nahm sich Zeit für längere Telefonate. Obwohl die Zeitung dünner war, las ich sie viel lieber, denn das ganze nichtssagende Politikergeschwätz und –gezänk und das Geschrei der Lobbyisten fielen weg. Stattdessen erfuhr ich etwas darüber, wie es anderen Menschen in dieser Zeit ging und freute mich über kreative Lösungen, die die Begrenzungen besser aushaltbar machten. Viele gingen hinaus in die Natur und sahen Schönes in der Umgebung, sie freuten sich am Vogelgezwitscher und an der Stille, der Himmel war so blau wie in der Kindheit. Auch in den sonst von TouristInnen überlaufenen Städten war es nun ruhig und die BewohnerInnen konnten sich an den Schönheiten ihrer Stadt freuen. Eine Mitdenkerin erzählte von einer großen Abschiedsfeier, die sie aus beruflichen Gründen besuchen musste: Da die Kontakte auf fünf Personen begrenzt worden waren, kam sie wirklich ins Gespräch mit den anderen, während sonst aufgrund der ständigen Unterbrechungen durch Leute, die man auch noch begrüßen muss, nur Smalltalk möglich ist. Gedränge und Angerempelt-Werden am Buffet fielen weg, jede Person bekam einen Teller mit ausgesuchten Köstlichkeiten für sich allein. Und sie hatte Zeit, das Essen zu genießen. Meine Mitdenkerin wünscht sich aufgrund dieser Erfahrung, über die Gestaltung größerer Feierlichkeiten neu nachzudenken.

Wie bei ihr war auch bei anderen der Wunsch groß, etwas aus der Begrenzungs-Erfahrung hinüberzuretten in die Zeit danach. An dieser Stelle war jedoch auch Resignation zu spüren, die Befürchtung, das werde wohl kaum gelingen, sobald „die Wirtschaft“ wieder anläuft. Aber muss „die Wirtschaft“ wirklich genauso wieder anlaufen wie vor der Krise? 

Die positiv beschriebenen Erfahrungen in der Zeit der Begrenzung weisen auf ein Zuviel hin, das uns in „normalen Zeiten“ am guten Leben hindert: 

Zu viele Verpflichtungen, auch in der Freizeit, zu viele Menschen auf zu engem Raum, zu viele Wahlmöglichkeiten, zu viel Angst, etwas zu versäumen, zu hohe Geschwindigkeiten, zu viele Autos, zu viele Flüge, zu viele Reisen, zu viel sinnlose und für unseren Planeten schädliche Arbeit, zu viele unnütze Dinge, zu viel oberflächliches Geschwätz, zu viel Selbstdarstellung, zu viel Ressourcen- und Lebensmittelverschwendung und vieles mehr. 

Dieses Zuviel hat mit dem Teil der Wirtschaft zu tun, auf den wir im Lockdown gut verzichten konnten, es ist der Teil der Wirtschaft, der unbedingt ständig wachsen muss, damit genug Gewinne daraus gezogen werden können. Und es ist dieser Teil der Wirtschaft, der jetzt alles tut, um durch staatliche Gelder und Garantien darin unterstützt zu werden, dass sie möglichst wieder genauso anlaufen kann wie vor der Krise.

All diesem Zuviel setze ich die Erfahrung des „Genug“ entgegen. Und ich hoffe darauf, dass viele Menschen in der Zeit der Begrenzung diese Erfahrung machen konnten. Denn wenn ich dankbar sein kann dafür, dass ich genug habe, genug zu essen, genug Schönes in meiner Umgebung, genug gute Beziehungen, genug Kleidung, genug kulturelle Anregung, genug attraktive Freizeit- und Urlaubsmöglichkeiten, genug sinnvolle Arbeit, die mich befriedigt und nicht überfordert, dann bin ich weniger anfällig für den Sog durch all das Zuviel um mich herum, dann kann mir das ständige „schneller, besser, mehr“ nichts anhaben. 

Die Orientierung am „Genug“ ist kein Verzicht, es ist noch nicht einmal eine Beschränkung. Sie erfordert nur, dass ich gut auf mich achte. Und doch kann sie helfen, das Zuviel zu reduzieren, das unser Leben schwer und unsere Erde kaputt macht.

Als die Läden und die Restaurants wieder öffnen durften, blieb der Run in die Innenstädte erstaunlicherweise aus. Die Läden waren viel leerer als vorher, die Restaurants trotz Begrenzung der Personenzahl noch nicht einmal ausgelastet. Das Einkaufen mit Maske mache weniger Spaß, klagte ein Vertreter des Einzelhandels, die Leute würden nur kaufen, was sie brauchen. Und größere Anschaffungen würden sich die Menschen überlegen, da viele Angst um ihren Arbeitsplatz hätten.

Vielleicht sind diese Erklärungen für die derzeitige Konsumzurückhaltung ja nur ein Teil der Wahrheit? Vielleicht haben ja doch mehr Menschen das „Genug“ für sich entdeckt und das leichtere und schönere Leben, das es mit sich bringt?

Auf jeden Fall ist gerade deutlicher zu erkennen denn je, wie der kapitalistische Wachstumszwang direkt der Bereitschaft zu freiwilliger Beschränkung entgegenarbeitet, die ja nicht nur unser Leben leichter machen, sondern auch unseren Planeten retten könnte, und wie sehr staatliche Maßnahmen diesem Teil der Wirtschaft in die Hände arbeiten. Wie alle Rabatte soll uns die zeitlich begrenzte Mehrwertsteuerreduktion dazu bringen, dass wir jetzt Dinge anschaffen, die wir eigentlich erst später und vielleicht gar nicht brauchen. Auch ich habe gleich darüber nachgedacht, ob wir unsere Heizung nicht jetzt erneuern sollten, um Mehrwertsteuer zu sparen, obwohl unsere alte nach zwanzig Jahren immer noch gut läuft.

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Warum Frauen eine andere Medizin brauchen https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/07/warum-frauen-eine-andere-medizin-brauchen/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/07/warum-frauen-eine-andere-medizin-brauchen/#comments Wed, 01 Jul 2020 20:10:34 +0000 http://bzw.soundsites.net/?p=15895

