beziehungsweise – weiterdenken

Forum für Philosophie und Politik

Neueste Kommentare

  • Kathleen Oehlke sagt:

    Liebe Dorothee, danke für diesen sehr persönlichen Text. Ich bin froh, dass du dich dazu entschieden hast, ihn zu veröffentlichen.

    Artikel: Mein Antisemitismus

  • Susann Tracht sagt:

    Liebe Anne, danke für deine Bezugnahme. Und danke dafür, dass du meinen Impuls zum Weiterdenken und Tieferfühlen aufgenommen hast, formuliert in der Frage „... aber wie diese teils vielbeschädigte Verbundenheit wieder herstellen?“. Wichtig am Anfang für das Lesen meiner Worte: Ich verbleibe hier auf biochemisch- gehirnphysiologischer Erklärebene (Polyvagal- Theorie von Porges), um eventuell neue Mobilisierungsmöglichkeiten für Engagement aufzutun. Stellen wir uns also vor, so meine These, der du gefolgt bist... Stellen wir uns also vor, dass das Stresslevel im Europatriarchat so hoch ist, dass unsere menschlichen Körper*innen sich nicht sicher fühlen und somit biochemisch in einem Zustand der Defensivität feststecken. Die Vagus- Bremse im im hinteren Cortex des Autonomen Nervensystems (Porges) ist angezogen und damit Kontakt [zu sich und der Mitwelt] unmöglich. Es geht dabei um äußerliche und innerliche Kontaktarmut und Abgrenzung. Alles unbewusst. Alles Verteidigungsstrategie. Die Schaltkreise für Kontakt, Zusammengehörigkeit, Kooperation und Verbundenheit befinden sich im vorderen Cortex des Autonomen Nervensystems. Das ist ganz auf der anderen Seite des Autonomen Nervensystems und das ist die andere Seite der Kontaktbremse. Wenn du schreibst „[...] dass Verbundenheit, Zusammengehörigkeit und Kooperation hilft zu Heilung, und auch Leute befähigt, aus der Immobilität und Abwehrhaltung zu kommen, das ist klar [...].“. betrachte ich das als zu schnell abgetan für wirkliches Verständnis und damit Verbundenheit, um die es uns doch geht. Und da liegt für mich auch der Anfang der Antwort auf deine Frage „... aber wie diese teils vielbeschädigte Verbundenheit wieder herstellen?“. Vielleicht hilft es uns Aktivist*innen – ich hoffe diese Beschreibung geht für dich okay? – erst einmal radikal zu realisieren und anzunehmen, dass wir da Mensch*innen mit einer angezogenen Bremse (im Hirn) vor uns haben. Und wenn diese Mensch*innen ihr Sofa lieben, dann ist genau das ein Spiegel ihrer Biochemie und stimmig. Da hört es jetzt aber nicht auf für mich. Porges schreibt sinngemäß: Um in diesen Zustand von Begegnung und Kommunikation zu gelangen, benötigt die Körper*in ein Sicherheitsgefühl. „Ohne Sicherheit keine Veränderung“ schreibt Dami Charf auf ihrem Blog traumaheilung. de. Das Sicherheitsgefühl ist grundlegender Faktor für Veränderung. Mensch*innen in einem entspannten Zustand (ohne Bremse) sind neugierig, offen, erforschen ihre Umgebung. Ein erhöhter Stresszustand verunmöglicht dies. Diese Mensch*innen können sich noch nicht einmal auf sich selbst einlassen, auf ihr Fühlen oder reflektieren ... geschweige denn Annehmen, was von „Außen“ kommt. Wir alle kennen dies in Stressmomenten bis Stressphasen. Aber es gibt viele Mensch*innen, die dies immer so fühlen. (Welch Leid.) Mensch*innen leben dann oft in Einsamkeit und Isolation. Die Traumatherapie bietet Ideen, wie Kontakt mit Mensch*innen mit angezogener Bremse gelingen kann: Ein wichtiger Begriff dafür ist Co-Regulation und langsames Kontaktherstellen. Du hast davon gesprochen „in den Ring zu steigen“. Ja, so mag es sich erst einmal anfühlen bei Mensch*innen mit Bremse. Auch das total stimmig. Vielleicht hilft uns allein diese Anerkenntnis leichter „in den Ring zu steigen“? Und dann ist beim Kontaktherstellen die Körper*in total wichtig. Denn die spricht Bände ja sowieso. Aber bei Mensch*innen, die ihre Umwelt als gefährlich ansehen, wird das Gegenüber auf Herz und Nieren gescannt und ich meine wirklich gescannt. Das heisst, für mich als Aktivist*in, dass ich auf meine körperliche Präsenz sorgsam achte. Wie geht es mir gerade? Mensch*innen im Scanmodus können nicht unterscheiden, warum da eine Anspannung im Gegenüber ist. Sie nehmen diese „nur“ war und gehen in den Schutzmodus. Wenn möglich und von beiden Seiten erwünscht, hilft auch Berührung für Verbundenheit. Auch das kennst du wahrscheinlich. Eine Hand auf die eigene gelegt ... durchatmen, im Hier und Jetzt ankommen und ... sich öffnen. Damit widerspreche ich dem von dir gesagtem Satz nicht vollends, weil ich auch so Beziehung lebe: „Verbundenheit aber fühlt und erreicht man nicht, wenn eine Beziehung seicht auf der Oberfläche dahinplätschert.“. Aber ich fühle dies als zu hoch angesetzt bei Mensch*innen mit angezogener Vagus-Bremse. Wobei Berührung ist mutig [v.a. für Kopfmensch*innen, Denker*innen?]. Und dazu ist Berührung über die Körper*innen- Ebene hinaus denkfühlbar. Das Gegenüber berühren. Das ist was ganz Zartes, was ich da fühle. Ein verletzlicher Kern. Aus der eigenen Verletzlichkeit heraus handeln. Selbstwirksamkeitserfahrungen ermöglichen, kommt mir da noch in den Sinn. Kleine, klitzekleine Schritte sind dies. Meilenweit entfernt von diskutieren und sich reiben. Menschen, deren Verbundenheits-Gehirnteil nicht funktioniert, müssen sachte plätschernd, sofagemütlich behandelt werden. sofa-gemütlich und Engagement - das ist kein Widerspruch. Kinder erkunden die Welt auch erst, wenn sie sich sicher fühlen, aus einem sicheren Ort heraus Und wenn wir wissen, dass wir die Mensch*innen auf den Sofa`s finden und wir wollen was mit diesen Mensch*innen bewegen, dann müssen wir Aktivist*innen, was an unserem Herangehen ändern. Aufsuchende politische Arbeit. So wie aufsuchende Sozialarbeit. Dazu schreibe ich gern ein anderes Mal mehr. Liebe Grüße!

    Artikel: Klimatätigkeit ohne Daten und Fakten

  • Dorothee Markert sagt:

    Liebe Ina, ja, das habe ich mir im besten Fall erhofft, dass mein Text andere auch zum Erzählen anregt, das half ein bisschen gegen die Unsicherheit, ob ich den Text überhaupt veröffentlichen soll. Vielen Dank dir!

    Artikel: Mein Antisemitismus

  • Ina Praetorius sagt:

    Mein Antisemitismus: Kürzlich ist mir aufgefallen, dass ich manchmal Leute, die mir zunächst nichts sagen, die ich aber irgendwie speziell, zum Beispiel besonders nervig oder besonders exzellent finde, google. Und wenn ich dann einen Hinweis auf "jüdisch" finde, dann denke ich: Aha.

    Artikel: Mein Antisemitismus

  • Ina Praetorius sagt:

    Liebe Dorothee, vielen Dank für diesen Text. Der Titel ist in seiner Schlichtheit genial. Vielleicht sollten wir anderen uns anregen lassen, auch Texte mit diesem Titel zu schreiben. So könnten wir vielleicht den Allgemeinplätzen, dass immer nur die Anderen Antisemit*innen sind bzw. dass "natürlich alle schon mal einen antisemitischen Gedanken gedacht haben", biographische Substanz geben und sie dadurch etwas handhabbarer machen.

    Artikel: Mein Antisemitismus

  • Ina Praetorius sagt:

    ... und übrigens, was die "althergebrachten Vorstellungen davon, was Arbeit ist" angeht: "BGE Rhein-Main" veröffentlicht seit kurzem eine Reihe von interessanten Medienbeschwerden dazu. Denn bei ARD, ZDF u.a. hat man auch noch nicht verstanden, dass Arbeit mehr ist als Erwerb. Jede und jeder von uns kann solche Medienbeschwerden schreiben, damit sich da was verändert. Danke Eric Manneschmidt, dass du mit gutem Beispiel voraus gehst! Hier der Link: https://bge-rheinmain.org/ard-programmbeschwerde-falscher-arbeitsbegriff

    Artikel: Den «Geist der Brüderlichkeit» überwinden: Ein Offener Brief an Antonio Guterres

  • Ina Praetorius sagt:

    Danke für die Reaktionen, Elfriede und Anne! Ich habe den Link zum offenen Brief ans UNO Headquarter geschickt, an die UNWomen, an die Global Alliance for Care, an Human Rights Watch und noch ein paar andere einschlägige Adressen. Wenn euch noch mehr relevante Empfänger*innen einfallen, schickt einfach den Link, auf Englisch oder Deutsch, was halt besser passt. Irgendwie wird das schon die richtigen Leute erreichen und was Gutes bewirken.

