beziehungsweise – weiterdenken https://www.bzw-weiterdenken.de Forum für Philosophie und Politik Mon, 29 Nov 2021 16:51:24 +0000 de-DE hourly 1 Frauen in der Sportberichterstattung https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/11/frauen-in-der-sportberichterstattung/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/11/frauen-in-der-sportberichterstattung/#comments Mon, 29 Nov 2021 16:51:04 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=18078 Wenn Frauen die Führung übernehmen, entwickeln Sportverbände sich positiv. Das war eine interessante Information bei einer gemeinsamen Veranstaltung von Journalistinnenbund und Deutschlandfunk, in der es überwiegend um die politische Dimension der alltäglichen Sportberichterstattung ging.

„Raus aus der Abseitsfalle“ war die Veranstaltung, ein sogenanntes Medienlabor, überschrieben, die der Journalistinnenbund in Kooperation mit dem Deutschlandfunk zu Frauen in der Sportberichterstattung organisiert hatte. Und so ist es, die Frauen stehen im Abseits, sowohl als Berichterstatterinnen und Kommentatorinnen über Sportereignisse als auch als aktive Sportlerinnen, über die viel zu wenig berichtet wird.

Das als Präsenzveranstaltung geplante Medienlabor fand, Corona geschuldet, leider nur digital statt, aber es wurde aufgezeichnet und kann unter diesem link angeschaut werden. Und es ist, obwohl es drei Stunden dauert, keine Minute langweilig, ideal für lange Winterabende in der Corona-Zeit. Ich selber bewege mich lieber sportlich, als dass ich Sportsendungen verfolge, bin also keine Expertin, aber hier ging es um etwas ganz anderes, nämlich um die sehr unterschiedliche Weise, wie und von wem über Männer und Frauen im Sport berichtet wird. Warum heißt es 1. und 2. Bundesliga, wenn es Männer sind, die hinter dem Ball herlaufen und Frauenfußball, wenn Frauen Fußball spielen? Warum wird bei einer Bundestrainerin für Stabhochsprung davon ausgegangen, dass sie nur Frauen trainiert? Und ob das ein Ehrenamt ist? Warum können nur 48 Prozent der Spitzensportlerinnen von dem Geld leben, das sie bekommen? Warum wird bei einer Fußballkommentatorin gefragt, ob sie überhaupt eine Erlaubnis hat, sich außerhalb der Küche aufzuhalten? Wie mit einem Brennglas zeigt sich auch beim Sport: Männer sind die Norm, Frauen die Abweichung, das Außergewöhnliche. Das Schlimme ist eigentlich, dass uns dies im Alltag noch nicht einmal auffällt. Wir sind es nicht anders gewöhnt

Hochdifferenziert haben darüber beim Medienlabor Sportjournalistinnen sowie eine Trainerin und eine ehemalige Spitzensportlerin diskutiert. Schon der Keynote der ZDF-Sportreporterin Claudia Neumann zuzuhören, war ein Genuss. Ihre Kolleginnen aus anderen Medien in den anschließenden Diskussionsrunden standen ihr in nichts nach, zumal alle immer bemüht waren, nicht die üblichen Anschuldigungen zu wiederholen, sondern herauszuarbeiten, in welchen Konstellationen Männer und Frauen völlig unkompliziert und gleichberechtigt zusammenarbeiten und unter welchen Bedingungen das nicht der Fall ist: Häufig dann, wenn in Redaktionen mit vielen älteren gestandenen Männern junge Kolleginnen neu dazukommen. In jungen Redaktionen dagegen sei das Geschlecht kein Thema. Ein Thema ist es aber leider für unqualifizierte, anonyme Wichtigtuer in den sozialen Netzwerken, die Frauen, insbesondere als Fußballkommentatorinnen, übelst beleidigen. Warum eigentlich?

Dazu hatte die Sportsoziologin Ilse Hartmann-Tews Einiges zu sagen. Allein der Rückblick in die Geschichte zeige, dass schon beim Turnvater Jahn Sport nur männlich gedacht und zum Teil militärisch ausgerichtet war. In der Schule gab es ein Pflichtfach Sport lange Zeit nur für Jungen. Erst 50 Jahre später wurde es für Mädchen eingeführt, dann aber mit Gymnastik und Tanz und nicht mit Fußball und Rugby. ‚Mannhaftigkeit‘ galt lange als das Wesentliche des Sports.

Im weiteren Verlauf der Veranstaltung, wurde deutlich, dass auch die Sportverbände große Probleme mit dem Thema ‚Sexuelle Gewalt‘ und – ähnlich wie die Kirchen – noch keinen guten Weg gefunden haben, damit angemessen umzugehen.  

Zurück zur Sportberichterstattung, in der, so Hartmann-Tews, die Marginalisierung von Frauen Kontinuität hat. Außerdem würden sie weniger bei der Ausübung ihres Sports gezeigt, sondern am Spielfeldrand oder im privaten Umfeld. Das nannte sie ‚Entsportlichung‘ der Frauen. Aber, und das finde ich einen besonders interessanten Aspekt, Hartmann-Tews hatte auch Positives zu berichten: Frauen im Präsidium oder als Vorsitzende eines Sportverbands verändern dessen Situation positiv, sowohl bei der Gewinnung Ehrenamtlicher, als auch bezogen auf die finanzielle Situation. Frauen würden sich nach diesen Positionen nicht drängen, aber hineinwachsen und nach ein paar Jahren zeige sich, dass ein weiblich geführter Verband besser geführt werde.

Insgesamt also eine sehr informative und auch wichtige Veranstaltung von Journalistinnenbund und Deutschlandfunk. Gerade weil wir beim Thema Sport oft nicht politisch hinschauen, sondern uns eben für den Sport und die Ergebnisse interessieren, bemerken wir nicht, wie uns ganz subtil überholte Rollenbilder mitgeliefert werden, die sich dann verfestigen.

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Wenn traditionelle Religionen gesellschaftlich immer mehr an Bedeutung verlieren https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/11/wenn-traditionelle-religionen-gesellschaftlich-immer-mehr-an-bedeutung-verlieren/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/11/wenn-traditionelle-religionen-gesellschaftlich-immer-mehr-an-bedeutung-verlieren/#comments Fri, 26 Nov 2021 12:16:37 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=18021

Angesichts des Schneckentempos, in dem dringend notwendige Veränderungen bei den Kirchen vorangehen, und besonders wenn mal wieder ein wichtiger Vorstoß, z.B. von Maria 2.0, einfach nur abgeschmettert wird, denke ich öfter: „Geht sterben! Ihr habt es nicht besser verdient, als dass ihr gesellschaftlich und politisch immer mehr an Bedeutung verliert und eure Mitgliederzahlen rapide zurückgehen!“

Nun gut, immerhin gibt es jetzt nach dem kurzen Zwischenspiel von Margot Kässmann schon die zweite Frau im höchsten Amt der Evangelischen Kirche Deutschlands. Und die Präsidentschaft des Zentralkomitees der deutschen Katholiken wird ebenfalls zum zweiten Mal durch eine Frau ausgeübt. Ich wünsche Annette Kurschus und Irme Stetter-Karp von Herzen alles Gute für ihr zukünftiges Wirken. Dass sie viel bewegen können, wage ich allerdings nicht zu hoffen. 

Eine Aussage, die Ina Praetorius dieser Tage ihren Facebook-Followern hingeworfen hat, bringt mich nun dazu, meine resignative, ja manchmal fast schadenfrohe Haltung gegenüber den Kirchen nochmals zu überdenken. Sie schrieb: „Solange wir als Gesellschaft keinen tragfähigen Ersatz für die Matrix der traditionellen Religionen gefunden haben, sollten wir vorsichtig sein mit allgemeinem Religions-Bashing.“

Ein solcher Ersatz war früher beispielsweise die Arbeiterbewegung mit ihrer Hoffnung auf den Sozialismus und ihrem Eintreten für Solidarität und ein besseres Leben aller.

Dass da wirklich etwas fehlt, zeigt sich z.B. an der zunehmenden Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal anderer wie beim lockeren In-Kauf-Nehmen von wieder mehr Todesfällen durch und wegen Covid, an böswilligen Verleumdungen und Hassbotschaften im Netz und daran, wie oft Menschen, die einen Unfall verursacht haben, einfach weiterfahren, ohne sich um mögliche Verletzte zu kümmern. Vielleicht hat ja auch die Gläubigkeit gegenüber Verschwörungstheorien etwas damit zu tun, dass etwas Tragfähigeres fehlt.

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Mutter! Eine sehenswerte Ausstellung in der Kunsthalle Mannheim https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/11/mutter-eine-sehenswerte-ausstellung-in-der-kunsthalle-mannheim/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/11/mutter-eine-sehenswerte-ausstellung-in-der-kunsthalle-mannheim/#comments Sun, 21 Nov 2021 13:17:42 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=18041 Es gibt keine Definition von Mutterschaft und Muttersein, und es kann auch keine geben, weil sich darin biologische, soziale und kulturelle Aspekte unentwirrbar vermischen. Während die biologischen Aspekte kaum und die sozialen Aspekte nur langfristig veränderbar sind, findet auf kultureller Ebene eine viel dynamischere Verständigung statt. Hier werden Geschichten erzählt und Bilder geschaffen, in denen die Einzelperspektive zählt. Kultur wird von Individuen gemacht, die natürlich von ihrer Zeit und ihrem Kontext geprägt, aber nicht davon determiniert sind. Es muss keine Technologie entwickelt, kein Gesetz geändert, kein Schulbuch neu geschrieben werden, Kunst und Kultur können spontan, jederzeit mit Neuem intervenieren.

Cindy Sherman, unititled, 1990

Umso auffälliger ist, wie konventionell die – zumindest als solche tradierte – Kunst das Thema Mutterschaft lange behandelt hat. Das wird deutlich, wenn man die Ausstellung „Mutter!“ besucht, die noch bis zum 6. Februar 2022 in der Kunsthalle Mannheim gezeigt wird. Sie ist unbedingt einen Besuch wert. Erstens sind dort auch großartige neuere und weniger den Konventionen verpflichtete Werke zu sehen, und zweitens ist es eben auch interessant, diese doch stark verengte Perspektive unserer Kulturgeschichte einmal so deutlich vor Augen geführt zu bekommen.

Das Konventionelle besteht darin, dass eigentlich bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts die Darstellung von Mutterschaft sich allergrößtenteils auf Imitationen und Variationen des Motivs „Madonna mit Kind“ beschränkt hat. Die Mutter, die auf das Kind hinabblickt, das sie im Arm hält. Das Kind ist im Zentrum, denn wir wissen ja – es ist nicht einfach nur ein Kind, es ist der Erlöser. Mir war nicht klar, wie dominant diese Ikonografie war und bis heute ist. Und ja, das ist eine männliche Tradition, wie sich auch in der Pressemitteilung der Kunsthalle widerspiegelt, wo die Einführung in die gezeigten Werke mit den Worten beginnt: „In der Ausstellung sind Arbeiten von Egon Schiele, Pablo Picasso, Edvard Munch, René Magritte und Otto Dix zusehen.“

Tatsächlich sind die vielen Variationen von „Mutter mit Kind auf dem Schoß/an der Brust“ dann auch langweilig, vor allem wenn man sie so geballt in einem Raum sieht. Natürlich sind die Bilder gut, sie sind jeweils im typischen Schiele-Picasso-Munch-Magritte-usw.-Stil gehaltene Versionen der Ikone, aber abgesehen davon sind sie (oder wirkten auf mich) eben nicht originell. Irgendwie orientierten sich auch weibliche Künstlerinnen wie Pauls Modersohn-Becker stark an diesem Motiv. Es gibt allerdings fließende Übergänge. Auf die Spitze getrieben wird es schließlich in der Skulptur von Käthe Kollwitz, die eine auf der Erde hockende Mutter zeigt, die ihre beiden kleinen Kinder umklammert: die Symbiose von Mutter und Kind als unzertrennlicher Einheit.

Valie Export, ohne Titel, 1976

Nur schwer scheint in der Kunst die Idee Eingang gefunden zu haben, dass Mutter und Kind sich möglicherweise auch anders zueinander verhalten können. Zum Glück sind auch solche Werke reichlich in der Ausstellung vertreten: Valie Exports Frau, die anstelle eines Kindes ihren Staubsauger umarmt, Chantal Joffes Selbstbildnisse mit ihrer Tochter Esme. Ein schöner Kontrast auch Rineke Dijkstras „Julie“: die Fotografie einer jungen Frau in Krankenhaus-Unterhosen, die ihr Neugeborenes im Arm hält – in der traditionellen Ikonografie ist die Mutter meist ganz auf das Kind bezogen, während das Kind oft ins Publikum schaut, hier ist es andersherum: Die Mutter schaut direkt die Betrachterin an, während sie den Kopf des Kindes schützend mit der Hand abdeckt.

Nicht nur die schützenden und nährenden, auch die „dunklen Seiten“ der Mutter werden thematisiert, etwa in Tracey Moffatts Fotoserie „Scarred for Life“ über das Leid, das Mütter auch über ihre Kinder bringen können. Am spektakulärsten ist sicher die Installation „Mootherr“ von Laure Prouvost, die extra für diese Ausstellung entwickelt wurde: ein begehbares Licht-Klang-Skulpturen-Spektakel mit vielen Brüsten und Inside-Uterus-Feeling.

Laure Prouvost: Mootherr, 2021

Ebenfalls präsent ist das Thema der Nicht-Mutterschaft, allerdings nicht konzeptionell herausgearbeitet, sondern eher verstreut. Da wäre etwa die eindrückliche Fotoserie von Elina Brotherus über ihren vergeblichen Versuch, schwanger zu werden (deren Schluss-Foto den sprechenden Titel „My Dog is Cuter Than Your Ugly Baby“ trägt). Aber auch Jeanne Mammens Bild „Die Kindsmörderin“ von 1910-1915, oder Tracey Emins Installation „Feeling Pregnant“ gehören dazu – und letztlich sogar die berüchtigten Tote-Föten-Fotogafien von Lennart Nilsson, die fast verschämt in einer Ecke platziert wurden, vermutlich weil sie wegen ihrer späteren Instrumentalisierung durch fanatische Abtreibungs-Gegner*innen einen schlechten Ruf haben. Aber letztlich sind auch sie nur künstlerische Zeugnisse der schichten Tatsache, dass eben nicht jede Schwangerschaft in der Geburt eines Kindes mündet.

Elena Brotherus: My Dog is Cuter Than Your Ugly Baby, 2013

Neu war mir, dass es in der Kunstgeschichte neben dem Topos der „Madonna mit Kind“ noch einen weiteren häufig bearbeiteten Aspekt gibt: Viele Künstler*innen haben sich explizit mit dem Tod der/ihrer Mutter auseinandergesetzt. Vielleicht ist das ein Spiegelbild der Madonnen-Erzählung – wo die Mutter-Kind-Symbiose am Anfang des Lebens das größte Glück ist, ist der Tod der Mutter die größte Katastrophe. Es gibt eine ganze Reihe von Arbeiten, die dieses Thema aufgreifen, am eindrücklichsten für mich war „The Orbituary“ von Sophie Calle über den Tod ihrer Mutter, die sich wiederum zuvor mit dem Tod von ihre eigenen Mutter auseinandergesetzt hatte. Unter anderem gehört dazu eine Texttafel, auf der steht:

On December 27, 1986, my mother wrote in her diary: „My mother died today.”
On March 15, 2006, in turn, I wrote in mine: „My mother died today.”
No one will say this about me.
The end.

Kurz mal durchatmen, aber: Ja, so wird es mir auch gehen.

Es gibt noch viele weitere erwähnenswerte Exponate, von Beyonces madonnenhafter Instagram-Selbstinszenierung als Mutter von Zwillingen über Candice Breitz‘ amüsante Filmcollage „Mother“ (feat. u.a. Meryl Streep, Susan Sarandon, Julia Roberts) bis zu Ragnar Kjartanssons großartig skurrilem Videoclip „Me and My Mother“. In Endlosschleife steht er da, während seine Mutter ihn anspuckt, das Rotz-Geräusch begleitet die Besucherin durch die gesamte Ausstellung (in Zeiten von Corona zuckt man dauernd zusammen, weil: die Aerosole!!! )Die Frau in dem Clip ist tatsächlich die Mutter des Künstlers, in dem oben verlinkten Video kommt sie auch selbst zu Wort.

Ein anderes Highlight der Ausstellung war für mich der Kurzfilm „Once Removed on My Mother’s Side“ von Nathalie Djurberg und Hans Berg. Zwei Stoffpuppen im Stil von Horror-Momo sieht man hier in einer extrem körperlichen Pflegebeziehung, bei der die fleischige demente Mutter am Ende die dünne, rückenkranke Tochter erdrückt. Krass!

Was mir in ein wenig gefehlt hat, war abstrakte Kunst zum Thema. Eigentlich würde ich vermuten, wäre das doch ein großartiges Sujet, aber es scheint nicht viel zu geben. Deshalb steuere ich hier selbst etwas bei, denn ich habe mir just diesen Sommer ein Gemälde mit dem Titel „Geburt“ gekauft. Es stammt von der noch wenig berühmten Künstlerin Selamawit Mulugeta – wenn die Mutter!-Ausstellung noch einmal gezeigt wird, stelle ich es gerne als Leihgabe zur Verfügung!

Selamawit Mulugeta: Geburt, 2021 (hängt nicht in Mannheim, sondern über meinem Sofa :))

Kuratiert worden ist „Mutter!“ ursprünglich von Marie Laurberg und Kirsten Degel für das Museum Louisiana in der Nähe von Kopenhagen, für Mannheim wurde sie von Johan Holten kuratiert und um einige Kunstwerke sowie einen historisch-soziologischen Mittelteil erweitert. Das ist da überzeugend, wo ein Bezug zur speziell deutschen Mutterideologie hergestellt wird oder wo Exponate wie ein „Stillassistent für Väter“ aus Plastik gezeigt werden. Verzichtbar fand ich hingegen den Exkurs zur Geschichte der Frauenemanzipation. Was die Einführung des Frauenwahlrechts oder alte Ausgaben der Zeitschrift „Emma“ mit dem Thema der Ausstellung zu tun haben, bleibt schleierhaft. In meiner Wahrnehmung hatten diese Exponate keinen inhaltlichen Sinn, sondern führten lediglich zu einer „Genderisierung“ der Ausstellung. Das war aber gar nicht nötig, und vielleicht konterkarierte es sogar die eigentliche Stärke des Konzepts, nämlich das Phänomen der Mutterschaft als allgemein menschlich relevantes Thema darzustellen. Also als etwas, das zwar offensichtlich von Frauen dominiert und, wenn man so will, größtenteils „betrieben“ wird, aber gerade eben nicht „Frauensache“ ist, sondern „Menschensache“. Die Körperlichkeit von Schwangerschaft, aber auch von nährenden Care-Beziehungen ist in vielen der Werken präsent, da musste man eigentlich nicht noch mit der Nase drauf gestoßen werden, dass das „ein Frauenthema“ ist.  

Alles in allem aber eine wirklich sehenswerte Ausstellung, die ihr nicht verpassen solltet. Vom Mannheimer Hauptbahnhof ist die Kunsthalle nur zehn Minuten zu Fuß entfernt.

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„Die Natur spüren und schreiben“ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/11/die-natur-spueren-und-schreiben/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/11/die-natur-spueren-und-schreiben/#comments Tue, 16 Nov 2021 11:20:58 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=18009

Als die Sprachphilosophin Chiara Zamboni mir vor einigen Jahren bei einem Spaziergang erzählte, dass sie ein Buch über die Natur schreiben wollte, war ich ziemlich überrascht. Doch ich fand das Vorhaben gut und irgendwie auch wichtig. Inzwischen hat die Frage nach unserer Haltung gegenüber der Natur eine andere Dringlichkeit bekommen. Denn nun sind auch die Länder, die die Klimakatastrophe maßgeblich verursachen, zunehmend selbst spürbar von Klimawandel und Artenverlust betroffen.

Doch als ich Chiara Zambonis Ende 2020 erschienenes Buch vor einem halben Jahr zum ersten Mal las, entsprach sein Inhalt überhaupt nicht dem, was ich erwartet hatte. Es ist eine sehr gründliche philosophische Forschungsarbeit, in der mit politischen Aussagen äußerst sparsam umgegangen wird. Die Frage ist nicht, was wir tun können, um unseren Planeten zu retten, sondern wie wir die Dinge um uns herum und unsere Verbindung mit ihnen erfahren, die ebenso wie wir zur Natur, zur Erde, gehören. Zamboni durchsucht meinem Eindruck nach beinahe die gesamte uns zugängliche Philosophie nach Ansätzen zu einer anderen Haltung gegenüber der Natur, die nicht so tut, als seien wir etwas ganz anderes als sie und könnten uns als Subjekte ihr gegenüberstellen, sie beschreiben, nutzen und verändern ohne Rückwirkungen auf uns selbst. 

Der Schwerpunkt des Buches liegt also auf der Erforschung der Frage, wie überhaupt über die Natur nachgedacht, gesprochen und geschrieben werden kann, da – wie ich beim Lesen immer besser verstand – die uns selbstverständliche bisherige Herangehensweise grundlegend falsch ist. Die Art und Weise, wie wir über die Natur sprechen, blendet unsere Abhängigkeit von ihr aus und verhindert, dass wir unser Verbundensein mit ihr, unser Teil-Sein von ihr, wahrnehmen und spüren. Ich sehe einen Zusammenhang zwischen dieser Haltung und der Tatsache, dass Menschen die Erde möglicherweise schon irreparabel geschädigt haben.

In ihrer Forschungsarbeit suchte Chiara Zamboni bei Schriftstellerinnen, Philosophinnen, einigen Philosophen und anderen Denkern und Denkerinnen nach einem „roten Faden“ in deren Vorschlägen, wie wir Natur  – und uns selbst darin – anders denken, sprechen und schreiben können. Der Autorin, die jahrzehntelang an der Universität von Verona Philosophie gelehrt hat, kommt dabei zugute, dass sie sich auskennt in der Welt der Philosophie, aber auch mit psychoanalytischen Ansätzen, mit Dichtung und Literatur. Während es mich fasziniert, wie sie bei den für sie zentralen Herzensanliegen – die Liebe für die Präsenz der Dinge, die unbewusste Dimension des Fühlens und Wahrnehmens, die Wichtigkeit der Sprache und das Nachdenken über sie – immer mehr in die Tiefe geht und sie gleichzeitig immer wieder aus anderen Blickwinkeln untersucht, merke ich, wie sehr ich an meine Grenzen komme, weil ich mir ja zur Philosophie nur autodidaktisch einen bescheidenen Zugang erarbeitet habe. 

Nach dem ersten Lesen hatte ich einiges noch nicht verstanden und traute mir allenfalls zu, eine oberflächliche Rezension zu schreiben. Doch es ist mir auch ein Anliegen, dass etwas von den Bildern und Gedanken dieses Buches auf Deutsch vermittelt wird. Denn ich bin überzeugt, dass ein Umlernen im Wahrnehmen und Sprechen von der Natur notwendig ist, damit wir in eine andere Haltung gegenüber der Erde hineinwachsen können, die wiederum Voraussetzung ist, dass wir aus tiefster Überzeugung heraus und auf sinnvolle Weise die notwendigen politischen und gesellschaftlichen Veränderungen angehen können.

Daher freue ich mich, dass Chiara Zamboni mir erlaubt hat, in einer bzw-weiterdenken-Serie auf die mir am wichtigsten erscheinenden Gedanken in den einzelnen Kapiteln ihres Buches einzugehen. Damit ist ja nicht ausgeschlossen, dass das Buch irgendwann auch noch als Ganzes übersetzt wird.

Auf einige Gedanken und Formulierungen aus der Einleitung möchte ich vorab kurz eingehen, da sie im Buch immer wieder eine Rolle spielen. 

Ihren „roten Faden“ findet Chiara Zamboni durch eine „sonderbare“ Formulierung Meister Eckharts in einer Predigt. Er spricht davon, dass die Seele von der Nähe zu Gott abgelenkt wird, wenn sie „mit den fünf Sinnen spazieren geht“. In einer anderen Predigt über die biblische Geschichte von Maria und Martha findet Zamboni dann die positive Antwort auf eine der Fragen, die jene Formulierung bei ihr ausgelöst hat: „Kann eine Person, die mit den fünf Sinnen in der Welt spazieren geht, Gott nicht auch nahe und ganz bei sich sein?“ (S. 10). Meister Eckhart zufolge ist die biblische Martha den Dingen gegenüber frei, ohne in Gegnerschaft zu ihnen zu treten oder sich von ihnen fernhalten zu müssen. Sie ist nah bei den Dingen und kann mit den fünf Sinnen spazieren gehen und gleichzeitig bei sich selbst sein, da sie ja die Verbindung mit den Dingen in ihrer Seele trägt. Nach dieser Lebensqualität wird Zamboni im Weiteren Ausschau halten, wobei sie sich vor allem durch Texte der Schriftstellerinnen Ingeborg Bachmann und Anna Maria Ortese sowie der Philosophie von Maria Zambrano und Maurice Merleau-Ponty anregen lässt.

Ausgehend von jener Freiheit im Nahe-bei-den-Dingen-Sein möchte Chiara Zamboni zeigen, dass und auf welche Weise wir eine Vertrauensbeziehung zu den Dingen, der Erde und unseren inneren Bildern und Vorstellungen haben. Diese Bindung und Verbindung besteht innerlich und äußerlich, ohne dass wir das gewählt haben. Sie ist unbewusst. Zamboni meint, die Seele habe wahrscheinlich viel mit jenem unbewussten Vertrauensverhältnis zu tun. Wenn wir beispielsweise auf der Erde gehen, empfinden wir sie als etwas Sicheres und Stabiles. Wir haben keine Angst, sie könnte sich vor uns auftürmen oder unseren Schritten nicht standhalten. Wir erwarten von der Erde nichts Unvorhergesehenes. Deshalb bedroht uns ein Erdbeben ganz besonders, nicht nur wegen der Lebensgefahr, sondern weil jenes Vertrauensverhältnis dadurch erschüttert wird.

„Vertrauen ist etwas, das zu Beziehungen gehört. Wir sind dabei zweifach gebunden, an die Erde und ans menschliche Sein. Wir sind beziehungsmäßig miteinander verbunden, wenn wir vertrauen, und die Erde ist dann kein Objekt, dem wir als Subjekte gegenüberstehen. Sie kann nicht verkauft oder gekauft werden, sie ist kein Thema des Rechts und kann auch nicht reduziert werden auf die Umwelt oder das Klima. Tatsächlich ist diese Beziehung viel mehr und etwas ganz anderes, sie ist die symbolische Bedingung des Lebens.“ (S. 11) 

Ausführlich geht Chiara Zamboni auf den Begriff „sentire“ ein, der ja auch im Titel des Buches steht. Im Italienischen umfasst dieser Begriff die ganze Palette der Sinneswahrnehmungen, vom Fühlen, Empfinden, Spüren, Wahrnehmen bis zum Hören, Schmecken und Riechen. Ich übersetze ihn mit „spüren“. Zamboni gebraucht diesen Begriff, um die „Resonanz der Dinge der Welt in der Seele“ zu benennen, wenn man „mit den fünf Sinnen spazieren geht“. Spüren geschieht innerlich und äußerlich, ohne dass es dabei einen klaren Übergang gibt. Der Begriff „spüren“ dient als Brücke, da er auf die unbewusste Seite unserer Beziehung zur Welt anspielt.

„Spüren“ ist mehr als „wahrnehmen“. Zum Spüren gehört, dass sich im Wahrgenommenen ein traumhaftes Element und das Im-Werden-Sein zeigt. Beim Spüren drängen sich im Wahrnehmen die Vergangenheit und die auf die Zukunft gerichtete Gegenwart auf. Beispielsweise wenn uns im vertrockneten Gras des Sommers der Geruch trockenen Grases an anderen Orten und in vergangenen Jahren entgegenkommt. Und wenn ein alltägliches Haus auch das unbekannte Haus wird, dem wir in unseren Träumen begegnen. 

Schritt für Schritt wird Chiara Zamboni in ihrem Buch die Konzeption des Unbewussten neu formulieren. Und dabei wird sie auch immer wieder über die Sprache nachdenken, über den Bezug zwischen Sprache und Natur. Je mehr wir dem Spüren Raum geben und uns ihm gegenüber öffnen, um so mehr werden wir mit der Frage nach der Sprache konfrontiert. „Denn das Gefühl der Überfülle im Spüren entspringt aus dem Inneren der Symbolsprache und zeigt in Wirklichkeit das Scheitern der Sprache an, die für diese Erfahrung nur inadäquate Formulierungen zur Verfügung stellt.“ (S. 12) Wenn wir nicht über die Sprache nachdenken, so Chiara Zamboni in einem Brief, „fallen wir entweder in eine vorgespiegelte Unmittelbarkeit oder in eine Sprache, die die Erfahrung verrät“. 

Chiara Zamboni, Sentire e scrivere la natura. Mimesis Edizioni (Milano – Udine) 2020, 217 S., 20 €

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Die Vielfalt des Mütterlichen https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/11/die-vielfalt-des-muetterlichen/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/11/die-vielfalt-des-muetterlichen/#respond Sat, 13 Nov 2021 08:51:56 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17994 Mutterschaft als Gemeinschaftswerk: Von der Bedeutung sozialer Beziehungen für die einzelnen Mütter und ihre Möglichkeiten handelt der Film „Maternal“ der italienischen Regisseurin Maura Delpero.

Die junge Mutter Fatima und die Nonne Paola entwickeln ein Vertrauensverhältnis. Foto: Missingfilms.de

Schauplatz der Handlung ist Buenos Aires. In einem schon etwas in die Jahre gekommenen, von älteren katholischen Nonnen geführten Heim finden junge Mütter in sozialen Schwierigkeiten eine Bleibe. Sie können hier während der Schwangerschaft oder mit ihren kleinen Kindern wohnen, werden dafür aber auch dem teilweise etwas altmodischen Regime der Nonnen unterworfen.

Zwei der jungen Frauen sind die rebellische Lu (Agustina Malale), die die Nase voll hat von allem und von ihrer vierjährigen Tochter Nina oft genervt ist, und die hochschwangere Fati (Denise Carrizo), die fest entschlossen ist, aus der Misere rauszukommen und für sich und ihre Kinder ein besseres Leben zu schaffen.

Der Film beginnt mit der Ankunft einer neuen Nonne aus Italien, Paola (Lidiya Liberman), die sehr viel jünger ist als die anderen Schwestern. Sie wird vor allem für Fati zum Vorbild und zur Vertrauten, während Lu mit ihr heftige Kämpfe austrägt. Als Lu eines Tages nicht mehr zurückkommt, sucht deren Tochter die Nähe von Paola und wandert nachts immer öfter zu ihr ins Zimmer. Die entwickelt in der Tat bald mütterliche Gefühle gegenüber dem Kind.

Der Film ist deshalb so stark, weil es der Regisseurin gelingt, die Konflikte hinter diesem Beziehungsnetz klar und ungeschminkt zu erzählen, ohne jemals in eine Klischeefalle zu tappen. Die Regisseurin denunziert niemanden, selbst die älteren Nonnen, obwohl sie im Gegenüber zu den drei jungen Frauen wie aus der Zeit gefallen wirken, werden mit Sympathie gezeichnet. Als Zuschauerin kann man sich in alle Beteiligten hineinfühlen, alle handeln nachvollziehbar, ihren eigenen Möglichkeiten und Wünschen entsprechend. Ein klassisches Drama eben. Am Ende wird deutlich, dass Mutterschaft nur gelingen kann, wenn sie nicht als Konkurrenz unter Frauen verstanden wird, sondern als Beziehungsnetz, das den Müttern Halt und Unterstützung bietet.