Erstaunlich eigentlich, dass erst jetzt – seit Anfang des Jahrtausends – die Medizin den Unterschied zwischen Mann und Frau auch bei Erkrankungen in Betracht zieht. So hätte man sich denken können, dass Medikamente unterschiedlich wirken. Doch kam man spät darauf, zu schauen, ob und wie eine Frau bzw. ein Mann erkrankt. Deutlich wurde es bei Herzinfarkten. Frauen zeigen andere Symptome als Männer. Während diese schnell behandelt werden, blieben Herzinfarkte bei Frauen länger unerkannt, da sie nicht über die bis dahin als typisch geltenden Schmerzen klagten.
Zwei Medizinerinnen schrieben nun ein Buch, in dem sie zusammentrugen, was es derzeit an Erkenntnissen zu den Unterschieden von Gesundheit und Krankheit bei Frauen und Männern gibt. Diese Unterschiede spielen sowohl in der Diagnostik als auch in der Therapie eine Rolle.
Während Anfang des Jahrtausends Deutschland und Schweden Vorreiter für eine geschlechtssensible Medizin waren, wird nun mehr in den skandinavischen Ländern, in den USA und Kanada dazu geforscht. An der Charité in Berlin ist die Gendermedizin Pflichtfach, anderswo Wahlfach. Die Universität Zürich etablierte gerade ein Curriculum für Gendermedizin.
Die biologischen Unterschiede betreffen nicht nur die Geschlechtsorgane, sondern sind über hormonelle Steuerungen auch in anderen Körperzellen nachweisbar. Mittlerweile geht man davon aus, dass die genetische Ausstattung zu ungefähr 60-70 Prozent bestimmte Veranlagungen formt. Dabei findet der Körper Mittel und Wege, um die vererbten Gene zu regulieren, die Funktionsfähigkeit der Zellen immer wieder neu zu ändern. Diese Genregulation, die in der Epigenetik erforscht wird, kann Wirkungen anschalten oder blockieren.
Da die Autorinnen für ein breites Publikum schreiben, empfehlen sie wiederholt allgemeine Tipps; raten zu einem gesunden Lebensstil, der den Einfluss ungünstiger Genkonstellationen mildert.
Das Leben hinterlässt seine Spuren auch auf den Genen. Unterschiedliche Lebensumstände prägen, Gehirnstrukturen bilden sich durch Erfahrungen aus. All dies sei sowohl bei der Diagnostik als auch bei der Therapie zu bedenken. Gendersensible Medizin helfe allen Menschen, sind die beiden Fachärztinnen überzeugt.
Die Medizinerinnen listen auf, wie unterschiedlich der Bedarf an Mineralien und Vitaminen bei Frau und Mann ist; weisen nach, dass einzelne Blutwerte differieren, folglich andere Medikamente verordnet werden müssen. Fett- und Muskelmasse sind unterschiedlich verteilt. Das Immunsystem scheint bei Frauen stärker als bei Männern, wendet sich allerdings anscheinend auch öfter gegen den eigenen Körper.
Da eher negative Folgen von Hormonschwankungen thematisiert werden, wissen Frauen darüber oft mehr als über die positiven Möglichkeiten hormoneller Wellenbewegungen.
Den Autorinnen ist es ein Anliegen, aufzuzeigen, wie wir unsere Gesundheit pflegen können. Ressourcen stärken, nutzen, fördern, so fordern sie; verweisen immer wieder auf Bewegung, gesundes Essen, Psychohygiene. Ausführlich widmen sie sich den Unterschieden von Frau und Mann in Anatomie, Physiologie und Pathologie, erläutern an konkreten Beispielen wie medizinische Behandlungen auf die Differenz eingehen können.
Auf der Webseite der von ihnen mit gegründeten Deutschen Gesellschaft für Geschlechtsspezifische Medizin, www.dgesgm.de publizieren sie neueste Forschungsergebnisse.
Auch wenn feministisch bewanderten Lesenden einiges bereits vertraut ist, bekräftigt die Lektüre wieder: Nicht Gleichmacherei führt zu Gleichberechtigung, sondern Unterschiede zu beachten bringt Gleichwertigkeit.

Prof. Dr. med Vera Regitz-Zagrosek, Dr. med. Stefanie Schmid-Altringer: Gendermedizin – Warum Frauen eine andere Medizin brauchen, mit Praxistipps zu Vorsorge und Diagnostik, Scorpio im Europa Verlag München 2020, 278 Seiten, 22 Euro.

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Care – ein Kriterium nicht nur in der Krise https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/06/care-ein-kriterium-nicht-nur-in-der-krise/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/06/care-ein-kriterium-nicht-nur-in-der-krise/#comments Fri, 26 Jun 2020 07:51:21 +0000 http://bzw.soundsites.net/?p=15886 „Care“ ist das Wort der Stunde. Care-Berufe gelten nun, in der Corona-Zeit, als „systemrelevant“. Die Frage, um welches System es sich dabei genau handelt, drängt sich auf und wäre einen eigenen Artikel wert. Relevant für ein System, das die schlecht oder gar nicht bezahlte (Care)-Arbeit bisher für gegeben anschaute, da diese ja nicht „produktiv“ sei?

Die Care-Arbeiten in den Haushalten gewinnen an Bedeutung, wenn sich ein Grossteil des Lebens zuhause abspielt. Ist es eigentlich Arbeit, mit den eigenen Kindern zu spielen und zu lernen? Oder ist es erst Arbeit, wenn dies eine Lehrperson tut? Was unterscheidet Care-Arbeiten von anderen Arbeiten? Wie können wir damit umgehen, dass ein grosser Anteil der Care-Tätigkeiten im Allgemeinen unentgeltlich und kaum sichtbar verrichtet wird?

Wir leben in einer Zeit, in der diese Tätigkeiten sichtbarer werden. Es wird klar, dass Care unverzichtbarer Anteil jeden Lebens ist, von Anfang an. Alle Menschen werden abhängig und bedürftig geboren, und sie bleiben es auch, ein Leben lang. In der Mitte des Lebens, der Zeit, in der die Erwerbsarbeit höchste Bedeutung gewinnt, ist die Abhängigkeit weniger sichtbar als in der Jugend und im Alter. Diese mittlere Lebensphase wird traditionell als typisch für menschliches Dasein angeschaut. In der griechischen Antike und weit bis in die Gegenwart hinein stimmt die Vorstellung eines „Menschen“ mit der Vorstellung eines Manns mittleren Alters überein. Heute werden Kinder und Frauen nicht mehr explizit ausgeschlossen, dennoch wirkt die Vorstellung des Menschen als eines „autonomen Subjekts“ weiter. So wird unbewusst aus der mittleren Lebensphase ein scheinbar allgemeingültiges „Wir“ kreiert: „Wir“ kümmern uns um Kinder und Alte. Dieses „wir“ ist eines mit temporärer Zugehörigkeit, denn es gibt in den meisten Leben ein Vorher und ein Nachher: die Zeit, in der „wir“ selbst Kinder und die, in der „wir“ selbst Alte sind. Jetzt ist eine passende Zeit, sich dessen bewusst zu werden und über Care einmal als etwas nachzudenken, das uns alle auf vielfältige Weise betrifft, nicht nur dann, wenn wir gerade Patient*innen sind.

Care im engeren Sinn, Care im weiteren Sinn: Wovon sprechen wir?

Im derzeitigen Fokus sind vor allem die so genannten Care-Berufe. Care wird hier als ein Sammelbegriff für Berufe und Tätigkeiten genutzt, in deren Fokus das Sich-Kümmern steht, zum Beispiel Pflegeberufe, Lehramt, Erziehung, Raumpflege. Hier wird der Begriff Care in einem engeren Sinn verwendet, und es wird zu Recht darauf hingewiesen, dass diese Tätigkeiten Sichtbarkeit und Anerkennung, auch in monetärer Form, erhalten müssen – wir sehen alle die Bedeutung dieser Tätigkeiten jeden Tag von neuem. (Zum Care-Begriff im engen und im weiteren Sinn siehe auch: Ina Praetorius: Wirtschaft ist Care, S 51 ff.)

