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Rubrik heilen

Der Zwang zur Norm

Von Astrid Wehmeyer

Die verschlungenen Wege vom leidvollen „Anders-Sein“ zum selbstbestimmten „So-Sein“

SpiegelDarunter, unsichtbar und doch wesentlich, liegt ein „anderes“: Beinahe jede Frau findet ihren Körper grässlich. Zu dick, zu dünn, zu klein, zu groß und überhaupt – er riecht, er fließt, er blutet, er funktioniert nicht so, wie er soll. Überhaupt ist „er“ nicht so, wie „er“ sein sollte. Der weibliche Körper, das ist „der Feind“, den es zu bezwingen, nieder zu ringen, zu stylen und in Schuss zu bringen gilt. Jede vierte Frau macht das für uns deutlich, indem sie sichtbar an einer Essstörung leidet.

Frauen hungern. Sie zwingen sich durch Diäten, ins Fitnessstudio und zu Lean Cuisine. Sie leiden an Menstruationsstörungen, den Wechseljahren, Hormonstörungen. Psychischen Störungen. Essstörungen. Und schweigen dazu. Das gehört dazu. Über Körper, vor allem den dysfunktionalen weiblichen Körper, spricht „man“ nicht.

Gerade darum ist es an der Zeit, dieses Schweigen zu brechen und hinter die Fassade eines inzwischen gesellschafts-tauglich gewordenen Begriffs wie den der „Essstörung“ zu schauen. Denn obwohl in aller Munde, sperrt er (der Begriff) oder sie (die Störung) sich doch weiterhin gewaltig. Und das bezieht sich nicht nur auf die drei „S“ im geschriebenen Wort, an die zumindest ich mich wahrscheinlich eher nicht gewöhnen werde. Nein, es ist nicht nur die Grammatik, die hier abschreckt. Um Störungen geht es, aus dem englischen „Disorder“ entliehen und doch so anders gemeint als eine „verwandelte Ordnung“. Gestört, verstört, aufgestört. Verrückt, ver-rückt, ent-rückt. Und ums Essen – um Nahrung, Ernährung, Körperlichkeit, Pflege, Mütterlichkeit, Genuss, Geselligkeit, Kultur. Wortspiele schießen hier durchs Hirn: Verrückte Nahrung, verstörte Ernährung, entrückte Körperlichkeit. Aber auch gestörte, verrückte Kultur.

Um zu einem veränderten Verständnis des Phänomens „weibliche Essstörungen“ zu gelangen, ist es unumgänglich, sich auf Spurensuche zu begeben in einer patriarchalen Kultur, die Frauen verrückt macht, in dem sie ihnen ent-rückte Körper-Bild-Ideale vorgibt. Die Frauen verstören, weil sie ihnen Maße aufzwingen, die nicht ihre sind und die gestörte Weiblichkeit hervorbringen als Antwort auf eine Ordnung, die aus den Fugen geraten ist, eine kulturelle Disorder.

Um neue, selbst bestimmte Heilungswege für Frauen zu entwickeln, ist es unumgänglich, Fragen zu stellen nach dem Sinn und Hintersinn einer Kultur, die der mechanistischen Funktionalität, der Messbarkeit und allgegenwärtigen Kontrolle huldigt – und dabei das Wilde, Unbezähmbare, Lebendige unter Glas, hinter Gitter und in die Unkenntlichkeit sog. „Erkrankungen“ verbannt.

Um frei zu werden von den intellektuellen und medizinischen Verwicklungen rund um weibliche Ess-Störungen ist es unerlässlich zu verstehen, dass sie mehr sind als ein gestörtes Verhältnis zu Körper und Nahrungsaufnahme.

Frauen miteinanderIch behaupte daher: Dass es sie zu entlarven gilt, die sog. „Normalität“ als das eigentlich absurd Ver-rückte, und die „Störungen“ genannten Erkrankungen als ein Prozess der Gesundung. Welcher immer dann im Ganzen gesehen und verstanden werden kann, wenn wir den Schritt zurück wagen von der Mauer der geistigen Begrenzungen, weg von dem,  was nicht befragt oder in Zweifel gezogen werden darf. Uns ein Bild der gesamten Landschaft verschaffen. Denn die Suche nach dem Tor und dem Ausgang aus der „Störung Essstörung“ ist nicht linear, nicht messbar, liegt nicht im geraden Weg direkt vor uns sondern will gefühlt, erträumt, ersonnen und gesponnen werden.