Dabei hat der Film teilweise dokumentarische Anteile, was auch daran liegt, dass außer Lidiya Liberman, die Paola spielt, alles Laienschauspielerinnen sind und entsprechend authentisch rüberkommen. Ein sehr sehenswertes Stück Kino. Der Film läuft seit 11. November in Deutschland im Kino.

Infos und Trailer

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DER HERD https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/11/der-herd/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/11/der-herd/#comments Tue, 09 Nov 2021 06:47:17 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17970

Erster Beitrag aus der Serie: “Küchengeschichte(n) – wie Haushaltsgeräte die Care-Arbeit veränderten und verändern

“Eigner Herd ist Goldes wert…”

Als ich ein Kind war, standen in der Küche meiner Großmutter zwei Herde neben einander: der alte Holz betriebene aus Gusseisen mit den Herdringen und ein neuerer elektrischer. Dem aber, so ließ die Großmutter durchblicken, sei nicht ganz zu trauen. Weswegen jeder Morgen damit begann, den alten Herd anzuheizen. Den ganzen Tag über verlangte der bollernde Herd ihre Aufmerksamkeit, denn es war wichtig, dass er nie ausging. Holzscheite mussten nachgelegt, die Glut überprüft werden. Die Großmutter entfernte sich selten längere Zeit weit von der Küche. Ich dachte als Kind nicht darüber nach, dass es der Herd war, der sie an diesen engen Radius band und ihren Bewegungsspielraum einengte. Sie hat sich auch nie darüber beklagt. Stattdessen näherte sie sich nur widerwillig der Ingebrauchnahme des neueren (damals längst nicht mehr neuen) elektrischen Herds. Stets wurde geprüft, ob die Ergebnisse dem Althergebrachten standhalten konnten und nicht selten war sie nicht ganz überzeugt. Für die Großmutter erfüllte ein Herd seinen Dienst am besten, wenn die Gerichte so schmeckten, wie sie sie seit jeher gekannt hatte. Abweichungen stand sie skeptisch gegenüber. Einmal hatten mein Bruder und ich einen Ferienkochkurs besucht und wollten der Großmutter zeigen, was wir gelernt hatten, nämlich italienische Pizza backen. Sie ließ uns zunächst gewähren und war nicht wenig erfreut, dass wir beim Vorbereiten des Hefeteigs ganz so vorgingen, wie sie es gewohnt war. Aber als wir den Teig, wie wir es gelernt hatten, ganz dünn auf dem Blech ausrollen wollten, griff sie ein. Ein guter Hefeteig brauche eine gewisse Höhe. So wurde unsere Pizza hoch wie ein Zwetschgenkuchen. Den Belag aus Tomatensauce, Salami und Käse akzeptierte sie als eine exotische Variante: „Schmocht net schlecht.“, sagte sie, nachdem sie probiert hatte. 

Wie noch die Frau den Herd versah….da stand es gut um uns.” (Goethe)

Ein solcher Herd, wie die Großmutter ihn hatte, erinnerte noch schwach an die doppelte Bedeutungen des Wortes im Alemannischen und in den verschiedenen nordischen Dialekten: Erdreich und Feuerstatt. Für sie war der Herd der Mittelpunkt und Fixpunkt ihres (Erd-)Reiches, von dem aus sich ihre Welt erschloss. Und auch die Feuerstatt, deren Glut am Leben zu halten war, die gleichzeitig Wärme spendete und der Zubereitung von Mahlzeiten diente. Anderseits war in ihrer Lebenswelt der Herd zugleich das Symbol einer patriarchalen Ordnung, der sie sich klaglos unterwarf. Denn der Herd war in den tausenden Jahren des Patriarchats zum exklusiven Ort der Frau geworden, die in seinem Radius zu verbleiben hatte, damit der Mann sich immer weiter davon entfernen konnte. Für die Frau blieb der Herd mithin ein realer und bindender Fixpunkt, während er für den Mann zum symbolischen Ort seines „Heimes“ und seines Besitzes wurde: „Eigner Herd ist Goldes wert.“ Das Sprichwort hing in nicht wenigen Küchen meiner Kindheit gestickt im Rahmen an der Wand. 

Das Blaue Kochbuch

Meine Mutter dagegen war stolz darauf, in ihrer Küche im eigenen Heim von Anfang an einen modernen elektrischen Herd zu haben. Sie kochte nach dem blauen, millionenfach aufgelegten Kochbuch „Das elektrische Kochen“, das die Berliner Kraft- und Licht-Aktiengesellschaft (BEWAG) herausgab. (Auch heute noch ist es ein Bestseller.) Als ich meinen eigenen Hausstand gründete, erbettelte ich mir das Buch von meiner Mutter und ich habe jahrelang damit gekocht. Die Ausgabe, die ich besitze, ist von 1966 – also ein Jahr nach meiner Geburt erschienen und schon die 27. Auflage. Im Vorwort wird darauf eingegangen, dass das „Blaue Kochbuch“ seit über 30 Jahren „mit dem elektrischen Kochen auf das Engste verbunden ist.“ Das Blaue Kochbuch machte es sich zur Aufgabe, „alle Vorteile der Elektroküche“ aufzuzeigen. 1966 schrieb die Herausgeberin: „Die ständige Weiterentwicklung der Technik, die neuesten Erkenntnisse der Ernährungswissenschaft und vor allem auch das Bestreben des menschlichen Geistes, Neuerungen zu schaffen, die die Lebensbedingungen verbessern und die tägliche Arbeit erleichtern, machen es gerade dieses Mal erforderlich, den technischen Teil umfangreich zu ändern und zu ergänzen.“ Von Technikskepsis war 1966 nichts zu spüren, vielmehr zeigt das Buch die anhaltende Begeisterung für die Erleichterungen im Arbeitsalltag durch die Elektrifizierung für „die Hausfrau”. Als Vorteile des elektrischen Kochens erscheinen der Verzicht auf „viel Zusatz von Wasser“, wodurch die Gerichte ausgelaugt würden, wie es „bei der früheren Kochweise” nötig gewesen sei. Auf den ersten Seiten des Buches wird die genaue Funktionsweise verschiedener Herdtypen der damaligen Zeit erklärt und in einer Tabelle die unterschiedlichen Kochvorgänge den jeweiligen Bereichen der Automatik-Kochplatten zugeordnet. Ähnlich gründlich werden die damals gebräuchlichen Formate elektrischer Backöfen erklärt. Was bei diesem Kochbuch auffällt im Vergleich zu allen neueren Kochbüchern, die ich kenne (und ich besitze nicht wenige), ist, wie eindeutig es sich an „die Hausfrau“ wendet und deren Beruf als eigenständigen ernst nimmt. Es gibt technische Gebrauchsanleitungen, ökonomische Tipps zum sparsamen und nachhaltigen Kochen, genauso wie umfangreiche Tabellen zur Warenkunde. Erst dann beginnen die Rezepte. 

Das “blaue Kochbuch” von 1966

“Das bisschen Haushalt…”

So belegt das Buch für mich einerseits, wie in den 60er Jahren „die Hausfrau“ noch ein vollkommen anerkannter Beruf war, andererseits aber die Rationalisierung der Hausarbeit, die es propagiert, auch dazu beigetragen hat, dem Beruf Schritt für Schritt genau diese Anerkennung zu entziehen. 1977 sang dann schon Johanna von Koczian: „Das bisschen Haushalt…“ und dokumentierte damit in satirisch überspitzter Form, wie die Elektrifizierung aus männlicher Perspektive die Hausarbeit so sehr erleichtert hatte, dass sie als eigenständiger Beruf immer weniger anerkannt wurde.

Tatsächlich ist das Kochen mit Hilfe des elektrischen Herdes viel effizienter und zeitsparender zu bewältigen. Meine Mutter wäre niemals freiwillig zum alten Holzherd zurückgekehrt. Das „elektrische Kochen“ sicherte ihr – im Vergleich zu meiner Großmutter – einen Zugewinn an frei verfügbarer Zeit und Bewegungsfreiheit. Was den elektrischen Herd so attraktiv machte, waren zwei Aspekte (die – soweit ich das einschätzen kann – auch für den Gasherd gelten, auf den einige Kochaffine in meinem Umfeld schwören): Er ist sofort ohne Vorbereitung einsatzbereit und man kann ihn sorglos zurücklassen, wenn man sich weiter und länger von zuhause fortbewegen will. Der alte Holzherd hatte für das „große Haus“ getaugt, in dem eine größere Zahl von Menschen die Verantwortung übernehmen konnten: die Hausfrau, die (Schwieger-)Töchter, sowie die Mägde und Knechte. In der Kleinfamilie, wie sie das Zusammenleben im Haushalt seit spätestens den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts auch auf dem Land prägte, blieb die Verantwortung für den Herd an der einen Hausfrau hängen und band sie an ihn.

Der “eigne Herd” und die Freiheit der Hausfrau

Meine Generation ist die letzte, die die alten mit Holz betriebenen Herde noch im Alltagsbetrieb in ihrer Kindheit erlebt hat. Ich verbinde nichts Nostalgisches damit, sondern nur Frühaufstehen, Plage und Einschränkung. Nun könnte man sich ein Plädoyer für die Rückkehr zu einem (neu gedachten)„großen Haus“ (z.B. in Wohnprojekten) vorstellen, eingedenk der Symbolik, die der „eigne Herd“ für die patriarchalische Ordnung hat und die es zu überwinden gilt. Doch – wie immer – liegen die Dinge kompliziert: Der „eigne Herd“ ist eben nicht nur und ausschließlich Symbol männlicher Herrschaft über die Familie, sondern sicherte auch vielen Frauen endlich Unabhängigkeit von der (Schwieger-)Familie, von der Überwachung durch den Familienclan oder die weitere Community, die den Zugriff auf den Gemeinschaftsherd regelte. Wieviel Wert die meisten Menschen (und vor allem Frauen) auf den „eigenen Herd“ legten und noch immer legen, zeigt sich in Gesprächen mit geflüchteten Frauen. Fast wortgleich habe ich Frauen, die am Ende des 2.Weltkrieges ihre Heimat verloren und Flüchtlingsfrauen, die vor wenigen Jahren aus dem Nahen Osten nach Deutschland kamen, darüber klagen hören, dass nichts schlimmer gewesen sei, als sich in einer Gemeinschaftsunterkunft den Herd mit anderen teilen zu müssen. Immerzu habe es Streit und Missgunst gegeben. Mag der „eigne Herd“ aus einer patriarchalischen Perspektive bloß die Metapher für den Besitz des Herrn sein, so bedeutet es für viele Frauen ganz offenbar den realen, uneingeschränkten Zugriff auf das eigene Arbeitsgerät, die Souveränität über die eigene Arbeitsweise, Zeiteinteilung und Qualitätskontrolle. Den „eignen Herd“ will eine offenbar, hat sie ihn einmal gehabt, nicht teilen. Auch in WGs, so meine Erfahrung, löst das Teilen des Herdes (neben der des Kühlschranks) nicht selten Konflikte aus (eingebrannte Reste auf den Platten, Töpfe, die ungeleert tagelang stehen bleiben…). Man teilt den Herd nur, wenn man muss, befürchte ich, aus ökonomischen Zwängen. In allen Wohnprojekten, die ich kenne, in denen Menschen leben, die mehr Einkommen haben als typische Studenten, gibt es zwar eventuell eine Gemeinschaftsküche für größere Veranstaltungen und besondere Gelegenheiten, aber selbstverständlich hat jede Wohneinheit auch ihren „eignen Herd“. Gemeinschaftliches Kochen ist ein populärer, spaßorientierter Freizeitevent für gehobene Schichten, aber keine freiwillige Option für den Care-Alltag, scheint mir.

Anzeigenseite aus dem “Blauen Kochbuch” von 1966

94% aller Haushalte haben einen elektrischen Herd

Der elektrische Herd wurde bereits um 1850 erfunden, breite Verbreitung in den Haushalten fand er aber erst in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts. Noch bis weit nach dem 2. Weltkrieg gab es in vielen Haushalten aber auch, wie das Beispiel meiner Großmutter zeigt, Holz befeuerte Öfen. Heute dagegen ist der elektrische Herd aus den privaten Haushalten in Deutschland nicht mehr wegzudenken: 94% sind mit einem ausgestattet. Etwa 10% des Gesamtstromverbrauchs eines durchschnittlichen Haushalts gehen auf seine Rechnung. Gusseisenplatten haben dabei den höchsten Verbrauch, während Ceranfelder und Induktionsfelder sich nur geringfügig im Verbrauch unterscheiden. Je älter der Herd ist, desto mehr Strom verbraucht er. Sehr moderne Herde kommen mit einem durchschnittlichen Verbrauch von 0,4 Kilowattstunden aus (bei älteren Herden liegt dieser Wert bei rund 1,6). Elektroherde sind in jedem Fall (selbst wenn der Strom nicht ausschließlich aus erneuerbaren Energien gewonnen wird) wesentlich umweltfreundlicher als die alten Holzherde mit ihren gesundheitsschädlichen Emissionen. Auch hier, wie meist, ist ein verklärender, romantisierender Blick in die Vergangenheit unangebracht. 

Sprechende Herde? 

Als wir um die Jahrtausendwende umzogen und eine neue Küche aussuchen mussten, wurde mir in einem exquisit ausgestatteten „Küchenstudio“, in dem ununterbrochen eine sanfte Melodie aus den Lautsprechern dudelte, vom engagierten Verkäufer ein „smarter Herd“ angeboten, der Kochvorgänge speichern und eigene Rezeptvorschläge unterbreiten könne, ferngesteuert zu bedienen sei und sogar mit mir sprechen könne. Ich fragte, ob der Herd auch Möhren putzt und Kartoffeln schält und entschied mich dann, weil das verneint wurde, gegen das smarte Gerät. Nichts, was dieser Herd konnte, befriedigte irgendein Bedürfnis bei mir: Weder macht es mir Mühe Rezepte nachzuschlagen (sondern eher Freude), noch möchte ich mit meinem Herd reden. Ich bin froh, wenn er Ruhe gibt. Die „smarte“ Küche wird kommen, aber mir persönlich fällt gegenwärtig noch nichts ein, womit ein digitalisierter Herd mich beglücken könnte. Vielleicht beweist dieses Skepsis aber nur, dass nun ich die Position meiner Großmutter eingenommen habe und dem Neuen nur mit geringer Aufgeschlossenheit begegne.

Seit 6 Jahren leben wir nun wieder in einer neuen Wohnung und haben den Herd der Vorgängerin übernommen. Mir gefällt er nicht, denn er hat keine Drehknöpfe, sondern Touchscreen neben den Platten und piepst gefühlt dauernd, was ich fast so schlimm finde, wie wenn er sprechen würde. Ich habe die Konsequenz gezogen und mich weitgehend vom Herd verabschiedet. Das Kochen hat mein Mann übernommen. 

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Lebensnotwendiger Feminismus https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/11/lebensnotwendiger-feminismus/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/11/lebensnotwendiger-feminismus/#comments Wed, 03 Nov 2021 23:03:12 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17966

Wieder einmal kam ein Buch zu mir, dessen Autorin mir geläufig war, hatte ich doch ihren wohl grössten Erfolg vor Jahrzehnten begeistert gelesen: Benoîte Groult (1920-2016) beschrieb 1988 mit dem erotischen Roman «Salz auf unserer Haut» weibliche Leidenschaft. Sie schildert darin freizügig ihre jahrzehntelange Liebschaft, die sie während ihrer ebenfalls Jahrzehnte währenden Ehe pflegte.

«Leben heisst frei sein» nun, vom Verlag als Roman betitelt, ist eigentlich eine Autobiographie – nicht im üblichen Sinne, denn es ist angereichert mit den Gesprächen, die sie mit einer jüngeren Journalistin über ihr Leben führte. Und es enthält essayartig ihre Betrachtungen zum Feminismus, den sie für lebensnotwendig hält. Ohne diesen, so schreibt sie, habe sie an Calciummangel gelitten. Es fehlte ihr an Vorbildern. «Ich musste mich vom Halseisen der Traditionen befreien, von all den angeblich notwendigen Fesseln…ich wollte aussprechen, was ich entdeckt habe: dass es wichtiger ist als alles andere, sich selbst zu verwirklichen.»

So ist dieses Buch die Geschichte einer Bewusstwerdung. Im französischen Original schreibt Groult von der évasion, der Flucht also aus den Konventionen. Sie setzte sich für ein liberales Abtreibungsgesetz ein, machte immer wieder Vorschläge für weibliche Berufsbezeichnungen, mit denen man sich in Frankreich noch heute schwertut. Allein, dass sie sich écrivaine/Schriftstellerin nannte, wurde für anmassend gehalten. Groult prangerte früh die Klitorisbeschneidung als Verstümmelung an, wandte sich damit gegen Soziologen, Anthropologen, Ethnologen, die in diesem Gewaltakt einen förderlichen Initiationsritus sahen. Die Schriftstellerin war Mitgründerin der ersten – inzwischen eingegangenen – feministischen Zeitschrift.

Eine tatkräftige Frau voller Lebenslust, die ehrlich in den Spiegel ihres Lebens schaut, tritt uns entgegen, anregend und ermunternd: «Solange ich weiss, wo ich wohne, solange ich bei der Ankunft vom Lächeln meiner Gärten empfangen werde, solange die Erde nichts von ihrer Farbenpracht verloren hat, das Meer nichts von seiner geliebten salzigen Bitterkeit, die Menschen nichts von ihrer Sonderbarkeit und das Schreiben und das Lesen nichts von ihrer Anziehungskraft, solange meine Kinder mich immer wieder zu den Wurzeln der Liebe zurückführen – ja, solange muss sich der Tod ganz still verhalten. Solange ich lebendig bin, kann er mir nichts anhaben.»

Benoîte Groult: Leben heisst frei sein, Roman, aus dem Französischen von Irène Kuhn, Knaur Taschenbuch München, 1999, 378 Seiten.

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KÜCHENGESCHICHTE(N) – Von der Steckdose zum Display https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/10/kuechengeschichten-von-der-steckdose-zum-display/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/10/kuechengeschichten-von-der-steckdose-zum-display/#comments Fri, 29 Oct 2021 16:02:12 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17930
Mitteleuropäische Küche,
Anfang des 21. Jahrhunderts

Ankündigung einer neuen Serie auf bzw-weiterdenken:

Wie Haushaltsgeräte die Care-Arbeit verändert haben…und verändern werden

„Der Haushalt … ist geeignet als Modell für die ganze Welt, denn wie der Haushalt so ist auch die Welt eine Behausung, die allen Menschen in Geburtlichkeit, Sterblichkeit, Bedürftigkeit und Verletzlichkeit gewisse Grenzen auferlegt und ihnen gleichzeitig eine Fülle von Möglichkeiten eröffnet, in Abhängigkeit frei tätig zu werden.“, heißt es im „ABC des guten Lebens“. Der HAUSHALT erscheint im Text vor allem als sinnstiftender (metaphorischer?) Rahmen menschlicher Existenz, gerade auch um den Begriff zu erweitern über den konkreten privaten Haushalt hinaus, in dem eine mit anderen zusammen wohnt, kocht und schläft. Damit will sich diese Verständnis von Haushalt abgrenzen gegen ein verkürztes modernes Verständnis der Haushalte „als markt- und damit einkommensabhängige private Konsumeinheiten“.

Der historische Kontext, in den der (zugegeben: sehr kurze) Text den Haushalt stellt ist dabei schlicht: Es gibt eine jahrhundertelange patriarchale Phase, in der der Haushalt dem männlichen Staatsbürger die (Pseudo-)Unabhängigkeit sichert, bevor der Begriff im kapitalistischen Zeitalter die oben zitierte Bedeutung annimmt. Wie die Industrialisierung diesen Haushalt von innen heraus konkret verändert hat und damit auch die Beziehungen und Gestaltungsspielräume der im Haushalt zusammen lebenden Menschen, gerät hier nicht in den Blick. Dabei ist doch gerade die im Haushalt verrichtete (Care-)Arbeit in nicht zu überschätzender Weise durch die mit der Industrialisierung verbundene Elektrifizierung erleichtert und beschleunigt worden.

Heute stehen wir an einem weiteren technologischen Wendepunkt der Geschichte. Die Digitalisierung wird vor dem privaten Haushalt nicht Halt machen, vielmehr wird er bereits auf vielen Ebenen durch diese revolutioniert. Wenn er als „Modell für die ganze Welt“ dienen kann, lohnt sich daher m.E. der Blick zurück auf die Veränderungen, die die Elektrifizierung im Haushalt ausgelöst hat. Genauso wichtig scheint mir die Formulierung unserer Erwartungen und Hoffnungen gegenüber den Veränderungen, die durch die Digitalisierung möglich werden können. Was bedeuten uns bestimmte (meist elektrische) Haushaltsgeräte, wie haben sie das Arbeiten im Haushalt und die Beziehungen der im Haushalt lebenden Menschen zueinander verändert? Was wünschen wir uns von digital gesteuerten Geräten im Haushalt? Was befürchten wir von ihrem Einsatz?

Mit diesem BLITZLICHT möchte ich eine Serie auf bzw-weiterdenken.de ankündigen, die die Veränderungen bewusst vom Detail aus, in diesem Falle also vom einzelnen Haushaltsgerät und seiner Bedeutung für unser Leben und Arbeiten im Haushalt her, denkt. Vielleicht, aber nicht zwingend wird am Ende dieser Serie sich ein Fazit ergeben, dass den größeren Zusammenhang herstellt zur Art des Produzierens und Konsumierens in unserer Gesellschaft.

Beginnen soll die Serie mit dem HERD. 

(Eure, der Leserinnen, Hinweise, Wünsche, Eindrücke, Erinnerungen in den Kommentaren sollen in die künftigen Artikel einfließen. Ich bin gespannt! Geplant sind bisher als weitere Serienthemen: KÜHLSCHRANK, ELEKTROMIXER, STAUBSAUGER, KAFFEEMASCHINE – und – auf besonderen Wunsch von Antje Schrupp – der THERMOMIX. Weitere Vorschläge sind willkommen!)

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Die Erwachsenenbildnerin Dr. Marianne Kaiser https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/10/die-erwachsenenbildnerin-dr-marianne-kaiser/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/10/die-erwachsenenbildnerin-dr-marianne-kaiser/#comments Thu, 28 Oct 2021 16:55:19 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17940 Von der Frauenbewegung im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts kennen wir einige wenige Gesichter, die sich die Medien herausgepickt haben und immer wieder hervorholen. Doch ohne die vielen weniger prominenten Frauen, die es auch noch gegeben hat, wäre der große Erfolg der Frauenbewegung nicht möglich gewesen. In einer kleinen Serie möchten wir auf bzw-weiterdenken über einige von diesen Frauen erzählen. Wie sind sie zu ihrem frauenpolitischen Engagement gekommen, was machen sie heute?

Wir freuen uns übrigens über Artikel oder Vorschläge zu weiteren Frauen, deren Leben wir hier vorstellen können.

Marianne Kaiser in ihrem Wohnzimmer vor einem großen Gemälde der italienischen Malerin Monica Ferrando. Es zeigt Demeter, die ihre Tochter Kore aus der Unterwelt wieder ans Licht führt. Fotos: Juliane Brumberg

Im März 2020 schlug eine Leserin und Autorin unseres Forums vor, Marianne Kaiser in bzw-weiterdenken vorzustellen. Als ich hörte, dass Marianne Kaiser den größten Teil ihres Berufslebens an der Volkshochschule Gelsenkirchen zugebracht und dort die Frauenbildungsarbeit aufgebaut hat, war ich sofort interessiert. Denn Ähnliches hatte ich – allerdings erst in den 1990er Jahren – an der Volkshochschule meiner (sehr viel kleineren Heimatstadt) erlebt: dass die Frauenthemen durch eine engagierte Volkshochschulleiterin eine breite Basis bekamen. Aus dem geplanten Interview wurde erst einmal nichts, die Coronazeit hatte dazwischengefunkt. Aber dann endlich, im Herbst 2021, sitze ich in der U- und Straßenbahn und fahre durch Gelsenkirchen, diese Ruhrpott-Stadt, in der ich vorher noch nie gewesen bin und die einen gewaltigen Strukturwandel hinter sich hat. Er wurde begleitet und auch ein wenig mitgeprägt von Marianne Kaiser. Als ich mit meinem Rollköfferchen vor ihrem Haus eintreffe, winkt sie mir schon aus dem Fenster zu und fragt, ob ich alles gut gefunden habe. Eine jung gebliebene 80jährige öffnet mir die Tür und eh ich mich versehe, sind wir in ein Gespräch über zweischweifige Sirenen verstrickt, die sie an kleinen Kapellen in der Toskana entdeckt hat. Ich kenne dieses Motiv von Fresken an Südtiroler Kirchen. Ein Thema, zu dem sie schon viel gesammelt hat. Nun überlegt sie, was aus dem Material werden soll.

Aber deshalb bin ich nicht hier, obwohl mich ihre Fotos von den Nixen schon locken würden. In unserem Gespräch soll es um Frauenbildungsarbeit gehen, die, wie sich herausstellt, Marianne Kaiser nicht nur an der Volkshochschule Gelsenkirchen, sondern auch in der örtlichen Arbeitsgemeinschaft ‚Arbeit und Leben‘ vorangebracht hat. Dort arbeiten VHS und der Deutsche Gewerkschaftsbund zusammen, das Programm gehörte zu ihrem Fachbereich. 30 Jahre, von 1970 – 2000 leitete sie – mit einer kurzen Unterbrechung an der Volkshochschule Wetzlar – den VHS-Fachbereich ‚Gesellschaft und Politik‘. Parallel war sie in der Gewerkschaft aktiv und konnte auf diese Weise ihre Fähigkeiten zur Vernetzung weiterentwickeln. Was auch schnell klar wird: Marianne Kaiser versteht sich nicht als Teil der neuen Frauenbewegung der 1970er Jahre und auch nicht unbedingt als Feministin. Sie fühlt sich eher in der Tradition der ‚alten‘ Frauenbewegung‘ aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verankert. Und es waren ja tatsächlich hauptsächlich die Gewerkschaften, die nach Nazi-Zeit und Krieg die letzten Reste des alten Frauenkampfgeistes in die Bundesrepublik hinübergerettet haben. Aber natürlich hat Marianne Kaiser die Impulse der neuen Frauenbewegung aufmerksam verfolgt und als geübte Vernetzerin in die Volkshochschularbeit integriert.

Ambivalenzen im Elternhaus

Das frauenpolitische Interesse war ihr als 1940 geborenes Kriegskind in gewisser Weise schon in die Wiege und auf jeden Fall auf die Schulbank gelegt. „Meine Klassenlehrerin war sehr fortschrittlich. Sie hat mit uns die Geschichte der Frauenbewegung durchgenommen und schon in den 1950er Jahren, als das noch nicht üblich war, mit uns Dokumente aus der NS-Zeit gelesen.“ Außerdem hat diese Lehrerin die begabte Abiturientin für die Studienstiftung des Deutschen Volkes vorgeschlagen. „Das habe ich gerne angenommen“ erzählt Marianne Kaiser, „allerdings mit der Folge eines unterschwelligen Konflikts mit meiner Mutter, der nie aufgelöst werden konnte.“

Sie holt noch etwas weiter aus und erzählt von einer geistig wachen und politisch interessierten Mutter, die gleichzeitig aber für ihre Tochter das weibliche Rollenbild der 1950er Jahre mit Ehe und Familiengründung vor Augen hatte. Eine Berufsausbildung vor der Ehe war nur für den Notfall gedacht. Sprüche wie ‚Mädchen, mach Dir Locken, sonst bleibste hocken‘ prägten den Alltag und tatsächlich wurde die kleine Marianne schon als Kind beim Friseur mit einer Dauerwelle malträtiert. So war der Zeitgeist damals, der nicht nur bei der Mutter, sondern auch beim Vater zu großen Ambivalenzen führte. Ein ständiger Streitpunkt ihrer Eltern bereitete bei dem aufmerksamen Mädchen den Boden für ihre frauenpolitische Wachsamkeit. „Meine Mutter wäre sehr gerne wieder arbeiten gegangen.“ Doch der Vater, der einerseits eine höhere Schulbildung und das Studium der Tochter förderte, hat andererseits nicht zugelassen, dass seine Ehefrau wieder berufstätig wird. „Und er hat auch unterbunden, dass meine Mutter sich aktiv in die SPD einbringt und ein Amt übernimmt“, berichtet Marianne Kaiser, „seine Auffassung war: Ich als Kriegsversehrter und das Kind brauchen Dich zu Hause. Berufstätig sein ist etwas Schönes, aber die Familie hat Vorrang.“ Und sie fügt an: „Die Problematik der Vereinbarkeit von Familie und Beruf hat mich seither begleitet, die hatte ich im Gepäck, als ich zur Volkshochschule kam – und ein grundsätzliches Gefühl dafür, dass Gleichberechtigung anders aussehen muss.“

Zunächst ging sie aber zum Studieren nach Göttingen. Dort belegte sie die Fächer Deutsch und Englisch mit dem Ziel, Studienrätin zu werden. Dabei hatte sie im Hinterkopf, dass dies am ehesten ein mit Familie zu vereinbarender Beruf sei. Politisch wach und engagiert war sie auch dort, noch deutlich vor den Studentenunruhen der 1968er Zeit. Sie zeigt mir einen Beitrag mit dem etwas trockenen Titel ‚Stereotyp und Studentin‘, den sie 1962 für eine links orientierte Studentenzeitschrift geschrieben hatte und ergänzt, dass sie „in einem anderen Artikel die fehlende Kinderbetreuung für Studentinnen“ moniert habe. 1965 heiratete sie und folgte ihrem Mann 1967, wie es damals üblich war, „mit wehenden Fahnen“ ins Ruhrgebiet an die Ruhr-Uni in Bochum. Dort sympathisierte sie mit den Reformbestrebungen der Studentenbewegung und auch dem historischen Tomatenwurf. Klassenkampf und Revolution waren dann aber doch nicht so ihr Ding. Bezüglich ihres Studiums hatte sie sich umorientiert und sich für eine literaturwissenschaftliche Promotion entschieden, die sie 1970 abschloss. Schon ab 1968 arbeitete sie an der VHS Bochum im Grundstudienprogramm als Kursleiterin im Fach Literatur. Das war die Zeit, in der es wegen fehlender Schulbildung noch einen großen Nachholbedarf an Erwachsenenbildung gab und diese zunehmend professionalisiert wurde. Eine Bewerbung auf die Stelle des Leiters des Fachbereichs ‚Gesellschaft und Politik‘ an der VHS Gelsenkirchen im Jahr 1970 war erfolgreich und Marianne Kaiser prägte diesen bis zu ihrem Ruhestand im Jahr 2000.

Frauenpolitische Erfolgsgeschichte

In den Beginn dieser Zeit fallen die Scheidung von ihrem Mann, ein Gastspiel an der VHS in Wetzlar von 1974-1977, eine Krebserkrankung und damit die endgültige Verabschiedung von einem potentiellen Kinderwunsch. Doch beruflich waren die Weichen in die richtige Richtung gestellt, was ihre Neigungen und Fähigkeiten angeht. Insbesondere wurde ihr Berufsleben eine frauenpolitische Erfolgsgeschichte. Während ihrer Zeit an der VHS in Wetzlar hatte sie sich in einem großen Projekt engagiert, in dem Kindergartenhelferinnen ihren Hauptschulabschluss nachholten und sich zur Kindergartenpflegerin qualifizierten. Diese Erfahrungen brachte sie mit zurück nach Gelsenkirchen. In der Rückschau sagt Marianne Kaiser: „Ich habe die Frauenbildung zu einem zentralen Schwerpunkt meiner Arbeit gemacht im Hinblick darauf, dass es da in dieser Region einen erheblichen Nachholbedarf gab.“

Schon 1971 hatte sie im VHS-Programm zum ersten Mal einen Gesprächskreis ‚Politik für Frauen‘ ausgeschrieben, ab 1973 mit einem Kinderbetreuungsangebot. Sie zeigt mir einen Schnellhefter, in dem sie 1996 die Veranstaltungen für die ‚Zielgruppe Frauen‘ zusammengefasst hat. Da finden sich Ende der 1970er Jahre Titel wie ‚Frauen in der Arbeitswelt gestern und heute‘, ‚Ehe, Familie Partnerschaft im Film‘, ‚Studienfahrt für Frauen in die DDR‘, ‚Gesprächskreis für Türkinnen‘, ‚Frauen schreiben über sich‘ oder ‚Gleicher Lohn für gleiche Arbeit‘.

