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Neueste Kommentare

  • Dorothee Markert sagt:

    Danke für eure Kommentare und Ergänzungen und die lebhafte Diskussion am Ende. @Jutta: Offensichtlich ruft das Wort "genug" schon von sich aus die Assoziationen "moralisch" und "zum Verzicht genötigt werden" hervor, so dass gar nicht mehr so genau gelesen wird, was ich wirklich meine. Ich spreche immer von einem persönlichen "Genug", d.h., jede Person kann das nur für sich herausfinden, was bedeutet, dass es sehr unterschiedlich empfunden wird und daher viel Differenz hervorbringt. Wahrscheinlich sollte ich nicht vom "Genug" sprechen, ohne die anderen Begriffe aus dem ABCdesgutenlebens dazuzunehmen, ohne die vielleicht wirklich nicht verstanden werden kann, was ich meine. Außer der Dankbarkeit sind das vor allem die Fülle, die Schönheit und das Innehalten. Also: Kein "Genug" ohne Fülle und Schönheit und kein von außen gesetztes Genug. In meinem Text hier habe ich ja von einer Erfahrung des Genug geschrieben, die Menschen durch die Corona-Begrenzungen machen konnten und auch wirklich gemacht haben. Auch über ein jeweils konkretes Zuviel, das jenen Menschen durch diese Erfahrungen bewusst wurde. Und ich habe behauptet, dass die derzeitige Konsumzurückhaltung durchaus etwas mit diesen Erfahrungen zu tun haben könnte. @Antje: Du hast wahrscheinlich Recht, dass für viele Menschen eine Begrenzung oder ein gewisser Druck nötig sind, damit sie neue Erfahrungen machen, so wie du gemerkt hast, dass du gut ohne das Rauchen leben kannst. (Solche Begrenzungen müssen gar nicht von außen gesetzt werden, meistens bringt das Leben sie von selbst mit). Aber ich höre nicht auf zu hoffen, dass Menschen aus diesen neuen Erfahrungen dann etwas in ihre eigene "freiwillige" Lebensgestaltung integrieren, so dass es langfristig auch zu deutlichen Veränderungen kommt. Wenn du da so pessimistisch bist, dann frage ich mich, wie du dich gleichzeitig als Anarchistin bezeichnen kannst. Denn der Anarchismus setzt doch ganz massiv auf verantwortungsvolle Lebensgestaltung und politische Aktivitäten, die ohne Begrenzungen und Druck von außen, zumindest ohne Herrschaft und Hierarchien auskommen, oder habe ich da was falsch verstanden?

    Artikel: Von der Begrenzung zur Selbst-Beschränkung des „Genug“

  • Juliane Brumberg sagt:

    Liebe Christine, Du stellst wichtige Fragen (für die ich keine Antworten habe), aber allein schon, dass sie gestellt sind, ist gut. Was mich an Deinem Artikel richtig freut ist, zu lesen, dass die Denkanstöße der Italienerinnen und deren Vermittlerinnen im deutschen Sprachraum auf fruchtbaren Boden fallen, weiterentwickelt werden und versucht wird, sie in die Praxis umzusetzen. Das ist Erntezeit für all die Denkerinnen, die soviel Kraft und Herzblut in die Entwicklung und Vermittlung dieses philosophischen Konzepts gesteckt haben. Wunderbar! In diesem Sinne wünsche ich Dir, dass Du vielleicht auch schon Antworten auf Deine Fragen bekommst! Wer weiß schon, was vor Ort alles so geschieht?

    Artikel: „Das Patriarchat ist zu Ende“ – Perspektiven und Strategien jenseits des Gender Mainstreaming

  • Antje Schrupp sagt:

    @Jutta - Ich glaube, der zentrale Punkt beim Selbtverständnis von trans Personen ist nicht dass sie nicht einverstanden mit ihrem Körper sind, sondern die Ablehnung des Körpers ist nur eine Reaktion auf das damit begründete "missgendering" von Dritten. Der Körper wird abgelehnt, weil er als Ursache des Leidens gesehen wird, aber das Leiden kommt nicht wegen dem Körper, sondern wegen der Tatsache, dass man deshalb ein Geschlecht zugewiesen bekommt, das man nicht als das eigene sieht. Daher sind ja auch die neueren Diskussionen an dieser Stelle bereits anders, wenn etwa gesagt, wird dass auch ein Penis ein weibliches Geschlechtsteil sein kann oder der Uterus ein männliches.Zum Ende und zum Thema des "Verschwindens" der Geschlechterdifferenz: Das ist soweit ich es sehe kein inhärenter Bestandteil von Queertheorie, da ist der common ground lediglich die Ablehnung der binären Vorstellung von Geschlecht, wonach es nur und genau zwei Geschlechter gibt, die sich durch körperliche Kategorien voneinander unterscheiden. Und die Vorstellung der "Aufhebung" von Geschlecht ist eine alte Idee, die auch schon im Gleichstellungsfeminismus da war, ebenso wie übrigens die Fixierung auf die Diskriminierungserfahrung - letzteres finde ich im Queerfeminismus eigentlich überhaupt nicht, da die Diskriminierungserfahrung nicht ans Geschlecht geknüpft wird, sondern an die Zuweisung. Also Frausein ist für sich genommen etwas Schönes und völlik okay, für alle, die Frauen sind. Während eher der Gleichheitsfeminismus gesagt hat: Frausein ist so blöd, wir müssen uns unbedingt den Männern angleichen (überspitzt gesagt). Es gibt einige, die vorschlagen, Geschlecht als Kategorie ganz aufzulösen (hornscheidt/Oppenländer in "Exit Gender" zum Beispiel), aber das ist nicht generelle Ansicht.Schließlich, was mich an deiner Position nicht überzeugt: Die BEdeutung von "Frau" ist nicht feststehend. Aus der Existenz von zwei reproduktiven Varianten Mensch lässt sich keine soziale Norm ableiten. Und es ist nicht zu leugnen, dass die Bedeutung von "Frau" ganz faktisch heute ganz etwas anderes ist als "Mensch mit reproduktiven Merkmalen soundso". Die Entscheidung von Differenzfeministinnen wie dir und mir und Anne (und wahrscheinlich den meisten Leserinnen in diesem Forum), aus dieser Zuweisung ("Du hast höchtswahrscheinlich einen Uterus, daher bist zu Frau und also Ansprüchen, Anforderungen und einer Geschichte von 4000 Jahren Patriarchat ausgesetzt") etwas Freiheitliches, Selbstbestimmtes zu machen, ist eine POLITISCHE Entscheidung, keine notwendige. Es ist keine naturwissenschaftliche Wahrheit darin. Es ist selbstverständlich möglich und legitim, es anders zu entscheiden und zum Beispiel zu sagen "Ich weigere mich, diese soziale Position einzunehmen und nur weil mein Körper soundso aussieht, hat niemand ein Recht, mich in irgendeine Kategorie zustecken" und da entlang geht die Auseinandersetzung. Man kann diesem ARgument zum Beispiel nicht damit begegnen, zu behaupten, die Zuweisung "Frau" wäre doch nur eine neutrale Bescheibung einer körperlichen Variante, denn das stimmt halt einfach nicht.

    Artikel: Ein gutes Leben für alle erfordert ein neues Zukunftsdenken und Zukunftssprechen.

  • Anne Newball Duke sagt:

    Liebe Jutta, vielen vielen Dank für deine ausführliche Antwort aus dem Urlaub! Ich weiß das sehr zu schätzen. Es ist so vieles so interessant! Ich zum Beispiel, ich bin auch - und wenn ich mich so umhöre, merke ich immer, wie selten das noch immer ist - wahnsinnig glücklich und zufrieden mit meinem Körper, in meiner Körperin. Ich habe beispielsweise nur glaube zweimal in meinem Leben eine (freiwillige) Diät gemacht, mit 17 oder so, ich fand das eine ganz schlimme Erfahrung (ich war so fixiert aufs Körpermaß und so, ich hatte nichts anderes mehr zu denken, es war furchtbar), und habe es nie wieder gemacht. Dieses Gefühl der Zufriedenheit mit mir selbst teile ich also total mit dir. Warum andere Menschen ihrem Körper schlecht behandeln, also z.B. sich ritzen... ich glaube, niemand möchte es, sondern es ist eine Art Projektion von (seelischer, physischer, emotionaler etcpp.) Verletzungen auf den eigenen Körper, um also anderen Schmerz durch "neuen" Schmerz zu lindern z.B. Aber ja... da kennen sich andere viel besser aus. Was ich sagen will ist, dass diese Menschen Gründe haben und Erfahrungen gemacht haben, die unverdaut und also unverarbeitet sind und sich so irgendwie den Weg nach außen suchen. Ich würde mir wünschen, dass niemand je solche traumatisierenden Erfahrungen machen muss (da wären wir schon wieder beim guten Leben für alle ;). Was das Gefühl von trans Menschen angeht, im falschen Körper zu stecken... der Film "Girl" von Lucas Dhont gibt eine gute Möglichkeit, sich da einzufühlen... ich bin eine Netflix-Spätzünderin und schaue mich gerade durch "Orange is the new Black" und finde hier die Rolle der Sophia Burset auch wahnsinnig interessant. Das ist wohl einer der Gründe, warum ich Kino (neben Literatur) so liebe: weil Filme mir die Möglichkeit geben, mich in (fremde) Menschen (und ihre Kontexte, Konflikte, Leben) einzufühlen. Was ich auch mit dir teile: ich empfinde Frausein natürlich auch als schön. Aber ja... ich verstehe oder fühle hier unseren Dissenz... oder wie soll ich das nennen, hehe... ich kann meine patriarchats-kapitalistische Kritik-Brille wohl nie mehr ablegen. Aber das liegt halt auch daran, dass wir mit unserer Gesellschaftsordnung gerade in einen selbstproduzierten Kollaps reinrutschen. Donna Haraway drückt es so aus: "Ein eingeschränkter (oder neoliberaler) Individualismus, aufgebessert durch Autopoiesis, ist weder metaphorisch noch wissenschaftlich betrachtet gut genug; er führt uns auf tödliche Pfade." (Unruhig bleiben, S. 51) Ich liebe auch die Verschwendung und das Übermaß und den überflüssigen Luxus und all das, was du geschrieben hast unter Dorothees Text des "Genug", und nichts wäre schöner, als all dem weiter fröhnen zu können, aussuchen zu dürfen etcpp. Aber diese unsere Erde ist endlich und verletzlich und bereits jetzt schon vielfach verletzt. Ein "Genug" kommt bei mir nicht von innen, sondern zunächst als Zwang von außen, wenn ich will, dass auch meine Töchter noch ein gutes Leben auf dieser Erde haben können. Und weil ich es als "Zwang von außen" so unerträglich finde, muss ich es das alles irgendwie inkorporieren, also einen Weg finden, wie das alles zu vereinbaren geht, ohne dass mich das alles überfordert. Momentan habe ich das richtige Maß und die richtige Art noch nicht gefunden, ich fühle mich ständig überfordert. Weil ich Dinge tun muss, bei denen - wie du so schön sagst - ich die Verhältnisse nicht überblicke und auch nicht komplett Verantwortung übernehmen kann (und es am liebsten eben auch nicht täte). Warum tue ich es dennoch, warum gehe ich raus aus meiner Komfortzone? Weil ich genau weiß, was ich meinen Töchtern in 20 Jahren NICHT sagen möchte. Ich möchte ihnen nicht sagen, "ich habe nichts getan, weil ich mich überfordert gefühlt habe". Also... komme ich ins Tun, ... und es wirft mich eben in Bahnen, auf denen ich mich nicht gut auskenne, aber hey, Grenzen und Zäune und eigene Wohlfühlzonen sind auch zum Dranrütteln und Hinterfragen da. Aber gut, all das ist ja wieder eine andere Geschichte. Was eure Aversion - also Antjes und deine, und sicher noch so einiger anderer Leser*innen - gegen diese fiktive Zukunftsvision angeht, so kann ich das total verstehen, immerhin sind wir Differenzfeministinnen. Ich habe sie übrigens nicht entworfen, sondern Marge Piercy hat sie entworfen; und was sie da gemacht hat, ist Kunst. Um über diese ein Nachdenken oder auch eine mögliche Debatte im Diskursraum anzuregen. Sie hatte dafür Gründe, irgendwas hat sie inspiriert, und dem wollte sie nachgehen, bis "ganz ans Ende" und komplett ausgepinselt. Ich finde das einfach wunderbar und ich bin so dankbar dafür. In jeder feministischen Science Fiction wird dieses Thema mehr oder weniger durchgespielt. Ob Frauen nun "noch mehr" Frauen werden, weil sie ohne Männer leben, oder "noch mehr" durch patriarchale Strukturen unterdrückt werden und sich dennoch in Nischen und Rändern und Sprache frei fühlen. All das ist nicht die Realität, all das sind Angebote für das Körpergehirn, um in Unruhe zu geraten und um über das Hinaustauchen aus dem Jetzt-So-Menschsein in ein alternatives Menschsein eintauchen zu können. "Man kann Science Fiction als Kunst- und Denkmaschine" also "erstens als Kunst genießen, und man kann mit ihr zweitens Dinge und Verhältnisse denken, die ohne sie ungedacht bleiben müssten" (Dietmar Dath in Niegeschichte, S. 21); "hier tut sich etwas auf, was die konkrete Erfahrung überschreiten will" (ebd., S. 47). Es ist also keine Zukunftsvision (ich habe in meinem Artikel nur so getan als ob, aber ich werde zukünftig überlegen, ob ich das in der Form wieder tue... ich werde da noch ein bisschen rumexperimentieren). Mich hat dieser Roman sehr zum Denken angeregt, ich habe in ihm keine Antworten im Sinne von "So muss es/wird es sein" gefunden (wie du vielleicht glaubst, Jutta), sondern noch mehr Fragen, die mein Körpergehirn unruhig halten, und allein das genügt mir. Vorerst. Ich möchte die Geschlechterdifferenz nicht abschaffen. Ich möchte ein gutes Leben für alle Bewohner*innen in diesem zerbrechlichen Lebensraum Erde. Ich danke dir nochmal für deine Antwort, das ist alles sehr spannend. :)

