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Dick das Leben leben

Von Gisela Enders

Diätenlügen und Schlankheitswahn in der Entstehungsgeschichte weiblicher Essstörungen

Warum sind manche Menschen dick?

Genetische Ursachen

RubensfrauenDas Schicksal, schlanker oder dicker zu sein, ist zu einem Großteil vererbt. Das bedeutet: Die Möglichkeiten des Körpers und die Bandbreite, mit der er auf hohe oder niedrige Kalorienzufuhr, wie auch auf hohen oder niedrigen Energieverbrauch, zu reagieren vermag, ist genetisch festgelegt. Deshalb entwickeln sich unterschiedliche Menschen in derselben Umwelt, die derzeit für alle durch Überernährung und Bewegungsmangel gekennzeichnet ist, individuell anders. Die einen bleiben, obwohl sie sich kaum bewegen und ungesund ernähren, schlank; die anderen halten trotz Fitness-Studio und Vollwerternährung ihr hohes Gewicht und legen von Zeit zu Zeit noch zu.

Dick trotz figurbewusstem Lebensstil?

Früher war Fülligkeit etwas Erstrebenswertes, allein schon durch die geringe Verfügbarkeit von Nahrung. Wer Geld hatte, konnte dies in gute Nahrungsmittel investieren. (…)

Die Zeiten der fülligen Regenten sind eindeutig vorbei. In den Industrieländern haben die Menschen aus den unteren Sozialschichten inzwischen deutlich mehr Speck am Bauch als die „Oberschicht“. In unseren Tagen zählt vor allem der Schein, und heute muss schlank und fit aussehen, wer zur Elite zählen will, also das genaue Gegenteil zu vergangenen Zeiten. Doch die heutige Angst vor jedem Gramm Fett hat gravierende Nebenwirkungen; sie führt in die Sackgasse: die Diätenmentalität.

Mit dem Versuch, figurbewusst zu leben, kontrollieren wir unsere Nahrungsaufnahme sehr stark. Wir kontrollieren wann, was und wieviel wir essen. Wir haben verlernt, dies über unseren Körper steuern zu lassen, sondern regeln dies nach Tabellen und Vorschriften, geregelt durch unseren Kopf. Von Zeit zu Zeit schlägt unser Körper zurück, wir entwickeln „böse Gelüste“, bei dem einen nur nach einem Stück Schokolade, bei anderen kann es zu ganzen Fressattacken kommen.

Essstörungen

Die Grenzen zwischen unserem Lebensstil und den verschiedensten Essstörungen sind fließend. Geprägt von frühen Diäten oder zumindest vom Entzug von „bösen Lebensmitteln“ entwickelt sich schnell ein kontrolliertes Essverhalten. Wenn sich die Gedanken dann nur noch ums Essen drehen, dann liegt irgendwann eine Essstörung vor. Und diese können natürlich auch dick machen. Genauso wie Diäten, die fast unweigerlich bei dicken Menschen eine Essstörung begleiten bzw. der erste Auslöser der Essstörung überhaupt waren. Diäten machen dick!

WissenschaftlerInnen haben herausgefunden, dass der Körper nach jeder Diät weniger Kalorien als vorher verbraucht, um sein Gewicht zu halten. Das Gewicht des Menschen stabilisiert sich häufig nach einer Diät an einem höheren Punkt als es vor der Diät war, selbst wenn sich die Person in angemessener Weise ernährt. Dies ist der Weg des Körpers, sich für die nächste „Hungersnot“ zu wappnen. Mit diesem Wissen verwundert es nicht weiter, dass 98% aller, die Diäten machen, innerhalb der nächsten fünf Jahre nach Beendigung der Diät das verlorene Gewicht wieder zunehmen.