    Artikel: Den «Geist der Brüderlichkeit» überwinden: Ein Offener Brief an Antonio Guterres

  • Anne Newball Duke sagt:

    Liebe Susann, danke für deine Gedanken. Dass das Wahrnehmen der Klimakrise nur ein ("Katastrophen"-)Tropfen mehr ist im Gesang des Europatriarchats, und mit diesem Wahrnehmen nicht automatisch der Knopf gedrückt wird zu "jetzt werde ich tätig" oder "jetzt ändere ich mein Leben, meine Einstellung zum Politischsein usw. usf." finde ich nochmal sehr schön hergeleitet. Und dass Verbundenheit, Zusammengehörigkeit und Kooperation hilft zu Heilung, und auch Leute befähigt, aus der Immobilität und Abwehrhaltung zu kommen, das ist klar... aber wie diese teils vielbeschädigte Verbundenheit wieder herstellen? Momentan beschleicht mich das Gefühl, dass die "Vereinsamung" viel stärker wirkt, und zwar das "kuschelige Sofa-Vereinsamen": Dass die Vereinsamung (also wenn sie nicht allumfassend ist natürlich) nicht mehr so negativ gesehen wird. Wir dachten, nach Corona kommen alle aus ihren heimischen Kuschelecken wieder rausgebrochen und stürmen die öffentlichen Orte wie Kneipen, Theater und Kinos usw. Aber die Kuschelecken wurden in Corona teils neu und mit viel Liebe zum Detail renoviert, und da blieb man weiter gern verkuschelt - in gewisser Weise als "Safe space" genutzt - drin stecken... das Diskutieren oder das Sich-Reiben an anderen Meinungen beispielsweise... das wird als eine große Kraftanstrengung gesehen, die man in Corona und gerade danach - als die mühsamen Diskussionen um Coronaleugnung usw. in Familien und Freundeskreisen endlich aufhörten - meidet. Das ist mein aktuelles Gefühl. Verbundenheit aber fühlt und erreicht man nicht, wenn eine Beziehung seicht auf der Oberfläche dahinplätschert. Und ich denke gleichzeitig aber auch nicht, dass man immer "in der Sache" streiten muss. Vielmehr muss Verbindung und Verbundenheit über wahres Interesse an der anderen Person und nicht an einer Sache entstehen oder gepflegt werden. Vielleicht ist das ja auch so eine verzerrte Annahme: "sei mit mir einer Meinung, dann stellt sich Verbundenheit her". Ich glaube, so ist das nicht. Also das kann so sein, aber es muss nicht so sein. Und tja, wenn nicht, dann werden die eigenen sozialen Räume immer kleiner und enden sieben Abende die Woche auf dem kuscheligen neuen Sofa. Ich finde es ja eher immer überraschend momentan, wenn eine Person ähnliche Ansichten wie ich vertritt. Das Gegenteil ist sehr viel öfter der Fall. Wenn ich nicht vereinsamen möchte, muss ich "in den Ring steigen" - wie wir es für unsere Denkumenta-Ausschreibung so schön genannt haben - und mich in diesem Ring um die andere Person bemühen. Ich kann mir vorstellen, dass sich so einige Knoten lösen und wieder mehr Sicherheit entsteht. Denn am Ende wollen wir doch alle in einem je individuellen Maße anerkannt, gesehen und geliebt werden und uns eben - wie du sagst, Susann - sicher fühlen. Also wenn ich sicher sein kann, dass ich in der Gruppe, mit der ich mich abends dann doch mal wieder verabrede, gesehen werde - auch wenn wir in dieser Gruppe sehr unterschiedliche Meinungen haben - dann freue ich mich auf den Abend und verlasse gern und ohne größere Kraftanstrengung mein ebenfalls saugemütliches Kuschelsofa.

    Artikel: Klimatätigkeit ohne Daten und Fakten

  • Elfriede Harth sagt:

    Liebe Dorothee, sehr guter Vorschlag. Bei mir hängt dieser Spruch am Spiegel der Garderobe, also am Eingang meiner Wohnung. Ich denke oft, dass es wichtig ist, bei sich selbst anzufangen. Das Bewußtsein zu haben dass es in uns etwas gibt, das unantastbar ist und bleibt, was auch immer geschieht. Und dass das ein Massstab sein sollte für das eigene Verhalten.

    Artikel: "Wir sollten nicht glauben, Rechte zu haben"

  • Anne Newball Duke sagt:

    Danke liebe Ina, was für ein toller Brief! Es ist zu wünschen, dass Antonio Guterres deinen Blog findet, oder ist er nicht auch direkt zustellbar? ;) Bis dahin lesen ihn hoffentlich viele Leute, und beschäftigen sich weiter intensiv mit dem Umbau der je eigenen und oft immer noch althergebrachten Vorstellungen davon, was Arbeit ist. Denn ich finde, selbst wenn ich die Ideen total unterstütze, werde ich ja gefühlt an jeder Straßenecke dieser Gesellschaft immer wieder auf den alten Arbeitsbegriff zurechtgestutzt. Es ist immer noch sehr viel "aufbegehrender" Energieaufwand für ein konstantes Weiterdenken notwendig.

    Artikel: Den «Geist der Brüderlichkeit» überwinden: Ein Offener Brief an Antonio Guterres

  • Bari sagt:

    Liebe Dorothee Vielen Dank für den Beitrag Ich bin unsicher ob das Aufhängen des Artikels etwas bringt Mir fällt zur „Würde „ immer der Spruch ein: Würde ist ein Konjuktiv. Selbst heute ist die Würde der Frau nicht selbstverständlich nicht mal bei uns. Meine Hoffnung auf die junge Generation Frauen dass sie sich ihre Würde erkämpfen oder auch nur das Erreichte bewahren, ist gering. Vor allem bei den Wahlerfolgen der rechten Parteien Wählt demokratische Parteien liebe Leute Bari

    Artikel: "Wir sollten nicht glauben, Rechte zu haben"

  • Elfriede Harth sagt:

    Nicht nur die Klimaseniorinnen aus der Schweiz (ich bin auch eine Oma for Future!) und nicht nur die Großmütterrevolutionärinnen aus der Schweiz (ich bin eine schwer erziehbare Großmutter aus Deutschland!) unterstützen das! ICH AUCH! Herzlichen Dank für diese super Initiative! Elfriede

    Artikel: Den «Geist der Brüderlichkeit» überwinden: Ein Offener Brief an Antonio Guterres

  • Susann Tracht sagt:

    Liebe Mensch*innen. Danke für euer mitTeilen. Vieles hat sich ähnlich wie bei euch in mir bewegt und daraufhin auch ich im Außen. Angefangen bei lieber für statt gegen bis gegen ist auch okay und es kommt auf die Art des gegen an. Und dazu noch nen in der Kindheit erlernter Wutstopp in meinem Inneren. Und dann kam das Wort RAGE in den Kommentaren. Und bei dem Wort habe ich mich wohlig knurrend an das Buch "Die Wolfsfrau" von Clarissa Pinkola Estes erinnert. Sie hat mir mit ihren Worten eine Tür in die Kraft meiner Rage geöffnet. Ich möchte aus dem Kapitel "Der Zorn des Kollektivs" etwas zum DenkFühlen in unsere Mitte geben: "Es gibt eine Form des Zorns und Schmerzes, die von ganzen Bevölkerungsschichten gefühlt wird (...), was vollkommen natürlich ist und keineswegs ungesund, solange solche Zornesaufwallungen dazu dienen, die notwendigen Veränderungen herbeizuführen. Die Energie des kollektiven Zorns kann uns zu Höchstleistungen beflügeln. Psychologisch ungesund wird die Energie, wenn wir sie neutralisieren (...) Kollektiver Zorn ist ein würdiger Lehrmeister (...) wir können ihn im eigenen Inneren oder auch gemeinsam mit anderen Betroffenen konsultieren, um seine konstruktiven Vorschläge zu verstehen und auszuführen. (...) Diese Art von Zorn kann uns veranlassen, einen längst überfälligen Dialog zwischen zwei Parteien herbeizuführen und auf ein verantwortungsvolleres Bewusstsein, auf Respekt und Kurskorrekturen zu bestehen. Eine gesunde Instinktnatur reagiert mit Betroffenheit und begründeter Empörung auf Verletzungen der Menschenwürde. Eine leidenschaftliche Reaktion ist normal und im Grunde sogar wünschenswert." Lasst uns unserem Reptilienhirn zuhören. Lasst uns der Rage zuhören, dieser Wegweiser*in in notwendige Veränderungen.