„Mein Akzent war, Gleichberechtigung zu realisieren,“ verdeutlicht Marianne Kaiser. Dazu passt, dass sie sich 1972 dafür entschied, „dass mein gesellschaftspolitisches Engagement die Gewerkschaftsarbeit sein sollte und dabei habe ich die Frauenbelange in den Mittelpunkt gestellt.“ In Wetzlar arbeitete sie im DGB-Kreisfrauenausschuss mit und brachte sich später in Gelsenkirchen als Vorsitzende des Kreisfrauenausschusses und als Personalrätin in die ÖTV ein. „Die ehrenamtliche Gewerkschaftsarbeit konnte ich gut mit der frauenpolitischen Volkshochschularbeit, besonders bei Angeboten der ‚AG Arbeit und Leben‘ verbinden, sie hat sich wie ein roter Faden bis heute durch mein Leben gezogen.“ Konkret erinnert sie sich: „Ich habe die Gewerkschaftskollegen mit ihren Frauen eingeladen, Frauenseminare organisiert und auf Angebote hingewirkt, in denen gewerkschaftlich orientierte Frauenbildungsarbeit stattfand “

Lohngerechtigkeit für die Heinze-Frauen

Damit nähern wir uns einem großen Thema, in das Marianne Kaiser viel Engagement und viel Herzblut gesteckt hat: Lohngerechtigkeit! Vor 40 Jahren, von 1978 – 1981 wurde es zum ersten Mal in großem Stil öffentlichkeitswirksam verhandelt. Damals hatten 29 Frauen, die bei den Fotobetrieben Heinze in Gelsenkirchen arbeiteten, durch drei Instanzen geklagt, um den gleichen Lohn wie ihre männlichen Kollegen zu bekommen. Worum ging es? Die Deutschen fingen an, wieder auf Reisen zu gehen und dank der vielen Urlaubsfotos boomte auch die Fotoindustrie. Also führte der Laborbetrieb Heinze Nachtschichten ein, die damals für Frauen grundsätzlich nicht zugelassen waren. Es wurden also Männer in diese bislang nur mit Frauen besetzten Abteilung eingestellt. Für Männer wie Frauen galt die Lohngruppe 1 mit einem Stundenlohn von 6 DM, jedoch erhielten die Männer eine erheblich höhere Zulage, als die Frauen: mindestens 1,50 DM, unabhängig von den zusätzlichen Nachtzulagen, während die Frauen nur Pfennigbeträge als Zulage bekamen. Die Vermittlungsbemühungen des Betriebsrats hatten keinen Erfolg. Die Firma argumentierte, dass sie ohne diese höheren Zulagen keine Männer für die Nachtschichten finden würde. Sie bestand auf ihrer Vertragsfreiheit. Daraufhin beschlossen 29 Frauen, zu klagen. Und hier kommt nun Marianne Kaiser ins Spiel. Als gewerkschaftliche Referentin informierte sie 1978 bei einer Betriebsversammlung über Lohngleichheit und im Rahmen ihrer Tätigkeit an der Volkshochschule organisierte sie dann 1979 begleitende Seminare zum Verlauf des Prozesses. Durch ihre gute Vernetzung trug sie außerdem dazu bei, eine breite öffentliche Aufmerksamkeit für das Anliegen der Frauen herzustellen. Im Frühjahr 1979 solidarisierten sich in Gelsenkirchen zum ersten Mal gewerkschaftliche Frauenausschüsse, Betriebsräte, die autonome Frauenbewegung sowie die parteipolitisch oder konfessionell organsierten Frauen. Dem Sieg der Heinze-Frauen vor dem Arbeitsgericht in Gelsenkirchen folgte eine Niederlage bei der zweiten Instanz in Hamm im Herbst 1979. Aber eine Revision vor dem Bundesarbeitsgericht in Kassel war zugelassen. Der Prozess fand zwei Jahre später, im September 1981, statt. Marianne Kaiser trug dazu bei, während dieser Zeit auch eine überregionale Öffentlichkeit für das Thema zu sensibilisieren.

Aus dem in den Weiterbildungsseminaren mit den Heinze-Frauen aufgezeichneten Tonmaterial erarbeitete Marianne Kaiser in Absprache mit den Kolleginnen und in Kooperation mit der IG Druck und Papier ein Manuskript, das der Rowohlt Verlag 1982 in seiner Reihe ‚Frauen aktuell‘ veröffentlichte. Außerdem entstand, basierend auf dem Buch, ein Theaterstück für die Ruhrfestspiele mit dem Titel ‚Frauen sind keine Heinzelmänner‘.

Unter dem Motto ‚Solidarität mit den Heinze-Frauen‘ hatte die Gewerkschaft ‚Druck und Papier‘ kurz vor dem Gerichtstermin eine Großdemonstration mit 6000 Teilnehmer:innen organisiert. Marianne Kaiser war dabei, als vier Busse aus Gelsenkirchen sich auf den Weg nach Kassel machten. Im Prozess bekamen die Klägerinnen recht und erhielten die eingeklagten 20 000 DM. Für die Heinze-Frauen war das jedoch leider nur ein Teilerfolg. Die Firma Heinze stand Anfang 1982 vor dem Konkurs und es kam zu keiner Folgeklage mehr über die den Frauen zustehenden Nachzahlungen in Höhe von 100 000 DM. Die Signalwirkung allerdings, die von diesem Urteil ausging, war deutschlandweit ein Meilenstein in Bezug auf Lohndiskriminierung.

Auch jetzt noch kommen immer wieder Anfragen zu dem Heinze-Thema. Marianne Kaiser hat ein umfangreiches Archiv dazu angelegt, das sie dem Institut für Stadtgeschichte in Gelsenkirchen übergeben hat. „Doch solange ich lebe“, sagt sie, „verfüge ich darüber“.

Richtig geärgert hat Marianne Kaiser sich vor einigen Jahren über das Drehbuch eines ARD-Films zu den Heinze-Frauen. Der Regisseur hatte im Vorfeld ein Interview mit ihr geführt und ihr dann das Drehbuch zu lesen gegeben. „Da habe ich auf den Putz gehauen, denn es stand dort kein Sterbenswort über die Gewerkschaften. Wer hatte denn das alles bezahlt? Ich wusste zwar, dass es ein Spielfilm werden sollte, aber im Drehbuch war die Handlung auf die leicht verkitschten Erfahrungen einer Einzelkämpferin verkürzt. Die Solidarität der Frauen kam überhaupt nicht vor. Ein bisschen was von dem Kern des Konflikts wurde transportiert, aber nichts von der historischen Realität.“ Ihr Ärger hat etwas genützt. Die Kritik wurde partiell berücksichtigt und im Nachhinein sagt sie versöhnlich: „So ist es ein spannender Film geworden, der die Erinnerung an die Heinze-Frauen wachhält.“

Frauenvernetzung

„Durch die Heinze-Geschichte hat sich auch bei den Frauen in Gelsenkirchen etwas verändert, die verschiedenen Strömungen der Frauenbewegung haben sich erstmalig wahrgenommen“, ergänzt Marianne Kaiser, „es war die erste große Gemeinschaftsaktion. Ich konnte vernetzen und Querverbindungen ins Gespräch bringen, die Volkshochschule war wie eine Schaltstelle zur Vernetzung. Wir hatten damals ein starkes Wir-Gefühl in der Frauenbewegung.“ Das war neu. Das gegenseitige Interesse zwischen den gewerkschaftlich orientierten Frauen und der neuen Frauenbewegung begann erst zu wachsen. „Ich hatte junge Kursleiterinnen, die der neuen Frauenbewegung verbunden waren und ihre Ansichten und neue personenbezogene Arbeitsmethoden mitbrachten“, erinnert sich Marianne Kaiser. „Die neue Frauenbewegung hat da Impulse gesetzt, durch die auch Bewegung in die gewerkschaftliche Frauenarbeit kam. Irgendwann sagte eine ältere Gewerkschaftskollegin damals ‚Naja, mit dem Patriarchat haben wir ja auch einige Erfahrung‘.“ Marianne Kaiser betont noch einmal: „Methodisch und inhaltlich habe ich ganz viel von der neuen Frauenbewegung gelernt. So entstand zum Beispiel auch die Idee, Studienfahrten in die DDR oder nach Rom nur für Frauen und deren Fragestellungen anzubieten. Das Konzept der Zielgruppenarbeit war modern.“

Daraus entwickelte sich ein weiteres Projekt mit der Volkshochschule als einem Ort der Vernetzung. „Ab Mitte der 1980er Jahre habe ich viele Jahre zusammen mit dem städtischen Frauenbüro eine gemeinsame Veranstaltung aller Frauenorganisationen zum Internationalen Frauentag am 8. März organsiert, eine Veranstaltung die zusätzlich neben den eigenen Aktionen der einzelnen Gruppierungen stattfand. Das Motto ‚Getrennt, zusammen, oder Beides?‘ beschrieb dabei unser Anliegen. Mit Vorträgen zu aktuellen Fragen der Frauenpolitik haben wir gezeigt, dass die Frauen in der Stadt präsent sind.“

Beschäftigung mit der eigenen Biographie

Aber noch einmal zurück zu den Heinze-Frauen. In den von der VHS begleitend zu den Gerichtsterminen durchgeführten Seminaren ging es nicht nur um die juristischen Aspekte, sondern auch darum, wie die Gelsenkirchener Frauen ‚aus kleinen Verhältnissen‘ diese Zeit persönlich erlebt haben. Sie waren es nicht gewöhnt, so in der Öffentlichkeit zu stehen. „Damit ist das biographische Lernen zunehmend in die Frauenbildung eingeflossen. Persönliche Erfahrungen und Einsichten haben wir nicht unbedingt über reines Berichten, sondern durch szenische Lesungen in die Projekte eingebunden. Einmal ging daraus sogar ein von den Teilnehmerinnen gegründetes autonomes Frauentheater namens ‚Stiefmütterchen‘ hervor.“ Schmunzelnd ergänzt Marianne Kaiser: „Neue Techniken, wie etwa die Wäscheleine, an der Notizen über alles, was wichtig war, aufgehängt wurde, hätte es in keinem Männer-Seminar gegeben.“

Aus dem bislang über sie Erzählten wird deutlich, was Marianne Kaiser selbst folgendermaßen formuliert: „Ich habe zwei durchlaufende Themenschwerpunkte im Bildungsangebot gehabt: Frauen und Stadtgeschichte. Bei beidem gab es viel Nachholbedarf.“

Arbeit an der symbolischen Ordnung

Vor dem Blick auf ihre stadtgeschichtlichen Aktivitäten ist es jedoch interessant zu erfahren, wie sie die Biographiearbeit mit Frauen in Gelsenkirchen nach zehn Jahren Seminartätigkeit theoretisch und philosophisch einordnete. 1993 hat sie dazu einen Aufsatz veröffentlicht mit dem Titel ‚Frauen können mehr‘. Das war auch der Oberbegriff für die Frauenbildungsseminare, in denen seit 1992 die Teilnehmerinnen angeleitet wurden, Wunschvorstellungen für die eigene Zukunft zu entwerfen und sich über ihr Begehren klar zu werden. Nach zehn Jahren hatte Marianne Kaiser die gute Idee, alle Frauen noch einmal zu einem Wochenende einzuladen, bei dem sie aufgefordert waren, die Wirkung dieser biographisch orientierten Seminare zu reflektieren. 16 von ca. 60 Frauen nahmen teil. Marianne Kaiser schildert es folgendermaßen: „Entscheidend, so erinnerten sich die Teilnehmerinnen, waren die in den Seminaren erfahrenen Bestärkungen. Diese hatten dazu geführt, gewollte, aber noch unerprobte Veränderungen im eigenen Leben tatsächlich anzupacken.“ Hier schlägt Marianne Kaiser nun den Bogen zum Affidamento-Konzept der italienischen Philosophinnen, denn wie es dort beschrieben wird, hatten die Gelsenkirchener Frauen anderen Frauen die Autorität zugebilligt, ihre Wünsche als berechtigt anzuerkennen und sich bei ihrer Verwirklichung von ihnen bestärken zu lassen. Das ‚Mehr‘ einer anderen Frau, sei es aus der Gruppe, sei es aus der Teamleitung, half, die in der eigenen Biografie empfundenen Begrenzungen zu überschreiten. Das galt auch für sie selbst. „Ich war für einzelne Frauen eine mütterliche Autorität, habe sie aber auch meinerseits gefunden. So verdanke ich zwei Teamerinnen, dass ich, als sie mir den Zugang zur autonomen Frauenbewegung voraushatten, an ihrem Vorsprung, ihrem ‚Mehr‘, wachsen konnte.“ Marianne Kaiser beendete ihre Ausführungen in dem Aufsatz damals folgendermaßen: „Die Zensur der männerorientierten symbolischen Ordnung, die Frauen ausschließlich in ihrem Verhältnis zu Männern wahrnimmt und bei jeder von uns in Gefühl und Selbstwahrnehmung hineinwirkte, war ein Stück weit außer Kraft gesetzt worden. Jede einzelne hatte ganz konkret ihre weibliche Identität erweitert. Wir konnten wirklich mehr nach den Seminaren. Und wir hatten verstanden, warum das Private politisch ist.“

Danach gefragt, wie sie die frauenpolitische Erwachsenenbildung heute wahrnimmt, berichtet sie von einem Gespräch mit einer ihrer Nachfolgerinnen, die ihr sagte: „Das läuft alles nicht mehr so, wie es früher war. Die Frauenbildungsarbeit als Zielgruppenarbeit ist ausgelaufen. Aber es gibt auch nicht mehr diesen Nachholbedarf.“

Schwerpunkt bei Frauen- und Lokalgeschichte

Marianne Kaiser mit den Porträts von Frauen, die für die Frauengeschichtswerkstatt interviewt wurden.

Für Marianne Kaiser noch lange nicht ausgelaufen ist ihr historisches Interesse und Engagement, und zwar insbesondere das für Frauen- und Lokalgeschichte. Jahrelang hat sie sich in das ‚Forum Geschichtskultur an Ruhr und Emscher’ eingebracht und erzählt mir, mit welchen Worten sie während der Gründungsversammlung 1991 die männerzentrierte Geschichtsschreibung in Frage gestellt hat: „Wir wissen alle, dass Berg- und Stahlarbeiter die tragenden Säulen der Region waren. Aber ich bitte zu bedenken, dass diese Männer auch Frauen, Mütter und Töchter hatten.“ Daraufhin wurde sie dann gleich in den Vorstand gewählt.“ Schon vorher, seit 1989, hatte sie sich einen Namen gemacht mit einer Frauengeschichtswerkstatt, bei der 25 Kursteilnehmerinnen die Suche nach historischen Quellen genauso kennengelernt hatten, wie die Durchführung von Zeitzeuginnen-Interviews – und dafür prompt mit einem Preis des Forums ausgezeichnet worden waren. An kreativen Ideen mangelte es Marianne Kaiser nicht: Auch eine Revue zur Stadtgeschichte, einen Kalender zum Thema ‚Frauen und Arbeit‘ oder den Themenschwerpunkt ‚Frauen und Stadtplanung‘ brachte sie mit wechselnden Teams auf den Weg.

Ein Kalenderblatt aus der VHS-Arbeit das zeigt, wie Frauen ihre Arbeitszeiten ausbalancieren müssen.

Die Region war geprägt von einem immensen Strukturwandel, denn nicht nur Bergbau und Stahlindustrie brachen weg, sondern auch die Textilindustrie wanderte immer weiter ab nach Osten in Richtung Asien. Marianne Kaiser trug in der VHS und im Forum Geschichtskultur dazu bei, diese Verluste in Geschichtswerkstätten zu bearbeiten und die Erfahrungen mit dem Niedergang der Produktionsstätten zusammenzutragen. Die Historikerin Uta C. Schmidt interpretiert das in einem Aufsatz über Marianne Kaiser folgendermaßen: „In einer Stadt mit Strukturbruch wie Gelsenkirchen bot die Geschichtsarbeit auf jeden Fall die Möglichkeit, ein Stück weit die Deutungshoheit über die eigene Biographie zurück zu gewinnen und der Ohnmacht und Entmächtigung eigene Erzählungen entgegen zu setzen.“

Ein weiterer Schwerpunkt, bei dem Marianne Kaiser Akzente setzte, war die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus in Gelsenkirchen. 1982 erschien dazu in der VHS eine Dokumentation. Darin wurde auch über ungarische jüdische Mädchen und Frauen berichtet, die 1944 bei einem Luftangriff ums Leben kamen. Einer der Überlebenden half Marianne Kaiser 1994 mit Hilfe der Frauengeschichtswerkstatt, das Grab von deren verschollener Schwester in Bottrop ausfindig zu machen und dann 1999 eine würdige Totenfeier auszurichten.

Ähnlich wie mit der Gewerkschaft gab es auch beim Forum Geschichtskultur Überschneidungen mit Win-win-Effekten zwischen der beruflichen VHS-Arbeit und dem ehrenamtlichen Engagement. Der Geschichtsarbeit ist sie in ihrem Ruhestand bis heute treu geblieben. Sie schreibt Texte für www.frauenruhrgeschichte und war mehrfach als Expertin gefragt zu dem Thema ‚Heinze-Frauen‘ für Studentinnen und zuletzt für die Landesausstellung im ‚Haus der Geschichte Nordrhein-Westfalen‘.

Ein reiches Leben, nicht ohne Brüche

Marianne Kaisers Lebensweg verlief nicht ohne Brüche. Sie brannte für ihre Themen und hat sich unermüdlich in ihre Arbeit hineingekniet. Ganz offen erzählt sie: “So ungefähr ab 1985 hatte ich den Verdacht, ich werde zu einer Workaholic. Und ich wollte alles, nur nicht süchtig werden. Es kam zu einer Art burnout, weshalb ich mir eine vorübergehende Arbeitszeitverkürzung gegönnt habe. Stattdessen habe ich italienisch gelernt, bin eine Beziehung mit einem italienischen Mann eingegangen, die 20 Jahre währte und habe dem Leben neben der Arbeit Raum gegeben.“ Sie fügt hinzu: „Auch ich habe aus der Frauenbildungsarbeit gelernt und reduziert.“ Nichtsdestotrotz hat sie ihre Italien-Erfahrungen dann auch für ihre Volkshochschule weiterentwickelt und zwei Frauenstudienreisen nach Rom organisiert.

Zu vielen Frauenbildungsseminaren hat sie begleitend Kinderbetreuung angeboten, für diese Problematik hatte sie eine besondere Sensibilität. „Eine eigene Familie mit Kindern und Beruf zu vereinbaren, war das Thema meiner Studienzeit. Es hat mich immer wieder beschäftigt, einschließlich der Erfahrung, dass es mir nicht gelungen ist, beides zu leben“, resümiert sie etwas wehmütig. Meinen Eindruck, dass ihr Leben ein sehr reiches Leben war und noch ist, bestätigt sie: „Es hat mir auch die Möglichkeit geboten, soziale Bindungen zu knüpfen, die mir eine Familie ersetzten und ersetzen. Rückblickend bin ich sehr dankbar, dass die Frauenbewegung in vielfältigster Form in meinem Leben wichtig geworden ist. Sie hat mir immer wieder Stärke gegeben in der Arbeit und in persönlichen Krisensituationen.“ An der heutigen Entwicklung der feministischen Debatten und Aktionen vermisst sie jedoch oft den Blick auf die Gemeinsamkeit von Erfahrungen und die daraus erwachsende Solidarität.

Zum Abschied gibt sie mir noch mit auf den Weg: „Es war mir ein Anliegen, dass die Volkshochschule ein Ort der Kommunikation und Begegnung ist. Außerdem war mir das ‚Wir‘ in der Frauenbewegung besonders wichtig.“ Und zuletzt: „Im Rückblick bin ich eine Feministin gewesen, aber ich habe mich selber damals nicht so bezeichnet.“

Zum Weiterlesen:

Marianne Kaiser (Hg.), Wir wollen gleich Löhne, Dokumentation zum Kampf der 29 Heinze-Frauen, Frauen aktuell rororo 4623, Reinbek 1982.

Uta C. Schmidt, Marianne Kaiser / 1940, Eine Erwachsenenbildnerin als kritische Begleiterin und Akteurin im Strukturwandel https://www.frauenruhrgeschichte.de/frg_biografie/marianne-kaiser/.

Interview mit Marianne Kaiser über ihre Arbeitsweise in: Anders arbeiten in Bildung und Kultur, Kooperation und Vernetzung als soziales Kapital, Hg.: Friedrich Hagedorn, Sabine Jungk, Mechthild Lohmann, Heinz H. Meyer, Basel 1994 (Zukunftsstudien 14), S. 69-76.

Aus den Anfängen der Frauenbildungsarbeit: Marianne Kaiser zusammen mit Hannelore Peltzer-Gall, Aspekte einer Didaktik- und Methodendiskussion der Bildungsarbeit mit Frauen in Volkshochschulen, in: Angela Jurinek-Stinner / Marianne Weg (Hg.), Frauen lernen ihre Situation verändern. Was kann Bildungsarbeit dazu beitragen? München/Wien/Baltimore 1982.

Marianne, Kaiser, Frauen können mehr, Erfahrungen aus der Frauenbildungsarbeit an der Volkshochschule Gelsenkirchen 1982-1992, in: Karin Derichs-Kunstmann / Brigitte Müthing (Hg.), Frauen lernen anders, Theorie und Praxis der Weiterbildung für Frauen, Bielefeld 1993, S. 182-194.

Marianne Kaiser zus. mit Anneliese Kaminski, Roswitha Komosha, Christel Trilling, Gina Cornelisen-Wagner, Die Fraueninitiative‚ Thyssen Schalker Verein muss weiterleben, in: Der Schalker Verein, Arbeit und Leben in Bulmke-Hüllen, Hg.: Örtl. AG Abeit und Leben (DGB/VHS), Gelsenkirchen 2008, S. 219-231.

Im Rahmen dieser Serie wurden bisher die Donaupriesterin Gisela Forster, die Feministin Barbara Linnenbrügger, die Malerin Waltraud Beck, die Professorin Monika Barz, die Historikerin Irene Franken, die Tagungsleiterin Herta Leistner, Dagmar Schultz, die Alltagsforscherin Maria Rerrich, die Matriarchatsfrau Siegrun Laurent, die Gründerin Claudia Gather, die Heilpraktikerin Bali Schreiber, die Verbandsfrau Marlies Hesse, Ika Hügel-Marshall, die Stiftungsverwalterin Gudrun Nositschka, die Berliner Frauenpreisträgerin Karin Bergdoll, die Sozialpädagogin Erni Kutter, Philosophin Dorothee Markert, die Museumskuratorin Elisabeth von Dücker, die Frauenakademie München, die Gleichstellungsbeauftragte Heike Ponitka und die Sängerin Renate Lettenbauer vorgestellt.

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Pandemische Familien – Das bleibt unter uns https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/10/pandemische-familien-das-bleibt-unter-uns/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/10/pandemische-familien-das-bleibt-unter-uns/#comments Mon, 18 Oct 2021 09:06:06 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17904

Die Pandemie hat Grenzen in Frage gestellt und Grenzen gezogen. Dabei ging es um Schutz, Fürsorge und Sicherheit, um Sicherheitsbedürfnisse, aber auch um Zugehörigkeit, um soziale Bedürfnisse und darum, die Grenzen des Miteinanders neu auszutarieren. Ein Haushalt, eine Familie galten als unhinterfragte Maßeinheiten für eine solide Balance von Solidarität und Sicherheit. Sie waren sozusagen die Optimisten, mit denen wir lernen sollten, durch die Pandemie zu segeln. Doch es gab frühe Lecks, überraschende Windböen, geschlossene Häfen und rücksichtslose Manöver von Supertankern, die Optimisten schnell zum Kentern bringen konnten.

Im Frühjahr 2020 war Social Distancing für die meisten eine klare Sache. Anders für Patchwork-Familien. Denn wenn Kinder mit Umgangsrechten im Spiel sind, da war der Gesetzgeber eindeutig, galten Kontaktbeschränkungen nicht. Kindern von getrenntlebenden Eltern stand es frei, zwischen den Haushalten ihrer Eltern zu wechseln – gewissermaßen hin und her zu segeln. Als Familienpatchwork war man, was Social Distancing anging, in einer Grauzone, und diese Grauzone konnte zuweilen ziemlich groß und unübersichtlich sein. Denn ja, mitunter haben ja auch die neuen Partner:innen der getrennten Eltern ebenfalls Kinder aus früheren Ehen oder Beziehungen. Und die Halbgeschwister pendeln dann wiederum auch. Und so weiter. Wo hört dann die Familie auf? Und was ist ihr Kern? Und wie funktioniert dann Social Distancing? 

Keine einfache Sache, Vereinbarungen mit der neuen Familie des Ex-Mannes zu treffen, fand ich. Ging aber nicht anders. Die knallharte Realität war eben: Es mussten unangenehme Entscheidungen getroffen werden, um Ansteckungsrisiken zu minimieren. Die See war rau und nicht alle konnten schwimmen. Im Familienpatchwork gab es Covid-Klinikpersonal hier, Pflegebedürftige dort und dazwischen die jüngeren Generationen von Kindergarten bis Uni. Und das ist im Grunde nichts weiter als ein Abbild von Gesellschaft. Das ganze Haus. Verbunden mit all den unbequemen konflikthaltigen Fragen, die sich nicht eindeutig beantworten ließen, gleichwohl aber einer Lösung bedurften: Wer darf wann wen treffen, damit diese und jener nicht gefährdet werden? Welche Risiken gehen wir ein, welche meiden wir? Und wer nimmt sich wann zurück? Was ist gerecht? Kann es gerecht sein unter den Bedingungen eines Seebebens? – Es gibt eine Menge Verhandlungsbedarf insbesondere dort, wo Familie kein einzelner Haushalt ist, sondern ein weitverzweigtes Wegenetz. Miteinander segeln ist eine komplizierte Sache. Und in mancherlei Hinsicht war es viel zu gefährlich. 

Zu den erschütternden Erlebnissen in der Pandemie gehört für mich, dass Eltern, die Job-bedingt regelmäßig Umgang mit Covid-Patient:innen hatten, sich über längere Phasen von ihren Kindern trennten, um andere nicht zu gefährden. Oder auch ganz einfach: um noch einen Menschen zu finden, der bereit war, sich um ihre Kinder zu kümmern, während sie Todkranke pflegten. Sie sangen ihre Kinder über Videocall in den Schlaf und winkten ihnen nach der Schicht von Ferne zu. 

Während zugleich wiederum vor den Klinikfenstern jene für ihre Freiheitsrechte demonstrierten, die noch nicht verstanden hatten, dass „Freiheit“ nicht möglich ist, wenn man den Zusammenhang von Autonomie und Fürsorge zerreißt. Drinnen und draußen sind Kategorien, über die Zugehörigkeit und Identität als etwas Eindeutiges verhandelt werden. Sie operieren über Abgrenzung und Ausschluss. Im Kern aber geht es um Kontinuität und Sicherheit – und letztlich um Macht: Hier die Wahrung der Komfortzone, dort die Menschen, die hohe Risiken tragen müssen und täglich über ihre Grenzen gehen, um andere in Sicherheit zu bringen. Was für eine Schieflage. Doch genau diese Schieflage ist der Kern patriarchal organisierter Gesellschaftsformen. Und vielleicht ist es noch nie so deutlich gewesen wie in der Pandemie, dass nicht Familie Kernzelle von Gesellschaft im Kleinen ist, sondern Gesellschaft als Ganzes patriarchale Familienmuster repliziert und gerade damit demokratische Formen des Zusammenlebens unterwandert. Den einen wird der Wind aus den Segeln genommen, damit anderen der Treibstoff nicht ausgeht.

Bürofamilien

Auch für meinen Beruf ist das Unterwegssein zwischen verschiedenen Kontexten konstitutiv. Als Freiberuflerin läuft eine mal hier, mal dort in den Hafen ein und trägt so zum Erhalt eines Wegesystems bei, aus dem immer wieder neue Kooperationen entstehen. Eine trotz mancher Risiken sehr fruchtbare Art zu arbeiten. Umso erstaunlicher, was in der Pandemie passierte. In ihrer (Büro-)herde fühlten sich offenbar nicht wenige bereits vor der Erfindung eines Impfstoffes gegen Covid immun. Zwischen verschiedenen Arbeitszusammenhängen pendelnde Freiberufler:innen, welche die Herdenzusammengehörigkeit per se unterwanderten und dann noch Ansprüche an Hygienemaßnahmen stellten, wurden zuweilen schnell als lästig und störend wahrgenommen, umso mehr natürlich dort, wo das Querdenken und Corona-Leugnen Pfahlwurzeln schlug und das Bedürfnis nach einer kollektiven Identität in den Vordergrund drängte, inklusive der Lust an Lagerbildung – womit manche ihre persönliche Wohlfühlzone als Kern einer gemeinsamen Wagenburg etablieren konnten. Plötzlich gab es hohe Hafenzölle. Und dann wurde die Funkverbindung gekappt.

Die Familiarisierung von Arbeitsbeziehungen ist ein unterschätzter Sparring-Partner im Kampf gegen Covid, vielleicht war sie in der Pandemie bislang einer der Hauptgründe für den unverantwortlichen Widerstand gegen eine Homeoffice-Pflicht. Auch hier gab es dann plötzlich schnell die, die drinnen waren, und die, die außen vor blieben. Und die Etablierung dieser Grenze hatte eine systemische Bedeutung. Urplötzlich hatten die einen das Nachsehen und blieben auf dem Verhandlungsbedarf, den eine Pandemie mit sich bringt, sitzen; die anderen reklamierten Deutungshoheit und bestimmten, was der Rede wert ist: Hier war sich die Bürogemeinschaft einig, dass man immer noch zusammen an einem Tisch Schulter an Schulter zu Mittag essen kann, dort waren die unbequemen Abweichler. Auch das ist Teil der Sehnsucht nach Familie: Kollektive Einmütigkeit hier, Spielverderber dort. Geschlossene Systeme stabilisieren sich gerne über Außenseiter. Allzumal in Krisenzeiten. Allein auf offener See waren Optimisten jedoch ernsthaft in Gefahr.

Hermetische Familien und Sündenböcke

Mein größtes Problem im Umgang mit Coronaleugnern und selbsternannten Querdenker:innen war für mich mein psychologisches Interesse. Ich bin staunend so damit beschäftigt herauszufinden, wie mein Gegenüber tickt, dass ich zu spät mitbekomme, wie es mir schadet. Was ich lange verkannt habe, ist, dass die mentalen Pirouetten von „Querdenker:innen“ nicht nur auf teils faszinierende Weise vorführen, wie Verdrängungsmechanismen – Verschiebung, Verleugnung, Verkehrung ins Gegenteil – funktionieren, sondern dass die paranoide Interpretation von Wirklichkeit, zu der hermetische Systeme neigen, ständig neues Futter braucht und sich alles unterschiedslos einverleibt. Das Problem ist, dass geschlossene Systeme Abweichler brauchen, um sich zu konsolidieren. Sie schicken den Sündenbock nicht nur in die Wüste – oder aufs offene Meer –, sie müssen ihn kontrollieren. Das gelingt durch Übergriffe, Unterstellungen, über zum Teil wahnwitzige Kurzschlussreaktionen, mit denen Koinzidenzen und Analogien überinterpretiert werden. Auf diese Weise lässt sich die sukzessive Entstehung von Verschwörungsmythen beobachten, was psychologisch interessant ist, aber ungemütlich wird, wenn man selbst zum Gegenstand der Verschwörungstheorie geworden ist.  Doch Sündenböcke sind, solange sie sich nicht mit den Anhaftungen identifizieren, die andere ihnen mitgeben: frei. Autonomie und Zugehörigkeit wurzeln in der Bewegung, nicht in der exakten Verortung. Und dasselbe gilt für Identität, die auf individuellen Erfahrungen beruht und keiner Ideologie bedarf. Sie bleibt zwischen Annäherung und Abgrenzung beweglich, in Schwingung mit dem Segel und dem Wind. Supertanker können sie zum Kentern bringen.

