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Rubrik leben

„Dann machen wir es uns ganz gemütlich…“

Von Silke Teuerle

Über die Tücken des häuslichen Geschlechterdialogs

Meine Freundin Anna hat einen ganz liebevollen Mann. „Arbeite doch Halbzeit“, hat er freundlich angeboten, als sie ihr erstes Kind bekam. Und jetzt, wo das zweite unterwegs ist, streichelt er immer zärtlich über ihren Kugelbauch und sagt sogar: „Bleib doch ganz zu Hause, ich verdien ja gut.“ Sabine, meine andere Freundin, hat auch so einen Schatz. Der redet ihr gut zu, sich nicht zu viel Stress auf den Hals zu laden. Sie hat nämlich einen Chef, der sehr viel von ihr fordert. Unverschämt, wie ihr Uwe findet. Meinem Mann ist das alles ganz egal. Ich soll machen, wozu ich Lust habe. Will ich viel arbeiten? Gut. Will ich weniger arbeiten? Auch gut. Das ist meine Sache. Ich bin da ganz frei.

Und als Anna ihren kinderfreien Abend hat, sitzen wir drei gemütlich im Biergarten, süffeln schwangerschaftssolidarisch unsere Apfel-Schorle und regen uns über unsere liebevollen Männer auf, die sich nur das Beste für uns wünschen, die uns versorgen, uns vor einem Burn-Out bewahren und nicht einengen wollen. Wir lassen uns so richtig gehen, verschrecken jedes männliche Wesen, das sich am Tisch nebenan niederlassen möchte und zetern uns die Stimmbänder wund. Wir wissen vielleicht nicht immer genau, was wir wollen, aber das wollen wir sicher nicht: umsorgt, verhätschelt und gebremst werden.

Denn obwohl es niemand gerne zugibt und manche gar abstreiten, ist es immer noch alles andere als selbstverständlich, wenn Frauen außer Haus arbeiten gehen. Und obwohl jene Unselbstverständlichkeit an Normalität gewonnen hat, eine Frau in einer leitenden Position oder eine, die besser verdient als ihr Mann, steht noch äußerst fern, wenn nicht gar jenseits jeglicher Normalität. Und um seinen ambivalenten Gefühlen gegenüber einer arbeitenden Frau Ausdruck zu verleihen, macht mann vom Bremsprinzip Gebrauch, offen oder versteckt. Da geht es nicht nur um deutliche Diskriminierungen, wegen derer zum Beispiel sechs New Yorkerinnen die Dresdner Bank vor den Richter zerren und ganze 1,4 Milliarden Dollar Schadenersatz fordern. Dass in Deutschland beinah dreiviertel aller leitenden Positionen von Männern eingenommen wird, nimmt auch unauffälliger seinen Lauf. Wenn Kollegen vergessen, wichtige Informationen ebenfalls der Mitarbeiterin mitzuteilen. Oder wenn Beförderungen außerhalb der Arbeitszeiten beim Bier ausgehandelt werden, während die Frauen auf dem Weg zum Hort oder Supermarkt sind.

Oder wenn der Partner uns hegt und pflegt anstelle uns zu ermutigen und zu fördern. Wobei er das ja durchaus auch tut, jedoch meistens in Situationen, in denen wir lieber gehegt und gepflegt würden. Wenn es um den Haushalt geht, zum Beispiel, da fördert mich meiner ausgezeichnet! Da hat er ganz viel Verständnis, denn das ist ja nun wirklich anstrengend. „Guck mal“, sagt er dann. „Nur noch ein bisschen. Und dann machen wir es uns gaaanz gemütlich!“ Da wird er auch echt kreativ. Wann könnte ich am besten einkaufen gehen, wie passt das am besten in die Wochen- und Autoplanung? Nein, mein Mann ist keiner, der es selbstverständlich findet, dass die Frau den Haushalt schmeißt. Der leidet mit mir, spornt mich an, sucht Lösungen, wenn er auch keinen Schlag tut. Meine Karriereplanung aber ist meine persönliche Angelegenheit. Da kommt kein verständnisvolles Guck-mal-nur-noch-ein-bisschen-und-dann-machen-wir-es-uns-gemütlich. Da bin ich alleine und irgendwie immer selber Schuld.