    Artikel: Gegen den Hass

  • Katja Dobrocsi sagt:

    Liebe Juliane, vielen Dank für Dein Blitzlicht. Er trifft mich genau in dieses Gefühl hinein, dass alles gerade schlimmer, gewaltsamer, unvernünftiger, ... wird. Das hat mir gut getan. Herzliche Grüße Katja

    Artikel: Die Zukunft ist großartig

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Ja, der Satz, mit und in dem unser Grundgesetz beginnt, ist besonders; und so kurz nach welcher Zeit das geschrieben worden ist... Jetzt, nach Dorothees Gedanken hierzu, lassen mich die Fragen nicht los: Was ist das überhaupt "Würde"? Kann jede die ihr eigene Würde selbst erkennen, und wenn ja, wie würde ich meine Würde beschreiben? Bloß, wenn wir uns beim Kreuz nicht mehr Fragen gestellt haben, warum werden wir uns hier mehr Fragen stellen…-falls es welche gibt. …das würde ich gerne wissen.

    Artikel: "Wir sollten nicht glauben, Rechte zu haben"

  • Susann Tracht sagt:

    Hallo. Ich möchte noch die Polyvagal- Theorie von Porges zum Denk-Fühlen in das Thema geben. Diese Theorie nimmt die Verbindung von menschlichem Verhalten und Reaktionen des Autonomen Nervensystems (ANS) auf Situationen, die aus Sicherheit, Gefahr und Lebensgefahr entstanden sind, in den Blick. Wenn also unsere menschlichen Körper*innen sich nicht sicher fühlen,verbleiben wir auf Körper*innen-Ebene mitsamt Biochemie in einem Zustand der Defensivität. Porges spricht auch von der Vagus- Bremse, die Kontakt [zu sich und der Mitwelt] verhindert, weil sich die Körper*in ständig unsicher fühlt. Äußerlich und innerlich sind wir in einem Zustand der Kontaktarmut, der Abgrenzung. Wir schieben Themen, Mensche*innen, innere Zustände von uns weg und auf Abstand. Wir urteilen unablässig und sind zeitglich immobil. Dies alles ist nicht bewusst. Es ist eine Verteidigungsstrategie, die uns durch Erstarren, Totstellen, Abschaltung bzw. Verlangsamung helfen soll Gefahr abzuwenden. Klimakatastrophe = Gefahr = Abschalten? Vielleicht ... Ich tendiere zu folgender These: Menschliche Körper*innen befinden sich in einem Dauermodus von Gefahr (kapitalistisch- patriarchale Ausbeutungs-Forderungen der Selbstopferung/ Selbstoptimierung) und da ändert die Klimakrise auf Körper*innen- Ebene nix. Sie scheint, fast banal bzw. ordnet sich unscheinbar ein. Oben genannte autonomen Abschalt- Reaktionen haben ihren Sitz im hinteren Cortext des Autonomen Nervensystems. Im vorderen Cortex des ANS befinden sich die Kontakt- und Verbundenheits-Schaltkreise. Prges nennt ihn auch den Selbstheilungsnerv. Er fördert Kontakt und Zugewandtheit nach innen und außen, Verbundenheit, Zusammengehörigkeit, Kooperation. Um in diesen Zustand von Begegnung und Kommunikation zu gelangen, benötigt die Körper*in ein Sicherheitsgefühl. Ihn zu aktivieren könnte also soziales Engagement unterstützen. Denn wir Mensch*innen wissen wirklich nicht was wir tun ... SuTra

    Artikel: Klimatätigkeit ohne Daten und Fakten

  • D. Weide sagt:

    Dem Vorschlag möchte ich mich voll und ganz anschliessen!!!

    Artikel: "Wir sollten nicht glauben, Rechte zu haben"

  • Gesa Ebert sagt:

    Liebe Dorothee, danke für diesen Beitrag! Auf Anhieb finde ich die Idee gut, den Satz aus Artikel 1 des Grundgesetzes in öffentlichen Räumen aufzuhängen, anstelle eines Kreuzes sowieso. - Was spricht dagegen? Vielleicht, dass der Satz sich schnell abnutzt, gar nicht mehr wahrgenommen wird? (Ich muss gestehen, dass ich immer ein merkwürdiges Gefühl habe, wenn Politiker/innen ihn zitieren.) Nebenbei, "Wie weibliche Freiheit entsteht" steht auch bei mir im Regal. Dieser Titel ist für mich sehr klar. Aber den Originaltitel, übersetzt mit "Wir sollten nicht glauben, Rechte zu haben" finde ich auch mit den Erläuterungen von Simone Weil dazu nicht sehr verständlich. Gesa Ebert

    Artikel: "Wir sollten nicht glauben, Rechte zu haben"

  • Alina Liebelt sagt:

    Mir gefällt diese Interpretation sehr und ich bin dankbar diese Sichtweise in mein Referat über das Buch Rut integrieren zu können.

    Artikel: "Wo du hin gehst, da will ich auch hin gehen"

  • Dorothee Markert sagt:

    Hallo Hanne Hutzler, ein Blitzlicht ist kein Artikel. Es soll kurz etwas beleuchten – einen Gedanken, einen Hinweis, eine Beobachtung, eine Erinnerung, eine Erfahrung, eine Situation. Gut, das haben Sie vielleicht nicht gewusst. Trotzdem ist mir unverständlich, warum Sie statt Ihrer Kritik uns nicht an den Begründungen und Belegen teilhaben lassen, die es Ihrer Aussage nach "ja gibt". Ich freue mich jedenfalls sehr darüber, dass meine Kollegin dieses Blitzlicht geschrieben hat, um unseren Leser:innen das weiterzuschenken, was uns bei unserem Denkwochenende gut getan hat. Und auch bei den (gegenwärtig schwer belasteten) Freundinnen, denen ich davon erzählt habe, hellte sich ihr Gesicht auf, ohne weitere Begründung oder Beleg.

    Artikel: Die Zukunft ist großartig

  • Birgit Poppke sagt:

    Zum Beitrag: Brief der Erde an uns Menschen Hallo Frau Strack, Es hat mich immer wieder fasziniert, dass wir in der deutschen Sprache und damit in der Symbolik zwei Schöpferinnen des Lebens haben: „Die“ Erde und „die“ Sonne. Das Weibliche ist nicht nur Mit-Schöpferin sondern das Leben entsteht erst durch das sensible Gleichgewicht zwischen der Erde und der Sonne. Meine Tochter hat dieses Lied in der Schule gelernt: Ich bin die Mutter Sonne 
und trage die Erde
 bei Nacht die Erde - bei Tage 
ich halte sie fest und strahle sie an
 dass alles auf ihr wachsen kann.
 Stein und Blume, Mensch und Tier 
alles empfängt sein Licht von mir Tu auf Dein Herz wie ein Becherlein
 denn ich will leuchten auf da hinein.
 Tu auf Dein Herz mein liebes Kind 
dass wir ein Licht zusammen sind... (Chr. Morgenstern)

    Artikel: Brief der Erde an uns Menschen

  • Hanne Hutzler sagt:

    Tut mir leid, aber da fehlt mir doch wenigstens ein wenig Begründung oder Beleg, die es ja gibt.

    Artikel: Die Zukunft ist großartig

  • Antje Schrupp sagt:

    Liebe Anke, liebe Anne - ein Gedanke noch, als Ergänzung, nicht als Gegenrede: Ich glaube, es gibt neben der Frage des Gegen oder Für etwas zu sein auch noch einen anderen Unterschied, nämlich den, auf welche Art man "gegen" etwas ist. Ich würde Gegen und Für gar nicht als Widersprüche sehen, sondern eher als zwei Aspekte derselben Sache, wenn ich für weibliche Freiheit bin, muss ich eigentlich auch gegen patriarchale Strukturen sein usw. Natürlich ist das im Detail diskutabel, aber das Eintreten für etwas bedeutet meist ja auch, dass man anderes ablehnt. Also ich bin nicht gegen die AfD, sondern ich bin für eine freiheitliche Gesellschaft, in der die Würde aller Menschen geachtet wird, und die würde es eben mit AfD in der Regierung nicht geben, und deshalb bleibt mir eigentlich nichts anderes übrig als gegen die AfD zu sein. Das Problem, das ich beim Hassen sehe, ist eher, dass es eine bestimmte und zwar schlechte Art des Dagegenseins ist, nämlich eine von Gefühlen und Enttäuschungen getriebene. Hass ist oft nicht rational, sondern steigert sich rein, und das bedeutet, er ist nicht die vernünftigste und damit auch nicht die effektivste oder erfolgsversprechendste Art, sich gegen etwas zu stellen. Und das ist das Problem - denn wenn Dinge wirklich gefährlich sind (und ich finde die AfD wirklich gefährlich), dann hört sich "Ich hasse die" zwar radikal und konsequent an, in Wirklichkeit hilft es aber vermutlich nicht so wirklich dabei, die Gefährlichkeit einzudämmen. Wichtiger als hassen wäre eine nüchterne Analyse der Situation, realistische Einschätzung der Möglichkeiten und Optionen und dann konsequentes Handeln. Das geht ohne Hass besser.

