beziehungsweise – weiterdenken https://www.bzw-weiterdenken.de Forum für Philosophie und Politik Sat, 17 Apr 2021 14:32:43 +0000 de-DE hourly 1 Neues von Frauen in Film und Fernsehen: „I care a lot“ und „Das Damen-Gambit“ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/04/neues-von-frauen-in-film-und-fernsehen-i-care-a-lot-und-das-damen-gambit/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/04/neues-von-frauen-in-film-und-fernsehen-i-care-a-lot-und-das-damen-gambit/#comments Sat, 17 Apr 2021 14:32:18 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17233

Marla Grayson ist eine ganz fiese Type. Stets perfekt gestylt und mit überbordendem Selbstbewusstsein rennt sie mit ihren High-Heels herum, wie andere es nicht mal in Turnschuhen könnten. Ihre gesamte Smartness, Fitness und Energie nutzt sie keineswegs, um die Welt zu verbessern, sondern dafür, auf Kosten anderer reich zu werden. Und zwar nicht irgendwelcher anderer, sondern auf Kosten der besonders Verletztlichen: Sie luchst alten, alleinstehenden Menschen ihre angesparten Vermögen ab, indem sie sie entmündigen und sich zu ihrer gesetzlichen Betreuerin machen lässt. Warum das gelingt? Na, ganz einfach: Sie nutzt die typischen Weiblichkeitsklischees für sich aus. „Caring“ ist schließlich ein Job, und haben wir nicht immer gefordert, dass der gut bezahlt wird?

Um einiges sympathischer ist Beth Harmon, die als kleines, verwaistes Mädchen vom Hausmeister ihres Kinderheims Schachspielen lernt und sich hinaufarbeitet, bis sie schließlich in Moskau den Weltmeister besiegt. Nicht nur Mädchen und Frauen haben diese Miniserie mit Begeisterung geschaut, sondern auch Jungen und Männer, und sie konnten sich mit Beth identifizieren. Wow!

Wie Frauen in Film und Fernsehen dargestellt werden, ist immer ein feiner Seismograf für gesellschaftliche Veränderungen – und das Reden darüber eine Möglichkeit, solche Veränderungen wahrzunehmen und zu reflektieren. Deshalb nehmen wir im sechsten Video-Gespräch aus der bzw-Redaktion diese zwei aktuellen Beispiele unter die Lupe: den Film „I care a lot“ und die Miniserie „Das Damen-Gambit“, beide aus dem Jahre 2020 und beide bei Netflix zu sehen.

Was ist aus feministischer Sicht von den Figuren zu halten? Was gefällt uns, was gefällt uns nicht? Ist euch zum Beispiel mal aufgefallen, dass die MarkTomJacks als Hauptfiguren fast ausgestorben sind – zumindest mal bei Netflix? Oder dass sich Geschlechterbeziehungen mehr und mehr vom rein männlichen Blick lösen? Wie werden Beziehungen unter Frauen entworfen? Mit wem können wir uns identifizieren und mit wem nicht?

Wir – das sind diesmal wieder Antje, Anne, Maria und Julia, und unsere Urteile über die ausgewählten Filme fallen ziemlich unterschiedlich aus, umso interessanter konnten wir darüber diskutieren. Viel Spaß beim Anschauen!

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Mutterschaft https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/04/mutterschaft/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/04/mutterschaft/#respond Wed, 14 Apr 2021 20:02:57 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17110

Mutterschaft und Menstruationszyklus, I-Ging und Befindlichkeit, Individuum und Gesellschaft, Single und Paar, Mutter und Tochter – zwischen all diesen Seinszuständen mäandert die kanadische Autorin Sheila Heti in ihrem jüngsten Buch. Zwischen ihrem 30. und 40. Lebensjahr beschäftigte sie sich reflektierend mit der Möglichkeit, Mutter zu werden. In Kapiteln, die sie nach den Phasen des Menstruationszyklus benennt, betrachtet sie das Leben, das sie gerade mit ihrem Freund führt. Drei Münzen wirft sie, befragt das I-Ging über den nächsten Schritt. Heti streift die Geschichte ihrer vor dem Holocaust in Ungarn geflüchteten jüdischen Mutter und deren Mutter, will ergründen, was diese Genealogie mit ihren Entscheidungen zu tun haben könnte. Ihre Gefühle bearbeitet sie gedanklich, ihre Gedanken befühlt sie. Was will sie, ohne der Gesellschaft zu genügen? Was kann frau unabhängig von der Gesellschaft wollen? Hat frau einen freien Willen unabhängig von der Gesellschaft?

Dicht webt Heti den Teppich dieses existentiellen Themas nicht nur der Frauen; noch braucht es zwei Personen, um neues Leben in die Welt zu setzen.

Man erfährt nicht konkret wie Heti sich entscheidet, erahnt allerdings ihren Weg. Ihr gelingt das Hin- und Hergerissensein zwischen den beiden Möglichkeiten, die so oder so das Leben verändern, in aller Vehemenz zu beschreiben – genauso wie im Laufe des Menstruationszyklus Launen in alle Richtungen mäandern. «Woher soll ich wissen, ob mit meinem Leben wirklich etwas nicht stimmt, wenn den halben Monat alles auf Rosen gebettet ist und den andern halben auf Dornen? Welcher Sicht kann ich trauen? Ist überhaupt eine davon wahr?» Als sie das Buch vollendet, schickt sie die Seiten ihrer Mutter, diese schreibt ihr: «Jetzt wirst du bald vierzig, und ihr (der Grossmutter) Tod ist auch ungefähr vierzig Jahre her. Du hast sie nie kennengelernt, aber jetzt schenkst du ihr ewiges Leben.» Geistige Kreativität entspricht körperlicher Fruchtbarkeit und es ist gut so.

Sheila Heti,  Mutterschaft, Rowohlt Hamburg 2020, 316 Seiten, 22 €/12 €.

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Unsere Gegenwartsinsel finden – Marlen Haushofers “Die Wand” – neu gelesen https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/04/unsere-gegenwartsinsel-finden-marlen-haushofers-die-wand-neu-gelesen/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/04/unsere-gegenwartsinsel-finden-marlen-haushofers-die-wand-neu-gelesen/#comments Sun, 11 Apr 2021 14:25:15 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17168 Zum 101. Geburtstag von Marlen Haushofer – * 11. April 1920

Im vergangenen Jahr –  2020 – hätten gleich zwei Jubiläen Anlass geboten, das Werk Marlen Haushofers zu feiern: Ihr 100. Geburtstag und ihr 50. Todestag. Doch die deutschen und österreichischen Verlage von Marlen Haushofer ließen die Gelegenheit verstreichen. Keine einzige Veranstaltung organisierten sie. Auch eine Werkausgabe der großen österreichischen Schriftstellerin steht noch immer aus. In einem Manifest forderten namhafte Schriftstellerinnen Marlen Haushofer und ihr Werk endlich gebührend zu würdigen: https://stifterhaus.at/fileadmin/user_upload/Downloads/Steyrer_Manifest.pdf  Vor diesem Hintergrund hat mich dieser Artikel von Malaz Naileh (Jahrgang 2001, geboren in Damaskus) besonders gefreut, der zeigt, dass Haushofers Werk auch einer neuen Generation noch viel zu sagen hat.

Jutta Pivecka 

***

Malaz Naileh liest Marlen Haushofers „Die Wand“

Im Roman „Die Wand“ von Marlen Haushofer geht es um eine Frau, die mit Bekannten in Urlaub nach Österreich gefahren ist. Sie wollen die Auszeit in einem Jagdhaus in den Bergen verbringen. Eines Morgens wacht die Frau in der Jagdhütte auf und findet sich von einer unsichtbaren, durchsichtigen Wand eingeschlossen, hinter der kein Leben mehr existiert. Die Frau ist am Anfang allein mit dem Hund Luchs, aber im Laufe der Zeit kommen weitere Tiere hinzu. Sie hat eine Katze (die „alte Katze“ genannt wird) und die Kuh Bella. Die alte Katze bringt weitere kleine Katzen auf die Welt und Bella gebiert ein Kalb. Die Lieblingskatzen der Ich-Erzählerin werden Perle und Tiger. Perle ist eine weiße Katze mit blauen Augen und Tiger ist dunkelgrau-schwarz auf rötlichem Untergrund. Doch Perle und Tiger sterben ein paar Monate nach der Geburt. Die Ich-Erzählerin beschreibt im Roman ihren Alltag und ihre Gefühle in der Art eines Berichts. Sie hält den Wunsch fest, dass eines Tages ihr Bericht von einem Menschen gelesen wird. Am Anfang der Isolation fühlt sie starke Angst und ist verwirrt, im Laufe der Zeit gewöhnt sie sich jedoch zunehmend an die Situation. Der Roman hat ein offenes Ende und wir erfahren nicht, was mit der Wand passiert oder wie sie entstanden ist.

Collage von Malaz Naileh

Ich habe Marlen Haushofers 1963 erschienenen Roman zum ersten Mal im Winter 2020 gelesen. Für mich enthält dieser Roman drei wesentliche Botschaften, die mich beschäftigt haben und die meiner Meinung nach auch heute noch Gültigkeit besitzen. Erstens: Das Verhalten eines Menschen ist von seinem Denken abhängig. Dies spiegelt sich im Verhalten der Frau. Am Anfang ist sie pessimistisch und verliert daher die Kontrolle, kann ihre Lage nicht überblicken und reagiert konfus. Erst als sie sich mental beruhigt und beginnt, sich um die Tiere Sorgen zu machen, kann sie ihre Gedanken ordnen und einen Plan fassen. Eine weitere Botschaft des Romans ist, dass jeder Mensch in sich sehr gegensätzliche Eigenschaften vereinen kann, die je nach Lebenssituationen aktiviert werden. Drittens hat der Roman auch gezeigt, dass der Mensch sich verantwortlich für jemand fühlen muss, um zusätzliche Kräften zu mobilisieren. Im Roman ist erkennbar, dass die Tiere das Motiv der Frau waren, um zu arbeiten und einen Überlebensweg zu suchen und zu finden. Die Sorge um andere erweist sich daher in diesem Roman auch als Selbstfürsorge. Denn indem die Frau Verantwortung für die Tiere übernimmt, kann sie auch sich selbst stabilisieren.

An einem Satz aus dem Roman bin ich hängen geblieben: „Ich bedaure die Tiere, und ich bedaure die Menschen, weil sie ungefragt in dieses Leben geworfen werden.“ Ich habe lange überlegt, ob ich uns bedauern muss, aber ich habe mich dagegen entschieden. Ich bedaure uns Menschen nicht, auch wenn wir ungefragt geboren sind. Die meisten von uns leben gern, auch wenn dieses Leben oft schwer ist. Wir freuen uns auf morgen, auch wenn wir heute verletzt werden. Ich denke, dass auch in Marlen Haushofers Roman sich dieser Lebenswille gegen alle Widerstände und allen Schmerz zeigt. Ein anderer Satz, der mich bewegt hat, ist: „Nun, da ich fast nichts mehr besaß, durfte ich in Frieden auf der Bank sitzen und den Sternen zusehen, wie sie auf dem schwarzen Firmament tanzten.“ Mein erster Gedanke, nachdem ich diesen Satz gelesen habe, war: Je mehr wir besitzen, desto mehr beschäftigen wir uns mit unserem Besitz. Der Satz stimmt auch, wenn man sich „viel besitzen/viel haben“ nicht nur auf der materiellen Ebene anschaut, „viel besitzen/viel haben“ kann viel Arbeit, viel Geld, viele Gefühle und Sorgen oder viele Kinder bedeuten. Viel von etwas zu haben, bedeutet viel nachdenken, viel Energie verwenden und Zeit verbringen, um uns um unseren Besitz zu kümmern. Viel von etwas zu haben, bedeutet immer viele Sorgen. Indem die Frau in Haushofers Roman unfreiwillig damit konfrontiert wird, nichts mehr zu besitzen, erfährt sie auch „sorgenfrei“ zu sein. Doch es zeigt sich, dass sie nach kurzer Zeit wieder beginnt, von Dingen und Tieren „Besitz zu ergreifen“, weil das sorgenfreie Leben ganz offenbar unmenschlich ist.

Auf derselben Seite des Romans findet sich der Satz: „Ich begriff, dass alles, was ich bis dahin gedacht und getan hatte, oder fast alles, nur ein Abklatsch gewesen war. Andere Menschen hatten mir vorgedacht und vorgetan.“ Die Aussage umfasst unser ganzes Leben, unsere Gedanken, unsere Gewohnheiten und wie wir die Welt empfinden. Als Beispiel nehme ich die Zeit: Warum zählen wir die Minuten und Stunden des Tages? Warum hat die Woche sieben Tage, nicht acht? Warum hat ein Monat 30 oder 31 Tage, nicht 15? Diese Zahlen, die die Zeit einteilen, werden uns vorgegeben und es wird uns beigebracht, dass sie sehr wichtig sind und wir uns an sie halten müssen. Wir schaffen als Menschen eine eigene Ordnung, die derjenigen der Natur nicht unbedingt entgegensteht, aber doch ganz andere, unsre eigenen Regeln setzt. Das nennen wir Kultur. Kultur entsteht, indem die Menschen einer Gruppe, die zusammen leben, sich gegenseitig nachmachen. Am Anfang ist es ein unkritisches Nachmachen und mit der Zeit passen wir uns auch dann an, wenn wir bestimmte Verhaltensweisen weder verstehen, noch gutheißen. Wir sagen einfach: „Ja, jeder tut es.“. In verschiedenen Kulturen sind manche Verhaltensweisen ohne erkennbaren Grund verboten. Die einzige Antwort, die man in solchen Situationen bekommt, ist: „Es ist eine Tradition bei uns.“. Eine Begründung fehlt. Auch aus solchen Zusammenhängen ist die namenlose Ich-Erzählerin in Haushofers Roman herauskatapultiert.

Der letzte Satz, der mich zum Überlegen gebracht hat, war: „Vergangenheit und Zukunft umspülten eine kleine warme Insel des Jetzt und Hier.“ Ich verstehe das so, dass wir uns auf unsere Gegenwartsinsel fokussieren müssen, um uns nicht in den umgebenden Wassern der Vergangenheit und Zukunft verlieren. Auch dies ist etwas, das die Frau in Marlen Haushofers Roman erst erlernen muss – oder umgekehrt: Sie muss verlernen, die Gegenwart immer wieder zu verlieren, weil sie sich zuviel mit Vergangenheit und Zukunft beschäftigt. So ist es nämlich in ihrem früheren Leben in der Stadt  offenbar gewesen.

Marlen Haushofers Roman „Die Wand“ versucht meiner Meinung nach eine Antwort auf die Frage zu geben, was ein Mensch ist. Oft sind die Antworten, die man findet, wenn man eine Definition hierfür sucht, rein biologisch: Der Mensch ist ein Säugetier aus der Ordnung der Primaten. Auch in Haushofers Roman wird deutlich, dass der Mensch ein Tier ist: Er besteht aus einem Körper, der Nahrung braucht, um gesund zu bleiben. Aber es zeigt sich gerade in der Einsamkeit, in die die Frau geworfen wird, dass ein Mensch noch mehr ist, nämlich ein Wesen, dass Liebe und Gefühle braucht, dass zur Selbsterhaltung auch die Fürsorge um andere braucht und dass ein Mensch Kultur schafft, selbst in der Einsamkeit, denn die Frau schreibt ihre Gedanken auf und hofft, dass sie einmal gelesen werden.

Ich glaube, dass es kein Zufall ist, dass der Mensch, dem Marlen Haushofer in „Die Wand“ eine Stimme verleiht, eine Frau ist. Die Frau in Haushofers Roman erfährt, dass ihr Leben nur sinnvoll ist, wenn sie sich um die Tiere kümmert. Sie begreift dies im Laufe der Zeit, obwohl sie als eine Frau dargestellt wird, die weiß, dass ein Leben, in dem man sich immer nur um andere kümmert, ein Leben als Hausfrau und Mutter, wie sie es vorher geführt hat, eine Frau auch von sich selbst entfremden kann. Die Trennung von der Familie, die Einsamkeit erfährt die Frau im Roman auch als Befreiung. Trotzdem begreift sie in einem Lernprozess, dass ihre Selbsterhaltung keinen Wert hat, wenn sie ohne Bezug zu anderen bleibt. Sie erhält die Tiere und sie schreibt auf, was sie erlebt. Sie erfährt sich selbst, indem sie Beziehungen eingeht. Fast am Ende des Romans erscheint ein Mann und bringt diese Tiere um, ohne darüber nachzudenken, wieviel Geduld und Arbeit es gekostet hat, diese Tiere am Leben zu erhalten. Der Mann ist bereit, alle und alles zu opfern, um sich selbst zu retten und am Leben zu bleiben. Die Frau jedoch hat verstanden, dass Leben bedeutet, zu lieben und Fürsorge zu übernehmen. Ihr Bestreben geht dabei eben auch über die bloße Selbsterhaltung hinaus: Sie sucht auch nach Schönheit und Glück in den kleinen Erlebnissen und im Schauen der Natur. 

Das Gedankenexperiment,  unser Leben und unsere Gedanken hinter einer durchsichtigen Wand, abgetrennt von allen anderen, einzuschließen, das Marlen Haushofer angestellt hat, ist auch für eine gegenwärtige Leserin ungeheuer lehrreich. Dieser Roman hilft seiner Leserin die Welt und sich selbst neu zu sehen.

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Charles Michel oder: Wie sich die EU von Despoten instrumentalisieren lässt https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/04/charles-michel-oder-wie-sich-die-eu-von-despoten-instrumentalisieren-laesst/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/04/charles-michel-oder-wie-sich-die-eu-von-despoten-instrumentalisieren-laesst/#comments Thu, 08 Apr 2021 07:50:58 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17180 Unter dem Hashtag #SofaGate wird in den Sozialen Medien ein Desaster diskutiert, das der türkische Despot Erdogan der Europäischen Union beschert hat:

Bei einem Treffen mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und EU-Ratspräsident Charles Michel – beide gleichrangige Repräsentant:innen der EU – bekam lediglich Michel einen “Herrschersessel” auf Augenhöhe neben Erdogan angeboten, von der Leyen hingegen musste entfernt und “tiefer” auf einem Sofa Platz nehmen.

