beziehungsweise – weiterdenken

Forum für Philosophie und Politik

Neueste Kommentare

  • Jutta Pivecka sagt:

    Liebe Silke, für mich muss ich leider erkennen, dass ich nur noch widerwillig "gemeinsam unterwegs" bin, dass die Erfahrungen mit der Pandemie mich dazu verleiten, mich abzuschotten und egoistischer zu werden, mich nur noch verantwortlich zu fühlen für einen kleinen Kreis. Die Reaktion der "Gesellschaft" (wie immer weit oder eng gefasst) und ihre Institutionen hat mich so gründlich enttäuscht, dass ich mich innerlich aus ihr verabschiedet habe (oder dies zumindest in dunklen Momenten so empfinde). Die Schwächsten (in den Pflege- und Altenheimen) wurden ihrer Freiheiten beinahe absolut beraubt. Eingesperrt in ihren Zimmern mussten sie monatelang verharren (wenn sie überlebten). Rücksicht und Nachsicht erfuhren jene, die rücksichtslos ihre eigenen Bedürfnisse durchsetzen wollten. Gehör finden und fanden jene, die andere mobben, bedrohen, bis hin zum Mord in Idar-Oberstein. Wir hören von Busfahrer_innen, die bespuckt wurden und Schaffner_innen, die geschlagen wurden. Obgleich nie berichtet wurde, dass Maskenverweigerern und Impfgegnern ähnliches widerfuhr, gelang und gelingt es ihnen, sich als Opfer zu inszenieren. "False balance" der Berichterstattung auch hier. Für die Herausforderungen, vor denen wir stehen, macht mich das mehr als skeptisch. Gerade deshalb tat mir das Lesen deines Textes gut, denn du versuchst - trotz allem - offen zu bleiben. Ich glaube, das muss ich erst wieder mühsam erlernen, aus dieser Verbitterung aufzutauchen und diese Offenheit wieder aushalten zu wollen. Ein bisschen mehr Mut dafür schenkt mir dein Text. Danke!

    Artikel: Pandemische Familien – Das bleibt unter uns

  • Anne Lehnert sagt:

    Am 15. November 2021 um 18 Uhr ist der Film online und kostenlos zu sehen: https://www.saarbruecken.de/leben_in_saarbruecken/veranstaltungskalender/veranstaltungs_detailseite/event-615d81ec5a7cd

    Artikel: Die Kundin: Dokumentarfilm über das Leben und Wirken von Marlies Krämer

  • Gré Stocker-Boon sagt:

    Liebi Lüüt Mit minimale Ausbildung,u.a.biografisch bedingt, aber in Selbststudium und späteren guten Umfeld dazu gelernt, habe ich mitbekommen über vielen Jahren, dass meine 85 jährigen Partner/Mann,seinen Einsatz als Lehrer der Krankenpflegeschule und mehr als 16 Jahren auf Station Pflegedienste geleistet hat.Und heute mit Handreichungen für andere immer noch tut.Er hat die grosse Frauenbewegung verstanden und dementsprechend gehandelt.Auch dann, wo der Pflegedienst für eine Familie finanziell nicht genügend sein kann.Und er bescheiden wurde und sich in den Bedürfnissen zurück nahm.

    Artikel: Gedanken über das Patriarchat

  • Anne Newball Duke sagt:

    Ich hatte es in vorherigen Artikeln schon erwähnt, aber vielleicht ist es wichtig, es auch nochmal in - bzw. jetzt unter - diesem klarzumachen: Ich bin vielerlei Hinsicht privilegiert: ich bin gut ausgebildet und lebe in einer guten Partnerschaft, wir haben zwei Kinder; mein Mann verdient gut. Mein Tätigkeitsmodell lässt sich von einer alleinerziehenden Frau mit zwei Kindern im Hartz-IV-Bezug nicht leben, da sie permanent aufgefordert wird – zumal wenn Ihre Kinder älter sind, so wie meine Töchter – erwerbstätig zu sein. Ich hoffe sehr, dass dies klar ist, denn ich möchte unter gar keinen Umständen andere, die nicht diese Privilegien besitzen, unter Druck setzen; ich hoffe, dieser Eindruck entsteht nicht. Wie auch in meinen vorherigen Texten möchte ich gerade mit den provokanteren Thesen eher ähnlich privilegierte Menschen wie mich auffordern, über ihr Denken und Handeln in Zeiten höchster Dringlichkeit nachzudenken. Es besteht ja nun mal das Dilemma einer "ablaufenden Zeit" (bzgl. Kipppunkten im Erdsystem, CO2-Budget), um schlimmere und schlimmste Formen der Klimakatastrophe noch aufzuhalten. Und da es ein BGE usw. – also gesellschaftliche, politische und ökonomische Rahmenbedingungen – noch nicht gibt, die es allen gesellschaftlichen Gruppen ermöglichen würden, an diesem so wichtigen Engagement zu partizipieren, richte ich eben meine Appelle an die Privilegierten, denn für sie sind z.B. Zeitumschichtungen, also andere Prioritätensetzung in der Zeitnutzung, m.E. eben am ehesten möglich. Ich danke Gabriele Winker, die mich dazu angeregt hat, diese Ergänzung (v.a. den ersten Teil) vorzunehmen.

    Artikel: Vorsorge: zwei Seelen ach! in meiner Brust

  • Anne Newball Duke sagt:

    Liebe Ingrid Wittmann, vielen Dank für die Lese-Tipps und die ermutigenden Worte! Lieber Ulrich Wilke, ja, das mit den "weniger Kindern" sagt auch Donna Haraway; immer wieder argumentiert sie für "Macht euch verwandt, nicht Kinder!"/ "Making kin not babies!" Ich stolpere über diese Schlussfolgerung noch, muss ich ehrlich sagen. Ich bin da auch noch in einem Meinungsbildungsprozess. Es ist ja grundsätzlich so: Führende Klimaforscher*innen wie Will Steffen gehen davon aus, dass es bei gleichbleibendem CO2-Ausstoß um die Jahrhundertwende, also 2100, also in etwa 80 Jahren, nur noch etwa eine Milliarde Menschen geben wird. Und mein Grundimpuls ist, dass wir das System ändern müssen. Denn Geburtenkontrollen oder andere dystopische Vorschläge, in denen mit Gesetzen usw. wieder auf den Körper der Menschen, die schwanger werden können, zugegriffen werden will (also in meinem Verständnis extrem unfeministisch und dystopisch, wie im obigen Roman oder ja auch bei Margaret Atwoods "Der Report der Magd" fiktiv auserkundschaftet; und wir wissen ja auch, dass dies nicht nur Fiktion ist), werden nichts an der Zerstörung der Lebensgrundlagen ändern; das schaffen auch die jetzt auf der Welt lebenden Menschen, in ihrer jetzigen weltumgreifenden kapitalistischen und imperialen Gesellschaftsordnung, ganz allein. Also eine patriarchal gedachte "weniger-Menschen"-Politik, wie immer sie auch ausgestaltet werden würde, würde nichts an der Zerstörung und an der klimakatastrophenbedingten massiven Reduktion der Anzahl der Menschen ändern, wenn diese Ordnung so bestehen bleibt. Und ganz weit ins Utopische gedacht: wenn Menschen lernen würden, die planetaren Grenzen zu lieben, würde sich die Anzahl der Menschen eben auch in diese planetaren Grenzen begeben; über viele viele Generationen hinweg, gewaltlos. Aber das ist zugegebenermaßen reinste wilde Spekulation.

    Artikel: Vorsorge: zwei Seelen ach! in meiner Brust

  • Anne Lehnert sagt:

    Liebe Anne-Käthi, danke für deinen Kommentar. Gerade den Verkehr neu zu denken und von einer anderen Art von Mobilität zu träumen, das liegt mir auch am Herzen.

    Artikel: „Alleine ist man schneller, aber zusammen sind wir stärker und kommen weiter.“

  • Ingrid Wittmann sagt:

    Liebe Anne, Danke für Ihren Bericht, Sie haben sich so viele Gedanken gemacht über das Leben! Eine Antwort könnten die sehr empfehlenswerten Ausführungen von Axel Burkart auf Geisteswissenschaft TV sein : z.B. https://www.youtube.com/watch?v=PECQ8PKMdmg Auch das Buch von Masaro Emoto "Wasser und die Kraft des Gebets" ist eine Antwort auf die aktuelle Situation! Weltweit geschürte Ängste verhindern und "verschmutzen" auch unser Wasser (auch wir bestehen überwiegend aus Wasser)! Es sind wirklich interessante Zeiten zum Aufwachen! Gottes Segen für Sie liebe Anne und alle Leserinnen und Leser! Ingrid

    Artikel: Vorsorge: zwei Seelen ach! in meiner Brust

  • Anne-Käthi Zweidler sagt:

    Liebe Anne. Danke für deinen Filmtipp. Und ja: andere zum Träumen bringen, verändert die Welt - nicht erst seit Martin Luther King "I have a dream..". Ein ganz kleines Beispiel dafür: Eben bekämpfen wir in unserem Dorf einen Autostrassentunnel. Er entzweit nicht nur die Dorfbewohner*innen in Gewinner und Verlierer, sonder schadet ganz klar dem Klima. Wir wollen deshalb eine Verkehrsreduktion (durchgehend Tempo 60 km/h, Verbot von Transitlastwagen, Verkehr neu denken). Von den Tunnelbefürwortern werden wir deshalb als Träumer beschimpft. Wenn das kein Kompliment ist! Herzlich Anne-Käthi

    Artikel: „Alleine ist man schneller, aber zusammen sind wir stärker und kommen weiter.“

  • mechthild podzeit-lütjen sagt:

    heute in der doga, interessant, was du machst, echt spannend.... lg., mechthild

    Artikel: Karin Hügel

  • Ulrich Wilke sagt:

    "Ich malte schwarz; doch dichtern Flor zög' ich dem Bilde lieber vor." Eine Vorsorgepassivität fehlt noch: weniger Kinder.

    Artikel: Vorsorge: zwei Seelen ach! in meiner Brust

  • Sara sagt:

    Schade, dass es für die webliche Form von "mansplaining" kein Wort gibt. Eine Frau, die ständig ungefragt Dinge erklärt und belehrend auf jemanden einredet. Ist genauso nervig und übergriffig wie "mansplaining". Ich weiß, dass Männer dieses Verhalten häufiger an den Tag legen, vor allem Frauen gegenüber. Es ist ein Phänomen, das einen eigenen Begriff hervorgebracht hat. Aber dieses überhebliche Verhalten ist definitiv nicht nur auf "Mann zu Frau" beschränkt. Ich erlebe es häufig auch in der Konstellation "Frau zu Frau".