    Artikel: Gegen den Hass

  • Anne Newball Duke sagt:

    Liebe Anke, vielen Dank, dass ich teilhaben darf an deinen Gedankenprozessen der letzten Jahre und besonders der letzten Wochen. Ich möchte kurz von meiner Erfahrung erzählen: zunächst einmal mochte ich den Spruch auf den Demos auch nicht. Ich habe ihn erst mitskandiert, dann immer leiser, dann genuschelt, und dann habe ich gemerkt, dass der für mich nicht funktioniert; genau aus den Gründen, die du anführst. Für mich war aber das Gefühl nicht so neu, denn auch auf den Klimademos, die ich seit Jahren mitorganisiere, sind immer Sprüche dabei, die ich als ausschließend und nicht mitskandierwürdig empfinde. Ich lasse sie über mich ergehen, und versuche bei jeder Demo, neue Sprüche einzuspeisen, um die anderen ein bisschen rauszudrängen. (Und finde, dass es sich die Leute zu einfach machen, wenn sie sagen, wegen dem Spruch gehen sie nicht auf die Demos. "Dann überleg dir neue", sag ich dann oft, weil mich das schon auch etwas ärgert. á la: "die machen das nicht gut/auch falsch, dann bin ich raus", statt zu überlegen, "wie geht es für mich, und was kann ich beitragen, damit es anders wird.") Aber ja, manche Sprüche sitzen einfach tief ;) Schon komisch, dass gerade jene, mit denen man klarmacht "du bist gerade nicht ich und machst dies und das genau jetzt gerade falsch" so viel mehr Power und Beständigkeit haben. Vielleicht ist es so eine Nebenwirkung... oder nein, nicht Nebenwirkung, sondern sogar ein wesentlicher Charakter von Aktivismus: dass man sich doch irgendwie im Recht fühlt, weil sonst wäre man ja gerade nicht hier auf der Straße und müsste FÜR der GEGEN etwas einstehen. Dadurch, dass du so ausführlich beschreibst, was das "gegen" in dir auslöst, verstehe ich, was du damit meinst, und bin komplett bei dir. Deswegen ist das, was ich jetzt schreibe, nur ein paar Gedanken zu dem, was ich in den letzten Wochen so erlebt habe. Und ich habe da bemerkt, dass es eine "gefährliche Nachbarschaft" bei er ganzen Dikussion um "für" und "gegen" gibt (Antje hat den Begriff der "gefährlichen Nachbarschaft" hier so treffend mit Inhalten gefüllt: https://www.bzw-weiterdenken.de/2018/07/gefaehrliche-naehe/ Gerade in meinem Umkreis, wenn beim "Bündnis FÜR Demokratie und Menschenrechte" in Esslingen die Diskussion um das "gegen" aufkommt. Viele wollen "GEGEN Rechtsextremismus" aus dem Text gestrichen haben (Begründung: so negativ! So bekommen wir nicht alle!) und für ein "FÜR" ersetzt haben: also statt "Bündnis gegen rechts" eben "Bündnis für Demokratie..." usw. Ich finde es als Titel und Namen für das Bündnis total richtig so, aber ich finde es nicht ok, wenn das "gegen" auch aus dem Text gestrichen werden soll, oder - genauso ..."schwierig" für mich - aufgelöst werden soll á la: "wenn wir gegen Rechtsextremismus sind, dann müssen wir auch gegen Linksextremismus sein"; auch das war Teil einer langen Debatte. Antje hat über den nur vermeintlich langen Weg zwischen links und rechts gesprochen, und die Idee findet sich ja auch irgendwie in Natascha Strobls Auseinandernahme der Hufeisentheorie an. Hier z.B. nachzulesen: https://rechteweltbilder.de/2020/12/15/hufeisentheorie/, aber sie hält eben auch die Unterschiede von links und rechts hoch. Ich hatte letzte Woche sogar die Diskussion, dass rechts ja auch nicht immer rechts sei. Wie bitte?? Und habe mich eben beruhigt, als ich Antjes Artikel nochmal gelesen habe... ok... vielleicht meinte die Person das so: es gibt die nationalistisch-rassistischen „Lokalisten“ à la AfD, Kurz, Putin, Erdogan, Trump, und auf der anderen die neoliberal-kapitalistischen „Globalisten“. Ok. Aber bringt das was, das zu diskutieren? ja, vielleicht ist es für das "Andocken" an den Standpunkt der anderen Person ganz gut, aber... ja. Das Produkt ist dann halt doch das gleiche. Ich verstehe den Sinn dieser Art von Argumentation null und tatsächlich bringt sie mich in Rage. Wohin soll diese Diskussion denn führen? Das hat jetzt wenig mit deinem Text zu tun, liebe Anke, aber das waren einfach Gedanken, die mir dazu gekommen sind, weil ich glaube, diese Art der Gespräche haben viele von uns gerade im Umfeld... und ich finde, es kommt hier auf Nuancen an. Wenn ich Relativierung heraushöre, dann werde ich einfach weiterhin fuchsig. Es ist so wichtig, auch klar zu haben, GEGEN was man ist und was eben der Ausgangspunkt auch all der Debatten und Demos und Bündnisse gerade war und ist: es hat sich Bewegung formiert GEGEN das, was in der Correctiv-Recherche herausgekommen ist. Dieser Grund für das In-Bewegung-Kommen ist erstmal doch nicht von der Hand zu weisen. Das "Für" muss jetzt wieder aufgebaut werden, ist für mich aber gerade nicht so sichtbar wie das "gegen". Ich finde Gegenwind für diese Art der Menschenfeindlichkeit auch nur so dastehend - ohne gleich ein "Für" auf den Lippen zu haben - legitim und wichtig.

    Artikel: Gegen den Hass

  • Anne Newball Duke sagt:

    Liebe Kathleen, danke für dein wunderschönes Blitzlicht. Bei dem Thema gehe ich natürlich auf wie ein Hefekloß, es bewegt mich weiterhin sehr. Ich stelle fest, dass ich insgesamt milder geworden bin; mit mir selbst und meinen Mitmenschen. (Nicht in jeder Situation und bei jedem Gespräch! Aber tendenziell.) Es ist so wichtig zu verstehen, warum Menschen nicht aktiv sein können, in welche anderen energieraubenden Kämpfe und Prozesse sie eingebunden sind. Mittlerweile ist es so, dass ich weiß, dass die eigene Kraft gerade für viele andere reicht/reichen muss. (Für die also, die gerade andere Kämpfe haben, für die ich mir keine Energie und Zeit nehme/nehmen kann.) Also... wenn ich zum Beispiel gerade eine Aktion mache, habe ich mittlerweile das Gefühl, ich mache die Aktion mit und für viele andere. Das Gefühl wurde mir in den letzten Jahren von vielen Seiten vermittelt; vielleicht habe ich es auch eingefordert, ich weiß es nicht. Das stärkt jedenfalls sehr das eigene Sein auf der Straße; es gibt Kraft. Vielleicht ist es deswegen so wichtig, die jeweiligen Kämpfe der anderen anzuerkennen. Anerkennung ist sehr nahrhaft, finde ich. Ich gebe anderen Nahrung in Form von Anerkennung (immer noch zu wenig, aber tendenziell! ;), und ich nehme sie auf. Momentan fühle ich kaum "Energieraub". Ich erschöpfe mich nicht mehr so sehr. Vielleicht, weil ich weniger mache und eben auch milder und gnädiger mit mir selbst geworden bin. Auch so ein einsickerndes Verstehen von... meine Erschöpfung und meine (unproduktive) Wut (gegen andere) ist eigentlich keine Energie, die die Welt braucht. Aktivismus muss auch breiter verstanden werden: was ist das Ziel von Aktivismus? Menschen aufrütteln! Menschen informieren! Menschen für meine Sache gewinnen! Oder? Deswegen denke ich, wäre es doch schön, aktivistisch sein mehr zu verstehen als "aktiv sein", "lebendig sein" und Lebendigkeit bei und gemeinsam mit anderen zu suchen. Vielleicht gewinne ich so mehr. Weniger schreien, weniger recht haben, mehr zuhören, lauschen, nachfragen, tasten, entlasten. Vielleicht halten sich viele auch von Aktivismus fern, weil es doch immer irgendwie "blamt", also anklagt. Und man will weder Ankläger noch Angeklagter sein. Vielleicht ist das eine gesunde Abwehr. Vielleicht ist das nicht gut am Aktivismus. Vielleicht schenkt er zu wenig Freude. Dabei sollte er doch mehr Freude schenken, wenn man sie eh grad mit sich rumträgt. Und vielleicht trägt der Aktivismus von sich aus zu wenig Tiefe in sich. Er muss proklamieren, raushauen, pointieren. Wir Aktivist*innen sind immer so voll, alles will raus usw. Aber Völle ist nicht gleich Tiefe. Völle platzt raus irgendwann, und die Tiefe kann dann nur über Umwege wieder erreicht werden (nach dem Wiederberuhigen, Entschuldigen usw.). Ich glaube, Lebendigkeit ist weniger erschöpfend, freudvoller (auch wenn viele Tränen fließen) und energieschenkender. So verstanden verschwindet das wirklich nicht so tolle Gefühl des schlechten Gewissens, dass immer nagt und bohrt: ich habs doch verstanden und mach trotzdem nicht genug, ich bin nicht genug. Leute, die so in den Aktivismus "eintreten", sind meist recht schnell mit dem Aktivismus unzufrieden. Der macht ja gar nicht dies und der macht ja gar nicht das, und alles viel zu wenig, ich will wirksamer sein, wenn ich meine Zeit schon herschenke! Das sind jetzt alles nur gerade ausformulierte Gedanken, aber... Aktivismus in einer politischen Institution oder Gruppe zu suchen... ich empfinde das mittlerweile als aufgestülpt, weil ich mich dann so hineinverbiegen muss dahin, wo die anderen so sind. Das ist natürlich ein Lernprozess; auch so bekomme ich irgendwann raus, wo und wie ich gern wirken möchte. Aber es ist auch frustrierend. Dorothee hat letztens so eindrücklich über solche Erfahrungen geschrieben, du hast den Text oben schon verlinkt. "Eintreten" verstanden als "mich auf die Suche begeben" ist vielleicht richtiger. Auf die Suche begeben nach... es ist doch so: Erst einmal muss ich mich lebendig und verbunden fühlen. Und wenn daraus dann etwas erwächst, dann sind das immer schöne Pflanzen. Wenn ich merke... beispielsweise... wenn ich beim Töpfern ganz bei mir bin und mich verbunden fühle mit Material und Umgebung und den Leuten um mich rum... also jetzt komme ich alleine gedanklich gerade nicht weiter, weil Töpfern ist natürlich nicht aktivistisch... also so, wie wir Aktivismus momentan verstehen. Aber es führt zum Lebendigsein. Und aus diesem Lebendigsein heraus erwächst dann vielleicht eine Idee für ein aktivistisches Pflänzlein? Lebendigsein bedeutet für mich, offen zu sein. Ich denke momentan viel am Offen- und Geschlossensein nach. Nur wenn ich offen bin, kann ich Menschen und Welt wahrnehmen. Aber Gesellschaft verlangt immer ein Geschlossensein, eine Stärke, ein "geschlossenes Ego" , abgeschlossene, fertige Gedanken, Absicherung durch Forschung usw. (weil du sonst auseinandergenommen werden kannst). (Da sind wir by the way wieder beim Denkumenta-Thema "Unklarheit"...) Offenheit bedeutet, verletzlich zu sein, verwundbar. Das passt einfach hinten und vorne nicht zusammen. Denn Aktivismus ist ja vom Wesen her nach außen gerichtet. Sich hier zu öffnen, ist ein zu großes Risiko. Wie ist das dann? Kann ich offen mit all meiner Lebendigkeit sein und geschlossen gleichzeitig (um mich vor Verwundungen zu schützen)? Vielleicht... um an Gedanken weiter oben anzuknüpfen, denke ich deswegen, dass Aktivismus auch Vier-Augen-Gespräche (beim Töpfern ;) sein können... oder nicht nur Sprache und Worte (warum immer Gespräche!), sondern einfach gemeinsam in derselben Welt gerade SEIN. Wo eine Öffnung von beiden Seiten möglich ist (auch wenn man nicht einer Meinung ist) und man sich dadurch gemeinsam weiterhangelt im gegenseitigen Ergründen. Letztens habe ich in einem Podcast gehört... die meisten Menschen haben gute Absichten. Gute Absichten und deren Umsetzung aber ziehen oft ein Knäuel an (auch negativen) Konsequenzen (für andere, für einen selbst, für was auch immer) nach sich, die mit dieser "guten Absicht" nicht beabsichtigt waren. Aber nun ist es in Gang. Wut erscheint auf der Bildfläche, Nichtgesehenwerden kommt hervor, Enttäuschung usw. Was nun? Ich hatte doch nur die besten Absichten! Versteht das doch! Und nun, sagt doch, wie weiter? Verschließe ich mich jetzt oder werfe ich mich "zum Fraß" vor, also auch im Sinne von Öffnen und Durchlässigmachen für Kritik und Veränderung der "guten Absicht"? Und geht das nicht dann einfach immer so weiter? ;) Jetzt habe ich so schlecht über Aktivismus gesprochen. Oder? Wir brauchen doch Aktivismus! Oder? Es bringt doch auch etwas! Menschen sind dankbar, wenn andere aktivistisch sind! Ist Aktivismus per sé negativ für die Körper*in? Und wenn er von einer Körper*in als positiv wahrgenommen wird (Adrenalin, Aufmerksamkeit, Gehörtwerden!), ist er dann nicht nur ein Egopusher? Es gibt so wenige, die die Balance halten können zwischen Offen- und Geschlossensein. (Ich zum Beispiel habe nach Aktionen immer das Gefühl, entweder zuviel oder zu wenig gegeben zu haben.) Das sind dann meistens schon gleich so Persönlichkeiten wie Martin Luther King Jr., die diesen Drahtseilakt hinbekommen. Für mich - nochmal ans Denkumenta-Thema anknüpfend - hat dieses Balancehalten zwischen Offen- und Geschlossensein etwas mit Verweilenkönnen in Unklarheit zu tun. Wie genau, müsste ich jetzt noch ergründen. Ich würde hier gern weiterdenken. Vielleicht hat irgendeine* Lust.

    Artikel: Engagiert Euch, wenn Ihr könnt

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Für mich ein wunderbar klarer Text, erfüllt mit persönlichen Gedanken. Das so zu lesen erfreut mich sehr; mehr noch: es tut mir wohl. Und dann, nach mehrmaligem lesen dieses Textes, bemerke ich, wie ich mich zunehmend zurück lehne in mein wohlig sein… Holla, sag ich mir noch rechtzeitig, da stimmt was nicht! Und ich beginnnnne den Text in mir mit meinem Empfinden neu zu lesen. Da habe ich jetzt zu tun, und ich sage zuvor: danke, Anke!

    Artikel: Gegen den Hass

  • Gudrun Nositschka sagt:

    Sich gemeinsam für unsere Demokratie und gegen faschistische Tendenzen einzusetzen geht auch ganz "ohne Hass". Das durfte ich am Sonntag, den 14. April auf dem Markt/Brinnenpaltz in Mechernich öffentlich unter dem Motto: Wehret den Anfängen! "Nie wieder" ist jetzt! erleben. Dazu habe ich gerne mein Gesicht gezeigt.

    Artikel: Gegen den Hass

  • Gerhard sagt:

    Die Auffassung der Aymara gemahnt daran, daß wir alle die Welt anders sehen, daß wir alle sehr verschieden sind. Unabhängig von der Sozialisation.

    Artikel: Im Jetzt geschieht das Altern.

  • Marani sagt:

    Danke, dass du das aufgreifst Anke. Mir ging es genauso mit genau diesem Satz. Er hat mich enorm gestört und auch dazu geführt, dass ich mich an den Demonstrationen nicht beteiligen mochte. Es macht mir Angst, was sich da zusammenbraut an Wut und an Ressentiment. Auf beiden Seiten. Doch ich will es nicht hassen. Suche Verständigung über alle Gräben hinweg.