    Artikel: Ein gutes Leben für alle erfordert ein neues Zukunftsdenken und Zukunftssprechen.

  • Jutta Pivecka sagt:

    Liebe Anne, aus dem Urlaub heraus fällt es mir schwer, zu diesem langen Text Stellung zu nehmen, an manchen Stellen fühle ich mich missverstanden, an anderen nicht.Du hast Recht, dass Empathie wichtig ist. Wir empfinden sie aus unserem Körper heraus (woraus sonst?), aber wir empfinden sie alle nicht immer und wir können sie auch nicht immer „gerecht“ verteilen. Wem wir wann unsere Empathie zuteil werden lassen, sagt oft mehr über uns, unsere Zeit und unser Milieu aus, als über diejenigen und ihre Situation, denen wir Empathie zeigen. Für mich kann ich, wenn ich dies nachvollziehe, erkennen, warum es sicher wahr ist, dass die Situation und das Leid (wobei ich finde, dass Empathie immer mehr und anderes sein sollte als bloßes Mit-Leid) von Trans-Menschen für mich schwerer vorstellbar ist als andere: Es liegt daran, dass ich mir fast gar nicht vorstellen kann, nicht einverstanden mit meinem Körper zu sein, ihn als etwas Fremdes oder Falsches wahrzunehmen. Das ist mir tatsächlich sehr fremd, auch unheimlich, so sehr, dass meine Vorstellungskraft im Grunde daran scheitert. Diese Fremdheit gilt dabei gar nicht allein Transmenschen, sondern auch jenen, die ihre Körper aushungern oder verletzen oder umoperieren, um ihn einem Idealbild anzugleichen. Die feindliche Beziehung zum eigenen Körper kenne ich nicht einmal im Ansatz; meine Vorstellungskraft sträubt sich auch gegen sie. Ich weiß (vermittelt über Worte), wie viel Leid Menschen erfahren, die sich so unwohl in ihrem Körper fühlen, dass sie sich ritzen, dass sie sich langwierigen und schmerzhaften OPs unterziehen, dass sie Nahrung verweigern. Aber ich verstehe es nicht. Es bleibt mir fremd.Und hier spielt vielleicht wieder eine Rolle, wie wir mit Sprache umgehen. Für mich ist sie eine Vermittlung dessen, was ich denke und fühle. Aber ich denke unmittelbar in Bildern. Was ich mir nicht als Bild vorstellen kann, das bleibt mir in Wahrheit fremd.Diese Erfahrung der Fremdheit rechtfertigt natürlich nicht den Ausschluss anderer. Ich habe sie nur angeführt, um mir selbst und anderen zu erklären, was noch mitschwingen mag – auch zunächst unbewusst – in meiner Haltung.Warum es mir und anderen wichtig ist, das Wort und die Bedeutung von „Frau“ nicht gegen zergliederte einzelne Körperfunktion oder -organe auszutauschen, wurde ja vielleicht in den Kommentaren und auch in Dorothees Text ein wenig deutlich. Und ich hoffe, dass auch klar geworden ist, dass es mir nicht darum geht, Trans-Frauen auszuschließen. Ich möchte nur weiterhin dann von mir als „Frau“ sprechen, wenn es um meinen Körper (seinen Alterungsprozess z.B.) geht.Ein weiterer, mir wichtiger Aspekt ist mir in der Diskussion mit Antje noch klarer geworden und er vertieft sich, wenn ich deinen Text lese: Es beunruhigt und erstaunt mich immer mehr und führt auch zu einer inneren Distanzierung, wenn Frausein gleichgesetzt wird mit der Selbstwahrnehmung als unterdrückt und entrechtet. Für mich ist mein Frausein zu keiner Zeit geprägt gewesen von Unterdrückung. Damit meine ich nicht, dass es keine gegeben hat oder gibt. Aber das ist eben nicht nur nicht „alles“, sondern mir nie auch nur ansatzweise das Wichtigste gewesen. Ich habe Frausein immer als schön, als mächtig und als richtig empfunden. Die – für mich gefühlte – ständige, auch ständig eingeforderte Identifikation mit Unterdrückungserfahrung, mit Dissidenz und Widerstand, mit einer bestimmten politischen Haltung (z.B. mit unbedingter Gegnerschaft zum „Kapitalismus“) usw. usf. ist für mich eben nicht der Kern meines Frauseins und deckt sich auch nicht mit meinem Begehren als Frau in der Welt.Ich weiß nicht, wie alle Menschen „frei“ sein können oder werden können. Ich kann mich nur darum bemühen, in meinen Beziehungen Freiheit zu gestalten. Dabei verstehe ich Freiheit eben nicht als „tun, was ich will“ (das hatte ich in einem anderen Kontext missverständlich ausgedrückt), sondern als die Übernahme von Verantwortung in diesen Beziehungen. --- Ich hatte es in einem Kommentar an Antje schon versucht zu formulieren: Je älter ich werde, desto wichtiger wird mir auch, diese Verantwortung nicht ungebührlich auszudehnen, dorthin, wo ich Verhältnisse nicht überblicke und Zusammenhänge auch nicht genügend verstehe.Die Utopie, die du am Ende deines Textes referierst, kann ich von meinem Begehren her nur als erschreckend wahrnehmen, denn sie scheint ja zu bestätigen, was ich und andere (sicherlich eher überzogen) befürchten: dass dieser Diskurs um „Frausein“ am Ende auf das Verschwinden von Frauen (und Männern) zielt, auf die Aufhebung der Kategorie Geschlecht. Das ist keine Zukunftsaussicht, für die ich etwas zu geben bereit bin. Denn ich leide nicht an der Geschlechterdifferenz. Vielmehr erfreue ich mich an ihr. Was Geschlecht bedeutet, darüber mag ich verhandeln, darüber, ob es das gibt, eben nicht. Dabei bin ich mir keineswegs sicher, ob die „schöne neue Welt“, die du entwirfst, nicht tatsächlich wird. Doch wenn es so ist, habe ich meinen Nachkommen nichts anderes mitzugeben in diese Welt als die Sehnsucht nach der Geschlechterdifferenz und eine Neigung zum Widerstand, die aus dieser Sehnsucht erwachsen könnte.

    Artikel: Ein gutes Leben für alle erfordert ein neues Zukunftsdenken und Zukunftssprechen.

  • Anne Newball Duke sagt:

    Liebe Antje, Ja, die Utopie ist schwach, aus den Gründen, die du nennst. Das empfinde ich auch so. Sie triggert mich aber dennoch immer und immer wieder, und zwar aus dem Grund, dass ich das Gefühl nicht loswerde, dass etwas Grundwahres daran ist, dass Schwangerwerdenkönnen per se Macht innewohnt. Also ich würde nicht sagen, das Schwangerwerdenkönnen ein Privileg ist, sondern dass dem reinen Fakt, dass du also schwanger werden kannst, Macht innewohnt. Und Macht etabliert wiederum automatisch Hierarchien... je nachdem, auf welcher Stufe du stehst, hast du Privilegien und die damit theoretisch einhergehende Verantwortung. Also: du kannst schwanger werden; damit könntest du theoretisch "die Welt regieren", du kannst auf alle Fälle Menschen exkludieren, die nicht schwanger werden können, sie nur "benutzen" etcpp. Gibt es tatsächlich eine ideale Gesellschaftsform, in der das für jene Menschen, die nicht schwanger werden können, nicht bedrohlich ist? Und sie darum nicht ständig vom Gedanken heimgesucht werden, das Ganze in ein Patriarchat zu verwandeln, allein aufgrund der puren Möglichkeit, dass sie "ausgestoßen" werden könnten? (Hier kommt wohl das Vertrauen ins Spiel (wie stark muss es sein, damit es eine Gesellschaft trägt etcpp.), aber das Fass mach ich jetzt hier nicht auch noch auf, hehe.) Das ist ja im Grunde die Frage, die Firestone/Piercy aufwerfen. Auch wenn ich gedanklich vielleicht schon "weiter" sein und mich vielleicht hier nicht so lange aufhalten sollte, weil dieser Verzicht aufs Schwangerwerdenkönnen so viel Unterschiedlichkeit löscht... Aber... ich meine, Piercy fragt ja aber auch, wie viel Unterschiedlichkeit da eigentlich wirklich verloren geht, oder ob nicht durch diesen Verzicht mehr Unterschiede und diesbezügliche Freiheiten erst entstehen können. In Piercys Utopia gleicht kein Mensch dem anderen, es herrscht ein großer Pluralismus. Als Leserin wusste ich halt nur nie, mit welcher Geschlechterrolle oder mit welchem Gender-Konzept ich es bei den jeweiligen Figuren eigentlich zu tun habe, und es hatte für mich wirklich etwas Befreiendes, nicht nach Kategorien suchen zu müssen, da diese nicht über frei oder unfrei der Figuren entscheiden. An Firestone/Piercy fasziniert mich einfach die Radikalität der Gedanken, die die Frage verfolgen: wie können wir kategorienlos sein, wie wir sein wollen? Geht das überhaupt "biologisch"? Ich finde, der Gedanke, dass mit dem Schwangerwerdenkönnen irgendwas "Unsagbares", jedenfalls nicht nur Symbolisches an Macht mitgeliefert wird, darf nicht leichtfertig weggewischt werden, nur weil wir natürlich eine andere Gesellschaft anstreben, da bin ich ja ganz dabei. Mir ist noch etwas zur Verantwortung eingefallen. Gerade eben lese ich bei Donna Haraway folgenden Satz: "Komplexität kann sich auftrennen; die Erde kann sterben; es kommt darauf an, responsabel zu sein." (Unruhig bleiben, S. 158) Und an anderer Stelle bezieht sie sich direkt auf die feministische Ethik der "Responsabilität" (vgl. S. 97). Ich finde, dass die Verantwortung, die aus Privilegien erwächst, die mir aufgrund meiner Hierarchiestufe "zugeeignet" sind, eine andere ist als diese feministische. Oder? Im Sinne dessen, dass die feministische keine Hierarchie benötigt, sondern "nur" dem Fakt Rechnung trägt, dass wir Menschen die Erde und das Leben vieler Mit-Lebewesen zerstören können, wenn wir eben nicht beginnen, responsabel zu denken, zu sein, zu leben. Da denke ich wohl noch weiter dran rum. Das mit dem Bösen und dem Unglück interessiert mich; ich würde spontan meinen, dass das ganz unbedingt unterschieden werden muss. Aber dazu weiß ich zu wenig von der Diskussion und dem Kontext.