    Artikel: Hilfreiche Wortschöpfungen: Mansplaining und Manspreading

  • Anne Newball Duke sagt:

    Das Sortieren dauert bei mir mehrere Monate und fließt sicher wieder in kommende Gedanken ein... ich gehe jetzt doch einfach mal von oben nach unten durch. Zu dem Abschnitt mit Chiara Zamboni: ich verstehe, dass das Politischsein ein Begehren sein kann, also dass Menschen grundsätzlich nicht politisch sein müssen. Nun ist mein Schreibkontext der einer sich klimaverändernden Welt. Und ich nehme wahr, dass es sich viele Menschen zu einfach machen angesichts dessen, was da auf uns zukommt. Unpolitischsein als Versteck vor der grausamen Klimarealität nutzen. Ich möchte tatsächlich an der Freiheit einer jeden einzelnen ruckeln, dass sie ihr Begehren nur auf ihren Garten ausrichtet, weil ich glaube, dass sie anders handeln würde und dem möglicherweise ja nur in ihr schlummernden Begehren zum Politischsein genauer zuhören würdemüsstekönnte, wenn sie das mit den Kipppunkten im Klimasystem wirklich an sich und in sich hineinlässt. Kassandramäßig (ich habs noch nicht mal gelesen, ohjeh, und dennoch benutze ich das Bild) lauere ich auf den Moment, wo diese Menschen von ihren Beeten und vom herabschauenden Hund aufschauen in zwanzig Jahren und rufen "Ach herrjeh, hätte ich das doch gewusst, dann hätte ich mehr getan!!!" Deswegen werde ich übergriffig und sage: Schaut doch bitte jetzt in euer Innerstes nach eurem Politischsein! Bitte! Keine Entschuldigungen und Jammergeräusche dann später!! Ganz nach dem Motto: Vermeide es doch einfach, dich für deine Taten im Nachhinein entschuldigen oder peinliche Erklärungen danach suchen zu müssen. Ich glaube einfach, da gibt es viele Menschen, die sich abducken und Blinde Kuh spielen. Aber das kann unfair sein von mir, schon möglich. Für mich gehört diese Form des so motivierten Unpolitischseins in die "alte Welt"; in eine, in der man glaubt, es ist ok, unpolitisch sein zu dürfen, auch wenn politisches Begehren aufrufbar wäre, weil... einfach so, wegen Freiheit und so. Ich finde, da zu justieren, gehört auch in eine Neuverhandlung vom Freiheitsbegriff. Im nächsten Abschnitt, da gebe ich dir recht. Man braucht keine Privilegien, um unpolitisch zu sein. Spontan fallen mir da Audre Lordes Eltern ein, vor allem ihre Mutter und was Audre Lorde u.a. in "Zami" beschreibt. Aber auch hier würde ich dann doch wieder meinen... war es auch eine Sprachlosigkeit, eine Kategorienlosigkeit, die bei Vater und Mutter noch herrschten, und aus der sich auch Audre Lorde so mühevoll herausgearbeitet hat? Also... ich weiß nicht... wenn also dann trotz Bildung und Kenntnis und Sprache für die eigene Verfasstheit und die je singulär auf einen wirkenden Umstände in einer prekären Position noch der Wille und das Nicht-Begehren zum Politischsein herrscht.... bitte sehr. Gibt es dafür klare Beispiele? Beim dritten Absatz stimme ich dir auch zu. Diese Leute kommen in meine dritte Kategorie, also die, die genau wussten, was sie da tun, und die sind m.E. nicht unpolitisch. Vielleicht habe ich das nicht deutlich genug gemacht. Im Abschnitt mit der Verantwortung... da bleibe ich bei meiner Deutung, dass ich das nicht nur dumm und unprofessionell nenne (Was ich ja im übrigen auch tue), sondern auch unpolitisch, eben weil ich Politischsein definiere als das Verstehenwollen der weltlichen und gesellschaftlichen Zusammenhänge. Das wollen sie nicht, nicht mal danach, wo alle Karten auf dem Tisch sind, also... in meiner Deutung unpolitisch. Zumal jetzt... nach dem Mord in Idar-Oberstein... und genau das meine ich ja, wohin diese Form des Nicht-Wissenwollens und dennoch rechten Rumposaunens führt, das hängt und gehört für mich alles zusammen. Das war der Impuls auch zum Schreiben des Artikels, weil genau sowas auf sowas folgt. Und dann noch zum Abschnitt mit dem Ausnahmezustand: Ich bin da halt anders rangegangen. Für mich ist es auch die Frage, ob es ein Ausnahmezustand ist oder nicht. Und mein Ansatz war das zerbrechende oder bereits jetzt nur noch hülsenhaft vorhandene Bürgertum. Es ist nicht mehr da, aber die Welt wird noch innerhalb dieser Vorstellungswelt verhandelt. Ausnahmezustände dieser Art sind nicht vorgesehen in unserer (bürgerlich geprägten) Gesellschaftsform und somit eben auch nicht denkbar. Jetzt wird ja schon überlegt, ob Klimakrise das richtige Wort ist für das, was ist und noch kommt, da dies ein Dauerzustand sein wird für alle kommenden menschlichen Generationen. Weil der Begriff "Krise" eben dem gegenüber eigentlich ein vorübergehendes und zu behebendes Moment beschreibt. Alle Fehlinterpretationen oder ÜberdenTischgezogen-Gefühle dieser Bürger*innen sind eben nur Symptom dieser zerbrechenden bürgerlichen Gewissheiten, weil sie noch keine anderen Sinnzusammenhänge out of the box bilden können. Ohjeh, das klingt jetzt arg besserwesserisch und von oben herab, tut mir leid. Und dadurch handelt es sich natürlich um eine falsche symbolische Ordnung, ganz klar. Und den Schuh ziehe ich mir an, dass ich auch personal geblamt habe. Aber ja nicht nur, ich habe auch die bürgerliche Gewissheiten-Kultur angegriffen und für schuldig befunden. ;) Aber ja, da hast du recht, ich habe jede einzelne Bürger*in zur Selbstermächtigung und politischen -befähigung aufgerufen, das stimmt. Weil ich halt auch immer denk... ja wie denn sonst? Wie sonst mehr werden, um soziale Kipppunkte zum Bersten zu bringen, mit der wir dann die symbolische Ordnung verändern können?

    Artikel: Plädoyer gegen das Unpolitischsein

  • Anne Newball Duke sagt:

    Liebe Antje, oha, da sind so viele Aspekte drin.... wo soll ich beginnen... ich glaube, ich lasse es noch ein zwei Nächte auf mich wirken und sortiere das mal für mich... Ich denke auch, (das kommt mir jetzt zuerst als Beantwortung in den Sinn) dass Politiker*innen unpolitisch sein können, das habe ich glaube auch hier und da eingeflochten. Ich bin da mit dir d'accord. Auch weil ich ja definiere, was für mich (Un-)Politischsein bedeutet, und ich glaube auch, dass da viel von Luisa Muraro eingeflossen ist, einfach weil mir das Denken von Muraro sehr nahe liegt, und ich teils gar nicht recht merke, wenn ich Gedanken von ihr übernehme. Ich wollte da nochmal tiefer bei ihr reinschauen, in die Wollknäuel, die Sandra erwähnt, und auch in "Vom Glück, eine Frau zu sein". Das mit den frauenfeindlichen Yoga-Vergleichen finde ich total interessant, danke für Hinweis. Ich habe dazu eine sehr widersprüchliche Haltung. Spontan kann ich einfach sagen, dass ich finde, dass viele Frauen gerade zu viel in ihre eigene Körpermitte schauen, auf ihre eigene Ehe und die Arbeitsteilung in ihr, und viel zu wenig die systemischen Bedingungen für die Notwendigkeit dieses inneren Beschauens in den Blick bekommen und sich dadurch auch schonmal "über"schauen können, ohne recht dahinter zu kommen, warum das Leben denn so stressig ist, obwohl sie ja nun schon so viel Achtsamkeit mit sich betreiben. Ich fand das sehr schön und humorvoll dargestellt in Jacinta Nandis "Die schlechteste Hausfrau der Welt". Ich fand es großartig, mit welcher Intensität die Protagonistin/sie selbst? da in die Tiefen der Achtsamkeit und der Self Care eindringt, auch ernsthaft unter all dem Humor, sehr respektvoll fand ich das. Und nicht frauenfeindlich. Ich finde, hier kann jede einen Krümel Wahrheit für sich beanspruchen. Ich denk da aber auch nochmal drüber nach. So viel erstmal... dies und das andere sortiere ich jetzt erst nochmal für mich.

    Artikel: Plädoyer gegen das Unpolitischsein

  • Antje Schrupp sagt:

    Liebe Anne, danke für deinen Text. Bei mir haben die beiden Ereignisse – #allesdichtmachen und das Triell-Interview – ganz ähnliche Gefühle ausgelöst, eine große Wut und den Eindruck, dass irgendwo etwas total falsch läuft, also wie im falschen Film. Dass es hier also nicht einfach um eine politische Meinungsverschiedenheit geht – ich bin anderer Meinung als Volker Bruch, Juli Zeh usw. – sondern um quasi eine Kategorienfrage. Ich glaube, ich würde es aber nicht als „unpolitisch“ benennen Chiara Zamboni hat in „Macht und Politik sind nicht dasselbe“ die alte aristotelische These, wonach der Mensch ein „Zoon politikon“ sei, also prinzipiell politisch, in Frage gestellt und das Begehren nach Politik stark gemacht. Wenn Politischsein ein Begehren ist, dann kann man es nicht von allen Menschen verlangen, sondern nur fördern oder ermöglichen. Ich selbst finde es auch prinzipiell okay, wenn jemandes Begehren anderswo liegt, zum Beispiel in der Kunst oder im Gartenbau oder im Faulenzen oder im Kindererziehen. Natürlich kann man sagen, das alles sei irgendwie auch „politisch“ oder sollte es sein, aber der Meinung bin ich nicht. Politik ist eine besondere Haltung, und ich finde nicht, dass sie überall sein muss, ich finde auch unpolitische Kunst gut. Zumal ja auch die Frage ist, was man zur Politik zählt und was nicht. Die Kritik vieler Menschen an dem politischen Geschäft, dass sie sich runtergezogen und entmutigt fühlen von den Fernsehsendungen dazu usw., das finde ich eine sehr wichtige Wahrnehmung, die nicht übergangen werden sollte. Also in dem Buch dieser beiden Autoren über Unpolitischsein, das du eingangs zitierst, schwingen meiner Ansicht nach auch frauenfeindliche Klischees von der Yogatussi mit. Das Unpolitischsein von Männer kann sich hingegen oft grade durch parteipolitisches Engagement auszeichnen. Nicht alles, wo „Politik“ draufsteht, ist auch Politik drin, manches sind einfach Machtspielchen – und Macht und Politik sind eben nicht dasselbe. Man kann auch in politischen Ämtern Privatinteressen und lediglich das Wohl der eigenen Lieben verfolgen. Ich glaube übrigens auch nicht, dass die These stimmt, dass man Privilegien braucht, um unpolitisch zu sein, jedenfalls verläuft dieser „Schnitt“, den ich hier wahrnehme, nicht entlang dieser Differenz. Zumal ich auch nicht glaube, dass „Unpolitischsein“ der Kern des Aufstiegs des Rechtextremismus ist. Die Neue Rechte, die seit den 1980er Jahren sehr gezielt diese Entwicklung vorbereitet und angestoßen hat, war eine dezidiert politische Bewegung und sehr erfolgreich. Ich würde mir sehr wünschen, Kubitschek und Konsort:innen wären unpolitisch geblieben. Auch eine Figur wie Bernd Höcke ist doch politisch. Was bedeutet da dein Schlusssatz, dass keine Person unpolitisch sein sollte? Ich hätte nichts dagegen, wenn Höcke seine Liebe fürs Rosenzüchten entdecken würde, und die ihm keine Zeit mehr für Politik lässt. Ich würde sagen, der Kern ist eher da, dass auch unpolitische Menschen Verantwortung tragen für die Folgen ihres Tuns (oder Nicht-Tuns), d.h. Man kann sich nicht mit dem eigenen Unpolitischsein rausreden, wenn man bei einer rechten Querdenker-Kampagne mitgemacht hat, sondern man muss dann eben Verantwortung dafür übernehmen, dass man da mitgemacht hat. Wer sich vor der Teilnahme an einer Medienkampagne nicht über die inhaltliche Ausrichtung dieser Kampagne informiert, ist nicht unpolitisch, sondern dumm und unprofessionell. Bei den Intellektuellen liegt die Sache anders. Schon Hannah Arendt hat ja – nach den Erfahrungen mit den Nazis – erkannt, dass gerade die Intellektuellen die allerschönsten Argumente dafür gefunden haben, warum Hitler klasse ist. Tatsächlich schützt Intelligenz nicht davor, politisch völlig falsch abzubiegen, fast noch das Gegenteil, man kann sich dann Dinge, die der „gesunde Menschenverstand“ als unmittelbaren Blödsinn abtun würde, noch schönreden. Hier würde ich übrigens eher sagen, dass Privilegien eine Rolle spielen. Ich habe mir dieses Zeit-Triell-Interview auch aufgehoben, weil ich daran den Aspekt interessant finde, dass die bestreiten, dass Corona ein Ausnahmezustand war. Und dies – dass man sich nicht vorstellen kann, tatsächlich mal in eine existenzielle politische Notsituation, einen Ausnahmezustand, zu kommen – liegt deren Fehleinschätzung zugrunde, und diese fehlende Vorstellung hat natürlich mit dem Privileg zu tun, vor solchen Situationen erfahrungsgemäß geschützt zu sein. Das fiel mir auf, weil Giorgio Agamben, der sich bisher vor allem mit der Gefahr beschäftigt hatte, dass Regierungen das Ausrufen von Ausnahmezuständen benutzen, um antidemokratische Maßnahmen durchzusetzen, als erster Intellektueller schon sehr früh diese (eigentlich ja richtige) Kritik auf Corona angewendet hat und quasi der erste „Coronamaßnahmen-Kritiker“ wurde. Der eigentliche Streitpunkt zwischen „mir“ und „diesen“ Intellektuellen ist also die Frage: War Corona ein „Ausnahmezustand“ oder nur ein von der Regierung behaupteter Ausnahmezustand? Allerdings ist auch hier das mit den Privilegien nicht so einfach, da ja vor allem unterprivilegierte Menschen, die viel mehr konkrete und unmittelbare existenziellere haben, dazu tendiert haben, die Gefahr der Epidemie herunterzuspielen… Und das ist dann natürlich auch der Punkt, wo Corona die kleine Schwester der Klimakatastrophe ist, die ja den Ausnahmezustand schlechthin darstellt. Wir haben irgendwie keine guten politischen Mechanismen für Ausnahmezustände, sondern nur die negative Assoziation, dass wenn ein Politiker „Ausnahmezustand“ ruft, er uns sicher diktatorisch über den Tisch ziehen will. Deswegen halte ich das Problem eher für eines der (falschen) symbolischen Ordnung unserer Kultur als eines des moralischen Fehlverhaltens der einzelnen vermeintlich „unpolitischen“ Menschen. Ich glaube, dass beim Sich Zurückziehen aus „der Politik“ auch Überforderung bzw. Das Gefühl, nichts ausrichten zu können, eine Rolle spielt. Sozusagen politischer Burnout.

    Artikel: Plädoyer gegen das Unpolitischsein

  • Barbara L. sagt:

    Auch ich möchte mich bei allen Frauen hier bedanken. Vor allem bei Dir, Rava - und bei Dir, Dorothee. Die Worte über die Ohnmacht bringt auch in mir etwas zum Schwingen. Die Worte um den nicht gegebenen Schutzraum sind sehr erhellend. Die Worte um die Therapiearbeit - auch ich bin nach 20 Jahren so müde. Ich bin sehr interessiert an einem Kongress und würde in der Vorbereitung auch mitmachen. Euch allen ein wohlwollendes Wochenende, liebe Grüße, Barbara

    Artikel: Sexuelle Gewalt: Wi(e)der das Schweigen. Wider die Diktatur der Heilung

  • Anne Lehnert sagt:

    Danke, liebe Antje, für deinen Gedanken und die Bezüge zu Wanda Tommasi und eurem Gespräch über Tokarczuk. Das Buch von Tommasi gibt es nicht auf deutsch, oder? Deine Rezension hat mir Lust gemacht, es zu lesen, aber Italienisch kann ich nicht, leider. Ich finde den Gedanken von "anonymer Liebe" und Bedürfnisbefriedigung jenseits persönlicher Beziehungen einerseits spannend, andererseits erscheint er mir utopisch, wenn nicht dystopisch... Datenkraken zugunsten der passgenauen Warenströme: Das erscheint mir noch nicht so wahrscheinlich, dass das statt Profit angestrebt werden könnte - und da gruselt es mich auch etwas. Wie geht es euch damit?

    Artikel: Arbeit am Weltinnenraum

  • Anne Newball Duke sagt:

    Wunderschön. Sehr inspirierend.

    Artikel: Für eine Politik des Alltäglichen

  • Anne Newball Duke sagt:

    Liebe Barbara, ja ich kann das natürlich auch nicht immer. Ich freue mich nur immer, wenn es klappt. :) Ich habe mir ja den Podcast dann auch angehört, und es war ein sehr schöner Moment dadrin, nämlich als du an diese Podiumsdiskussion mit Antje erinnert hast, denn das war die, in der ich Antje das allererste Mal gehört (und also kennengelernt) habe und wie vom Schlag getroffen war, genau wegen der Rentenaussage!! Das war mein bis dato klammheimliches Denken, das ich aber nie auszusprechen wagte, da ich dachte, das sei total dumm und unfeministisch und einfach "typisch ich, ich will halt nicht über Geld nachdenken", und deswegen red ich mir ein, dass es eh nix bringt, auf diese "alte Weise" vorzusorgen. Mittlerweile bin ich ja noch radikalerer Ansicht: ich bin der Meinung, dass alle privilegierten Menschen, ob Frau oder Mann, genau jetzt überlegen sollten, wieviel Geld sie wirklich zum Leben JETZT brauchen, dann den Rest streichen und mit der freiwerdenden Zeit Klima-Arbeit machen. Also allumfassend; dazu zählt auch, Care und Klima noch mehr zusammenzudenken und zu vermitteln zb usw., also sich Zeit nehmen, die Themen zu verbinden und zu vermitteln. Was ist denn sonst gerade wichtiger, zumal nach dieser Wahl? Das mit den Kipppunkten und dem verbleibenden CO2-Budget, es wurde einfach grundsätzlich nicht verstanden oder will nicht verstanden werden, es ist total krass. Ich komme beim Nachdenken immer wieder an den Punkt, wo ich denke, dass das das Denken und Handeln wäre, das wir Menschen jetzt brauchen, und zwar von vielen, nicht nur von Vereinzelten hier und da. Sonst ist das mit der Rente eh alles... ich musste mich in den letzten Tagen leider (das haut immer voll rein) wieder vermehrt mit verschiedensten Klimaforschungsergebnissen auseinandersetzen, und es sieht einfach nicht gut aus. Ich weiß nicht, was wichtiger sein sollte, als sich in diese Vermittlungstätigkeiten zu begeben, ich weiß es wirklich nicht. Es geht ja mittlerweile um nichts weniger, als darum, zumindest zu versuchen zu sichern..., oder zumindest alles zu geben dafür, dass unsere Kinder einmal eines natürlichen Todes sterben können.

    Artikel: Stadt, Land, Krise - ein Podcast über Feminismus

  • Antje Schrupp sagt:

    Liebe Anne, vielen Dank für die Rezension und den Hinweis auf Redeckers Buch. Sehr spannend nochmal der Aspekt des Tauschens und Gebens. Genau diese Frage, wie viel "Recht auf Distanz" es in einer Gesellschaft des guten Lebens geben muss, haben wir sehr lange diskutiert, und ich bin eher Team "Distanz", deshalb freut es mich, dass Redecker dieses Thema explizit behandelt. Zwei weitere Anmerkungen, die mir dazu gekommen sind, da darin wirklich viele Bezüge zu "unserem" Denken sind, nicht nur im ABC: Zur Frage des Anfangens passt zum Beispiel sehr gut das, was Wanda Tommasi in ihrem Buch "Heute ist ein anderer Tag" schreibt, ich habe es hier rezensiert: https://www.bzw-weiterdenken.de/2015/10/fuer-eine-politik-des-alltaeglichen/ Zu Olga Tokarczuk natürlich unser Zoom-Gepräch über "Gesang der Fledermäuse", wo es ebenfalls um verwandte Themen geht: https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/11/aus-der-zeit-gefallen-3-wir-sprechen-ueber-gesang-der-fledermaeuse-von-olga-tokarczuk/

    Artikel: Arbeit am Weltinnenraum

  • Barbara Streidl sagt:

    Hallo Anne Newball Duke, danke für deine ausführliche Beschreibung von etwas, das ich gut kenne! In Sachen Augenzwinkern und Selbstironie kann ich bestimmt noch dazulernen (bei mir hat das viel mit der Tagesform zu tun) ...