Die Tücken der Diäten

In unserer Gesellschaft dominierten und dominieren auch heute noch bestimmte Schönheitsideale. Diese werden besonders auf den weiblichen Körper angewendet. Und – im Vergleich zur vorletzten Jahrhundertwende beispielsweise wird das weibliche Schönheitsideal immer dünner. Modells, die uns heute Mode präsentieren, sind unnatürlich dünn, viele von ihnen leiden unter Magersucht. Aber – und das ist das Schlimme – die Bilder dieser Ikonen setzen sich in unseren Köpfen fest und wir versuchen, mit Diäten und Selbstbeherrschung auch diesem Schönheitsideal zu entsprechen. Um unseren Körper dem herrschenden Schönheitsideal anzupassen, wenden die meisten von uns die vordergründige, schnellste und effektivste Maßnahme an – sie reduzieren die Nahrungsaufnahme und machen eine Diät.

Diäten funktionieren aber nicht! Der einfachste Beweis sind die vielen dicken Menschen, die es gibt. In der westlich industrialisierten Welt wird ein hoher Druck gegenüber dicken Menschen ausgeübt. Er ist so hoch, dass viele dicke Menschen meinen, kein glückliches Leben führen zu können, und dies stimmt für sie ja wahrscheinlich auch subjektiv. Dennoch nehmen sie nicht ab, sondern bleiben dick. Das kann einfach nicht an ihrer fehlenden Willensstärke liegen, denn dicke Menschen bringen enorm viel Willen auf, um dem Leidensdruck, der auf sie ausgeübt wird, zu entrinnen.

Individuell mag ich glauben, dass Diäten funktionieren und nur ich versagt habe, wenn ich nur mich selbst betrachte und mich mit den glamorösen Anzeigen in Frauenzeitschriften vergleiche, in welchen von erfolgreichen Diäten und glücklichen schlanken Frauen berichtet wird. Wenn ich mich aber damit auseinandersetze, wieviel andere dicke Frauen dieses Ziel nicht erreichen, dann muss ich mich fragen, wie es kommen kann, dass es so viele Versagerinnen geben soll. Das kann nicht stimmen. Und es stimmt auch nicht. Auf einen Zeitraum von fünf Jahren gesehen, sind maximal fünf Prozent aller Diäten erfolgreich. Die restlichen 95 Prozent der versuchten Gewichtsreduktionen sind auf diesen längeren Zeitraum gesehen gescheitert.

Was sind Diäten?

VenusDiäten sind grundsätzlich erstmal nur „Nahrungspläne“, in unserem Zusammenhang sind Diäten aber grundsätzlich als Diäten zur Gewichtsreduktion zu verstehen. Die Nahrungsaufnahme wird entsprechend reduziert, je nach Diät werden bestimmte Lebensmittel ausgetauscht oder die gesamte Nahrungsaufnahme verringert. Außerdem kann die erwünschte Gewichtsreduktion durch zahlreiche Mittel ersetzt oder ergänzt werden. Diäten werden meist für einen bestimmten Zeitraum geplant, bis es zu der gewünschten und versprochenen Gewichtsreduktion gekommen ist. Bisher gibt es aber kein Mittel oder Rezept, das Gewicht niedrig zu halten, wenn man wieder zu einer normalen Ernährung über geht. Selbst beim jahrelangen Diäthalten kommt es bei vielen Menschen wieder zu einer Gewichtszunahme.

Diäten gibt es zahlreiche, die meisten dicken Menschen haben jahrelang Diäten ausprobiert und dabei eins auf jeden Fall erreicht – sie haben ihren eigenen Stoffwechsel mindestens aus der Ordnung gebracht, wenn sie ihn nicht in gänzliche Unordnung gebracht haben.

Gestörtes Essverhalten durch Diäten

Diäten verursachen durch die künstliche Steuerung der Nahrungsaufnahme oft sehr starke Probleme im Essverhalten. Nach einem kurzen oder längeren Zeitraum der „Beherrschung und Disziplin“ entwickelt sich Heißhunger auf „verbotene Nahrung“ und im Zweifel auch Fressanfälle, die bis zu einer Esssucht führen können. Die Erkenntnisse über diese Probleme sind eigentlich nicht neu.

