beziehungsweise – weiterdenken

Forum für Philosophie und Politik

Rubrik denken

Das Risiko des Neuen

Von Dorothee Markert

Lernen braucht eine Kultur der Beziehungen

Vor etwa 20 Jahren sagte einer meiner Kollegen an der Hauptschule einmal etwas verschämt, fast schuldbewusst zu mir: „Ich habe den Verdacht, dass die Kinder eigentlich nur mir zuliebe lernen“. Ich „wusste“ sofort, dass er damit etwas sehr Wahres ausgesprochen hatte, denn es entsprach ja auch meiner Erfahrung als Lernende, dass dies nur ging, wenn ich eine gute Beziehung zu der Person hatte, durch die ich lernte. Und es entsprach auch meiner Erfahrung als Lehrerin. Doch ich hätte mir das damals nicht eingestanden, ich hätte es nicht einmal zu denken gewagt. Im Studium hatte ich gelernt, dass es von meinem pädagogischen Geschick abhing, ob ich die Kinder oder Jugendlichen dazu brachte, dass sie aus ihrem eigenen, einem inneren Interesse an der Sache lernten. Und da allgemein bekannt war, dass dies in der Schule selten gelang, hatte ich auch noch die Möglichkeiten äußeren Leistungsansporns zur Verfügung, also Lob und Tadel, Belohnung und Bestrafung.

Heute kann ich mit großer Selbstverständlichkeit darüber sprechen, dass richtiges Lernen nur im Rahmen einer guten Beziehung, also „beziehungsweise“ möglich ist. Denn mittlerweile gibt es dafür eine Kultur, einen Denk- und Gesprächszusammenhang. Die Erfahrung, dass zum Lernen eine gute Beziehung wichtig ist, machten mein Kollege und ich – und bestimmt viele andere Lehrende, vor allem die Mütter – schon vorher, aber ohne eine solche Kultur konnten wir unser diesbezügliches Erfahrungswissen nicht nutzen. Diese Kultur wuchs hauptsächlich durch die Frauenbewegung. Über die Bedeutung einer guten, vertrauensvollen, tragfähigen Beziehung für das Lernen haben vor allem die „Italienerinnen“ geforscht, also die Frauen des Mailänder Frauenbuchladens und die Philosophinnengemeinschaft „Diotima“ in Verona. Wer lernt, muss etwas loslassen, was ihm oder ihr Sicherheit gegeben hat, um dann etwas anderes an diese Stelle zu setzen, wodurch manchmal das ganze System ins Wanken kommt. Das macht Angst, dafür braucht es Mut. Das Vertrauen in einen anderen Menschen hilft, durch das unangenehme Gefühl der Verunsicherung hindurchzugehen, es fällt uns dann etwas leichter, das damit verbundene Risiko einzugehen.

Richtiges Lernen geht also nur beziehungsweise. Was hat das nun aber mit Politik zu tun? Politische Veränderungen erfordern Lernen. Damit ein gutes gesellschaftliches Zusammenleben möglich wird, muss ich immer wieder lernen, muss loslassen und Neues wagen. Dies gilt ebenso für die verschiedenen Gemeinschaften, in denen ich lebe. Damit eine Gemeinschaft sich verändern kann, muss auch hier losgelassen und Neues gewagt werden, muss eine Phase der Verunsicherung durchgestanden werden. Und wenn dieses Lernen nur „beziehungsweise“ geht, dann ist klar, dass dasselbe für Politik, für jede Art von Veränderung gilt.

Dort, wo ich selbst Veränderungen initiiere, weil mein Begehren, mein Wünschen und Wollen, mich dazu treibt, brauche ich ebenfalls eine andere, der ich vertrauen kann, damit sie hinter mir steht und sagt: „Tu es. Es ist gut. Mach weiter.“ Ich brauche also sowohl für das Initiieren als auch für das Nachvollziehen von Veränderungen tragfähige Beziehungen.

Autorin: Dorothee Markert
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 28.12.2006

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