Das ganze Haus

Zugehörigkeit und Individualität sind Grundbedürfnisse, die potenziell miteinander in Konflikt stehen. Ebenso wie Freiheit und Sicherheit. Oder Abhängigkeit und Autonomie. Und diese Konflikte sind ebenso konstitutiv für unser Sein und Miteinander-Sein wie jedes Bedürfnis für sich es ist. Auch dieser Zusammenhang darf nicht zerrissen werden, nicht auf der Ebene des Subjekts, nicht in der Familie, nicht auf der Ebene von Gesellschaft. Wo der Konflikt ausgelagert wird, um Gemeinschaft zu konsolidieren, wird in Wahrheit Gemeinschaft zerstört. Wo Einmütigkeit als Prädisposition behauptet wird, agiert die Gemeinschaft antipluralistisch und kann jede Sicherheit nur trügerisch sein. Wo Ganzheitlichkeit reklamiert wird, wird es unmenschlich. Denn auch der Konflikt und die Selbstentfremdung gehören zum Ganzen, zum Menschsein dazu. 

Wir bleiben nur dann miteinander in Entwicklung, wenn wir in einer Offenheit der Differenz – zu uns selbst und zum anderen – bleiben. Niemand segelt alleine. Niemand kann das Wetter genau vorhersagen oder das eigene Verhalten bei der nächsten Böe oder Welle. Spielraum und Sicherheitsabstand lassen sich nur zusammen austarieren. Es ist es eine Herausforderung, hinreichend Raum zu lassen, ohne den Zusammenhang mit den anderen zu verlieren. Die stimmige Balance liegt in der Verantwortung aller. Dabei sind Freiräume und Sicherheiten nicht unabhängig voneinander zu haben, sie existieren nicht bedingungslos, wir können sie nur gemeinsam füreinander herstellen. Seewärts geht es allein dann, wenn wir klimatisch in Beziehung bleiben. Im besten Falle ist es das, was Gemeinschaft leisten kann. Ob es nun Verwandte, Wahlverwandte, Seelenverwandte sind oder das Patchwork-Gedöns: Familie ist nicht das eine Boot, sie ist eine Flotte. Sie ist der Kompass, das Echolot, der Radar. Und das Meer zwischen uns.

Wir sind: gemeinsam unterwegs. Wer auch immer wir sind. Mal näher, mal ferner. Denn nur so können wir füreinander bedeutsam werden und bleiben. 

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Kapitel 13: Sinnvolle Arbeit, gelingende Beziehungen: Orientierungen von Frauen in der Erwerbsarbeit https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/10/kapitel-13-sinnvolle-arbeit-gelingende-beziehungen-orientierungen-von-frauen-in-der-erwerbsarbeit/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/10/kapitel-13-sinnvolle-arbeit-gelingende-beziehungen-orientierungen-von-frauen-in-der-erwerbsarbeit/#respond Fri, 15 Oct 2021 07:26:46 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17916 Zum 20. Jubiläum der Flugschrift „Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik“ wurde das Büchlein im Christel Göttert Verlag neu aufgelegt und wird hier im Forum auch erstmals online veröffentlicht (hier der Link zum Anfang). Dies ist das 13. Kapitel: Erwerbsarbeit.

Flugschrift
Flugschrift “Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn”

Der Kampf der Frauenbewegungen um Emanzipation ins Berufsleben hat dazu geführt, dass es für Frauen heute selbstverständlich ist, grundsätzlich berufstätig sein zu können. Wir teilen die Befürchtung nicht, diese Freiheit könnte den Frauen wieder genommen werden. Es geht heute nicht mehr um den Kampf gegen Weiblichkeitsideologien, die den Frauen das Recht auf Berufstätigkeit absprechen.

Es hat sich jedoch auch gezeigt, dass Erwerbstätigkeit allein die Frauen nicht aus ihren dienenden Rollen befreit hat. Das Entgegensetzen von angeblicher Freiheit und Selbstverwirklichung durch Erwerbsarbeit und angeblicher Unfreiheit und Selbstverleugnung bei Familienarbeit stellt eine falsche Alternative dar. Trotz aller Schwierigkeiten sollten wir den Anspruch nicht aufgeben, beide Lebens- und Arbeitsbereiche nach unseren Vorstellungen zu gestalten.

Ernst nehmen sollten wir die Distanz erwerbstätiger Frauen zu Gewerkschaftsforderungen, die rein quantitativ an Lohnerhöhung und Arbeitszeitverkürzung orientiert sind. Frauen sind und waren auch im Beruf immer wieder gute Beziehungen und der Sinn ihrer Arbeit wichtig – und gegen diese Optionen dürfen nicht andere berechtigte Anliegen, wie Kritik an ungesicherten Arbeitsverhältnissen, gesundheitsschädlichen Arbeitsplätzen, erzwungener Flexibilität und niedrigen Frauenlöhnen ausgespielt werden.

Damit sich die Sinn- und Beziehungsorientierung nicht mehr wie bisher zum finanziellen Nachteil der Betreffenden auswirkt, muss gewährleistet werden, dass Frauen in allen Bereichen, vor allem wo sie Care-Arbeit leisten, das ihnen zustehende Geld erhalten.

Die Orientierung an gelingenden Beziehungen auch im Arbeitsumfeld und die Wertschätzung für die Sinnhaftigkeit von Arbeit sind wichtige Maßstäbe bei der notwendigen Umgestaltung der Wirtschaft im Hinblick auf die Bedürfnisse der Menschen. Sie dürfen nicht gering geschätzt und den Frauen etwa durch Managementkurse und den Rat, mehr „Ellenbogen“ zu zeigen, aberzogen werden.

Aus: Ulrike Wagener, Dorothee Markert, Antje Schrupp, Andrea Günter: Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik. Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim 1999, Neuauflage 2019

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„Alleine ist man schneller, aber zusammen sind wir stärker und kommen weiter.“ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/10/alleine-ist-man-schneller-aber-zusammen-sind-wir-staerker-und-kommen-weiter/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/10/alleine-ist-man-schneller-aber-zusammen-sind-wir-staerker-und-kommen-weiter/#comments Mon, 11 Oct 2021 14:46:24 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17849
  • Der Film Der Schwarm – die Compagnie XY im Höhenflug, von Ilka Franzmann

  • Möbius heißt das Stück der Compagnie XY, dessen Probenarbeit dieser Film begleitet. Er will die Kraft des Kollektivs zeigen, im Alltag – und eine Dimension, die darüber hinausweist. Im letzten Jahr, als es kaum Zirkusvorstellungen gab, konnte Ilka Franzmann die französische Compagnie XY bei Proben zu einem kurzfristig möglich gewordenen Auftritt in Barcelona filmen und diesen Film daraus machen. Ihn anzusehen ist zwar kein Ersatz für ein Zirkuserlebnis in Präsenz. Dafür bietet das Porträt von Ilka Franzmann etwas anderes. Ganz ohne Kommentar lässt sie die Artist:innen so zu Wort kommen, dass das Besondere ihrer Arbeit im Kollektiv sichtbar wird, das sonst eher verborgen bleibt: Wie die Compagnie ihre Entscheidungen im Plenum so aushandelt, dass alle damit zufrieden sind. Welche Ängste die Artist:innen haben und wie sie mit ihnen umgehen, sie ernst nehmen, ohne sich von ihnen lähmen zu lassen. 

    © Susanne Diesner – Möbius

    Der Umgang mit dem eigenen Körper und seinen Möglichkeiten und Grenzen, der Umgang mit den eigenen Gefühlen und ihrem Einfluss auf die Arbeit mit dem Körper, der Umgang miteinander, das sind für mich spannende Themen, über die die Artist:innen sehr offen sprechen.
    Mich interessiert diese Art von Zirkus und ich liebe Akrobatik. Das Dynamische und Fließende des Stücks Möbius ist wunderschön, und das Anschauen eines Zirkusprogramms hat für mich durch diesen Film eine neue Dimension dazugewonnen. Ich lege euch den Film und das Stück selbst ans Herz. 

    Darüber hinaus interessiert mich, wie sich die Art der Compagnie, miteinander umzugehen, übertragen lässt auf andere Kontexte. Ich finde die Aussagen der Artist:innen sehr kraftvoll und poetisch, dabei immer rückgekoppelt an das unmittelbare, körperliche Erleben.

    • Umgang mit dem eigenen Körper und mit Gefühlen

    Der Einsatz als Voleurin (Flyer) und als Porteur (Base) stellt ganz unterschiedliche Anforderungen an die Artist:innen. Besonders berührend finde ich, wie der Porteur Mikis Minier-Matsakis seine Rolle beschreibt. Er hat früh seinen Vater verloren und Verantwortung für die Familie übernommen und sagt über sich: „Mehr noch als ein Künstler bin ich ein Träger. Ich trage Projekte, Akrobaten. Es gibt die, die wie ein Traktor andere ziehen. Und andere folgen wie Waggons. Ich bin einer, der zieht. Dabei spüre ich nicht das Gewicht oder die Verantwortung. Für mich geht es eher darum, etwas in Bewegung zu bringen.“

    © Markus Winterbauer – Florian Sontowski

    Der stämmige, kräftige Porteur schildert auch, wie schwierig es für ihn war, tänzerisch und elegant sein zu wollen in den Läufen – und dabei auf sein von Kind an verinnerlichtes Selbstbild als hässlich und plump gestoßen zu werden: „Ich suche immer Bodenkontakt, etwas Festes. Aber manchmal, als wir tanzen sollten, fühlte ich mich wie ein Elefant. Ich war immer ein bisschen rund und dick. Ich fühlte mich nicht schön. Eine Art Kindheitsblockade. Ich versuche, nicht auf diese innere Stimme zu hören, und so viel Spaß zu haben wie möglich.“

    Die Voleurin Maélie Palomo ist nach einer Verletzung erst unsicher, ob sie sich den Einsatz oben auf der Pyramide zutraut, und wird von den anderen dabei ermutigt und unterstützt, eine andere Artistin zu ersetzen, die ausgefallen ist. Ihr Körper sei es, der sie immer wieder zurückhole, der Lust habe zu experimentieren. „Die Angst verschwindet nur mit viel Geduld. Das ist das Schwierigste für mich: die Geduld mit mir selbst. Nicht nur die Figur schaffen wollen, sondern alles zu genießen, was auf dem Weg dahin passiert. Und wenn ich falle, dann falle ich, egal.“ Sie betont auch, dass es eben nicht nur um Kraft gehe, sondern um Zerbrechlichkeit: „Es gibt auch die Schwächen, die Stürze. Da muss man sich wieder aufrichten und neu beginnen.“ Auch Airelle Caen sagt: „Verletzungen gehören zu unserer Arbeit. Dieser Sturz ist einmal zufällig passiert. Für mich war es ganz normal, hinzugehen und ihm aufzuhelfen. In diesen kleinen Momenten bricht die Realität in unsere Welt ein, die oft ästhetisiert ist. Das ist etwas sehr Persönliches.“ Mikis Minier-Matsakis ergänzt: „Das ist das Kollektiv: sich umeinander kümmern, einander helfen.“

    Abdeliazide Senhadji sieht im Sturz die pure Menschlichkeit: „Er konfrontiert mit etwas, das nicht geplant war. Scheitern ist ganz menschlich. Es gehört einfach zum Leben dazu.“ Ein wesentliches Element der Arbeit ist der Umgang mit der Angst, so Maélie Palomo: „Diese Disziplin verlangt extreme Strenge, aber mit all dem muss man spielen, sonst wird es zur Panik.“ Airelle Caen versucht, die Angst als Motor zu nutzen. Gerade wenn es um das Tragen und Fangen geht, sagt Antoine Thirion, sei es wichtig, die eigene Angst zwar nicht zu verleugnen, aber zu versuchen, weiter Vertrauen zu geben.

    Letztlich ist die Angst gerade für Artist:innen unabdingbar: „Wenn ein Akrobat keine Angst mehr hat, wird es gefährlich.“ Paula Wittib betont, dass es gut ist, dass die Angst immer da ist, weil man sich dadurch allem viel bewusster ist. Allerdings wahrt sie eine Distanz zu ihr, um zu verhindern, dass sie in den Körper eindringt: „Wenn sie in dich eindringt, blockiert sie dich, und du kannst nicht arbeiten. Du musst mit ihr klarkommen.“ Sie macht einen Unterschied zwischen dem Kopf und dem Körper: „Mein Körper denkt nicht viel nach. Er stellt nichts in Frage, er legt einfach los. Es ist der Kopf, der sagt: ‚Das ist hoch, Paula.‛ Du musst wissen, wann du darauf hörst, und wann du sagst, lass mal. Wenn der Kopf einmal loslegt, geht es ziemlich rund.“

    Caen sieht das Vertrauen als grundlegende Voraussetzung: „Vertrauen ist der Kern unserer Arbeit, ein absolutes Vertrauen untereinander und vor allem zu sich selbst. Eine innere Ruhe, mit der man sich in die Luft werfen lässt. Wir arbeiten mit der Schwerkraft, es gibt immer das Risiko zu fallen.“ In der Luft gelte es, das Gleichgewicht zwischen Anspannung und Loslassen zu finden: „Im unbehaglichsten Moment muss man das größte Vertrauen finden.“

    Dieser Umgang mit Schwächen und Angst und diese Suche nach Vertrauen zu sich selbst und zu anderen sind für mich eine schöne Beschreibung für das, was aus konfliktreichen Situationen und Krisen hinaushelfen kann.

    • Zum Träumen bringen – die politische Dimension

    Das Stück ist nicht nur ästhetisch, sondern auch politisch. Zum einen gibt es eine Szene, bei der die Choreographie die Flucht über das Mittelmeer, die Enge, das nur schwer mögliche Atmen nachahmt. Der marokkanische Artist Hamza Benlabied denkt bei dieser Szene an die Flüchtenden, die beim Versuch, das Mittelmeer zu überqueren, ihr Leben verloren haben.
    Zum anderen sieht er sich als Vorbild, dadurch dass er der erste ist, der in Europa eine Zirkusschule besuchen konnte: „Die Compagnie XY war mein Traum, seit ich in Marokko ihre Videos gesehen hab. Ich dachte: Wow, da muss ich hin. In Marokko sehen sie jetzt, dass man diesen Weg gehen kann. Ich habe eine Tür geöffnet.“ Er sieht stolz und zufrieden aus, wenn er das sagt.
    Noch eindrücklicher beschreibt das Paula Wittib, die eine Vorstellung der Compagnie in Argentinien sah und davon so beeindruckt war, dass sie ihr Land verließ, um Teil davon zu werden: „Wir Artisten haben eine riesige Verantwortung. Du weißt nicht, wer dir zuschaut, wen du berührst. Vielleicht bin ich es jetzt, die jemanden zum Träumen bringt. Das ist das Größte, einfach riesig.“ Dabei kommen ihr die Tränen. Auch Senhadji sagt: „Das Kollektiv hat eine enorme Kraft. Es erlaubt jedem zu träumen.“

    Diesen Gedanken finde ich inspirierend für alle Arten von Veränderungswünschen, sei es im Hinblick auf Gerechtigkeit, Chancen, Möglichkeiten, das Klima. Vielleicht geht es vor allem darum, einander zum Träumen zu bringen? Ich freue mich, wenn ihr schreibt, ob ihr mit dieser Idee etwas anfangen könnt.

    • Einander tragen – die soziale Dimension
    © Markus Winterbauer – Flyer Paula Wittib

    Paula Wittib beschreibt die Unterschiede zwischen den Händen, die einen tragen. Der Porteur Mikis Minier-Matsakis spricht darüber, wie er sich auf die anderen Körper einstellt: „Zarte Körper nimmt man zart und feste fest. Es ist immer ein Gleichgewicht der Kräfte,“ wie ein Baby, das man manchmal fest halten müsse und manchmal sanft. Es gehe darum, zu schützen und gleichzeitig Raum zu geben. Abdeliazide Senhadji spinnt diesen Gedanken weiter: „Jemanden tragen heißt auch jemanden durchs Leben tragen. Im Leben trägt man immer etwas. Man trägt ja auch sich selbst.“

    Im Team gibt es keine:n feste:n Leiter:in, sondern wechselnde Verantwortlichkeiten. Airelle Caen beschreibt die Arbeit im Kollektiv: „Wir versuchen, für die Gruppe zu denken und nicht nur jeder für sich.“ Andres Somoza betont: „Im Kollektiv und ohne Chef zu arbeiten, heißt, jede Entscheidung selbst zu treffen.“ Paula Wittib gibt zu: „In einem Kollektiv muss man sehr, sehr geduldig sein. Das kann ermüden, aber“, so fügt sie hinzu, „es ist auch gut, weil wir hinter allem stehen, was wir gemeinsam beschlossen haben.“ Löric Fouchereau geht noch darüber hinaus: „Das Kollektiv ist Arbeit rund um die Uhr. Manche träumen sogar davon. Es ist eine Lebensaufgabe.“
    Die Zuschauer:innen sehen, so sagt Senhadji, nur die Spitze des Eisbergs. Das Stück finde sich überall im Alltag. Es sei all das, die Emotionen, Begegnungen und Diskussionen, all die kleinen Augenblicke: „Die Menschen sind das Allerwichtigste. Mit ihnen erschaffen wir etwas, wir diskutieren und finden neue Wege, mal einfache, mal komplizierte. Das ist meine Lebensphilosophie.“
    Wittib beschreibt, wie sie in einer Szene allein auf der Bühne ist, sich klein und nichtig fühlt, und was es für ein kraftvoller Moment ist, wenn dann das ganze Kollektiv zurückkommt und alle gemeinsam den Turm errichten. Das Gemeinsame, die Kontinuität, das Fluide macht das Stück Möbius aus. Es ströme hin und her – „wie ein langer Atem, der kommt und geht“, oder „wie Vögel am Himmel, intelligente Bewegungen mit Formen, die sich ständig verändern.“

    „Wir versuchen zu einem Körper zu verschmelzen. Eine verrückte Verbindung.“ Abdeliazide Senhadji findet klare Worte, für die Arbeit am Stück wie für das gemeinsame Leben: „Wir leben nur durch die anderen. Wir brauchen jeden Einzelnen, um zu erreichen, was wir wollen.“ Das Stück erzähle auch ihr gemeinsames Leben. Das Allerwichtigste in der Akrobatik, so sagt er, seien die Blicke: „Blicke sind wie eine Sprache. Mit den Augen zeigt man Aufmerksamkeit. Man spinnt die Fäden untereinander. Unsere Beziehungen sind radikal. Wenn jemand etwas riskiert, darf man nicht spielen.“
    Airelle Caen sieht den Umgang der Artist:innen miteinander als Ideal für ein gutes Leben:
    „In diesem Stück sind wir sehr sanft miteinander. Wenn jeder immer diese präzise Aufmerksamkeit für alle anderen hätte, dann wäre das Leben auf der Erde perfekt.“ Sie muss über ihren Ausspruch lachen – und auch Paula Wittib lacht, als sie, ganz anders, über Sanftheit spricht: „Wenn ein Viererturm einstürzt, ist das gar nicht sanft.“

    Immer gelingt diese präzise Aufmerksamkeit für alle anderen sicher nicht. Doch ich finde es einen schönen Gedanken, sie anzustreben. Den Artist:innen dabei zuzuschauen, wie gut ihnen das gelingt, ist ungeheuer faszinierend.


    Ilka Franzmann (Regie): Der Schwarm. Die Compagnie XY im Höhenflug
    Dokumentation 52 Min.
    Online verfügbar bis 12. November 2021, Link zur Arte-Mediathek.

    Die Compagnie XY präsentiert Möbius, Link zur Arte-Mediathek
    Compagnie XY Website

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    Vorsorge: zwei Seelen ach! in meiner Brust https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/10/vorsorge-zwei-seelen-ach-in-meiner-brust/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/10/vorsorge-zwei-seelen-ach-in-meiner-brust/#comments Thu, 07 Oct 2021 13:02:53 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17881 “Bestattet eure Altersvorsorgeaufwendungen in der Luft”

    PeterLicht in “Begrabt mein IPhone an der Biegung des Flusses”

    Mit meiner Rente sieht es schlecht aus. Ich bin in Deutschland noch nie einer anständigen und schon gar nicht dauerhaften renteeinbringenden Lohnarbeit nachgegangen. Nach dem Studium Auslandsjahre (dort Arbeit in Führungsposition! Das ist gut für die Karriere!), Hochzeit, erstes Kind, Rückkehr nach Deutschland, das erste Jahr Hartz IV mit Kleinfamilie, mein Mann macht Karriere, ich wuppe Baby und Graduiertenkolleg pendelnd vom einen zum anderen Ende der Republik, dann zweites Kind, nun eine bereits drei Jahre anhaltende Sinnsuche gefüllt mit feministischer Lektüre und Klimakrise und Ehrenämtern noch und nöcher. Ein klassisches Hausfrauenleben? Aus der Sinnsuche ist mittlerweile ein Sinnauskosten geworden. Ich genieße die Möglichkeit des freien Denkens und Arbeitens mit allen Sinnen. Vielleicht bin ich eine “freie Hausfrau” im Sinne von Ina Praetorius. Ich mag die Vorstellung mittlerweile und hadere nicht mehr ganz so schlimm mit ihr. Ich bin zufrieden.

    Und dennoch: fast täglich nagt die Zweiflerin an mir. Ich tue nichts für meine Rente. Nagnagnag. Ich lande nochmal in der Altersarmut. Hier eine Doku, da die nächste. Hier ein feministischer Beitrag zur Finanzvorsorge von Frauen im Alter, da der nächste. Nagnagnag.

    Letztens las ich den Beitrag von Antje Schrupp und Barbara Streidl, hörte den Podcast und wieder fuhr das Übelkeit verursachende Schaukelschiff los in die hohen Wellen zwischen meinem guten, erfüllten Leben momentan und dem Horrorszenario einer Zukunft, in der ich plötzlich – das kann ja immer passieren – die Familie allein versorgen muss oder als alte gebrechliche Frau weder Zugang zur Gesundheitsversorgung habe noch ein Dach über dem Kopf. Diese schaurigen Gedanken sind der Preis dafür, jetzt tun und lassen zu können, was ich will, so kommt es mir vor. Vor allem das zu tun, was ich JETZT für richtig halte. Würde ich meine momentanen Tätigkeiten zwischen 8 und 22 Uhr aufteilen, dann käme in etwa raus: 28% Klima-Aktivismus, 30% Care-Arbeit und Familienzeit, 27% Texteschreiben und Gedanken gedeihen lassen (inklusive Lesen und Kino, also darin enthalten auch sogenannte “Freizeit”), 5% Nachdenken darüber, ob ich mittlerweile die Kapazitäten habe, um doch nochmal ein Buch zu schreiben, 5% An-die-Wand-Starren und 5% Entspannung vor Trash-TV (statt Yoga oder so, aber ich gelobe Besserung). Sicher habe ich irgendwelche wichtigen Posten vergessen. Jedenfalls, was hier klar wird: Ich kümmere mich – zumindest mit Lohnarbeit – nicht um meine Vorsorge.

    Sinnvolle Vorsorge im ausklingenden Bürgertum

    pixabay.com Die meisten Vorstellungen von Vorsorge führen direkt in ein Haus aus Geld.

    Vorsorge. Das Wiktionary sagt, die Bedeutungen seien “Vorbeugung, Vorbereitung für spätere Entwicklungen”. Als Synonyme werden “Prävention, Prophylaxe, Vorbeugung, Vorbeugemaßnahme” angegeben. Gegenwörter sind “Nachsorge, Postvention”. Der Oberbegriff ist “Sorge” und Unterbegriffe sind “Altersvorsorge, Gesundheitsvorsorge, Krebsvorsorge, Pensionsvorsorge, Pflegevorsorge”. Als Beispiele werden folgende drei Sätze aufgeführt:

    1. Die Vorsorge für das Pensionsalter bestand in Form eines Eigenheimes.

    2. Falls es an meinem Geburtstag regnen sollte, habe ich Vorsorge getroffen.

    3. „Ich entdeckte nämlich ein Mittel gegen Leichtfertigkeit, und zwar die Vorsorge.“

    Charakteristische Wortkombinationen sind “Vorsorge für etwas treffen” und als Wortbildungen werden “vorsorglich, Vorsorgeplan, Vorsorgeprogramm, Vorsorgeuntersuchung” aufgeführt.

    Still und leise wird hier der Lesenden bereits eingegeben, in welchem Bereich sich Vorsorge abspielt, und dass die einzige Vorsorgemöglichkeit durch Eigeninitiative geschieht. Eigeninitiierte Vorsorge ist klug, vorausschauend, absichernd – im Gegensatz zu verpeilt, also die (ohne Vorsorge drohende schaurige) Zukunft nicht im Blick habend, jetzt und heute mögliche und echt auch nötige Absicherungsformen verpennend. Ich habe nichts gegen die Gesundheit betreffenden Vorsorgeuntersuchungen. Diese zu verpennen, ist ganz sicher dumm und leichtfertig.

    Aber was ist mit der finanziellen Absicherung im Alter? Was ist mit dem Eigenheim? Während der Flutkatastrophe sahen wir, wie diese Form der Absicherung fürs Alter eine Hochrisiko-Vorsorge geworden ist. All das Lohnarbeiten, und dann geht kurz vor Abzahlungsende das Eigenheim in einer Flut unter? Noch ein paar solcher klimakrisenbedingten Extremwetterereignisse, ein paar soziale Unruhen im untergehenden Kapitalozän dazugemixt, und mit der ganzen betrieblichen und privaten Rentenvorsorge ist es auch nicht mehr weit her. Oder? Ich höre das bürgerliche Raunen vom “SOOOschlimmwirdesnicht” bis zu “zuvielPolemikundSchwarzmalereischadetderDebatte”. Die Bürger*in ist vernünftig und rational, die klimakrisenbelesene Apokalyptikerin steht mit ihrem Horrorszenarienvokabular daneben, und beide finden keine gemeinsame Sprache. Die Apokalytikerin weiß, wie sie klingt für bürgerliche Ohren, sie hört sich selbst immer noch ungläubig zu, aber sie hat es gelesen und es sind verlässliche Quellen, und es sind verdammt viele Quellen, es sprudelt nur so, ein offenes Leck, jeden Tag aufs Neue, und außerdem ist es doch schon mitten unter uns, also warum klingt sie wie eine Apokalyptikerin, fragt sie sich, und die andere “normal”, müsste es nicht andersherum sein, oder wie lange dauert das bitteschön denn noch: das Einsehen, dass es einfach vorbei ist mit den bürgerlichen Gewissheiten, dass Vernunft und Besonnenheit und Rationalität in ganz andere sozio-ökonomische Umlaufbahnen gelenkt werden müssen, wo sie nicht mehr so viel Schaden anrichten, sondern helfen, uns Menschen in die planetaren Grenzen zu hieven.

    Was bedeutet Vorsorge also in Zeiten der zunehmenden Erderhitzung; in Zeiten, in denen bereits neun von fünfzehn unumkehrbaren Kipppunkten angestupst sind, in der bei gleichbleibendem CO2-Emissionen nur noch drei Jahre verbleiben, um irgendwie noch irgendwas Annäherndes bei 1,5 Grad hinzubekommen?

    Erste Möglichkeit: klimarealistische apokalyptische Vorsorge

    Betreibe ich Vorsorge für ein Alter im Elfenland oder für ein Alter in einer ungewissen klimakriselnden Welt? Und welche Vorsorge ist dann die Richtige? Zugegebenermaßen wohnen diesbezüglich ach! zwei Seelen in meiner Brust: die eine möchte “private” apokalyptische Vorsorge betreiben. Die andere Seele denkt sich immer tiefer in eine von Liebe umrankten planetenrettenden Idealismus hinein.

    Die erste Seele brütet zum Beispiel an folgender Idee: Meine Eltern wohnen dicht am Wasser, sehr beliebt, wunderschön da, Immobilie aktuell viel wert. Noch. Gucke ich aber auf die Entwicklung des Ostsee-Meeresspiegels in den nächsten 20 bis 50 Jahren, könnte das Haus und das Grundstück bereits in ein paar Jahrzehnten Algen und anderen Meeresbewohner*innen und dem natürlich gewordenen Müll, Gift und Dreck vorbehalten oder zumindest regelmäßig von Extremwettereignissen betroffen sein. Kein guter Investitionsstandort, pocht mein privates Vorsorge-Herz unruhig. Also vielleicht schonmal beginnen, die Eltern zu beackern, das Haus zu verkaufen, in Zeiten, wo das noch nicht alle gecheckt haben, und mit dem freiwerdenden Geld könnten wir sodann in eine Immobilie in sichereren Gefilden investieren. Da ist die sich logisch daran anschließende Frage: Ja ist Deutschland dann überhaupt noch ein guter Standort? Welches Land, welche Region wird Gewinnerin einer sich im Dauerausnahmezustand befindenden klimakrisengebeutelten Welt? Denn – so zu lesen in einigen Artikeln, z.B. hier: “Es gibt nicht nur Verlierer im Klimawandel. Für einige bisher eher benachteiligte Regionen könnte die globale Erwärmung sogar Vorteile bringen.” Warum also dann nicht gleich Nordeuropa, Sibirien, Kanada oder der Süden Argentiniens? Ich kann spanisch. Meine Kinder auch. Das wär doch was. Es grummelt in diesem Teil meiner Seele. Meine Fähigkeit zu apokalyptischem Zukunftsdenken muss doch jetzt was bringen für meine Familie, wenn ich schon nicht lohnarbeite momentan; ich könnte mein Wissen und Vorausahnen doch auf diese vorsorgerische Weise nutzen. Sollen die anderen doch weiter ruhig schlafen in ihren bürgerlichen Eigenheimen mit Blick auf Meere und Flüsse. In einigen der meistbetroffenen Gebiete der Flutkatastrophe vom Juli hat wieder die CDU gewonnen. Renaturierung, Bäume und Totholz tragen in den bürger*innennahen Reden wesentliche Mitschuld an der Katastrophe (hier ab etwa Minute 2:40 in Frontal vom 28.09.21), Applaus Applaus, thats Klimaleugner*innenspirit wie er leibt und lebt, macht nur weiter so und gute Nacht und adios, ich bin dann mal weg. Denn ich bin cleverer.

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    Doch Moment mal, hüpft meine apokalyptische Vorsorgeseele schon wieder aufgeregt herum: Denken da eventuell noch mehr Leute wie ich? Muss ich mich gar schon beeilen? Ich recherchiere.

    In einem Artikel des Stern aus dem Jahr 2019 heißt es:

    “Ein Artikel auf “Forbes” vom vergangenen Sommer stellte ein USA-Kartenmodell der Zukunft vor, auf dem weite Teile der Küsten unter Wasser liegen. Daher würden extrem reiche Menschen derzeit viel Grund im Landesinneren von Amerika aufkaufen und dort Schutzkeller für die mögliche Apokalypse bauen. Der “Business Insider” berichtete, Immobilienfirmen reagierten auf die Nachfrage und boten mittlerweile luxuriöse Bunker für bis zu drei Millionen US-Dollar an. In den teils mehrstöckigen Untergrundschutzräumen hätten auch gepanzerte Fahrzeuge Platz und es gebe riesige Stauräume für Wasser und Nahrung.”