Die EU zeigt sich empört. Leider zeigt sie sich nicht an der richtigen Stelle empört.

Denn nicht Erdogan ist für das Desaster verantwortlich zu machen, sondern Ratspräsident Michel: In einem von der EU verbreiteten Video ist zu sehen, wie von der Leyen stehen bleibt und ihren Unmut deutlich macht, während Michel nicht schnell genug auf dem ihm angebotenen Sessel neben Erdogan Platz nehmen kann. Er ist auch nicht wieder aufgestanden, nachdem das Problem deutlich wurde, hat sich nicht mit von der Leyen solidarisiert. Keineswegs. Er hat klar gemacht, dass das ihr Problem ist und nicht seins.

Erdogan ist hier wieder mal ein propagandistisches Meisterstück gelungen: Er hat die EU vorgeführt als eine Organisation, die nicht zu ihren eigenen (angeblichen) Werten steht. Denn die Adressat:innen seiner Inszenierung sind ja nicht wir, die hier Empörten. Sondern es sind die Männer rund um den Globus, die sich die alten patriarchalen Zeiten zurückwünschen.

Sie haben hier gesehen: Sobald man den europäischen Männern einen Macho-Thron anbietet, hüpfen sie genauso drauf wie alle anderen. Das westliche Bekenntnis zur Freiheit und Gleichheit der Frauen ist auch nur Show. Was für ein Symbol, nur wenige Tage nachdem die Türkei ihren Austritt aus der Istanbul-Konvention zur Bekämpfung häuslicher Gewalt erklärt hat!

Beibt nur zu hoffen, dass die Sache in der EU wenigstens ein Nachspiel hat. Charles Michel und die Mitarbeitern des Protokolls müssen die Veranwortung für das Desaster. Wenn man sein erbärmliches Statement auf Facebook dazu liest, spricht allerdings nichts dafür, dass er das freiwillig macht.

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Kapitel 9: Geld als Symbol der Abhängigkeit und Mittel der Politik https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/04/kapitel-9-geld-als-symbol-der-abhaengigkeit-und-mittel-der-politik/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/04/kapitel-9-geld-als-symbol-der-abhaengigkeit-und-mittel-der-politik/#comments Tue, 06 Apr 2021 12:38:23 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17173 Zum 20. Jubiläum der Flugschrift „Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik“ wurde das Büchlein im Christel Göttert Verlag neu aufgelegt und wird hier im Forum auch erstmals online veröffentlicht (hier der Link zum Anfang). Dies ist das 9. Kapitel: Geld

Flugschrift
Flugschrift “Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn”

Die Ansicht, der Besitz von Geld garantiere größtmögliche Freiheit, ist ein Irrtum. Wo Geld als neutrales Tauschäquivalent eigentlich doch gerade die Verhandlungsmöglichkeiten in den menschlichen Beziehungen ausweiten und öffnen sollte, ist es in unserer industrialisierten Gesellschaft zu einer isolierten Größe geworden, mit der persönliche Unabhängigkeit assoziiert wird. Das ist eine Illusion. Es geht immer um die Frage: Welche Abhängigkeit bin ich bereit einzugehen, um welcher anderen Abhängigkeit zu entkommen?

Vor allem Männer nutzen Geld, um durch den Konsum von Fast-Food, sexuellen Dienstleistungen und industrialisierter Unterhaltung aus ihrer Abhängigkeit von konkreten Frauen und persönlichen Beziehungen herauszukommen. Sie nehmen aber meist nicht wahr, dass sie sie gegen die Abhängigkeit vom Arbeitgeber, von anonymisierten Dienstleistern oder vom Marktgeschehen eintauschen.

Geld ist aber nicht nur ein Mittel der Wirtschaft, sondern eines des Zusammenlebens und das heißt, der Politik. Es ist Symbol für unsere Abhängigkeit von anderen Menschen, eine abstrakte Form, diese Abhängigkeit anzuerkennen, auch wenn die Illusion der „finanziellen Unabhängigkeit“ diese Tatsache verschleiert. Es geht darum zu verstehen, dass man weder durch die Überschätzung des Geldes, noch durch seine Verachtung (wie das beispielsweise in manchen romantisierenden Vorstellungen von Subsistenzwirtschaft der Fall ist) Unabhängigkeit gewinnt.

Nicht Unabhängigkeit ist erstrebenswert, sondern Freiheit. Freiheit gründet darin, die gegenseitige Abhängigkeit von allem und allen anzuerkennen. Hinsichtlich der Faktizität der Abhängigkeit macht es keinen Unterschied, ob man von Geld oder von konkreten anderen Menschen abhängig ist. Freiheit gewinnen wir dadurch, dass wir aus dieser falschen Alternative ausbrechen und die Möglichkeiten erweitern, die Modalitäten unserer Abhängigkeit von Fall zu Fall auszuhandeln — wobei es immer auf die konkrete Situation und die beteiligten Personen ankommt.

Aus: Ulrike Wagener, Dorothee Markert, Antje Schrupp, Andrea Günter: Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik. Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim 1999, Neuauflage 2019

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Wer hat Angst vorm alten weißen Mann? https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/03/wer-hat-angst-vorm-alten-weissen-mann/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/03/wer-hat-angst-vorm-alten-weissen-mann/#comments Fri, 26 Mar 2021 10:12:50 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17153 Vor kurzem war ich bei einem Vortrag über alte, weiße Männer. Nein nicht bei einem Vortrag über Schriftsteller oder Musiker oder Wissenschaftler, die in der Regel WHAM sind – also weiß und heterosexuell und alt und Männer – wenn nicht jemand speziell auf die Idee kommt, dass es auch andere Menschen gibt; sondern bei einem Vortrag über WHAM als Problem. Der Referent war ein junger weißer Mann, der die bemerkenswerte Leistung vollbracht hatte, zu hinterfragen, was dies für sein Leben bedeutet. Ich sage bemerkenswert, weil man das als WHAM bisher schlicht nicht machen musste – es sei denn man war homosexuell oder krank oder arm oder … okay, die Zahl der reinen weißen Männer ist kleiner als man denkt, aber zumindest diesen Aspekt seines Seins musste man nicht hinterfragen. Geschlecht war etwas, was Frauen hatten. Hautfarbe, was schwarze Menschen oder People of Colour hatten. Sexuelle Identität, was queere Menschen hatten. WHAM war unsichtbar.

Und dann wurde WHAM vor gar nicht allzu langer Zeit plötzlich zu einem Schimpfwort. Alte weiße Männer stellen wir uns rassistisch und sexistisch vor wie Donald Trump oder autokratisch wie Wladimir Putin oder aufgeblasen und selbstverliebt wie Boris Johnson – oder konservativ wie alle zusammen. Und wenn man in die Geschichte schaut, sind es tatsächlich zum allergrößten Teil alte weiße Männer, die uns in diesen Schlamassel gebracht haben, in dem wir uns heute befinden. Trotzdem macht es mich unruhig, wenn ich an allen Ecken höre: Check your Privilege. Werde dir deiner Privilegien bewusst – und was dann?

Die Antwort in dem Vortrag war, dass Mann – im Sinne von WHAM –  lernen sollte, Entschuldigung für seine Privilegien zu sagen, und nicht die ganze Zeit alles besser zu wissen und das lautstark zu verkünden, sondern Platz zu machen, wenn andere Menschen das Licht beanspruchen, in dem Mann sich sonnt, weil WHAM das nun einmal so gewohnt ist. Nun wäre es natürlich verlockend, wenn Donald Trump sich dafür entschuldigt hätte, dass er Kinder an der Grenze internieren ließ, und zu einem Alexandria Ocasio-Cortez Supporter geworden wäre.

Doch würde das auch bedeuten, dass wir weiterhin darauf angewiesen wären, was Leute wie der Donald tun oder nicht tun, und dass sie verstehen, was das Problem ihrer Politik ist  … hm … Es würde auch bedeuten, dass gesellschaftliche Beteiligung von Frauen, und trans und  inter und nicht-weißen Menschen weiterhin in der Hand von WHAMs läge – weil sie uns höflich die Türen öffnen: Nach Ihnen Madame! – und dass die netten und interessanten weißen Männer den Mund halten würden – um bloß nicht zu mansplainen – während die anderen, also die Donalds dieser Welt, sich nicht einen feuchten Dreck darum scheren. 

Doch noch schlimmer, individualisiert dies ein strukturelles Problem. Sogar wenn alle WHAMs sich ab jetzt ganz doll dafür schämen, dass sie weiß sind, oder dass sie männlich oder hetero sind, würde das nichts an der Verteilung von Vermögen und Macht und Einfluss ändern. Es geht hier nicht um Hormone oder um Melanin, es geht um gesellschaftliche Strukturen. Und die verändern wir nicht, indem wir Menschen aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer Hautfarbe oder ihrer sexuellen Orientierung beurteilen, noch nicht einmal weiße, heterosexuelle, alte Männer.

Tatsächlich bin ich ja heilfroh darüber, gerade kein WHAM zu sein. Andreas Hechler, vom Bildungsinstitut Dissens, das patriarchatskritische Männer- und Jungendarbeit macht, bringt das in einem Artikel im FICKO-Magazin bewegend auf den Punkt, in dem er beschreibt, dass er alles, für das traditionelle Männlichkeit und Weiß-heit steht, ablehnt – wie Macht, Hierarchien, Ausbeutung anderer Gruppen oder zumindest von dieser Ausbeutung zu profitieren, damit wir reich sein können, müssen andere arm sein – gleichzeitig verkörpert er aber eben diese Kategorien, weshalb er sich auf seine Männlichkeit lange nicht anders beziehen konnte als mit Selbsthass und Verzweiflung. Das ist ein Schmerz, den ich zutiefst verstehen kann.

Und nur, um die Verwirrung vollständig zu machen, möchte ich nun für Check your Privilege argumentieren. Denn der Trick mit Privilegien ist ja, dass man sie tatsächlich nicht bemerkt, wenn man sie hat. Und das ist ein Problem, weil man dann davon ausgeht, dass alle anderen sie auch haben und sich nur anstellen. Deshalb ist es wichtig, immer wieder dazu gezwungen zu werden, sich in Andere hinein zu versetzten und herauszufinden, wie die Welt aus ihrem Blickwinkel aussieht. Es ist wichtig über Privilegien zu reden. Doch die Frage ist: Wie? Sollen ab jetzt auch alte weiße Männer ständig von der Polizei angehalten werden, weil sie ja Drogen bei sich tragen oder anderweitig kriminell sein könnten? Sollten Bewerbungen von Menschen, die Hans Schmitz heißen, im Papierkorb landen, weil Arbeitgeber nach guten deutschen Namen suchen wie Mithu Sanyal? Sollten weiße alte Männer jetzt ständig unterbrochen werden: Ach, Häschen, das verstehst du halt nicht? Sollten … Unsinn! Ausgleichende Ungerechtigkeit ist noch immer Ungerechtigkeit. Was wir brauchen ist mehr Gerechtigkeit, mehr Privilegien oder besser gesagt: eine Debatte darüber, welche Privilegien wir in einer freien Gesellschaft von Gleichen teilen wollen.

Anmerkung der Redakteurin Antje Schrupp:

PS: Dieser Artikel erschien bereits in leicht gekürzter Form in der Zeitschrift “Wir Frauen”, die auch generell sehr empfehlenswert ist.

PPS: In ihrem neuen Buch “Identitti” setzt sich Mithu Sanyal erzählerisch mit Identitätspolitik auseinander. Ich habe den Roman in der Reihe “Antje las ein Buch” auf Youtube vorgestellt

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Die Pariser Kommune aus der Sicht einer Akteurin: Louise Michel https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/03/die-pariser-kommune-aus-der-sicht-einer-akteurin-louise-michel/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/03/die-pariser-kommune-aus-der-sicht-einer-akteurin-louise-michel/#respond Thu, 18 Mar 2021 09:21:53 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17146 Im Februar hat Antje Schrupp an dieser Stelle Louise Michels Buch über die Pariser Kommune, das sie 1895 schrieb und das jetzt von Veronika Berger ins Deutsche übersetzt wurde, vorgestellt. Auch in ihren Memoiren, die Louise Michel rund zehn Jahre vorher schrieb, zwischen 1883 und 1886, nehmen die Themen und Sichtweisen eine große Rolle ein, die Antje an dem Buch über die Kommune auffallen. Auf diese Themen gehe ich nach einer kurzen Vorstellung Louise Michels ein.

Verhaftete Kommunardinnen im Gefangenenlager in Versailles nach der Niederschlagung der Kommune. Louise Michel vorne rechts, stehend mit verschränkten Armen und hellem Rock.

Die 1830 geborene Louise Michel erhielt nach ihrer Ausbildung zur Lehrerin keine Anstellung, weil sie sich weigerte, den Eid auf das Kaiserreich Napoleons III. zu leisten; so arbeitete sie stets unter prekären Bedingungen in Privatschulen. In Paris schloss sie sich der republikanischen Opposition an und war vor allem in der Pariser Frauenbewegung aktiv.  Als am 18.3.1871 aufgrund der Kriegsniederlage im deutsch-französischen Krieg und des Versailler Friedensvertrags mit dem Deutschen Reichs die Pariser Nationalgarden entwaffnet werden sollten, stellten sich Frauen vom Wachsamkeitskomitee Montmartre, unter ihnen Louise Michel, den Soldaten entgegen. Die Kommune von Paris wurde proklamiert und bis zur blutigen Niederschlagung Ende Mai aufrechterhalten. Louise Michel wurde im Dezember 1871 zu lebenslänglicher Verbannung nach Neukaledonien, einer Inselgruppe östlich von Australien, verurteilt, wo sie bis zu ihrer Amnestie 1880 blieb. Von 1883 bis 1886 war sie in Frankreich inhaftiert. Bis zu ihrem Tod kämpfte sie mit Vortragsreisen und der Gründung der anarchistischen Zeitschrift „Le Libertaire“ für ihre politischen Ziele. Sie starb 1905; zu ihrer Beerdigung in Paris kamen über 100.000 Menschen.

Was Antje beim Kommune-Buch feststellt, trifft auch auf Michels Memoiren zu: Louise Michel ist keine Chronistin der Ereignisse, sondern folgt ihren Gefühlen. Sie schreibt ihre Memoiren zeitweilig wie einen stream of consciousness, sie springt zwischen Ereignissen, Wünschen, politischen Themen und Gefühlen hin und her und kommt immer wieder an anderen Stellen darauf zurück; mitunter kommentiert sie ihren Text, so rechtfertigt sie sich nach einem längeren Kapitel über Frauen und deren Unterdrückung: „Dieses Kapitel ist keine Abschweifung. Als Frau habe ich das Recht, über die Frauen zu sprechen.“ (S. 93) oder spricht ihre Leser*innen direkt an („Ihr seht es, Freunde“ (S. 138)). Zwischen ihren Lebenserinnerungen erscheinen immer wieder einige zentrale Themen: Gleichheit der Geschlechter, Wissen(schaft) und Freiheit; Macht; Mut, Heroismus und Pflicht und die neue Menschheit.

Louise Michel war nicht nur Mitglied im Wachsamkeitskomitee Montmartre der Frauen, sondern auch in dem der Männer: „Ich ging immer zu dem der Männer, weil es immer die Linie der russischen Revolutionäre vertrat.“ (S. 129) „[I]ch gehörte weiterhin den beiden Comités, die dieselben Tendenzen vertraten, an. […] vielleicht werden beide ineinandergreifen, denn wenn es um die Pflicht ging, kümmerte man sich kaum darum, welchem Geschlecht man angehörte. Mit dieser albernen Frage war Schluss.“ (S. 129) Sie tritt für die Gleichheit der Geschlechter ein und beklagt, dass die Mädchen absichtlich unwissend gehalten werden durch Erziehung und schlechte Schulbildung; „[w]as wir wollen, ist Wissen und Freiheit.“ (S. 93)

Eine intersektionale Denkweise, also die Verflechtung verschiedener Herrschaftskategorien miteinander, zeigt sich in ihrer Einschätzung, „Sklave ist der Proletarier, Sklave aller Sklaven ist die Frau des Proletariers“ (S. 92) ebenso wie in ihrer Konstatierung, dass in den USA Frauen dieselben Vorlesungen besuchten wie die Männer, welche „nicht verstehen, dass man sich mehr mit der Frage der Geschlechter als mit der der Hautfarbe beschäftigt.“ (S. 90) Lange vor der expliziten Benennung erkannte sie die Bedeutung dieser miteinander verwobenen ungleichheitsgenerierenden Dimensionen race, class und gender. Sie kämpfte nicht nur für die Befreiung der Arbeiter*innen und der Frauen, sondern unterstützte auch 1878 den Befreiungskampf der in Neukaledonien lebenden Ureinwohner, der Kanak, gegen die französische Kolonialherrschaft.