Ein Feldversuch gab darüber schon 1944 Auskunft. Am Ende des zweiten Weltkrieges, als in Europa und vielen anderen Teilen der Welt die Nahrung knapp war, wollte man genauer wissen, welche Folgen das Hungern hat. 1944 nahmen 36 junge, gesunde Männer in Minnesota (USA), statt in den Krieg zu ziehen, an einem Experiment teil. Für drei Monate erhielten sie eine normale, sättigende Kost. Dann folgte eine sechsmonatige Hungerphase, in der ihre Ration halbiert wurde. Anschließend gab es noch einmal drei Monate lang ausreichend zu essen. Die Studie ließ damals schon erahnen, welche Probleme später durch die Diäten auf uns zukommen würden. Denn sie zeigte, dass Kalorienrechnen keinen Sinn hat, da der Körper versucht, dem drohenden Gewichtsverlust entgegenzuwirken. So kam es, dass die Versuchspersonen im Durchschnitt nur etwa halb soviel abnahmen, wie rein rechnerisch aufgrund der „Kalorieneinsparung“ zu erwarten gewesen wäre. Es lag daran, dass ihr Grundumsatz bis zu 40 Prozent reduziert war, und dass sie ihre körperlichen Aktivitäten verringert hatten. Aber auch die Essgewohnheiten der Teilnehmer veränderten sich: Sie sprachen ständig übers Essen, das zum zentralen Lebensinhalt wurde. Sie litten unter Konzentrationsstörungen, ihr sexuelles Interesse sank, Depressionen und Stimmungsschwankungen peinigten sie – alles Dinge, die wir heute von Diätengeschädigten kennen. Die Sättigungsregulation der „Testhungerer“ war gestört, zum Teil so nachhaltig, dass die Probleme auch nach Versuchsende nicht verschwanden. Es kam zu Heißhungeranfällen, es fiel ihnen schwer, mit dem Essen aufzuhören, das Sättigungsempfinden war geschwächt und trat nur zögernd ein.

Obwohl mit diesem Experiment schon früh erkannt wurde, dass sich das Gewicht eben nicht einfach durch Kalorienzählen regulieren lässt, hat sich diese Erkenntnis leider nicht durchgesetzt, sondern wurde fast komplett verschwiegen.

Was kontrolliert das Gewicht?

Unser natürliches Gewicht wird überwiegend durch unsere Gene bestimmt. Zahlreiche Studien haben versucht nachzuweisen, dass dicke Menschen mehr und anders als dünne Menschen essen. Alle sind sie gescheitert. Einige wiesen statt dessen nach, dass Dicke weniger essen als Dünne.

Eines der größten Probleme mit Diäten ist die Annahme, dass das Gewicht im Magen bestimmt wird. Unsere Verdauung wird aber, wie die meisten Köperfunktionen, durch unser Gehirn gesteuert, durch den Hypothalamus. Im Gehirn wird der sogenannte Gewichts-Setpoint reguliert. Wie ein Thermostat variiert unser Gewicht leicht, je nach äußeren Einflüssen, wie Temperatur, Nahrungsmenge und -qualität sowie Bewegung. Dennoch gilt dies höchstens für 10 – 15 Prozent des Gewichts eines Menschen. So kann das Gewicht eines Menschen eben auch nur zwischen fünf und zehn Kilo Gewichtsab- und -zunahme natürlich pendeln, wenn das Essverhalten nicht grundlegend gesteuert ist.

