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„Poor Things“ und der Feminismus

Von Antje Schrupp

Emma Stone als Bella Baxter in "Poor Things".
Emma Stone als Bella Baxter in “Poor Things”. / © IMAGO / Picturelux

Ich hatte ein bisschen Angst davor, mir den Film „Poor Things“ anzuschauen. Er ist zwar für elf Oscars nominiert, aber auf Facebook und auch an anderen Orten des Internet las ich überwiegend Negatives: Der Film sei eine Männerphantasie, die vollkommen zu Unrecht als feministisch vermarktet würde. Die Hauptfigur, Bella Baxter, würde objektifiziert und sexuell ausgebeutet. Überhaupt, das ganze Setting: Ein weiblicher Körper mit einem Babygehirn, geht es noch sexistischer? Und wenn schon feministische Aspekte darin ausfindig gemacht werden könnten, dann die falschen: Typisch „weißer“ Feminismus, der die Befreiung einer Frau darüber definiert, dass sie möglichst viel Sex mit Männern hat. Oder: Typisch „neumodischer“ Feminismus, der Sexarbeit als etwas Positives darstellt.

Und so weiter und soweiter. Als mir dann aber ein Bekannter, auf dessen Urteil ich normalerweise einiges gebe, von dem Film in höchsten Tönen vorschwärmte und meinte, es sei jetzt schon, Anfang Februar, sein Film des Jahres, dachte ich, ich muss mir doch ein eigenes Urteil bilden und bin reingegangen. Gleich vorneweg: Ich habe es nicht bereut. Der Film ist spannend und witzig und unterhaltsam, und Emma Stone, die Hauptdarstellerin, die ihn auch mit produziert hat, sollte meiner Ansicht nach für ihre Darstellung den Oscar bekommen. (Was mir schwerfällt, zu schreiben, weil ich Sandra Hüller in Justine Triets Gerichtsdrama „Anatomie eines Falls“ ebenfalls großartig finde. Ich drücke die Daumen, dass „Anatomie“ den Oscar für den besten Film bekommt und Stone den als beste Hauptdarstellerin).

Zurück zu „Poor Things“. Regie führte Giorgos Lanthimus, der vor einigen Jahren bereits „The Favourite“ drehte, der ebenfalls viele Oscarnominierungen erhielt und von meiner Redaktionskollegin Jutta Pivecka hier im Forum gelobt wurde (auch damals schon mit Emma Stone im Cast).

Die Handlung seines neuen Films basiert auf einem Roman von Alasdair Gray aus dem Jahr 1992 und ist ein postmoderner Remake von Mary Shelleys Frankenstein: Ein selbstverliebter und von ethischen Skrupeln unbeeindruckter Wissenschaftler experimentiert im England des 19. Jahrhunderts gewissenlos vor sich hin. Eines Tages beobachtet er, wie eine junge Frau, hochschwanger, in suizidaler Absicht von einer Brücke springt. Er nimmt die fast Tote mit in sein Labor und operiert das Gehirn ihres ungeborenen Babys in den erwachsenen Körper hinein. So erschafft er die Hauptfigur des Films: Bella Baxter. Dieses Wesen erwirbt zunächst im geschützten Haushalt des Forschers grundlegende Kenntnisse und Fähigkeiten – essen, sprechen, lesen, masturbieren – und macht sich dann auf, die Welt zu erkunden.

Um Spoiler zu vermeiden, erzähle ich nicht viel von der Handlung, sondern komme gleich zu meiner Einschätzung der Frage, ob der Film nun feministisch ist oder antifeministisch, oder was sonst davon zu halten ist. Ich denke, es hängt alles davon ab, welches Thema man hier behandelt sieht. Erzählt der Film die Geschichte einer freiheitsliebenden Frau, die sich im viktorianischen Patriarchat auf einen Selbstfindungstrip begibt und dabei viele sexistische Hindernisse überwinden muss? Dann ist der Film genauso schlecht, wie es die Stimmen, die ich hier eingangs wiedergegeben habe, ihm vorwerfen.

Meiner Meinung nach geht diese Interpretation aber am Thema vorbei. Das fängt schon damit an, dass Bella Baxter gar keine Frau ist. Wenn Simone de Beauvoir recht hatte mit dem Satz „Man wird nicht als Frau geboren, man wird es“, dann kann Bella keine sein, da sie – im Gegensatz zu Victoria Blessington, jener Lady, die sich suizidierte – kein entsprechendes „Werden“ durchlaufen hat. Bella erblickt das Licht der Welt als Ergebnis eines Experiments. Ihre Sozialisation besteht darin, mit wissenschaftlichem Blick beobachtet zu werden. Sie entwickelt sich durchaus zu einer individuellen Persönlichkeit, aber nicht im Rahmen der geschlechtlich geprägten bürgerlichen Gesellschaft, von deren Regeln sie kaum etwas erfährt. Ihre narrative Position ist vergleichbar mit der eines Aliens im Raumschiff-Film: Sie betrachtet die Erde und die menschliche Gesellschaft mit einem Blick von außen, nicht von innen.