    Artikel: Gegen den Hass

  • Jochen sagt:

    Liebe Dorothee, anlässlich unseres kleinen Lu-Treffs am vorletzten Wochenende kamst Du mit Cousine Dorothee zur Sprache, für mich Anlass über meine Geschichte mir dir nachzudenken und dir jetzt zu Deinen Gedanken hier ein Buch zu nennen, das ich mit einiger Mühe, immer wieder Einschlafen und aber auch Fasziniertsein über diese Frau und ihre Geschichte zwischen Anpassung und persönlicher Freiheit, die sie radikal vertritt, in vielen kleinen Etappen gelesen habe: Goliarda Sapienzia, "Die Kunst der Freude". Auch spannend, der historische Hintergrund Italiens. Ich vermute natürlich, dass Du es schon lange kennst, ich bin über ein Kalenderblatt (Aufbau Vlg.) darauf aufmerksam geworden. Herzliche Güße Jochen

    Artikel: Präsenz und Freiheit

  • Jutta Nolte sagt:

    Liebe Silke, auch ich habe wegen eines Umzugs meine Bücher und anderes aussortiert. Auch ich kann mich von etlichen Romanen nicht trennen, aber auch von Sachbüchern. Zu jedem einzelnen Buch weiß ich, wann und aus welchem Grund ich es las. Sätze aus einzelnen Büchern, die mir bedeutsam waren und sind, haben mich in Richtungen meines Lebens geführt und ich weiß sie heute noch. Diese Bücher sind Stationen meiner Biografie. Die Geschichten beinhalten auch einen Teil meines Lebens, den ich nicht gelebt habe, weil wir in unserem übersichtlichen Leben nicht alles leben und ausleben können. Sie sind Inspiration, nicht gelebte Träume und Erfahrungen. Diese Geschichten sind aber auch Ergänzungen zu meinen Erfahrungen, sind Bestätigungen meiner Wahrnehmung, drücken aus, was mir nicht gelungen ist, auszudrücken und zu sagen. Diese meine Bücher machen mich aus. Ich habe mich immer gefragt, was aus ihnen wird, wenn ich sterbe. Nun weiß ich: Ich nehme sie mit, weil sie ein Teil von mir sind! Jutta Nolte

    Artikel: Begegnungen

  • Gabriele Schärer sagt:

    Liebe Kathleen Du schreibst: «In Zeiten von Selbstoptimierung und gefühlt immer mehr Baustellen auf der Welt, fand ich es wohltuend, sozusagen indirekt aufgefordert zu werden, die persönlichen Grenzen anzuerkennen.» Die persönlichen Grenzen zu kennen und anzuerkennen ist, aus meiner Sicht, Selbstoptimierung. Eine wichtige Sache. Überfordert und im Stress zu sein, gehört aber auch zum guten Ton und ist ein Ausrufezeichen für die eigene Wichtigkeit. Aber ich persönlich nehme eine gelähmte Gesellschaft. Und es freut mich sehr, dass du das anders erlebst. „Engagiert Euch, wenn Ihr könnt!“ Verstehe ich lieber als Hinweis, dass es grade sehr wenig gibt, wo ich mich engagieren kann. Ausser dem guten alten Ostermarsch finde ich z.B. keine Aktionen gegen die Militarisierung unserer Gesellschaften und dem damit einhergehenden Sparübungen in den Bereichen Bildung bis Kultur. Wenn es um Grenzen geht, dieser neuen Politik würde ich sehr gerne Grenzen setzen: «Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP)hatte die Schulen in der Verantwortung gesehen, junge Menschen angesichts des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine auch auf den Kriegsfall vorzubereiten - etwa in Form von Zivilschutzübungen. Zudem rief sie die Schulen auf, ein «unverkrampftes Verhältnis zur Bundeswehr» zu entwickeln.» Quelle: dpa Sachsen Gabriele Schärer

    Artikel: Engagiert Euch, wenn Ihr könnt

  • Monika sagt:

    liebe Silke, meine minimalisierung begann – auch notgedrungen vor zehn jahren als ich von einer 110 m2-altbauwohnung in wien in mein kleines 50 m2-ausgedingehäuschen übersiedelte – alles war zu groß und zu viel – möbel / bilder / bücherregale mit ca. 2.000 bücher …. vor ca. fünf jahren folgte ein aussortieren meiner stöße von tagebüchern die ich über die letzten zehn übersiedlungen – und die natürlich immer mehr wurden – mitgeschleppt hatte … meine mutter starb / meine beste freundin in einer übervollen wohnung starb / ich habe seit vier jahren LongCovid und begann vor einem halben jahr nochmals mit aussortieren – unterlagen der praxis / geschirr / schuhe und kleidung – und nochmals ein aussortieren meiner doch schon reduzierten bücher - vor drei monaten du schreibst: „als ich nach der letzten, diesmal radikalen Umstrukturierung mein minimalistisches Bücherregal begutachtete, erfreuten mich nur die Romane. Romane, die ich vor zehn, zwanzig, dreißig Jahren gelesen hatte. Die Sachbücher, die ich mit so viel Begeisterung und Wissensdurst verschlungen habe, die mich zum Nachdenken und Mitdenken angeregt und mein Handeln beeinflusst haben, waren mir so gut wie schnuppe.“ - und ich musste lächeln denn genau so ging es mir auch – die vielen sachbücher die mir so wichtig waren „die mich zum nachdenken und mitdenken angeregt und mein handeln beeinflusst haben“ interessieren mich nicht mehr – ich konnte sie an eine liebe freundin für ihr antiquariat verkaufen – das erleichterte es sehr ... eines tages – sei er fern oder nahe – gehe ich so wie ich kam – mit nichts außer meinem gelebten leben – und möchte nur kleines gepäck hinterlassen …. Monika Krampl, geb. 1950 Psychotherapeutin, Autorin, Essays, Erzählungen und Lyrik 2018 Buch „LebensZeichen. Erzählungen übers Älterwerden und mehr“, 2018 Veröffentlichungen in: Anthologie „AUFbrüche, Feministische Porträts und Lebensbilder“ , 2023 Die Brache – Hefte für Poesie 5/ 6; Anthologie „Ungebunden“; Auden for Locals – W.H.Auden und seine Jahre in Kirchstetten

    Artikel: Begegnungen

  • Verena sagt:

    Pucki heißt Hedi, nicht Heidi. Und ihr Mann Claus tut alles, um die Protagonistin nicht erwachsen werden zu lassen. Ihren Wunsch, malen zu dürfen, erklärt er damit, dass "Hedi im Moment krank sei". Ich konnte dieses Buch kaum zuende lesen, und habe die noch folgenden Bände gar nicht erst gekauft.

    Artikel: Pucki, Allerleirauh und Winnetou. Als Leserin die Ambivalenz von Texten genießen

  • Adelheid Ohlig sagt:

    Wahr und wichtig! Merci und herzliche Grüsse Adelheid hab es zahlreich weitergeleitet

    Artikel: Es ist an der Zeit: Wir brauchen einen Nobelpreis für Care-zentrierte Ökonomie

  • Uta Meier-Gräwe sagt:

    Danke für den wirklich inspirierenden Beitrag!

    Artikel: Es ist an der Zeit: Wir brauchen einen Nobelpreis für Care-zentrierte Ökonomie

  • Jutta Pivecka sagt:

    Noa Argami Karina Ariev Agam Berger Shiri Bibas Amit Buskila Emily Damari Liri Elbag Carmel Gat Daniela Gilboa Romi Gonen Naama Levy Doron Steinbrecher Arbel Yehud Eden Yerushalmi Diese Frauen sind noch immer in den Händen der Hamas #BringThemHome #InternationalWomensDay2024

    Artikel: Judenhass, „feministisch“

  • Starosczyk sagt:

    “Die Kinder, vor allem die Söhne, werden so in dem Glauben gehalten, sie könnten in einer gelingenden Beziehung leben, ohne selbst etwas dazu beizutragen.” ..Nur, wenn die erwachsenen Bezugs-Personen es ihnen glauben machen: meine ich. Ich erlebte als Kind – und dafür bin ich immer noch meinen Eltern dankbar: „Du musst..“

    Artikel: Kapitel 4: Mütter und Kinder: mütterliche Autorität stärken

  • Lydia sagt:

    Liebe Antje, Was tun? Die strukturelle Logik des sog. freien Westens produziert solche Narrative, eine Politik von „Dogwhistle“, „Plausible deniability“ etc. Welche „Narrative“ können wir Feministinnen dem Medien-Mainstream, den Abfolgen von Krisen und einhergehenden Verwirrung und Ohnmachten angesichts von (Be)drohungen, der Militarisierung, der Mentalität von Sieg , Niederlage, Auslöschung, Vereinfachungen von „gut und böse“ und was es sonst noch gibt an Schrecknissen entgegensetzen? Da würde ich gerne weiterdenken.