Sabine dagegen ist das nie. Bei der läuft jedes kleine Stöhnen auf eine Grundsatzdiskussion über ihren Chef hinaus: warum will er, dass sie Überstunden macht? Sie würde sich ja lieber ihren stressbesetzten Nacken massieren lassen, hören, wie toll sie das alles macht und dass sie garantiert bald befördert wird. Aber seine Fürsorge besteht aus Schimpfen, und deshalb stöhnt sie schon gar nicht mehr. Und fühlt sich dann doch, als sei sie selber Schuld. Ist sie ja auch. Wenn es ihr so wichtig ist, einen entspannten Nacken zu haben, dann muss sie halt kürzer treten und sich ihre Beförderung sonst wo hin stecken.

Für ihren Uwe wäre das ja auch durchaus praktischer. Denn dann müsste er sich keine Sorgen mehr um sein Ego machen, das es nicht ertragen kann, wenn seine Sabine klüger ist als er, und dem er deswegen regelmäßig auf die Schulter klopft, in dem er noch weniger im Haushalt tut als mein Mann (und ich dachte, weniger ginge gar nicht). Hat das einen Zusammenhang? In seiner Logik schon: noch verdient nämlich er besser, und will sich erst zur „Frauenarbeit“ erniedrigen, wie er sagt, wenn Sabine beweist, dass sie „klüger“ ist als er und die Ernährerinnenrolle voll auf sich nehmen kann, ein Druck, den sie scheut, obwohl sie dazu in der Lage wäre, würde sie endlich mal voll durchstarten.

Dabei kommt diese Scheu seinem Ego ja ganz recht, das sich nur sehr ungerne mit der Frauenrolle identifizieren möchte. Eine belgische Studie hat ergeben, dass Männer sich trotz verändernder Rollenverständnisse immer noch als Ernährer sehen, wahrscheinlich der ausschlaggebendste Grund, warum Väter ohne einen finanziellen Anreiz, wie es das Elterngeld versucht zu sein, weiter Vollzeit arbeiten. Dass Männer ihre Frau oder Familie ernähren können, ist also immer noch größter Identifikationsfaktor, vor allem, weil Arbeit in unserer Gesellschaft Grundlage der Daseinsberechtigung bleibt, auch wenn sie aufgrund technologischer Entwicklung und Abwanderung in Billiglohnländer immer weniger wird. Aber nicht nur das. Wenn hohe Positionen Ziel sind und Frauen sie besetzen, werden Frauen zum Vorbild, das heißt: zur Identifikationsmöglichkeit. Das aber ist für Männer nicht drin, denn Frauen werden nach wie vor mit Weiblichkeit assoziiert und diese wird gegenüber Männlichkeit abgewertet. Auch von uns Frauen. Erfolgreiche Frauen streben eine Rolle an, die in unserem dualistischen Denken nach wie vor als männlich gilt. Wir wollen nicht versorgen, wie unsere Vollzeit-Mütter das taten. Wir wollen wie Papa sein: unabhängig und bedeutend für die Welt da draußen.

Anna will das auch, zumindest halb. Und ihr Mann will das ganz. Aber eine halbe Mama ist nicht genug für zwei Kinder, und für ihn schon gar nicht. Der Mann, der sich als Ernährer sieht, sieht seine Frau als Versorgende. Annas Mann hat nicht umsonst mit 30 noch bei seiner Vollzeitmama gelebt. Versorgung garantiert. Bei Anna sieht das anders aus, und also schmeichelt er ihr und hofft auf den Deal: ich ernähre dich und dafür versorgst du mich. Man könnte dahinter Faulheit vermuten, aber arbeiten ist ja auch nicht gerade wenig Arbeit. Da geht es um Anerkennung, die beim Versorgen innerhalb, beim Ernähren aber außerhalb des Hauses und also breiter angelegt und eben öffentlich stattfindet. Da ist Männlichkeit ganz viel und Weiblichkeit mal wieder wenig wert. Auch für uns. Wobei sich natürlich die Frage stellt, ob das, was wir unter Weiblichkeit verstehen überhaupt weiblich ist. Aber das ist ein anderes Thema.