Genau wie Antje in „Die Pariser Kommune“ sehe ich in Louise Michels Memoiren „Macht“ als ein Hauptthema; Macht ist nichts, was temporär in schlechten Händen ist, sonst aber erstrebenswert, sondern Macht als solche ist schlecht. Immer wieder geht Michel auf die schlechten Auswirkungen von Macht ein; „die Macht verursacht Schwindelgefühle, sie wird sie immer verursachen, bis zu der Stunde, da sie der ganzen Menschheit gehören wird.“ (S. 79) „Wer wird über die Verbrechen der Macht schreiben und darüber, wie ungeheuerlich sie die Menschen verändert […]?“ (S. 112) fragt sie – ein bis heute aktueller Gedanke, wenn wir die Veränderungen von Menschen betrachten, die aus sozialen Bewegungen kommen und Politiker*in werden. Männern, die Angst vor der Gleichberechtigung der Frauen haben, weil diese dann vielleicht regieren wollten, ruft sie zu: „Beruhigt Euch! Dazu sind wir nicht dumm genug! Es würde die Herrschaft nur verlängern; behaltet sie, damit sie schneller ein Ende finde!“ (S. 90). Sie berichtet von ihren Gesprächen, die sie mit Prostituierten und Dieben über deren Situation führte, und stellt fest, dass niemandem bereits bei der Geburt vorbestimmt ist, was er oder sie werden wird – „Nein, Ihr habt sie zu dem gemacht“ (S. 110) zitiert sie aus einem ihrer Gedichte der 1860er Jahre –, und überträgt dies auf die Mächtigen: „Man kommt auch nicht […] mit einem Ministerposten [zur Welt], um vom Schwindelgefühl der Macht ergriffen zu werden und Nationen zu ihrem Zusammensturz zu führen.“ (S. 111) Sie kämpft für die sozial Deklassierten, gegen einen Determinismus und für ihr positives Menschenbild.

Mehrmals wehrt sich Michel dagegen, als Heldin oder besonders mutig bezeichnet zu werden – „macht mich nicht besser, als ich bin und als ihr selbst seid!“ (S. 138). Für sie ist die Beteiligung an der Revolution Pflicht – obwohl sie friedliche Kundgebungen für ergebnislos hält (S. 344), nimmt sie zum Beispiel aus Pflichtgefühl an einer Demonstration von Arbeitslosen teil, infolge derer sie verleumdet wird, dort zu Brotplünderungen aufgerufen zu haben, und zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt wird. „Es gibt keinen Heroismus, es gibt nur die revolutionäre Pflicht und die revolutionäre Leidenschaft“ (S. 196), „[i]ch habe keinen besonderen Verdienst“ (S. 267), „[w]ir sind alle das Produkt unserer Zeit, weiter nichts“ (S. 267).

Enthusiastisch spricht Michel von der Zukunft der Menschheit: „Oh ja, ich träume schon von der Zeit, da alle Brot haben werden, von der Zeit, da die Wissenschaft die Köchin der Menschheit sein werde“ (105); „die Kunst für alle, die Wissenschaft für alle, das Brot für alle; hat die Unwissenheit nicht genug Unheil angerichtet, ist das Privileg des Wissens nicht schrecklicher als das des Goldes!“ (S. 171). „Ja, gewiss, der Mensch der Zukunft wird neue Sinne haben! Man spürt sie im Menschen unserer Epoche sprießen.“ (S. 171).

Ein positives Menschenbild, der altruistische Einsatz aller persönlichen Kräfte, der Versuch, in historischen Situationen eines Machtvakuums diese Macht nicht zu übernehmen, sondern sie auf alle Menschen zu verteilen, die dann gemeinsam in Freiheit leben – diese Überzeugungen Louise Michels und ihrer Genoss*innen in der Pariser Kommune sehe ich als Gründe an, warum die Kommune seit 150 Jahren so eine Faszination auf undogmatische Linke ausübt.

Louise Michel: Memoiren. Erinnerungen einer Kommunardin. (Klassiker der Sozialrevolte 27) Herausgegeben, eingeleitet und mit Anmerkungen versehen von Jörn Essig-Gutschmidt. Unrast, Münster 2017. Frz. Original 1886 erschienen. 368 Seiten. ISBN: 978-3-89771-925-5

(Dieser Artikel basiert auf folgender Rezension: Vera Bianchi: Louise Michel: Memoiren. Erinnerungen einer Kommunardin. In: Arbeit – Bewegung – Geschichte II/2018, Berlin 2018, S. 228-231)

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Herzlichen Glückwunsch für eine Pionierin! Zum 90. Geburtstag von Maria Mies https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/03/herzlichen-glueckwunsch-fuer-eine-pionierin-zum-90-geburtstag-von-maria-mies/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/03/herzlichen-glueckwunsch-fuer-eine-pionierin-zum-90-geburtstag-von-maria-mies/#comments Mon, 15 Mar 2021 07:29:04 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17133 Anfang des Jahres ist Maria Mies, Frauenforscherin und Feministin, 90 Jahre alt geworden. Bis zu ihrer Emeritierung Professorin für Soziologie am Fachbereich Sozialpädagogik der Fachhochschule Köln war sie immer eine engagierte Aktivistin innerhalb der internationalen Frauenbewegung und Mitbegründerin der Kölner Zeitschrift „beiträge zur feministischen theorie und praxis“, die sich rasch zu einem wichtigen Forum der feministischen Wissenschaft entwickelte. In den beiträgen wurden auch ihre „Postulate zur feministischen Frauenforschung“ veröffentlicht, die Berühmtheit erlangten und Generationen von Frauenforscherinnen inspirierten – durchaus auch zu Kritik.

Maria Mies hat die feministische Frauenforschung maßgeblich geprägt. Anfang des Jahres feierte sie ihren 90. Geburtstag. Foto: Dirk Makoschey

Maria Mies interessierte sich vor allem für das Zusammenspiel von „Patriarchat und Kapital“. So hieß auch ihr viel gelesenes Buch (Untertitel „Frauen in der internationalen Arbeitsteilung“), das 1986 zunächst auf Englisch, 1988 auch auf Deutsch erschien. Dem Anspruch nach eine erste systematische Analyse der gegenwärtigen Frauenunterdrückung weltweit (und ihrer Entstehung), behandelt die Arbeit sowohl „Gesellschaftliche Ursprünge der geschlechtlichen Arbeitsteilung“ als auch den Zusammenhang von „Kolonisierung und Hausfrauisierung“, und schließlich skizzierte sie hier bereits die „Konturen einer öko-feministischen Gesellschaft“.

Die internationale Arbeitsteilung trennt und verbindet Frauen gleichermaßen

Das Geschlechterverhältnis war für Maria Mies der Schlüssel zum Verständnis wie zur Veränderung von Unterdrückung und Ausbeutung. Dabei behauptete sie nie, die Situation von Frauen sei gleich, vielmehr betonte sie, sie sei im Gegenteil sehr verschieden, je nachdem, wo die jeweilige Frau geopolitisch positioniert ist. Die internationale Arbeitsteilung trenne und verbinde Frauen gleichermaßen. Die Frauen im Norden profitierten von der Unterwerfung und Ausbeutung der Frauen im Süden. Das mache eine internationale Solidarität zwischen Frauen zwar mitunter schwierig, aber wirkliche Befreiung von Unterdrückung und Ausbeutung könne es nicht auf Kosten anderer geben. Deshalb sei es unerlässlich, dass feministische Politik und Wissenschaft – für Maria Mies gehörten sie zusammen – eine globale Perspektive entwickeln müssten. 

Maria Mies‘ Bestreben zielte auf Parteilichkeit, Gesellschaftskritik und Veränderung bestehender Verhältnisse. Programmatisch beschrieb sie in der ersten Ausgabe der beiträge, dass feministische Forschung gesellschaftliche und individuelle Emanzipation vorantreiben und das herrschende Wissenschaftsverständnis, das an der Unterwerfung von Frauen beteiligt sei, hinterfragen müsse: „Wir werden nicht umhinkönnen, nach neuen, unserer Zielsetzung angemessenen Forschungskonzepten, Methoden und wissenschaftlichen Grundlagen zu suchen“ (beiträge 1978/1:11) 

Bewusste Parteilichkeit statt postulierte “Wertfreiheit”

Konkret warb Maria Mies dafür, das Postulat der Wertfreiheit durch bewusste Parteilichkeit und die Sicht von oben durch eine Sicht von unten zu ersetzen. Dabei wollte sie auf der Basis von „Teilidentifikation“ von Forscherinnen und Erforschten eine „kritische und dialektische Distanz“ herstellen (beiträge 1978/1:48). Sie war der Überzeugung, dass Erkenntnis durch Teilnahme an Praxisprozessen sowie der Reflexion dieser Praxisprozesse gewonnen wird und plädierte also für die Beteiligung an emanzipatorischen Aktionen (statt uninvolviert zu bleiben) (ebd.:49). Der Forschungsgegenstand feministischer Wissenschaft sollte sich an den Interessen der Frauenbewegung(en) orientieren, was für sie nicht „Fremdbestimmung“ durch die Bewegung war, sondern „kreative Verarbeitung einer gesellschaftlichen Problematik durch ein Subjekt“ (ebd. 51). Und schließlich sollte die konkrete Erforschung einer unterdrückerischen Situation nicht nur durch wissenschaftliche Expertinnen erfolgen, sondern durch die Beteiligten/Betroffenen selbst, so dass im Idealfall die Objekte von Unterdrückung und Forschung selbst zu forschenden Subjekten würden.

Maria Mies entwickelte ihre Postulate aus ihrer politischen (Forschungs-)Praxis heraus bzw. erprobte sie in Forschungsprojekten, zum Beispiel im (von ihr 1976 mit gegründeten) Autonomen Frauenhaus in Köln (ebd.: 53ff), oder zu Landarbeiterinnen in Nalgonda/Indien (1978-81) und einem Projekt „Fieldwork in Women’s Studies“ in den Niederlanden (1979-81). Sie verschwieg nicht Schwierigkeiten, Widersprüche und Grenzen, zieht aber ein grundsätzlich positives Fazit: Jedes Mal sei es gelungen, die „Forschungsobjekte“ so in den Forschungsprozess zu involvieren, dass sie ihre Lebenssituation im Anschluss entscheidend verändern konnten (vgl. beiträge 1984/10: 48ff)

Als ich versuchte, die „methodischen Postulate“ in meiner ersten Feldforschungserfahrung in einem Dorf in der Minahasa auf Sulawesi/Indonesien umzusetzen, sensibilisierten sie mich für das Geflecht von Machtbeziehungen, in dem ich mich wiederfand, für meine Position im Feld und wie sie die Forschungssituation strukturierte. Dass ich, wenn ich die Frauengruppe bei der Feldarbeit begleitete, auch mithacken wollte, obwohl das keine verstand und zunächst auch nicht gut fand, verdanke ich indirekt Maria Mies, die dazu ermutigte, die Differenz zwischen „Forschungsobjekten“ und „Forschungssubjekten“ nicht für undurchlässig zu halten. So bekam ich beim „Stundenlang-in-sengender-Sonne-Unkraut-Jäten“ wenigstens eine leise Ahnung (mehr natürlich nicht) vom (Arbeits-)Alltag der Frauen, vor allem aber einen anderen Zugang zu ihnen.

Kapitalismus ist nicht nur Ausbeutung von Arbeitskraft, sondern weiter in erster Linie Raub 

Ich lernte Maria Mies – zunächst ihre Texte, dann auch sie persönlich – Anfang der 1980er Jahre in Bielefeld kennen, wo ich Entwicklungssoziologie studierte. Maria Mies war assoziiertes Mitglied der Arbeitsgruppe Bielefelder Entwicklungssoziologen, arbeitete auch später eng vor allem mit Veronika Bennholdt Thomsen zusammen und steuerte ihre langjährigen Erfahrungen in Indien zur Aufklärung des Verhältnisses von Subsistenzproduktion und Akkumulation bei. Die kritische Entwicklungssoziologie ließ damals den Glauben hinter sich, dass den Ländern des Südens eine nachholende Entwicklung bevorstehe. Es wurde immer offensichtlicher, dass die Länder nicht „zurückgeblieben“ waren, sondern zurückentwickelt worden waren, dass ihre desolate soziale und wirtschaftliche Situation ihrer jahrhundertelanger, bis heute andauernder Ausbeutung geschuldet war. Insbesondere, so die Bielefelder*innen, war in der Dritten Welt keine Proletarisierung zu beobachten. Profite wurden hier anders erwirtschaftet, über (Produktions-)Verhältnisse, die bis dato „vorkapitalistischen“ Gesellschaften zugeordnet wurden (Pachtverhältnisse, Leibeigenschaft, kleiner Handel, Vertragslandwirtschaft etc.), aber offensichtlich auch im entwickelten, voll ausgebildeten Kapitalismus vorherrschten. Damit führte an der Erkenntnis dann nichts mehr vorbei, dass der Kapitalismus anders funktionierte als gedacht, dass er immer noch weniger über „Ausbeutung“ (von freier Lohnarbeit) als über „Raub“ (unfreier Arbeit) akkumulierte, mehr über Gewalt als über Vertrag. Die für den Kapitalismus typische Kombination von (relativ gesicherter, relativ gut bezahlter, „geregelter“) Lohnarbeit und prekärer (un- oder gering bezahlter, ungesicherter) Arbeit, so die Soziologinnen weiter, ist aber nicht ein Spezifikum der Dritten Welt, sondern auch in der Ersten Welt anzutreffen: Die prekäre Arbeit hier ist die (unbezahlte, schlecht bezahlte) (Haus-)Frauenarbeit, in den gut bezahlten Lohnarbeitsverhältnissen arbeiten eher Männer. 

Damit nahmen Maria Mies und ihre Mitstreiterinnen verschiedene, in der Neuen Frauenbewegung bereits gesponnene Fäden auf und fügten sie zusammen: Wie Gewalt gegen Frauen mit der Ausbeutung von Frauenarbeit zusammenhängt, und wie beides mit dem Kolonialismus und außerdem mit dem Naturverhältnis verknüpft ist (letzteres ist aber noch ein anderes Kapital, das hier aus Platzgründen fehlt).

Maria Mies war eine unabhängige, engagierte (Vor-)Denkerin, sie war wachstumskritisch, bevor es die Degrowth-Bewegung gab. Sie war postkolonial, noch bevor in der bundesdeutschen Frauenbewegung über Rassismus debattiert wurde. Und die sex/gender-Unterscheidung war ihr schon vor Judith Butler suspekt: „Diese Unterscheidung zwischen Geschlecht als biologischer und Geschlecht als sozio-kultureller Kategorie mag auf den ersten Blick nützlich erscheinen, weil sie das Ärgernis beseitigt, dass die Frauenunterdrückung immer an der Anatomie der Frauen festgemacht wird. (…) Aber machen wir uns nichts vor. Das menschliche Geschlecht und die Sexualität sind nie rein biologische Angelegenheit gewesen. Noch ist der weibliche oder männliche Körper je eine rein biologische Angelegenheit gewesen [ ] ‚Menschliche Natur‘ ist immer sozial und historisch gewesen. Die menschliche Physiologie ist während der ganzen Geschichte von der Interaktion mit anderen menschlichen Wesen und mit der äusseren [sic] Natur beeinflusst und geprägt worden. Deshalb ist das biologische Geschlecht (sex) eine ebenso kulturelle und historische Kategorie wie das soziale Geschlecht (gender)“ (Patriarchat und Kapital 1988: 35) 

Sie war außerdem stets eine streitbare Person, die vor harscher Kritik an anderen Frauenforscherinnen und deren Positionen nicht zurückschreckte. Ich erinnere mich an ihren Aufsatz Vom Individuum zum Dividuum, in dem sie sich mit Gesetzesvorschlägen und Politikempfehlungen US-amerikanischer Feministinnen angesichts der neuen Fortpflanzungstechniken auseinandersetzt und scharf kritisiert, wie hier unter dem Euphemismus „reproduktive Rechte“ oder „Fortpflanzungsautonomie“ „ein neuer Supermarkt der Fortpflanzungsmöglichkeiten“ eröffnet wird (Bielefelder Frauenzeitung Tarantel Okt-Dez 1987). Maria Mies glaubte nicht an technologische Methoden der Frauenbefreiung, sie glaubte an ein anderes, nichtherrschaftliches Naturverhältnis, das selbstverständlich auch unsere Körper einschließen müsste. 

Gegen den Wandel der “Frauenforschung” zur “Genderforschung”

Mit der dekonstruktivistischen Wende in der feministischen Forschung und mit der Umbenennung der Frauenforschung in Genderforschung konnte sie sich nie abfinden. Das wertete sie als eine Anbiederung an den Universitätsbetrieb, und es führte ihrer Ansicht nach dazu, das Ziel der Frauenbefreiung aus dem Auge zu verlieren. 

Leicht zufriedenzustellen, war Maria Mies nicht. Oft schien ihr die Frauenbewegung in Deutschland zu wenig radikal, zu wenig kapitalismuskritisch. Sie erwartete von sich und anderen viel und vor allem auch persönliche Konsequenz. Ich erinnere mich an ein Radio-Interview, ich weiß nicht mehr, wer es führte und wann, es ging jedenfalls um ihren Aufruf zu einer Konsumbefreiungsbewegung (als möglichen Hebel, die Ausbeutung von Natur und globalem Süden zu beenden). Die Redakteurin fragte, Einverständnis voraussetzend, dass es halt schwer sei, auf liebgewonnenen Luxus wie zum Beispiel das tägliche Duschen zu verzichten. Maria Mies‘ Antwort kam postwendend: „Ich dusche nicht. Und wenn, dann kalt.“ Das war typisch für sie, ich amüsierte mich am Radio über diesen Auftritt und glaubte ihr aufs Wort. 

1996 gründeten wir zusammen das Institut für die Theorie und Praxis der Subsistenz (unter anderen Maria Mies, Veronika Bennholdt-Thomsen, Christa Müller, Brigitte Holzer, ich). Maria Mies ging es dabei insbesondere um ein Engagement für Ernährungssouveränität (vgl. ihre zum Welternährungsgipfel am 13.-17 November 1996 in Rom verfasste Broschüre: Frauen, Nahrung und globaler Handel. Eine ökofeministische Analyse). Der Zugang zu Land, die Möglichkeit einer geldunabhängigen Nahrungsmittelproduktion schien ihr ein entscheidender Schlüssel für (weibliche) Autonomie zu sein. Als die Urban-Gardening-Bewegung in Deutschland mehr und mehr Anfänger*innen fand, verfolgte Maria Mies ihre Entwicklung gespannt. Das Interesse an städtischer Gemüseproduktion, die Solidarisierung mit den Kleinbauernbewegungen im Globalen Süden und die in den Projekten wiederentdeckten Subsistenzpraxen, war sehr in ihrem Sinne. So blieben wir, insbesondere Christa Müller und ich, die wir inzwischen in der Münchner Stiftung “anstiftung” zu Eigenarbeit und urbaner Subsistenz forschten, bis heute im Austausch. Und grüßen nach Köln. 