Es gibt allerdings sehr viele weitere wichtige Tätigkeiten, in deren Mittelpunkt nicht „Care“ im Sinn von Fürsorge und Pflege steht. Und es gibt andere Tätigkeiten, die vielleicht sogar nutzlos oder schädlich sind. Nur: Wer kann das beurteilen und nach welchen Kriterien? Das verbreitete Kriterium der Gewinnmaximierung (beispielsweise durch Effizienzsteigerung und Zeitersparnis) ist eines, das sich als untauglich erwiesen hat in Bezug auf die „Care“-Tätigkeiten im engeren Sinn. Es ist nicht möglich, schneller zu pflegen, Kinder rascher zu erziehen, Älteren das Essen „effizient“ zu verabreichen. Die Anwendung von Kriterien, die in der Güterproduktion sinnvoll erscheinen mögen, führen, auf Care-Tätigkeiten übertragen, zu Unmenschlichkeit und letztlich zum Scheitern. Versuchen wir es also einmal anders – indem wir „Care“ nicht nur als Bezeichnung für eine bestimmte Art von Tätigkeiten, sondern als Kriterium nutzen.

Bedürfnisse befriedigen, Care und Ökonomie

In ihrem bereits erwähnten Essay hat Ina Praetorius vorgeschlagen, die Ökonomie „vom erweiterten Care-Begriff her neu zu organisieren. (Dies) bedeutet also, dem anerkannten Kriterium, demzufolge als Ökonomie nur gilt, was menschliche Bedürfnisse befriedigt, wieder zu seinem Recht zu verhelfen.“ (ebd. S.53). Der 2015 gegründete Verein „Wirtschaft ist Care“ nimmt diesen Denkansatz auf und engagiert sich für den Paradigmenwechsel hin zu einer Wirtschaft, die Care ins Zentrum nimmt. Im Sinne des angeführten Zitats kann „Care“ in einem weiteren Sinn selbst als ein Kriterium verstanden werden, das auf alle Tätigkeiten angewendet werden kann.

Was ist überhaupt ein Kriterium? Und was hat es mit Krise zu tun?

Das Wort Kriterium und das Wort Krise teilen sich einen gemeinsamen etymologischen Ursprung. Zugrunde liegt die griechische Wurzel „krino“: ich unterscheide. Ein Kriterium ist etwas, das bei der Unterscheidung hilft. Eine Krise ist eine Situation, in der es Entscheidungen braucht.

In der griechischen Antike wurden Kriterien oft im Zusammenhang mit Wahrheit diskutiert. Ein Kriterium an sich setzt noch keinen Inhalt voraus, sondern stellt eine Hilfe für systematisches Nachdenken dar. Ein Kriterium kann also beispielsweise genutzt werden, um zu schauen, was wahr ist; ein anderes Kriterium kann genutzt werden, um Entscheidungen in Bezug auf das Handeln zu treffen.

Sextus Empiricus gibt in seinem „Grundriss der pyrrhonischen Skepsis“ eine kurze und auch heute noch passende Definition von „Kriterium“: „Allgemein bedeutet es jeden Erkenntnismassstab. In dieser Bedeutung werden auch die natürlichen Kriterien wie das Sehen so genannt. Speziell bedeutet es jeden künstlichen Erkenntnismassstab wie Richtscheit und Zirkel. Sehr speziell bedeutet es jeden Massstab für die Erkenntnis einer verborgenen Sache.“ (Sextus Empiricus: Grundriss der pyrrhonischen Skepsis. Frankfurt am Main, suhrkamp 1993, II, 15)

Sextus bestimmt drei Faktoren, die für das Kriterium von Bedeutung sind, nämlich das „Von wem“, das „Wodurch“ und das „Wonach“. Ein konkretes Beispiel wäre das folgende: Eine Mauer soll gerade ausgerichtet werden. Der Maurer oder die Maurerin wäre nun das „Von wem“, das Richtscheit das „Wodurch“ und das Anlegen des Richtscheits an die Mauer das „Wonach“.

Für die antiken Skeptiker war das Kriterium nicht nur wichtig als Unterscheidungsmerkmal und Entscheidungshilfe, sondern vor allem auch etwas, wonach sie ihr Handeln ausrichteten, „das Kriterium des Handelns, an das wir uns im Leben halten, wenn wir das eine tun und das andere lassen.“ Das Kriterium des Handelns der antiken Skeptiker war das Erscheinende bzw. die alltägliche Lebenserfahrung (SE PH I, 21, 23).

Der kurze Exkurs in die Antike zeigt, dass ein Kriterium ein Erkenntnismassstab ist, der uns hilft zu unterscheiden und uns auch helfen kann, unser Handeln danach auszurichten. Was genau dieses Kriterium sein muss, ist nicht vorherbestimmt, sondern es hängt davon ab, wozu es benützt werden soll.

Wollen wir eine Mauer bauen, benötigen wir ein anderes Kriterium für die konkrete Ausführung, als wenn wir beurteilen wollen, ob eine Tätigkeit in einer Gesellschaft gut und sinnvoll ist.

Kann „Care“ ein Kriterium sein?

Wenn wir als Ziel eine Gesellschaft ansehen, die ein gutes Leben für alle und jede*n ermöglicht – ein Ziel, das sich zum Beispiel in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte widerspiegelt – dann können wir „Care“ als ein Kriterium bestimmen, das uns anzeigt, ob eine Tätigkeit gut und sinnvoll im Hinblick auf dieses Ziel ist. Aus dem antiken Beispiel lernen wir auch, dass ein Kriterium nicht nur der Erkenntnis dienen muss, sondern durchaus handlungsleitend sein kann.

Wie benutzen wir also „Care“ als Kriterium?

Wenn wir nun Care („Wodurch“) als unser Kriterium wählen und uns selbst als Anwendende („Von wem“), dann benötigen wir eine Methode, mit der wir dieses Kriterium benutzen („Wonach“). Wie legt man Care als Kriterium an Tätigkeiten an? Diese Frage kann rein theoretisch nicht abschliessend geklärt werden, es braucht ein Ausprobieren, Diskutieren und Aushandeln. Dies hängt auch damit zusammen, dass das „Von wem“, das „Wir“ nicht klar bestimmt ist – wir Menschen sind verschiedene. Das zu Beginn beschriebene temporäre „Wir“ ist nicht geeignet in diesem Zusammenhang, sondern es ist wichtig, in diesem „Wir“ zu integrieren, dass Menschen abhängig und bedürftig sind. Konkret ist der Mensch, der das Kriterium anwendet, eine verletzliche bedürftige Person, eher ein Baby als ein „Mann im besten Alter“.

Es gibt bereits Ansätze, Care als Kriterium zu nutzen. Neben den bereits erwähnten Arbeiten des Vereins „Wirtschaft ist Care“ hat im englischen Sprachraum David Graeber in seinem viel beachteten Buch „Bullshit Jobs“ (erschienen auf Deutsch 2019, Klett-Cotta) damit begonnen. Ein „Bullshitjob“ ist ein Job, den die Person, die ihn ausübt, für nutzlos oder sogar schädlich hält. Das heisst, das Kriterium wird nicht von aussen angelegt, sondern die ausübende Person wendet es selbst an. In einem weiten Sinn ist das angelegte Kriterium hier „Care“ – denn Care bedeutet auch Sorgfalt, nützlich und hilfreich sein oder zumindest „Nicht schaden“. Care bedeutet auch die Befriedigung von Bedürfnissen. Diese Befriedigung ist das Ziel der Wirtschaft und des Wirtschaftens (siehe hierzu auch Ina Praetorius: Wirtschaft ist Care. Was sonst? In: Korrespondenzblatt Nr. 4 April 2019).