    Der Stern-Artikel fasst einen von Douglas Rushkoff verfassten Text zusammen, der am 24.07.2018 in The Guardian erschienen ist. Rushkoff erzählt darin, wie er von “five super-wealthy guys – yes, all men – from the upper echelon of the hedge fund world” eingeladen wurde, um ihnen Tipps bei der Anlage zur apokalyptischen Vorsorge – “apocalypse insurance”, yes, so heißt der Fachbegriff – zu geben. So heißt es im Stern weiter:

    “Zum anderen interessierten sich die fünf Reichen aus Rushkoffs Artikel für den Machterhalt nach dem Zusammenbruch. Im Moment könnten sie natürlich einfach bewaffnete Sicherheitsleute einstellen, die ihre Festungen im schlimmsten Fall gegen den wütenden Mob verteidigen. Doch mit der Welt gehe ja auch das Geldsystem unter und sie würden ihre überlegene Position verlieren. Die Milliardäre hätten daraufhin diskutiert, die Essensvorräte in speziellen Safes zu lagern, die mit Schlössern gesichert werden, zu denen nur sie die Kombination hätten. Oder sie würden von allen Wachmännern verlangen, ‘disziplinierende Halsbänder irgendeiner Art’ zu tragen – was genau sie damit meinen, wird nicht weiter ausgeführt. Am einfachsten aber wäre es, wenn bis zum ‘Ereignis’ die Technologie weit genug fortgeschritten wäre, damit Roboter die Anlagen bewachen könnten.” Das “Ereignis” – “the Event” – “was their euphemism fort he environmental collapse, social unrest, nuclear explosion, unstoppable virus, or Mr Robot hack that takes everything down”.

    Wie wichtig feministische Vorsorge gewesen wäre, zeigt sich nach der Apokalypse

    Das, was dieser Rushkoff erlebt hat, entstammt nun keinem Science Fiction-Roman. Pessimistische und apokalyptisch veranlagte Feminist*innen ahnen sodann, dass diese Untergangsversion sicher auch nix Gutes für die Frauen bringt. Suzy McKee Charnas hat in Walk to the End of the World 1974 (von Thomas Ziegler leider nur mäßig gut übersetzt. Es ist mit dem Titel Tochter der Apokalypse 1983 im Knaur Verlag erschienen.) ein Schreckensszenario entwickelt, das unmittelbar andockt an ein – natürlich bis dato nur fiktiv – tatsächlich so eingetretenes “Ereignis”, wie es den Prepper-Bunkervisionen dieser superreichen Männer entspricht:

    Im Prolog dieses Science Fiction-Romans heißt es:

    “Die prophezeite Katastrophe, die Verheerung, ist hereingebrochen und – wie es scheint – wieder abgeklungen. Umweltverschmutzung, die Erschöpfung der Ressourcen und unvermeidliche Kriege zwischen den unter Geburtenexplosion und Armut leidenden Ländern haben die Welt verwüstet und sie dem Unkraut überlassen. Wer hat überlebt? Eine Handvoll hoher Politiker besaß Zugang zu den Bunkern, die man für den Fall eines feindlichen Angriffs angelegt hatte. Einige von ihnen dachten daran, Frauen mitzunehmen. Die Frauen hatten resigniert oder waren als Idealisten oder Hysteriker [sic] hinausgeworfen worden. Als die Welt draußen zerfiel und die Finsternis anbrach, glaubten die Männer, Vorwürfe in den bleichen Gesichtern der Frauen zu erkennen, die sie gerettet hatten, und die Stimmen der Frauen klangen anklagend in ihren Ohren. (…) Die Männer bemerkten nicht die Entsetzen in ihren eigenen Gesichtern und die Verzweiflung in ihren Stimmen. Sie hatten, wie sie glaubten, verantwortungsvoll und richtig gehandelt – und alles verloren. Sie erkannten nicht, dass sie auch ihre geistige Gesundheit verloren hatten. Sie untersagten es den Frauen, sich zu versammeln, und befahlen ihnen, die Augen gesenkt zu halten, zu schweigen und sich um ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern, und zwar um die Fortpflanzung.” (S.11f.)

    Einige Generationen später lieferten die “Geschichtshymnen” bereits folgende Version von den “Hexenweibern (…), die die mächtige Zivilisation der Ahnen zerstört hatten”: “Auf dem Höhepunkt ihrer Macht waren die Männer der alten Zeit so fasziniert von ihrem eigenen technischen Fortschritt gewesen, dass sie die Überwachung ihrer verräterischen Frauen vernachlässigt hatten. Die Technik schien ihnen die Möglichkeit zu geben, das dumpfe Chaos der Leere selbst durch die Verbreitung des männlichen Willens vom Antlitz der Erde bis hinaus zu den Sternen zu besiegen. (…) Wie dem auch sei, für den logisch denkenden Verstand lag die Antwort auf der Hand: Es hatte Tierweiber gegeben und die Weiber unter den Schmutzhäuten, und die Söhne der Männer waren unter dem Einfluss ihrer Mütter verrückt geworden. Von allen Unmännern waren die Hauptverantwortlichen für Verderbtheit und Rebellion die Weiber gewesen.” (S.71) Weiber “besaßen keine Seelen, ihr Inneres bestand aus belebter Dunkelheit, die von der Leere jenseits der Sterne erschaffen worden war. Ihr Tod hatte keine Bedeutung.” (S.70)

    Es sei nun der Fantasie jeder Leser*in überlassen, wie diese “Weiber” in dieser Gesellschaftsform (über-)leben; verraten kann ich, dass es wieder düster geworden ist in der ausschließlich dem weiblichen Geschlecht vorbehaltenen Höhle Platons, und zwar nicht nur metaphorisch.

    Huch, wie bin ich gedanklich in diese fiktive Dystopie gerutscht, wo ich doch über “Vorsorge” schreiben wollte? Denn so schlimm kommt es sicher nicht! Das sind nie eintreffende Preppermind-“Ereignisse” und ein Roman einer mit sehr viel düsterer Fantasie ausgestatteten Science-Fiction-Autorin, die zu viele Folgen The Handmaid’s Tale – Report der Magd genetflixt hat (oder wars andersrum, was war zeitlich nochmal zuerst, I am getting more and more confused…).

    Existiert die Menschheit schon lange? Oder kurz?

    Denn wenn die Welt schon für uns Menschen untergeht, dann sicherlich nicht mit einem großen Katastrophenknall, sondern schleichend, über Jahrzehnte.

    In planetarer Zeitrechnung natürlich immer noch ein Knall, in welchem diese nun kommenden Jahrzehnte nur eine hundertstel oder gar tausendstel Sekunde oder noch viel weniger einnehmen; zumindest in Rutger Bregmans Gedankenspiel in Im Grunde gut (2019), das mir eine neue Perspektive auf die Menschheit eröffnete und mein Vorstellungsvermögen extreeeem stretchte und dehnte hin zu einem Langzeitdenken (wie es ja Roman Krznaric in The Good Ancestor. How to think Long Term in a Short Term World (2020) fordert): “Das Erste, was man bei der Untersuchung der Menschheit realisieren muss, ist, wie jung sie ist. Wir fangen gerade erst an zu existieren. Um Ihnen eine Vorstellung zu geben: Nehmen wir an, dass die Geschichte des Lebens auf der Erde nur ein einziges Kalenderjahr statt 4000 Millionen Jahre umfassen würde. Dann hätten die Einzeller den Planeten bis Mitte Oktober für sich allein gehabt. Erst im November entstand das Leben, wie wir es kennen, mit Beinen, Knochen, Zweigen und Blättern. Und der Mensch? Der betrat am 31. Dezember, gegen 23 Uhr, die Bühne. Dann verbrachten wir rund eine Stunde als Jäger und Sammler, um im letzten Augenblick, etwa gegen 23:58 Uhr, die Landwirtschaft zu erfinden. In den 60 Sekunden vor Mitternacht ereignete sich alles, was wir ‘Geschichte’ nennen, mit Pyramiden und Burgen, Rittern und Burgfräuleins, Dampfmaschinen und Flugzeugen.” (S.69)

    Immer wieder lese ich nun, dass Menschen nicht fähig sind, in eine Zukunft weit über zehn Jahre hinaus zu schauen. Ich glaube das nicht. Ich bin mit der Roman Krznaric der Meinung, dass wir unser Langzeitdenken nur verkümmern haben lassen, weil es in unserer aktuellen Gesellschaftsordnung als hinderlich gilt; als nicht effektiv, nicht profit- und wachstumsorientiert, nicht auf das schnelle Glück, das Leben im Jetzt und im Augenblick hin ausgerichtet. Und unsere Vorstellungen von Vorsorge entsprechen genau den Notwendigkeiten der marktwirtschaftlichen Interessen. Wer nicht durch monetäre Luftikus-Zukunftsinvestitionen mögliche Prävention betreibt, riskiert im Alter ein dachüberdemkopfloses Leben. Unsere angebliche “private Vorsorge” ist tief verankert in diesen Interessen; so tief, dass es nie daraus zu entfernen ginge. Und die staatliche und betriebliche Vorsorge… nun gut. Ich möchte keinen Nazi an die Wand malen, aber ein paar mehr gesellschaftliche Unruhen aufgrund von Bankencrashs, klimakrisenbedingten Katastrophen, und ich traue unserem patriarchal-kolonial-kapitalistisch-imperial grundiertem und ausstaffiertem gesellschaftlichen Fundament nicht mehr allzuviel zu, obwohl ich gleichzeitig – und das steht dazu nicht in Widerspruch – an das Gute im Menschen glaube.

    Kümmere ich mich wirklich nicht um meine Vorsorge?

    Momentan ist ja auch klar, warum wer in Altersarmut landet. Ich möchte mich hier nur mit einem dieser aus den neoliberalen Werkzeugkoffer entstammenden Argument beschäftigen, da es wieder unser Zukunftsdenken betrifft: “Viele Menschen beschäftigen sich erst zu spät mit der eigenen Altersvorsorge.”

    Natürlich ist in unserem Gesellschaftssystem jede einzelne Person selbst schuld, wenn sie in Altersarmut landet. Markus Grübel, mit Direktmandat aus Esslingen gerade wieder frisch in den Bundestag gewählter CDU-Mann, äußerte beispielweise in einer Podiumsdiskussion vor der Wahl sein Unverständnis darüber, dass nicht jede Person sich einfach in einem günstigen Moment eine kleine Eigentumswohnung zulegt; das sei doch eine super Vorsorge. Diesem Vorschlag würden sicher auch viele mit der FDP sympathisierende Menschen zustimmen. Und es ist sicher auch noch in anderen gesellschaftlichen Gruppen common ground. Und jede Person, die diese Vorsorge leichtfertig nicht betreibt – außer Leichtfertigkeit scheint es keine weiteren Gründe zu geben in diesem Happyland –, wird mahnend und seufzend darauf hingewiesen, dass es tja nun leider ihr eigenes doch so einfach verhinderbares Verspielen eines guten Lebens im Alter ist. Ohne money kein gutes Leben im Eigenheim, na klar. Ohne money kein gutes Leben im Bunker, na klar. Huch, hier vermischen sich ein Land und ein -ozän. Das Elfenland mit dem apokalyptischen Postkapitalozän. Welche Szenerie von beiden ist realistischer in etwa 29 Jahren?

    Im Elfenland wird mir suggeriert, dass ich eine leichtfertige Person bin. Dabei ist es doch so: Ich beschäftige mich gefühlt über alle Maßen hinaus, nämlich täglich mehrere Stunden mit lebenswerter Zukunft und Vorsorge! Mein Vorsorge-Konzept ist nur ein anderes. All mein Wissen und meine Erfahrung zu Klimawandel und Gesellschaft sagen mir: Je weniger wir gegen die Erderhitzung JETZT tun, desto hochrisikomäßiger wird es; für mein Eigenheim, für die Sicherung von so überlebensnotwendigen Dingen wie Wasser und Nahrung und für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, den mein Eigenheim benötigt, um mir ein Gefühl der Heimat und Geborgenheit vermitteln zu können.

    Szenarienentwicklung für mögliche Vorsorge-Arten

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    Bleibt alles, wie es ist? Die Beantwortung dieser Frage ist zumindest mal einfach: in gar keinem Fall. Unter gar keinen Umständen. “Change is Coming Whether You Like It or Not” is so true. Damit nicht alles ganz anders wird, müssten ab sofort die aktuell noch radikal klingenden Klimaschutzmaßnahmen in allen Bereichen umgesetzt werden. Dazu gehören nicht nur die bekannten Klimaschutzthemenfelder wie Energie-, Agrar-, Mobilitätswende und die immer noch viel zu oft paternalistisch-kolonial gedachten Klimagerechtigkeitsbestrebungen usw., sondern auch die Einführung eines feministisch ausgedeuteten BGE und (Lohn-)Arbeitszeitverkürzungen überall. Diesen Wandel sehe ich gerade nicht – zumindest nicht rechtzeitig – kommen. Also wird alles sehr anders werden. Und deswegen rechne ich nicht mit einer wie auch immer gearteten Rente. Wer sollte die denn zahlen? Alle Menschen, auch die jetzigen FDP-Erstwähler*innen, sind 2050 damit beschäftigt, eine klimawandelbedingte Katastrophe nach der anderen zu managen. Typische FDP-Wähler*innenjobs, die einstmals fiktives Zukunftsgeld in die Rentenkassen gespült haben, gibt es gar nicht mehr. Die Katastrophen schlucken nur Geld.

    Für mich geht es in einem Szenario ab dem Moment entweder in Richtung riesige Konzernmonopole, welche die neuen Weltenregulierer sein werden, indem sie sich alle Körper sowie Wasser- und Nahrungsquellen untertan machen; “ich wüsste niemanden, der sich selbst gehörte”, singt PeterLicht im bereits eingangs zitierten IPhone-Lied. Meine Freiheit, was ist dann mit meiner Wahlfreiheit, zittert und fiebert dann das neoliberal imprägnierte Freiheitsherz. Armes Herz, alles wird gut, es gibt dann in ihrer Gewaltanwendung ganz natürlich wirkende Entziehungskuren (jetzt habe ich zu viel genetflixt).

    Oder ein anderes Szenario (es gibt sicher noch viele andere; welche fallen euch ein?) wäre, dass kein neuer Wirtschaftszweig sich wettbewerbsträchtig wieder aus diesen und jenen Trümmern erheben kann, und somit gibts auch keinen Wettbewerb und keine Konkurrenz mehr. Alle Arbeit gilt der Sorge und dem täglichen Überleben, total nicht profitorientiert, waswardasnochmalwiesowardaswichtig, einfach nur existenzorientiert. Bei all dem Postventionieren (Verb von Postvention?) in einer irreversiblen Klimawandelrealität, bei all dem Geheile, Geräume und Gesorge um das Nötigste ist der einst systeminhärente Wachstumszwang aus dem Blick verloren worden. Neue Wirtschaftsformen sprießen aus dem Boden; dabei wird viel geseufzt: hätten wir doch früher mit dem Umbau angefangen, dann würden wir jetzt nicht derartig in der Patsche sitzen, in welcher das gute Leben und selbst “zerfetzte Freuden” (Donna Haraway) für sososo viele Menschen unmöglich oder zumindest noch viel seltener geworden sind.

    Ich schließe daraus:

    1) Wenn wir klimagerechtigkeitsmäßig nichts tun, dann wird alles anders: mir ist es absolut schleierhaft, wer oder was mir da eine Rente zahlen sollte. Die beste Altersvorsorge sind da wahrscheinlich immer noch eigene Kinder, die einem ab und zu einen Brei oder einen Bratapfel hinter den Ofen reichen. (Grimm’sche Märchen wie “Der alte Großvater und der Enkel” haben mich nachhaltig geprägt, merke ich gerade.)

    2) Wenn wir klimagerechtigkeitsmäßig jetzt alles alles tun, was in unseren Möglichkeiten und Fähigkeiten steht, dann wäre darin inbegriffen, dass wir uns in 29 Jahren bereits auch in ein neues Gesellschaftssystem hineinentwickelt haben bzw. uns mitten in der Transformation befinden. In diesem würde bereits mitgedacht werden, dass das menschenwürdige Sorgen für die Alten auch anders “finanziert” – sagen wir besser – organisiert werde müsste als momentan.

    3) Im ersten Fall gehe ich nur von “privater” Armut aus. Was diese schleichenden klimawandelbedingten Veränderungen jedoch mit der Gesellschaft macht, die es nicht geschafft hat, sich aus Kapitalismus und Imperialismus und Patriarchat hinauszubewegen, das steht dann nochmal auf einer anderen Karte, und was auf der steht, das lese ich jetzt nicht vor; den Inhalt überlasse ich jeder einzelnen apokalyptisch-dystopischen Seele, die wohl in jedem Menschen mehr oder weniger laut vorhanden ist.

    Wie ich es auch drehe und wende: ich habe keine Ahnung, wie und wo ich mit 71 Jahren leben werde. Konnte ich “privat” vorsorgen? Lebe ich mit meinem Mann dann in Argentinien, und versuchen wir gerade, unsere Töchter aus irgendeinem Katastrophengebiet (sie wollten ja nicht auf uns hören!) zu uns einfliegen zu lassen, koste es, was es wolle? Oder sitze ich im einst elterlichen Haus an der Ostsee und haben wir die Biege gerade noch bekommen: Haben wir Demokratie gestärkt, indem neue demokratischere Gesellschaftsformen ausprobiert werden? Halten die Deiche und Dämme? Halten wir die Erderhitzung gerade noch so in den Grenzen des Menschlichen? Probieren wir neue Wirtschaftsformen aus, in der alle Menschen bekommen, was sie zum Leben brauchen? Wie soll das denn bitte gehen? In nur 29 Jahren? Argentinien ist da wesentlich wahrscheinlicher, höre ich es in meinem ersten Seelenteil murmeln und grummeln.

    Bestes Vorsorge-Paket: Das Erreichen sozialer Kipppunkte verhindert Kipppunkte im Klimasystem

    Vielleicht ist an dieser Stelle der Ruf nach Selbstwirksamkeit angebracht. Ulrich Schnabel lässt seinen am 23.09. in Der ZEIT erschienenen Artikel “Und wir ändern uns doch” folgendermaßen enden: “Statt mit langsamen, graduellen Entwicklungen in der Gesellschaft zu rechnen, sollten wir uns darauf einstellen, immer wieder von (sozialen) Kippmomenten überrascht zu werden. Denn entschlossen handelnde Minderheiten haben mehr Macht, als man ihnen für gewöhnlich zutraut. Zugleich widerlegt die Kipppunktforschung den Glauben, wir seien alle nur unbedeutende Rädchen in einem globalen Getriebe. Im Gegenteil, die Modelle zeigen: Der Mensch wird nicht nur verändert, er verändert auch selbst. Wirklich? Auf mich als kleinen Rädchen soll es ankommen? Ja, genau. Wenn günstigen Bedingungen zusammenwirken, kann tatsächlich jede Einzelne und jeder Einzelne etwas auslösen.” [Keine sonstwie neue Erkenntnis für schon länger Beziehungsweise Weiterdenken-Lesende und Schreibende, siehe z.B. hier.]

    Ich sehe schon, wie jetzt einige Leser*innen wieder “Aha” sagen und “Da ist er wieder, der Appell zum politischen Aktivsein, ohne den kein Artikel von Anne mehr auskommt”.

    Wahrscheinlich ist es auch so. Und auch heute stelle ich eine Frage, aber mit dieser endet das Gedankenspiel noch nicht:

    Welche Vorsorge – unsere Kinder, also die nächste Generation, und vielleicht auch bis zur siebten Generation nach uns mit eingedacht – ist eine, die ein gutes Leben für alle Würderträger*innen dieser Welt am ehesten sichern könnte?

    Vorsorge für den Erhalt unserer Lebensgrundlagen! Richtig! Wasser, Luft, Nahrung, ein Dach über dem Kopf, Ruhe und Schlaf, Kunst und Kultur, Sicherheit und Schutz, Sinn, (auch weltliche) Zugehörigkeit, Gesundheitliche Versorgung.

    Wie geht das, wie können wir diese Vorsorge betreiben? Sobald der Kopf mal ordentlich durchgepustet wurde und die stickige imperial-kolonial-kapitalistisch-patriarchale Luft ausm Gehirn auf Nimmerwiedersehen davongeflogen ist, nehmen wir plötzlich Dinge wahr, die jetzt schon in ebendieser Gesellschaft (denn zum Glück ist ja nicht alles patriarchal ausstaffiert und auch die Grundierung wird an einigen Orten bereits fleißig abgeschliffen; das Patriarchat ist zu Ende usw.) in diese Richtung betrieben werden, stehen hier nicht mehr nur Fragezeichen.

    Bei den Fragezeichen bleiben gerade ZEIT-Journalist*innen nur allzu gerne stehen; z.B. letztens wieder Bernhard Pörksen in “Aufmerksamkeitscrash” am 23.9.21, wenn er u.a. fragt: “In welcher Diskurs- und Medienumwelt wäre eine visionäre Zukunftserzählung möglich, die der Realität der Klimakatastrophe tatsächlich gewachsen ist?” Er bietet der Leser*in daraufhin schöne-Worte-Antwortmöglichkeiten an, an die er selbst nicht glaubt, aber sicherlich schön formuliert findet, und lässt seinen Artikel mit dem Satz enden: “Bloß nicht zu genau hinschauen.” Ins Feuer, meint er. Am Rande des Highways, knapp 100km nördlich von Los Angeles. Boah, da bin ich geplättet, Applaus Applaus, mutig nicht-weitergedacht.

    Bernhard Pörksen, schau mal genau hin, da gibt es schon ganz viel im Angebot, das nicht nur schöne leere Worthülsen sind: hier findest du Ina Praetorius’ Plädoyer fürs postpatriarchale Durcheinander, da hinten Luisa Muraros Auf dem Markt des Glücks, dann dort siehst du Donna Haraways Unruhig bleiben leuchten, und gleich daneben Gabriele Winkers Zusammendenken von Klima und Care in Solidarische Care Ökonomie (2021). Und hier in diesen und vielen vielen weiteren Denkhallen einer neuen symbolischen Ordnung, nach der du ja irgendwie fragst, ermüdest du auch nicht in bürgerlich-dandyhafter Ennui-Manier, verloren im nichtssagenden schöne-Worte-Gestrüpp, sondern hier sind ganz klare Gewächse genannt und beschrieben, die bereits jetzt tentakelhaft in eine neue Gesellschaftsform hineinranken; über ein freudvolles Eintauchen in eine neue symbolische Ordnung, in neue Sinnzusammenhänge, eine weltlich verbundene Philosophie und Technik-Ausrichtung und somit auch in eine weltlich geerdete, von Liebe triefender Diskurs- und Medienumwelt (Mithu Sanyal z.B. hier), ein feministisch gedeutetes BGE bei gleichzeitiger rigoroser Lohnarbeitszeitverkürzung, um Zeit freizumachen für planetare Sorge-Tätigkeiten usw. usf.

    Aber wie diese Ansätze unters Volk und zu Bernhard Pörksen bringen, wie das alles in der nur noch so kurzen verbleibenden Zeit bis zur Irreversibilität der Veränderung ökologischer Systeme anrühren und umsetzen? Alle müssen mit anpacken, um unser Wirtschaften in die planetaren Grenzen zu katapultieren. Die beste Vorsorge ist somit diese: dafür zu sorgen, dass wir Menschen uns in die planetaren Grenzen verlieben, sie ehren und achten; all unser Vermitteln, Forschen, Erfinden, Demonstrieren, Pflanzen, Bewahren sollte sich nur noch innerhalb der planetaren Grenzen abspielen. Da kann dann auch kein Mensch mehr sagen: “Och nö, Klimaarbeit ist nicht so mein Ding”, weil mensch ja die planetaren Grenzen liebt und Liebe… ja Liebe… verändert Perspektiven und nicht ganz selten auch den Bezugspunkt, den Gegenstand der Liebe.

    In der Forschung zum Erd-System sind die Kipppunkte der pure Horror. Aber ich mag die Idee mit den sozialen Kipppunkten. Deswegen bin ich felsenfest davon überzeugt: wenn jede Person dazu beiträgt, dass ein möglicher Kipppunkt hier oder da erreicht wird, dann vergrößert sich die Chance auf viele Kipppunkte in unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen.

    Vorsorge durch “making the world a better place”

    Klar, was soll das sein, wie könnte das gehen, usw. usf., das ist wieder viel Pionierarbeit, oder Arbeit, die Einzelne schon immer getan haben, ohne je dafür notwendige und adäquate soziale Resonanz bekommen zu haben. Aber vielleicht ist es jetzt soweit? Wer weiß das schon? Woher die Zeit und andere notwendige Ressourcen nehmen, solange das BGE noch in der Ferne am Horizont schimmert? Vielleicht wäre ein erster Schritt, vom “alten” Begriff der Vorsorge abzulassen und die so freiwerdende Energie und Kapazitäten und natürlich auch money in eine klimarealistische Vorsorge zu investieren. Keine Person darf mehr glauben, dass ein Eigenheim für sich selbst oder die eigenen Kinder vor Flutkatastrophen, Wasser- und Nahrungsknappheit und Kriegen beschützt. Denn fehlt nur eines der eben aufgelisteten Dinge, die wir Menschen zum (guten) Leben brauchen, dann sorgt auch ein isoliertes, scheinbar gesichertes DachüberdemKopf nicht mehr für Sicherheit.

    Vielleicht kommen dann auch Silicon Valleys “verrückt gewordene” (Suzy McKee Charnas) Vorsorge-Planer von Bunkern, Augenlasereien, Robotersoldat*innen (why not Gendersternchen; spätestens seit Marge Piercys Er, sie und es weiß ich, dass das Geschlecht auch hier nicht egal ist) in eine wieder weltliche Umlaufbahn des Zukunftsdenkens zurück und investieren – wie Rushkoff schreibt – lieber in “making the world a better place” anstatt in “just one thing: escape”.

    Und zugegeben: für mich klingen die noch bestehenden bürgerlichen Gewissheiten einer “privaten, betrieblichen und/oder staatlichen Altersvorsorge” bereits nach “alte Welt”; einer elfenländischen Zukunftsvorstellung. Sie sind mir mittlerweile fremder als die imaginären Bunker-Flucht-Escape-Room-Vorstellungen (deren Überlegungen tatsächlich auch so weit gehen, in Betracht zu ziehen – ach so süß, sozial und empathisch! –, auch die Familien ihrer Flugmaschinen-Pilot*innen mit in den Bunker nehmen!).

    Mein Lösungsvorschlag wäre: aktiv dafür sorgen, dass es auch ein gutes Leben in einer sich durch Klimawandel verändernden Welt geben kann. Donna Haraway lässt in ihren “Camille Geschichten” am Ende von Unruhig bleiben ihre Erzählerin aus der Zukunft berichten, dass es neben dem ganzen Tod und Aussterben auch “über das Jahr 2400 hinaus” Menschen gab, die “die zerfetzten Freuden des normalen Lebens und Sterbens genossen”. Dieser Gedanke beruhigt mich. Und aktiviert mich zugleich. Denn damit das stattfindet, muss ich pi mal Daumen 80% meiner Zeit in das gute Leben für alle stecken. Und die 20 restlichen Prozent? Die darf ich dann ja wohl in Prepp-und Trash-Gedanken stecken. Ich bin ja auch nur ein Kind meiner Zeit.

    Jetzt Regen im Sommer 2050 wahrscheinlich machen, ist Vorsorge

    Wie wärs mit folgenden drei Beispielsätzen zu “Vorsorge” im Jahr 2050:

    1. Die Vorsorge für das Pensionsalter bestand in der Sicherung und dem einfachen und bedingungslosen Zugang zu sauberem Grundwasser für alle Würdeträger*innen dieser Welt, inklusive Baum und Fuchs.

    2. Falls es im Sommer meines 71. Geburtstagjahres regelmäßig regnen sollte, haben anscheinend die gesellschaftlichen Vorsorge-Aktivitäten geholfen.

    3. „Ich entdeckte nämlich ein Mittel gegen Leichtfertigkeit, und zwar die Vorsorge.“

    Der dritte Satz kann dann in einem neu gesetzten Gesellschaftsrahmen auch so stehenbleiben.

    Ein Rutger-Bregman-Satz aus dem Text hallt in mir noch nach: “Wir fangen gerade erst an zu existieren.” Ich frage mich: In wie vielen Jahrhunderten oder Jahrtausenden wäre in dieser Logik dann folgender Satz gerechtfertigt: “Jetzt existiert die Menschheit doch schon eine ganze Weile.”

    Zum Schluss raune ich meinen Eltern noch ein paar beruhigende Worte zu, falls diese den Text lesen: Bleibt in eurem Traumhaus wohnen, bis ganz zum Ende, vielleicht kommen all die Sintfluten ja auch erst nach euch. Aber sorgt ebenfalls für soziale Kipppunkte, nutzt eure Energie und eure Stärke und eure Liebe dafür. Und erzählt euren Enkelkindern vom Leben im Umbruch, das im Klimarealismus angekommen ist, nehmt es bewusst wahr, seht alles klar und deutlich; es muss Chronist*innen dieser Zeit an diesem wunderschönen und so gefährdeten Ort geben, an dem ihr wohnt.

    Auch wenn Donna Haraway am Ende ihres Buches nochmal viele ihrer Wortneuschöpfungen und -kompositionen aufführt, die den Abschnitt eventuell nicht ganz verständlich machen, so möchte ich ihn hier doch nochmal anbringen. Denn ich glaube, auch ohne dass jedes Wort und der Kontext klar ist, wird deutlich, worum es geht:

    “Die SprecherInnen für die Toten haben auch den Auftrag, die neuen Dinge auf der Erde in die Köpfe und Herzen zu bringen. Sie erzählen nicht nur von Symbionten und Symanimagenen, von ihren Gemeinschaften und Korridoren, sondern auch von den entstehenden Wesen und Lebensweisen einer sich immer weiterentwickelnden Heimatwelt. Die SprecherInnen für die Toten setzen Energien des vergangenen, des aktuellen und des zukünftigen Chthuluzäns [das Chthuluzän folgt gemäß Haraways Utopie auf das Kapitalozän] frei, mit seinen unzähligen Tentakeln (…). Die Kinder der Kompostisten werden an der vielschichtigen, neugierigen Praxis des Mit-Werdens mit anderen festhalten: für eine bewohnbare, aufblühende Welt.” (S.229)

    Foto: Manfred Pellmann
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    Leuchten für Fortgeschritte: Neue Internetseite für Frauen ab 47 https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/09/leuchten-fuer-fortgeschritte-neue-internetseite-fuer-frauen-ab-47/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/09/leuchten-fuer-fortgeschritte-neue-internetseite-fuer-frauen-ab-47/#respond Sat, 25 Sep 2021 16:19:31 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17869

    „Palais F*luxx – Leuchten für Fortgeschrittene“ ist der Name einer neuen Internetseite, die sich speziell an ältere Frauen (über 47) richtet. Mit viel Elan haben die Macherinnen rund um die Journalistin Silke Burmester erst im März damit angefangen und bereits eine beeindruckende Palette von Aktivitäten auf die Beine gestellt: Neben Artikeln zu den unterschiedlichsten Themen gibt es auch regelmäßige Einladungen zu Treffen – online wie vor Ort – und einen Podcast.

    Auf das Palais aufmerksam gemacht hat mich unsere Autorin Anne Lehnert, die auch für Palais F*luxx schreibt. Sie war es auch, die den Kontakt zu Anja Görz hergestellt hat, die den F*luxx-Podcast verantwortet und mich kurzerhand für die aktuelle Folge zu bzw-weiterdenken.de befragt hat: Hier könnt ihr den Podcast, in dem es noch um andere interessante Themen geht, anhören.