    Artikel: Stadt, Land, Krise - ein Podcast über Feminismus

  • Anne Lehnert sagt:

    Das klingt sehr vielversprechend, vielen Dank für den Tipp!

    Artikel: Aus dem Leben einer jungen Frau

  • Kathleen Oehlke sagt:

    Liebe Sandra, vielen Dank für deine Anmerkungen und Lektüretipps. Die gucke mir sehr gern an. Viele Grüße Kathleen

    Artikel: Plädoyer gegen das Unpolitischsein

  • Sandra Divina Laupper sagt:

    Siehe "Die alte Frau mit den Wollknäueln" von Dorothee Markert!

    Artikel: Plädoyer gegen das Unpolitischsein

  • Sandra Divina Laupper sagt:

    Hallo Kathleen! Mit folgendem Zitat von Luisa Muraro, einer politischen Denkerin, von der du auch einige Texte hier auf bzw. weiterdenken finden kannst, möchte ich noch einmal unterstreichen, wie Recht Anne in meinen Augen hat, wenn sie meint, dass politische Partizipation unmöglich mit einem Rechtsruck einhergehen kann. Luisa betont immer wieder: "Mit allem lässt sich Politik machen, nur nicht mit der Gleichgültigkeit." Politische Partizipation bedeutet eben Überwindung jeglicher Gleichgültigkeit, bedeutet Annahme der eigenen Eingebundenheit in den gesellschaftlichen Kontext, in dem wir alle leben - mit all dem, was dies einerseits an Abhängigkeiten, andererseits an Verantwortlichkeiten mit sich zieht. Politik ist v.a. eine Frage des politischen Bewusstseins - und das kann ich nicht allein für mich im stillen Kämmerlein erwerben, sondern kann es mir nur in der Auseinandersetzung mit den Problemen, die die anderen, aber auch mich selbst bewegen, erarbeiten. Die Politik ist die Politik der Frauen - und: Die Politik der Frauen ist die Politik. Heutzutage, denke ich, bedeutet politische Partizipation v.a. die Bereitschaft, mich mit Leib und Seele auf die Suche nach dem Unsagbaren, dem Undenkbaren, einzulassen, das es uns ermöglichen kann, über die bisherigen, immer machtpolitisch orientierten Paradigmen unserer Demokratie hinauszugehen. Es braucht ein neues Bewusstsein, das wir uns nur gemeinschaftlich erarbeiten können, genauso, wie das neue Bewusstsein der weiblichen Freiheit nur aus der Arbeit der Selbsterfahrungsgruppen der Anfänge der Frauenbewegung in den 60er Jahren entstehen konnte. In dieser Hinsicht verweise ich auf das Buch "Al mercato della felicità"/"Auf dem Markt des Gücks", immer von Luisa Muraro, das Dorothee Markert hier auf diesen Seiten von bzw. weiterdenken so wunderbar zusammengefasst hat. Viel Spaß beim Lesen! Sandra

    Artikel: Plädoyer gegen das Unpolitischsein

  • Anne Lehnert sagt:

    Danke, liebe Anne, für deinen Zuspruch. Mir haben die Bilder und der affirmative Charakter des Buches von Eva von Redecker gut gefallen, gerade weil ich selbst oft sehr skeptisch bin. Die Bezüge zum ABC fand ich so offensichtlich, dass ich sie aufzählen wollte. Was fehlt und weswegen dieser Text lang in der Schublade lag, ist das Weiterdenken daran, die beiden Texte und Denkansätze durch eigene, neue Gedanken miteinander in Beziehung zu bringen. Das überfordert mich gerade. Vielleicht kann eine andere das tun. :-)

    Artikel: Arbeit am Weltinnenraum

  • Anne Newball Duke sagt:

    Liebe Sandra, danke dir sehr für deine Ergänzung! Und vielleicht steckt hier auch schon ein Teil der Beantwortung deiner Frage drin, liebe Kathleen: also zum einen habe ich mich während des Schreibens auch genau das gefragt: kann nicht dann auch rechtes Denken zunehmen? Aber dann habe ich gedacht, dass viele bei näherem Beschauen (wie gesagt, es ist komplex; es würde schon Zeit in Anspruch nehmen, sich mit den weltlichen und gesellschaftlichen Zusammenhängen auseinanderzusetzen) eben nicht nach rechts rücken würden, wie sie es mit ihrem Unpolitischsein aber tun. Also meine gewagte These - aber die wurde sicher schonmal irgendwo vertreten, bin ich mir sicher - ist, dass sich rechtes Denken erst im Nichtnachdenken und im Mitlaufen von Vielen so richtig entfalten kann. Rechtes Denken bringt mensch sozusagen - durch kluge rechte (Vor-)Denker*innen, die immer einen machtstrategischen Nutzen aus ihrem Denkertum haben und dabei weltliche und gesellschaftliche Zusammenhänge absichtlich verzerren und ihrer Ideologie, ihren Zielen gemäß passgenau neu schneidern - auf die durchaus (Gewissen) erleichternde Spur des Nicht-mehr-Zusammenhänge-herstellen-Müssens. Andere sind schuld, Klimaveränderungen gabs ständig seit Weltenbeginn usw. usf., ich muss/brauch nichts tun, ich kann nichts tun, und ich werde dafür immer Erklärungen haben/bekommen. Hier steckt dieses Anvertrauen drin, was ich oben beschrieb. Aber ja, kann auch sein, dass ich zu sehr in/an das gute im Menschen glaube, dass er - hat er einmal verstanden - keinen Bock auf Krieg und Gewalt und Feindschaft und Zerstörung hat, sondern dann weiterhin eigenes Denken als Lösungsweg für sich ansieht. Und ja, ich glaube, das wäre ein sehr viel geringerer Teil, der sich dann nach ordentlicher Prüfung des Gedachten weiter nach rechts bewegt. In gewissem Sinne stellt Unpolitischsein nach meiner Definition eine "false balance" her. ;) Rechte wird es wohl dann auch immer geben, aber alle anderen wären "politisiert" weit in Überzahl. So mutig, das zu sagen, bin ich, weil ich gerade Rutger Bregman gelesen habe und mit ihm die Hoffnung teile, dass wir Menschen doch im Grunde gut sind.

    Artikel: Plädoyer gegen das Unpolitischsein

  • Anne Newball Duke sagt:

    Wow, was für eine wunderschöne Buchbesprechung samt Bezug zum "ABC des guten Lebens". Danke dir, liebe Anne.

    Artikel: Arbeit am Weltinnenraum

  • Dorothee Markert sagt:

    Nun hab ich den Film endlich auch gesehen und bin hellauf begeistert. Noch nie hab ich einen so guten Dokumentarfilm gesehen, der auf mich wirkt, als hätte ich einen Spielfilm angeschaut. Wunderbar komponiert ist er, mit den vielen Männerköpfen am Anfang, den männlichen Straßennamen und dem Orchester, das nur aus Männern besteht. Und dann am Ende eine Reihe von weiblichen Straßennamen und ein Orchester mit männlichen und weiblichen Musizierenden und einer sehr lebendigen jungen Dirigentin. Ich war voller Hochachtung vor dem, was die Frauen, vor allem die der Grünen, im Parlament gewagt und ausgehalten haben. Und ohne ihre Überschreitungen des Gewohnten und Erwarteten, die ihnen Spott und Verachtung eingebracht haben aus den geschlossenen Männerreihen, und auch Abneigung von sicher nicht wenigen Frauen, wären wir heute nicht da, wo wir sind. Und eine Kanzlerin wäre vielleicht immer noch undenkbar. Was mir zu denken gab, als ich den Film anschaute: Wie wenig ich mich in den Jahrzehnten, in denen ich selbst - auf ganz andere Weise - politisch aktiv war, für das interessiert habe, was in der "etablierten Politik" geschah, und wie wenig Wertschätzung ich für die Leistungen der Frauen dort aufbrachte. Davon hat mich der Film auf jeden Fall geheilt!

    Artikel: Die Unbeugsamen

  • Sandra Divina Laupper sagt:

    Liebe Anne! Gerade habe ich mit geradezu ehrführchtiger Begeisterung Deinen Artikel fertig gelesen. Ich möchte nur einen kleinen Zusatz schreiben. Im Buch "Le terre del sacramento" von Francesco Jovine, das ich noch zu Oberschulzeiten (also vor ca. 35 Jahren; es war wohl in der Maturaklasse 1985/86) gelesen habe, weil es unser Italienischprofessor als Schullektüre vorgesehen hatte, ist eine Szene beschrieben, die sich mir auf offensichtlich unvergessliche Weise eingeprägt hat. Das Buch spielt in Süditalien zur Zeit des Faschismus. In der besagten Szene besucht der Protagonist, ein Antifaschist, ein Gasthaus, in dem der Wirt ein Schild an die Wand genagelt hat, auf dem zu lesen ist: "In dieser Ausschenke ist es verboten, von Politik zu reden". Der Wirt wollte wohl keinen Ärger mit der Obrigkeit riskieren. Der Protagonist - ich glaube, er hieß Luca - steigt auf einen Stuhl und überschmiert die Schrift mit dem Satz: "In dieser Ausschenke ist es verboten zu denken." Ich habe aus dieser Lektüre die wertvolle Lehre mitgenommen, dass der Faschismus die Politik fürchtet. Politik zu einem wichtigen Inhalt des eigenen Lebens, der Gespräche mit den Menschen, denen ich begegne, zu machen, ist schon der Anfang eines jeden Antifaschismus. Oder besser: ist schon der Anfang, den Faschismus das Fürchten zu lehren - anstatt ihn selber zu fürchten! Umgekehrt habe ich im Laufe meines Lebens, immer diese Lehre im Herzen, gemerkt, das es tatsächlich notwendig ist, Leuten, die sich bewusst "unpolitisch" geben, zu misstrauen. Es brauchte meistens nicht mehr als drei Sätze, um sie bei irgendeiner faschistoiden Aussage zu ertappen... Liebe Güße, Sandra

    Artikel: Plädoyer gegen das Unpolitischsein

  • Brigitte Leyh sagt:

    Großartig, wichtig und richtig! Wir haben viel zu lange so getan, als wäre das Patriarchat nur für Frauen ein Unglück. Die Zeiten, in denen wir dankbar waren, wenn die Männer uns für Frauenrechte kämpfen ließen und einfach nicht im Weg standen, sollten vorbei sein. Nehmen wir endlich auch die Männer in die Pflicht, sie gehören im Kampf für Menschenrechte an unsere Seite!