Es ist daher notwendig zu schauen, was eigentlich Bedürfnisse sind und wie sie befriedigt werden können. Und es ist wichtig, dies anhand eines Kriteriums von Tätigkeiten zu unterscheiden, die zwar einem Zweck dienen, aber womöglich einem anderen als der Befriedigung von Bedürfnissen – wie der Gewinnmaximierung. Gewinnmaximierung ist kein Bedürfnis.

Das Kriterium Care und der Brückenbau

In seinem Buch führt Graeber als ein konkretes Beispiel den Bau einer Brücke an. Das Beispiel illustriert, wie wir Care als ein Kriterium anwenden können. Der Bau einer Brücke hat sicherlich einen Sinn, einen erwarteten Nutzen und wird hoffentlich sorgfältig durchgeführt. Wir fragen nun, welches Bedürfnis dadurch erfüllt wird. Diese Frage kann zum Beispiel wie folgt beantwortet werden: Wir bauen eine Brücke, weil Menschen das Bedürfnis haben, einen Fluss zu überqueren (vielleicht, weil auf der anderen Seite des Flusses ein anderes Dorf ist, oder eine Schule oder fruchtbares Land). Die Brücke erleichtert das Hinkommen, eventuell ist der Weg so weniger gefährlich. Das zugrunde liegende Bedürfnis erscheint klar, und dadurch sehen wir das Kriterium Care erfüllt. In diesem Beispiel fungiert das „Wir“ der Gesellschaft als „Von wem“, Care als „Wodurch“ und das Abwägen von verschiedenen Argumenten in Bezug auf Bedürfnisse als „Wonach“.

Dass diese Beurteilung nicht immer einfach ist, nicht einmal in diesem scheinbar banalen Fall, müssen wir uns ins Bewusstsein rufen (Ein interessanter Text zu der Schwierigkeit, Bedürfnisse abzuwägen, findet sich im Blog des Instituts für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung: Thomas Sablowski: Was ist notwendige Arbeit? Und wer entscheidet darüber? (23. März 2020).

Care als Kriterium erzeugt kein Rezept, das wir einfach auf alle Situationen gleich anwenden können. Das Kriterium ermöglicht eine strukturierte Betrachtung. Die Beurteilung muss allerdings in jedem Fall einzeln erfolgen.

Stellen wir uns nun zum Beispiel vor, die Brücke sei eine Brücke in der Grossstadt Istanbul. Vor dem Bau der Yavuz-Sultan-Selim-Brücke wurde eine Diskussion über die zugrundeliegenden Bedürfnisse und den Nutzen geführt. Es gab bereits zwei Brücken über den Bosporus, als 2013 der Bau einer dritten Brücke begonnen wurde. Auf den ersten Blick erscheint die Situation ähnlich wie im vorigen Beispiel. Es gab ein Bedürfnis, den Bosporus zu überqueren, es gab oft Stau auf den beiden vorhandenen Brücken, so dass man davon ausgehen konnte, dass es sinnvoll und nützlich wäre, eine weitere Brücke zu bauen, um diesen zu verringern. Es gab aber auch Widerstand gegen die dritte Brücke, denn es wurde befürchtet, dass die Verkehrsstaus auf den beiden bestehenden Brücken durch die weit im Norden stehende neue Brücke gar nicht verringert würden. Denn die dritte Brücke wurde vor allem für den Fernverkehr (Hochgeschwindigkeitszug und Autobahn) gebaut. Ausserdem, so die Kritik, zerstöre die Autobahn Wälder, die für die Trinkwasserversorgung Istanbuls unverzichtbar seien. Dem Bedürfnis, den Verkehr zu optimieren, stand also das Bedürfnis nach Umweltschutz entgegen. Die Brücke wurde 2016 fertig gestellt.

In diesem Beispiel gab es kein einheitliches „Wir“, das die Funktion „Von wem“ übernehmen und das Kriterium Care anlegen konnte. Vielmehr gab es verschiedene Gruppen, die Argumente vorbrachten.

Es wäre hilfreich, ein übergeordnetes „Von wem“ zu bestimmen, das die Argumente abwägen und die Entscheidung treffen sollte. In einer Zivilgesellschaft, in der es immer Aushandeln und politische Prozesse braucht, ist dies kein einfacher Prozess und sollte als eine Schwierigkeit im Auge behalten werden.

Wenn wir als nicht Beteiligte (ein anderes „Von wem“) von aussen das Kriterium Care anlegen, erscheint der Umweltschutz als Argument dieses eher zu erfüllen. In diesem Fall wäre der Bau der dritten Brücke eher keine Care-Arbeit.

Dieses Beispiel zeigt, dass die Anwendung des Kriteriums Care, wie die Anwendung jeden Kriteriums, nicht einfach ist und nicht standardmässig erfolgen kann. Nicht jede Brücke erfüllt ein einziges Bedürfnis und nicht jeder Brückenbau ist auch Care-Arbeit. Daher ist das Kriterium Care immer wieder neu anzulegen und alle Aspekte (auch das „Von wem“, das „Wodurch“ und das Wonach“) müssen jeweils neu betrachtet werden.

Blick in die Zukunft

Schon Sextus Empiricus fand viele Einwände bezüglich jeden Versuchs seiner argumentativen Gegner, ein Kriterium zu finden und anzuwenden, das widerspruchsfrei wäre. Vermutlich müssen wir uns vom Wunsch verabschieden, widerspruchsfrei argumentieren zu können. Care erscheint als ein sinnvolles Kriterium, auf das hin wir unser Argumentieren und Handeln ausrichten können, nicht notwendigerweise als das einzige Kriterium.

Es ist wertvoll, ein Kriterium zu definieren, um argumentieren zu können. Zudem ist es sinnvoll, sich dieses Kriterium bewusst zu machen und es zu benennen. Die Bewertung von Tätigkeiten, die derzeit vorherrscht, orientiert sich auch an Kriterien – Gewinnmaximierung, Effizienz, Ressourcenverbrauch sind einige davon. Diese werden nicht extra deklariert, sie erscheinen uns „normal“. Durch die derzeitige Krise wird dieses „normal“ in Frage gestellt, und die Gesellschaft bemerkt, dass die Tätigkeiten, die „normalerweise“ als wichtig erscheinen, nicht mehr die allerwichtigsten sind. Auf viele hochbezahlte Managerjobs – die Art, die David Graeber in seinem Buch beschreibt – können wir ganz gut verzichten in der Krise. Auf andere, die „normalerweise“ wenig beachtet werden, die schlecht oder gar nicht bezahlt werden – wie Pflegeberufe oder Care-Tätigkeiten im eigenen Haushalt – können wir als Gesellschaft und als einzelne nicht verzichten.

Durch diese Aktualität und das Sichtbarwerden einer anderen Bewertung wird klar, dass wir andere Kriterien zur Bewertung von Tätigkeiten benötigen. Das Kriterium „Care“ auch auf die „Care“-Tätigkeiten anzuwenden könnte ebenfalls interessante Erkenntnisse ermöglichen. Denn auch wenn der Inhalt einer Tätigkeit Care im engeren Sinn ist, so ist es doch auch von Bedeutung, wie diese ausgeführt werden kann, unter welchen Bedingungen und durch wen.