All diese Begriffe mögen den an messbare Faktorenintelligenz gewöhnten Sach-Verstand verstören. Aber um das, was um uns herum aus der Ordnung geraten ist, wieder zurück zu führen in eine Balance, die Essen, Körperlichkeit, Frausein, Genuss und Hunger wieder als grundlegend menschliche Seinsweisen versteht, müssen wir einen neuen Tanz tanzen. Von dem wir heute nur wenige Schritte geschweige denn den Rhythmus kennen. Was uns jedoch nicht daran hindern sollte, ihn zu wagen.

Ich möchte sie einmal ablegen, die Beschränkungen bei der Betrachtung des „Ordnungsgefüges“ Essstörungen und die Furcht vor unorthodoxen Wegen bei der Suche nach Wegen aus der Sucht-Falle. Wie einst Ariadne will ich den roten Faden in die Hand nehmen als sicheres Geleit durch das Labyrinth der Fragen, das mich umgibt. Ich möchte sprechen über „perfekte Töchter“, die Kopfgeburten ihrer (nicht nur biologischen Väter) sind und über den Genuss, den ein dick gelebtes Leben bietet wenn frau und mann aussteigt aus den Lügen einer Diätenindustrie. In die Tiefen zersplitterter Identität springen als ein Überlebensweg im Trauma sexueller Gewalt gegen Mädchen und Frauen. In die Hölle reisen, da wo die braven Mädchen wohnen. Die Sprache der Frauenkrankheiten lesen, mal hysterisch, mal anorektisch.

Mit den Frauen im Licht des Mondes essen und eintauchen in den einzigen Spiegel, der mir die Wahrheit meines Seins offenbaren kann – meine Seele. Ihren Liedern und Geschichten lauschen, lernen die Sprache der Träume zu sprechen und dann anders vollkommen selbst werden.

Ich will hinter den Spiegel. Mein Ziel ist die Wiedererweckung des Weiblichen in Ratio, Gefühl, Körper, Beziehung und Kultur.

Ich bin eine Frau mit Störungen. Ich bin eine von vielen ver-störte Frauen. Wir alle sind hungrig.

Und wir verlangen nach Sättigung.

Autorin: Astrid Wehmeyer
Redakteurin: Astrid Wehmeyer
Eingestellt am: 08.02.2007

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Elke sagt:

    Unsere Kraft zurückerobern…

    das müssen/dürfen wir!
    Wir sind konditioniert, unsere Aufmerksamkeit und Energie auf Andere und Äusseres zu lenken und dann bleibt nichts mehr für uns selbst übrig. Ein Gesundungsweg ist der, sich vom Äusseren erst einmal zu verabschieden und die ungeteilte Aufmerksamkeit auf sich selbst richten. Das ist oft ein langer Weg, der recht verschüttet ist. Graben bis zur Quelle, am Besten mit Hilfe von kompetenten Menschen. Um uns herum sind Kräfte, die sich davon nähren, dass wir ihnen huldigen, ihnen dienen… Wir müssen wieder lernen, was uns nährt. Welche Menschen umgeben mich? Tun sie mir gut? Welche Rolle versuche ich zu erfüllen, um mich anerkannt zu fühlen? Was mache ich mit meinem Geld (Arbeitskraft), meiner Arbeitskraft (wem diene ich)? Und vieles Andere. Diesen Prozeß habe ich durchgemacht, nicht einfach, aber lohnenswert. Am Ende schaut man, wo man seine Energie einsetzt und wo nicht. Sich selbst nähren steht oben, denn nur ein volles Energiereservoir kann spenden. Unabhängig werden vom Äusseren, um dann frei entscheiden zu können, wo ich mich eingebe. Mitte finden, normalgewichtig werden. Ich bin bodenständiger geworden und das Wort sagt viel aus, denn der Boden ist es, die Erde, die nährt. Auch diese wird ausgebeutet. Es wird ruhiger das Leben, genüßlicher, harmonischer und etwas „langweiliger“. Daran gewöhne ich mich gerade. Vielleicht sind wir ein Stück weit auch süchtig nach Hormonen, Streß…? Die Kräfte bündeln und etwas Gutes damit anstellen!

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