    Artikel: Gedanken über das Patriarchat

  • Kathleen Oehlke sagt:

    Liebe Anne, oh, wie spüre ich deine Wut in deinem Text. Und kann sie so gut nachvollziehen. Als würdest du die unpolitischen Menschen schütteln wollen, damit sie endlich, endlich auch mitmachen. So gut ich das nachvollziehen kann, spüre ich aber auch etwas Unbehagen. Denn aus deinem Text lese ich ein bisschen die Hoffnung oder sogar Erwartung heraus, dass die Leute sich dann in eine aus unserer Sicht wünschenswerte Richtung bewegen bzw. ihrem Handeln diese Richtung geben. Hier bin ich nicht ganz so optimistisch. Denn der Aufruf „Werdet politisch!“ enthält auch die Möglichkeit, dass Menschen sich dann ganz bewusst nach rechts orientieren. Vielleicht sind es sogar diejenigen, die sich selbst eigentlich in der Mitte verortet haben und dann ganz verwundert über das Wahl-O-Mat-Ergebnis sind. Vielleicht sind sie im ersten Moment erstaunt oder sogar erschrocken. Vielleicht finden sie dann aber auch rechtes Denken als Kategorie gar nicht mehr so schlimm. So nach dem Motto „Also wenn das schon rechts sein soll, ok, dann geht’s ja eigentlich noch.“ Davor hab ich im Moment ziemliche Angst. Vielleicht ist die Haltung dann nur eine weitere Ausprägung des Unpolitischseins, was es natürlich nicht besser machen würde. In welche Richtung sich Leute entwickeln, die plötzlich ihr Politischsein entdecken, haben wir ja nicht in der Hand. Wir können nur vermitteln. Und ich verstehe auch so so gut, was Du, Maria damit meinst. dass du lieber mit politischen Gegner*innen streitest als mit unpolitischen Menschen. Die sind wenigstens greifbar. Da weiß ich, dass die Leute sich zumindest einen Standpunkt gebildet haben und Argumente dafür und dagegen haben und nicht einfach irgendwo aufgeschnappte Phrasen reproduzieren. Wie ermüdend das ist! Auch hier heißt es vermitteln. Immer wieder. Die Phrasen auseinander nehmen. Argumente anbieten. Und auch wichtig: Zuhören. Nur gibt es leider keine Garantie dafür, dass frau auch wirklich durchdringt zu den Leuten. Ob die Leute das wirklich interessiert, oder ob sie nur Gesprächsteilnehmer*innen-Darsteller*innen sind, merkt frau wohl häufig erst hinterher. Und doch, vielleicht bleibt der eine oder andere Denkansatz hängen. Das wäre dann ja schon ein Erfolg.

    Artikel: Plädoyer gegen das Unpolitischsein

  • Anne Newball Duke sagt:

    Liebe Eva, vielen vielen Dank für deine so wichtigen Ergänzungen, gerade zu Trauma und Resonanz. Und da habe ich auch gar nicht viel zu ergänzen. Ich VERSTEHE, warum Menschen verdrängen und ignorieren (wollen), aber mir widerstrebt es - aus all den Gründen, die ich nenne - das zu akzeptieren. Das ist wahrscheinlich der Grund, dass ich in meinen Texten des öfteren "attackiere", weil wenn es um "pick your fights" geht, also darum, wo ich wie meine Energie einsetze, dann muss meinem Gefühl nach die Priorität bei vielen Menschen eben vielviel mehr da sein, sich über Trauma-Arbeit und das Zulassen von Resonanz auch über den Kreis der eigenen Lieben hinaus zu begeben, auch aus der eigenen Comfort-Zone weitweitweit hinaus. Wir werden es uns sonst später nicht verzeihen, wir werden sonst in wenigen Jahren unser Zögern, unsere jetzigen Fokussierungen (vieles ist - aus der Zukunft betrachtet - dann sehr banal, und wir werden uns schämen) zutiefst bereuen. Und auch uns nicht mehr wiederfinden in unserem alten Ich, nicht mehr ihm d'accord sein, und - sich daraus ergebend - mit neuen Traumata zu kämpfen haben. Ich kann in eine Zukunftsglaskugel schauen, hehehe, ich weiß das schon ;). Was du über Resonanz schreibst, erinnert mich auch stark an Empathie. Rutger Bregmann legt in "Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit" Empathie ja eher als etwas Negatives aus, weil er sagt, es stürzt uns durch das tiefe Hineinversetzen in anderes Leben und Leiden und Sterben erst recht in eine Lethargie und Depression. Er möchte viel mehr von Mitgefühl reden, die aktiv werden lässt. Ich mag das Wort "Empathie" weiterhin, weil für mich ist es ein wichtiger Zwischenschritt und eine Begleitung des politischen Handelns. Gerade, weil ich so eine privilegierte Frau bin, und weil für mich als eine Frau, die alles hat, was sie sich nur wünschen kann - sogar genügend Zeit für feministische Klima-Arbeit -, Empathie ja ein Zugang zur Welt und damit auch zu meinem Begehren ist. Das, was du schreibst zum Rücken-Stärken, hat mich sehr bewegt. Es kann sein, dass ich mich hier noch differenzierter ausdrücken muss. Ich halte das Rückenstärken für sehr politisch und sehr wichtig. Oha... ich merke gerade, dass sehr sehr viele Fenster und Dimensionen bei mir, in mir aufgehen... das ist anscheinend ein großes Feld in mir, das ich vielleicht nochmal extra bearbeiten möchte. Aber gut, ich versuche, mich kurz zu fassen: Ich kann für mich sagen, dass... ja... also dass wer Rücken stärken möchte, vielleicht die Person, der sie den Rücken stärken möchte, fragen sollte, in welcher Form das Rückenstärken für sie Sinn macht. Ich muss hier wieder an Tupoka Ogettes "Happyland" (siehe mein neuer Artikel zum Unpolitischsein) denken: also wenn der/die Rückenstärkende nicht weiß, was jene, die da vorne" an vorderster Front kämpft" (blöde Kriegsmetapher, aber mir fällt grad nix besseres ein), braucht, dann bringt es nicht viel. Wie ich oben schon schrieb: wenn mir zb gesagt wird: "Go Anne!", dann fühle ich mich einsamer, weil ich sozusagen ins "Alleine-gehen" hinein motiviert werde, aber ich will ja gerade das nicht: alleine gehen! Ich will ja, dass ihr alle mitkommt! Genau das zu erreichen, darin besteht nahezu all meine Denkarbeit! Also fühle ich mich nicht verstanden; meine Message scheint nicht anzukommen. Was dann dazu führt, dass ich noch vehementer und evtl. nerviger auftrete. Das hat so eine komische Wechselwirkung dann. Und Rückenstärken ist auch eine Sache des Moments, also wenn du mich HEUTE fragst, wie du mir den Rücken stärken kannst, dann würde ich dir ganz klar heraus sagen: Tatsächlich, indem du zum Streik am 24.9. gehst. Und da muss ich lachen, weil du schreibst ja, dass das jetzt vielleicht nicht deine Ausdrucksform ist; auch nicht die von Juliane zb. Aber wenn ihr mir vertraut, dass ich gerade weiß, was gut ist, was dieses Land, die Welt braucht, wenn ihr meine Arbeit wertschätzt, und ich euch sage, dass diese zwei Stunden auf der Demo mitmarschieren in deiner Stadt mir so viel gibt, vielviel mehr als jedes tiefe Gespräch mit euch, von dem ich jedes einzelne so liebe und schätze, was dann? Ich sage euch noch, warum ich die Demo für so wichtig halte: weil es junge Leute gibt, die seit Wochen im Hungerstreik sind, hier in Deutschland. Weil es überall auf der Welt Menschen gibt, die unter der Klimakrise so sehr leiden und schon sterben. Die Bäume pflanzen an Orten, die in 10 Jahren ausgetrocknet sein werden. usw. usf. Und sie brauchen dieses Zeichen, gerade von uns. Es gibt Mut und Kraft zum Weiterkämpfen. Wir Aktivist*innen fühlen uns sonst wie Don Quijote: wir strampeln und wir mühen uns ab, wir organisieren diese durchaus auch symbolische Aktion, sie ist das Herzstück der ganzen Klima-Arbeit; und dann dafür, dass wir dann drumherum die Leute sagen hören: "Ach das ist doch Quatsch, das bringt eh nix, die Politik ändert sich dadurch nicht, haben wir doch gesehen, 2019, nicht mal 1,4 Millionen reichen, um die Politik zu ändern." Wisst ihr, wie ich mich dann fühle? Also dann denke ich: Ja genau, weil die so denken (- dabei handelt es sich doch nur um zwei Stunden!!, die "uns" geschenkt werden müssten!!), weil sie die tiefere Dimension des Streiks noch nicht verstanden haben, weil sie den gesellschaftlichen Prozess nicht ernst nehmen, in dem wir uns gerade befinden und zu dem es eben auch gehört, stark aufzutreten bei den Streiks, auch wenn es noch Jaaaahre dauert, bis die Politik sich ändert, weil sie nicht verstanden haben, was er jenen bedeutet, die ihn für wichtig halten inklusive mir, weil es um (politisch) sichtbares Mitgefühl mit allen geht, die schon leiden und sterben und verstanden haben, worum es hier geht - geht es bergab mit der Welt. Dann werde ich zynisch und bitter. Weil mehr als den Arsch aufreißen kann ich mir ja nicht. Und zu Don Quijote werde ich nur, wenn du, wenn ihr alle, nicht kommt. Ansonsten sind wir nämlich alle da und stärken uns alle gegenseitig zwei Stunden den Rücken; du mir sicherlich mehr als ich dir, und dafür würde ich dir von Herzen danken. Oha, jetzt habe ich mich wieder reingeredet, entschuldige. Ich danke dir sehr für all deine Punkte. Ich könnte eeeewig weiterreden jetzt, aber nicht allein ;). Aber das verschieben wir auf ein andernmal. :)

    Artikel: Der Kopf muss an den Körper ran (und in ein unbequemes Bett?)