Care als Kriterium ist eine gute Option – ein Kriterium nicht nur für die Krise, sondern für das neue „normal“ für Entscheidungen in einer Gesellschaft, die das gute Leben aller im Blick hat.

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Aus der Zeit gefallen – ein Videopodcast der bzw-weiterdenken-Redaktion https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/06/aus-der-zeit-gefallen-ein-videopodcast-der-bzw-weiterdenken-redaktion/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/06/aus-der-zeit-gefallen-ein-videopodcast-der-bzw-weiterdenken-redaktion/#comments Mon, 22 Jun 2020 10:03:40 +0000 http://bzw.soundsites.net/?p=15870 Das Redaktionsteam probiert ein neues Format aus: Wir wollen in regelmäßigen Abständen – etwa alle vier bis acht Wochen – in einem Videopodcast über ein Thema sprechen, das eine von uns vieren besonders bewegt, wo sie Rede- und Austauschlust verspürt. Im gemeinsamen Nach- und Weiterdenken möchte sie die anderen im besten Falle mit ihrer Unruhe anstecken, oder aber auch zur Ruhe kommen; je nachdem, wie sich die Gesprächsfäden ent- und verwickeln.

Momentan sind wir Jutta Pivečka, Antje Schrupp, Maria Coors und Anne Newball Duke. Wir können uns aber auch vorstellen, die Zusammensetzung je nach Thema und Begehren zu wechseln.

In der ersten Folge hatte Anne Newball Duke den Wunsch, über den Film Arrival von 2016 und die Kurzgeschichte “Story of Your Life” von Ted Chiang, die dem Film als Vorlage diente, zu reden. Beide Kunstformen gewichten Themen unterschiedlich und kommen daher auch zu unterschiedlichen Aussagen. Daraus entstanden bei uns entweder Vorlieben für die Kurzgeschichte oder den Film. Das ergab ein interessantes und schön kontroverses Gespräch; u.a. darüber, wie viel Feminismus in Film und Kurzgeschichte steckt, und welche bahnbrechende Neuerung für unser Zeitverständnis – gerade dem von der Zukunft – hier angeboten wird.

Hier geht’s zu unserem ersten Videopodcast

Oben: Jutta Pivecka, Antje Schrupp

Unten: Anne Newball Duke, Maria Coors

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Die Eroberung des Ehrentitels „Frau“ durch die 1970er-Frauenbewegung https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/06/die-eroberung-des-ehrentitels-frau-durch-die-1970er-frauenbewegung/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/06/die-eroberung-des-ehrentitels-frau-durch-die-1970er-frauenbewegung/#comments Sun, 14 Jun 2020 17:48:38 +0000 http://bzw.soundsites.net/?p=15856

Der Streit um den Begriff „Frau“, von dem wir gerade wieder eine Neuauflage erleben (siehe das Blitzlicht von Jutta Pivecka „Ich bin keine menstruierende Person“ und die Kommentare dazu) ist mir so unangenehm, dass ich ihm lieber aus dem Weg gehe, als mich kommentierend einzubringen. Während bei den Kontrahentinnen in dieser Auseinandersetzung viel Ärger und Wut zu spüren sind, empfinde ich eher Traurigkeit. Beim Nachdenken darüber, woher diese Gefühle kommen könnten, erinnere ich mich daran, wie bedeutsam die Worte „Frau“ und „Frauen“ zu Beginn der 1970er-Frauenbewegung waren. Als Mitgründerin jener Frauenbewegung, die unter diesem Namen große soziale Veränderungen bewirken konnte, schmerzt mich jedes Abrücken von der großzügig umfassenden Bezeichnung „Frauen“ und jede Relativierung durch Bindestrich-Zusätze. 

Denn für mich war die Selbstbezeichnung als „Frau“ und im sozialen und politischen Kontext als „Frauen“ die erste und tragendste Errungenschaft jener Frauenbewegung, vielleicht sogar das, wodurch sie zu etwas Großem werden konnte.  

Frauen gemeinsam sind stark war der Titel eines Buches mit Texten aus der amerikanischen Frauenbewegung, das uns wenigen politisch aktiven Frauen im Rahmen einer linken Gruppe an der Pädagogischen Hochschule in die Hände fiel. Während wir es lasen, nahmen wir wahrscheinlich zum ersten Mal wahr, dass an unserer Hochschule überwiegend Frauen studierten. Wir beschlossen dann, „etwas für Frauen zu machen“ und verteilten Flugblätter, um zu einem Treffen einzuladen. Wir dachten damals nicht im Traum daran, dass aus diesem Treffen die erste Frauengruppe in unserer Stadt hervorgehen würde.

In unserem Flugblatt sprachen wir 22- bis 25-jährigen Frauen von uns selbst und den anderen Studentinnen noch als „Mädchen“. Ich erinnere mich daran, wie schwer es mir in der ersten Frauenbewegungszeit fiel, von mir selbst als „Frau“ zu sprechen. Ich fühlte mich dabei ein bisschen wie eine Hochstaplerin. Als wir etwas später auch pubertierende Mädchen als „junge Frauen“ zu bezeichnen begannen, spürte ich beim Aussprechen wieder eine solche Hürde. 

Natürlich existierten die Worte „Frau“ und „Frauen“. Doch sie wurden nicht von uns benutzt, wenn wir von uns selbst sprachen, und sie hatten nicht die Bedeutung von etwas Großem, Kostbaren und Umfassenden, die sie dann bekamen. Frauen waren damals noch kein achtbares Gemeinsames, auch nicht für die Frauen selbst. „Frau“ wurde man durch Heirat und Annahme eines neuen Nachnamens – dem des Mannes –, alle unverheirateten Frauen wurden „Fräulein“ genannt, egal, wie alt sie waren. Briefe wurden an „Frau“, „Fräulein“ oder eben „Herr“ adressiert. (Dass das Letztere bis heute noch gilt, ist eine Ungeheuerlichkeit). Ein umfassenderes Wort, wenn mehrere Frauen angesprochen werden sollten, war „meine (sehr verehrten) Damen“. Meine Mutter trichterte mir noch ein, dass ich einen Mann nicht fragen durfte: „Ist Ihre Frau zuhause?“, denn nur er selbst durfte „meine Frau“ sagen. Ich sollte also fragen, ob „Frau Soundso“ zuhause sei, wobei ich mir ziemlich blöd vorkam. Die offizielle Bezeichnung „Ihre Gattin“ brachte ich schon gar nicht über die Lippen. (Was für ein Wort, wenn man daran denkt, dass es von „begatten“ kommt!). Das Wort „Frau“ allein war damals noch kein Ehrentitel, es hatte eher eine abwertende Färbung. In der Sprache unserer Schulkameraden waren wir „die Weiber“, was noch abwertender war. 

In meinem Tagebuch machte ich mir Gedanken, ob ich eine „richtige Frau“ sei, weil ich wieder einmal von meiner „alten Krankheit“ befallen worden war: Ich hatte mich in eine Frau verliebt. Frausein war also auch hier etwas, das mit der „richtigen“ Beziehung zu einem Mann zu tun hatte.