Unser Gezeter zumindest wird von sämtlichen Biergartenbesuchern und (-innen?) garantiert als weiblich angesehen (und abgewertet), obwohl das für uns eine Art der konstruktiven Problemlösung ist. Wir fühlen uns auf jeden Fall merkbar besser. Aber nicht nur das. Was wir bei unseren Männern an Unterstützung zu wenig bekommen, holen wir uns hier. Und außerdem hat dieser Apfelschorle-Klatsch mit Vernetzung zu tun, das heißt, dass sich die innerhäusliche Weiblichkeit nach draußen begibt und sich ihre außerhäusliche Anerkennung holt. Vielleicht nicht die der Männer – aber wer sagt denn auch, dass die mehr wert ist?

Autorin: Silke Teuerle
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 29.12.2006

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Anna Hoffmann sagt:

    Wäre es nicht konstruktiver und würde es nicht mehr bewegen, wenn Frauen sich in ihrer Rolle als Mütter, Hauswirtschafterinnen, Sozialarbeiterinnen und und und selbstverständlicher und selbstbewusster einrichten und die Arbeit, die sie ja nun wirklich täglich leisten selbstbewusst ins Zentrum der Aufmerksamkeit und der Öffentlichkeit stellen?! Wenn immer nur besprochen wird, wo Frauen überall noch nicht vertreten nicht, was sie alles noch nicht können, aber können sollten usw. dann fällt dabei weiterhin über Bord und erfährt Abwertung, was Frauen in dieser Gesellschaft alles leisten und welchen Wert ihre tatsächlich stattfindende Arbeit hat! Was wäre denn ohne uns? Wir sollten dahin schauen, wo wir sind und das benennen, was wir täglich tun!
    Wir leiden viel weniger darunter, keine Führungsposition zu haben, als vielmehr darunter, dass das, was wir wertvolles tun nicht als solches wahrgenommen wird – auch nicht von uns. Es geht darum den Wert des Weiblichen in dieser Gesellschaft zu benennen und für Bewusstsein und Anerkennung zu sorgen!

  • Maria Munoz sagt:

    Auch ich habe beobachtet, dass wir Frauen gleich als Erstes in die Falle tappen, uns aus männlichem Blickwinkel zu betrachten und zu bewerten. Das muss aber nicht sein! Ca. 1993 lernte ich die Frau eines freien Mitarbeiters kennen, die drei Kinder großgezogen hatte. Vollbluthausfrau und -Mutter. Nach ca. 20 Jahren ohne Erwerbstätigkeit stürzte sie sich wieder in den Arbeitsmarkt und wurde belächelt. Und sie? Sie war toll. Sie war sich nämlich ihrer eigenen verantwortungsvollen Tätigkeit und deren Wichtigkeit durchaus bewusst und wusste selbstsicher und in völliger Selbstverständlichkeit auf solcherlei Abwertungen zu reagieren. Ergebnis: Totale Beeindruckung des Personalers und somit Job in der Tasche (dem sie NATÜRLICH gewachsen war, was man ja ursprünglich angezweifelt hatte). Ich werde das nie vergessen. Übrigens war sie Österreicherin. Ich weiß nicht, ob auch andere Österreicherinnen selbstbewusster ALS FRAU sind, aber sie war es, und das war eine sehr wichtige Erfahrung für mich. Weiblichkeit ist Weiblichkeit und soll es auch sein – die Abwertung erfolgt auch (und leider „gerne“, also mit nie reflektierter Selbstverständlichkeit) durch uns Frauen selbst. Wir brauchen nicht mal Männer dafür…

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