  • Anne Newball Duke sagt:

    Liebe Barbara, liebe Antje, ich werde mir den Podcast heute mittag beim Kochen anhören, vielen Dank für den tollen Tipp! Was ich jetzt schon sagen kann aufgrund dessen, was ihr geschrieben habt... und was seit vielen Monaten ja auch in mir rumort... dass ich wirklich wirklich hin- und hergerissen bin. Es zieht mich absolut in beide Richtungen. Also von mir kann ich sagen, dass ich doch öfter Pause mache: im Feminismus und in der Klima-Arbeit. Aber auch einfach, weil beides meine Hauptbeschäftigung ist und ich sonst komplett ausbrenne. Und wenn ich mich BEWUSST entscheide, auch beim (unpolitischen) Kaffeetrinken politisch zu äußern, dann gebe ich mich mit den kleinsten Vermittlungs-"Errungenschaften" auf beiden Seiten zufrieden. Und ich mache es tatsächlich auch oft so, dass ich dann - oft auch erst viel später, zum Geburtstag oder so - passende Bücher verschenke und dann beim Schenken auf die jeweilige Diskussion verweise. Wenn ich nicht mit dem Stock unterwegs sein will (was mir so schwer fällt, sieht leser*in ja auch an meinen Texten), dann geht es nur in gaaanz kleinen sanften Schritten... ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer Bekannten vor etwa zwei Monaten, die CDU wählt, und wir sind in eine bittere und auch lauter werdende Diskussion (es ging glaube um die EU-Außengrenze, und da ist es mit meinem Sanft-Sein und meiner inneren Vorgabe des Zufriedengebens mit den kleinsten Schritten schnell vorbei) hineingeraten. Die Stimmung war dann ziemlich vereist und anstrengend. Ein paar Stunden später haben wir gemeinsam die Spülmaschine bei ihr zu Hause eingeräumt. Und dann sagte sie plötzlich: "Du hast ja auch recht." Das war alles. Und ich habe gleich wieder geheult. (Und ich hoffe, es ist klar, dass es mir hier nicht ums Rechthaben geht.) Weil die kleinen Schritte zeigen sich nicht immer gleich. Und eine faire Diskussion, von sich aus und mit Leidenschaft geführt... das berührt... und das gemeinsame Essen und Aufräumen... alles zusammen, da passiert dann doch so viel... mehr als mensch so glauben mag. Manchmal denke ich auch so... der Körper regelt das mit dem Energiehaushalt doch schon ganz gut... also wenn ich mich einmal zuviel einmische, zuviel "rumschrei" mit meiner Meinung, einmal zuviel Energie gebe, mich danach über mich ärgere, dann bin ich das nächste Mal vielleicht ruhiger, kann besser zuhören. Und deswegen... ich denke.. also lerne aktuell, da mehr meinem Bauchgefühl zu vertrauen, wann ich mich einmische/aus der Pause komme, oder ob ich mich mal zurücklehne und "Hach ja!" rufe, herzlich lächelnd das Glas erhebe, und ganz plötzlich, aber bestimmt das Thema hin zum Unpolitischen wechsle. Und die unpolitischen Gespräche - habe ich auch gelernt zum Beispiel oder lerne ich gerade bewusster wahrzunehmen - also da erfahre ich ja auch so viel über meine Gegenüber. Und begreife da auch oft erst, warum sie vielleicht hier und dort diese Meinung vertreten. Und dann ist es wiederum einfacher, wieder eine Neuauflage der Politikdebatte zu wagen: mit dazugewonnenem Vertrauen und Wissen. Ach und noch ein Punkt, der so interessant war, Barbara, mit dem Humorlosen-Stempel: ich freue mich immer, wenn das ins Humorvolle kippen kann. Meistens klappt das, wenn ich nicht mehr als die "Wächterin des Richtigen und Guten" angesehen werde in dem Moment. Viele denken ja, "oha, jetzt Vorsicht, die kommt gleich wieder mit ihrer Klima-Feminist*innenkeule". Aber je mehr ich fähig bin, auch mal Abstand von mir und meiner Arbeit zu nehmen und mich selbst aufs Korn zu nehmen, desto mehr Raum gebe ich meinem Gegenüber, Späße zu wagen oder auch vor mir mal loszulassen. Ich schätze diese Momente sehr. Auch wenn sie manchmal schiefgehen... ich weiß nicht, auch in einem schlechten Witz zeigt sich teils der vertrauensvolle Respekt, den das Gegenüber hat (allein, weil er den Witz gewagt hat). Wisst ihr, was ich meine? hmmm....

    Artikel: Stadt, Land, Krise - ein Podcast über Feminismus

  • Anne Newball Duke sagt:

    Achso, und klar, ich meinte natürlich ERftstadt. Da war ich entweder schluderig oder es war ein Freud'scher (Elfenland ;). Danke dir sehr für diesen Hinweis, ich hab's jetzt im Text oben korrigiert.

    Artikel: Plädoyer gegen das Unpolitischsein

  • Anne Newball Duke sagt:

    Liebe Anne, ich finde es ganz toll, dass du sagst, dass du dich angegriffen fühlst. Ich weiß, dass ich das tue, in gewisser Hinsicht. Wie auch schon bei anderen Texten: es ist ein bisschen meine Absicht, aber ich würde gern auch lieber sanfter schreiben, hehe, aber... ich habe keine Sanftheit in mir gerade. Das ist so, weil... wie soll ich sagen... ich nehme Gespräche auf, die ich geführt habe, und denke dann, ok... haben solche Gespräche vielleicht in ähnlicher Form gerade auch andere? Und wie erklären sie sich die Meinungen der anderen, wie reagieren sie? Ich überlege danach lange lange, wie ich anders oder was ich besser hätte machen können, damit vielleicht das ein oder andere unangenehme Gefühl nicht entstehen hätte müssen während des Redens und Argumentierens. Aber dann denke ich wieder... immerhin waren die Gespräche am Ende dann doch gut und intensiv, alle haben etwas mitgenommen für sich, ich natürlich auch... ja... und wie Maria schon sagt (Danke, Maria! ;), es macht mich dann doch manchmal ratlos, wenn dieses Unpolitische so... ja wie soll ich sagen... da/präsent ist, weil... was soll ich damit in der Diskussion machen? Ich bin ja dann quasi gezwungen "aufzuklären", und ich finde da den Weg manchmal recht schmal zwischen... "von oben herab Belehren" und wirklichem Vermitteln. Und da werde ich manchmal ärgerlich an der Stelle, weil ich will ja wirklich nicht belehren. Und deswegen... ich glaube, der Text entstand auch aus dem inneren Bedürfnis, "später", also manchmal dann doch auf einer anderen Reflexionsebene in eine Diskussion starten zu können. Basics wie "Es ist niemals, unter keinsten Umständen, richtig und rechtfertigungsmöglich, mit Rechten gemeinsam zu demonstrieren/zu argumentieren" zum Beispiel. (Achtung: ein Unterschied dazu ist, darüber zu sinnieren, warum viele, die sich nicht rechts sehen, mitlaufen. Das tue ich ja oben auch. Weil nur wenn wir das besprechen, können wir überlegen, wie wir die Leute da wieder rauskriegen.) Und was die Klimakrise angeht, da glaube ich, dass wirklich noch nicht begriffen wurde, wo wir da aktuell stehen und was uns bevorsteht. Und ich finde es doof, dass ich gerade WIEDER klinge - weil so etwas einfach noch so klingt in einer bürgerlichen Sprach- und Wertewelt ;) - wie eine Apokalyptikerin und Verschwörungstheoretikerin. Auch hier gilt: in 10 bis 20 Jahren spätestens - ich glaube früher - werden wir uns verwundert die Augen reiben, wie wir 2021 mit allen Fakten auf dem Tisch noch so lange weiter ruhig und gelassen bleiben konnten als Einzelne, als Gesellschaft. Unsere Prioritätensetzung werden wir dann einfach in keinster Weise mehr nachvollziehen können. Es gibt ja zum Beispiel immer noch viele Menschen (gerade letzte Woche wieder gehört am Stand auf der Straße), die denken, sie "dürfen" keine Klima-Arbeit machen, weil sie diese sonst den Fridays wegnehmen oder sich einmischen oder es eventuell "falsch" machen könnten oder so. Als wenn wir nicht längst alleallealle bräuchten, als wenn Fehler nicht tausendmal besser sind als Nichtstun!! Als wenn nicht einfach alle jetzt alles tun müssten, auf allen Ebenen! Was sagen wir unseren Kindern in 10-20 Jahren? Mit welchen Erklärungen kommen wir dann? Mich macht das fertig, wirklich. Ich möchte diese Erklärungen nicht hören, aber sie klingen schon in meinem Ohr, PLUS die dazugehörigen Entschuldigungen. Und JETZT sage ich: Tut doch JETZT bitte alles, damit ihr euch nie entschuldigen müsst!!! Ich frage: ist begriffen worden, was es bedeutet, über die 1,5 Grad zu kommen? Weil: wenn es begriffen wurde, dann müssen GERADE die Happylandbewohner*innen, die immer noch hier und da Zeitkapazitäten haben und sich nehmen können, jetzt gaaaanz fett ranklotzen. Gerade auch für die, die noch auf ganz anderen politischen "Partys" tanzen müssen oder tagtäglich um die bloße Existenz kämpfen. Und wer das mit den 1,5 Grad noch nicht verstanden hat, ja der muss alles tun, damit ersiees es versteht. Und meine Attacke - jetzt schließe ich, hehehe - ist im Grunde die, genau das zu verlangen. Eben weil ich diese Entschuldigungen in ein paar Jahren wirklich nicht hören will. Weil wir klingen die dann? "Ja sry Schatz, ich wusste nicht, dass es so schlimm kommt. Doch... du hast recht... ja... also.. eigentlich hätte ich es wissen müssen, aber... naja, ihr wart klein und ich habe gearbeitet... es war stressig, wann sollte ich das tun? Ich hätte weniger DIE Arbeit machen sollen, eher ANDERE Arbeit Richtung Rettung des Planeten? Ja , aber ich wusste nicht, wie, und abends war ich müde. Und dann hätten wir kein Geld gehabt, um Urlaub zu machen, um das Haus/die Wohnung zu kaufen... Das hättest du verstanden? Das Haus ist eh längst kaputt/die Dachgeschosswohnung eh ca 70 Tage im Jahr nicht bewohnbar? Ja, aber wir... sieh mal, wie gesagt, uns war nicht klar, wie schlimm es kommen würde. Es tut mir ja leid! Wir hätten es besser machen müssen, wir hätten andere Prioritäten setzen müssen, du hast ja recht!" Wie das singende klingende Bäumchen höre ich diese Entschuldigungen jetzt schon... ich habe momentan wirklich teils mehr Angst vor diesen bedröppelten Zukunftsgesichtern und Sprachentschuldigungsschuldsuchakrobatiken als vor der Klimakrise selbst. Weil NOCH können wir was tun. Mal als Beispiel: Bei uns Parents in Esslingen sind im letzten Jahr drei Menschen dazugekommen, die aktiv dabei sind und mitdenken und Aktionen mit durchführen (Arbeitszeit allerdings wirklich bei etwa 10 Stunden die Woche schätzungsweise). Damit konnten wir unsere Aktionenkreativität und -menge und -inhalte fast verdoppeln (weil hier gibts ja bei jeder/m auch viele unterschiedliche Ansätze und Prios). Wirklich, es zählt einfach jede Person. Und wer nur fünf Stunden kann, oder nur 2, auch das hilft sehrsehrsehr. Das mindeste aber ist, am 24.9. zum globalen Klimastreik zu gehen. ;) Nicht unterschätzen ("Die Politik reagiert ja darauf eh nicht!"), denn wir, die wir das ganze Jahr rumwuseln, wir brauchen diese Energie von den Teilnehmer*innen, wir tanken hier fürs ganze kommende Jahr oder zumindest bis zum nächsten Streik auf.