    Natürlich lohnt es sich ebenfalls, auf den anderen Seiten des Palais zu stöbern. Wir freuen uns über den Zuwachs im feministischen Internet-Kosmos und wünschen den Kolleginnen drüben viel Erfolg!

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    Aus dem Leben einer jungen Frau https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/09/aus-dem-leben-einer-jungen-frau/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/09/aus-dem-leben-einer-jungen-frau/#comments Thu, 23 Sep 2021 19:16:56 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17749

    Zu viel denken = grübeln. Wo führt das hin? In die Absurditäten des modernen Lebens. Nina Kunz, Jahrgang 1993, beschreibt in ihren Kolumnen für das Magazin des “Tagesanzeigers”, der “Zeit”, wie sich das Leben einer jungen Frau anfühlt, welche Gedanken ihr durch den Kopf gehen, wie sie von ihrem Smartphone beherrscht? getrieben? abgelenkt? wird – oder eben auf neue Ideen gelenkt wird.
    Diese Kolumnen fasste der Verlag Kein&Aber in einem Buch zusammen.  Schon die Titel locken: Wursteln, Summa cum gaudi, Kontrollsimulation, Happychonder, Seitentriebe, Newstalgia…
    Vielfach wurde Kunz durch ihre intensive Leselust angesprochen, auf eigene Gedanken gelenkt. Es ist alles immer vielfältig, endlos können die Gedanken abschweifen – doch gelingt es Kunz ihre Überlegungen gezielt einem Ende zuzuführen. Meist einem guten, auch wenn in den Zwischenräumen Depressives, Frustriertes, Belangloses, Langweiliges auftaucht. Der langen Weile gibt sie Raum, denn darin tauchen Gedanken auf, die weiter führen, Neues eröffnen.

    „30 Texte zur Gegenwart“ wirbt der Verlag auf dem Umschlag. Ja, so ist sie unsere gegenwärtige Welt und dank der freien, flotten, frischen Sprache der Autorin, komme auch ich als Leserin auf andere Gedanken. Auf gut zwei Seiten beispielsweise stellt Kunz die Donut-Ökonomie der britischen Ökonomin Kate Raworth dar: wir brauchen eine Wirtschaft, die unser Wohlergehen fördert, unabhängig davon, ob sie wächst oder nicht. (S.141) Der innere Ring des Donut steht für das Minimum an Grundrechten, der äussere Ring für die Grenzen der Natur. Anfangs wurde die Idee als utopisch belächelt, inzwischen gibt es Städte, die danach handeln wollen.

    Auf 14 Seiten präsentiert Nina Kunz ihre Sommerlektüre: die zehn wichtigsten feministischen Bücher: sie wollte herausfinden, ob der Feminismus wirklich zu weit gehe, wie ihm gern vorgeworfen wird. Fazit: Ja! Und zwar ein zustimmendes, begeistertes «Ja, natürlich geht der Feminismus zu weit. All die Forderungen, die in diesen Büchern stehen, gehen zu weit. Die Entstigmatisierung von Sexarbeit, die Abschaffung der Geschlechterrollen, das Umdenken der Art, wie wir sprechen – all das sind utopische Forderungen. Noch…Denn nur so gibt es Veränderung.» (S. 132)

    Diese das Bewusstsein bereichernde Lektüre spornt an.

    Nina Kunz: Ich denk, ich denk zu viel, Kein &Aber, Zürich/Berlin 2021, 189 Seiten, 20 €.

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    Arbeit am Weltinnenraum https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/09/arbeit-am-weltinnenraum/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/09/arbeit-am-weltinnenraum/#comments Mon, 20 Sep 2021 09:39:00 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17845 Eva von Redecker: Revolution für das Leben. Philosophie der neuen Protestformen in Verbindung mit dem ABC des guten Lebens

    Feminismus, Antikolonialismus, Klimagerechtigkeit, nachhaltige Landwirtschaft, Solidarität in Beziehungen, Reproduktion und Arbeitsorganisation ‒ in ihrem Buch Philosophie für das Leben verbindet Eva von Redecker viele Themen, die mir wichtig sind. Sie analysiert die herrschenden kapitalistischen Machtverhältnisse als Ursache vieler Ungerechtigkeiten und stellt ihnen die Utopie einer sozialistischen Gesellschaftsordnung gegenüber, die das gute Leben aller Lebewesen ermöglicht. Diese sieht sie anfanghaft verwirklicht in den Protesten gegen die Unterdrückung und Ausbeutung von Menschen und Umwelt wie Black Lives MatterNi una menos und Ende Gelände.

    Die Kapitalismuskritik im ersten Teil des Buches möchte ich hier nicht wiedergeben. Mehr als die Kritik der bestehenden Ungerechtigkeiten interessieren mich die Praktiken zu ihrer Überwindung und das, was sich darin schon an Veränderung zeigt. Dabei möchte ich mich auf zwei Dinge konzentrieren: Erstens faszinieren mich die Bilder, die von Redecker übernimmt und weiterspinnt, wenn sie im zweiten Teil des Buches beschreibt, wie wir vom jetzigen, in vieler Hinsicht kritikwürdigen Zustand zum gewünschten guten Leben kommen und wo das erhoffte und ersehnte gute Leben für alle heute schon da ist. Unverbrauchte Bilder und neue Begriffe lassen das Neue überhaupt erst sichtbar werden.
    Zweitens sehe ich im Ziel eines guten Lebens für alle wie auch in den Praktiken, die Eva von Redecker als Überwindung der herrschenden Verhältnisse beschreibt, Parallelen zum ABC des guten Lebens. Daher möchte ich das Buch dazu in Beziehung setzen.

    1. Übersprudelndes Leben

    Im Kampf der Black Lives Matter-Bewegung dafür, dass alle leben und atmen können, sieht Eva von Redecker das „übersprudelnde, unvergitterte Leben“, das sich Bahn bricht. Mit dem von Alicia Garza übernommenen Begriff der „effervescence“ beschreibt sie die Entstehung von Freiheit: Sie sei kein Gut, das sich von oben nach unten umverteilen lassen, sondern jeder Verbesserungsversuch müsse bei den Leben mit den größten Schwierigkeiten beginnen. „Befreiung riesele nicht hinab, sie steige auf.“ Dieses Bild verbindet von Redecker mit dem Ausspruch von Ruth W. Gilmore, „Where life is precious, life is precious.“ Sie übersetzt ihn als „Wo das Leben heißgeliebt ist, ist es kostbar,“ und führt den Gedanken weiter: „Wo das Leben kostbar ist, ist es köstlich.“ (S. 169)

    Mich lässt dieses Bild einerseits an etwas Organisches und Lebendiges denken, an Gasblasen, die aus dem Schlamm eines Teiches aufsteigen, und auch an die Luftblasen, die beim Tauchen aufsteigen ‒ und andererseits an die Kohlensäure, die im Sekt perlt und schäumt. Es drückt also sowohl die Rettung des Lebens, das Atmen aus, wie auch die Feier des Lebens.

    Im ABC des guten Lebens finde ich dazu als Entsprechung, dass sowohl körperliche Bedürfnisse und die generelle Bedürftigkeit der menschlichen Existenz ernst genommen als auch Fülle, Genuss und Schönheit und die Kostbarkeit des Lebens gefeiert werden. „Ein körperliches Wesen, jeder Mensch also, braucht Luft zum Atmen, Wasser zum Trinken, Früchte zum Essen, Sonne und Feuer, um sich zu wärmen.“ (S. 91)

    2. Weltverwobenheit

    Eva von Redecker bezieht sich auf Hannah Arendts Vita activa und beschreibt, dass menschliche Freiheit darin liege, gemeinsam mehr zu vermögen als alle Einzelnen zusammen, nämlich zu Neuanfängen fähig zu sein. (S. 140) Das Wunder des Handelns bedeute keine Wiederverzauberung der Welt, sondern deren Wiederannahme. (S. 155) „Dass niemand ohne die Arbeit von anderen leben kann, wird zur Grundlage einer Freiheit, die viel weiter reicht als jede ‚wirtschaftliche Unabhängigkeit.‛ [Meine Gegenüber] erleben das menschliche Vermögen, umeinander wissend zu schaffen und zu genießen. Das macht uns gemeinsam frei.“ (S. 218)

    Mit Olga Tokarczuk teilt von Redecker die Hoffnung auf neuartige Erzählkünste, in der Vorstellung, uns auf neue Art den lebendigen Kreisläufen widmen zu können und die Geschichte unserer speziellen „Weltverwobenheit“ erzählen zu können. (S. 153-156)

    Dass das Anfangen und das Einweben eigener, neuer Fäden in das Gewebe menschlicher Beziehungen immer möglich ist, jeden Tag und jeden Moment, und dass das menschliche Leben immer Freiheit in Bezogenheit ist, dass also Abhängigkeit immer zum Menschsein dazu gehört, diesen Gedanken von Hannah Arendt greift auch das ABC des guten Lebens auf. Statt von Weltverwobenheit spricht es von der Matrix, in die hinein wir geboren werden.

    3. Streikend forschen

    Frauen*streiks wie die argentinische Bewegung Ni una menos beschreibt von Redecker als befreiende Praxis, und als Forschungsinstrument.

    „Jede Einzelne wird mit der Frage konfrontiert: ‚Wie streikst Du?‛ Welche herrschaftsdurchsetzten Tätigkeiten kannst Du Dich zumindest einen Tag lang weigern auszuführen, welchen Erwartungen trotzt Du, welche Selbstverständlichkeiten durchbrichst Du?“ (S. 206)

    Dass die Frage nach dem „Wie“ offen gehalten werde, erlaube die Einsicht, dass gerade das, was man am liebsten bestreiken würde, vielleicht einfach nicht ausgesetzt werden kann, zum Beispiel die Kinderbetreuung oder die Arbeit auf der Intensivstation. Indem die Frauen sich den Wunsch zu streiken eingestehen, sei es möglich, eine gesellschaftliche Veränderung einzufordern, die die Bedürfnisse der Arbeitenden und die der auf die Arbeit Angewiesenen gemeinsam an die erste Stelle setze. So öffne gerade der unmögliche Streik die Frage, wie die gesellschaftliche Sorge für das Leben aussehen solle. (S. 206/207)  Von Redecker spricht von einer „Ökonomie der Fülle,“ einer Unerschöpflichkeit, dadurch, dass Geben und Nehmen ineinander aufgehen, von Überfluss statt Mangelwirtschaft. (S. 219)

    Den Blick auf die Notwendigkeit und Konfliktbeladenheit von Care-Tätigkeit wie auch auf die Betonung der Fülle statt des Mangels finde ich auch im ABC des guten Lebens. Ebenso auch die positive Sicht auf den Konflikt als Möglichkeit, Lösungen zu finden, die bisher nicht sichtbar waren. Der Begriff der Daseinskompetenz verweist darauf, dass „Grundkenntnisse der Muttersprache, der Moral, der Hauswirtschaft und des geordneten Zusammenlebens“ keine Selbstverständlichkeit sind, sondern von Müttern und anderen, vor allem Frauen, vermittelt werden. (S. 43-45)
    Das Negative ist ebenso wichtig: im richtigen Moment auch Nein zu sagen.

    4. Sich spiegelnde Bedürfnisse – Verwurzelung

    Simone Weils Verankerung der Pflichten des Menschen in den menschlichen Bedürfnissen greift Eva von Redecker auf, möchte sie aber nicht als überzeitliche Gegebenheiten sehen. Stattdessen beschreibt sie eine dynamischere, irdischere Solidarität, die

    „nicht auf eine externe Quelle unendlicher Güte [rekurriert], sondern auf die unerschöpfliche Wechselseitigkeit, die sich ergibt, wenn die Erfüllung deiner Bedürfnisse mir selbst zum Bedürfnis wird, sich Bedürfnisse also ineinander spiegeln, anstatt Pflichten zu begründen.“(S. 245)

    Eine solche Vorstellung von Solidarität erkennt von Redecker in Simone Weils Beschreibung eines „über alles andere hinausreichenden Bedürfnisses nach Verwurzelung, als Teilhabe eines Menschen an einer Gemeinschaft.“ Dieses Bild der Verwurzelung findet sie wieder in einer Broschüre der Bewegung Ende Gelände, die die Organisation als Wurzelwerk beschreibt, das die Aktionen als Blüten der Bewegung möglich macht und zugleich ein Bild dafür ist, wie die Mitglieder der Bewegung in Zukunft miteinander leben wollen. (S. 246)

    Eine solche Wechselseitigkeit wird im ABC des guten Lebens in verschiedenen Kontexten angesprochen: im Bedürfnis nach Zugehörigkeit und gemeinsamen Engagement für ein gutes Leben, in der Unverzichtbarkeit, das Notwendige zu tun und auch der, das Notwendige öffentlich sichtbar zu machen – und in der Differenz und im Dazwischen, die Personen ebenso trennen wie verbinden, sowie der Aufmerksamkeit für verschiedene Arten und Dimensionen der Liebe, als Anziehung zwischen Menschen, die gepflegt und kultiviert werden kann.

    5. Einander zur Welt bringen: Gabentausch und „anonyme Liebe“

    Beim Nachdenken über Alternativen zum Markt jenseits von staatlicher Planung betrachtet von Redecker zunächst das Schenken und den Gabentausch. Hier arbeitet sie heraus, unter welchen Bedingungen sich die Gefahr einer Überbietungsspirale oder Äquivalenzlogik vermeiden lässt. Dafür sei eine Haltung nötig, die eine Gegengabe immer als Neubeginn sieht, statt als Bezahlung. Diese betrachte nach dem französischen Phänomenologen Paul Ricoeur das zweite Geschenk als „zweite erste Gabe“ und begleiche somit nicht eine Schuld, sondern bestätige eine Beziehung. Sie beschreibt es als notwendig, sich in einer „Selbstprüfung der Freigebigkeit“ ehrlich zu fragen:

    „Kann ich mich von diesem Ding wirklich trennen? Kann ich es vorbehaltlos aufgeben? Nicht in Erwartung von Gegenleistung, nicht um meinen Geschmack bestätigt zu sehen, nicht mal darauf spekulierend, meinem Gegenüber definitiv eine Freude zu machen? Kann ich dieses Gut, diesen Zeitaufwand als wahren Überfluss ansehen, den ich ohne Vorbehalt freisetze?“ (S. 254)

    Um gleich selbst eine negative Antwort zu geben, jedenfalls in einer Welt der Ausbeutung und Verwertung. Nicht frei geben zu können, offenbare jedoch keine mangelnde Großzügigkeit, sondern „einen Mangel an wirklich solidarisch geteilten Ressourcen in der Welt.“ (S. 254) Es gehe nämlich nicht darum, Opfer zu bringen, sondern wirklich etwas übrig zu haben, und erst in diesem Überfluss zeige sich wahrer Reichtum. 

    In einem zweiten Schritt erkennt von Redecker einerseits den „Genuss und Gestaltungsspielraum solidarischer Beziehungsweisen“ an, gibt aber andererseits zu bedenken, dass die „reziproke, persönliche Form des bedürfnisorientierten Güterverkehrs“ ein hohes Maß an Kommunikation und Zuwendung erfordert und fragt: „Wollen wir wirklich in jedem Arbeits- und Verteilungsvorgang so viel Wärme aufbringen?“ (S. 255)

    Als Lösung für das Problem fordert sie die „Ermöglichung solidarischer Abstandnahme“ durch eine „Infrastruktur, die dem individuellen Distanzbedürfnis gerecht wird.“ (S. 256) Überschrieben ist dieses Kapitel mit „Anonyme Liebe“, und Eva von Redecker beendet die Beschreibung dieser technischen Lösung mit den Sätzen: „Wir könnten einander zur Welt bringen. Wir könnten einander die Welt bringen.“ (S. 259) Das Pathos dieser grundsätzlich wahren Formulierung überrascht mich etwas, wenn es um Waren- und Güterströme geht und von Redecker letztlich, so scheint es mir, für einen cleveren Versandhandel wirbt, der digitale Möglichkeiten und Algorithmen nicht zur Profitmaximierung, sondern zur passgenauen (und datenschutzkonformen, da anonymisierten) Erfüllung individueller Bedürfnisse nutzt. (S. 259-262) 

    Ihre Suche nach einem größeren Maßstab und größeren Linien und der Versuch, die Bedürfnisbefriedigung von persönlichen Beziehungen zu trennen und durch technische Möglichkeiten und Algorithmen zu lösen, hat ein utopisches Moment, das ich sehr spannend finde. Allerdings sehe ich eher die Gefahr, dass es in Dystopie umschlägt, und auch die Gefahr von Kontrolle, Verfügbarkeit und Fremdbestimmung. Vielleicht bin ich zu skeptisch, stelle mir unter Bedürfnissen nur Konsumwünsche vor und sehe die Nutzung von Algorithmen und Datenmengen nur als Gefahr für persönliche Freiheit und Unabhängigkeit. Vielleicht liegt das daran, dass ich „warme“, kommunikative Bezüge im Kleinen positiv bewerte und Konflikte dabei in Kauf nehme. Notwendig ist vermutlich eine Kombination, da sich alle Bedürfnisse gar nicht im Nahbereich erfüllen lassen – und Politik und Wirtschaft diese größeren Zusammenhänge immer schon im Blick haben.

    Im ABC des guten Lebens wird ein ähnlicher Unterschied gemacht zwischen der Welt der Gabe und der Welt des Tausches und des Verhandelns als unterschiedliche Arten, das Geben und Nehmen zwischen Menschen zu gestalten. Betont wird die Freiheit des Aktes des Gebens und die freie Wahl zwischen Schenken und Tauschen. Zwar legen die Autorinnen Wert darauf, den Tausch nicht einseitig negativ zu werten und der Welt der Männer zuzuordnen, doch stellen sie die Bedeutung des Schenkens und Gebens heraus, gerade auch in Politik und Wirtschaft. Eine Parallele zu von Redeckers Bedürfnis nach anonymeren Beziehungen zeigt sich in der Hervorhebung der Freiheit des Tauschens und Verhandelns, das größere Unabhängigkeit gewähre.

    „Zur Welt zu bringen“ bedeutet wörtlich, wie es der Artikel zu Geburt/Geburtlichkeit im ABC des guten Lebens beschreibt, ein Kind zu gebären und in das Bezugsgewebe einzubinden, wo es Zugehörigkeit, Behausung, Care und Freiheit in Bezogenheit erfährt. Daneben ist dieses Bild natürlich offen für weitere Akte des gegenseitigen Einbindens in die Welt. Einen etwas anderen Akzent setzt die Betrachtung des Unvorhersehbaren, das dem menschlichen Dasein zwar eine gewisse Angst beschert, aber auch zum kühnen Handeln befreien kann: auch ungewöhnliches Begehren in die Welt zu bringen, dabei allerdings Vorsicht walten zu lassen in Bezug auf neue Technologien. (S. 136)

    6. Karte und Atlas: Weltwahrende Zwischenräume und Beziehung zu den Dingen
    Eine neue Beziehungsweise auch den Dingen gegenüber sieht Eva von Redecker in den Worten der kanadischen Schriftstellerin Leanne Betasamosake Simpson darüber, was es für sie als Nishnaabekwe bedeute, in Freiheit zu leben: „dass es [ihrem] Urenkel möglich sein wird, sich in jedes Stück [ihres] Territoriums zu verlieben.“ (S. 264) Der indigene Widerstand gegen Öl-Pipelines habe eine aufschlussreiche Perspektive wegen der langen Erfahrung an der Schnittstelle von konstanter Enteignung und kollektiver Erinnerung alternativer Praktiken. (S. 269)

    Simpson spricht von der Aufgabe, alle Verluste in eine Karte einzutragen als Verpflichtung gegenüber der kommenden Generation. Diesen erzählenden Nachvollzug, der über die koloniale Logik hinausweist, führt Eva von Redecker weiter mit dem Bild von Atlas, dem aufgegeben ist, das Himmelsgewölbe zu stützen: Er trägt die Verantwortung der „Weltwahrung“ zwischen den Generationen. Eine solche Haltung der Weltwahrung brauche kein Eigentum, sondern benötige „einen Standort, von dem aus sie ihrer Verpflichtung gegenüber anderem Lebendigen gerecht werden kann“. Diese sorgende Einstellung sei keine Aufopferung und brauche auch keinen Altruismus. Weltwahrung sei vielmehr, aufgrund der Abhängigkeit von den planetaren Lebensgrundlagen „eine Form der Selbsterhaltung […], die die Abhängigkeit von anderem Leben offen zugeben kann und deshalb keiner Herrschaft bedarf“. „Weltwahrende Zwischenräume“ gebe es in nahezu jedem Leben.(S. 274)
    Was das konkret bedeuten kann, zeigt von Redecker am Gedicht der englischen Dichterin U. A. Fanthorpe:


    Atlas

    There is a kind of love called maintenance
    Which stores the WD40 and knows when to use it;

    Which checks the insurance, and doesn’t forget
    The milkman; which remembers to plant bulbs;

    Which answers letters; which knows the way
    The money goes; which deals with dentists

    And Road Fund Tax and meeting trains,
    And postcards to the lonely; which upholds

    The permanently rickety elaborate
    Structures of living, which is Atlas.

    And maintenance is the sensible side of love,
    Which knows what time and weather are doing
    To my brickwork; insulates my faulty wiring;
    Laughs at my dryrotten jokes; remembers
    My need for gloss and grouting; which keeps
    My suspect edifice upright in air,
    As Atlas did the sky.
    (U. A. Fanthorpe: Collected Poems, Norwich 2015, S. 340, zit. nach Eva von Redecker)

    Das Gedicht zeige die „herrliche profane und nüchterne Liebe die nichtsdestotrotz die Welt zusammenhält“ und „was es heißt, wenn Sorge und Solidarität den Umweg über die Dinge nehmen.“ Man bejahe sich nicht nur wechselseitig und in seinem menschlichen Wesen, sondern als Teil einer Welt. Von Redecker stellt diese Sorge – wie sicher auch vom Gedicht intendiert – in einen größeren Zusammenhang, der von der Sorge für ein altes Haus zur Sorge für einen angeschlagenen Planeten reicht. „In den Zwischenräumen der bestehenden Herrschaft der ausstehenden Revolution entgegen zu ackern“, sie eine „Aufgabe für umsichtige Experimente.“ (S. 276-279). Es gehe darum, einen Standort zu finden, der Leben aufrechterhält. Atlas sein hieße dann, 

    „so sicher in wechselseitiger Regeneration und umsichtiger Instandhaltung stehen, dass alles ineinandergreift, ohne dass man den Gezeiten Gewalt antun müsste. Das befreite Leben trägt sich selbst.“ (S. 284)

    Im ABC des guten Lebens findet sich die Bedeutung von Orten, die Zugehörigkeit und Heimat bieten und von Orten im Dazwischen, wo gemeinsame Beiträge zur Gestaltung der Welt und zum Sinn verhandelt werden, als Orte des Politischen, die ebenso Küchentisch wie Stammtisch, runder Tisch, öffentlicher Platz sowie soziale Medien sein können. (S. 105-106) Der Erinnerung an Verluste ähnelt die im ABC angeführte Kraft des Negativen und des fruchtbaren Nein. Der Öffnung der Haushalts-Perspektive auf den Kosmos hin entspricht die Sicht der Ökonomie als Lehre vom guten Welt-Haushalten: Der Haushalt ist „geeignet als Modell für das Ganze als Behausung, die allen Menschen in Geburtlichkeit, Sterblichkeit, Bedürftigkeit und Verletzlichkeit gewisse Grenzen auferlegt und ihnen gleichzeitig eine Fülle von Möglichkeiten eröffnet, in Abhängigkeit frei tätig zu werden“. (S. 79)
    Auch das Handlungsmodell der Wirtinschaft klingt an, als einer Sorge für das Wohlergehen der Einkehrenden und die Entscheidung, was dafür notwendig ist. (S. 146-147)

    7. Arbeit am Weltinnenraum – Sehnsucht nach etwas, das man nicht kennt

    „[A]lles, was lebt, ist jetzt anwesend. Und vieles, das nicht lebt, auch. Die Gegenwart ist der Raum, in dem alles, was es gibt, zusammenkommt.“ (S. 285)

    Diesen Raum nennt von Redecker nach der Strophe eines Gedichtes von Rilke den „Weltinnenraum“:

    Durch alle Wesen reicht der eine Raum: 
    Weltinnenraum. Die Vögel fliegen still 
    durch uns hindurch. O, der ich wachsen will, 
    ich seh hinaus, und in mir wächst der Baum. 
    (Rainer Maria Rilke, Es winkt zur Fühlung fast aus allen Dingen…, S. 878-879 in: ders. Die Gedichte, Leipzig 1998, zit. nach Eva von Redecker.)

    Statt romantisch als „abstrakte Beschwörung unendlicher Verbundenheit“ möchte von Redecker die Strophe lieber materialistisch lesen: den Weltinnenraum als „Gegenwart, in der sich alle Stoffwechsel kreuzen,“ auch ganz wörtlich. (S. 285)

    „Die Revolution für das Leben hat viele Namen: Abolition. Aktiver Streik. Vergesellschaftung. Weltwahrung. Sie sind allesamt Arbeit am Weltinnenraum.“ (S. 285-286)

    und diese Arbeit geschehe „an der Kreuzung zweier Sehnsüchte“, des unbändigen Drangs nach Befreiung aus der kapitalistischen Herrschaft und der „Sehnsucht nach solidarischen Beziehungen und Weltliebe.“ (S. 286) 

    Diese Sehnsucht vermisse, was sie noch nicht kennen kann. (S. 287) Eva von Redecker greift eine Kindheitsanekdote Olga Tokarczuks aus ihrer Rede zur Verleihung des Nobelpreises auf: Es gab ein Bild ihrer schwangeren Mutter, in dem sie melancholisch aus dem Fenster sah. Auf die Frage der Tochter, warum die Mutter traurig sei, antwortete die Mutter, sie vermisse sie und sei traurig, dass sie noch nicht da sei. Tokarczuk und von Redecker folgern, dass man sehr wohl etwas vermissen kann, was man noch gar nicht kennt: wenn es in Umrissen bereits zu ahnen ist und man es herbeisehnt:

    „Wie kann man etwas vermissen, das noch gar nicht da ist? Vielleicht weil es sich schon in Umrissen abzeichnet. Vielleicht weil diese Umrisse eine Form erkennen lassen, in der die Gewalt der Vergangenheit überwunden wäre. Vielleicht weil jedes Leben, das an die Grenzen der Sachherrschaft rührt, eine Ahnung größerer Freiheit und Verbundenheit weckt.
      Die zweite Sehnsucht, die die Revolution für das Leben leitet, vermisst also, was sie noch gar nicht kennen kann: eine Welt, in der wir pflegen, statt zu beherrschen, teilen, statt zu verwerten, regenerieren, statt zu erschöpfen, und retten, statt zu zerstören.
      Alles, was wir brauchen, ist da.“  (S. 286-287)

    Diesem affirmativen Satz entspricht das Vertrauen auf die Fülle, die gutes Leben für alle ermöglicht.

    Das ABC des guten Lebens trägt im Titel das Ziel, das gute Leben für alle, das es noch nicht gibt und das daher auch Gegenstand einer Art Sehnsucht ist. Gleichzeitig irritiert es mich, das so zu nennen, da die Autorinnen eher das Diesseitige und das Hier und Jetzt als Ort des Handelns betonen.
    Die beiden Texte treffen sich darin, dass sie bestehende Praxen guten Lebens sichtbar machen.

    Gemeinsam ist auch das Augenmerk auf die Bedeutung der Sprache: Die Bedeutung der Arbeit am Symbolischen ist der Ausgangspunkt des ABC des guten Lebens, daher ist die Sprache und das Finden neuer Begriffe und Bilder ganz zentral:

    „Durch das Nachdenken über Begriffe und die Verbreitung neuer und eigener Benennungen können wir das Sprechen über die Welt und damit die Welt beeinflussen. […] Wenn wir nun beginnen, neue, andere Wörter in die Welt zu setzen […], dann verändern wir auch unsere Wahrnehmungen und diejenigen der anderen. […] Mit der Zeit verändert sich dann auch das Denken und damit die Welt.“ (S. 123-124)

    Eva von Redecker: Revolution für das Leben. Philosophie der neuen Protestformen
    S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2020, ISBN 978-3-10-397048-7.

    Ursula Knecht, Caroline Krüger, Dorothee Markert, Michaela Moser, Anne-Claire Mulder, Ina Prätorius, Cornelia Roth, Antje Schrupp, Andrea Trenkwalder-Egger: ABC des guten Lebens. Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim 2012, ISBN 978-3-939623-40-3.


    Ein Brief von Eva von Redecker auf der Website der Fischer Verlage.

    Rezension des Buches bei Palais F*luxx.

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    Gedanken über das Patriarchat https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/09/gedanken-ueber-das-patriarchat/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/09/gedanken-ueber-das-patriarchat/#comments Fri, 17 Sep 2021 05:24:09 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17758 Das Wort Patriarchat und somit auch das Buch Patriarchtskritik von Kirsten Armbruster, Naturwissenschaftlerin, Publizistin der Interdisziplinären Patriarchatskritikforschung (IPKF), löst Emotionen aus. Viele unterschiedliche. Und auch Missverständnisse. Das geht von „Endlich ein fundiertes Buch“ bis „Schon wieder diese Männerhasserinnen“ etc.

    Liebe Frauen und Männer!
    Kritik am Patriarchat bedeutet nicht, gegen Männer zu sein!

    Im Gegenteil. Viele Männer leiden genauso unter dem patriarchalen System wie Frauen. Und ich möchte sagen – immer mehr.
    Und – nicht alle Frauen sehen das so. Sie haben sich eingerichtet im System.

    Vieles ist zur Gewohnheit geworden. Und es ist nicht so leicht, die (scheinbare) Komfortzone zu verlassen.

    Das Patriarchat ist ein altes, jedoch nicht uraltes System. Denn vor dem Patriarchat gab es auch anderes.
    „Nur einen sehr kurzen Zeitraum der Menschheitsgeschichte leben wir in patriarchalen Gesellschaftsstrukturen, die von gewaltsamen, kriegerischen Auseinandersetzungen geprägt sind. Viel länger war die Lebensweise des Menschen friedlich, weil matrifokal. Eine matrifokale Lebensweise stellt Mütter und Kinder ins Zentrum und setzt auf ein partnerschaftliches Zusammenwirken von Frauen und Männern.“ (Kirsten Armbruster)

    Das Patriarchat ist vor allem ein veraltetes System, das den Menschen, der Natur, den Tieren, schadet. Man braucht sich nur umzusehen in der Welt, so wie sie jetzt ist oder dabei ist, zu werden. Ja, Männer haben das Patriarchat errichtet und Frauen haben sich darin eingerichtet. Die Patriarchatskritik gibt Auskunft darüber.

    Ich sehe es auch nicht als einen „weiblichen Weg“, sondern einen „gemeinsamen Weg“. Ich zitiere da immer Sabine Lichtenfels, weil sie meine Meinung so gut formuliert hat:

    „Eine neue Frauenmacht ist nicht gegen den Mann gerichtet und nicht gegen unsere Liebe zu den Männern, sie verlässt aber entschlossen diejenigen männlichen Strukturen, die zu der weltweiten Vernichtung des Lebens und der Liebe beigetragen haben. Es liegt jetzt an uns Frauen, die politische und sexuelle Verantwortung wieder anzunehmen, die so lange gefehlt hat. Wir laden alle engagierten Männer ein, sich unserer Friedensarbeit anzuschließen.”

    Die Gleichsetzung von „Patriarchatskritik = gegen Männer zu sein“ ist einer der Gründe, warum ich bis jetzt gezögert habe, über Armbrusters Texte zu schreiben. Denn ich weiß, dass viele – Männer und Frauen – beim Thema Patriarchat sogleich aufhören zu lesen, weil sie der Meinung sind, es ginge um Männerhass. Das ist sehr schade. Dass viele auch meinen, es sei eine weitere Spaltung der Gesellschaft und dies leid sind, verstehe ich. Aber so ist es nicht. Und auch ich möchte nicht spalten.