    Artikel: Ein gutes Leben für alle erfordert ein neues Zukunftsdenken und Zukunftssprechen.

  • Antje Schrupp sagt:

    Liebe Anne, danke für deinen „weiterdenkenden“ Text! Und danke für die Erinnerung an Marge Piercy. Ich habe ich Buch ja auch gelesen, aber das ist bestimmt 10, 15 Jahre her – und die Sache mit dem Schwangerwerdenkönnen, das die Frauen dort für die positive Utopie aufgegeben haben, hatte ich ganz vergessen. Was ich sehr interessant finde, denn es wäre natürlich ein Beispiel gewesen, das in mein Schwangerwerdenkönnen-Buch unbedingt reingehört hätte! Warum habe ich es vergessen? Vermutlich weil mich das Thema damals nicht interessiert hat. Für mich persönlich hatte ich schon damals entschieden, dass ich keine Kinder gebären will, und von daher kam mir gar nicht in den Sinn, dass das eine große Sache sein könnte, so etwas eh latent Anstrengendes und Umständliches outzusourcen. Aber jetzt, wo ich deinen Text lese, kann ich die positive Utopie darin nicht sehen. Ich glaube, es ist eine schwache Utopie, das Gute Leben nur imaginieren zu können, wenn alle Menschen auf ihre „Vorteile“ verzichten. Sondern für mich wäre das Gute Leben nur eingelöst, wenn die Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit gut leben könnten, also wenn sie einen nicht-hierarchischen Umgang mit der Tatsache fänden, dass manche Menschen schwanger werden können und andere nicht. Wir sind hier glaub ich wieder an dem Punkt, den du als Differenz ja auch in dem Text hast, dass ich nicht der Meinung bin, dass Sprache Wirklichkeit „schaffen“ kann, die nicht da ist. Dass sie aber – und das vielleicht mein Unterschied zu Jutta – sehr wohl das bisher ungesagte Reale und Begehrte zur Sprache bringen und ihm damit in der Welt Realität verschaffen kann. Die Utopie der Gebärmaschinen erscheint mir irreal, ein Wolkenkuckucksheim, geboren aus der Phantasielosigkeit und Hilflosigkeit, mit der wir heute nicht in der Lage sind, Ungerechtigkeiten zu beheben. Ich will mehr. Ich will mehr, dass Menschen, die schwanger werden können, als „normale“ Menschen betrachtet werden, obwohl nicht alle Menschen schwanger werden können. Nur wenn „Normalsein“ nicht mehr bedeutet „so wie alle Sein“ haben wir Freiheit, wäre jedenfalls meine These. Ein anderer Aspekt davon, wo ich ausgehend von deinem Text gerne noch weiter denken würde: Es gibt einen Unterschied zwischen Privilegien und Unterschieden. Nicht alle Unterschiede sind Privilegien, der Unterschied zwischen Schwangerwerdenkönnen und Nicht Schwangerwerdenkönnen zum Beispiel ist kein Privileg (denn Privilegien sind immer gesellschaftlich gewährt), sondern eine biologische Tatsache. Und ich würde Piercy auch nicht zustimmen, dass das Schwangerwerdenkönnen etwas Positives ist, ein Mehr im Vergleich zum Nicht Schwangerwerdenkönnen (übrigens hier eine interessante Parallele zwischen Piercy und einer bestimmten Richtung des Feminismus, die Frauen aufgrund ihrer Gebärfähigkeit als irgendwie „besser“ betrachtet). Sondern es ist einfach ein Unterschied, je nach Vorlieben, Umständen, Kontexten ist es besser zu der einen oder zu der anderen Gruppe zu gehören. Erst durch gesellschaftliche Handlungen werden daraus Privilegien (etwa indem Menschen mit Uterus als „Frauen“ aus bestimmten Positionen ausgeschlossen werden). Also: Ich bin ganz dafür, dass wir Privilegien abschaffen und bekämpfen, und dass wir da vor allem als Privilegienhabende in der Verantwortung sind. Aber nicht jeder Unterschied ist ein Privileg, und die Unterschiede, die keine Privilegien sind, müssen wir irgendwie anders behandeln als sie abzuschaffen. Übrigens, was mir grade noch einfällt: Vor vielen Jahren (2008, vielleicht also gleichzeitig mit meiner Lektüre von Marge Piercy) hatten wir hier mal eine Diskussion über den Unterschied zwischen „dem Bösen“ (von Menschen gemacht) und „dem Unglück“ (nicht von Menschen gemacht) und kamen zu dem schluss (soweit ich mich erinnere), dass man das konkret nicht unterscheiden kann, aber vom Prinzip her schon.. ) werde das nochmal lesen!

    Artikel: Ein gutes Leben für alle erfordert ein neues Zukunftsdenken und Zukunftssprechen.

  • Jutta Pivecka sagt:

    @Antje Klar kenne ich Dorothees Buch. Ich habe sogar darüber geschrieben: https://gleisbauarbeiten.blogspot.com/2013/09/doppelgesichtigkeit-unser-verdrangtes.html Und über die "Gärten": Hortus conclusus Privat vs politisch: Ich denke nicht, dass "der Garten", in dem ich wirke(n will) nur "privat" ist. Meine (Erwerbs-)Arbeit z.B. ist durchaus auch politisch. Wie vieles andere, wofür und worin ich mich engagiere. Aber ich lerne, mich - und meine Umwelt - nicht zu überfordern. Die Grenzen meiner Verantwortlichkeit (die ja die Grenzen meiner Fähigkeiten und meiner Einsichten sind) einzusehen und in meine Forderungen (an mich und andere) fürsorglich einzubeziehen. Das Verhältnis zwischen privat und öffentlich ist dann tatsächlich noch einmal ein weiteres Thema - da verändert sich gegenwärtig vieles und das zu beschreiben und zu erkennen erfordert schon viel Mühe, noch schwieriger - zumindest für mich - ist gerade herauszufinden, was ich in Bezug auf dieses Verhältnis will (wollen kann).

    Artikel: Von der Begrenzung zur Selbst-Beschränkung des „Genug“

  • Antje Schrupp sagt:

    @Jutta - sehr interessantes Thema. Die "Welt" ist ja laut Hannah Arendt nicht etwa "alles", sondern das, was zwischen Menschen entsteht, die sie gestalten. Die Frage wäre, was ist der Unterschied zwischen deinem Paradiesgarten und dem "nur Privaten", und wie hängt deine Unterscheidung (wenn überhaupt) mit der zwischen dem Persönlichen und dem Politischen zusammen? Aber führt jetzt in diesem Kontext hier vermutlich zu weit.PS: Kennst du Dorothees Buch über den Pietismus? https://antjeschrupp.com/2010/11/24/pietismus-und-revolution/Meine "christliche" Sozialisation fand ja als Kampf gegen den "Pietkong" statt, das waren ja regelrechte Kulturkämpfe damals in den 1980ern, jedenfalls bei uns auf dem Land.

    Artikel: Von der Begrenzung zur Selbst-Beschränkung des „Genug“

  • Jutta Pivecka sagt:

    @Antje Du hast Recht, der Pietismus setzte auf den Zwang des Gewissens. Das war wirksam. Und sehr einschneidend. Ich habe manche Nacht wach gelegen und gedacht, dass ich in die Hölle komme, weil ich nicht will, was ich doch wollen soll. Und dennoch weiß ich - und "will" es inzwischen auch -, dass dieses Denken mich geprägt hat und ich mich davon nie ganz werde "befreien" können. Ich nehme daraus etwas mit, was mir gegenwärtig immer wichtiger wird: die Idee der Freiheit mit jener der Verantwortung zu verbinden. Aus der Überforderung, die ich erfahren habe, leite ich aber auch ab, die Begrenzung eher anderswo zu suchen: Ich fordere Freiheit nur dort, wo ich die Verantwortung übernehmen kann und ich übernehme Verantwortung nur dort, wo meine Fähigkeiten es zulassen. Das setzt meinen Utopien Schranken. Auch meinem Begehren, das früher eher nach dem Unmöglichen, nach dem "Paradies auf Erden" sich gestreckt hat. Ich habe gelernt, dass auch das Paradies ein Garten ist - und jeder Garten eine Begrenzung hat (auf vielen alten Bildern ist es sogar eine Mauer). Die Grenze ist das eigene Vermögen. Es realistisch einzuschätzen ist die Verpflichtung. Mein Begehren zielt nicht mehr darauf, "die Welt" zu gestalten, sondern auf das Wirken in jenem "Garten", dessen Grenzen die meinen sind. Seit ich die Begrenzung anerkenne, bin ich zufriedener, aber auch viel weniger "missionarisch". Vielleicht könnte man es sprachlich so fassen: Ich strebe nicht mehr nach "dem guten Leben für alle", sondern nach einem besseren für alle. " Ein Bild/eine Utopie von einem Paradies ohne Grenzen (das kein Garten mehr ist, sondern die Welt) erscheint mir mehr und mehr vermessen. Zurück auf die pragmatische Ebene: Ja, man muss die Menschen überreden (nicht zwingen) von der Pferdekutsche ins Auto zu steigen...Es gelingt ja auch oft in Beziehungen. Meine Mama am Telefon zu ihrer Freundin: "Schau mal, wenn Du ein Smartphone hättest, dann könnten wir uns ab und zu Gifs schicken..." (und dann erklärt sie, was Gifs sind...) (Und wenn ich wütend bin, dann kann es schon vorkommen, dass ich die Leute zwingen will und gelegentlich fühle ich eine ekle Lust an Repressionen z.B. gegen Leute, die ihre SUVs auf dem Fahrradweg parken usw. usw....Manches muss man auch mit Zwang regeln, wahrscheinlich, aber ich bin froh, dass ich dafür die Verantwortung nicht trage.)