Hausangestellte wurden „Mädchen“ genannt und geduzt, ebenfalls unabhängig von ihrem Alter. Ihre Arbeitgeberin sprachen sie aber selbstverständlich mit „Frau Soundso“ an. Auch weibliche Angestellte in medizinischen Berufen wurden geduzt und mit Vornamen angeredet, während sie umgekehrt natürlich „Herr oder Frau Doktor“ sagten.

All das geriet nach dem Erfolg der Frauenbewegung sehr schnell in Vergessenheit, so dass bei einer späteren Ausstellung der ersten Frauengruppen-Flugblätter nicht mehr verstanden wurde, warum dort von „Mädchen“ die Rede ist. Interessant an unserem ersten Flugblatt ist übrigens auch, dass wir den Rand mit lauter abwertenden Ausdrücken „verzierten“, die Männer damals für Frauen benutzten. Und im Gegensatz dazu stand dann unten der Slogan: „Frauen gemeinsam sind stark“. Ohne dass uns das so genau bewusst war, war hier also schon Fremd- und Selbstbezeichnung, Ab- und Aufwertung ein Thema.

Die Slogans auf unseren Flugblättern und für Demonstrationen sowie die ersten Frauenbewegungslieder unterstützten uns darin, uns in die Selbstbezeichnung „Frauen“ einzuüben, uns diesen Namen zu erobern und ihn mit Stärke, Größe und Würde aufzuladen, beispielsweise: „Wir sind Frauen. Wir sind viele. Wir haben die Schnauze voll“. Oder: „Frauen, kommt her, wir tun uns zusammen. Gemeinsam sind wir stark“. Oder: „Frauen erobern sich die Nacht zurück“. Oder: „Frauen, Frauen, zerreißt eure Ketten, Schluss mit Objektsein in Betten“ und „Drum, Frauen, lasst uns zusammenstehn, …“ Wie bei früheren revolutionären Aufbrüchen vielleicht das Wort „Menschen“ oder andere „große“ Begriffe mit all dem aufgeladen wurden, wonach man sich sehnte und was man für die Welt und das gute Leben aller erreichen wollte, so geschah es nun mit dem Wort „Frauen“. Auch als wir dieses Forum (beziehungsweise-weiterdenken) gründeten, schrieben wir ja nicht „Von Feministinnen für alle“ oder „Von Frauen für Frauen“, sondern „Von Frauen für die Welt“, denn auch wir wollten etwas Großes schaffen.

Während die Worte „Frau“ und „Frauen“ lange Zeit unangetastet blieben, gab es um den Begriff „Feminismus“ von Anfang an Auseinandersetzungen, Spaltungen und gegenseitige Abwertungen. Unterschieden wurde zwischen sozialistischen und bürgerlichen Feministinnen, zwischen Gleichheits- und Differenzfeministinnen, in den USA zwischen (weißen) feminists und (schwarzen) womanists. In ihrem 2010 erschienenen Buch Auf dem Markt des Glücks schreibt Luisa Muraro, in der geschichtlichen Realität sei der Feminismus „ein Schlachtfeld“. (In meiner Zusammenfassung wählte ich einen weniger blutigen Begriff: „ein umkämpftes Feld, ein Kampfplatz“).

Wahrscheinlich begann die Erosion des starken und umfassenden Wortes „Frauen“ bereits in den 80er-Jahren, als nach Erscheinen des Mütter-Manifests plötzlich von „Frauen und Müttern“ gesprochen wurde, was ja vom Wortsinn her genauso blödsinnig ist wie das später sich einbürgernde „Frauen und Lesben“, als ob Mütter und Lesben keine Frauen wären. Als dann sogar das Frauenzentrum umbenannt wurde in ein Frauen- und Lesbenzentrum, war für mich klar, dass dies kein Ort mehr für mich war.

Ich denke, dass das Bedürfnis zur besonderen Hervorhebung der jeweils eigenen Besonderheit in beiden Fällen eine Folge von Kränkungen war, die dann später, als man sich stärker fühlte, solche Wortschöpfungen hervorbrachten. Zu Beginn hatten es Mütter in der Frauenbewegung sicher schwer, mit ihren Anliegen Gehör zu finden. Zwischen lesbischen und heterosexuellen Frauen gab es immer wieder Missverständnisse, Kränkungen und Misstrauen statt gegenseitiger Dankbarkeit. Anstatt dankbar zu sein, dass unsere Frauenbeziehungen an den von der Frauenbewegung geschaffenen Orten viel freier gelebt werden konnten als sonstwo und dass wir aufhören konnten mit den vorher in der Subkultur üblichen Mann-Frau-Rollenspielen und einfach Frauen unter Frauen sein durften, wurde den heterosexuellen Frauen übelgenommen, dass sie zu wenig wertschätzten, wie sehr all die neuen Frauenorte von dem lebten, was lesbische Frauen an Engagement und Care-Arbeit einbrachten. Unterschieden wurde später auch noch in „Matriarchatsfrauen“ und „patriarchale Frauen“. Als ich nach einem Vortrag bei den ersteren von einer Zuhörerin eine „patriarchale Frau“ genannt wurde, war ich beschämt und sehr wütend, es empörte mich ebenfalls, wenn diese Zuschreibung andere Frauen traf, beispielsweise Alice Schwarzer.

Die jetzigen Auseinandersetzungen und Forderungen in Bezug auf den Umgang mit dem Wort „Frau“ könnten ebenfalls eine späte Folge von Kränkungen durch Ausschlüsse sein. Eine schmerzliche Erinnerung ist für mich das Schlussplenum beim bundesweiten Lesbentreffen 1993 in Freiburg, als über den Ausschluss von Trans-Frauen gestritten wurde und eine dieser Frauen schließlich weinend den Saal verließ. Ich hab mich nicht getraut, bei einem so großen Plenum das Wort zu ergreifen, um den damals dominierenden, mit allen Mitteln ums Prinzip kämpfenden Frauen Einhalt zu bieten. Anstatt mit der Ausgeschlossenen mitzuweinen, hätte ich wenigstens versuchen sollen, mir Gehör zu verschaffen, auch wenn ich wahrscheinlich keine Chance gehabt hätte. So ist meine Trauer über das Gezänk um das mir so kostbare Wort “Frau” auch eine Folge davon, dass ich damals nicht mutiger war.

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Ich bin keine menstruierende Person. https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/06/ich-bin-keine-menstruierende-person/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/06/ich-bin-keine-menstruierende-person/#comments Thu, 11 Jun 2020 14:15:14 +0000 http://bzw.soundsites.net/?p=15837 Diese Überschrift ist ein wahrer Satz. Das steht fest.

Denn:

Bin ich eine Person, die menstruiert? Nein. Momentan nicht. Vielleicht nie mehr? Gegenwärtig weiß ich das über mich nicht. Ich bin auf jeden Fall eine Person, die über 40 Jahre menstruiert hat. Eine Person auch, die in regelmäßigen Abständen von der Krankenkasse zum Brustkrebs-Screening eingeladen wird. Eine Person, die zwei Kinder geboren hat. 

Ich bin eine Frau.

Vielleicht auch nicht. Vielleicht sollte ich aufhören, diese Bezeichnung für mich (und meinesgleichen) zu beanspruchen. Vielleicht wäre es sinnvoller, wenn ich mich als eine Person bezeichnen würde, die schwanger werden kann, was in meinem Fall aber gelogen wäre. Eine Person also, die einmal hat schwanger werden können. 