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Noch einmal: Freundinnenschaft https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/03/noch-einmal-freundinnenschaft/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/03/noch-einmal-freundinnenschaft/#respond Fri, 12 Mar 2021 13:41:32 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17103

Nachdenken über Freundinnenschaft ist zur Zeit en vogue. Auch wir haben das in diesem Forum schon hier und hier gemacht. Nun also ein Buch, dessen Titel auf den ersten Blick nicht vermuten lässt, dass es um Freundinnen geht.

‚Bella Ciao‘ ist eigentlich ein Partisanenlied der Resistenza, der italienischen Widerstandsbewegung gegen den Faschismus. Ursprünglich, in einer früheren Version zu Beginn des 20. Jahrhunderts, war es ein Lied, das die Arbeitsbedingungen der Frauen auf den Reisfeldern beklagte und die Sehnsucht der Frauen ausdrückte nach einer Zeit, in der sie endlich in Freiheit arbeiten können.

Über das harte Leben der Frauen auf dem Land und über die mutigen und zugleich tragischen Untergrundkämpfe der Partisanen schreibt auch Raffaella Romagnolo in ihrem Roman, der in der deutschen Übersetzung den Titel ‚Bella Ciao‘ trägt. Spannungsgeladen erzählt sie darin italienische Geschichte, von Armut und Ausbeutung, von Auswanderung und Neuanfang, von den grausamen Härten des Krieges, von Faschismus und Widerstand. Und von dem Zusammenhalt der Familien über Generationen hinweg. Auch wenn mehrere Liebesgeschichten wunderbar zart beschrieben werden, geht es im Plot nicht etwa darum, ob sich die Liebenden – Männlein und Weiblein – am Schluss ‚kriegen‘, nein, es geht darum, ob und wie sich die zwei Herzensfreundinnen nach mehr als 45 Jahren wiederfinden: Mrs. Giulia Masca, die gegangen ist und in Amerika ein neues Leben aufgebaut hat, und Anita Leone die geblieben ist und Freud‘ und viel Leid mit ihrer weit verzweigten Familie geteilt hat. Die kunstvolle Konstruktion der Handlung, bei der wir italienische Geschichte, die unter die Haut geht, erfahren, halte ich für bewundernswert geglückt. Überwiegend sind es Frauen, die die Handlung vorantreiben, starke, feinfühlige, rücksichtsvolle und solidarische Frauen; solche, von denen die Leserin sich wünscht, dass es im echten Leben ganz viele geben würde. Und wahrscheinlich gibt es sie auch, nur wird von ihnen viel zu selten erzählt. Aber auch die Männer werden überwiegend als warmherzig und liebevoll beschrieben – wenn es nicht gerade um den perfiden Gutsverwalter oder die faschistischen Schwarzhemden geht. Sehr klar hat die Autorin herausgearbeitet, dass es überwiegend die Männer sind, die Krieg und Gewalt zum Opfer fallen und die Frauen diejenigen, die sie betrauern und ohne sie den harten Alltag meistern müssen.

Auch wenn das Leben der Protagonistinnen und Protagonisten von Härte und Armut geprägt war, ist es ist ein Buch, in dem ich mich über die ganzen 500 Seiten wohl gefühlt habe. Erst mit der Zeit bemerkte ich, was für tolle Frauen die Autorin neben den beiden Hauptfiguren erschaffen hat und war verblüfft, für welche Überraschungen sie immer wieder gut waren. Giulia Masca und Anita Leone, die beiden Freundinnen, die von kleinauf miteinander verbunden waren und für einander einstanden, gingen nach einer ziemlich unguten Episode im Alter von 20 Jahren getrennte Wege. Außer einem bei beiden tief vergrabenen Schmerz hatten sie nichts, aber auch gar nichts mehr, miteinander zu tun. Doch die Erinnerung an einander (oder an die Freudinnenschaft?) hatten sie, ohne dass ihnen das bewusst war, in einem Winkel ihres Herzens bewahrt. Eine Geschichte, die das Leben so wohl kaum schreiben würde, die aber die Leserin fasziniert!

Raffaella Romagnolo, Bella Ciao, Diogenes Verlag Zürich 2019, 517 S., 24 €.

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Alltagsgeschichte in Freundinnenbriefen aus den 1950er Jahren https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/03/alltagsgeschichte-in-freundinnenbriefen-aus-den-1950er-jahren/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/03/alltagsgeschichte-in-freundinnenbriefen-aus-den-1950er-jahren/#comments Tue, 09 Mar 2021 10:37:35 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16929

Angesichts der elektronischen Kommunikationsmöglichkeiten ist sie fast ausgestorben: Die ausgeprägte Briefkultur, die viele Jahrhunderte insbesondere auch zwischen Frauen gepflegt wurde. Nach dem Tod ihrer Mutter fand Bettina Schmitz, die auch bzw-Autorin ist, einen riesigen Stapel von Briefen vor, die die Mutter ziemlich regelmäßig von ihrer besten Freundin bekommen hat. Dankenswerterweise hat sie diese gesichtet, geordnet und veröffentlicht. Ich habe das Buch einfach so, ratzfatz, weggelesen. Sehr anschaulich berichtet die Briefschreiberin Johanna ihrer Freundin über ihren Alltag, ihre Lebensumstände und die Sorgen und Probleme einer jungen, zunächst noch unverheirateten, Lehrerin in den 1950er Jahren. Interessant ist, von welchen Erwartungen, Werten und Moralvorstellungen die Partnersuche geprägt war, welchen Raum sie einnimmt und wie offen in diesen Briefen über alles kommuniziert wird. Insofern eröffnet sich eine weitere Facette des Freundinnenthemas, das in diesem Forum immer wiederauftaucht, zum Beispiel hier und hier. Mit Interesse habe ich darin auch von dem Zusammenhalt gelesen, der damals unter den Flüchtlingsfamilien aus dem Sudetenland geherrscht haben muss. Oder über die beengten Wohnverhältnisse; denn wenn irgendjemand aus der alten Heimat in die Nähe kam, rückte die ganze Familie zusammen, um den durchreisenden Verwandten oder Bekannten eine Schlafstatt zu bieten.

Thema ist auch die Geldnot, die es oft nicht erlaubte, dass die Freundinnen sich besuchen konnten. Während die Verfasserin als – damals sehr knapp bezahlte – Grundschullehrerin zunächst in einem kleinen Dorf und dann in Schweinfurt arbeitete, lebte die Empfängerin der Briefe in der Schweiz und arbeitete dort wohl als Hausmädchen bei wohlhabenden Familien. Aus ihrem Leben erfahren wir leider nur indirekt. Von ihr sind offenbar keine Briefe überliefert. Damit bin ich bei den Mängeln dieser so interessanten Publikation. Zu einem besseren Verständnis und noch mehr Lesefreude hätte es beigetragen, wenn die Herausgeberin eine kurze Einführung gegeben hätte: Woher kannten die beiden Frauen sich? Wann sind sie geboren? In welcher verwandtschaftlichen Beziehung stehen sie zu den weiteren Personen, die in den Briefen immer wieder auftauchen? Und auch, wie wurde die Freundschaft weitergepflegt, nachdem beide Freundinnen ‚unter der Haube waren‘. Wohnten sie dann wieder dichter beieinander? Der Briefwechsel, der 1950 begann, endet 1961.

Ein weiterer Aspekt ist die Beziehung zur Mutter, über die die Briefschreiberin manchmal klagt, obwohl sie ihre Eltern liebt. Auch nach der Verheiratung, so erfahren wir aus den Briefen, lebt sie mit ihrem Ehemann auf beengtem Raum mit in der elterlichen Wohnung. – Das Mutterthema beschäftigt auch die Herausgeberin der Briefe, Bettina Schmitz. Ihre Gedanken zu der eigenen Mutterbeziehung und der Mutter-Kind-Beziehung ganz allgemein hat sie den Briefen, die ja an ihre eigene Mutter gerichtet waren, vorangestellt. Dort erklärt sie auch, warum sie der Briefsammlung den Titel ‚Das Mutterfell‘ gegeben hat. Auch diesen Teil des Buches habe ich mit Interesse und Gewinn gelesen. Nicht erschlossen hat sich mir allerdings, was er mit der sich anschließenden Briefsammlung zu tun hat, denn es handelt sich um Briefe, die ihre Mutter lange vor der Geburt ihrer Tochter Bettina erhalten hatte. Eigene Kinder hatten damals weder die Schreiberin noch die Empfängerin. Dass die Tochter ihre Mutter durch diese innigen und offenherzigen Freundinnenbriefe noch einmal ganz anders kennenlernt, steht auf einem anderen Blatt. Für die Leserin jedoch bleibt die Adressatin der Briefe, also die Mutter von Bettina Schmitz, eher verschwommen; gut vertraut ist sie indes mit der Briefschreiberin und fühlt sich fast selber befreundet mit ihr.

Wie dem auch sein, insgesamt hat mir die Lektüre Vergnügen bereitet, konnte ich doch in die Alltagsgeschichte, Werte und Normen meiner eigenen Kindheit in den 1950er Jahren eintauchen. Meine Eltern dürften in etwa gleichaltrig mit den Protagonistinnen der Briefsammlung sein. Einmal mehr wurde mir dabei bewusst, wie viel sorgenfreier ich mich als junge Erwachsene ausprobieren durfte im Vergleich zu jener Generation, die nach den Schrecken von verlorenem Krieg und Verlust der Heimat erst mühsam wieder zu einer Normalität zurückfinden konnte.

Bettina Schmitz, Das Mutterfell, ein-Fach-verlag 2020, ISBN 978-3-928089-90-6, 342 Seiten, 25,80 €.

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Ein Leben für das Tanzen https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/03/ein-leben-fuer-das-tanzen/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/03/ein-leben-fuer-das-tanzen/#respond Sat, 06 Mar 2021 17:06:41 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16897

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Little People, Big Dreams ist eine Kinderbuchreihe im Insel Verlag, die Mut macht. Die dort vorgestellten Persönlichkeiten aus verschiedenen Künsten und Wissenschaften träumten als Kinder davon, die Welt zu erkunden, Ungerechtigkeit zu beseitigen, Neues zu entdecken. Jedes Buch schildert mit klaren Bildern und in verständlichen Worten wie aus dem Kind dank Eigensinn und Förderung die erwachsene Person wurde, die Neues, Schönes, Kluges in die Welt brachte.

Die Mexikanerin Frida Kahlo malte sich in die Galerien der Welt; Marie Curie erhielt den Nobelpreis einmal für Chemie und einmal für Physik; Rosa Parks widersetzte sich den Rassegesetzen in den USA; Louise Bourgeois schuf grosse, grossartige Skulpturen bis ins hohe Alter; Simone de Beauvoir beschrieb als eine der ersten wie die Rolle der Frau gesellschaftlich determiniert wird; Zaha Hadid entwarf zukunftsweisende Architektur; Astrid Lindgren prägte die Kinderliteratur neu; Pina Bausch spiegelte im Tanz Alltag und Gesellschaft:

Die kleine Pina hiess eigentlich Philippine und tanzte im Gasthaus ihrer Eltern in Solingen. Berühmt wurde sie, weil sie Tanz und Theater auf neue Weise verband: mit dem Tanztheater Wuppertal entwickelte sie eine frische Ausdrucksweise. TänzerInnen aus aller Welt tanzten in ihrer Truppe, Laien traten mit auf die Bühne, das Hier und Heute bezog Pina Bausch in ihre Choreografien ein. Sie befreite die Körper der Tanzenden vom engen Korsett vorgegebener Traditionen, den Geist von alten ästhetischen Vorstellungen, die Seele aus dem Eingesperrtsein in Konventionen. Radikal bewegend wurde ihr Tanzstil genannt: «Meine Stücke wachsen von innen nach aussen», sagte sie einmal.

In diesem Kinderbuch tanzt Pina Bausch über die Seiten: vor dem Gasthaus, im Gasthaus, an der Ballettstange, vor dem Choreografen der Folkwang Schule in Essen, Kurt Joos, vor der Skyline von New York – dort soll sie sich 184-mal im Kreis gedreht haben ohne schwindlig zu werden. Sie wirbelt über zwei Seiten mit anderen Tanzenden. Auf den nächsten Seiten sieht man die erstaunt kritischen und zum Teil unwilligen Gesichter des Publikums. Dann denkt sie nach und es baut sich ihr Stil auf: Tische und Stühle, akrobatische und alltägliche Bewegungen, schliesslich Blumen auf der Bühne. Anregend und berührend. Auf den letzten Seiten zeigen Fotos Stationen ihres Lebenswegs ergänzt durch eine kurze Biografie der Tanzerneuerin Pina Bausch (27.7.1940-30.6.2009)

Ich kann mir vorstellen, dass gemeinsames Blättern, vorlesen und selber lesen in diesem Buch, Kinder ermuntert, sich ihrer Eigenart bewusst zu werden und diese zu leben.

Dies wünsche ich im Besonderen der an Silvester 2020 zuhause geborenen Cloe Ludmilla, der Tochter meines Patensohnes, deren Mutter Tanz unterrichtet, eigene Stücke tanzt, während der Schwangerschaft tanzte und meist vergnügt durch ihren Alltag tanzt…

Maria Isabel Sanchez Vegara, illustriert von Hanna Barczyk: Pina Bausch, aus dem Spanischen von Svenja Becker, Insel Verlag Berlin 2020 in der Reihe: Little People, Big Dreams, 32 S., 13,95 €.

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Unterwegs auf Berliner Friedhöfen https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/03/unterwegs-auf-berliner-friedhoefen/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/03/unterwegs-auf-berliner-friedhoefen/#comments Wed, 03 Mar 2021 09:00:01 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17069 Wo immer ich zuhause oder im Urlaub war – Friedhöfe hab ich gern angeschaut. Wenn auch nicht so ausdauernd wie in den letzten Monaten, bei meinen coronakonformen sonntäglichen Spaziergängen mit meiner Tochter. Da waren Friedhöfe ein perfektes Ziel, zumal für uns als Zugezogene, Berlin noch Lernende. Manchmal gibt’s da sogar was zu lachen, über den stattlichen Schneemann zum Beispiel. Hübsch mittig platziert auf dem breiten Weg zwischen zwei Gräberfeldern, wo ihm die Sonne stundenlang auf den Bauch scheint. Als wir ihn nachmittags treffen, ist er schon deutlich vornüber in sich zusammengesackt – ein Sinnbild der Vergänglichkeit allen Seins der etwas anderen Art.

Foto: Margot Papenheim

Aber auch ohne Schneemänner haben die Berliner Friedhöfe viel zu erzählen. Wer sie besucht, durchläuft buchstäblich Geschichte und Gegenwart dieser Stadt.

Auf dem Parkfriedhof Marzahn: die Geschichte des Zweiten Weltkriegs. Entlang der Gräber der 3000 Soldaten der Roten Armee, die beim Kampf um Berlin gefallen sind. Vor den Gräbern der zwanzig polnischen Mädchen und Frauen, die beim Luftangriff der Alliierten 1943 im Wedding ums Leben kamen. Zwischen 14 und 21 Jahre als waren sie da. Am Gedenkstein für hunderte Sinti und Roma, die ab Mai 1936 im Zwangslager Marzahn eingesperrt und „rassehygienischen Untersuchungen“ ausgesetzt waren. Im Frühjahr 1943 wurden die meisten von ihnen nach Auschwitz deportiert, nur wenige überlebten.

Große Kapitel Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung – und auch Selbstverständnis der DDR. Wir lesen darin im Vorbeigehen und gelegentlichen Innehalten auf dem Sozialistenfriedhof in Friedrichsfelde. An der 1952 errichteten Gedenkstätte der Sozialisten gleich am Eingang, bis heute Ziel der jährlichen Januar-Demonstrationen mit Tausenden von Teilnehmer:innen, die an die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht im Januar 1919 erinnern. An dem 2006 eingeweihten „Gedenkstein für die Opfer des Stalinismus“ gleich nebenan, kleiner als ein Kopfkissen mit seinen 40 mal 60 Zentimetern. An dem Einzelgrab, auf dessen Stein neben dem Namen des Toten und seinem Geburts- und Sterbedatum, da, wo „bei uns“ ein Kreuz stünde, ein rotes Dreieck mit vier blauen Streifen ist. Es erzählt uns davon, dass hier ein Verfolgter des Nationalsozialismus ruht, der im „Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten“ zuhause war. An der Gedenkstele für das von Mies van der Rohe entworfene, 1926 eingeweihte Revolutionsmonument, das das NS-Regime 1935 niederreißen ließ. An dem Bereich mit den Gräbern zahlreicher Künstler:innen, darunter Käthe Kollwitz.

Sozialgeschichte, ebenfalls auf Schritt und Tritt gegenwärtig. „Im Tod sind alle gleich“? Von wegen. Auf der einen Seite, entlang der Mauer des Friedhofs I der Georgen-Parochialgemeinde im Prenzlauer Berg die imposanten Gruften reicher Familien, meist Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts angelegt. Auf der anderen drei Begräbnisfelder aus den vergangenen vier, fünf Jahren, ungefähr in der Größe der Familiengruften. Auf jedem der Felder in fünf Reihen 35 Urnen bestattet, sieben in einer Reihe. Am Kopf des Feldes eine große Platte, darauf, angeordnet wie auf den Feldern eines Schachbretts, Name und Sterbejahr der Bestatteten. Für mehr reichte der Platz auch nicht. Das Geld der Verstorbenen und ihrer Angehörigen auch nicht?