Je mehr man die Biologie der Gewichtsreduktion versteht, desto mehr sieht man, ungeachtet des Gewichts, Diäthaltende gegen den natürlichen Widerstand ihres Körpers ankämpfen. Gewichtsverluste zu erreichen ist kurzfristig relativ leicht, aber diesen Verlust aufrechterhalten, ist sehr schwierig. In den meisten Fällen gehen wir antibiologisch vor. Körpergewicht wird durch den Stoffwechsel reguliert, ebenso wie viele andere biologische Prozesse (z. B. Körpertemperatur, Herzrhytmus und Blutdruck). Innerhalb einer gewissen Grenze geht der Körper bemerkenswert weit, um ein Gleichgewicht oder einen Ausgleich zu erhalten. In Bezug auf das Gewicht gilt für dieses Gleichgewicht eben der Set-Point des Körpers. Wenn das Körpergewicht sich reduziert, wird der Stoffwechsel verlangsamt, so dass weniger Kalorien verbraucht werden, um das niedrigere Gewicht zu halten und nicht noch mehr zu verlieren. Zusätzlich zu diesen körperlichen Veränderungen, mit denen der Körper versucht, das Ungleichgewicht, das durch den Gewichtsverlust ausgelöst wurde, zu verbessern, verstärkt sich auf natürliche Art die vorrangige gedankliche Beschäftigung des Diäthaltenden mit Nahrung und Hunger. Dies ist ebenfalls ein Teil der Bemühungen des Systems, das Gleichgewicht zu erhalten. Viele Menschen fragen: „Warum sollte ich nicht fähig sein, abzunehmen, wo ich doch mehr wiege als der Durchschnitt“? Die Antwort ist einfach, aber völlig unvereinbar mit der Propoganda der Diätindustrie (und leider auch mancher Gesundheitsexperten): Das Körpergewicht kämpft gegen eine Abweichung von seinem bevorzugten Level; und dieser Prozess wirkt sich bei dicken Menschen genauso aus wie bei dünnen Menschen. Aufgrund genetischer Bestimmung werden manche Menschen dick und andere bleiben dünn. Dick ist dabei nicht die schlechteste Disposition. Für Tausende von Jahren der menschlichen Evolution wurden die Gene jener selektiert, die dazu bestimmt waren, dick zu sein (das heißt, die, die ihre Kalorien wirkungsvoller nutzten), da diese Menschen fähig waren, während Nahrungsmittelknappheiten zu überleben. Von Natur aus dünne Menschen starben einfach öfter angesichts der existierenden Hungersnöte. Jene, die ihr Gewicht auch mit weniger Nahrung beibehielten, überlebten.

Der Jo-Jo-Effekt

Neben dem Misserfolg von Diäten haben diese noch weitere ungewünschte Konsequenzen. Der sogenannte Jo-Jo-Effekt bringt den Körper dazu, Kalorien noch wirkungsvoller zu nutzen, so dass er noch leichter zu- und noch schwieriger abnimmt. Der Jo-Jo-Effekt entsteht durch wiederholte Kreisläufe der Gewichtsabnahme und -zunahme. So können diese Kreisläufe durch einen veränderten Stoffwechsel zu einer langfristigen Zunahme an Gewicht führen.

Zu guter Letzt: Diäthalten ist kein zuträglicher Prozess. Die Gewichtszunahme, die unvermeidlich folgt, wird begleitet von einer Wiederkehr und sogar einer Verschlechterung der Faktoren von Gesundheitsrisiken, wie z. B. Bluthochdruck und erhöhte Blutwerte. Diätenhalten und Gewichtsverlust können negative psychologische Auswirkungen haben, einschließlichDepressionen, Sorgen, Gereiztheit und soziale Zurückgezogenheit. Und anfänglicher Erfolg beim Gewichtsverlust gefolgt von dem nahezu sicheren langfristigen Versagen (welches gewöhnlich fälschlicherweise auf die persönliche Schwäche geschoben wird) hat einen tiefen negativen Einfluss auf das Selbstwertgefühl. Wenn dies alles richtig ist, dann ist die Diskriminierung, die dicke Menschen erleben, absolut ungerechtfertigt, und die Behandlungsempfehlungen, reichlich empfohlen von Gesundheitsexperten und der gewinnstrebenden Diätindustrie, sind Schlangengift der schlimmsten Art.

Weiterlesen in: Gisela Enders: „Dick das Leben leben. Für Frauen, die Frieden mit ihrem Körper schließen wollen.“ Eigenverlag, ISBN 3-8311-0893-5

Autorin: Gisela Enders
Redakteurin: Astrid Wehmeyer
Eingestellt am: 13.02.2007

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