Ich bin eine Frau.

Ich habe mich entschlossen, dabei zu bleiben, über mich zu sagen: Ich bin eine Frau. Und als Frauen weiterhin die Menschen zu bezeichnen, über die Natalie Angier das wunderbare Buch „Frau“ geschrieben hat, indem es z.B. um das weibliche Chromosom geht, um die Evolution der Klitoris, den Verlust der Gebärmutter, die Geschichte der Brust oder Muttermilch. 

Ich bin eine Frau.

Diese Aussage kann keinen Shitstorm auslösen, solange ich sie „nur“ auf mich beziehe. Wenn ich sie dagegen auf jene Menschen beziehe, die Natalie Angier in ihrem Buch meint, dann schon. Pussy-Hats auch, wie wir erfahren haben. Falls sie als Symbol für Frauen verstanden werden. Weil es ja auch Frauen gibt, sagen einige, die sich sehr viel Gehör verschaffen, die keine „Pussy“ haben. Deshalb macht es jetzt also Sinn, nicht mehr von „Frauen“ zu reden, wenn das biologische Geschlecht gemeint ist. Sondern z.B. von „menstruierenden Personen“. 

J.K.Rowling erlebt gerade einen Shitstorm. Weil sie ziemlich schnippisch als Reaktion auf die Formulierung „people who menstruate“ getwittert hat: „I´m sure there used to be a word for those people. Someone help me out. Wumben? Wimpund? Woomud?“ Rowling wird schon länger als TERF gebrandmarkt, weil sie darauf besteht, dass es Frauen, im Sinne von Angier, gibt. Ich gestehe hier: Ich bin Team Rowling. 

Ich bin eine Frau.

Und ich warte jetzt auf „meinen“ Shitstorm – – – *

Zu bedenken geben will ich aber noch:  Es sollte auch meine schärfsten feministischen Kritikerinnen nachdenklich stimmen, dass es der Begriff „Frau“ ist (und eben nicht „Mann“), der auf diese Weise „umstritten“ ist und zur Debatte steht. Und dass es Frauen sind, die durch und wegen dieser Debatte verschwinden werden in unzutreffenden und reduzierenden Formulierungen wie „Menschen, die menstruieren“. Das wird Folgen haben, wenn es sich durchsetzt, nicht nur, aber vor allem auch medizinische und gesundheitliche, für diejenigen, die man Frauen nicht mehr nennen soll. 

Zum Weiterlesen:

Caroline Criado-Perez: Unsichtbare Frauen. Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Menschheit ignoriert

Meine Position ist bei diesem Thema keineswegs die der bzw-Redaktion. Antje Schrupp sieht das ganz anders: https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/06/ich-bin-keine-menstruierende-person/#comment-553887

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Kapitel 5: Der Beitrag von Vätern und Mit-Erziehenden und die Klage über die vaterlose Gesellschaft https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/06/kapitel-5-der-beitrag-von-vaetern-und-mit-erziehenden-und-die-klage-ueber-die-vaterlose-gesellschaft/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/06/kapitel-5-der-beitrag-von-vaetern-und-mit-erziehenden-und-die-klage-ueber-die-vaterlose-gesellschaft/#comments Wed, 10 Jun 2020 12:31:36 +0000 http://bzw.soundsites.net/?p=15831 Zum 20. Jubiläum der Flugschrift „Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik“ wurde das Büchlein im Christel Göttert Verlag neu aufgelegt und wird hier im Forum auch erstmals online veröffentlicht (hier der Link zum Anfang). Dies ist das 5. Kapitel: Der Beitrag von Vätern und Mit-Erziehenden.

Wir beobachten die Tendenz, dass eine wachsende Zahl von Frauen bewusst die Wahl trifft, allein erziehend zu sein, während sich Frauen in festen Paarbeziehungen immer häufiger gegen Kinder entscheiden. Dem entgegen stehen eine Rhetorik, die ein „gleichberechtigtes“ Engagement von Vätern in der Versorgung und Erziehung der Kinder fordert, und politische Versuche, dieses Engagement durch entsprechende Anreize und Gesetzesänderungen zu fördern und teilweise sogar zu erzwingen.

Väter, Co-Mütter, Großeltern, Tanten und andere der Mutter nahe stehende Personen sind dann wichtig für ein gesundes Aufwachsen von Kindern, wenn diese von früher Kindheit an zu ihnen eine Bindung entwickelt haben. Die kindlichen Bindungen müssen auch bei Trennungen unter den Erwachsenen geschützt und erhalten werden. Hierfür werden schon viele unterschiedliche Möglichkeiten gelebt. Die Gesundheit und das Wohlbefinden der Mutter sind bei der Wahl des jeweiligen Modells das wichtigste Entscheidungskriterium. Denn den Kindern ist nicht geholfen, wenn ihre Mütter an einer Regelung zerbrechen, die man als für die Kinder optimal ansieht.

Außerdem kann die Anwesenheit eines Vaters oder einer anderen erwachsenen Person positive Aspekte für ein Kind haben, wenn Mütter aus den oben beschriebenen Gründen nicht mehr authentisch auftreten. Dann kann es eine Herausforderung für Väter ebenso wie für andere Bezugspersonen werden, den eigenen Willen ins Spiel zu bringen und ihrerseits eine authentische Beziehung aufzubauen, die auf gegenseitigem Verhandeln beruht. So eröffnen sie auch den Müttern den Raum, ihr eigenes Verhalten zu verändern und sich aus der Unterwerfung unter falsche Mutterbilder zu befreien.

Die sozialwissenschaftliche Klage über die „vaterlose Gesellschaft“ mit ihren angeblich negativen Folgen vor allem für die Söhne aber ist irreführend. Sie übersieht, dass es einen „gesunden“ Zustand der Anwesenheit von Vätern niemals gegeben hat. Ebenso wie die unhinterfragte Behauptung „Kinder brauchen Väter“ dient die Rede von der vaterlosen Gesellschaft dazu, bei Müttern und Kindern ein Gefühl des Mangels zu erzeugen und lässt die Mütter in ihren eigenen Erziehungsfähigkeiten hilflos und unsicher erscheinen. Mütterliche Autorität wird damit real und symbolisch verkleinert und geschwächt. Es ist nur dann sinnvoll, Mütter bei der Erziehung der Kinder zu entlasten, wenn dies dazu beiträgt, die Autorität der Mütter zu stärken.

Aus: Ulrike Wagener, Dorothee Markert, Antje Schrupp, Andrea Günter: Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik. Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim 1999, Neuauflage 2019

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Selbstbestimmt in den Tod https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/05/selbstbestimmt-in-den-tod/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/05/selbstbestimmt-in-den-tod/#respond Wed, 27 May 2020 21:55:52 +0000 http://bzw.soundsites.net/?p=15804

„Unter deinem Redefluss breitete sich dein Schweigen aus, von dem ich mich einhüllen liess. Wortlos ging es auf mich über, und ich übernahm es. Wir schwiegen nicht aus demselben Grund, aber vom selben Grund aus. Dein Schweigen wurde zu einer unsichtbaren Kette, die mich an dich band.“

Wie geht man mit dem Freitod der Mutter um? Dem Freitod, den sie selbst bestimmt, entscheidet und den sie mit Hilfe einer entsprechenden Organisation ausführt?
Ein schweres Buch. Leicht in der Sprache. Ernst und tief, klar und voller Kraft.
Sarbacher, Schauspielerin und Präsenztrainerin, wählt kurze Episoden der Erinnerung um einen vier Wochen langen Sommer des Wartens auf dem Weg zum letzten Atemzug zu beschreiben.