    Artikel: Judenhass, „feministisch“

  • Jutta sagt:

    vor allem zum Schluss eine super Zusammenfassung/Schlussfolgerung/Antwort auf/zu der Frage, wie feministisch der Film ist oder ob überhaupt. Klar formuliert, hat mir Lust gemacht, ihn doch anzugucken

    Artikel: „Poor Things“ und der Feminismus

  • Antje Schrupp sagt:

    PS: Ein besonders eklatanter Fall von "Dogwhistle" war zum Beispiel eine Aktion in Berlin, bei der aus Protest gegen die Angriffe auf Gaza sich alle rote Hände malten, vermutlich in dem Glauben (und so wurde es dann auch kommuniziert), sie wollten damit sagen, dass wir alle Blut an den Händen haben, wenn wir Israel nicht von diesen Angriffen abhalten. In Wirklichkeit reinszenierten sie aber einen Lynchmord an zwei gefangenen israelischen Soldaten im Jahr 2000, bei dem sich der Mörder stolz mit ihrem Blut an den Händen am Fenster zeigte. Wer diese Geschichte, die als Triumph über die zionistischen Juden gefeiert wird kannte, hat die Bilder aus Berlin entsprechend gelesen, wer nicht, nicht. Und auf einer kleineren Ebene funktioniert die Debatte halt sehr häufig so. Die Student:innen, die dort protestierten, haben es "gut gemeint", in Wirklichkeit, also unabhängig von ihrer Intention, haben sie gefordert, Israelis zu lynchen.

    Artikel: Judenhass, „feministisch“

  • Antje Schrupp sagt:

    @Lydia - Es sind zwei Punkte, die ich wichtig finde. Bei vielen Bemühungen um Frieden, auch den von dir verlinkten, wird einseitig Israel bzw. seine Verbündeten aufgefordert, sich für Frieden einzusetzen. Es wird nicht gefordert, dass sich die UN einer Selbstkritik unterziehen (warum hat sie in ihrer Resolution die Hamas nicht erwähnen wollen, warum hat sie zugelassen, dass sich die Hamas in ihrem Flüchtlingshilfswerk ausbreitet). Warum gibt es keine Aufforderung an Katar, die Hamasführer auszuliefern? Es wird so getan, als sei in diesem Konflikt Israel der alleinige Aggressor, und das ist eben schlicht falsch. Der israelischen Besatzung ging ein Krieg gegen Israel voraus. Das führt mich zum zweiten Punkt, der "Israel-Kritik". Das Problem an diesem Begriff ist, dass er doppeldeutig ist. Er kann Kritik an einer bestimmten Politik/Regierung Israels bedeuten, was natürlich vollkommen legitim ist. Es kann aber auch Kritik an der schieren Existenz Israels bedeuten, und das ist leider die Bedeutung, die dieser Begriff in großen Teilen der arabischen Welt hat und leider auch in einer "antizionistischen" Linken. Und diese Doppeldeutigkeit spielt eben eine wesentliche Rolle in der Debatte. Denn sie erlaubt, dass vehement die Abschaffung Israels als jüdischer Staat gefordert werden kann, aber jede Kritik darauf empört zurückgewiesen wird, weil man sich ja angeblich nur gegen die israelische Regierung geäußert hat. Diese rhetorische Figur gibt es nicht nur bei diesem Thema, sondern bei Rechtsextremen insgesamt, bei Verschwörungserzählungen usw. Sie heißen "Dogwhistle" (also der Bezug auf Töne, die nur manche hören, während andere sie nicht verstehen, so wie eben das Stichwürt "Israelkritik" für die einen ein antisemitischer Aufruf ist, während andere das nicht "hören"), und "Plausible deniability", d.h. man kann sich immer darauf berufen, dass man es doch nicht so gemeint hat. Ich glaube sofort, dass weder du, noch Esther und auch viele andere Menschen, die sich "israelkritisch" äußern, keine Antisemitinnen sind und auch Israel als jüdischen Staat nicht abschaffen willen. Aber sie unterstützen und stärken mit dieser Debatte eben Leute, die das wollen. Und aus dem Antirassismus-Diskurs wissen wir doch, dass bei solchen Dingen nicht die Absicht zählt, sondern die Narrative, die man objektiv befördert. Wenn jemand eine rassistische Werbung macht, und auf Kritik antwortet "Ich bin aber kein Rassist", dann lassen wir das ja auch nicht durchgehen. Rassismus und Antisemitismus sind keine moralischen Defizite einzelner Personen, sie sind Diskursfiguren, die in unserer Kultur eingebettet sind, und die wir alle mehr oder weniger teilen, es sei denn, wir arbeiten aktiv dagegen. Insofern sind wir alle nicht davor gefeit, rassistische und antisemitische Dinge zu tun und zu sagen.

    Artikel: Judenhass, „feministisch“

  • Lydia sagt:

    Ich lese hier mit und habe mir lange überlegt etwas zu schreiben. Der letzte Beitrag von Sandra Laupper ermutigt mich dazu. Wir alle, wir Feministinnen, unsere Regierungen und Europa müssen uns für einen glaubhaften und dauerhaften Frieden für die Völker im Nahen Osten stark machen. Ich möchte hier auf die Reden der Kundgebung für einen gerechten Frieden in Israel/Palästina von Anfang Dezember 2023 in Bern hinweisen. Insbesondere auf jene von Ruth Dreifuss (unbedingt auch franz. Text lesen) und Shirine Dajani verweisen https://gsoa.ch/redebeitraege-der-kundgebung-fuer-einen-gerechten-frieden-in-israel-palaestina-vom-09-dezember-2023-in-bern/ Der Verlauf der Kommentare hier hat mich auch ziemlich aufgeschreckt. Die Diskussionskultur hat für mich allerdings etwas sehr Unerbittliches. So wurde Esther aus meiner Sicht immer wieder implizit als Verbündete des Antisemitismus bezichtigt, obwohl sie es nicht ist. (Ich kenne sie auch persönlich). Ein Quantum Vorschussvertrauen in Feministinnen, die hier diskutieren, muss schon sein, finde ich. Den Ausdruck „Israel-Kritik“ habe ich bis anhin verwendet um die jetzige israelische Regierung zu kritisieren und um mich gerade gegen Antisemitismus zu verwahren. Ich denke davon kann man bei den meisten, die den Ausdruck verwenden ausgehen. Die Begründung, weshalb der Begriff zutiefst antisemitisch sei, leuchtet mir nicht ein. Wir müssen wachsam sein, das ist klar. Die hier geäusserten Angriffe gegen feministische Bündnisse und Intersektionalismus sind sehr ernst zu nehmen und zu diskutieren. Ich werde das in meinem Umfeld tun und mich auseinandersetzen, wie es sich verhält mit einer „linken antisemitischen Tradition“. Was ein feministisches Friedensengagement wäre, scheint mir ein wichtiger Ansatz.

    Artikel: Judenhass, „feministisch“

  • Sandra Divina Laupper sagt:

    Zur Vervollständigung des vorangehenden Beitrages möchte ich ergänzen, dass es meiner Meinung wichtig ist, uns ganz bewusst vor Augen zu halten, dass es die Frauen und die Kinder auf beiden Seiten sind, die für diesen Konflikt, der alles andere als auf konstruktive Weise geführt wird, einen viel zu hohen Preis zu zahlen haben. Und dass es leider die Männer sind, die in diesem Konflikt das Sagen haben.

    Artikel: Judenhass, „feministisch“

  • Sandra Divina Laupper sagt:

    Jetzt habe ich mir alles noch einmal genauer durchgelesen. Leider kommt mir vor, dass von allen Seiten (außer von Fidis Seite), die Argumentationen nicht immer nachvollziehbar sind, aber wichtige Punkte berühren, über die es nicht sinnvoll ist, einfach hinwegzusehen. Deshalb möchte ich an die Leserinnen von bzw. weiterdenken einige Fragen stellen: Ist es nicht klar, dass schon seit der Gründung Israels 1948 zwischen Palästinensern und Israelis ein Konflikt besteht, der von beiden Seiten nicht immer auf lautere Weise geführt wird? Ist es nicht klar, dass es auf beiden Seiten aber auch Menschen gibt, die sich auf glaubhafte und mutige Weise für einen Frieden einsetzen? Und vor allem: Ist es nicht klar, dass es auf beiden Seiten v.a. Männer sind, die sich gewaltsamer Übergriffe, einer unverantwortlichen Kriegsführung und immer wieder auch für Terroranschläge verantwortlich machen, während es vor allem Frauen und Kinder sind, die dafür zu zahlen haben? Ich möchte auf eine Dokumentation verweisen, auf die mich eine Historikerin verwiesen hat, die sich sehr um die Aufarbeitung der Schoah in Südtirol verdient gemacht hat. https://tvthek.orf.at/profile/Weltjournal/1328/WELTjournal-Spezial-Netanjahu-die-USA-und-der-Weg-in-den-Gaza-Krieg/14212651 . Ich hoffe, dass diese Dokumentation auch für andere so hilfreich sein kann, wie sie es für mich gewesen ist. LG, Sandra

    Artikel: Judenhass, „feministisch“

  • Anne Newball Duke sagt:

    Und was den Oscar angeht, bin ich auch absolut deiner Meinung!!