    Artikel: Von der Begrenzung zur Selbst-Beschränkung des „Genug“

  • Antje Schrupp sagt:

    @Jutta - ich würde dir weitgehend zustimmen, aber viele Leute muss man erstmal zwingen, sich in ein Auto zu setzen, bevor sie die Pferdekutsche aufgeben, oder? Der Überschuss des Internet ist doch ein gutes Beispiel: So viele Leute haben erst jetzt, unter Zwang, gemerkt, was man damit alles machen kann!PS: Was mir noch einfällt: Die pietistische Losung war aber ja gerade nicht Zwang, der, denn es ging doch moralisch darum, dass man es "einsieht", dass man also nicht nur macht, was vorgegeben wird, sondern dass man es auch "selber will".

    Artikel: Von der Begrenzung zur Selbst-Beschränkung des „Genug“

  • Jutta Pivecka sagt:

    @Antje @Dorothee Ich teile die Erfahrung, dass "Freiwilligkeit" nicht zu Einschränkungen führt. Als eine, die im evangelisch-evangelikalen Milieu aufgewachsen ist, triggert mich jedoch wenig mehr als eine missionarische Askese-Freude, die ich nur zu gut (wieder er)kenne. Wo ich herkomme, war es immer "genug". Alles, was das Leben bunter, wilder, bequemer, lustiger, verruchter machte, war überflüssiger Luxus, verfemt, wenig "gottgefällig". Gottgefällig war Verzicht, Genügsamkeit, Selbstbescheidung. "Gebücket mit dem Hut in der Hand, kommst du durchs ganze Land.", stand gestickt über dem Sofa. Wer mehr und anderes will, als schon da ist, bekam die Verachtung der Gemeinschaft schnell zu spüren. Mein Opa (der "Rebell"?) musste den Einbau von Boilern gegen anhaltenden Widerstand durchsetzen, denn fließend warmes Wasser verwöhnt und macht faul. --- Mich wird daher keine mehr zum "Genug" bekehren können. Tatsächlich bin ich auch philosophisch und evolutionstheoretisch davon überzeugt, dass nur der Überfluss, die Verschwendung, das "Zuviel" genügend Chancen zur Anpassungsfähigkeit an sich verändernde und unvorhersehbare Entwicklungen bieten. Es ist ja auch gar nicht so, dass es immer von allem mehr gibt. Pferdekutschen gab es auch schon mal mehr. Und jetzt gibt es fast keine mehr. Ich vermisse sie nicht. Und so wird's mit Autos (und vielen anderen) auch sein. Nur wird es dann etwas geben, was wir uns wahrscheinlich noch gar nicht vorstellen können. (Vielleicht werden wir uns "beamen";-)) Was aber nur entstehen kann, wenn wir den Überfluss haben, das Überschießende, das Zuviel, den wilden Wuchs. --- Kaum etwas fürchte ich daher mehr, als dass weltanschaulich gefestigte Missionar_innen festlegen (wollen), was wovon für wen "genug" ist. Ja, im Gegensatz zu den meisten anderen in meinem Umfeld fürchte ich mich davor sogar mehr als vor allen möglichen und wahrscheinlichen Folgen z.B. des Klimawandels. Und deshalb setze ich weiter auf "Freiwilligkeit". Weil ich gar nicht weiß (und auch keiner anderen zutraue es zu wissen), was im Einzelnen "gut" ist für alle - und aus welcher Wucherung, die mir und anderen heute vielleicht unsinnig und verschwenderisch erscheint, das Neue entstehen könnte, das wir brauchen.

    Artikel: Von der Begrenzung zur Selbst-Beschränkung des „Genug“

  • Ulrich Wilke sagt:

    Liebe Dorothee, eine weise Denkart liegt deinem Artikel zugrunde. "In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister", heißt es volkstümlich. Gut sind die dran, die ihr Leben den Bedingungen schmerzlos anpassen können; das nenne ich "optimieren". Viele nichtoptimale Arten sind ausgestorben; das ist die wesentliche Bedingung der Evolution. Hegel soll geschrieben haben: "Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit." Mathematiker unterscheiden fein zwischen "Schranke" und "Grenze": "Grenze" ist eine erreichbare Größe, also Teil der begrenzten Menge; "Schranke" eine unerreichbare.

    Artikel: Von der Begrenzung zur Selbst-Beschränkung des „Genug“

  • Antje Schrupp sagt:

    Liebe Dorothee, danke für dein Aufschreiben dieser Diskussion. Ich denke immer noch an der Freiwilligkeit der Grenzen herum - und oute mich hier mal als diejenige Mitdenkerin, die "behauptete, Grenzen seien nie freiwillig, sonst wären es keine." Tatsächlich bin ich immer noch dieser Überzeugung, denn du schreibst ja selbst am Ende: "Die Orientierung am „Genug“ ist kein Verzicht, es ist noch nicht einmal eine Beschränkung". Ich denke, was wir erlebt haben, ist etwas anderes als eine "Orientierung am Genug", sondern in der Tat eine Begrenzung, und zwar eine unfreiwillige. Und wenn wir diese Erfahrung nutzen wollen, um zu einer "Orientierung am Genug" zu kommen, müssen wir, glaube ich, eingestehen, dass beides nicht dasselbe ist.Jedenfalls ist das meine Erfahrung, dass freiwilliges "Orientieren am Genug" bei mir nicht funktioniert, ich aber ganz leicht unter Zwang auf etwas verzichten kann. Ich habe aufgehört zu Rauchen, als ich durch eine Zahnwurzelentzündung mit Extraktion und anschließendem Urlaubsflug praktisch dazu gezwungen wurde, und es fiel mir dann wundersamerweise ganz leicht.Vielleicht bin ich ja in dieser Hinsicht sehr sonderbar, aber "moralische Freiwilligkeit" funktioniert bei mir überhaupt nicht. Vielleicht erklärt das auch die teilweise sehr emotionalen Debatten über Anti-Corona-Maßnahmen: Viele Leute sind erschrocken, wenn sie sehen, wie leicht Menschen unter Zwang etwas machen, was sie normalerweise nie machen würden (Ute hat ja auch in diese Richtung kommentiert). Und andere Menschen sind erschrocken, wie schnell Leute mit vernünftigem Verhalten wieder aufhören, sobald es nicht mehr vorgeschrieben wird.Mit der großen Betonung auf Freiwilligkeit in unserer Kultur machen wir es den Menschen jedenfalls ungeheuer schwer, gut zu sein, weil sie sich für jede gute Tat selber motivieren müssen. Ich weiß nicht, ob das verständlich ist, mir ist der Gedanke auch noch nicht so ganz klar, aber für mich kann ich jedenfalls bejahen, dass man mich häufig "zu meinem Glück zwingen muss" und ich dann dankbar bin, wenn es jemand tut.Was man daraus jetzt schließen kann im Hinblick auf das Genug weiß ich auch nicht, aber ich denke, unter Corona haben wir als Gesellschaft das erste Mal (in meiner Lebenszeit) so etwas wie ein ein kollektives Zwangsgefühl erlebt, ähnlich wie sonst vielleicht bei einem Krieg oder regional bei einem großen Unglück (vielleicht damals die Überschwemmungen im Osten).. usw. Und die Erfahrung gemacht, dass eine solche Zwangssituation das Unmögliche plötzlich möglich macht, für mich immer noch das Beeindruckendste die stillstehenden Flugzeuge.Naja, bin noch nicht mit Denken fertig,

    Artikel: Von der Begrenzung zur Selbst-Beschränkung des „Genug“

  • Gudrun Nositschka sagt:

    Danke Heike Brunner für Deine klare Kommentierung des Urteils.Ja, Schluss mit der Herabwürdigung von Frauen.

    Artikel: 2:1 - Stopp Hate Speech

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Danke für den Artikel, und danke für Ute Plass` Kommentar! Ich möchte einen mir sehr wichtigen Gedanken noch anfügen bzw. hervorheben: Es ist nicht selbstverständlich aber doch relativ leicht, dankbar zu sein, wenn genug vorhanden ist… „...dankbar dafür, dass ich genug habe, genug zu essen, genug Schönes in meiner Umgebung, genug gute Beziehungen, genug Kleidung, genug…“. Ja, Dankbarkeit ist sehr wichtig, und bestimmt ist in dieser Corona Zeit die Wahrnehmung dafür für viele noch mal ganz neu gekommen. Das ´Genug` birgt für mich aber noch eine ganz andere LebensQualität (und dieses Genug setzt nicht ein Genügend voraus, -denn das hieße ja, ich wäre dann nur bisschen bescheidener; nein): es ist genug da und wird "mehr“, wenn es mir genügt - so wie es letztlich ist. "Die Orientierung am „Genug“ ist kein Verzicht, es ist noch nicht einmal eine Beschränkung.“ Es ist für mich stets genug da - zum Leben und damit auch zum Sterben.

    Artikel: Von der Begrenzung zur Selbst-Beschränkung des „Genug“

  • Ute Plass sagt:

    "Manche glauben ja, dass aus dem Schock etwas Gutes entstehen wird. Vielleicht, was so dringend nötig wäre: Staaten, die sich wirklich um ihre Bürger und Bürgerinnen kümmern, Staaten mit mehr Demokratie, mehr Gerechtigkeit, weniger Umweltzerstörung, viel weniger Profitdenken im Gesundheitswesen. Ein naiver Glaube."Zitiert aus dem, insgesamt lesenswerten, Artikel hier: https://www.westendverlag.de/kommentare/risiken-und-nebenwirkungen/

    Artikel: Von der Begrenzung zur Selbst-Beschränkung des „Genug“

  • Ina Praetorius sagt:

    Liebe Regine und Caroline, Deine Idee, Regine, das Kriterium Care und die entsprechenden Beurteilungsprozesse zu Art.1 Abs.1 GG in Beziehung zu setzen, finde ich gut und plausibel. Damit diese Verbindung auch über die Grenzen Deutschlands hinaus geht, können wir auch Art. 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (1948) wählen, wobei da gleich ein Haken zum Vorschein kommt: "Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen." Der "Geist der Brüderlichkeit" weist darauf hin, dass der vermeintlich nicht diskriminierende Massstab der Menschenwürde in der Geschichte mit fragwürdigen Begründungen daherkommt: Kant z.B. begründet die "allgemeine" Menschenwürde in der "Vernunftbegabung", und die ihrerseits spricht er Frauen und nichtweissen Menschen gelegentlich ab. Wenn wir wollen, dass das Kriterium Care mit dem Ankerwert Menschenwürde zusammenfällt, sollten wir versuchen, die Menschenwürde anders zu begründen. Hier ein Versuch aus dem Jahr 2007: https://inabea.wordpress.com/2018/07/31/die-wuerde-der-geborenen/

    Artikel: Care - ein Kriterium nicht nur in der Krise

  • Antje Schrupp sagt:

    @Maria Mechthild - Ja, da bin ich ganz bei dir, aber das Arbeiten an der symbolischen Ordnung bedeutet eben auch, dass man neue Wörter erst suchen muss. Weshalb ich vorläufig für diese sachlich-nüchternen Begriffe plädiere ist, dass ich sie "entmythologisieren" möchte. Es wäre natürlich gut, wenn wir mittelfristig etwas Schöneres fänden, nur "Frau" ist es meiner Ansicht nach eben nicht, bzw. nicht geeignet.

    Artikel: Ich bin keine menstruierende Person.