Mich, aufgewachsen in einem 2000-Seelen-Dorf mit seinen, nun ja, übersichtlichen sozialen und familiären Strukturen irritiert zunächst, dass manche sich innerhalb ihrer Communities bestatten lassen. So finden wir auf dem Georgenfriedhof ein eigenes Begräbnisfeld nur für lesbische Frauen. Und Gräber, die nicht von den Hinterbliebenen, sondern von den Communities der Verstorbenen gestaltet werden. Staunend stehen wir vor einer unscheinbaren, nicht fest umgrenzten kleinen Begräbnisstätte auf einer Wiese. Fotos und Zettel offenbaren: Hier ruht einer, der in seinem Motorradclub zuhause war. An einen Zweig des Baums, der über das kleine Feld ragt, haben seine Freund:innen eine lange Reihe bunter Bänder gehängt, in deren Enden sie jeweils einen kleinen Stein gebunden haben. Über die Jahre mitgebracht von ihren Touren – und dann hier hingehängt, um (sich) an ihren Toten zu erinnern? Wir wissen es nicht, spüren aber das Liebevolle in der Geste. Ein zartes Zeichen, das so gar nicht zu dem hier erinnerten „harten Kerl“ zu passen scheint. Nachdenkend wird mir klar, welche Vorurteile den ersten Blick trübten. Und: Was wäre daran verwunderlich, dass Menschen sich noch im Tod in ihre Lebensgemeinschaften „einkuscheln“, um nicht auf immer und ewig in diesem Moloch von einer Stadt verloren zu gehen? Gerade im Tod, wenn die Frage – wieder – wichtig wird: Wo, bei wem bin ich zuhause?

Das Kapitel Migrationsgeschichte öffnet sich uns auf dem jüdischen Friedhof in Weißensee. Fast überall sieht er so aus, wie alle anderen jüdischen Friedhöfe, die ich in Deutschland und anderen europäischen Ländern besucht habe, auch. Große, repräsentative Familiengruften, aufwendig im künstlerischen Stil und Geschmack ihrer Entstehungszeit gestaltet. Doppelgräber von Ehepaaren, Einzelgräber, deren Inschriften und Gestaltungselemente auffallend oft an den erfolgreich ausgeübten Beruf der oder, öfter, des Verstorbenen erinnern. Etwa die in einer Nische des weißen Granitsteins sich windende Bronzeschlange, die an den 1911 zu Berlin verstorbenen Max Jaffe erinnert, DR MED PROFESSOR ORD AN DER UNIVERSITAET KOENIGSBERG GEH MEDIZINRAT. Neue Grabsteine und, schier zahllos, alte, vollständig verwitterte, umgefallene, von Efeu überwucherte. Stein gewordenes Zeugnis des jüdischen Glaubens, dass die Toten auf ewig in ihren Gräber ruhen dürfen, dass ihre Grabstätten nicht nach 20, 30 Jahren „Liegezeit“ abgeräumt und neu genutzt werden.

Auf einer Lichtung des Friedhofswaldes ändert sich schlagartig das Bild. Ein großes Rasenfeld mit einer noch kleinen Gruppe frischer Gräber. Auf den Gräbern Blumen, echt oder aus Plastik, sehr bunt jedenfalls, Grabkerzen. Und Grabsteine, auf denen wir, außer dem eingravierten Davidstern und den Geburts- und Sterbedaten, nichts lesen können. Die Inschriften sind in kyrillischer Schrift. Natürlich! Hier sind Jüdinnen und Juden bestattet, die in den 1990er Jahren als „Kontingentflüchtlinge“ aus der Sowjetunion nach Deutschland kamen.

Auch hier ist die Frage unüberhörbar: Wo bin ich wirklich zuhause? Oft verborgen in der anderen Frage: Wo – und wie – möchte ich am Ende bestattet werden? Mir geht durch den Kopf, was muslimische Freund:innen mir erzählt haben. Wie ungeheuer wichtig es ihren Eltern und Großeltern war, „in der Heimat“ bestattet zu werden, auch wenn sie schon seit Jahrzehnten und über zwei, drei Generationen in Deutschland zuhause waren. Der Traum, nach einigen Jahren harter Arbeit mit genug verdientem Geld zurückzugehen, um sich dort eine Existenz aufzubauen, war längst ausgeträumt. Die Sehnsucht, im Tod nach Hause zu kommen, lebendig. Angesichts der jüdischen Gräber mit den kyrillischen Inschriften fragen wir uns: Wo und wie in dieser Stadt bestatten eigentlich all die anderen Gruppen von Migrant:innen ihre Toten? Dieser Frage müssen wir unbedingt bald auch noch nachgehen.

Bestattungs- und Friedhofskultur im Wandel der Zeit: Vor 150 Jahren wurden neue Friedhöfe außerhalb der damaligen Stadtgrenzen Berlins angelegt, weil bei den wachsenden Bevölkerungszahlen auf den alten der Platz knapp wurde. Längst geht der Trend in die andere Richtung, auch wegen der sich ändernden Bestattungskultur. Immer mehr Menschen wünschen Urnenbestattung, zunehmend auch nicht in individuellen Urnengräbern, sondern in Urnenfeldern. Immer mehr Menschen leben als Singles. Kinder und die Enkelkinder ziehen mehrfach in ihrem Leben um, da wird Grabpflege zum Problem. Das Folge-Problem haben Friedhofsbetreiber:innen. Was tun mit den freiwerdenden, nicht mehr benötigten Flächen? In Friedrichsfelde haben sie Urnen rund um einige Bäume herum bestattet. Die Kreisform haben die Friedhofsgärtner:innen auf das freie Feld gleich nebenan übertragen. Große Steinkreise liegen dort, großzügig auf der Rasenfläche verteilt – ein irritierender Anblick, denken wir doch bei „Friedhof“ automatisch in Rechtecken. Im Inneren der Kreise sind reihum je zwölf Menschen bestattet, die Namen stehen auf einem großen Stein in der Mitte. Eine Mischform aus anonym und individuell.

Und auch das sehen wir, ausgerechnet auf einem kirchlichen Friedhof: das Überschreiten der Grenze zwischen Kultur und Nicht-Kultur. Während wir uns noch über das Problem mit den zu groß gewordenen Friedhofsflächen unterhalten, landen wir auf dem Georgenfriedhof bei einem niedrigen Zäunchen aus Weidengeflecht, das eine der Friedhofsecken abtrennt. Eine überschaubare Fläche, 50 x 50 Meter vielleicht. Eine kleine Tafel informiert uns, dass dieser Friedhofsbereich von der Grünen Liga betrieben wird, dem Netzwerk Ökologischer Bewegungen Landesverband Berlin. Und dass wir hier etwas über naturnahe Pflege von Grabstätten lernen können – und über die Tiere, die da heimisch sind. Gegenüber, in den Gruften an der alten Friedhofsmauer, eine Reihe leuchtend bunt gestrichener Bienenkästen. Ein Naturlehrpfad auf einem nicht mehr benötigten Friedhofsgelände? Warum auch nicht? Und Bienen haben schließlich in allen Religionen eine große symbolische Bedeutung. Wir Christ:innen etwa singen in jeder Osternacht ihr Lob.

Foto: Margot Papenheim

Unser Verständnis endet schlagartig an der nächsten Ecke des Zäunchens. „Tomate sucht Gießkanne“, informiert uns eine weitere Tafel. Hat sich hier jemand einen geschmacklosen Scherz erlaubt? Der erste Gedanke verfliegt, sobald der Blick an den in Gräberreih und Glied gesetzten Hochbeeten entlang geht. Kappes und Rosenkohl, Tomaten und Küchenkräuter auf Gräbern? Wir versuchen, das Unbehagen wegzulästern. Das ist eben Berlin, sagt meine Tochter, Gentrifizierung ohne Grenzen. Optimale Lösung, wenn eine:r sich die Radieschen erstmal von oben anschauen will. Freier Blick vom Wohnzimmer in den eigenen Schrebergarten, fällt mir als passender Werbeslogan ein. Allemal komfortabler, zeit- und umweltsparender, als ständig zwischen Prenzlauer Berg und Tempelhofer Feld zu pendeln. Aber es funktioniert nicht, das Lachen bleibt uns im Hals stecken. Schau mal, da drüben: eine Jurte, recht stabil aus einigen Bohnenstangen und einer wetterfesten blauen Plastikplane gebaut! Mitten zwischen deutlich erkennbaren Grabumrandungen, umgeben von umgefallenen oder schräg hängenden Grabsteinen, die einfach stehen und liegen gelassen wurden. Nun ja, die aufgeweckten Kleinen müssen ja auch sinnvoll und naturnah beschäftigt werden, während die Großen schrebergärtnern. Leichter Gruseleffekt erwünscht inbegriffen?

Foto: Margot Papenheim

Endgültig zieht es mir die Schuhe aus, als wir, an die Ecke der alten Friedhofsmauer, vor der Familiengruft stehen, die die Gräberreihe mit den Bienenkästen abschließt. Sie ist gut erhalten, bis 1970 hat die Familie hier ihre Toten begraben. „Wer treu geschafft / Bis ihm die Kraft gebricht / Und liebend stirbt / Ach! den vergisst man nicht“, verspricht ihnen die Inschrift ehren- und liebevolles Gedenken. Tja, dumm gelaufen, geliebte Tante, Nichte, Mutter. Nicht zu groß, gut genug gebaut, dass keine herabfallenden Mörtel- oder Marmorteile drohen, schön authentisch dekoriert mit originalen Inschriften, Säulen und Mäuerchen, und idealerweise im Windschatten der hohen Mauern – was läge näher, als es sich hier gemütlich zu machen? Ein kleiner runder Gartentisch, darauf zusammengeknüllte Kuchentüten, Butterbrotpapiere und eine leere Bio-Apfelsafttüte, und drei abgemackelte, aber offenbar noch tragfähige Gartenstühle und die leere Bierflasche auf dem Mäuerchen der Gruft zeugen davon, dass die eine oder der andere sich das auch gedacht haben muss. Noch ein Grill, eine frische Kiste Bier und ein paar Grad plus, dann kann die nächste Party steigen.

Langsam finde ich, alte Wörter probierend, die Sprache wieder. Pietätlos? Schamlos? Einfach ungehörig? Ja, aber das allein ist es nicht. Ich denke, fühle eher, dass hier eine Grenze überschritten wurde. Eine Grenze, die ausnahmslos alle Kulturen und Religionen dieser Welt respektieren und – mittels unterschiedlichster Rituale – ziehen: die Trennung der Welt der Lebenden von der Welt der Toten. Warum nicht hier? Aus Dummheit? Aus Gefühllosigkeit? Aus Verrohung? Ich verstehe es nicht. Aber der Anblick trifft mich ins Mark, umso mehr, als dies der bislang einzige Friedhof Berlins ist, auf dem ich, mit den Angehörigen trauernd, vor einem offenen Grab gestanden habe. Es wühlt und regt mich auf, treibt mich auch jetzt, Wochen später, immer noch zwischen hellem Zorn und tiefer Traurigkeit hin und her.

Ich weiß nicht, wer dafür „zuständig“ wäre. Die Kirchengemeinde, die den Friedhof betreibt? Die Grüne Liga, die das Feld gepachtet hat? Es ist mir auch herzlich egal, viel mehr beschäftigt mich ein anderer Gedanke. Irgendwo habe ich einmal gelesen, dass es in Japan heißen soll: „Den kulturellen Stand eines Volkes kannst du daran erkennen, wie sie mit ihren Toten umgehen.“ Oder so ähnlich, ich finde das Zitat nicht mehr wieder. Aber es ist auch nicht wichtig, wo und wie genau die Erkenntnis formuliert wurde. Wichtig ist, dass sie stimmt. Und was dieses Friedhof-Bild über uns, über unsere Gesellschaft und ja, unsere Kultur, verrät.

Trotzdem. Auch wenn Berlin uns hier unerwartet eine Seite gezeigt hat, auf deren Kennenlernen wir gerne verzichtet hätten: Es ist bereichernd, sich der eigenen Stadt oder anderen Städten, Regionen, Ländern, Religionen und Weltanschauungen über Besuche auf ihren Friedhöfen zu nähern. Neben etwas festerem Schuhwerk braucht es dazu nur Neugier auf Fremdes, manchmal dazu Offenheit für Befremdliches. Und Freude daran, im Fremden Vertrautes zu entdecken. Manchmal gerade in dem, was einer zunächst besonders fremd erscheint.

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Bernardine Evaristo: MÄDCHEN, FRAU ETC. https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/02/bernardine-evaristo-maedchen-frau-etc/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/02/bernardine-evaristo-maedchen-frau-etc/#comments Sun, 28 Feb 2021 05:00:00 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17084

In dem Georg-Floyd-Mord-Jahr erhielt die britische Journalistin und Schriftstellerin Bernardine Evaristo für dieses Werk den Booker Price 2019 im Bereich Fiction. Nicht nur, dass erstmals eine weibliche PoC (Abkürzung für: People of Color) mit diesem Preis ausgezeichnet wurde, sondern auch die PoC-Autorin Reni Eddo-Lodge erhielt mit ihrem Erstlingswerk den Booker-Preis im Bereich Non-Fiction. Evaristo, die damals sagte, das hätte sie nach 40 Jahren Erfahrungen im Autorinnen-Business-Spiel noch nicht erlebt und es sei auf jeden Fall der Öffentlichkeit der Black-Lives-Matter-Bewegung zuzuordnen, dass 2019 schwarze Autorinnen von einem breiteren Publikum wahrgenommen würden. Vor noch nicht mal zehn Jahren sah dies ganz anders aus.

Dieses Jahr ist es dann so weit, und ihr Werk wurde ins Deutsche übersetzt.

Der Roman spielt hauptsächlich in England und handelt von zwölf verschiedenen schwarzen Personen, die meisten davon definieren sich als weiblich. Die Protagonist*innen leben vom Ende des 19. Jahrhunderts bis ins Jetzt, so dass der historische Background und Bogen geschaffen wird. Der Background dazu, wie es sich als schwarze – Frau, Mädchen und ja, ETC. – lebte und lebt.

Dass im deutschen das “ETC.” als Titelübersetzung gewählt wurde, ist übrigens mein einziger Kritikpunkt. Im Englischen lautet der Titel: Girl, Woman, Other. Other, das klingt doch gar nicht so beliebig und geschlechtslos wie ETC.? Das klingt doch viel mehr schon nach: Andere, Divers? Genau darum geht es. Es sind Lebensrealitäten aus dem breiten Spektrum von Hetero-, Lesbisch- und Queeren schwarzen-Frauen* und gelegentlich ihren hetero oder queeren Partner*innen, die Frau Evaristo in einzelnen Kapiteln auferstehen und uns (mit-)erleben lässt. Dazu verwendet sie literarische Stilmittel – die Texte muten teils wie Gedichte an. Dies besonders dann, wenn es dramatisch wird und die wenigen gewählten Worte und Sätze den Raum oder die Abgründe öffnen. Faszinierend und erschreckend zugleich ist die Leichtigkeit, mit der sie in schwierige und heftige Themen und Situationen hinein zu schweben scheint und wieder heraus. Die Akteur*innen hinterlässt sie am Ende niemals als Opfer. Mit einem vielleicht britischen “schwarzen Humor” verleiht sie dem ganzen etwas Groteskes im grausamsten Ernst. Die Verflechtungen, die Generationsunterschiede und Blickwinkel geben einen tiefen Einblick in den immer noch allgegenwärtigen Rassismus und Sexismus. Die Perspektivenwechsel ermöglichen ein Verstehen, etwas, woran es in der Gesellschaft oft mangelt.

Hervorzuheben ist ihre Beobachtungsgabe, die an Spannung zunimmt, je mehr das Buch voranschreitet. Übrigens ist das Buch ein bisschen wie eine Folge von Kurzgeschichten lesbar. Natürlich mit einem Überbau, in diesem Falle einer Theaterinszenierung über schwarze Amazonenkämpfer*innen und einer finalen, sehr bewegenden Auflösung. Das Buch ist eine zeitgemäße Reflexion und ein Muss für alle, die mehr hineintauchen möchten in die Kämpfe der weiblichen Black Community. Natürlich ist es auch ein Spiegel für uns mit all den rassistischen, patriarchalen, sexistischen Auswirkungen des Kolonialismus auf und in unsere Gesellschaft bis heute. Das Besondere: humorvoll und ohne Zeigefinger vorgetragen.

Sehenswert auch die digitiale Live Veranstaltung im Rahmen des “Black History Month” mit der Autorin.

Evaristo, Bernardine: Mädchen, Frau ETC. . Verlag Tropen 2021, deutsche Ausgabe, 512 Seiten, 25 €, ISBN-13 : 978-3608504842

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Ohne Frauenrechte kommt keine Revolution weiter https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/02/ohne-frauenrechte-kommt-keine-revolution-weiter/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/02/ohne-frauenrechte-kommt-keine-revolution-weiter/#respond Fri, 26 Feb 2021 12:00:00 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17029
Tuareg Tradition Music Women Band from Libyan Desert ©Sufian Alashger@ISTOCK

Bald jährt sich die kurze Regierungszeit der Pariser Kommune zum 150. Mal. Unsere Kollegin Antje Schrupp hat zu diesem Anlass die Rolle der Frauen in einer Revolution überdacht und einen sehenswerten Beitrag dazu veröffentlicht. Aber auch eine andere Revolution jährt sich gerade: Vor zehn Jahren erlebten wir den Arabischen Frühling und die Revolution in Libyen.

Kürzlich las ich das Buch: ‚Was nützt mir die Revolution, wenn ich nicht tanzen kann?‘ der türkischen Journalistin und Autorin Ece Temelkuran. Der Roman ist ein spannendes Roadmovie über vier Frauen, die sich zwischen den Unruhen des Arabischen Frühlings in einem Hotel in Tunis begegnen. Die Leser*in wird mitgenommen auf den Weg von Tunis nach Beirut und eine Reise durch andere Kulturen. Wie geht es den Frauen in und nach der Revolution? Träume zerplatzen und weibliche Lebensrealitäten rücken in den Fokus. Das Buch geht am Ende gut aus. Frauenfreundschaften und -beziehungen sind das positive verbindende Band zwischen den Generationen und den Kulturen.