    Artikel: „Poor Things“ und der Feminismus

  • Anne Newball Duke sagt:

    Huch, ich hatte vorhin gar nicht "Danke" gesagt, Antje; ich finde deine Deutung nämlich total schlüssig, und sie passt eben gut dazu, dass ich ohne tieferes Nachdenken nicht richtig wusste, was Bella eigentlich ist. Danke für diese Denkabnahme! :) Und jetzt verstehe ich auch, dass es bei mir eben so herrlich quietschte, als sie dann aussprach, sie sei irgendwie Mutter und Tochter gleichzeitig. Wie... dachte ich... und dann ist sie eigentlich aber irgendwie keine "echte Frau"? Und zum Thema Prostitution im Film, musste ich während des Schauens immer wieder an Ilan Stephanis immer noch sehr empfehlenswertes Buch "Lieb und teuer: Was ich im Puff über das Leben gelernt habe" denken. Sie kommt darin u.a. zu dem Schluss, dass diese Form des Sexes etwas mit einer macht, mit der Körperin. Dass es ein Abstumpfen gibt, das sie für sich irgendwann nicht mehr ok fand. Sie erzählt radikal von sich aus, was das Buch so lesenswert macht. Ich fand, dass Bella zu ähnlichen Schlüssen kommt wie Ilan Stephani während dieser Erfahrung. Denn letzten Endes wird sie sicher nicht mehr zurück und wieder als Prostituierte arbeiten. Und sie holt auch ihre beste Freundin raus; zumindest legt der Film diese Interpretation nahe. Als Möglichkeit des Verdienstes in einer prekären Lebenssituation im Patriarchat aber wird es im Film ohne Zweifel angesehen. Ich rechne es dem Film an, dass er hier nicht wertet und das einfach so stehen lässt. In gewisser Weise erkundet Bella ja auch die "Freiheiten", die das Patriarchat für die Frauen* so bereit hält. Und was man als weiblich gelesene Person im besten Falle ins Postpatriarchat mitnehmen kann: Erfahrung (auch darüber, was man nicht für sich auf Dauer will) und eine tiefe Freundschaft/Liebe zu einer anderen Frau*.

    Artikel: „Poor Things“ und der Feminismus

  • Anne Newball Duke sagt:

    Liebe Antje, ach, ich hatte mir auch schon überlegt, ob ich etwas zum Film schreiben soll. Ich war wieder etwas erschrocken, wie negativ die Kritiken waren, fühlte mich an "Barbie" erinnert, und hatte gerade deswegen wahrscheinlich eine unbändige Lust auf den Film. Denn momentan ist es für mich und meinen Geschmack wohl so: je schlechter die Kritiken, desto besser wird der Film sein. Und ich wurde nicht enttäuscht: Ich fand ihn einfach nur grandios. Da ich dann aber auch gar nicht viel mehr sagen konnte und wollte als "DAS ist Kino, den Film MUSS man im Kino gesehen haben", bin ich davon abgekommen, darüber schreiben zu wollen. Mich packt der Film eher von der gewaltigen Bildsprache, er rüttelt mich durch, macht so so viel Spaß. Ich habe das Gefühl, Kino wieder ganz neu zu erleben. Ich liebe Kino, und ich liebe den Film dafür, dass er die Möglichkeiten des Kinos so dermaßen schamlos auskostet. Die Geschichte finde ich einfach nur herrlich; Science Fiction, wie sie leibt und lebt (I mean... nur für Aussagen wie... "ich bin Mutter und Tochter zugleich"... hat sich schon der Besuch gelohnt.). Mein Gefühl sagt mir, der Film ist durch und durch feministisch. Emma Stone ist einfach nur... ich finde kaum Worte. Diese totale Offenheit und dieses Hingeben, ich möchte ihr die ganze Zeit danken dafür. Ich finde, allein so eine Figureninterpretation kann einen Film feministisch machen. Ich finde aber auch die Männerfiguren grandios. Mark Ruffalos Figur verkörpert ja in gewisser Hinsicht auch einen gescheiterten Ken. Ich liebe es, wie die männlichen Schauspieler diese neuen Rollenangebote mit Liebe und Leben füllen. Sie zeigen die große Lust, zumindest spielerisch schonmal das Patriarchat zu verlassen, oder zumindest das ganze Leid des Patriarchats für Männer durchzuprozessieren. Und was das Schöne für sie ist wie schon in "Barbie": den Kens werden Angebote und Wege gezeigt, wie sie in einer postpatriarchalen Gesellschaft dennoch glücklich sein und von einer freien Frau geliebt werden können. Gerade, wo es besonders jungen Männern schwerfällt, ihre Rolle zu finden in einer Welt nach "Me-Too"... hallo!! aufwachen, nicht zurückfallen in reaktionären Bullshit, schaut euch Emma Stone an, und wenn ihr nicht für Bella Feministen werden wollt, dann schaut euch Mark Ruffalo an, den Ritter von der traurigen Gestalt... das seid ihr, wenn ihr euch weiter am Patriarchat festklammern wollt, obwohl sich die Kugel unter euch schon weggedreht hat. Ich bin noch nicht darauf gekommen, dass Bella vielleicht keine Frau sein könnte, Antje; ich hatte eigentlich nur die bisher nicht bearbeiteten Fragen in mir, was sie eigentlich ist. Und ob das alles okay ist, der ganze Sex, die Prostitution usw. Und diese Fragen auszuhalten, da in der Luft, und dabei nur Vergnügen zu fühlen und zu schenken.... das schafft dieser Film für mich. Und dazu eine Bildersprache, eine Kameraführung, die einfach nur berauschend ist. Nach dem Film habe ich mich wie betrunken und glücklich gefühlt, was will ich mehr. DAS ist feministisches Kino!! Warum feministisch? Kein einziger Wink des Filmendes führt die Zuschauer*innen gedanklich zurück ins Patriarchat. Denn an der nächsten Wegecke würde nur Duncans (Mark Ruffalo) traurige Gestalt warten... wer will den schon zurück.

    Artikel: „Poor Things“ und der Feminismus

  • Sandra Divina Laupper sagt:

    Liebe Jutta, Esther, Rachel und Antje! Selten haben mich ein Text und die darauffolgenden Kommentare auf bzw. weiterdenken so berührt und aufgewühlt wie diese zum Text von Jutta "Judenhass, feministisch". Mir ist es ergangen wie Jutta, die bei der Lektüre von Esthers Kommentar vom 15. Januar weinen hat müssen: "Ja, ich habe geweint, vor Angst, vor Schmerz, vor Wut", schreibt Jutta. Allerdings haben mich nicht Esthers Aussagen zum Weinen gebracht - ich fand diese Aussagen auf den ersten Blick nur etwas wirr, empfand sie aber als authentisch, müsste sie mir genauer durchlesen, um die Kritiken von Rachel, Antje und Jutta nachvollziehen zu können. Was bei mir die Tränen in die Augen hat schießen lassen, war der letzte, lange, ausführliche Kommentar von Jutta, in dem du, Jutta, deine Emotionen und deine politische Stellungnahmen in so klare und berührende Worte gekleidet hast, dass ich das Gefühl habe: hier haben wir ein ganz neues Diskussionsniveau erreicht! Wirklich noch einmal danke, Jutta, für deinen Text, der offensichtlich bei mehr als einer Frau einen offenen Nerv getroffen hat, aber auch danke an Esther, Rachel und Antje (an dich doppeltes Danke, Antje, dass du Esthers Kommentar doch freigeschaltet hast!), und auch nochmals danke an Jutta, die du die Kommentare wiederum so ausführlich beantwortet hast. Ein bisschen muss ich Fidi Recht geben, wenn sie sagt, die Kommentare seien zu lang, denn ich werde, wenn ich die Zeit dazu finde, wahrscheinlich jetzt mehrere Tage damit verbringen, mir alles genauer durchzulesen, um vielleicht auch selber etwas zum Thema zu sagen. Aber es ist ein Thema, bei dem so viele Fäden zusammenlaufen und das uns Frauen so nahe geht, dass es in diesem Fall wahrscheinlich unvermeidlich war, so lange Kommentartexte zu schreiben. Liebe Grüße an die gesamte Redaktion von bzw. weiterdenken, Sandra

    Artikel: Judenhass, „feministisch“

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Meine Bitte an uns bei bzw-weiterdenken : Artikel samt Kommentaren nach Möglichkeit kürzer verfassen. Ich jedenfalls tue mir dann leichter, was Kraft und Bereitschaft betrifft hier „am Mehr anderer Frauen zu wachsen (Dorothee Markert), -was ja weiterhin mein dankbares Bedürfnis ist… Wie gesagt, es ist eine Bitte - nicht mehr. Fidi Bogdahn

    Artikel: Judenhass, „feministisch“