  • Elanne sagt:

    Dankbar für das Urteil, gerade jetzt... immer wieder müssen wir auch Frauen in die Schranken weisen, die sagen, Frauen sind noch schlimmer als Männer!Das unterstützt und rechtfertigt wieder Gewalt gegen uns.

    Artikel: 2:1 - Stopp Hate Speech

  • Elanne sagt:

    Das Wort Gutmensch ist älter als das Wort political correctness.Es ist eine Übersetzung von bonhomme, d.h. ungefähr Gentleman, aber auch Urchrist, aus dem katarrhischen Südfrankreich.Die Verunglimpfung der früheren Christen geht weiter. Political correctness ist für uns nicht gut, wenn wir falsche Rücksicht nehmen müssen und nicht mehr unterscheiden dürfen. Das gilt gerade für Frauen. Wenn wir uns gegen das Patriarchat wenden, dann bitte auch gegen neue patrirchale Tendezen von außen.

    Artikel: Political Correctness. Geschichte einer Konstruktion

  • Adelheid Ohlig sagt:

    Merci für Artikel und Kommentare, ich hoffe, dass nun wirklich eine gerechtere Gesellschaft sich Bahn bricht! Der alte Kapitalismus führt nicht weiter. Glückauf !

    Artikel: Von der Begrenzung zur Selbst-Beschränkung des „Genug“

  • Ute Plass sagt:

    @Elanne -gute Frage: "Was machen die Menschen, wenn es wirklich ernst wird?".Ernst ist die Weltlage ja insgesamt , wenn auch nicht wegen dem Virus SarsCov-2, sondern wie Dorothee Markert aufzeigt, wegen einer zerstörerischen kapitalistischen Produktionsweise, die kein ‘Genug’ kennt. Einerseits dürfte dies durch die Definition "epidemische Lage von nationaler Tragweite" bei mehr Menschen ins Bewußtsein gerückt sein, andererseits versucht die Regierung mit gigantischen Geldsummen einen, weiter Demokratie gefährdenden, Kapitalismus zu retten.Meine anfängliche Hoffnung, dass die Corona-Krise einen umfassenden Bewusstseinswandel mit bewirken könnte, ist leider sehr schnell zerstoben.Wovon ich genug habe, ist die Panik- u. Angstmache von Politik und diversen Medien. Das erinnert an: “Profiteure der Angst” https://www.youtube.com/watch?v=IhN1N5ZzdWMGenug habe ich von einer fürsorglichen Entmündigung und von einer Lock-down-Romantisierung, die die regierungsamtlich verordneten Maßnahmen zu klösterlichen Einkehrtagen verklären.Genug habe ich davon, dass Menschen nicht Verantwortung übernehmen im Umgang mit ihrer Angst, sondern sich einschüchtern lassen von Bildern und Zahlen, welche sie unhinterfragt hinnehmen. Vielleicht kann dieses Video helfen, dass sich das ändert: https://www.youtube.com/watch?v=kqVL7KR-QykGenug habe ich von politischen Entscheidungen, die sich vor allem auf einen virologischen Tunnelblick stützen, die mit dazu beitragen, weitaus größere Schäden, Leid und Tod zu verursachen als dieses Virus selbst.Genug habe ich davon, dass so viele Menschen die Aussetzung von wesentlichen Grundrechten hinnehmen zugunsten einer vermeintlichen Sicherheit. https://www.sueddeutsche.de/politik/prantls-blick-coronavirus-grundrechte-1.4868817Genug habe ich auch von sog. Leitmedien, die "alternative Expertisen" als Verschwörungen abtun und diverse Internetforen, die diesen Gehör schenken, gleich mit denunzieren.Wovon ich nicht genug habe, ist Aufklärung, die der Entängstigung dient und zum Selber- und Weiterdenken anregt: https://www.deutschlandfunk.de/risikoforscher-zu-covid-19-zahlen-wir-muessen-lernen.694.de.html?dram:article_id=479939“ beziehungsweise weiterdenken” kann da gar nicht ‘zuviel’ werden.;-)

    Artikel: Von der Begrenzung zur Selbst-Beschränkung des „Genug“

  • Maria Mechthild sagt:

    @ Antje Als Frau unser ureigenes Begehren wahrzunehmen, dadurch nicht in der patriarchal überformten Selbstwahrnehmnung - dem patriarchalen Blick auf uns selbst - stecken zu bleiben lehrt uns die Philosophie der Frauen und ist zu begrüßen. Damit erringen wir heutigen Frauen spürbar eine grundlegende Selbstverständlichkeit unsere persönlichen Sichtweisen in die Welt zu bringen. Es gilt aber auch, dass trotz jahrtausendegeltender patriarchaler Kultur Frauen sich auch früher gesellschaftliche Räume (Literatur, Politik, Bibelkritik,...) und Häusliche Räume (Kemenate, Beginenhäuser,...) geschaffen und diese gepflegt haben, in denen sie ihr ureigenes Begehren leben und formulieren konnten. Was sonst hat es Hildegard von Bingen, Christine de Pizan und vielen anderen ermöglicht, diese Dimensionen an Frauenweisheit / Frauenbegehren / Frauenkultur zu verwirklichen? Im Pionierwerk von Gerda Lerner "Die Entstehung des Feministischen Bewusstseins" - Vom Mittelalter bis zur ersten Frauenbewegung - ist wunderbar nachzulesen, auf welche Weise Frauen ihre Selbstauthorisierung erschaffen haben.Meine Suchbewegungen sind vielfältig: Zwischen Mary Daly, Diotima, Feministischer Theologie, Frauentempelgruppe, besonders kostbar: Enkelkinder und junge Mütter/Eltern erleben und begleiten. Auch im Politischen, Gesellschaftlichen bringe ich meine Haltung ein, meine Haltung als mitfühlende Frau, mit meinem Begehren. Dort bin ich konfrontiert mit Profitdenken und all dem besonders patriarchalen Ausdruck von Verdinglichung menschlichen Seins, mit Zahlen und Fakten. Allein der Begriff "HR" = "Human Ressources" in der Wirtschaftswelt, in Konzernen, auch in der Sexindustrie (Gruppen-/Sex mit Schwangeren ist dort ein Produkt), ... lässt mich grausen.Antje, sehr lange habe ich weiter nachgedacht über einige deiner Begrifflichkeiten und was ich schwierig an manchen finde. Den Begriff "Schwangerwerdenkönnen" als Seinszustand kann ich gut aufnehmen. Mir gefallen zum Beispiel deine Ausführungen in deinem Buch "Schwangerwerdenkönnen" über das System Leihmutterschaft sehr gut. Hier werden aufgrund der vorhandenen Fortpflanzungsfähigkeit von Frauen wirtschaftliche Interessen sichtbar, die sich nur auf diese Frauen richten. Jedes Recht am Baby wird den Frauen aber genommen, weil die beiden ja angeblich nicht verwandt sind. Du legst unter anderem dar, dass zwischen Leihmutter und eingepflanztem Baby durchaus eine belegbare genetische Verwandtschaft entsteht und bestehen bleibt, da der Blutkreislauf zwischen beiden eben nicht getrennt ist - sondern Zellen von Baby und Mutter gleichermaßen in beiden Körpern fließen und Jahre später nachweisbar sind. Als Frau ist mein Leben wegen meiner potentiellen Möglichkeit, schwanger zu werden, definitiv unterschiedlich zu dem Leben eines Mannes oder zu dem Leben einer Frau, die aus unterschiedlichsten Gründen nicht biologisch fruchtbar ist.Es stimmt aber sachlich nicht, die Biologische Fruchtbarkeit einer Frau an einem Organ - Uterus - oder einer Körperfunktion - Menstruation - festzumachen und die Benennung einer Frau auf diese "Teile" zu schrumpfen. Wir alle wissen, dass das Vorhandensein des Uterus oder der Menstruation noch gar nichts über die mögliche Biologische Fruchtbarkeit aussagen. Es muss alles passen: Gesundheitszustand einer Frau, sowohl körperlich als auch seelisch, der Stoffwechsel, der Hormonhaushalt, die soziale Situation (Geborgenheit, Sicherheit, frei von Gefahren für Leib und Leben, ...) die Geschlechtsorgane müssen entwickelt und gesund sein ...Dein Begehren, sagst du, möchte Begriffe finden und verwenden für die Unterscheidung zwischen Geschlechterdifferenz und Reproduktiver Differenz. Erfasse ich den Begriff "Reproduktive Differenz" im von dir gemeinten Sinne richtig, wenn ich darunter den Unterschied zwischen "vorhandener -" beziehungsweise "nicht vorhandener Biologischer Fruchtbarkeit" verstehe?Was alles zur Fruchtbarkeit einer Frau gehört wissen wir. Ich kenne viele Frauen, die unter der Entfernung oder dem Fehlen eines Organs oder einer Körperfunktion tief traurig sind. Zwei Eileiterschwangerschaften können zur Unfruchtbarkeit führen, Myome zur Gebärmutterentfernung, erlebte Gewalt und Angst können Fruchtbarkeit abschalten, und und und ... Ich finde es einfach respektvoller, Begriffe zu prägen, die sich auf die Weibliche Biologische Fruchtbarkeit beziehen, die mal vorhanden sein kann oder auch nicht. Von Menschen mit Uterus oder von menstruierenden Personen zu sprechen wird der Komplexität von Fruchtbarkeit ohnehin nicht gerecht.Diese Ausdrucksweise berührt (nicht nur) bei mir mein Feingefühl erlebter abwertender Ausdrücke aus sexistischem/dominanzmännlichem Verhalten im medizinischen Umfeld, bei Entbindungen, Operationen,... und auch im Privaten. Bei Schwangerschaften, Entbindungen und im Gesundheitswesen erleben Frauen oft Gewalt, Abwertung ... Ich wünsche mir, gerade, wenn es um die ureigene Fruchtbarkeit, auch die möglicherweise fehlende Fruchtbarkeit - einer Frau geht, sollten wir hochsensible und feine Begriffe prägen.

    Artikel: Ich bin keine menstruierende Person.

  • Elanne sagt:

    Mir kommt das mittlerweile monatelange Gerede über das zarte Befinden derer, die genug und zuviel haben, langsam reichlich zimperlich vor.Es war ja fast nichts. Was machen die Menschen, wenn es wirklich ernst wird?

    Artikel: Von der Begrenzung zur Selbst-Beschränkung des „Genug“

  • Elanne Kuck sagt:

    Vielen Dank für den Artikel. Vor einigen Jahren gab es sogar eine medizinische Ringvorlesung in Göttingen unter dem Thema "Frauenherzen schlagen anders". Die Geschlechter haben verschiedene Herzen, was man bei Thema Transplantation auch beachten sollte.

    Artikel: Warum Frauen eine andere Medizin brauchen

  • Heike sagt:

    Das ist ein sehr wichtiges Thema, auch das AKF, Arbeitskreis Frauengesundheit, ein bundesweiter fachübergereifender Zusammenschluss von im Gesundheitsbereich arbeitenden Frauen, hat sich diesem Thema schon intensiv gewidmet. Danke für die Rezension!

    Artikel: Warum Frauen eine andere Medizin brauchen

  • Antonia Federer-Aepli sagt:

    Vielen Dank für diese Anregung, ich wede es in unserer Gemeindebibliothek auf die Wunschliste tun, so wir es öffentlich

    Artikel: Warum Frauen eine andere Medizin brauchen

  • Iris Weller-Sturm sagt:

    Danke für den Hinweis. Ein wichtiges Thema. Das nicht-kommerzielle Frauenmagazin MATHILDE schreibt im aktuellen Heft auch über Gender &Medizin. Sehr lesenswert!