Auf welchem Weg befinden sich die Frauenrechte nach dem Arabischen Frühling? ©Heike Brunner

Doch noch einmal aktuell nachgefragt: Wie steht es in Libyen um die Frauenrechte heute?

Besonders in Libyen hatten die Frauen die Revolution sehr aktiv mit gestaltet und ihre Hoffnungen auf Frauenrechte gesetzt. Seit September 2020 verbietet ein aktueller Erlass der RADA Militärpolizei in Tripolis unverheirateten Frauen alleine in Cafés zu gehen oder sich dort mit anderen Männern und Frauen zu treffen. Erlaubt ist es nur mit einem Ehepartner. Im November 2020 wurde die Rechtsanwältin Hanan al-Barassi ermordet, eine mutige Frau, die die “heikelsten” Dinge angesprochen hatte. Diese „ Hinrichtung“ hat Frauenrechtlerinnen und das Land tief erschüttert.

AMICA, eine deutsche Frauenrechtsorganisation, die in Beirut beim Aufbau von psychosozialen Anlaufstellen hilft, schreibt: „Die andauernde politische und wirtschaftliche Instabilität führt zu einem starken Anstieg geschlechtsbezogener Gewalt – in und außerhalb der Familie. …”

Es steht schlecht um die Frauenrechte auch wenn demokratische Wahlen in Libyen von Genf von Berlin aus vorbereitet werden. Aber, ohne die Frauen einzubeziehen, wird es keinen Frieden in Libyen geben!

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Übergänge https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/02/uebergaenge/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/02/uebergaenge/#respond Wed, 24 Feb 2021 20:14:54 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17024 “Und was das Denken angeht, unseren Verstandesapparat, unseren Rationalismus, unsere Logik, unsere Deduktionen und so weiter, so lässt sich mit absoluter Bestimmtheit sagen, dass Hunde und Katzen und Affen keine Raketen zum Mond schicken und synthetische Stoffe aus den Nebenprodukten von Erdöl weben können, aber nun, da wir auf den Trümmern dieser Spielart von Intelligenz sitzen, fällt es uns schwer, ihr großen Wert beizumessen; ich hege den Verdacht, dass wir sie heute ebenso unterschätzen, wie wir sie früher überschätzt haben. Sie wird den ihr angemessenen Platz finden müssen, der freilich recht bescheiden sein wird.”

Doris Lessing, Memoiren einer Überlebenden (14. Auflage 2007), S. 96f.

Wie geht es uns? Nach einem Jahr Corona? Horten wir noch Klopapier? Ist es uns schon egal, ob noch immer jeden Tag Hunderte Menschen in Deutschland im Zusammenhang mit dem Virus sterben? Bedeutet diese Ignoranz und Gleichgültigkeit nicht, dass sich schon ziemlich viel verändert hat, dass wir tatsächlich bereits weit hineingeraten sind in ein Übergangsstadium, in eine wie auch immer geartete Übergangsform? Und wohin gehen wir über? Und was sind so die Dimensionen, in denen wir die Veränderung denken? Und kehren wir danach zurück? Wohin? Werden wir je wieder unschuldig Händeschütteln?

Doris Lessing stößt mit ihrem furiosen Roman von 1974 so viele Gedanken an, die wir in den letzten Monaten entweder schon hier und da mal still und leise vor uns hingedacht haben, oder aber sie bewegt uns dazu, dass wir diesen Gedanken in uns genauer nachlauschen und vielleicht – so jedenfalls mit unserem Gespräch geschehen – in Sprache und Kommunikation bringen. Einige Gedanken der “Überlebenden”, und viele Zustände dieser zerfallenden Gesellschaft im Roman sind auf unsere heutige reale Welt übertragbar, oder… ja… – und das ist ziemlich unheimlich – auch in gewisser Weise vorausahnbar, wenn… ja wenn wir denn weiter dem Pfad folgen, auf dem wir gerade unterwegs sind.

Wer hat im letzten Jahr nicht darüber nachgedacht, doch ganz heimlich mit dem Preppen anzufangen? Oder überlegt, an einem Seminar zur profunden Waldkräuterkunde teilzunehmen? Ich jedenfalls erwische mich des Öfteren beim Lesen, dass ich dachte, ‘wow, Emily (die junge Protagonistin) macht’s richtig, die ist vorbereitet, die weiß, wie Essbares angebaut wird’. Ich wühle zwar ganz gern mal ein paar Stunden in der Erde rum im Frühjahrsgarten, aber ganz ehrlich: ich möchte genau wie Antje weiter in den Laden gehen können und Nudeln kaufen. So. Und nun bin ich schon mitten in unser Gespräch gerutscht, in welchem wir diesmal Julia Fritzsche (Autorin von Tiefrot und radikal bunt, unbedingt lesen!!!) als special Gästin begrüßen durften.

Viel Spaß!

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Retro auf dem Küchentisch https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/02/retro-auf-dem-kuechentisch/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/02/retro-auf-dem-kuechentisch/#comments Sun, 21 Feb 2021 06:00:00 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17037
Retro-Milchtüte 2021
Plastikverschluss seit 1995

Könnt ihr Euch noch an die Milchtüten erinnern, die mit ohne?

Lang ist es her. Es gab einmal eine Zeit, da hatten die Milchtüten keinen Plastikdrehverschluss, die Dinosaurier unter uns wissen das noch. Schon damals diskutierten wir, ob wir lieber mit Pfand oder doch die Wegwerftüte kaufen sollten. Damals, das war so in den achtziger und neunziger Jahren. Und dann, 1990, da passierte es, da führte das frisch geeinte Deutschland den “Grünen Punkt” und die Mülltrennung ein. Weil … – ja, warum noch mal?

Schon 1990 fanden wir Deutschen die 15,3 Millionen Tonnen Verpackungsmüll, davon um die 13 Millionen Tonnen Einwegverpackungen, wirklich so ein bisschen zu viel. Heute sind es übrigens insgesamt 38 Millionen Tonnen Haushaltsabfälle, davon sind 12,1 Millionen Tonnen reiner Wertstoffmüll, der in der gelben Tonne gesammelt wird. Bis 2015 hatte der Plastikverpackungsmüll in der EU um zwölf Prozent zugenommen, in Deutschland sogar um 29 Prozent. Wir exportieren Müll auch gern. 2018 waren es eine Millionen Tonnen Plastikmüll, hier eine schöne Grafik vom NABU wohin wir das weltweit verkaufen. Malaysia erhielt 180.000 Tonnen davon. Leider schwimmt unser Plastik dann dort fröhlich im Meer, denn es kann dort nicht fachgerecht verarbeitet werden. Cool, dass die Tüte reisen darf – und wir gerade nicht. Aber der Verkauf von Müll, also die eine Millionen Tonnen, erbrachten 2018 ca. 325 Millionen Euro, das ist doch ganz prima, was wir da mit dem Müll verdienen.

Zurück zur Müll-Vermeidungsstrategie-Vorreiterin Deutschland. Weil das gut ankam mit dem Grünen Punkt und dem Umweltschutz und oben drein ein guter Deal zu werden schien, schaute sich die EU das damals gleich mal ab: 1994 trat eine EU Verordnung mit dem Hauptziel der Vermeidung und Verringerung von Umweltauswirkungen durch Verpackungen und Verpackungsabfälle in Kraft. Soweit alles toll, endlich Grüner Punkt, endlich weniger Müll und das EU-weit!? Immerhin gab es 2017, zweiundzwanzig Jahre später, 26 Länder der EU, die Wertstofftrennung haben oder gerade aufbauten.

Doch was passierte 1995? In einer Zeit unter der Fahne des Grünen Punktes, dem Erwachen des Bewusstseins zum Thema Müllproblem und der Bemühung, Plastikmüll zu reduzieren, zu bannen, zu …, da kam er auf den Markt: der erste Plastik-Schraubverschluss an den Milchtüten. Genau, weil die so umständlich zu öffnen gingen und ach, beim Picknick schlabberten, erfahre ich. Ich hatte, glaube ich, noch nie eine Milchtüte beim Picknick mit und ich war damals empört, dass so ein Plastikkrams eingeführt wurde. Ja, und ich trauerte der so liebevoll aufgerissenen Milchtüte hinterher. Immer wieder all die Jahre schüttelte ich den Kopf, entdeckte in anderen Ländern Milchtüten „ohne“ im Regal und leider auch manchmal im Meer. Kaufte hin und wieder Pfandglas Milch, darin ist aber die Sahne echt fett, macht schnell Flöckchen und wird leider schneller sauer. So landete doch meist die Tüte mit dem gewissen Extra im Einkaufskorb. Sechsundzwanzig Jahre haben wir nun diese entzückenden Plastik-Schraubverschlüsse, das ist länger als eine lebenslängliche Haft mit Bewährungszeit. „Dumm gelaufen“, dachte ich, „davon kommen wir nie mehr weg.

Aber es geschehen noch Wunder. Es wurde zwar nicht Wasser zu Wein, aber seit Januar 2021 verkauft eine Biomarktkette Spreewälder-Regional-Biomilch OHNE den Plastikschraubverschluss! Ich konnte es fast nicht fassen, als ich sie plötzlich im Kühlschrank entdeckte und ehrlich, es ist einfach so richtig Retro, so eine Tüte auf dem Tisch stehen zu haben.

Wie auch immer es dazu kam, gedankt sei den Spreewälder-Bio-Milchbäuerinnen und der Biomarktkette! Hoffentlich machen das jetzt viele nach und entnippeln zudem die anderen Tütenprodukte gleich mit: Wasser und Wein und Hafer-, Soja-, Dinkel, Nussgetränk-Varianten, Säfte und Co, Tschüss du blöder Plastiknippel, 2021, du bist mein Jahr.

Die Youngsters in meiner Wohnung haben natürlich keine Ahnung, wie so eine Milchtüte aufgeht, aber das lernen wir wieder, davon bin ich überzeugt. Vor allem, wenn die “hafersonstwasmilchartigen” Produkte nachziehen. Die Biomarktkette, die hat auf ihrer Facebook-Seite übrigens geschrieben, dass sie nur durch das Weglassen dieser Plastikverschlüsse bei diesem (einen!) Produkt jährlich 3 Tonnen Plastikmüll einsparen werden.

Kleinvieh macht auch Mist, aber vielleicht wird der Quatsch einfach verboten. So wie die Strohhalme, das Plastikgeschirr und noch ein paar lieb gewonnene Plastik-Dinge, die gibt es dann ab Sommer 21 auch nicht mehr. Ich finde, das klingt so ein bisschen wie Creme 21, die kennen auch noch die Dinos.

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„Die Macht ist verflucht“: Überlegungen zum 150. Jubiläum der Pariser Kommune https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/02/die-macht-ist-verflucht-ueberlegungen-zum-150-jubilaeum-der-pariser-kommune/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/02/die-macht-ist-verflucht-ueberlegungen-zum-150-jubilaeum-der-pariser-kommune/#comments Thu, 18 Feb 2021 15:42:38 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17007 „Wenn eine Macht etwas ausrichten könnte, dann wäre es die Commune gewesen, diese Verbindung von intelligenten, mutigen und unglaublich ehrenhaften Männern, die allesamt, ob erst seit Kurzem oder seit Langem schon, unbestreitbare Beweise ihrer Aufopferung und ihrer Tatkraft geliefert hatten. Sie wurden von der Macht zerbrochen, die ihnen nichts anderes mehr ließ, als den unumstößlichen Mut, sich zu opfern, und sie starben als Helden. Denn die Macht ist verflucht, und das ist der Grund, warum ich Anarchistin bin.“

Mit diesen Worten erinnert sich Luise Michel in ihrem Buch „Die Pariser Kommune“, das sie 25 Jahre nach den Ereignissen veröffentlicht hat, an die Zeit im Frühjahr 1871. Damals wurde in Paris zum ersten Mal eine Regierung ausgerufen, die nicht nur einen politischen Machtwechsel anstrebte, sondern auch soziale Reformen, neue Eigentumsverhältnisse, neue Familienverhältnisse, neue Bildungssysteme, und eine neue symbolische Ordnung, vor allem eine Entmachtung der katholischen Kirche.

Zum 150sten Jubiläum der Kommune in diesem Jahr stellt sich erneut die Frage, wie wir als Frauen mit solchen Jubiläen umgehen können. Sie erinnern ja eigentlich nicht wirklich die Geschichte der Menschheit, sondern nur diejenige Version der Geschichte, die auf die Angelegenheiten der Männer fokussiert. Und auch die Pariser Kommune war letztlich eine Männerveranstaltung, auch wenn schon sehr früh an dem Mythos der „Frauen der Kommune“ gestrickt wurde. Aber man kann die Geschichte der Pariser Kommune zwar in der Tat nicht ohne die Frauen erzählen. Man kann die Geschichte der Frauen aber trotzdem nicht entlang solcher Ereignisse der „Männergeschichte“ erfassen.

Schon immer gab es ja Versuche, die männliche Erzählung von der Geschichte der Welt um die vernachlässigten und verschwiegenen weiblichen Figuren zu ergänzen. Zu nennen wären etwa Christine de Pizans „Stadt der Frauen“ im 15. Jahrhundert oder Elizabeth Cady Stantons „Women’s Bible“ im 19. Jahrhundert. Mit der Frauenbewegung der 1970er Jahre entstand dann eine regelrechte Welle von „Frauengeschichtsschreibung“. Frauen hier und Frauen dort wurden entdeckt, ich kann mich daran erinnern, wie ich in den 1980ern diese Bücher verschlungen habe: Frauen im Mittelalter, Frauen in der RAF, Frauen in der Wissenschaft, Frauen in China…

… So als wäre es eine Wahnsinns-Entdeckung, dass es auf der Welt tatsächlich auch Frauen gegeben hat. Bei solchen Versuchen, Frauen quasi nachträglich in ein bereits bestehendes Narrativ „hineinzuschreiben“, stellt sich immer ein Dilemma, das letztlich nicht aufzulösen ist: Einerseits ist es natürlich richtig, die „Frauen der Geschichte“ zu erforschen und ihr Wirken ans Licht zu holen. Doch das ändert eben überhaupt nichts daran, dass diese Geschichte eine Erzählung von „Männergeschichten“ ist.

Die Pariser Kommune ist für die europäische Linke zu einem Sehnsuchtsort geworden, vielleicht deshalb, weil es die einzige Männer-Revolution war, die nicht grausam und blutig für ihre Gegner ausging. Stattdessen ging die Pariser Kommune grausam und blutig vor allem für die Beteiligten selbst aus. Zehntausende Kommunarden und Kommunardinnen wurden hingemetzelt. Es sind diese vielen Toten, die Louise Michel in ihrem Kommune-Buch in den Mittelpunkt stellt, derer sie gedenkt. Es ist die ihnen widerfahrene Ungerechtigkeit und Härte, die sie beklagt. Sie schreibt kein Geschichtsbuch (für Menschen, die die damaligen Ereignisse nicht kennen, ist es nahezu unverständlich), sondern ein Manifest, eine Totenklage, eine Wut-Collage.

Das unterscheidet sich davon, wie die meisten Männer über die Kommune geschrieben haben: Sie analysierten akribisch, was geschehen war, welche strategischen Fehler gemacht worden waren. „Bei der nächsten Revolution machen wir es besser“, schien die Lehre zu sein, die sie aus den Ereignissen zogen. Leider wurden die nächsten Revolutionen aber nicht besser. Die Lehre hingegen, die Louise Michel aus der Kommune gezogen hat (übrigens im Gespräch mit einer anderen Kommunardin, Nathalie Lemel, mit der zusammen sie die Jahre ihrer Verbannung in Neukaledonien verbrachte) verhallte weitgehend ungehört. Dass das Scheitern der Kommune ein Anlass wäre, die Dynamik der Macht grundsätzlich zu hinterfragen, diese Einsicht blieb auf die kleine Gruppe von Anarchist:innen beschränkt, und auch sie entwickelten daraus nicht eine alternative politische Revolutions- oder besser Transformationsphilosophie, sondern entschieden sich erstmal entweder für Attentate oder für Individualismus oder kleine Communities.

Was die Pariser Kommune betrifft, so habe ich ihr Faszinosum nie so richtig verstanden oder nachvollziehen können. Lange dachte ich, das liege an mir und ich hätte eben vieles von dem, was im linken männlichen Politik-Narrativ als selbstverständlich vorausgesetzt wurde, noch nicht verstanden. Ich glaubte, ich wäre irgendwie zu dumm, das zu durchdringen, oder auch zu uninformiert. Aber egal wie viele Bücher ich über die Pariser Kommune las (ich tat das für meine Dissertation), es ging mir irgendwie nicht in den Kopf und nicht ins Herz, was genau es damit auf sich hatte.

Die Fakten lassen sich natürlich erzählen: Vorausgegangen war der Kommune der deutsch-französische Krieg von 1870, den der französische Kaiser Napoleon III. verlor. Er musste zurücktreten, und eine republikanische Regierung wurde installiert, die aber einige Monate später im Januar 1871 ebenfalls kapitulierte. Die Preußen waren einfach überlegen. Allerdings entzündete sich innerhalb dieser republikanischen Regierung ein Konflikt zwischen einer eher rechts-bürgerlichen und einer eher links-sozialistischen Fraktionen, der mit der Frage zu tun hatte, inwiefern die Bevölkerung und vor allen Dingen die Arbeiter im Kampf gegen die Deutschen bewaffnet werden sollten. Man kann das vielleicht kurz auf den Punkt bringen: Die „Bourgeoisie“  wollte lieber den Krieg gegen Deutschland verlieren als das Proletariat zu bewaffnen. Die Pariser Bevölkerung fügte sich aber nicht in die Kapitulationsvereinbarungen, und als am 18. März 1871 ungefähr 200 kleine Kanonen aus Paris abtransportiert werden sollten, kam es zum Aufstand. Doch nur zwei Monate später, am 21. Mai, wurde Paris von den republikanischen Truppen zurückerobert, die von den Preußen unterstützt wurden, die dafür extra einige Tausend französische Kriegsgefangene freigelassen hatten.