Wenn aber Bella Baxter keine Frau ist, dann kann der Gegenstand des Films auch keine weibliche Emanzipationsgeschichte sein. Und das ist er auch nicht. Thema des Films ist vielmehr eine Auseinandersetzung mit der bürgerlichen europäischen Kultur, die sich in Bella Baxters vorurteilsfreier Herangehensweise an die Phänomene und Typologien dieser Welt spiegelt. Damit ändert sich aber auch die Bedeutung der inszenierten Details: Die viele Sexszenen zum Beispiel (die im Übrigen kurz gehalten sind und nicht weiter stören) sollen nicht illustrieren, wie „frei“ Bella Baxter ist, sondern sie zeigen, dass sie es mit einer von Sex besessenen Gesellschaft zu tun hat.

Die Verwechslung der Interpretationslinien bei den feministischen Kritiken kommt vermutlich dadurch zustande, dass Bella Baxter im Lauf der Filmhandlung „frausisiert“ wird. Während ihre Identität als „Monster“, also als wissenschaftliches Experiment, das beobachtet und also gerade nicht beeinflusst und geformt werden soll, im Haus ihres Schöpfers noch allgemein bekannt ist (dem Personal etwa, auch wenn sie an der Aufgabe, neutral zu bleiben, manchmal scheitern), so wird Bella in dem Moment, wo sie die Laborsituation verlässt und alleine hinaus in die Welt zieht, nicht mehr als „Monster“ erkannt: Die Menschen, denen sie nun begegnet, behandeln sie, als wäre sie eine Frau. Dies ist übrigens der entscheidende Unterschied zu Frankensteins Monster, dem das „Passing“ als Mann gerade nicht gelingt, was unweigerlich in eine Katastrophe führt („Poor Things“ hingegen, so viel sei verraten, hat ein Happy End).

Natürlich ist genau das der Punkt, an dem Frauen, die sich den Film anschauen, aufgefordert sind, sich mit der Figur der Bella Baxter zu identifizieren. Auch wir werden schließlich dauernd so behandelt, als wären wir Frauen, ob wir wollen oder nicht. Mit Vorurteilen und Stereotypen konfrontiert zu sein, ist eine grundlegende Erfahrung nicht nur von Personen, die fälschlicherweise für Frauen gehalten werden, sondern auch für solche, die tatsächlich Frauen sind. Und selbstverständlich können wir uns von Bella und ihrer Haltung, die von jeglichen Weiblichkeits-Stereotypen unbeeindruckt ist, bei Bedarf inspirieren lassen. Aber als Frauen haben wir womöglich auch noch andere Optionen. Denn wir stoßen nicht, so wie Bella Baxter, von außen auf diese Kultur. Wir kennen sie in- und auswendig.

„Poor Things“ zeigt die europäische Moderne aus der vorurteilsfreien Perspektive einer Person, die für eine Frau gehalten wird, aber absolut keine Ahnung hat, was „Frausein“ bedeutet. Sie hält der bürgerlich-patriarchalen Moderne einen Spiegel vor, der Phänomene sichtbar macht, die für diese Kultur grundlegend sind, aber männlich gelesenen Figuren verborgen bleiben. Das ist, wenn man so will, das „Feministische“ an dem Film.

Aber Bella Baxters Geschichte ist keine Blaupause für den Weg zu weiblicher Freiheit. Diesen Weg – oder besser gesagt, diese Wege, denn es gibt viele davon – können Frauen nur selber gehen.

Autorin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 11.02.2024
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Anne Newball Duke sagt:

    Liebe Antje, ach, ich hatte mir auch schon überlegt, ob ich etwas zum Film schreiben soll. Ich war wieder etwas erschrocken, wie negativ die Kritiken waren, fühlte mich an “Barbie” erinnert, und hatte gerade deswegen wahrscheinlich eine unbändige Lust auf den Film. Denn momentan ist es für mich und meinen Geschmack wohl so: je schlechter die Kritiken, desto besser wird der Film sein. Und ich wurde nicht enttäuscht: Ich fand ihn einfach nur grandios. Da ich dann aber auch gar nicht viel mehr sagen konnte und wollte als “DAS ist Kino, den Film MUSS man im Kino gesehen haben”, bin ich davon abgekommen, darüber schreiben zu wollen. Mich packt der Film eher von der gewaltigen Bildsprache, er rüttelt mich durch, macht so so viel Spaß. Ich habe das Gefühl, Kino wieder ganz neu zu erleben. Ich liebe Kino, und ich liebe den Film dafür, dass er die Möglichkeiten des Kinos so dermaßen schamlos auskostet. Die Geschichte finde ich einfach nur herrlich; Science Fiction, wie sie leibt und lebt (I mean… nur für Aussagen wie… “ich bin Mutter und Tochter zugleich”… hat sich schon der Besuch gelohnt.). Mein Gefühl sagt mir, der Film ist durch und durch feministisch. Emma Stone ist einfach nur… ich finde kaum Worte. Diese totale Offenheit und dieses Hingeben, ich möchte ihr die ganze Zeit danken dafür. Ich finde, allein so eine Figureninterpretation kann einen Film feministisch machen. Ich finde aber auch die Männerfiguren grandios. Mark Ruffalos Figur verkörpert ja in gewisser Hinsicht auch einen gescheiterten Ken. Ich liebe es, wie die männlichen Schauspieler diese neuen Rollenangebote mit Liebe und Leben füllen. Sie zeigen die große Lust, zumindest spielerisch schonmal das Patriarchat zu verlassen, oder zumindest das ganze Leid des Patriarchats für Männer durchzuprozessieren. Und was das Schöne für sie ist wie schon in “Barbie”: den Kens werden Angebote und Wege gezeigt, wie sie in einer postpatriarchalen Gesellschaft dennoch glücklich sein und von einer freien Frau geliebt werden können. Gerade, wo es besonders jungen Männern schwerfällt, ihre Rolle zu finden in einer Welt nach “Me-Too”… hallo!! aufwachen, nicht zurückfallen in reaktionären Bullshit, schaut euch Emma Stone an, und wenn ihr nicht für Bella Feministen werden wollt, dann schaut euch Mark Ruffalo an, den Ritter von der traurigen Gestalt… das seid ihr, wenn ihr euch weiter am Patriarchat festklammern wollt, obwohl sich die Kugel unter euch schon weggedreht hat.
    Ich bin noch nicht darauf gekommen, dass Bella vielleicht keine Frau sein könnte, Antje; ich hatte eigentlich nur die bisher nicht bearbeiteten Fragen in mir, was sie eigentlich ist. Und ob das alles okay ist, der ganze Sex, die Prostitution usw. Und diese Fragen auszuhalten, da in der Luft, und dabei nur Vergnügen zu fühlen und zu schenken…. das schafft dieser Film für mich. Und dazu eine Bildersprache, eine Kameraführung, die einfach nur berauschend ist. Nach dem Film habe ich mich wie betrunken und glücklich gefühlt, was will ich mehr. DAS ist feministisches Kino!! Warum feministisch? Kein einziger Wink des Filmendes führt die Zuschauer*innen gedanklich zurück ins Patriarchat. Denn an der nächsten Wegecke würde nur Duncans (Mark Ruffalo) traurige Gestalt warten… wer will den schon zurück.

  • Anne Newball Duke sagt:

    Huch, ich hatte vorhin gar nicht “Danke” gesagt, Antje; ich finde deine Deutung nämlich total schlüssig, und sie passt eben gut dazu, dass ich ohne tieferes Nachdenken nicht richtig wusste, was Bella eigentlich ist. Danke für diese Denkabnahme! :) Und jetzt verstehe ich auch, dass es bei mir eben so herrlich quietschte, als sie dann aussprach, sie sei irgendwie Mutter und Tochter gleichzeitig. Wie… dachte ich… und dann ist sie eigentlich aber irgendwie keine “echte Frau”?
    Und zum Thema Prostitution im Film, musste ich während des Schauens immer wieder an Ilan Stephanis immer noch sehr empfehlenswertes Buch “Lieb und teuer: Was ich im Puff über das Leben gelernt habe” denken. Sie kommt darin u.a. zu dem Schluss, dass diese Form des Sexes etwas mit einer macht, mit der Körperin. Dass es ein Abstumpfen gibt, das sie für sich irgendwann nicht mehr ok fand. Sie erzählt radikal von sich aus, was das Buch so lesenswert macht. Ich fand, dass Bella zu ähnlichen Schlüssen kommt wie Ilan Stephani während dieser Erfahrung. Denn letzten Endes wird sie sicher nicht mehr zurück und wieder als Prostituierte arbeiten. Und sie holt auch ihre beste Freundin raus; zumindest legt der Film diese Interpretation nahe. Als Möglichkeit des Verdienstes in einer prekären Lebenssituation im Patriarchat aber wird es im Film ohne Zweifel angesehen. Ich rechne es dem Film an, dass er hier nicht wertet und das einfach so stehen lässt. In gewisser Weise erkundet Bella ja auch die “Freiheiten”, die das Patriarchat für die Frauen* so bereit hält. Und was man als weiblich gelesene Person im besten Falle ins Postpatriarchat mitnehmen kann: Erfahrung (auch darüber, was man nicht für sich auf Dauer will) und eine tiefe Freundschaft/Liebe zu einer anderen Frau*.

  • Anne Newball Duke sagt:

    Und was den Oscar angeht, bin ich auch absolut deiner Meinung!!

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