    Artikel: Warum Frauen eine andere Medizin brauchen

  • Regine Lang sagt:

    Liebe Caroline, das (An-)Gebot, Care selber als Kriterium zu verwenden, findet sich meines Erachtens im deutschen Grundgesetz wieder. In Artikel 1 GG wird die Würde des Menschen als unantastbar deklariert. „Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Und auch hier zeigen sich die Unschärfen in der Auslegung und Transformation in den lebendigen Lebensraum, wie du sie bei der Anwendung von Care als Kriterium deutlich gemacht hast. Dazu kommt M.E., dass im GG die Staatliche Gewalt in die Pflicht genommen wird und damit quasi eine paradoxe Situation entstehen könnte. Wenn ich mir staatliche Krankenhäuser, Kindergärten, Schulen, Altenheime, Polizei, etc. ansehe, die gemeinhin und auch nach deinen Ausführungen zum Care Bereich dazu gehören, dann kann ich nur bemerken, dass Artikel 1 Absatz 1 Grundgesetz sehr oft zugunsten eines wirtschaftlichen Interesses nicht beachtet wird. Wenn nun schon der Hüter der Schutznorm (Staat) als Vorbild nur wenig taugt, so sind die Leistungen von einzelnen Gruppen und Menschen, die hier unglaublich wertvolle Arbeit machen, gar nicht genug anzuerkennen. Und ja, das geht etwas an deiner Argumentation vorbei Caroline. Und vielleicht auch nicht. Die Würde bzw. der Wert des Menschen und Care unterscheiden sich eventuell nur in ihrer Prozessqualität. Care nicht mehr als „TUN“ in den Mittelpunkt zu stellen sondern als Maßstab für gutes Handel, verändert den Blick. Von hier aus gesehen rückt er sehr nah an Würde und Wert heran, ist ebenbürtig und gleichermaßen relevant! In einer komparativen Betrachtungsweise könnte es dann in etwa so heißen: „A handelt dann mehr nach dem Maßstab von Care als B, wenn er mehr als B von dem Erfordernis eines finanziellen Vorteils bei seinen Entscheidungen absieht, zugunsten der Bedürfnisse der Menschen in ihren jeweiligen Lebensphasen und -Umständen. Und selbst das möchte ich gleich wieder relativieren und einladen, weiter zu forschen und in eurem Sinne Weiterzudenken! Danke für den Impuls!!!

    Artikel: Care - ein Kriterium nicht nur in der Krise

  • Dorothee Markert sagt:

    Danke an euch für diese tolle Neuerung auf unserer Seite! Beim ersten Mal ließ ich mich von Anne abschrecken, euer Video weiter anzuschauen, weil es so klang, als müsse man den Film und die Kurzgeschichte kennen, um was davon zu haben. Dann war ich aber doch so neugierig, dass ich mich über diese Empfehlung hinweggesetzt habe. Und tatsächlich hatte ich sehr viel Freude an eurem Gespräch, das gut für sich allein stehen kann. Vielleicht werde ich die Kurzgeschichte mal lesen, möglicherweise auch irgendwann den Film anschauen, und dann alles nochmal ganz anders sehen als ihr. Aber nötig ist das nicht unbedingt. Als Linkshänderin denke ich übrigens nicht linear (musste das aber natürlich lernen), sondern immer in Gesamtbildern, weshalb ich lange große Schwierigkeiten mit der Vermittlung hatte, weil mir nicht klar war, dass andere die Bilder gar nicht sehen konnten, die ich im Kopf hatte.

    Artikel: Aus der Zeit gefallen - ein Videopodcast der bzw-weiterdenken-Redaktion

  • Ina Praetorius sagt:

    Die erste Frage, die du, Caroline, uns hier stellst, bevor du uns gleich mehrere notwendige Denkaufgaben schenkst, möchte ich beantworten: Wenn wir von "systemrelevanter" Arbeit sprechen, kann sinnvollerweise nur das Ökosystem Erde gemeint sein. Denn es gibt keinen guten Grund, weshalb Care-Arbeitende das patriarchal-kapitalistische System weiterhin unterstützen sollten, das sie ausbeutet, um den Lebensraum Erde kaputt zu produzieren. - Und jetzt die Denkaufgaben: 1. Care zum Kriterium zu machen, bedeutet nicht, ein benutzer*innenfreundliches Werkzeug in die Hand zu kriegen, das immer und überall gleich funktioniert. Es bedeutet, an unwiederholbare Entscheidungssituationen einen noch ungewohnten, noch ungefestigten Massstab anzulegen. Wo/wie lernen wir das? Wie gewinnen wir die Autorität, die es dazu braucht? 2. Care als Kriterium einzusetzen, impliziert eine tiefgreifende Veränderung des Norm-Menschenbilds: "Der Mensch" ist jetzt "eher ein Baby als ein Mann im besten Alter". Wie geht das: eine implizite, über Jahrhunderte eingeschliffene Norm aus den Angeln heben? 3. Wenn Care im weiten Sinne die Befriedigung von Bedürfnissen meint, braucht es eine klare Vorstellung davon, was ein (legitimes?) Bedürfnis ist. Wie gewinnen wir die? 4. "Vermutlich müssen wir uns vom Wunsch verabschieden, widerspruchsfrei argumentieren zu können." Ja. Um zur grundsätzlichen Widersprüchlichkeit von Argumenten in Verhandlungen stehen zu können, braucht es vielleicht wieder vor allem eins: Autorität (oder?) Wie entsteht sie? 5. Care im weiten Sinn zum Kriterium zu machen, bedeutet auch, Care-Tätigkeiten im engen Sinne einer Kritik zu unterziehen. Wie geht das in einer Welt, in der noch nicht mal allgemein anerkannt ist, dass Care als Arbeit überhaupt existiert? - Wie schön: Wir haben viel zu tun! Danke für die Steilvorlage!

    Artikel: Care - ein Kriterium nicht nur in der Krise

  • Esther Gisler Fischer sagt:

    Liebe Caroline Danke herzlich für diesen gewichtigen Beitrag! Mlg. Esther.

    Artikel: Care - ein Kriterium nicht nur in der Krise

  • Jutta Pivecka sagt:

    @Sammelmappe Das müssen wir für das nächste Mal überlegen. Wir haben ja keine "professionellen" Namensschilder und so ein Klebeband oder so, weiß nicht, das gefällt mir nicht. Man kann ja vielleicht am Anfang einfach sagen, wer wo im Bild ist. Hier auf bzw habe ich es jetzt noch einmal drunter geschrieben.

    Artikel: Aus der Zeit gefallen - ein Videopodcast der bzw-weiterdenken-Redaktion

  • Sammelmappe sagt:

    Bei den "Namensschildern" habe ich gar nicht so an einen technischen Feinschilf gedacht.Die könnten ja sogar analog auf dem Video erscheinen und müssten nicht durchgehend sein.Außerdem könnten sie auch in der YouTube-Beschreibung auftauchen. Der ganze Artikel könnte in der YouTube-Beschreibung wiedergegeben werden. Wenn Besucherinnen von dieser Seite auf YouTube kommen, nehmen sie die Beschreibung nicht wahr, es ist also keine Wiederholung für sie. Kommen sie über YouTube oder andere Kanäle, dann ist es ein Informationsgewinn.

    Artikel: Aus der Zeit gefallen - ein Videopodcast der bzw-weiterdenken-Redaktion

  • Jutta Pivecka sagt:

    Liebe An, Danke für das Feedback. Diese Einschätzung, dass Denken und Sprache untrennbar sind, ist ja sehr weit verbreitet. Mich überzeugt das auch nicht unbedingt, da ich selbst eher ein visuell "denkender" Mensch bin. Viele Künstlerinnen drücken sich eben auch durch Bilder aus - und könnten das gar nicht in gesprochene oder geschriebene "Sprache" übersetzen.

    Artikel: Aus der Zeit gefallen - ein Videopodcast der bzw-weiterdenken-Redaktion

  • An sagt:

    Hallo allo vier, erstmal großes Lob, superschön!!! Ich kenne vom Sehen aus diesem Kreis bisher nur Antje Schrupp und fand es gut, nun Gesichter zu haben zum Forum bzw-weiterdenken. Außerdem gefällt mir sehr gut die "Unaufgeregtheit" des Formats im Gegensatz zu all der aggressiven Bildsprache um mich herum. Dass Ihr einen eigentlich geschützten Gesprächsraum aufmacht und daran teilhaben lasst, finde ich mutig von Euch. Um das viel strapazierte Wort zu benutzen, es ist "authentisch" im besten Sinne.Den Film habe ich gesehen, die Kurzgeschichte nur in Rezensionen gelesen, nicht im Original. Dank Euch habe ich jetzt die Ergänzung und Einschätzungen. Mir erschien der Film als ziemlicher Hollywood-Verschnitt mit zwar weiblicher Heldin, die aber unerträglich auf weibliches Schema festgelegt war.Ich habe den Film damals diskutiert mit einer Person, die auf jeden Fall ohne Sprache denkt, da Sprache immer mit Problemen behaftet war (Legasthenie, Wahrnehmungsstörungen). Die These, nur durch Sprache denken zu können, fand diese Person also komplett abwegig. Vielen Dank für die ganz anderen Aspekte nun von Euch.

    Artikel: Aus der Zeit gefallen - ein Videopodcast der bzw-weiterdenken-Redaktion

  • Jutta Pivecka sagt:

    Liebe Claudia, Danke für dein Feedback. Die Hinweise habe ich unten in die Beschreibung gesetzt. Wie man "Namensschilder" in den vier geteilten Bildschirm durchgehend einblenden kann, weiß ich nicht genau. Mein Programm lässt nur Untertitel unter das Gesamtbild zu, was nicht so passend ist. Ich bin da auch keine Expertin.

    Artikel: Aus der Zeit gefallen - ein Videopodcast der bzw-weiterdenken-Redaktion

  • Antje Schrupp sagt:

    @sammelmappe - Ja, danke für die Verbesserungsvorschläge !! @Fidi - wie schön! Ja klar, das machen wir!

    Artikel: Aus der Zeit gefallen - ein Videopodcast der bzw-weiterdenken-Redaktion

  • sammelmappe sagt:

    Ich habe gerade schon auf YouTube kommentiert, dass mir das Format super gefällt. Diese Viererteilung des Bildschirms ist für mich sehr übersichtlich und im Gegenteil zu einem Audiopodcast habe ich mehr Übersicht, wer jetzt gerade spricht.Vielleicht wäre es noch gut die Hinweise aus dem Abspann auch in die Beschreibung mit aufzunehmen und vielleicht noch kleine Namensschilder?

    Artikel: Aus der Zeit gefallen - ein Videopodcast der bzw-weiterdenken-Redaktion

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Ihr vier wartet jetzt sehnlichst auf einen Kommentar, hieß es. Ich mache euch die Freude :-) Dank an euch, ich habe mich sehr erfreut daran, euch zuzuhören, euch zuzuschauen! Keine Ahnung, ob ich viel geschweige denn alles verstanden habe. (Das ist auch mein Anspruch überhaupt nicht, eigentlich fast nie. Das musste ich höchstens damals an der Uni oder zumindest so tun als ob.) Hier lass ich euch einfach auf mich wirken; dann erfahre ich so viel. Und das ist es, was mir dann Freude macht. Ich hoffe die weiteren Folgen werden wieder bekannt gegeben, und wie gesagt, ich grüße euch herzlich!