Soviel der Rahmen. Aber für mich blieben einfach zu viele Fragen offen. Wieso glaubten die Pariser Kommunard:innen, sie könnten ihre Stadt gegen zwei Armeen militärisch verteidigen? War nicht absehbar, dass sie unweigerlich unterliegen mussten? Und wenn es ihnen wirklich um sozialrevolutionäre Anliegen, um eine gerechte Gesellschaft ging – neue Familienverhältnisse, andere Bildung, neue Eigentumsverhältnisse und Produktionsweisen – wie konnten sie glauben, das in so einem fragilen Gebilde per Regierungsdekret einführen zu können?

Louise Michels Buch, das sie nach ihrer Rückkehr aus der Verbannung in Neukaledonien geschrieben hat, habe ich erstmals vor gut zwanzig Jahren im Rahmen meiner Dissertation gelesen, auch in der Hoffnung, sie könne mir Antworten auf meine Fragen geben. Allerdings fand ich ihr Buch wirr und auch ziemlich unverständlich. Damals schob ich es auf mein schlechtes Französisch und darauf, dass ich einfach viele Namen und Ereignisse, die Michel darin schildert, nicht kannte und sie deshalb nicht kontextualisieren konnte.

Jetzt zum Jubiläum ist das Buch auf Deutsch herausgekommen – in einer übrigens wunderbaren Edition des Mandelbaum-Verlags – und ich habe es noch einmal gelesen. Zwar sind meine Fragen immer noch nicht beantwortet, aber ich glaube, ich habe jetzt Michels Emotionen verstanden: Sie hat wohl gehofft, dass die Republikaner vom revolutionären Elan der Sozialist:innen mitgerissen würden. Ihr Buch ist keine Chronologie, keine Historie oder Analyse der Ereignisse, sondern praktisch ein Gefühlsausbruch, ein in viele Worte gefasstes Entsetzen, ein Mahnmal für die Kommunard:innen, die in endlosen Aufzählungen von Namen genannt werden, eine Polemik, ein Manifest der Verzweiflung und der Wut.

Der Kern dieser Verzweiflung und dieser Wut liegt, so glaube ich, darin, die eigene Machtlosigkeit zu erkennen. Aber nicht die Machtlosigkeit, militärisch unterlegen gewesen zu sein, das kann ja immer passieren. Sondern die Machtlosigkeit, von den anderen nicht verstanden zu werden. Und dies ist ein Unverständnis, das sich durch das Erlangen von Macht nicht beheben lässt. Weil nämlich die Macht eine eigene Dynamik entwickelt, weil sie das Ende der Politik ist, und weil am Ende entweder die Ideale futsch sind oder viele, viele, viele Menschen, die man für den Aufbau einer besseren Gesellschaft dringend benötigt hätte, sterben.

Michel schreibt: „Zwischen zwei Wetterfronten, als sie sich nicht allzu schlecht fühlte, teilte ich Madame Lemel meine Einsicht mit, dass, welcher Mensch auch immer an die Macht käme, er niemals etwas anderes tun könnte, als Verbrechen zu begehen, wenn er schwach oder ein Egoist wäre, oder vernichtet zu werden, wenn er aufopfernd und energisch handelte. Sie antwortete mir: „Das denke ich auch!“ Ich vertraute der Rechtschaffenheit ihres Geistes sehr und ihre Zustimmung erfüllte mich mit großer Freude.“

Mein Vorschlag ist, dass wir zum 150. Jubiläum der Pariser Kommune weniger herausstellen, dass damals die erste sozialrevolutionäre Regierung gewählt wurde (nach dem Motto: „Es war die erste, aber nicht die letzte Revolution und zwar sind alle Revolutionen bisher gescheitert, aber irgendwann werden wir gewinnen“). Sondern dass wir stattdessen betonten, dass die Pariser Kommune zu der Erkenntnis geführt hat (jedenfalls bei Louise Michel und Nathalie Lemel), dass Macht und Politik nicht dasselbe sind. Seither wissen wir, dass Revolutionär:innen nicht nur die (jeweils) Mächtigen bekämpfen müssen, sondern dass sie die Dynamik der Macht als solche zurückweisen müssen.

Die Geschichte ist ja nicht 1871 stehen geblieben und auch nicht 1895, als Louise Michel dieses Buch schrieb. Danach kam die Emanzipation der Frauen, ihre Selbstbefreiung, der Feminismus. Die Frauenbewegung hat weitgehend auf Machtpolitik verzichtet und konnte gerade deshalb große Erfolge erringen. Die Distanz der Frauen zur Macht ist häufig analysiert worden, zuweilen ist sie auch beklagt oder bestritten worden, auch von Feministinnen. Aber dass Frauen Macht nicht im gleichen Maße „sexy“ finden wie Männer ist doch zu evident, um es zu leugnen. Die Frauenbewegung hat sich weder als Partei organisiert (in dieser Hinsicht klassisch anarchistisch), noch hat sie machtpolitische Errungenschaften – wie etwa das Wahlrecht oder die Gleichstellungsgesetze – in ihrer Bedeutung überbewertet. Jedenfalls im Großen und Ganzen, Ausnahmen gibt es immer.

Aber die Frauenbewegung ist nicht bei einer einfachen Ablehnung der Macht stehengeblieben. Sondern sie hat versucht, ein dialektisch-pragmatisches Verhältnis dazu zu finden. Eine revolutionäre Politik, so ließe sich das vielleicht zusammenfassen, besteht nicht nur darin, sich auf Macht nicht zu verlassen, sondern auch darin, sie nicht zu verleugnen, wenn man sie hat (oder mit ihr konfrontiert ist). Die Philosophinnengemeinschaft Diotima hat das in ihrem Buch „Macht und Politik sind nicht dasselbe“ umfassend analysiert beschrieben: Es ist nicht so, dass die Macht hier wäre und die Politik dort, sondern beides findet auf demselben Spielfeld statt. Wir spielen „Dame“, also das Spiel der wirklichen Politik, die aus Debatten, Konflikten, Diskussionen und dem ehrlichen gemeinsamen Bemühen für die Gestaltung einer besseren Welt, an denselben Orten, an denen auch „Schach“ gespielt wird, also das Streben nach Positionen, Vorteilen, Unterwerfung der Feinde und so fort.

Ich feiere die Pariser Kommune als eine Gelegenheit, bei der sich dieses Bedürfnis nach echter Politik (das auch bei Männern vorkommt, es handelt sich hier um ein menschliches Phänomen und nicht um etwas exklusiv „Weibliches“) tatsächlich den öffentlichen Raum genommen hat. Damals hat sich kurzfristig die Gelegenheit ergeben, sich von den traditionellen machtpolitischen Dynamiken frei zu verhalten – vergleichbar vielleicht mit der Freiheit des Jahres 1990 in Ost-Berlin. Ein Vakuum, ein Übergangsraum, in dem die alten Machtstrukturen zusammengebrochen, aber neue noch nicht etabliert sind. In einer machtpolitisch strukturierten Welt können solche Räume nicht lange bestehen, nicht länger als einige Monate. Doch die Sehnsucht nach diesen Orten, die können wir kultivieren.

Louise Michel: Die Pariser Commune. Aus dem Französischen von Veronika Berger, Mandelbaum-Verlag 2021, 415 Seiten, 28 Euro.

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Vorsicht Werte! https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/02/vorsicht-werte/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/02/vorsicht-werte/#comments Wed, 10 Feb 2021 12:18:19 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16981

Über Werte wird oft und viel gesprochen – in Medien, in der Politik, in der Bildung, im Coaching, sogar im Business. Kaum jemand fragt sich jedoch, was „Werte“ überhaupt sind. Und während eine große Mehrheit der Menschen Werte als etwas Positives und Gutes, etwas Wichtiges, oft Nötiges betrachtet, reagiert man in der Philosophie auf das Thema eher allergisch. Dort findet man das ganze Reden über Werte sinnlos und in bestimmten Fällen sogar gefährlich.

Werte in der philosophischen Tradition

Die allgemeine Wertetheorie, Axiologie (vom altgriechischen áxios – Wert und lógos – Wort, Vernunft), gilt als eine der wichtigsten philosophischen Fachgebiete. Obwohl sie jedoch auf einer langen philosophischen Tradition gründet, entstand sie als eine eigene philosophische Disziplin erst im 19. Jahrhundert in Deutschland: In Reaktion auf einen sich verbreitenden Individualismus und Subjektivismus und daraus folgenden Relativismus und Nihilismus, der die Gültigkeit jeder gesellschaftlichen, kirchlichen oder politischen Ordnung verneinte, versuchten Philosophen und andere Geisteswissenschaftler*innen dem etwas entgegenzusetzen, indem sie eine objektive Wertephilosophie suchten oder ein Wertesystem etablierten, die für viele Menschen verbindlich sein könnten.

Die Axiologie wurde schnell zu einer der wichtigsten philosophischen Disziplinen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Trotz ihrer Popularität war sie aber nie in der Lage, eine klare und eindeutige Theorie über die Werte zu bieten. Das Wertethema impliziert nämlich zahlreiche Fragen und Probleme, die nicht ganz gelöst werden können.

Was sind „Werte“?

Erste Schwierigkeiten liegen schon im Begriff selbst. Was bedeutet es, wenn man von „Werten“ spricht?

Die eigentliche und ursprüngliche Bedeutung des Terminus „Werte“ ist mathematisch und ökonomisch. Bevor der Begriff in der philosophischen Wertetheorie angewandt wurde, stand er einfach für eine mathematische Quantifizierung. Beispielsweise hat eine Ware bzw. ein Produkt am Markt einen Wert, der seinem Preis oder Tauschwert entspricht; oder eine Variable in einer mathematischen Gleichung, wie z. B. x = 7 + 8‘ hat den Wert x = 15‘.

Daneben verweisen Worte wie z. B. begehrenswert, schätzenswert, liebenswert, erwähnenswert oder wertvoll auf eine andere Bedeutung des Begriffes „Wert“: etwas Positives und Gutes, was menschliche Sympathie, Wünsche oder Begehren auf sich zieht. Das ist aber eine Qualifizierung, der eine subjektive, intuitive und oft emotionale Wahrnehmung zugrunde liegt. Als solche sind Werte jedoch nicht messbar. In diesem Sinne bezeichnet der Begriff etwas, was früher eher als (abstrakte) Güter oder Ideale bekannt war.

Die Entwicklung hin zu einer qualifizierenden Bedeutung des Begriffs verursacht jedoch zwei Folgeprobleme. Erstens, man kann nicht sagen, dass Werte, wie z. B. Gerechtigkeit oder Freiheit, einen konkreten Wert haben, ähnlich wie beispielsweise ein Auto einen Wert (seinen Preis) hat. Man sagt eher, dass Gerechtigkeit und Freiheit hohe Werte sind. Diese Veränderung bezeichnete Carl Schmitt, einer der bedeutendsten Wertephilosophen, als eine Rangerhöhung, eine Aufwertung des Wertes. Diese Rangerhöhung führt aber im Weiteren dazu, dass die Werte ein ideales Sein erhalten, das nicht nur eine Geltung, sondern auch einen starken Drang zur Verwirklichung hat. Diese Veränderung führt zu massiven Konsequenzen.

Das zweite Problem, das die qualifizierende Bedeutung des Begriffes Werte mit sich bringt, ist ontologischer Natur: Wenn man sagt, dass Werte sind, dann muss man auch fragen, wo und wie sie sind.

Wie und wo existieren Werte?

Wie schon kurz erwähnt, den Werten kann einerseits ein relativer und auf subjektiven Neigungen eines Individuums basierender Charakter, andererseits jedoch eine ideale Natur zugeschrieben werden. Wie existieren also Werte als Sein? Diese Frage steckt tief im uralten ontologischen Streit über die Existenz (oder den Charakter dieser Existenz) des idealen Seins sowie in der epistemologischen Diskussion über die Möglichkeit seines Erkennens.

So besagen manche subjektivistische Wertetheorien, dass Werte von einem Individuum gesetzt werden und nur in seiner Psyche existieren können. Laut anderen subjektivistischen Theorien kommen sie zwar von einem Subjekt, aber funktionieren eher als sprachliche Ausdrücke seiner inneren emotionalen Zustände. Objektivistische Theorien nehmen demgegenüber an, dass Werte objektiv als Eigenschaften eines Objektes existieren und sich einem Subjekt nur und abhängig von seinen (kognitiven) Möglichkeiten und Fähigkeiten als Phänomene zu erkennen geben. Ein radikaler Objektivismus (Absolutismus) hingegen ist davon überzeugt, dass Werte nicht nur objektiv, sondern auch komplett autonomisch in einer eigenen Wirklichkeit, wie z. B. bei Platon in einem Reich der Ideale, existieren und dadurch auch als absolute normative Faktoren gelten müssen.

Es gibt auch philosophische Strömungen, die einen Kompromiss zwischen dem Subjektivismus und Objektivismus zu finden versuchen. Solche vertreten die Auffassung, dass Werte zwar von Individuen gesetzt werden, aber im Weiterem eine breitere Geltung in einem kollektiven (und objektiven) Bewusstsein einer Gesellschaft als (moralische) Normen finden. Nach so einer Lösung suchten genau die Wertephilosophen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, um sie dem Nihilismus entgegenzusetzen. Eine objektive Existenz der Werte konnte das Problem des Nihilismus aber nicht lösen. Stattdessen ist sie selbst zu einem Problem geworden.

Die wertzerstörende Wertverwirklichung

Wie schon gesagt, durch ihre begriffliche Aufwertung bekamen Werte eine Geltung und einen inneren Drang zur Verwirklichung. Das ist eine immanente Logik des Wertedenkens, folgt man Schmitt, der keine*r entrinnen kann. „Wer Wert sagt, will geltend machen und durchsetzen.“ Gleichzeitig, alles was zu genannten oder ausgewählten Werten im Gegensatz steht, alles was als Unwert betrachtet wird, verdient automatisch eine Verneinung, Ablehnung und Bekämpfung. Deswegen ist jeder Wertsetzung eine potenzielle Aggressivität immanent.

Diese Geltung, diese Aggressivität existiert auch unabhängig davon, ob die Werte als subjektives oder objektives Sein betrachtet werden. Eine subjektive Wertsetzung hängt von dem Standpunkt, der Perspektive, des Wertegefühls des wertenden Subjektes ab und ist dadurch immer relativ. Jedes frei entscheidende Individuum kann ihre*seine Werte selbst setzen. Diese Freiheit der subjektiven Wertsetzung führt aber zu einem Kampf der Werte, zu einem Krieg aller mit allen, wie im hobbesschen Naturzustand. Eine objektive oder absolute Natur der Werte löst das Problem auch nicht. Wenn man den Werten einen idealen, absoluten und autonomen Charakter zuschreibt, wird diese Geltung und der Drang zur Durchsetzung noch stärker. Solche idealen Werte haben nämlich eine Art religiöser Besonderheit, denen alles Subjektive und Physische unterstellt werden muss.

Die Tyrannei der Werte

Schon am Anfang des 20. Jahrhunderts konnte einer der Väter der objektiven Wertelehre, Nicolai Hartmann, feststellen: „Jeder Wert hat – wenn er einmal Macht gewonnen hat über eine Person – die Tendenz, sich zum alleinigen Tyrannen des ganzen menschlichen Ethos aufzuwerfen, und zwar auf Kosten anderer Werte, auch solcher, die ihm nicht diametral entgegengesetzt sind.“ Hartmann bezeichnet dieses Phänomen als „Tyrannei der Werte“. Viele Jahre später wird diese Phrase zum Titel eines der Bücher von Carl Schmitt. Obwohl Schmitt Vielen zurecht als eine kontroverse Person gilt bzw. vielleicht gerade deshalb, kann seine Erfahrung und sein Umgang mit dem Wertethema eigentlich als Lehrstück über die Gefahr von Werten dienen.

In der Zeit, als sich die Wertetheorie entwickelte, bildeten und verbreiteten sich auch solche Bewegungen und Ideen wie etwa der Nationalismus und die sog. Eugenik. Die Axiologie diente den nationalistischen sowie eugenischen Zwecken wunderbar. (In dieser Zeit konnten Texte wie u. a. „Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“ entstehen). Auch Schmitt engagierte sich als junger Philosoph und Jurist und unterstützte mit seinen theoretischen Ansätzen das NS-Regime. Nach dem Zweiten Weltkrieg revidierte er jedoch seine Überzeugungen zum Wertethema, sodass er in den letzten Jahren seines Lebens gegen die Einbeziehung von Werten in die Gesetzgebung, vor allem in das Verfassungsrecht, argumentierte. In diesem Zusammenhang entstand auch sein Buch „Die Tyrannei der Werte“, das die Aggressivität von Werten und ihre gefährlichen Konsequenzen bei deren Einbeziehung in, vor allem, politische Kontexte behandelt.

Die Macht der gesetzten Werten selbst haben

In ihrer über einhundert Jahre alten Geschichte verwandelte sich die philosophische Wertetheorie von der Suche nach einem objektiven Normensystem zu einem Appell, mit Werten – als sehr unklares und trotzdem gefährlich mächtiges Seiendes – achtsam und wachsam umzugehen, besonders wenn sie als etwas Normatives ihren Platz im öffentlichen und gemeinsamen Raum finden sollen. Aber auch in allen anderen Kontexten sollte man sich vielleicht fragen, ob verschiedene Seins-Formen überhaupt so oft als Werte bezeichnet werden müssen. Im modernen Management spricht man z. B. von solchen „Werten“ wie Mut, Offenheit, Fokus, Kommunikation, Respekt (sogenannte „Agile Werte“). Warum bezeichnet man sie nicht als das, was sie einfach sind – Persönliche Qualitäten, Fähigkeiten und Kompetenzen, Werkzeuge oder Arten und Weisen, wie man mit Anderen umgeht? So eine einfache sprachliche Operation befreit diese Seins-Formen von ihrer drohenden Aufwertung und damit auch von ihrer immanenten Aggressivität, von ihrem normativen Drang zur Verwirklichung und nimmt ihnen ihre innere Macht weg.