    Das Patriarchat spaltet die Gesellschaft. Auf vielen gesellschaftlichen Ebenen.

    Nicht darüber zu schreiben, wäre feige. Ich erinnere mich an die vielen Anfeindungen und auch Bedrohungen, denen ich ausgesetzt war, wenn ich für Frauenrechte eingetreten bin (weiter unten im Text mehr dazu). Ich denke, diese Erinnerungen haben auch dazu beigetragen, dass ich das Schreiben darüber bisher vermieden habe.

    Jedoch:
    Die „Bestellungen beim Universum“, die eine Zeit lang angesagt waren, sind wieder vom Bücher-Himmel verschwunden, weil es so nicht funktioniert. Die Bestellung allein genügt nicht. Man muss schon etwas dafür tun.
    Wenn sich ein neuer Weg an einer Wegkreuzung auftut, muss man ihn gehen. Es reicht nicht, an der Kreuzung sitzen zu bleiben und zu warten, dass der Weg zu einem kommt. Man muss schon etwas dafür tun – ihn gehen, auch wenn es vielleicht vorerst ein steiniger Pfad ist und keine Autobahn.
    Wenn viele Frauen vom Ende des Patriarchats sprechen, sitzen sie doch an der Wegkreuzung und warten, dass das Universum das erledigt. Wobei das Universum doch bereits so kräftig mitwirkt – siehe Klimakatastrophen – es schreit sozusagen: Es reicht!

    Die Patriarchtskritik schreit nicht – obwohl sie das tun könnte – aber sie weist mit vielen Erkenntnissen darauf hin. Sie macht vieles klar, warum es so gekommen ist und warum es so nicht weitergehen kann.

    Es bedarf einer höchst notwendigen intensiven und diffizilen Auseinandersetzung damit.

    Den Weg gemeinsam gehen – Frauen und Männer.  

    Ich weiß, dass sich Kirsten Armbruster mit dem Thema Patriarchatskritik Angriffen und Unverständnis aussetzt. Ich erinnere mich an Johanna Dohnal, als sie 1990 (!) die erste Frauenministerin Österreichs wurde – wie sie angefeindet und lächerlich gemacht wurde. Wieviel Unverständnis für die Notwendigkeit von Frauenrechten es gab. Wie unnötig und störend ihre männlichen Kollegen dies alles fanden.

    „Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.“ (Mahatma Gandhi)

    Armbruster bringt zur Sprache, was zur Sprache gebracht werden muss.  
    Und dies sehr professionell, ausführlich und umfassend.
    Auf 650 Seiten fasst sie ihre Arbeit zusammen. Sie „decodiert die Gehirnwäsche des Patriarchats, der wir alle ausgesetzt sind, mithilfe eines wissenschaftlichen, interdisziplinären Forschungsansatzes, in der Erkenntnisse der Archäologie, der Anthropologie, der Religionswissenschaften, der Linguistik, der Soziologie, der Biologie, der Genetik, der Kulturwissenschaften und der Landschaftsmythologie einfließen.“ (Armbruster)

    Begleitet und unterstützt wird sie dabei von ihrem Mann Franz Armbruster, der eine reiche Auswahl an Fotos beisteuert. Mich faszinieren u.a. die vielen Höhlenzeichnungen, die ich sonst nicht zu Gesicht bekommen hätte. Sebastian Tippe, Diplompädagoge, hat den Text „Toxische Männlichkeit“ beigesteuert; Rona Duwe, Grafik- und Webdesignerin, Feministin und Autorin, den Text „Liebe und Sexualität“.
    Zur Archäologie und Umdeutung der Geschichte: Jahrhundertelang hatten Männer die Deutungshoheit über Ausgrabungen – weil es keine Archäologinnen gab – und wenn, dann nur als Zuarbeiterinnen für die Männer. Männer deuteten aus der Sicht der Männer.
    Zu Frauenrechten: Johann Dohnal, wie schon erwähnt, erst 1990 die erste Frauenministerin in Österreich. Wie wurde sie angefeindet, wie musste sie kämpfen. Männer fanden ihre Sicht als Frau in der Politik nicht wichtig und auch störend.
    Erfindungen: Wurden den Männern zugeschrieben. Erst in den letzten Jahrzehnten kam an die Öffentlichkeit, wieviele Erfindungen von Frauen gemacht wurden. Was nicht sein sollte, durfte nicht sein.
    Psychoanalyse: Ein weites Feld, das zeigt, dass Frauen am Beginn des letzten Jahrhunderts noch als Hysterikerinnen behandelt wurden und in Irrenhäusern landeten, wenn sie nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen wollten, selbständig sein wollten, oder in der Ehe vergewaltigt und missbraucht wurden (was damals nicht so gesehen oder bezeichnet wurde).

    Meine Erfahrungen als Psychotherapeutin (1989) im tiefsten ländlichen Bereich an der tschechischen Grenze: Männer bedrohten mich mit Gewalt, weil ihre Frauen den Anspruch erhoben, am Abend das Auto benutzen zu dürfen, um zu Workshops und in Therapie zu fahren, etc. – Diese ‚Flausen‘ hätte ich ihnen in den Kopf gesetzt. Zum ersten Mal in ihrem Leben sprachen die Frauen über den Alkoholmissbrauch ihrer Männer und über Gewalt in der Beziehung.  

    „Die Patriarchatskritik delegitimiert die Definitionsmacht des Patriarchats und entlarvt sie als androzentrischen Irrtum, wie Gerda Lerner es 1995 bereits in ihrem Buch „Die Entstehung des Patriarchats“ treffend formuliert hat. Lerner schrieb:
    „Historiker haben das Wirken von Frauen zugeschüttet (…) Frauen hatten keine Geschichte – das wurde ihnen gesagt, und das glaubten sie. So war es letzten Endes die Hegemonie des Mannes über das anerkannte Symbolsystem, durch die die Frauen am entschiedensten benachteiligt wurden“.

    Viel wäre da noch dazu sagen.
    Vieles steht im Buch.
    In das Buch – so umfangreich – habe ich bis jetzt nur hinein geschmökert. Trotzdem empfehle ich es. Weil es notwendig ist, sich damit auseinander zu setzen. Und ich bin mir sicher, dass ich nicht immer einer Meinung mit Armbruster sein werde. Nicht bei der Geschichte, das ist allein ihre Domäne, aber vielleicht bei den Lösungsansätzen. Das ist normal! Man kann nicht immer in allem einer Meinung sein. Ich stimme nicht allem bedingungslos zu, nur weil ich eine Frau bin.

    Doch wenn es einen grundlegenden und wesentlichen Inhalt gibt, mit dem ich übereinstimme, lohnt es sich, sich damit auseinanderzusetzen und in einen Diskurs zu treten.
    Und das ist es.
    Lasst uns darüber reden.

    Begriffserklärung: „Unter Androzentrismus wird eine Sichtweise verstanden, die Männer als Zentrum, Maßstab und Norm versteht. Androzentrismus kann also als eine gesellschaftliche Fixierung auf den Mann oder ‘das Männliche’ verstanden werden (vergleiche Männlichkeit). Ein androzentrisches Weltbild versteht den Mann als die Norm, die Frau als Abweichung von dieser Norm. 
    Androzentrismus ist eine spezifische Form von Sexismus, in der das Weibliche nicht zwangsläufig als minderwertig bezeichnet, sondern einfach als  ‚das Andere‘, ‚das von der Norm Abweichende‘ aufgefasst wird. Stillschweigend wird dabei Mensch als Mann und die männliche Sicht der Dinge als die allgemeingültige gesetzt. …“ https://de.wikipedia.org/wiki/Androzentrismus

    Zum weiterlesen:

    Kirsten Armbruster, Patriarchatskritik, Books on Demand; 650 S., 33,99 €, ISBN: 3753404233.

    Kirsten Armbruster: https://herstory-history.com

    https://mutterwut-muttermut.de/?fbclid=IwARhttps://mutterwut-muttermut.de/?fbclid=IwAR1c4j8tIJ17O985UlT_P5xJcrmOdpfb8U-k5TjcDp9at6f7s6EDvPXe-Dw

    Sebastian Tippe: https://feministinprogress.de/ueber-mich/

    Rona Duwe: https://rona-duwe.de/?fbclid=IwAR1bfnXgypBT4Xvygnko5734mQFJ7GRvGXouNEY-ygH8Mt4eFMQXRFoLiuI

    Die Entdeckung der MATRIFOKALITÄT, Die Ursprünge der Patriarchatsforschung und ihre Emanzipation von der Matriarchatsforschung: https://www.gabriele-uhlmann.de/matrifokal.htm

    Sabine Lichtenfels: https://www.tamera.org/de/heilung-der-liebe/

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    https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/09/gedanken-ueber-das-patriarchat/feed/ 2
    Plädoyer gegen das Unpolitischsein https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/09/plaedoyer-gegen-das-unpolitischsein/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/09/plaedoyer-gegen-das-unpolitischsein/#comments Tue, 14 Sep 2021 09:16:46 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17813 “Im Unpolitischsein zeigt sich der Wille zum Verbleib in einem sich als Elfenland entpuppenden Happyland.”

    (aus dem folgendem Text)

    Dieses Foto und alle folgenden: Anne Newball Duke

    In meinen letzten zwei Artikeln habe ich mit meinem eigenen Politischsein beschäftigt. Ich wollte mir klar darüber werden, was Politischsein eigentlich (für mich) bedeutet, wo es beginnt, ob “ein politisch denkender Mensch” das gleiche ist wie “ein politisch handelnder Mensch”, und ab wann ich mich selbst als politisch handelnden Menschen begriffen habe, und wie es dazu gekommen ist. In diesem Artikel möchte ich mich mit dem Unpolitischsein beschäftigen. Zwei Aufhänger in meinem Nachdenken gibt es dafür: zum einen habe ich lange über meine Wut über die #allesdichtmachen-Kampagne im Frühling diesen Jahres nachgedacht. Und der andere Aufhänger ist die Flutkatastrophe in Deutschland. In den Reaktionen auf diese ist mir klar geworden, dass die Klimakrise für sehr viele Menschen auch weiterhin undenkbar ist. Ich überlege, warum viele Menschen in dieser Undenkbarkeit und damit in gewissem Sinne auch in ihrem Unpolitischsein verharren.

    “Unpolitischsein” bei Amazon eingegeben, spuckt nicht ein Buch aus, das dieses Wort im Titel trägt. Auch bei meiner Ecosia-Suche erscheinen wenige Artikel mit dem Wort im Titel. In zwei der wenigen Artikel, die ich gefunden habe, sprechen die Autoren Nils Hipp und Kris Wagenseil davon, dass mensch Privilegienbesitzer*in sein muss, um sich Unpolitischsein leisten zu können. Was Kris Wagenseil als Anekdote an den Anfang seines Artikels stellt, ist auch mir bereits in den vielfältigsten Formen begegnet:

    “‘Ich beschäftige mich nicht mehr mit Politik’, sagte sie. ‘Das hat mir nicht gut getan. Immer diese negativen Nachrichten. Da wurde ich richtig depressiv’. Wenn, müsse man sich ‘voll und ganz der Politik’ zuwenden. Aber so sei es besser, keine Nachrichten zu schauen, für die innere Ausgeglichenheit. Die Leute, die sich andauernd mit Politik beschäftigen, seien ja unglücklich, man merke das sofort. Besser Yoga machen, das eigene Glück jenseits dessen suchen. Gesundwerden an und in sich selbst, anstatt die Lösung in der Politik, d.h. außerhalb von einem selbst, zu suchen.”

    Und auch mir wird immer mal wieder nahegelegt, das mit dem Politischsein doch wieder zu lassen, und zwar immer dann, wenn mich die Klima-Arbeit emotional sehr mitnimmt. Es erscheint dann meinem Gegenüber eine hilfreiche Unterstützung, wenn es sagt: “Warum tust du dir das an? Hör lieber auf damit, sonst wirst du noch krank.”

    Kris Wagenseil kommt dann aber – so wie auch ich – zu dem Schluss: “Eine solche unpolitische Haltung ist gerade nicht ‘neutral’, sondern gefährlich.” Und deswegen ist ein Zurück in einen wie auch immer gearteten unpolitischen Zustand für mich nicht mehr denkbar.

    Ich bin mittlerweile der Meinung, dass Unpolitischsein deswegen gefährlich ist, weil es nahezu überall auf der Welt innerhalb eines europatriachalen Wissenssystems kultiviert und in gewissem Sinne auch gefördert wird (den Begriff “Europatriarchat” entnehme ich Minna Salamis wunderbarem Buch Sinnliches Wissen. Eine schwarze Perspektive für alle, 2021). So spricht beispielsweise Rutger Bregmann (in: Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit, 2020) bei Betrachtung der amerikanischen Demokratie (und unter Berufung auf verschiedene Historiker*innen-Studien) davon, dass es sich eher um eine “elektive Aristokratie” handelt, in der die Bürger lediglich ihre Herrscher wählen dürfen. Und dass dieses Modell ursprünglich “zur Eindämmung demokratischer Tendenzen” konzipiert war, also dazu gedacht war, “die breite Masse auf Abstand zu halten”: “Die Gründerväter der Vereinigten Staaten wollten nicht, dass sich der Bürger allzu viel mit Politik abgibt.” (S.266)

    Manchmal überkommt mich ein ähnliches Gefühl, wenn mir Menschen sagen, dass ihr politischer Gestaltungswille nicht über das Kreuzchenmachen bei der Bundestagswahl und vielleicht noch bei der Landtagswahl alle vier/fünf Jahre hinausgeht.

    Ein unpolitischer Mensch kümmert sich in meiner ersten groben Einordnung – die erweitere ich aber gleich noch – vor allem um sich selbst und seine Lieben und lässt die “Politik” mal machen. Das heißt, er schwimmt lautlos in deren Fahrwasser mit, ob er diese “Politik” nun komplett gut findet oder nicht. Vielleicht schimpft er dann ab und zu mal vom Sofa den Fernseher, das Handy oder die Zeitung an, aber außerhalb der eigenen vier Wände und außerhalb des Kreises der eigenen Lieben verhält er sich ruhig. Das heißt, ganz automatisch gibt er sein “Go” auch einer politischen Ausrichtung, mit welchem wir aktuell das Ende der Zivilisation ansteuern. Das vom “Ende der Zivilisation” sage nicht ich, sondern u.a. Australiens führender Klimaforscher Will Steffens.

    Rechtes Denken schleicht sich ein über viele kleine Schritte

    Mir ist das mit dem Mitschwimmen erst so richtig aufgegangen, als ich mich maßlos über die unsägliche Kampagne #allesdichtmachen im April diesen Jahres aufregte. Erst dachte ich, meine Wut über diese Kampagne sei übertrieben, und ich müsse mal runterkommen, aber je mehr ich mich damit beschäftigte, desto wütender wurde ich. Ich war vor allem wütend darüber, wie viele Menschen mir sagten, das sei doch nicht schlimm, man dürfe doch nochmal eine andere Meinung haben. Und sie sagten es auch noch, als ich ihnen bereits erklärt hatte, dass die meisten (Vor-)Denker*innen der Querdenkerbewegung aus der rechten Szene kommen. Wieso? Warum schrie es nicht auch aus ihrem Bauchgefühl heraus, dass es sich hier nicht einfach nur um eine andere Meinung handelt, sondern um einen weiteren Diskursentfacher, der mit vielen weiteren dieser Art zu einem realen Rechtsruck im Lande führt?

    Vielleicht reicht der Satz, “Hitler ist auch nicht über Nacht zum Reichskanzler geworden”, um zu verstehen, dass es nicht egal ist, was bekannte Schauspieler*innen und sonstwie Kunstschaffende des Landes da in aufwendig produzierten Filmchen von sich gegeben haben. Auch damals hat sich das ganze Nazi-Ideologiegerüst über Jahrzehnte aufgebaut, hat ein Steinchen das nächstgrößere Steinchen ins Rollen gebracht. Und in dieser Zeit gab es neben den großen Brocken auch immer viele viele kleine, vielleicht in Realzeit und für Nichtbetroffene (“Puh, ein Glück bin ich keine Jüd*in oder Kommunist*in oder so.”) unscheinbar wirkende Schritte hin zu Hitler und seiner “Machtergreifung”, hin zu ihm und unter seiner Herrschaft handelnden Menschen, deren Schrecken und Zweifel (“Wo sind denn unsere Nachbarn hin?”) sehr schnell in pragmatischen Realitätssinn schwappen konnten und – da gesellschaftlich und von Seiten des Staates nicht sanktioniert – auch durften (“Ach die Nachbarn… kommen die wieder? Nee, oder? Schaun wir doch mal, obs da was zu holen gibt bei denen zu Haus? Die andern machens doch auch… Ändern kann man ja eh jetzt nix mehr…”).

    Sind das “Schauspieler*innen”?

    Ich nenne die an der #allesdichtmachen-Kampagne vor der Kamera Mitwirkenden von nun an “Schauspieler*innen”, und zwar mit Absicht in Anführungszeichen gesetzt, weil ich beim faszinierten und zunehmend angeekelten Schauen der Videos immer denke: wow, ist das jetzt Schauspielkunst – und zwar überlegte ich das auch, wenn es besonders schlecht und unprofessionell rüberkam – oder kann das weg? Leider geht es nicht mehr weg, denn es ist ja nun in der Welt, auch wenn einige “Schauspieler*innen” danach ihr Video entfernt haben: die ganze Kampagne ist mit all diesen Lösch-, halbherzigen Entschuldigungs- und Talkshow-Geschichten in der Welt und somit ein weiteres nicht sehr kleines rechtes Steinchen, das wieder andere ins Rollen gebracht hat und noch bringen wird.

    Für mich gibt es drei Varianten, wie jene “Schauspieler*innen “ja” zu diesem Projekt gesagt haben.

    Variante eins:

    Die “Schauspieler*in” ist ganz Schauspieler*in; will heißen, sie spielt eine (wenig komplexe) Rolle wie im Theater, zum Beispiel “die zynische Mutter”, “den erschöpften Zyniker” usw. usf. Sie kann sich so vom Inhalt der Rolle abtrennen, stellt das eigene Können in den Dienst einer Sache, welcher auch immer, das ist ihr egal. Nach dem Motto, wer einen Serienmörder spielt, ist natürlich keiner in real life, und promotet natürlich auch nicht das Serienmörderleben. Hier hat also eine Abspaltung stattgefunden zwischen Person und der von ihr verlangten Rolle.

    Sie werden wohl in etwa folgendes gedacht haben: Oha, der Soundso und die Soundso machen auch mit, das sind berühmte Kolleg*innen, da lass ich mich nicht zweimal bitten, da krieg ich ein bisschen Berühmtheit und Aufmerksamkeit ab. Auch wenn ich meinen eigenen Beitrag vielleicht eher semi finde: sicher ergibt er erst im großen Ganzen Sinn. Und inhaltlich vertraue ich den Macher*innen total, denn sind wir nicht alle links-mitte-liberales künstlerisches Bürgertum, die werden mich schon nicht in die Kacke reiten.

    In Variante eins geht es der “Schauspieler*in” zudem nicht um die Message und auch nicht ums “große Ganze”; das ist ihr sogar letzten Endes egal; es geht ihr lediglich ums eigene Dabeisein bei einer irgendwie “coolen/großen Sache”.

    Variante zwei:

    Hier nutzt die Person ihre schauspielerischen Fähigkeiten, um “eine zynische Ausgabe der eigenen Meinung” zu inszenieren. Sie trennt also den Inhalt der Inszenierung nicht von ihrem eigenen politischen Selbstverständnis. (Im Selbstverständnis hält sich der unpolitische Mensch übrigens oft für politisch.)

    Die “Schauspieler*in” weiß um die politische Brisanz des Themas und ist gerade deswegen “voll dabei”, nach dem Motto, “endlich mal Bewegung in die Debatte bringen”, “die Zeit war nicht nur für andere kacke, sondern echt auch für mich, das muss mal gesagt werden”, usw.

    Das Unpolitischsein zeigt sich hier in der Ausblendung anderen Lebens und Leidens und Sterbens. Es geht der “Schauspieler*in” nur um ihr eigenes Leid und dessen Darstellung. Vielleicht denkt sie noch, sie spricht ja auch für andere, in purer Selbstüberschätzung vielleicht sogar für “den Rest der erschöpften, genervten Nation”. In diesem Sinne versteht sie die eigene Performance als politisches, vielleicht sogar solidarisches Statement, oder zumindest als Beitrag zur Debattenkultur, zur Anheizung des Diskurses.

    Die unpolitische Einstellung zeigt sich, indem keinem der “Schauspieler*innen” der Variante eins und zwei vorher klar ist, dass sie hier querdenkerische Thesen auf bravouröse Weise inszenieren und mit ihrem schauspielerischen Können verlebendigen. Es gibt hier kein Bewusstsein für die Auswirkungen und den Wirkungsgrad des eigenen politischen Handelns. Denn klar: sich dafür zur Verfügung zu stellen, ist ein politischer Akt, der aber aus einem Unpolitischsein heraus überhaupt erst entstehen konnte. Und dieser Akt hat dann natürlich auch Auswirkungen auf den politischen Diskurs. Das weiß die “Schauspieler*in”; lediglich der Wirkungsradius ist vorher nicht so richtig abzuschätzen vielleicht.

    Unpolitischsein bedeutet somit auch, dass sich keine der “Schauspieler*innen” der Konsequenzen ihres Tuns bewusst ist. Und die Konsequenzen wiederum kennen sie nicht, weil sie in Happyland leben – ich erkläre den Begriff gleich nochmal – und dadurch die Konsequenzen auch nicht selber tragen müssen. Die Konsequenzen ergeben sich für andere, und zwar nicht nur für die, die noch immer an Corona sterben und leiden und die an den Betten um ihr Überleben kämpfen, sondern auch für jene, deren Freiheiten wegen der sich überall verbreitenden rechten Perspektiven und “Meinungsfreiheiten” schleichend, aber massiv eingeschränkt werden.

    Die Vordenker*innen der aktuellen Corona-Querdenker-Bewegung kommen nahezu alle aus der rechten Szene. Die “Schauspieler*innen” unterstützen somit rechtes Denken, geben ihm einen ordentlichen Schups nach vorne. Und das hat natürlich konkrete Auswirkungen auf das Leben von Jüd*innen in Deutschland, auf das Leben schwarzer Menschen, Menschen mit migrantischer Geschichte usw. usf. Aber das sieht der unpolitische Mensch nicht, weil er nur sich und das Leiden seiner Lieben sehen kann und will. Er stellt diese Verbindung einfach nicht her. Diese Verbindung nicht herstellen zu wollen – aus Faulheit, Lustlosigkeit, und vor allem, weil sie es in der ihr gegebenen privilegierten Position nicht muss –, darin manifestiert sich für mich das Unpolitischsein. Und gefährlich ist es dann, dass er mit seiner Ausübung der “Meinungsfreiheit” gleichsam die Freiheit anderer beschneidet. Wenn mensch von der Bedrohung anderer Menschen durch das eigene Tun nichts weiß und nichts wissen muss, dann bewohnt mensch das schöne Happyland.

    Es ist dann auch egal, ob die “Schauspieler*innen” es aus Variante eins heraus gemacht haben oder aus Variante zwei (bei manchen gab es sicher eine leicht schizophrene Mischung aus beidem); es ist auch egal, ob sie irgendwelche Manager*innen oder Agent*innen für sich haben denken und entscheiden lassen; das Resultat – die Konsequenzen für andere und somit für die ganze Gesellschaft – sind dieselben.

    Und das ist jetzt die Erweiterung meiner anfänglichen groben Einordnung, was ich unter Unpolitischsein verstehe: von diesen Konsequenzen (eines Einmischens in einen politischen Diskurs) im Vorhinein nichts wissen zu wollen – zumal wie im Falle der “Schauspieler*innen” ausgestattet mit nicht unerheblichem kulturellen Kapital –, sich nicht zu informieren und die Zusammenhänge nicht herstellen zu wollen, das ist für mich der Inbegriff des Unpolitischseins.

    Variante drei:

    Es gibt den kleinen Rest, der nicht in eins oder zwei passt. Das sind die, die genau wussten, was sie da tun, die diese Kampagne initiiert und umgesetzt haben. Ein möglichst großer Wirkungsradius war intendiert; je größer, desto besser. Aber die Initiator*innen brauchten für die Kampagne möglichst viele unpolitische “Schauspieler*innen”; ohne die – also nur mit den aus echter politischer Überzeugung agierenden Schauspieler*innen (diese mit Absicht ohne Anführungsstriche, weil die genau wussten, was sie tun) – wäre die Kampagne nicht so ein Erfolg geworden. Zum Glück also trafen sie auf ein paar Dutzend “Schauspieler*innen”, die sich wegen ihres Unpolitischseins vor den rechten Karren haben spannen lassen.

    Unpolitischsein hat einige “Schauspieler*innen” der Variante eins und zwei dazu gebracht, etwas zu tun, worüber sie danach erschrocken die Hände über den Kopf schmeißen. Sie ziehen panisch Videos zurück und werfen mit Entschuldigungen um sich, in denen deutlich wird, dass sie noch immer nicht verstanden haben, was sie da eigentlich angerichtet haben. Heike Makatsch: “Wenn ich damit rechten Demagogen in die Hände gespielt habe, so bereue ich das zutiefst. “Wenn, nicht dass“, so kommentiert schon der Spiegel-Journalist Peter Maxwill. Oder Ulrike Folkerts: “Die Videos, die entstanden sind, wurden falsch verstanden, sind vielleicht falsch zu verstehen”. Vielleicht. Und: Nicht ich habe etwas Falsches getan, sondern die andern sind schuld, wenn sie es falsch verstehen, weil ich weiß ja, was ich eigentlich sagen wollte, auch wenn ich das nicht gesagt habe. Sie haben es einfach immer. noch. nicht. verstanden. Oder sie wollen es immer noch nicht verstehen. Denn sie wollen einfach verdammt nochmal auf Teufel komm raus in Happyland wohnen bleiben.

    Happyland

    Unpolitische Menschen sind Bewohner*innen von Happyland. Als Happyland bezeichnet Tupoka Ogette in ihrem Buch exit RACISM. Rassismukritisch denken lernen (2020) folgendes: “Happyland ist eine Welt, in der Rassismus das Vergehen der Anderen ist. In Happyland wissen alle Bewohner*innen, dass Rassismus etwas Grundschlechtes ist. Etwas, das es zu verachten gilt. (…) Der Begriff ist nicht ambivalent, denn rassistisch ist, wer schlecht ist. Darüber gibt es in Happyland einen Konsens. (…) Hinzu kommt, dass man in Happyland davon ausgeht, dass Rassismus etwas mit Vorsatz zu tun hat. Damit man etwas rassistisch nennen kann, muss es mit Absicht gesagt oder getan worden sein. Des Rassismus bezichtigt werden kann also nur jemand, der oder die* vorsätzlich beschließt, dass die nun folgende Handlung oder das im Folgenden Gesagte rassistisch sein soll. Die Wirkung, die der Verursachende derselben nicht beabsichtigt hat, liegt entsprechend nur im Auge des Betrachters und der Verursachende trägt keinerlei Verantwortung dafür. Auch Absicht und Wirkung bilden in Happyland keine kausale Kette und haben – wenn überhaupt – nur sehr wenig miteinander zu tun. Die*der Happyländer*in entscheidet, wann und wie das Gesagte beim Empfangenden ankommt, wie es sich anfühlt und anzufühlen hat. ‘Ich habe es nicht so gemeint, also musst du nicht so beleidigt tun.'” (S. 21f.)

    Seit Tupoka Ogettes Konzept vom Happyland in mir arbeitet, sehe ich auch diese unpolitischen “Schauspieler*innen” als Bewohner*innen von Happyland, ersichtlich ja auch an haargenau derselben Argumentations- und Rechtfertigungslinie, siehe Makatsch und Folkerts.

    Natürlich erschüttert es einige, auf die rechte Seite gestellt zu werden, ich nehme es einigen sogar ab. Ich nehme es sogar auch jenen ab, die sich – wie ich über Twitter mitbekommen habe – aktuell nach Benutzung des Wahl-O-Maten ebenso verwundert die Augen reiben, weil ihnen aufgrund ihrer Eingaben rechte Parteien zur Wahl vorgeschlagen werden. Denn bisher haben sie sich vielleicht genau wie die “Schauspieler*innen” irgendwo zumindest liberal-mittig verstanden. Wie konnte der eigene, noch nicht selbst eingestandene (Ich bin nicht schuld, wenn der Wahl-O-Mat meine Antworten und Eingaben als rechts versteht, weil ich mich selbst nicht als rechts einstufe, et basta.) Rechtsruck passieren?

    Die Intellektuellen und deren Sicherung ihrer Sicherheiten

    Kommen wir vor der Beantwortung dieser Frage noch zu den Intellektuellen. Die kann ich nicht in Anführungsstriche setzen, denn sie SIND es, und da gibt es nichts Ambivalentes und Schimmerndes. Ich kann sagen, das, was die Soundso und der Soundso sagt, ist für mich kein sinnvolles Einbringen von derundder Philosophie, das ist eher Bullshit, trägt nix zur Lösung bei, aber die Person bleibt Intellektuelle, weil Intellektuelle soundso definiert werden, und punkt. Thea Dorn ist demnach eine Intellektuelle und Schriftstellerin, Daniel Kehlmann ein Schriftsteller und Juli Zeh ebenfalls eine Schriftstellerin, beide wie Thea Dorn mit zutiefst verinnerlichtem bürgerlichen Wertekanon und intellektuellen Ambitionen – zumindest pusht sie die ZEIT (aber auch andere Medien) da gerne hin, indem sie sie auf die Coverseite der ZEIT und dann auch nochmal auf der ersten Seite im Feuilleton platzieren (ZEIT vom 29.04.2021, Nr. 18, S.47f.). Die Sehnsucht nach dem oder der Intellektuellen, die unsere Zeit zu deuten weiß, so wie früher zu Dreyfus-Affären-Zeiten, hach, sie ist einfach immens im bildungsbürgerlichen Happyland.

    In meiner Lesart deckt sich der Inhalt, aber vor allem das Ziel dieses intellektuellen Triells über weite Strecken mit denen der #allesdichtmachen-Kampagne. Gerade die ganz bestimmte Auslegung von Konzepten wie Freiheit hat bei den dreien einen klaren Nutzen für die aufgeklärten, liberal eingestellten Bürger*innen (wie sie selbst). Ihre Deutungsperspektive, dargelegt auf hohem sprachlichem Niveau – bläst sich dabei wie ein Ballon über die Häupter der Leser*innen auf, welche sich nicht in den Ballon zu pieksen wagen, wegen seiner so hohen intellektuellen Flughöhe. Dabei ist es doch egal, ob “schauspielerin” sich zynisch darüber beschwert, dass ihre Kinder eingesperrt oder geschlagen werden müssen, um den Coronaregeln zu gehorchen, oder ob Frau Dorn argumentiert, dass durch die Opferung der Freiheitsrechte eine Armut entsteht, mit der ebenfalls Menschenleben auf’s Spiel gesetzt werden. (Ich verweise hier nochmal ganz unbescheiden auf meinen Artikel “Tod und Rose”, in welchem ich versuche, diese Argumentation zu demontieren.) Und wenn sie dann noch am Ende Freiheit als Gegensatz zur Fürsorge implementiert, dann sehen wir eine Frau, die wie verrückt um ihre Freiheit in Unabhängigkeit strampelt, die nichts davon wissen will, dass auch sie nur in Abhängigkeit von anderen, zumindest jedenfalls von ihren 60 größtenteils unbekannten Sklav*innen weltweit lebt (darüber nachzuhören z.B. hier), aber sie will und muss es ja nicht sehen. Am Ende will auch sie nur – wie Makatsch und Liefers und Folkerts – ihr schönes idyllisches Happyintellektuellenland sichern.