    Artikel: Aus der Zeit gefallen - ein Videopodcast der bzw-weiterdenken-Redaktion

  • Antje Schrupp sagt:

    @ClaudiaBerlin - Das Begehren ist nicht "rein weiblich", es gibt natürlich auch männliches Begehren, der Unterschied ist, das Letzteres einen festen Platz in der Kultur hat, ersteres aber nicht. Also: Dass Männer etwas begehren ist normal, das Begehren der Frauen hingegen ist suspekt. Der Kern der Frauenbewegung war die Befreiung des weiblichen Begehrens, und der Kampf dafür, dass es gesehen, akzeptiert, diskutiert wird, und Greta Thunberg ist davon ein Ergebnis.Das "weibliche Begehren" ist nichts anderes als "das Begehren einer Frau, die diesem folgt ohne sich einem männlichen Universalitätsanspruch zu unterwerfen", von daher kann man auch nicht sagen, dass die Einführung von BEgriffen wie "Schwangerwerdenkönnen" ein WEIBLICHES Begehren ist, es ist MEIN Begehren, Begriffe zu haben, die es mir erlauben, zwischen Geschlechterdifferenz und reproduktiver Differenz zu unterscheiden. Sie sind nur deshalb ein "weibliches Begehren", weil ich eine Frau bin.

    Artikel: Ich bin keine menstruierende Person.

  • Heike sagt:

    Liebe Dorothee, das ist wirklich ein ganz spannender und wertvoller Beitrag zu dieser großen Diskussion. Worte sind einfach mit bestimmten Assoziationen verknüpft und sowie "Frau" erorbert werden musste, ist es nun die Frage ob "schwanger werden könnende Person", dies schafft. Person, als solches ist ja auch nicht wertefrei. Ich erinnere mich zu gut an Ausrufe meiner Oma: Diese Person!, womit eine junge, gutaussehende Nachbarin gemeint war, die ihren Lebenstil etwas freiheitlicher pflegte...

    Artikel: Die Eroberung des Ehrentitels „Frau“ durch die 1970er-Frauenbewegung

  • ClaudiaBerlin sagt:

    Antje schreibt:"Die Dissidenz zu den „herrschenden Normen“ kommt nicht dadurch, dass eine Frau „links“ ist oder „revolutionär“, sondern schlicht durch die Tatsache, dass es in der patriarchalen Kultur keinen Platz für das weibliche Begehren gibt. Es ist in der gegebenen symbolischen Ordnung nicht vorgesehen, wird daher nicht erkannt und kultiviert. "als Antwort auf Jutta, die u.a. schreibt:"es gibt aus meiner Sicht keine homogene „patriarchale Kultur“ und deren Normen. Und das weibliche Begehren findet sich aus meiner Sicht doch immer wieder auch in der „herrschenden“ Kultur, weil Frauen eben niemals eine Minderheit waren, nirgendwo!"Um selbst etwas mehr Klarheit zu gewissen, hab' ich mir Antjes Rede "Weibliches Begehren und die Stärke der Frauen" durchgelesen.http://www.antjeschrupp.de/begehren-vortrag-in-fuldaUnd nach der Lektüre denke ich: Inwiefern ist dieses "weibliche Begehren", das sich nicht auf "realistische Ziele" beschränkt, sondern dem Begehren von seinem Anfang her folgt, rein weiblich?Eine junge Frau, die im letzten Jahr ungeheuer konsequent ihrem Begehren folgte, ist Greta Thunberg. Die von ihr angestoßene und groß gemachte Bewegung FFF lässt sich nicht von "realistischen Zielen" beschränken, sondern fordert unverdrossen das schier Unmögliche - jetzt! (Und hat tatsächlich schon etwas verändert..)Aber: die Männer in dieser Bewegung begehren doch genauso: eine bessere Welt mit "Qualität" - was ist da der Unterschied, der einen spezifischen Begriff wie "weibliches Begehren" rechtfertigt? Auch sie begehren und handeln nicht aus einer Machtposition heraus, obwohl sie in der von Antje beschriebenen "patriarchalen symbolischen Ordnung" oben stehen - aber faktisch genauso am gewöhnlichen politischen Prozess scheitern, der eine Umsetzung dessen, worauf sich das Begehren richtet, aus Gründen verunmöglicht?Darüber hinaus wundert mich, dass "Mensch mit Uterus" und "Schwangerwerdenkönnen" etwas mit weiblichem Begehren (von Antje, allgemein?) zu tun haben könnten. Es sind doch Begriffe, die auf Anatomie und Biologie begrenzen und gerade keine offene Weite vermitteln.

    Artikel: Ich bin keine menstruierende Person.

  • Susanne sagt:

    vielen vielen Dank für diese Reflektion und das Einbetten in den historischen Kontext! ich war, als ich auf Antje Schrupps' Blog auf den Artikel von Jutta Pivecka gestoßen bin, erstmal schockiert und atemlos. Ungläubig, weil mich so Vieles verstörte. Der Ton, der da zwischen den - anscheinend total - verhärtenden Fronten, die Ängste, Schmerzen, Emotionen, die da ganz offensichtlich mitschwingen und die Debatte vergiften, die rationalen Überlegungen, die fast unmöglich gemacht werden vor lauter Emotion und Beschimpfungen... Ich brauchte dann einige Tage, mir selber darüber klar zu werden, wie ich selber dazu stehe und was genau mich so stört an der medialen Debatte gerade. Dabei bestärkt mich jetzt dein Bericht über die Anfänge der 2. Welle in Deutschland, was für eine Kraft es erforderte und was für eine Kraft es freisetzte, sich als FRAU zu bezeichnen. Stolz darauf zu sein. Sein zu dürfen. Wie schön es gewesen sein musste, endlich einen Platz zu haben, wo frau sich mit anderen Frauen in Ruhe und in einem geschützten Rahmen austauschen konnte. Wo sie aufgehoben war, nicht kämpfen musste, keinem Männer-Bild entsprechen musste. Das haben wir Nachgeborenen (ich bin Jg. 1971) euch zu verdanken. und ich bin wirklich dankbar dafür!Dass es dann dazu kam, dass die Frauenbewegung sich quasi von innen aufspaltete - in Mütter, Nichtmütter, Lesben, ... - und plötzlich diese Unterscheidungen wichtiger wurden als der gemeinsame Nenner - 'wir sind Frauen' - ist so bitter. Vielleicht menschlich, gleichwohl bitter. Es gibt ja Erklärungsmodelle dafür, dass jede Gruppe eigens gesehen werden wollte, dass jede Gruppe sich nciht von der jeweils anderen Gruppe nicht genügend respektiert oder anerkannt fühlte, und ich frage mich dennoch immer, warum das so tief traf, dass die Debatte dermaßen vergiftet wurde und es plötzlich mehr um die Unterschiede ging als um die gemeinsame Sache 'wir sind Frauen'.Ähnlich empfinde ich gerade die Debatte, wenn biologische Frauen von sozialen Frauen angegriffen werden und umgekehrt und sie sich beiden Frau-Sein absprechen. Das macht mich fassungslos. Wo ist das Problem, wenn ich sage: es gibt biologische Frauen, die Erfahrungen machen - vor allem körperlicher Art (daher bin ich auf den Begriff biologische Frau gekommen) - die mensch nur machen kann, wenn sie eine Vagina, einen Uterus und Ovarien hat. Denn natürlich ist es eine überwältigende Erfahrung, wenn ich menstruiere, schlicht und ergreifend, weil es etwas potentiell Schöpferisches ist. Das ist keine besondere Leistung, das ist einfach so. (Frau Voss hat das in ihrem 'Schwarzmondtabu' sehr toll aufgearbeitet) Das macht biologische Frauen nicht besser oder schlechter als soziale Frauen, es eröffnet ihnen einfach eine andere Erfahrungswelt. Genauso wie soziale Frauen eine andere Erfahrungswelt haben, die Cis-Menschen nicht kennen. Es gibt also, geometrisch gesprochen eine große Schnittmenge zwischen sozialen und biologischen Frauen - und es gibt Teilbereiche, zu denen die jeweils andere Gruppe keinen Zugang hat. Haben kann. Worin ich (!) kein Problem sehe.Ich kann all die Frauen verstehen, die von einem quasi gewalttätigen Drängen von Transfrauen berichten, die Zugang zu Gruppen für Rituale der Weiblichkeit oder von Mißbrauchsopfern fordern; für die scheint das aggressive Pochen auf Teilhabe von Transfrauen als ledigliche Weiterführung männlich-aggressiven Verhaltens. Ich kann auch all die Transfrauen verstehen, die sich erneut ausgeschlossen fühlen, wenn sie endlich soweit sind, sich als Frauen in der Gesellschaft zu bewegen, und dann von biologischen Frauen hören 'du kommst hier nicht rein'. Wobei es einfach Ausschließen und Ausschließen gibt; weil die Frage ist, welchen Gewinn eine nicht-biologische Frau z.B. von Ritualen zur Menstruation haben soll?Gleichzeitig kann ich mich nicht des Eindrucks erwehren, dass in dieser Debatte viele biologische Frauen auch deshalb so vehement ablehnend reagieren, weil sie gar nicht glauben können, dass ein Mann sich (mehr oder weniger) freiwillig entscheidet, als Frau zu leben. Weil für sie Frau-Sein mit Schwäche, Opfersein und Schmerzen verbunden ist.Ich würde mir also sehr mehr Verständnis auf beiden Seiten wünschen, weniger Abschottung und vor allem viel viel viel mehr Behutsamkeit und Vorsicht im gegenseitigen Umgang.

    Artikel: Die Eroberung des Ehrentitels „Frau“ durch die 1970er-Frauenbewegung

  • Antje Schrupp sagt:

    @Jutta - "Es ist auch gar nicht so leicht, finde ich, über andere Frauen zu sagen, dass sie „zugewiesene Weiblichkeitsrollen“ annehmen. Auch da müsste man ja immer genau hinschauen, ob nicht auch in diesen Rollen weibliches Begehren sich verwirklichen kann und manchmal vielleicht sogar gerade in diesen." - aber selbstverständlich! Genau deshalb ist "Affidamento" ja auch eine Praxis der persönlichen, dualen Beziehung. Man kann das über andere Frauen nicht pauschal sagen, sondern ob Begehren im Spiel ist oder nicht, zeigt sich in einer Beziehung, in der dieses Begehren möglicherweise auf Autorität trifft. Genau das ist doch die "Praxis der persönlichen Beziehungen".Das stimmt im Übrigen auch in Bezug auf Begriffe. Es ist keine Frage deines oder Marias "Empfindens", ob Begriffe wie "Mensch mit Uterus" oder "Schwangerwerdenkönnen" etwas mit dem weiblichen Begehren zu tun haben oder nicht. Sondern es kommt darauf an, ob Begriffe sich mit dem Begehren einer Frau verbinden oder nicht. Mit meinem Begehren haben sie jedenfalls etwas zu tun, da bin ich mir (inzwischen) sicher. Ich kann aber akzeptieren, dass sie eurem Begehren, also dem von dir und Maria, offenbar nichts zu tun haben. Das heißt aber nicht mehr oder nicht weniger, als dass wir an diesem Punkt eben nicht dasselbe Begehren haben. Das ist an und für sich auch nichts Schlimmes. Aber vermutlich ist es der Grund, warum wir in dieser Debatte grade nicht weiterkommen.

    Artikel: Ich bin keine menstruierende Person.