Vielleicht aber würden sich die Wertfürsprecher*innen dadurch auch etwas machtloser fühlen? Vielleicht ist deswegen das Wertethema so populär, weil es auch seinen Redner*innen eine gewisse Macht oder zumindest ein Machtgefühl gibt?

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Der Polizist und der Tanz der Getränkedose https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/02/der-polizist-und-der-tanz-der-getraenkedose/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/02/der-polizist-und-der-tanz-der-getraenkedose/#comments Sun, 07 Feb 2021 19:05:01 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16953 An einem Sonntagmorgen stand ein Polizist auf der Strandpromenade, dort, wo ich jeden Morgen meine Flipflops ausziehe, um zum Strand hinunterzugehen. Er sah ausgesprochen gut aus in seiner blaugrauen Uniform, groß und stattlich stand er da, die Pistole hing offen am Gürtel, auf der anderen Seite das Handy. Von Weitem erinnerte er an einen Westernhelden mit je einer Pistole rechts und links. Ich wunderte mich, dass er so allein da stand, sonst sitzen sie immer zu zweit in ihrem Polizeiauto, das hinter einer Ecke lauert, oder sie fahren langsam die Strandpromenade entlang. 

Der Polizist hatte wichtige Aufgaben, und das sah man ihm auch an: Er musste kontrollieren, ob die Leute eine Maske trugen, und die Radfahrer und Radfahrerinnen verwarnen, die trotz Verbot auf der Promenade fuhren. Ich war froh, dass er da stand, denn in letzter Zeit waren mir von Tag zu Tag mehr Leute ohne Maske begegnet, auch hatte ich mich mehrmals vor Fahrrädern durch einen Sprung zur Seite in Sicherheit bringen müssen.

Es war ein windiger Tag, und ich sah, als ich den Polizisten schon fast erreicht hatte, dass der Wind eine leere Getränkedose vor sich her trieb. Sie tanzte genau auf den Polizisten zu. Da ich normalerweise herumrollende Plastikflaschen oder Dosen aufhebe und entsorge, damit sie nicht ins Meer geweht werden, hielt ich automatisch nach einem Abfalleimer Ausschau. Gleich schräg gegenüber stand einer, fünf oder sechs Schritte entfernt.

Gerade wollte ich loslaufen, um die Getränkedose einzufangen, da hatte ich ein Bild vor Augen, das mich innehalten ließ. Ich sah die Situation aus der Sicht des Polizisten: Eine alte Frau, die sich vor seinen Füßen nach einem Stück Abfall bückt und ihn zum Abfalleimer trägt. Der Gedanke, dass das für ihn völlig normal und in Ordnung sein könnte, war mir unerträglich.

Ich lief also weiter, schaute den Polizisten aber mit Blick auf die Dose auffordernd an. Als ich die Treppe hinunterstieg, hörte ich es hinter mir krachen. Mit ein paar kräftigen Tritten beendete der Polizist den Tanz der Dose, trat sie vollständig platt … und ließ sie liegen. „So wird das nichts“, sagte ich laut, wusste aber dann nicht mehr so genau, worauf sich das eigentlich bezog. Die Rettung der Meere? Der Erde?

Ich spürte den Sand unter meinen Füßen, die warme Sonne auf meinem Rücken, zog die Maske etwas herunter und konnte das Meer riechen. Schmunzelnd dachte ich an die Lösung, die der Polizist für sich gefunden hatte. Ins Meer geweht konnte die Dose nun immerhin nicht mehr werden.

Als ich zurückkam, war der Polizist verschwunden. Die Getränkedose lag an der Mauer, klein und verschrumpelt, halb zugedeckt mit Sand und Schmutz. Ich hob sie auf und trug sie zum Abfalleimer. Hinterher fiel mir ein, dass auch das eigentlich nicht nötig gewesen wäre: Am Montagmorgen würde die von der Gemeinde angestellte Straßenfegerin die Strandpromenade ja wieder gründlich saubermachen.

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Corona- Maßnahmen: Politiker*innen (Männer sind ausdrücklich mitgemeint) „RUHIG BLEIBEN und D… benutzen“ (Werbeplakat Dildoking) https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/02/corona-massnahmen-politikerinnen-maenner-sind-ausdruecklich-mitgemeint-ruhig-bleiben-und-d-benutzen-werbeplakat-dildoking/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/02/corona-massnahmen-politikerinnen-maenner-sind-ausdruecklich-mitgemeint-ruhig-bleiben-und-d-benutzen-werbeplakat-dildoking/#respond Wed, 03 Feb 2021 14:53:27 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=16940 … ODER den Erfahrungen und der Schöpferinnenkraft der Menschinnen in der Ausgestaltung der Pandemiebekämpfung Raum geben

Eines vorweg:

Corona gibt es. Ich (ökologisch, queer-feministisch, den Mensch*innen in ihrer Vielfalt und Einzigartigkeit vertrauend) bin wütend über Corona- Maßnahmen, die selber_denk_fühl_handelnden Mensch*innen übergestülpt werden, ohne mit ihnen über ihre Erfahrungen, ihr Erleben, ihre Lösungsideen in diesen Zeiten in Austausch zu gehen.

Als Pädagog*in mit dem pädagogischen Schwerpunkt „Spielzeugfrei“ halte ich nicht viel von Kompensationen. Dazu zählt dann auch meine zugegeben sarkastische und wütende Empfehlung der Dildos für Politiker*innen.

Vielmehr wünsche ich mir, dass den Erfahrungen und der Schöpfer*innenkraft der Mensch*innen in der Ausgestaltung der Pandemiebekämpfung Raum gegeben wird.

Und genau von diesem Spannungsfeld zwischen Dildos (Kompensationen) und Schöpfer*innenkraft-Raum-Geben handelt mein Artikel, in dem ich zurückblicke auf den ersten Lockdown, die Zeit danach bis jetzt. Genau um die Zeit des ersten Lockdowns im März 2020 startete das Projekt „Spielzeugfrei“ in dem Kindergarten, in dem ich tätig bin.

Und was sich mir während dieser Parallelität von Lockdown-Corona-Maßnahmen und dem Projekt „Spielzeugfrei“ offenbarte war, dass sich der pädagogische Ansatz „Spielzeugfrei“ meines Erachtens wunderbar eignet, um mit der (oben) genannten Dualität/Spannung umzugehen, da er sich selbst darin bewegt bzw. diese aufnimmt. Er kann damit als mögliche Folie des Umgangs mit Mensch*innen in Zeiten der Pandemie- (Maßnahmen) hilfreich sein.

Der erste Lockdown = Chance auf Lebenskompetenzförderung (?)

März 2020: Das Projekt „Spielzeugfrei“ in dem Kindergarten, in dem ich tätig bin, startet. Im Februar hatten wir mit den Kindern Bücher gelesen wie „Wenn das Spielzeug in den Urlaub fährt“, hatten die Räume spielzeugleer geräumt und waren als Pädagog*innen sehr gespannt darauf, wie es den Kindern, Eltern und uns in dieser „neuen Zeit“ gehen würde. (Wir wussten damals noch nicht, dass mit Corona auch eine „neue Zeit“ oder der Sprech davon auf uns zukam).

Das (Pilot)Projekt „Spielzeugfreier Kindergarten“ ging im Jahr 1992 aus einem bayerischen Suchtarbeitskreis hervor. Der Ansatz basiert auf dem Verständnis, dass GESUND_SEIN sich nicht auf die Abwesenheit von Krankheit beschränkt.

„Um ein umfassendes körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden zu erlangen, ist es notwendig, dass sowohl Einzelne als auch Gruppen ihre Bedürfnisse befriedigen, ihre Wünsche und Hoffnungen wahrnehmen und verwirklichen sowie ihre Umwelt meistern bzw. verändern können.“ (WHO Ottawa- Charta).

Die WHO spricht von Lebenskompetenzen. Durch die Aneignung dieser Lebenskompetenzen ist es möglich, sein eigenes Leben zu steuern und mit Veränderungen in der Umwelt umzugehen (WHO, 1997).

Lebenskompetenzen sind laut WHO persönliche, soziale, kognitive und psychische Fähigkeiten, die einer Person erlauben, angemessen mit den vielfältigen Mitmensch*innen, Problemen und Stresssituationen umzugehen.

Alltägliche Lebenskompetenzförderung im pädagogischen Ansatz „Spielzeugfrei“ bedeutet vor allem: Raum und Zeit zum Wahrnehmen der eigenen Gefühle und Bedürfnisse, zum Äußern ebendieser und der Vermittlung mit den Bedürfnissen der Mitmensch*innen, dabei besonders den Umgang mit unwohleren Emotionen im Kontext von Angst, Unsicherheit, Scheitern, Frustration und Langeweile. All dies ohne Ablenkung und Ersatzbefriedigung (vgl. Schubert/ Strick 2019, S.8). Lebenskompetenzförderung steht für das Verlassen von Routinen, Gewohnheiten und der eigenen Komfortzone (die zumeist nicht wirklich komfortabel ist ;)

Kurz: Weg von vorgefertigt, vorgeplant, vorstrukturiert und hin zu den eigenen Bedürfnissen, Gefühlen und Zielen, hin zu FREI- Zeit und FREI- Raum. Einem „Freiraum […] zu sich selbst zu kommen [und somit] eine “Gegenerfahrung”.“ (Schubert/ Strick 2019, S.10) frei von äußeren belebten oder unbelebten Problemlöser*Innen die eigenen Fähigkeiten, Rhythmus, Grenzen, Möglichkeiten erkennen zu können (vgl. Schubert/ Strick 2019, S.9).

Die Kinder treten in der spielzeugfreien Zeit ein in einen FREI-RAUM, in eine FREI-Zeit ohne vorgefertigte Angebote und Spielzeuge. Ihre bekannte Umgebung ist weg(geräumt).

In diesem Verständnis hatte sich für mich im März 2020 die spielzeugfreie Zeit gesamtgesellschaftlich ausgedehnt. Der öffentliche Raum in Berlin war mensch*innenleer. Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich mich an einem Montag um 10 Uhr wie an einem Sonntagmorgen fühlte, wenn die Stadt noch schläft.

In den eigenen vier Wänden waren wir alle zurückgeworfen auf uns selbst und konfrontiert mit sehr unangenehmen Gefühlen wie Unsicherheit und Angst.

Und genauso geht es Kindern in der „Angebots- und spielzeugfreien Zeit“. Voller unangenehmer Gefühle wie Unsicherheit und Angst wegen der neuen Situation, Traurigkeit ob des Fehlens geliebter Gewohnheiten, Langeweile durch das Zurückgeworfensein auf sich selbst, Unruhe durch die ungewohnte Situation etc.

Ich sah also im März 2020, basierend auf dem pädagogischen Ansatz „Spielzeugfrei“, in dem Bewältigen schwieriger Situationen und dem Umgang mit unangenehmen Gefühlen in Zeiten von Corona die Chance der Lebenskompetenzförderung – nicht nur bei den Kindern.

————————————————–Denk- Fühl- Pause————————————————————

Die Zeit nach dem ersten Lockdown bis jetzt = Chance auf Lebenskompetenzförderung (leider) vertan und eigentlich noch viel schlimmer

Erschreckende Lockdown-Statistik: Die häusliche Gewalt gegen Kinder und Frauen ist enorm gestiegen. Die Nutzung von Ersatzbefriedigungen wie Alkohol und Zigaretten ist gestiegen. Die Selbstmordrate ist gestiegen.

Hier werden Verhaltensmuster sichtbar wie das Überspielen unangenehmer Situationen mittels Aggressivität oder Rückzug, die in Verbindung stehen mit schwach ausgeprägten Lebenskompetenzen. Aus denen heraus kann eine konkrete Lebensangst entstehen oder auch Grundgefühle wie „sich dem Leben nicht gewachsen fühlen“, „nicht aushalten können“, „ausgeliefert, ohnmächtig“.

Das sind sehr unangenehme Gedank_fühle, und daher entscheiden sich Mensch*innen oftmals für Vermeidungs-/ Kompensationsverhalten wie „die Flucht nach vorn“ oder „sich etwas schön trinken“, statt sich nüchtern und frei den Lebensanforderungen zu stellen. So geschieht es immer häufiger auch bei Kindern, dass sie sich mit Ersatzbefriedigungen von Frustrationen und Problemen zu entlasten suchen. Erwachsene befrieden Unzufriedenheit bei Kindern (und bei sich selbst) „um des lieben (inneren und äußeren) Friedens und der eigenen Ruhe willen“ ebenfalls gern mit irgendeinem schnellen Trostpflaster.

Den Mechanismus, sich von unangenehmen Gefühlen oder Situationen abzulenken, kennen wir doch alle. Ich kenne ihn auch und er ist mir bewusst, so dass ich damit umgehen kann. Ich halte öfter inne (suche mich freiwillig auf) bevor ich re-agiere. Mir meiner selbst immer mehr bewusst werdend, fällt mir dies auch zunehmend leichter.

Der Statistik nach geht es nicht allen Mensch*innen so. Auch wenn Hartmut Rosa die Muße in aktuellen Zeiten heraufbeschwört. Mir scheint allerdings, dass er selbst eher fern denn nah der Muße ist. Auch Arbeit und Denken können bewährte Kompensationen sein.

Ich stelle mir das Gefühl vieler Mensch*innen so vor:

Vor Corona – Ich lebe in einer Welt, in der Haben vor Sein steht, mit einem Mangel an wirklich frei verfügbarer Zeit, Wettbewerb, Beschleunigung, „the fittest wins“, Anstrengung zahlt sich (nicht immer, aber bei mir bestimmt) aus. Funktionieren, funktionieren, funktionieren …

PENG (Ur)KNALL

Ich lebe in einer Welt. Ähhhhm … ich lebe in meiner Welt … was ist da (drin)? Geht doch gar nicht. Da ist doch nichts. LEERE. Puhhh … Atemnot, Herzschlagen … Was nun? Das fühlt sich nicht gut an. (Angst?) Was nun?

Was nun? Was nun? Was nun? Was nun? Was nun? Was nun? Was nun? Was kommt? Was kommt? Was kommt? … (Verwirrung, Verunsicherung)

Nichts passiert. STILLSTAND. STILLSTAND? Da ist doch so viel los in mir. Was damit (mit dem „Zeug“ in mir) machen?
Ruhe von wegen! Unruhe von wegen so viel Ruhe.

„Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor.“

In einer Gesellschaft, die Leistung und Haben als Lebensmaßstäbe setzt, ist wenig bis kein Platz für das Sein und die Entwicklung der ureigenen Persönlichkeit. In einer normierten Welt mit Fertigprodukten und schnellen (vorgegebenen) Lösungen sind keine Zeit und kein Raum für die individuellen menschlichen Bedürfnisse und Phantasien der Weltaneignung durch je ureigene Wege.

Wir können uns an dieser Stelle (erstaunt?) fragen: Ist in unserer Konsum- Gesellschaft die Unfähigkeit, elementare Bedürfnisse wahrzunehmen, schon so selbstverständlich? Sind Eile, die permanente Glücks(Kick)suche, „das immer etwas zu tun haben müssen“ so zwingend, dass es ungewöhnlich erscheint, einfach zu Sein, Lange-Weile zu haben und nichts zu leisten?

Die Antwort ist LEIDER JA. Und nun?

Ein Impuls ist für mich Gisela Eschenbachs Aussage (1992). Sie schreibt, die „[…] Verletzung oder Nicht-Erfüllung (kindlicher) Bedürfnisse machen Ersatzbefriedigungen (über)lebensnotwendig. […] die Aufgabe, diesen Fehlentwicklungen frühzeitig durch gezielte Maßnahmen vorzubeugen. [Bedeutsam ist dabei inwieweit Mensch*in] die Chance hat, eigene Erfahrungen ausprobieren und leben zu können.“

D.h. bezogen auf den Ansatz „Spielzeugfrei“, dass es Erwachsene braucht, die bereit sind, sich auf die neue, „leere“ ungeplante Situation einzulassen und sich und den Kindern zu vertrauen, mit dieser Situation umzugehen. Wir Erwachsenen treten nicht als „Problemlöser*innen“, „Animateur*in“, Angebotemacher*in, sondern lediglich als präsent-vertrauende Begleiter*in auf. Es werden also keine Spiel-, Lern- und Bastelideen und Problemlösungen angeboten, sondern maximal Impulse in Form von Fragen in den Raum gegeben. Es geht eher um eine bewusst-abwartende Haltung. Dies darf allerdings nicht mit einer gleichgültigen Haltung verwechselt werden.

Im Verhalten der Kinder zeigt sich, dass sie eigenständiger und sich selbst und anderen vertrauend agieren. Zudem kommt es durch ein verantwortungsbewusstes Zurücknehmen, Nicht-Eingreifen und Zulassen der Erwachsenen zu einem Verschieben von Normen und Regeln fern von Hetze, Konkurrenz und Leistung hin zu Austausch und Aushandeln.

Was ich nun im Rahmen der Corona-Maßnahmen beobachte ist, dass die Politiker*innen „alternativlos“, ohne öffentliche Debatte top-down sagen, „wo es langgeht“. Den Erfahrungen und der Schöpfer*innenkraft der Mensch*innen in der Ausgestaltung der Pandemiebekämpfung wird kein Raum gegeben.

Als gemeinwohlorientierte Bürger*innen-Pflicht instrumentalisierte gesellschaftsunkritische Verantwortungsübernahme blendet Partizipation (einfach) aus. Folge ist die gesellschaftliche Reproduktion sozialer Benachteiligung. Gerade deshalb ist es wichtig, die Corona-Maßnahmen zu analysieren hinsichtlich ihrer (potentiellen) Wirkungen und ihrer Passgenauigkeit. Dienen die Corona-Maßnahmen wirklich dem Leben? Geben sie also Raum für Wachstum im Sinne von Entfaltung? Wer/ Was wächst?

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