    Wir sehen also – egal ob in diesem Falle von “Schauspieler*in” oder Intellektueller – es kommt dasselbe bei rum. Es werden lediglich andere Menschengruppen abgeholt. Das Feuilleton der ZEIT liest ja nicht jede Person, die Tatort o.ä. sieht oder bei Twitter unterwegs ist. In beiden Fällen geht es darum, nicht das Wohle aller im Kopf zu haben, sondern nur das Wohl der eigenen Gruppe, die Verdichtung und Zementierung des eigenen Selbstverständnisses und die Sicherung der eigenen Sicherheit.

    Aber sichert die Sicherung des eigenen Verständnisses von der Welt noch die eigene Sicherheit? Welche Sicherheit wird denn gesichert? Was passiert, wenn Makatsch, Kehlmann, Liefers, Dorn, Proll, Zeh und wie sie alle heißen, bemerken, dass ihre Definition von Sicherheit, auf der sie ihr Leben aufbauen, der sie ja auch vertrauen, nur noch pure Illusion ist? Zerpieksen sie dann den von ihnen selbst zum Fliegen gebrachten Ballon der (rechts-)liberalen Diskurse, die den Rechten und Neoliberalen natürlich extrem gut ins machtstrategische Konzept passt? (Julia Fritzsche hat auf sehr eindrückliche Weise in Tiefrot und radikal bunt verdeutlicht, wo rechte und neoliberale Diskurse sich treffen und sich gemeinsam gut in Schwung bringen können und voneinander profitieren, da sie nicht selten die gleichen politischen Ziele verfolgen.) Oder ist diese Form der politischen Äußerung im rechten Meinungsspektrum von “Schauspieler*innen” und Intellektuellen bereits die je eigene bewusste oder auch unbewusste Entscheidung, zur Not auch mit Gewalt in Happyland verbleiben zu wollen?

    Wer unpolitisch ist, möchte Vieles nicht sehen: weder, dass jeder Mensch der wohlhabenden westlichen Welt etwa 60 Sklav*innen weltweit an sich kleben hat (ist deren Freiheit weniger wert als deine, Thea?); noch will er realisieren, dass das eigene Leben durch das eigene Tun nicht mehr gesichert wird. Denn das ist ja – wie wahrscheinlich in jeder anderen Gesellschaftsform – auch der Antrieb des Handelns im Europatriarchat: die eigene Existenz sichern, ein gutes Leben haben. Und wie kann nun von diesen Menschen verstanden werden, dass dieses Tun, Machen, Denken plötzlich nicht mehr Sicherheit gibt; ja wie kann das denn überhaupt plötzlich sein, dass diese Sicherheit in den Fluten von Ahrweiler untergeht?

    In der bürgerlichen Auslegung der Welt ist Klimakrise nicht denkbar

    Rassismus kann eine weiße Person im europatriarchalen System ein Leben lang nicht betreffen; Rassismus muss für sie nicht denkbar sein. Misogynie kann eine männliche Person in ebendiesem System ein Leben lang nicht tangieren; Misogynie muss für sie nicht denkbar sein. Antisemitismus kann in diesem System das Problem der Anderen, der Betroffenen bleiben; Antisemitismus muss für Happylandbewohner*innen nicht denkbar sein. Dies zumindest, solange all diese -ismen fein brav eingezäunt bleiben und diese “Minderheitenprobleme” nicht zu Happylandbewohner*innenproblemen werden. Tricky daran ist natürlich, dass immer weiter zunehmendes, in die sogenannte Mitte schwappendes rechtes Denken (und hier ist auch rechtspopulistisches, rechtskonservatives und rechtsliberales Denken gemeint) – und zwar genau durch solche Formen wie die #allesdichtmachen-Kampagne – das traute eigene Happyland dann doch irgendwann tangiert, siehe Drittes Reich, aber zu diesem unserem jetzigen Zeitpunkt der Geschichte scheinen diese -ismen vorgeblich (noch) nicht das Problem der Happylandbewohner*innen.

    Mit der Klimakrise verhält es sich aber anders. Die tangiert das Leben der Happylandbewohner*innen sehr wohl, wie die Flutkatastrophe zeigt.

    Amitav Ghosh schreibt in Die große Verblendung. Der Klimawandel als das Undenkbare (2017) über ebendiese bürgerlichen Sicherheiten, dass das bürgerliche Leben auch hierzulande nur noch eine Illusion, also gar nicht mehr wirklich vorhanden sei. “Es gibt keinen Ort, in dem noch unangefochten das erwartete geordnete bürgerliche Leben herrscht.” (S. 42). Es kann weggespült werden von der Klimakrise im Hier und Jetzt vor Ort. Das Monster ist im Lande, nicht mehr nur im Keller, einfach so auf unheimliche Weise plötzlich mitten unter uns, wie kann das sein, es war doch bisher nur fiktiv, in der Science Fiction, im Kino, im Horrorfilm, oder auch real, aber dann halt irgendwo weit weg auf der Welt, und zwar im eigenen Weltbild completely disconnected vom eigenen Leben. Und wie kann dieser Klimakriseneinbruch real sein, wenn bezüglich Klima im Wahlprogramm der CDU alles easypeasy und machbar und nicht weltbewegend erscheint? Was soll ich davon als unpolitische Wähler*in halten? Sind 183 Tote in einer Flutkatastrophe in Deutschland nicht viel? Keine Krise? Wenn im Wahlprogramm von dieser Krise nicht die Rede ist, ist sie dann einfach auch nicht existent, diese Krise? Oder hat die CDU – schrecklicher, unheimlicher Gedanke – etwa ein Programm für ein (klimakrisenloses) Elfenland (Begriff siehe Artikel von Bernd Ulrich) geschrieben?

    Die Klimakrise ändert hier was in den Formen der Betroffenheit. Denn von der Klimakrise kann ja auch die Happylandbewohner*in unmittelbar betroffen sein. Wenn die Person dann weiterhin die Klimakrise und ihre Auswirkungen negiert und verdrängt und nicht sehen möchte, dann ist die Person nicht mehr nur Happylandbewohner*in, sondern auch Elfenlandbewohner*in. Denn das so scharf verteidigte und gesicherte bürgerliche Leben im bestenfalls abgezahlten und somit den eigenen Kindern in Zukunft das Dach über den Kopf sichernde Eigenheim, es ist ja nun ganz real und vor den eigenen entsetzten Augen einfach so zerbrochen und davongeschwommen.

    Amitav Ghosh schreibt: “Je höher der Rang eines Offiziers, desto näher stand sein Haus am Wasser und desto romantischer war die Aussicht, die er und seine Familie genossen. (…) Der Anblick der zerschmetterte Häuser war verstörend. Und das aus Gründen, die über die unmittelbare Tragödie des Tsunamis und des Verlusts so vieler Menschenleben in dieser Siedlung hinausgingen. In dem Design des Stützpunkts kam eine Selbstgefälligkeit zum Ausdruck, die an Wahnsinn grenzte. Die Wahl des Standortes war auch nicht einfach dem üblichen improvisatorischen Pfusch indischer Siedlungsmuster zuzuschreiben, denn dieser Stützpunkt muss von einer staatlichen Behörde entworfen und errichtet und der Standort von nüchternen Militärs und staatlichen Bauingenieuren ausgesucht und für gut befunden worden sein. Hier war der vom Staat adaptierte bürgerliche Glaube an die Gesetzmäßigkeiten der bürgerlichen Welt an den Punkt geistiger Umnachtung getrieben worden.” (ebd., S.54f.)

    Wer jetzt kurz irritiert war: Nein, Ghosh schreibt hier nicht über die Flutkatastrophe in Deutschland Mitte Juli, sondern über den verheerenden Tsunami, ausgelöst durch ein gewaltiges Seebeben im Indischen Ozean am 25.12.2005, das tausenden Menschen zwischen der nördlichsten Spitze von Sumatra und den südlichsten Inseln der Andamanen- und Nikobaren-Kette das Leben kostete.

    Und wenn ich nun in den Nachkatastrophentagen der Flut in Deutschland die Zeitung aufschlug, so taten sich merkwürdige Parallelen auf, z.B. hier in der ZEIT in dem Artikel “Vor uns die Sintflut”. Da heißt es zum Beispiel: “‘Schauen Sie hier’, sagt der Professor und zeigt auf eine Karte der Bezirksregierung – Gefahren durch Hochwasser. ‘Es ist genauso gekommen, wie es die Hydrologen berechnet haben.’ In verschiedenen Blautönen sind auf der Karte die Gefahrenstufen bei extremem Hochwasser eingezeichnet. Das überschwemmte Gebiet in Inden ist so eindeutig blau markiert, dass auch ein Laie die Gefahr erkennt. ‘Wer weist einem Areal mit Hochwassergefahr ein Baugebiet aus?’, fragt der Professor. ‘Da sind doch die Probleme programmiert!’ (…) Am Wasser wohnen ist reizvoll. Oft liegen dort die teuersten Grundstücke.” (ZEIT vom 22.07.21, S.5)

    Aber die Illusion stirbt zuletzt, noch sind genügend Spiegel aufgestellt, sodass die Selbstbetrachtung mit Meerblick noch immer stattfinden kann. Aber die Konstrukte werden aufwendiger. Mehr Spiegel sind notwendig, die Spiegelhersteller*innen freuts, dann werden auch sie die letzten sein, die untergehen, zumal die in Fluten zersplitternden und hinweggleitenden und in Dürren feuerzündelnden Spiegel auch gern in den Phasen der nachlassenden Flut und der nachlassenden Dürre nachbestellt werden.

    Ich schweife ab, ich werde zu metaphorisch, zu zynisch, das will ich nicht, das tut mir leid, aber irgendwie hängt ja alles mit allem zusammen; meine Metaphernlust, mein anscheinend auch leicht entzündbarer Zynismus, meine schlechte Laune, die Nazis und ihre unpolitischen Lakaien, die Klimakatastrophe und der Unwille vieler Menschen, diese real existierende Katastrophe in ihr Weltbild zu integrieren.

    Von der Notwendigkeit des Auszugs aus dem Happyland

    Vielleicht lehne ich mich weit aus dem Fenster, aber diese “Mich-erwischt-es-nicht,-und -wenn-doch,-dann-als-Letzte”-Untergangsmentalität haben Nazi-Ideologie und Klimakrisenverleugnung und -verdrängung gemeinsam. Auch hier geht es um Privilegien der Happylandbewohner*innen, die es noch! vereinfachen, der längst angekommenen postbürgerlichen Klimakrisen-Realität denkerisch aus dem Wege zu gehen. Postbürgertum! Was für ein versnobtes intellektuelles, postmodernes Wort, meinen jetzt vielleicht einige Leser*innen, und ich kann es ihnen nicht verdenken. Aber nix mit Postmoderne, ich spreche von einer zutiefst in unserem Gesellschaftsentwurf wurzelnden Krise, der das Ende eingeschrieben ist und bei der die Frage nur ist, ob wir sie erstens bereit sind anzuerkennen, und ob wir zweitens den Schritt ins Unbekannte wagen mit Fragen, die in eine neue Gesellschaft weisen. Also ist die erste Frage: Wer hat Angst vor neuen Fragen? Selbsternannte Adorno-Thea, du? Til, du? (Gerade vor ein paar Tagen spülte mir ein neues Video der #allesdichtmachen-Art in meine twitterige Wahrnehmung. Ach ja, die armen Rechten, haben “nur” Corona und Flüchtlinge als Thema, also hübsch weiter bedienen und dieselben Suppen nochmal aufwärmen, bloß nicht einen dieser kostbaren und immer noch so fruchtbaren Diskurse einschlafen lassen.)

    Weil würdet ihr, Thea und Til, mit mir die Notwendigkeit eines Auszugs aus Happyland anerkennen, dann würde uns gemeinsam die Frage beschäftigen: Ja, wohin denn nur ausziehen und wie nicht das Fürchten lernen? Wie wollen wir denn jetzt leben, wenn uns das Bürgertum, das uns einige Generationen lang in Sicherheit gewogen hat, unterm Arsch wegbricht? Sicher ist jedenfalls, dass das Ende selbst (sowie aber auch das bewusste Anerkennen dieses Endes) nur noch mit Gewalt und unter Inkaufnahme der Zunahme von Katastrophen hinausgezögert werden kann. Und das ist – wie ich es schon öfter anmerkte, keine Zukunftsmusik: Wir tun es schon, siehe EU-Außengrenze, siehe Afghanistan, wir haben es schon, siehe Flutkatastrophe usw. usf. Wollen wir mit dieser Gewalt fortfahren und sie erhöhen, wieder erhöhen und nochmal erhöhen, abgesichert durch Freiheitsinterpretationen, die keinen Pfifferling mehr wert sind, aber immer noch gut verkaufbar, Thea und Til, Heike, Juli und Ulrike? Oder wollen wir aufhören, das Ende hinauszuzögern und alle Kraft dafür verwenden, uns vor dem Neuen und Unbekannten nicht mehr zu ängstigen?

    Was ein erster Schritt sein könnte? Ich empfehle euch, euch ohne bürgerliches Denkkorsett an die Ränder des Systems zu wagen und dort den rauen Gegenwind zu spüren. Wer ganz mutig ist und immer noch Kraft hat, sich dem Wind entgegenzustellen, der streckt jetzt noch seinen kleinen Zeh und vielleicht auch die Nasenspitze mal ganz vorsichtig aus Happyland hinaus. Na? Welcher Wind weht da so? Wie fühlt sich das an? Sagt bescheid, wenn wir uns noch weiter vorwagen können; gerne in einer Video-Kampagne, beispielsweise mit den Titel #vonwelchendieauszogenumdasundenkbarezudenken.

    Eine kleine Zusammenfassung

    Weiter vorne hatte ich behauptet, die Antwort zu wissen, wie dieser Rechtsruck zum einen im Lande und zum anderen in den Personen selbst zustande gekommen ist. Ich habe keine allumfassende Antwort, aber für mich Erklärungen gefunden: 1. eine so erfolgreiche Kampagne wie #allesdichtmachen trägt zu einem Rechtsruck im Land bei. 2. Ein Rechtsruck kann in den Personen – von den Personen selbst sogar unbemerkt – durch Unpolitischsein entstehen. Das Gefährliche daran ist, sich nicht für die weltlichen Zusammenhänge und die Zusammenhänge in einem bestimmten Gesellschaftssystem zu interessieren und sodann auch nicht ein eigenes Denken und Begehren daraus zu entwickeln, sondern dieses eigentlich so notwendige eigene Denken anderen zu überlassen/anzuvertrauen, wobei diese “Anderen” nicht selten Wächter*innen der europatriarchalen Ordnung oder sogar rechte Demagog*innen sein können. Diese Form des Anvertrauens kann in einer europatriarchalen Ordnung nicht nur enttäuscht, sondern eben auch gefährlich werden.

    Es ist aber nicht so, dass unpolitischen Menschen nicht auch eigentlich das gute Leben für alle Würderträger*innen dieser Welt am Herzen liegt. Ganz im Gegenteil; es liegt vielen am Herzen, und sie verstehen dann nicht, warum das, was sie tun, rechts ist oder rechtes oder klimaleugnerisches Denken fördert. Deshalb ist es so wichtig, diese Zusammenhänge im eigenen Denken herzustellen. Wir werden das gute Leben für alle nicht innerhalb dieser Ordnung finden, die zudem sowieso gerade am Zerbrechen ist, siehe Klimakrise. Auf die Klimakrise weiß uns die bürgerliche Auslegung der Welt keine Antworten zu geben, weil die Klimakrise bzw. unsere weltliche Verbundenheit in dieser nicht einbedacht wurde und sich die Klimakrise auch dadurch bis heute so unbeschwert entfalten konnte. Umso dringlicher und wichtiger finde ich es, dass jede unpolitische Person ihre politische Ader im Körper findet, mit der sie sich – am besten ab sofort, denn viel Zeit bleibt nicht mehr – aktiv für das gute Leben aller Würdeträger*innen dieser Welt einsetzt und sich somit ein stückweit aus Happyland hinausbewegt.

    Ein bisschen Klugscheißerei am Ende

    Ans Ende möchte ich heute lauter Sätze setzen, die mir unzusammenhängend während des Schreibens an dem Artikel durch den Kopf spukten; teils sind es Wiederholungen und Überspitzungen aus dem Text.

    Unpolitischsein können sich nur Happylandbewohner*innen leisten. Ihre im System verankerten Privilegien ermöglichen ihnen zum einen Diskurshoheit und wirkmächtige Aufmerksamkeit, und zum anderen Verdrängung, Verzerrung, Ignoranz und Gleichgültigkeit, z.B. gegenüber Menschen, die systembedingt nicht mit beiden Beinen in Happyland wohnen können.

    Unpolitischsein ist ein Luxus, den wir uns nicht mehr leisten können.

    Unpolitischsein von sich selbst als mitte-links-grün-verortenden Menschen kommt im europatriarchalen System immer rechter und neoliberaler Politik zugute.

    Unpolitischsein ist die Verweigerung der Auseinandersetzung mit der Selbstzerstörungsfunktion in unserem europatriarchalen Gesellschaftssystem. Diese Verweigerung trägt somit automatisch zur Zerstörung des Planeten, wie wir ihn kennen, bei. Die Welt “nur” wahrzunehmen und die Verbundenheit mit ihr zu spüren, “nur” privat Gutes und dezidiert Richtiges zu tun, ist nicht mehr genug.

    Unpolitische Menschen tragen daher Mitschuld an der Klimakrise, auch wenn sie sich vegan ernähren und nicht mehr fliegen usw., also ihren persönlichen fossilen Fußabdruck so weit wie möglich reduzieren.

    Wer unpolitisch im Europatriarchat ist, nutzt das eigene Auf-der-Welt-Sein nicht für ein gutes Leben für alle Würdeträger*innen dieser Welt.

    Ein unpolitischer Mensch nutzt weder seine Empathie noch sein sinnliches Wissen im Sinne des guten Lebens für alle. Im Umkehrschluss: Für ein gutes Leben für alle Würdeträger*innen dieser Welt einzustehen, ist per sé politisch.

    Ein unpolitischer Mensch muss notgedrungen viel Vertrauen in die parlamentarische (Parteien-)Politik haben und kann konsequenterweise von dieser auch heftigst enttäuscht werden. Ein leicht aus dem Munde kommendes Politik-Bashing ist daher logische Konsequenz. Denn ein unpolitischer Mensch vertraut den Berufspolitiker*innen auch das eigene Denken an. Gründe hierfür sind für Happylandbewohner*innen Denkfaulheit, Lustlosigkeit und zu wenig Zeit. Gründe dafür sind aber auch wiederum systeminhärent, denn die (vorrangig) parlamentarische, repräsentative Demokratie fördert das Unpolitischsein. Alles ist inakzeptabel und muss grundsätzlich neu gedacht werden im jetzigen krisenhaften Zustand der Welt.

    Wer Zeitnot als Argument für Unpolitischsein anführt und trotzdem nicht will, dass die Welt für die Menschen unbewohnbar wird, der sollte nur die Parteien wählen, die sich unmissverständlich für ein BGE und Arbeitszeitverkürzung bei akzeptablem Lohnausgleich einsetzen.

    Unpolitischsein schränkt die dem Menschen möglichen Wissensmöglichkeiten und -fähigkeiten ein. Dieses Wissen fehlt uns aktuell, um neue Gesellschaftssystem denkbar und gangbar zu machen.

    Wenn wir ein einigermaßen gutes Leben für nachfolgende Generationen weitestgehend sichern wollen, ist Unpolitischsein, also der bewusste Verbleib in einem sich als Elfenland entpuppenden Happyland, keine Option mehr.

    Unpolitische Menschen im Europatriarchat schränken die Freiheit anderer ein.

    Unpolitische Menschen sollen weniger ihr ganz persönliches Happyland und Elfenland konstruieren als vielmehr die weltverbundene Realität (mit all den sich daraus ergebenden Konsequenzen) anerkennen, auf die sie fahrlässigerweise und zum Schaden aller jetzigen und späteren Generationen ihr zerstörerisches Happy-Elfenlandkonstrukt stellen.

    Wer Angst als Argument für Unpolitischsein anführt, sollte sich (gern professionelle) Hilfe suchen, um diese zerstörerische Kraft zu bekämpfen.

    Rechte und Neoliberale brauchen unpolitische Menschen für das Durchsetzen ihrer politischen Agenda. Deswegen sind sie Förderer*innen des Unpolitischseins. Deswegen schreiben nur Linke darüber, dass Unpolitischsein gefährlich ist.

    Die kapitalistische, patriarchale und imperiale Gesellschaftsordnung kann der Klimakrise – wenn überhaupt – nur mit Gewalt begegnen, denn nur das enthält ihr Handwerkskoffer. Es ist der Ordnung egal, ob sie dabei die Menschen, die ihr zur Existenz verhelfen und am Laufen halten, vernichtet. Es ist der Ordnung auch total egal, ob mit ihr überhaupt die Mehrheit der Menschen untergehen. Sollten beispielsweise die Rechten wieder an Macht gewinnen, so fressen sie mit jedem Machtgewinn zuerst die politischen Gegner*innen auf, und sodann aber auch die ganzen unpolitischen Helferlein, die sich teils noch während des Gefressenwerdens verwundert die Augen reiben und sagen: Wie konnte es nur so weit kommen, wo ich das doch alles nicht wollte? Ich habe doch nichts Böses gemacht. Oftmals wissen diese bis zum Verschlucken nicht, was sie eigentlich falsch gemacht oder was ihr Vergehen war. Ich sage es nochmal: Das Vergehen ist, sich nicht für die weltlichen Zusammenhänge und die Zusammenhänge in einem bestimmten Gesellschaftssystem zu interessieren und kein eigenes Denken daraus zu entwickeln.

    Unpolitischsein können wir uns in einer kapitalistischen, patriarchalen, imperialen Ordnung nicht leisten, denn es spielt immer dieser Ordnung zu. Deswegen ist es auch kein Wunder, dass bei weniger politischem Druck gegen diese Ordnung Errungenschaften (z.B. durch die Frauenbewegungen) einfach so wieder verloren gehen können. Siehe aktuell Abtreibungsrechte in Polen und Texas, Frauen in Afghanistan usw. usf.

    Wer unpolitisch ist, ist nicht erwachsen und nicht verantwortungsbewusst, auch nicht gegenüber seinen Lieben, auch wenn er das selbst aus tiefstem Herzen glaubt.

    Wer Gleichgültigkeit und Unwissen als Gründe für Unpolitischsein anführt, der sollte den eigenen Kopf einmal in den verseuchten Flutkatastrophenschlamm in Erftstadt stecken. Ganz freiwillig und gewaltlos, meinetwegen auch nur rein imaginär. Damit nicht genug. Die Person sollte die Aufgabe bekommen, in drei Monaten (Verlängerung möglich) ein Konzept vorzulegen, wie Erftstadt in eine lebenswerte Stadt wiederaufgebaut werden könnte, die auch 2070 noch existiert.

    Unpolitischsein von vielen Menschen führt zu einer Politik für Unpolitische, die nie links und grün (“grün” hier verstanden als wirklich wirksame Klimapolitik) sein kann. Politischsein im Sinne eines Eintretens für das gute Leben für alle Würdeträger*innen auf dieser Welt ist nicht gemütlich, ist nicht einfach, ist immer komplex, ist im Europatriarchat immer gegen den Strom schwimmen, ist angesichts der Dringlichkeit der Notwendigkeit wirkungsvoller Klimapolitik größtenteils Pionierarbeit und erfordert daher enorm viel Kreativität, kann – ist erstmal Strom drauf – spannend, sinnstiftend und erfüllend sein. Deshalb: Wer irgendwie will, aber nicht weiß, wie er seinem Unpolitischsein entkommen kann: einfach starten, ausprobieren, wechseln, wechseln, ausprobieren, fühlen, bis es funkt, bis Strom drauf ist.

    Kein Mensch sollte unpolitisch sein. Nie.

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    https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/09/plaedoyer-gegen-das-unpolitischsein/feed/ 14
    NEU SEHEN https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/09/neu-sehen/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/09/neu-sehen/#respond Wed, 08 Sep 2021 19:00:00 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17797
    Ein Tanz-Bilderalbum – Ausstellungsstück

    Die aktuelle Fotoausstellung im Städel, Frankfurt am Main, steht unter diesem Motto.

    Neu Sehen ist tatsächlich eigentlich eine alter Hut. Genau genommen entstand “NEU SEHEN” als Begriff mit der Entwicklung der Kleinbildkamera vor gut 100 Jahren. Der Ausstellungsuntertitel “Die Fotografie der 20er und 30er Jahre” lässt es uns erahnen.

    Neue Perspektiven, neues Experimentieren, neue Verwendungen wurden in dieser Zeit entdeckt. Das Studienfach Fotografie wurde an den Kunsthochschulen eingeführt und Fotografie in den Medien publik gemacht, die Öffentlichkeit wurde angehalten, mitzugehen: Neu zu sehen! All dies wird in der Ausstellung gezeigt, z.B. mit Zeitschriften, Plakaten, historischen Lehrbüchern und jeder Menge Bild- und Fotomaterial. Mit dabei sind viele Fotograf*innen, Künstler*innen wie Gertrud Arndt, Lotte Jacobi, Madam d Òra, YVA um nur einige der weiblichen der insgesamt über 100 Fotografen und Fotografinnen zu nennen. Makroaufnahmen, Froschperspektiven, Schattenfotografie, all dies wurde in dieser Zeit entwickelt. Neue Formate wie Bildbände zu Landschaftsfotografie eroberten den Markt, industrielle Fotografie, Aktionsfotos von Künstlerinnen, um ihr Talent zu zeigen, Porträts als Medium, um Gefühle zu transportieren, entstanden in diesem neuen Licht.

    Wie die Fotografie Einzug in die Zeitungen hielt, wie der Beruf der Pressefotografie entstand und wie Fotografie dann in den 30ern zunächst für Werbung, dann für Propaganda herhalten musste. Der Missbrauch durch die Nationalsozialisten und die Inszenierung des Militärs wird thematisiert.

    Neu Sehen, dass können die Menschen auch heute noch lernen. Im Städel hat mit dieser ersten Ausstellung die noch recht neue Sammlungsleiterin für Fotografie Dr. des. Kristina Lemke einen der spannendsten fotografiehistorischen Momente ins Visier genommen.

    Die Ausstellung unterteilt sich in verschiedene Themenbereiche: Ausbildung, Nutzung des Mediums für Werbe- und Pressearbeit bis zur politischen Funktionalisierung ist Bekanntes und weniger Bekanntes hier sorgsam aufbereitet vorgestellt. Interessant und etwas gruselig anmutend die Röntgenfotografie und besonders intensiv die Porträts der Künstler*innen der Zeit. So ist dort auch “neu” zu sehen ein Porträt von Tatjana Barbakoff, einer jüdischen Tänzerin und Berühmtheit ihrer Zeit, neben dem Tänzer Harald Kreutzberg, Käthe Kollwitz oder dem Malerehepaar Dix. Das Schicksal der Fotograf*innen und Künstler*innen nimmt nicht selten durch den Nationalsozialmus eine brutale Wende. Doch zeigt sich hier so deutlich eine Aufbruchstimmung, Schaffenslust und Kraft, gepaart mit Kreativität, die dem freien Zeitgeist (Weimarer Republik) entsprach und vielen, insbesondere den jungen Frauen, neue Möglichkeiten eröffnete. NEU SEHEN – eine spannende Empfehlung.

    NEU SEHEN

    Die Fotografie der 20er und 30er Jahre

    Ausstellung ist noch bis zum 24.10.21 geöffnet oder sonntags als digitales Erlebnis buchbar.

    Städel Museum

    Schaumainkai 63

    60596 Frankfurt

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    Stadt, Land, Krise – ein Podcast über Feminismus https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/09/stadt-land-krise-ein-podcast-ueber-feminismus/ https://www.bzw-weiterdenken.de/2021/09/stadt-land-krise-ein-podcast-ueber-feminismus/#comments Mon, 06 Sep 2021 11:56:09 +0000 https://www.bzw-weiterdenken.de/?p=17775 Diesen Post von Barbara Streidl sah ich kürzlich auf Instagram, und dabei fiel mir wieder ein, dass wir hier im Forum noch gar nicht den Podcast „Stadt, Land, Krise“ vorgestellt haben, den sie und Laura Freisberg seit ziemlich genau einem Jahr für Frauenstudien München produzieren. Das ist ein Versäumnis, denn ihre Themen passen sehr gut zu unserem Forum, und es waren auch schon viele Frauen bei ihnen zu Gast, zu denen auch wir hier seit langem Beziehungen pflegen: Zum Beispiel die Verlegerin Ulrike Helmer, in deren Verlag unter anderem die Diotima-Übersetzungen erschienen sind, oder Autorinnen wie Julia Fritzsche, die schon zweimal bei unserer neuen Video-Reihe-Gespräche mitgemacht hat (hier) und (hier).

    Das Themenspektrum bei „Stadt Land Krise“ ist breit, es geht zum Beispiel um aufs Land ziehen, um Endometriose, um Philosophinnen oder um Ökofeminismus (an der Folge hat auch unsere regelmäßige Autorin Cornelia Roth mitgewirkt, die auch hier schon über das Thema geschrieben hat).

    Von daher habe ich Barbara eingeladen, ihren Instagram-Post bei uns zu crossposten! Ihr werdet merken, dass das für ein anderes Publikum geschrieben ist, denn regelmäßige Leserinnen unseres Forums würden vermutlich nicht auf die Idee kommen, dass es feministischer sei, an der Karriere zu basteln als sich um Kinder zu kümmern. Doch genau das ist eine große Stärke von Barbara, wie sie darauf achtet, alle Frauen anzusprechen ohne dabei große Kenntnisse in feministischen Debatten vorauszusetzen und dabei auch auf Fragen und Anliegen einzugehen. Von daher ist dieser Podcast vielleicht auch eine Empfehlung für eure Töchter, Nichten, Enkelinnen, Nachbarinnen…. (Antje Schrupp)


    Barbara Streidl

    Ein typisches Bild von mir: Ein Buch (“Geständnisse einer Teilzeitfeministin” von Heike Kleen), und der Nudelkochtopf daneben. Zum Glück ist der Dampf gerade weg, sonst wäre die Lesebrille wieder total beschlagen.⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀
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    Ich habe sehr oft den Reis überkochen lassen, die Nudeln zu weich, die Bohnen verbrannt, weil ich Hausfrau und Journalistin bin. Vor allem in den Lockdown-Zeiten, als ja wirklich alles gleichzeitig an einem Ort mit der ganzen Familie und allen anderen stattgefunden hat, war das so.⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀
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    Dahinter steckt auch ein strukturelles Problem: Bin ich Teilzeitfeministin, weil ich mich nachmittags mehr um Kinder und Haushalt kümmere als um mefine Karriere? ⠀

    Darüber hat die Journalistin Heike Kleen dieses Buch geschrieben, “Geständnisse einer Teilzeitfeministin”, und Laura Freisberg und ich haben mit ihr darüber gesprochen. Über die Zerrissenheit, die Prägung durch das Elternhaus und die Frage nach dem, was wir unseren Kindern gerne vorleben möchten.⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀
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    Teilzeitfeminismus ist für Heike Kleen keinesfalls ein Schimpfwort, sondern viel mehr eine Möglichkeit, auch mal den Druck, unter dem viele Frauen stehen, abzumildern. Daneben geht es ihr auch darum, die Schwierigkeiten, unter denen viele Frauen leiden, die sich zerreißen, dieses große Dilemma einmal mehr sichtbar zu machen. Find ich gut!

    Hier der Link direkt zur Podcast-Episode mit Heike Kleen

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