Ligurien, wo die Mutter in den 1930er Jahren aufwuchs, Nonna und Nonno, Sommerfreuden, Kind sein in Italien… Stimmungsbilder, um die Mutter besser zu verstehen. Wie konnte diese Italienerin so selbstbestimmt in der Schweiz leben? Indem sie sich furchtlos dem Leben anvertraute, erklärt die Autorin. Ebenso furchtlos vertraut sie sich nun dem Tod an. Doch hat sie sich je ihren nahen Menschen anvertraut? Stets war sie wie ein Fels in der Brandung. „Hätte ich in früheren Jahren mehr von deinen Ängsten, Sehnsüchten und Leidenschaften erfahren, hätte sich davon etwas in deinem Gesicht gezeigt, wäre ich dann menschlichen und baulichen Fassaden weniger ausgeliefert, liesse ich mich weniger rasch beeindrucken?“ fragt sich Sarbacher. Die Wochen des Abschieds füllen sich mit Tagen des neuen Kennenlernens. Verständnis für die Verschiedenheit der beiden Frauen entfaltet sich. Akzeptanz wächst für die Andersartigkeit.

Das Buch packt: weil die Schreibende ehrlich ihre Befindlichkeit benennt, klare Worte findet für ihr Dilemma, der Mutter beizustehen und gleichzeitig hin und her gerissen zu sein. Der Sommergarten entsteht vor meinen Augen, ich nehme die Natur wahr und erkenne durch den Text die Natürlichkeit von Werden und Vergehen, Leben und Sterben. Nachdenklichkeit bleibt.

Ariela Sarbacher: Der Sommer im Garten meiner Mutter, Bilger Verlag Zürich, 2020

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Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/05/hannah-arendt-und-das-20-jahrhundert/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/05/hannah-arendt-und-das-20-jahrhundert/#comments Sun, 24 May 2020 10:30:29 +0000 http://bzw.soundsites.net/?p=15808
Ausstellungsplakat im Eingang des Deutschen Historischen Museum Berlin. Foto: Heike Brunner

Die Ausstellung in Berlin:
Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen”

Ich fange von hinten an: Warum Hannah Arendt keine Feministin oder Freundin der antiautoritären Erziehung war und das Private nicht als politisch sehen wollte, ist am Schluss der zeitgeschichtlich aufgebauten Ausstellung zu finden.

Dort, am Ende des Rundgangs, sind in einer Vitrine Bilder von nackt auf dem Essenstisch tanzenden, zwei- bis dreijährigen Kindern, zu sehen. Alltagsszenen aus einem antiautoritären Kinderladen der 1970er. Daneben ihr Zitat von 1958 : „Die Autorität ist von den Erwachsenen abgeschafft worden, und dies kann nur eines besagen, nämlich dass die Erwachsenen sich weigern, die Verantwortung für die Welt zu übernehmen, in welche sie die Kinder hineingeboren haben.“1

Ich vermute, der antiautoritären Bewegung der 1968er war dieses Zitat verhasst und doch diskutieren wir heute wieder genau oder immer noch darüber, Verantwortung zu übernehmen. Eines der großen Themen der Hannah Arendt, vielleicht DAS Thema?

In der Ausstellung sind ihre Lebenslinien: weibliche jüdische Philosophin, Journalistin, Historikerin, Verfolgte des Naziregimes, Flucht, Auseinandersetzung mit neuer Staatsbürgerschaft – in diesem Fall mit dem amerikanischen Staat – und die Beobachtung der Entwicklung in der neugegründeten BRD aufbereitet und natürlich das, was sie dazu gedacht, gesagt und geschrieben hat, zu erleben, mitzudenken. Sie ist eine der prägenden Denkerinnen des 20. Jahrhunderts. Ihre Texte, Gedanken, Ahnungen, Abgrenzungen, ihre kontrovers diskutierten Einschätzungen, insbesondere zum Eichmann Prozess, ihre WeggefährtInnen und ArbeitsbegleiterInnen, FreundInnen, Männer, ihr Fotograf, all dies eröffnet sich der/m BesucherIn in dieser Ausstellung. Ein-Blick in und auf die Vor- und Nachkriegszeit und die weitere historische Entwicklung aus ihrer zwangsläufig besonderen internationalen Perspektive werden gegeben, so wie ihr Wirken war: international, zwischen den Staaten, zunächst zwangsweise und später freiwillig.

Viele der zu lesenden Zitate entstammen dem berühmten Interview von Günter Gaus aus den 60er Jahren. Sie war die erste Frau, die in dieser bekannten Interviewserie zu Wort kommen durfte. So, wie sie als eine der ersten Frauen eine Professur in Amerika erhielt. Die multimediale Ausstellung hat die interessantesten Thesen und Aussagen dieser politischen Theoretikerin und Publizistin aufgegriffen und mit Zeitdokumenten in Szene gesetzt.

Die gesammelten Zeitdokumente, Fotostrecken, private Gegenstände, – Ja, das Zigaretten Etui! -, lassen Hannah Arendt und ihre politisch, philosophische Auseinandersetzung lebendig werden. Ihre zeitlos gültigen Sätze und Thesen, die nach wie vor hoch aktuell sind, an denen die Gesellschaft immer noch und immer wieder zu knabbern hat, beeindrucken und wecken auf – in einer Zeit des angepassten Neoliberalismus und des erwachten Rechtspopulismus.

Besonders intensiv wird das Erleben jetzt in diesen Coronazeiten. Wir führen in der Ausstellung maskierte 1,5 m-Abstands-Choreografien aus. Das individuelle Fokussieren wird – gefühlt – genau dadurch verstärkt. Die Distanzregelungen schaffen auf spezielle Art mehr Raum für individuelle Konzentration. Das Gefühl von: Jede/r kann sie sehr intim aufsaugen, nachfühlen, versuchen zu erfassen, entsteht. Wenn wir zu stark berührt werden, hilft es auch, sich ein bisschen besser verbergen zu können, es geht schließlich um eine Verfolgte des Naziregimes, der Holocaust ist allgegenwärtig.

Nähe und Distanz – ein Thema das in Hannah Arendts Leben immer wieder zu finden ist, ausgelöst durch private und gesellschaftliche Zwänge. Vielleicht passt diese Ausstellung daher so gut in die aktuelle Zeit, die zum Nachdenken über Macht, das Böse und andere philosophisch-politische Aspekte anregen kann.

Persönlich würde ich vorab die Lektüre der biografischen Graphic Novel empfehlen und auch, sich das berühmte Interview mit ihr von Günter Gaus anzuhören. Beides als Hintergrundwissen mit zu bringen bietet die Chance, sich auf die inhaltlichen Details der umfassenden und sehr gelungen Ausstellung noch besser konzentrieren zu können.

Anmerkungen:
1Hannah Arendt: Die Krise in der Erziehung. In: Zwischen Vergangenheit und Zukunft. Übungen im politischen Denken I., München 1994, hier (2000), S. 276

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