    Artikel: Plädoyer gegen das Unpolitischsein

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Noch bevor ich das alles lesen und von dieser WortFlut mitgerissen werde, mein kurzes Rettungsvorwort: unpolitisch sein geht überhaupt nicht! So, und jetzt dankend rein in Annes Politicum...

    Artikel: Plädoyer gegen das Unpolitischsein

  • Anne Lehnert sagt:

    Liebe Anne, in Vielem stimme ich mit dir überein. Auch die Wut verstehe ich gut. Wie scho früher fühle ich mich von deinem Text herausgefordert und auch angegriffen, und vielleicht ist das gut so, um mir klarer zu werden, ob und wie ich politischer werden kann. Trotzdem denke ich, es gibt verschiedene Arten, politisch zu sein. Ich suche mir sehr genau aus, wofür ich meine Kräfte einsetze. Neben der Familie habe ich nicht so viele übrig. Vielleicht habe ich das Engagement noch nicht gefunden, das nicht über meine Kräfte geht. Und doch denke ich, dass es auch ein rudimentäres Politischsein im Alltag gibt, das besser ist als gar keines. Eine Kleinigkeit wunderte mich: Du meinst Erftstadt, oder?

    Artikel: Plädoyer gegen das Unpolitischsein

  • Maria Coors sagt:

    Liebe Anne, wow. Wie immer umfassend und tiefgreifend analysiert. Danke! Die Wut kenne ich so gut. Manchmal wünsche ich mir geradezu echte, also politische Gegner*innen, da kann ich mit umgehen. Aber dieses unpolitisch-selbsgefällig-denkfaule Böse in intellektuell-spirituell-aufdergutenseiteseienden unerträglich trivialen Sprachspielen, was sagt man*frau dazu...Vielleicht nix. Vielleicht einfach mit deinem Text bewaffnet die Unpolitischen schnell erkennen, rumdrehen, weggehen und Politik machen.

    Artikel: Plädoyer gegen das Unpolitischsein

  • Barbara Streidl sagt:

    Liebe Antje, danke für den Hinweis auf Simone Weil, das gefällt mir gut. Dazu passt ja auch der unphilosophische, aber nennenswerte Satz, den die Schauspielerin Emma Watson mal gesagt hat (viele kennen sie als Hermine Granger): Feminismus ist kein Stock, mit dem man andere Frauen schlägt. Und welche Reaktion auf einen sexistischen Witz die femistische ist oder gar die feministisch richtige, das ist eine Herausforderung, hier eine klare Antwort zu finden. Kommt ja immer auf den Kontext an. Auf die Person, die den Witz reißt. Auf die, die zuhören. Letztens habe ich mein Kaffeetrinken zu meiner Mutter gesagt, sie hätte sich gerade sehr rassistisch geäußert, zwar mit Sicherheit ohne das zu wollen, im Endergebnis aber dann eben schon (inhaltlich ging es darum, welche Substanzen sich manche Menschen ins Haar schmieren, um damit zu pflegen oder zu imponieren). Sie wies es von sich, war überrascht, aber dann doch einverstanden damit, als ich ihr beim nächsten Mal das Alice Hasters-Buch mitbrachte. Mir ist's schwergefallen, aber ich fand es nötig. Die anderen Anwesenden (auch nur Familie, meine Söhne, mein Mann) waren froh, dass ich es gesagt hatte. Obwohl mir in diesem Umfeld natürlich der "Humorlose"-Zettel auf der Stirn klebt. Meinem vor zwei Jahren verstorbenen Vater habe ich auf sexistische Bemerkungen auch hin und wieder Kontra gegeben. Was einfach nur abgeprallt ist, so mein Gefühl.

    Artikel: Stadt, Land, Krise - ein Podcast über Feminismus

  • Antje Schrupp sagt:

    @Barbara - Mich leitet in diesem Zusammenhang schon seit längerem ein Hinweis von Simone Weil, die geschrieben hat, dass man zwar Gutes tun soll, aber nur solange es nicht anstrengend ist. Aus der Erfahrung heraus, dass Leute, die das Gute mit viel Anstrengung, Pflicht und Selbstdisziplin machen, leicht in der Versuchung stehen, selber wieder "Böse" zu werden, zum Beispiel indem sie auf andere herabschauen, moralisieren, überheblich werden usw. Wenn man sich hingegen beim Gutes tun nicht anstrengt, ist man nicht so schlecht gelaunt und erschöpft und kann vielleicht großzügiger sein. Weils Vorschlag war, dass wenn das Gutestun anstrengt, man lieber üben soll sodass es nicht mehr anstrengt. Vielleicht lässt sich das auch auf den Teilzeitfeminismus übertragen. Ein anderer Punkt dazu, der ja auch hier im Forum immer mal wieder wichtig war, ist das Begehren als Orientierung. Denn es ist ja gar nicht so offensichtlich klar, was jeweils das feministisch Gute ist. Etwa jeden sexistischen Witz überall zu problematisieren. Ist das überhaupt richtig? Wenn man sich gegen den eigenen Impuls zu etwas zwingt, kann es leicht sein, dass man vielleicht in die falsche Richtung läuft, oder sich eben an etwas anderem orientiert, am Willen, der Vernunft, der Pflicht, dem Mainstream. Ich verstehe das weibliche Begehren auch als Orientierung auf eine Weltveränderung hin, die offen ist und nicht von vornherein feststeht. Vielleicht kann "Teilzeitfeminismus" in dieser Hinsicht sogar hilfreich sein.

    Artikel: Stadt, Land, Krise - ein Podcast über Feminismus

  • Barbara Streidl sagt:

    Liebe Antje, vielen Dank für deine überaus wohltuenden Worte am Eingang dieses Postings! Wie schön, hier Verständnis zu erfahren - die Frage nach dem Teilzeit-Feminismus hat mich selbst zuerst irritiert (als ich von Heike Kleens Buch erfahren habe), dann aber mehr und mehr umgetrieben. Gibt es einen feministischen Feierabend? Einen Feminismus a.D.? Kann ich auch mal wegsehen? Oder schweigen? Gar mich wegducken, so tun, als hätte ich eine sexistische Bemerkung nicht gehört? Aktivismus kostet viel Kraft ... Ich freue mich über die Möglichkeit, einen Austausch hier zu erfahren.

    Artikel: Stadt, Land, Krise - ein Podcast über Feminismus

  • Voigt-Kehlenbeck sagt:

    Danke für diesen Hinweis, es hat mich und meinen Freund:innenkreis bereichert!

    Artikel: Stadt, Land, Krise - ein Podcast über Feminismus

  • Adelheid Ohlig sagt:

    genau: wieder gesellschaftlich argumentieren, nicht immer nur alles auf die eigene Psyche nehmen; die Strukturen sind nicht menschenfreundlich und jetzt wäre/ist die Zeit, haben wir die Zeit? die Möglichkeiten? eine neue Gesellschaftsform endlich zu etablieren. Ach, das ist immer wieder meine Hoffnung...

    Artikel: Wenn es anders kommt, als gewünscht

  • Brigitte Leyh sagt:

    Die psychologische Problematik sollte uns Frauen nicht davon abhalten, in den m ü t t e r f e i n d l i c h e n gesellschaftlichen Strukturen die Ursache zu sehen! Bei Linda Scott in ihrem absolut lesenswerten Buch XX-Ökonomie ist sogar von "Mütterstrafe" die Rede. -

    Artikel: Wenn es anders kommt, als gewünscht

  • Eva Gerich sagt:

    Liebe Anne, mich beeindruckt das sehr und ich finde es toll und inspirierend, wie Du Deine Gedanken und unterschiedliche Kontexte zusammen bringst. Seit ich den Artikel gelesen habe, denke ich viel drüber nach und ich habe in Diskussionen darüber, wo es mit unserer Welt eigentlich grade hin geht (unter Freunden oft Thema - und wie beängstigend das grade ist) auch anderen die Frage gestellt: Was bräuchte es, damit wir selber mehr aktiv werden. Ich habe gehört "die Politik müsste..." bis "ich weiss nicht wo ich anfangen soll" bis "dafür habe ich keine Zeit" oder "ich tu doch schon..." etc. Meine eigene Antwort ist, dass ich nicht weiss, wo anfangen bzw. wo mich einbringen und auch, das Gefühl von Ohnmacht, das mich lähmt. Ich bin nicht gut als "Mobilmacherin", ich reisse nicht durch Motivationsreden Leute mit. Was ich kann, ist anderen den Rücken stärken, unterstützen, beim Entfalten helfen. Aktivseinsformen, die das beinhalten, wären etwas, was mich mobilisiert bzw. wonach ich tatsächlich suche. Und ja, ich versuche auch in meinem Job mich einzubringen, wo es um NAchhaltigkeitsziele und so geht, da passiert grade ein bisschen was. Auf Belegewissen würde ich gern mehr zurück greifen können in Diskussionen mit Menschen, die die Dringlichkeit noch nicht so sehen, also auch wie Du sagst, um zu überzeugen mit Argumenten. Und um Wirksamkeit einschätzen zu können, um bewerten zu können, was was bringt und wie effektiv ist. Und ich wünschte mir mehr Informationen über Anstrengungen und Bewegungen für Klimaschutz und Klimagerechtigkeit, die es schon gibt und vielleicht Möglichkeiten, mit zu machen. Ein Paar Gedanken von mir noch zu der Zweiteilung von Wissen, die mich ja auch schon eine Weile beschäftigt. Wie Du schreibst, gibt es da ja unterschiedliche Konstellationen; solche, wo der Kopf den Körper bestärkt oder andersrum und solche, in der sich die beiden widersprechen. Über letzteres wäre auch einiges zu sagen, aber um die geht es hier ja nicht... Ich teile Deine Ansicht, dass es doch eigentlich zu Veränderungsbereitschaft und Aktivität führen müsste, wenn Kopf UND Körper sich einig sind und man genau so stark spüren kann wie man es "nur" weiss, dass wir auf die Katastrophe zulaufen. Meine erste Hypothese ist, dass nicht allen Menschen dieses "durch den Körper Schicken" wie du es beschreibst, als Fähigkeit überhaupt zur Verfügung steht. Die Aufspaltung zwischen Kopf und Körper hat in unserer Welt ja eine lange Tradition (schreibst Du auch ). Wir sind es gewohnt, Körpersignale auszuschalten, nicht hin zu hören. Ich selber habe meinen Körper lange in erster Linie als Objekt mit dem es etwas zu machen gilt, der so und so sein soll betrachten. Und ich glaube das geht vielen so, dass wir ihm (oder ihr : )) oft mit Misstrauen begegenen und das Verhältnis zwischen Geist und Körper eher nicht "auf Augenhöhe" statttfindet. Mir den Zugang zum Fühlen und zum Körperwissen (wieder) zu erarbeiten, war lange harte (und andauernde) Arbeit. Dass Abspalten von bestimmten Empfindungen rührt ja oft aus ganz frühen Erfahrungen oder solchen, die unsere Mütter und Väter gemacht haben. Hier wirken kollektive Traumata, die darauf beruhen, dass es zu einem bestimmten Zeitpunkt für uns (vielleicht überlebens-) notwendig war, diese Art von Fühlen taub zu machen. Davon handeln die Arbeit von Peter Levine auch - und Gabor Maté und anderen Akteuren, die sich mit Körperarbeit oder "Embodiment" beschäftigen. Ein zentrales Element bei deren Praktiken ist es, einen sicheren Raum, ein Gefühl von Sicherheit im eigenen Körper/im eigenen Empfinden zu schaffen, um sich von da aus auf das einzulassen, was das Körperwissen u.U. zu Tage befördert. Hier ist eine Verbindung zu dem Bett, oder? Wir brauchen ein Stück weit Geborgenheit und Sicherheit, um den Mut aufzubringen, uns unser Körperwissen aufzuschliessen. Was es zu Tage bringt ist ja nicht immer Glück und Sonnenschein. Ich erinnere mich, wie ich bei meinen ersten Meditationsretreats tagelang weinen musste - ohne genau zu wissen warum. Dass da eine tiefe Traurigkeit sich Bahn gebrochen hat, der ich in dem Moment auch nur Raum geben konnte, weil ich nicht in meinen üblichen Alltag von Arbeit und sozialem Leben eingebunden war. Natürlich gibt es auch positive Gefühle, die durch den Körper wahrgenommen viel intensiver und schöner sind, das soll hier nicht unterschlagen werden. Aber was kommt, wenn man damit erstmal anfängt, ist eben ungewiss. Zum Thema mit dem Körper wahrnehmen und verstehen kommt mir noch das Konzept von "Resonanz" in den Sinn. Es erfordert die Offenheit, sich von Außen, von Menschen, der Welt berühren zu lassen. Mir passiert es immer öfter, dass ich beim Anblick von bettelnden Menschen oder Obdachlosen in der Stadt tief getroffen bin. Flaschensammler an der Isar, die unter der Brücke wohnen und "chillenden" Insta-Städtern das Müllwegbringen abnehmen für 15 Cent Pfand pro Flasche. Unwillkürlich stelle ich mir vor, wie sich das Leben für diese Frau oder jenen Mann anfühlen muss und muss weinen über die Ungerechtigkeit und die Kälte, die wir diese Menschen spüren lassen. Dieses "in Resonanz gehen" habe ich lange Zeit den Menschen vorbehalten, die mir sehr nahe stehen, z.B. FreundInnen. In Alltagssituationen wie Arbeit oder beim Durch-die-Stadt-Laufen etc. hatte ich es unbewusst "abgeschaltet". Je mehr ich das in Resonanz gehen als Fähigkeit übe, umso mehr kommt die Empathie mit fremden Menschen quasi als Nebenwirkung dazu. Und ich glaube das Prinzip Resonanz kann noch viel mehr...uns in Verbindung bringen mit Lebewesen aller Art, mit der Natur, dem Planeten. Zum Aktivwerden und Kämpfen wollen: Die Klimakatastrophe ist ja eine reale Bedrohung, die auch wenn wir nicht unmittelbar von Feuer, Wasser oder Dürre bedroht sind unbewusste Mechanismen in uns auslösen - Stichwort fight, flight, freeze. Die eine geht in den Kampf, andere verfallen in Fluchtzustände (gedanklich) oder Erstarren im Denken oder Nicht-Handeln. Und noch ein Gedanke: Sind wir nicht - obwohl wir in unseren bequemen Betten liegen - in unseren Micro-Leben (grade z.B. in Zeiten der Pandemie) trotzdem ganz oft in Alarmbereitschaft und ständig damit beschäftigt, uns aus irgendwelchen Bedrohungslagen zu bringen? Und rührt es vielleicht auch aus der kontinuierlich zu leistenden Anpassung an "new normals", dass wir die Kapazität und den Mut nicht aufbringen, uns aufs Erspüren der großen Katastrophe einzulassen? Ich gebe zu, dass ich mich oft vor Gesprächen mit GreenPeace, Unterschriftensammlern, Fundraisern etc. auf der Straße "drücke", weil ich gefühlt dafür in dem Moment nicht die gedankliche und emotionale Kapazität habe. Ich könnte mir vorstellen, dass das auch bei Deinen Diskussionen/Gesprächen auf der Straße der Fall ist. Dass Menschen sich zwischen Erledigung A und Termin B nicht in der Lage fühlen, sich den bedrohlichen Gedanken und Gefühlen auszusetzen, die ein Gespräch mit einer Umweltaktivistin mit sich bringen würde. Zurück zur Frage: Was braucht es also, damit die Integration von Belege- und Körperwissen zu Aktivität führt und mehr Menschen ihr Handeln auf die großen Fragen lenken? Eine Antwort können Räume und "geschützte" Rahmen sein, wo das Fühlen von Emotionen aller Färbungen möglich ist, wo Resonanz stattfinden und dann zum Handeln mobilisiert. Das Netzwerk von beziehungsweise weiterdenken und Gemeinschaften von AktivistInnen (wie Du sie beschreibst) sind wohl solche Inseln und leisten in der Hinsicht wichtige Beiträge.

    Artikel: Der Kopf muss an den Körper ran (und in ein unbequemes Bett?)

  • Helga Laurinat sagt:

    29.08.2021 Wie sehen die Leser und Leserinnen dieses Buch unter dem Titel "Das weibliche Kapital"? Ich hatte mir im Rahmen meines berufsverbandlichen und -politischen Engagements (bezogen auf die überwiegend weiblich besetzten Pflegedienste) vor gut rund 20 Jahren gewagt, in einem Zusammenhang vom "humanen Kapital" zu sprechen und las kurze Zeit später, dass es zum UNWORT DES JAHRES gekührt wurde .... Ich wünsche der Autorin großen Zuspruch und freue mich, dass die Ökonomie aus weiblicher/feministischer Seite ernsthaft betrachtet und erörtert wird" Helga Laurinat

    Artikel: Ohne Gleichberechtigung keine funktionierende Wirtschaft

  • Elfriede Harth sagt:

    Ich habe das Buch nicht gelesen, daher ist mein Kommentar nur bedingt brauchbar. In Lateinamerika, ein Kontinent des "Globalen Südens" finden allerlei Veränderungen statt. Die Geburtenraten liegen inzwischen durchschnittlich bei 2.17 %, (https://de.theglobaleconomy.com/rankings/Fertility_rate/Latin-Am/). Frauen finden z.B. in der Bekleidungsindustrie leichter einen Job als Männer (sie sind ja auch "billiger"). Sie sind also häufig diejenigen, die die Familie ernähren, nicht nur wenn sie in Subsistenzwirtschaft leben. Das kann Männer kränken. Da reproduziert sich eine Art Kränkung, die bereits stattfand, als diese Länder kolonisiert wurden, und die Kolonialherren sich an den indigenen Frauen "bedienten". Ich waere vorsichtig mit dem Begriff "Wohlstand". Was bedeutet das? Wird er gemessen am BIP? Wie werden die Kosten der Umweltzerstörung gemessen, die stattfindet, wenn ein Land in den globalen Handel eingegliedert wird?

    Artikel: Ohne Gleichberechtigung keine funktionierende Wirtschaft

  • Esther Gisler Fischer sagt:

    Stoppt das Patriarchat!

    Artikel: Ohne Gleichberechtigung keine funktionierende Wirtschaft

  • Adelheid Ohlig sagt:

    So wichtig, merci und tatsächlich wäre die Entwicklung in der DDR und dann im vereinigten Deutschland - die Wiedervereinigung ist allerdings erst knappe 32 Jahre her - interessant. Kommt vielleicht noch. Wir bleiben dran!

    Artikel: Die Unbeugsamen

  • Sabine sagt:

    Danke schön Magdalene, dass du Sonja angesprochen hast. Deine Zeilen geben Kraft für das, was uns im Alter alles noch erwarten kann. Und ich bin voller Bewunderung für all die Frauen, die in diesen harten Nachkriegsjahren weitergemacht haben, bis zum Umfallen, und dann wieder Aufstehen und nun sogar bis ins hohe Lebensalter. Lieben Gruß auch von mir an Sonja.

    Artikel: Die zerbrechliche Härte des Alters