  • Jutta Pivecka sagt:

    @Antje - Es bleibt für mich zu pauschal: "die herrschenden Normen" und "die patriarchale Kultur" - es gibt aus meiner Sicht keine homogene "patriarchale Kultur" und deren Normen. Und das weibliche Begehren findet sich aus meiner Sicht doch immer wieder auch in der "herrschenden" Kultur, weil Frauen eben niemals eine Minderheit waren, nirgendwo! Deshalb ist das aus meiner Sicht alles viel verworrener. Es ist auch gar nicht so leicht, finde ich, über andere Frauen zu sagen, dass sie "zugewiesene Weiblichkeitsrollen" annehmen. Auch da müsste man ja immer genau hinschauen, ob nicht auch in diesen Rollen weibliches Begehren sich verwirklichen kann und manchmal vielleicht sogar gerade in diesen. Ich empfinde jedenfalls immer öfter, dass die Frauenbewegung gegenwärtig sich mehr als Teil einer (angeblich umfassenderen) Bewegung versteht, die ihre Gemeinsamkeit eben nicht mehr im Frausein findet, sondern im "Dissident-sein", in der gemeinschaftlichen Überzeugung gegen das "Herrschende" zu sein (Kapitalismus, Patriarchat, Kolonialismus, Rassismus, Sexismus, "Binarismus"...etc.ppp.). Das wird alles recht kenntnisfrei, undifferenziert und oft ahistorisch miteinander vermischt, weil ja "irgendwie" alles mit allem zu tun hat. Da fühle ich mich mehr als unwohl damit. Und ich teile auch das Empfinden von @Maria Mechthild, dass Begriffe wie "Mensch mit Uterus", "menstruierende Person" oder "Schwanger-werden-können" weibliches Begehren nicht transportieren können, weil sie das Frausein (die körperliche Komplexität dieser Existenzweise) reduktionistisch auf bestimmte Funktionen oder Organe reduzieren.

    Artikel: Ich bin keine menstruierende Person.

  • Maria Mechthild sagt:

    @ Antje Danke für die Aufforderung mein Empfinden verständlicher zu darzulegen. Ich versuche es mal. Auch ich möchte die Philosophie der Frauen weiter durchdringen und damit zunehmend mein persönliches weibliches Begehren wertschätzen und zu leben versuchen. Wer wie ich, lange Jahre bemüht ist, in Beratungstätigkeit und im Privatleben, eine wertschätzende Kommunikation zu üben und dabei immer wieder fühlt, wie versöhnlich und verbindend wohlgewählte Worte funktionieren, empfindet wohl besonders deutlich die fehlende Wärme in manchen Begriffen/Worten. Selbst den allgemein bekannten Begriff der "Gewaltfreien Kommunikation" finde ich befremdlich. Eine Negation kann keine positive Energie vermitteln. Ich würde diese Techniken anders bezeichnen, nämlich als "Wertschätzende Kommunikation". Spürt ihr auch den feinen, aber entscheidenden Unterschied?Mir gefallen hier im Forum die Beiträge am besten, in denen eine warmherzige Sprache stattfindet.Selbst wenn nun auf keinen Fall das allgemeine Wort "Frau" für weibliche Menschen verwendet werden soll (warum auch immer,ich find's nicht hilfreich), dann fänd ich es annehmbarer zu lesen: "Menschliches Wesen mit weiblichen Geschlechtsorganen" oder "Weibliche Menschen", ..... zB, anstatt "Mensch mit Uterus", oder "Menstruierende Person", und andere Beispiele. Warum diese verbale Sezierung? Sollen wirklich solche Assoziationen entstehen wie etwa: lebloser Körper auf dem Seziertisch? Bei jedem neugewählten Begriff würde ich überprüfen, ob es ein ganzheitlicher Begriff ist. Mal ganz abgesehen davon, dass jedwede Segmentierung, Zersplitterung, Vereinzelung, Separierung, Verdinglichung ... bezogen auf lebendige Wesen letztlich lebensfeindlich anmuten. Ich empfinde zersplitternde Begriffe von Menschen jedenfalls als tot. Als bewusste und möglichst achtsame Frau nehme ich die Welt genau NICHT alalytisch trennend wahr, wie es die übergestülpte patriarchale Wissenschaft uns leider immer wieder aufdrängen will. Ist es nicht ein Ziel der Philosophie der Frauen, Verbindung statt Spaltung anzustreben?Ein Beispiel für spalterisches Denken, was nach meinem Verstehen nicht dem Denken der italienischen Philosophinnen entsprechen kann, ist das Trennen der Sexualität vom lebendigen Menschen. In der Sexindustrie werden auf Menülisten "Produkte" (das sind einzelne SexPraktiken) aufgelistet, wenn es um kaufbare Sexualakte geht und die anbietenden Frauen werden von den Kunden nach bestimmten körperlichen und verhaltensmäßigen Kriterien bewertet. Diese ökonomische Verdinglichung der lebendigen Sexualität von Menschen stellt für mich offensichtlich eine Entfremdung vom Menschsein dar.Wenn Feminismus sich für bessere Verhältnisse für Frauenleben und alle Leben einsetzt, würde ich als ganzheitlich wahrnehmende Frau immer verbindende und lebendige statt zerteilende Formulierungen zu verwenden versuchen.

    Artikel: Ich bin keine menstruierende Person.

  • Antje Schrupp sagt:

    @Jutta - danke, damit verstehe ich besser, was dich stört. Allerdings habe zumindest ich mich seit der Entdeckung des italienischen Differenzfeminismus von der Vorstellung, dass Feministinnen eine gemeinsame inhaltliche Position hätten, komplett verabschiedet. Feminismus ist kein bestimmter Inhalt, dem irgendjemand "zugeschlagen" werden könnte, sondern eine Praxis, nämlich die, durch Beziehungen unter Frauen das weibliche Begehren in die Welt zu bringen. Dieses Begehren ist selbstverständlich unterschiedlich, das ist ja der Witz. Die Dissidenz zu den "herrschenden Normen" kommt nicht dadurch, dass eine Frau "links" ist oder "revolutionär", sondern schlicht durch die Tatsache, dass es in der patriarchalen Kultur keinen Platz für das weibliche Begehren gibt. Es ist in der gegebenen symbolischen Ordnung nicht vorgesehen, wird daher nicht erkannt und kultiviert. Die Distanz zu den herrschenden Normen ist eine Tatsache, die wir als Frauen in der Welt vorfinden, und nichts, was wir wählen oder zurückweisen könnten. Es gibt natürlich Frauen, die diese Distanz leugnen, ignorieren, indem sie sich anpassen (der männlichen Norm, also sagen, ihr Frausein hätte keine Bedeutung), oder indem sie diese Distanz als unproblematisch ansehen (indem sie die ihnen zugewiesenen Weiblichkeitsrollen annehmen). Von denen würde ich in der Tat sagen, dass sie nicht meine politischen Bündnispartnerinnen sind, weil ihnen das weibliche Begehren kein Anliegen ist. Nicht alle Frauen sind Feministinnen. Alle anderen aber passen unter den Schirm meines "politischen Subjekts", weil auch sie ihrem Begehren folgen und damit das weibliche Begehren kultivieren. Es hängt also nicht von irgendwelchen inhaltlichen Positionen ab - für mich. Ich gebe aber natürlich zu, dass das in vielen feministischen Szenen oft nicht so ist, sondern das gegenseitige Interessen an anderen Frauen zu einem großen Teil an ein Bekenntnis zu gemeinsamen "Forderungen" oder "Ansichten" geknüpft wird. Aber das interessiert mich nicht, mich interessiert genau diese andere Praxis der Differenz (und ich finde, dass das in diesem Forum ziemlich gut funktioniert, was man auc jetzt wieder sieht und wofür ich sehr dankbar bin).

    Artikel: Ich bin keine menstruierende Person.

  • ClaudiaBerlin sagt:

    Was für eine interessante und berührende Debatte!Wie bin ich (Jg. 1954) froh, meine jungen Jahre noch ohne diese Problematik erlebt zu haben, denn wäre ich heute Teeny, würde ich unter gleichen Umständen vielleicht auf die Idee kommen, ich sei ein Mann!Dagmar Gruß hat angesprochen, dass diese Idee heute deutlich mehr junge Frauen haben als früher. Ich denke, dass das nicht alles Frauen mit Östrogen-Insensitivität (gibt es sowas?) oder vergleichbaren biologisch irritierenden Komponenten sind - sondern Frauen, die sich mit dem, was sie als weibliche Geschlechtsrolle ansehen, nicht identifizieren können.Dass frau dann meint, eine Transformation zum Mann angehen zu müssen, um ihr gespürtes Problem zu lösen, liegt klar an der medizintechnisch-wissenschaftlichen Entwicklung, die es möglich macht - und sogar für viele bezahlbar.Ich gebe zu, dass ich gelgentlich Ärger verspüre, nämlich darüber, dass die Herangehensweisen, Lösüngen und Erfolge der Frauenbewegung (60ger, 70ger, 80ger) damit quasi genichtet werden. So nach dem Motto: Warum für die Aufhebung der Geschlechtsrollen und Klischees zu kämpfen? Wenn Mann-Sein besser ist, werde ich halt Mann bzw. war es schon immer, nur im falschen Körper.Damals empfand ich es als befreiend, dass die Geschlechtsrollen soziale Konstrukte sind, die frau auf den Müllhaufen der Geschichte entsorgen kann!-> Dass ich mich ungern schminkte und das gleich wieder aufgab, -> dass ich mich (bei mittlerer Brustgröße) über den "Verzicht" auf den BH freute, -> dass ich nicht verstand, warum Frauen bereit waren, unbequeme Absatzhöhen zu tragen und elend viel Zeit mit der eigenen Verschönerung zu verschwenden -> dass mich Wissenschaft, Politik, Weltanschauungen weit mehr interessierten als Deko-Themen, Promis, Einkaufen, und die vielen Themen rund um Männer...All das brachte mich nicht auf die Idee, ein Mann zu sein, sondern verband mich auch als Nicht-Aktivistin mit der Frauenbewegung und befreite mich von jeglichen Gedanken, ich sei keine "richtige Frau".Nicht ich war der Fehler, sondern die gesellschaftliche Realität!Aber im Kapitalismus dauert es nun mal nicht lange, bis individuelle Lösungen angeboten werden, die viel Umsatz bringen. So auch hier in Sachen Transition. (Ähnlich, wenn auch weniger brisant, z.B. bei der Kritik um Umgang mit Nutztieren/Fleischwirtschaft: werde Veganer/in, hier ist die passende Produktpalette und alles, was man für diesen Lifestyle braucht!)Dass meine Sicht der Dinge nicht ganz abseitig ist, zeigt auch die Auseinandersetzung um die Anzahl jener, die ihre Transition bereuen und zurück wollen, siehe z.B. hier:https://www.news-medical.net/news/20191007/Hundreds-of-trans-people-regret-changing-their-gender-says-trans-activist.aspxDas heißt nun nicht, dass ich knallhart auf bloß binären Geschlechtern bestehe. Auch für mich gibt es Menschen, die auf diverse Arten "dazwischen" liegen und deren Wunsch nach "Anpassung" ich respektiere.Dass diese kleine Gruppe aber ein Grund sein soll, den Begriff "Frau" zu problematisieren, das sehe ich nicht. Und bin deshalb auch nicht bereit, mich als "Menstruierende" oder "Schwanger-werden-Könnende" (beides stimmt für mich nicht mehr) zu identifizieren.

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