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Rubrik heilen

Die körperlose Schwere des Seins

Von Silke Teuerle

Ein Sinn der Mager-Sehnsucht

Magersucht2Irgendwann habe ich mich mal der Illusion des Nichts hingegeben. Damals wusste ich noch nicht, dass es eine Illusion ist. Für mich war es da noch eine klare Sehnsucht. Eine tiefe Sehnsucht. Ich glaubte, dass ich Ich sein würde, wenn mein Körper ganz wenig wäre, so wenig, bis er beinah nicht mehr da wäre. Dass ich dann ganz nah dran wäre am Nichts. Am Nicht-Sein. Ich dachte auch, wenn ich sterben würde, wäre ich ganz nah dran, obwohl ich niemals tot sein wollte. Aber diese Todessehnsüchte selbst waren schon ganz nah dran, als ob ich mich in dem Moment vom Leben gelöst hätte. Vom körperlichen Leben. Als ob ich in dieser Sehnsucht ewig schweben könnte zwischen dem Sein und dem Nichts. Aber das ging nicht. Ich konnte nicht ewig schweben. Ich musste meinem Körper Wasser geben, mit ihm zur Toilette gehen. Er wollte immer, dass ich mich um ihn kümmere, und wenn es nur das Allernötigste war.

Hungernde Körper sind auch beim Schweben extrem da. Sie knurren. Sie schwächeln. Sie tun beim Sitzen, Liegen, Stehen weh. Alles wird zu lang und unproportional, die Körper passen nicht mehr, wie sie das mal taten. Sie verändern sich, da wächst komischer Flaum auf der Haut, die Haare werden dünner, alles wird eben dünner und anders und schreit nach Aufmerksamkeit. Nach meiner und nach der der anderen. Hungernde Körper sind entsetzlich da und gar nicht Nichts. Ich hätte wirklich tot sein müssen, um nicht zu sein. Ich hätte meinen Körper lebend niemals so reduzieren können, dass ich Ich gewesen wäre ohne zu sein.

Also habe ich es wieder gelassen. Natürlich nicht so einfach wie es klingt. Ich habe etwa zwölf Jahre gebraucht, um es wieder zu lassen. Das Hungern zu lassen. Das Sehnen nach dem Nichts ist noch immer da, obwohl ich weiß, dass es eine Illusion ist. Ich mag es sogar gerade als eine Illusion. Illusionen sind Träume. Und Träume können der Motor für wieder andere Sehnsüchte sein, Sehnsüchte, die keine Illusionen sondern realisierbar sind.

Viel verändert hat sich seitdem also nicht. Ich habe noch dieselben Vorlieben, dieselben Fragen, dieselbe Wut. Ich denke nicht mehr von morgens bis abends an Essen und nicht-essen, aber daran, woran ich auch schon als Mager-Sehnsüchtige dachte: Wie ungerecht die Welt ist. Wie schön und schwierig Beziehungen sind. Und wie merkwürdig es sich mit Körpern verhält. Ich wiege natürlich mehr, bin konstruktiver, nicht mehr so verbissen, ich schlafe besser. Ich bin, denke ich, ein angenehmerer Mensch, jetzt, wo ich sozusagen in Ordnung bin. Sozusagen, denn ‚in Ordnung‘ war ich als ich kontrollierte. Jetzt bin ich ‚in Chaos‘. Aber es geht mir gut, wenn ich in Chaos bin, obwohl mir mein Durcheinander regelmäßig über den Kopf wächst, aber auch das hat was, wächst es doch über etwas hinaus, das nur ein Kopf und also nicht ein Ganzes ist.

Es hat sich noch nicht einmal das verändert, was am Anfang stand: Meine Irritation darüber, dass je erwachsener wir werden, desto mehr mit Körpern anstatt mit Personen Kontakt gemacht wird. Denn das passierte, als mir plötzlich ein Busen wuchs: Die Jungs, mit denen ich plattbrüstig noch lange Fußball und Tischtennis gespielt hatte, sahen mich plötzlich anders. Und meine bis dahin wir-Mädchen-ohne-Busen-verbündete beste Freundin stritt sich plötzlich mit mir über diese Jungs. Alles wurde anders als sich unsere Körper veränderten. Ich wurde überhaupt erst zum Körper und war nicht länger Ich. Die Hölle, das sind die anderen, hat Sartre in seinem Theaterstück Geschlossene Gesellschaft geschrieben. Ich wurde mein Körper nicht, weil er oder ich das gewünscht hätten, sondern die anderen.

Dabei machen Körper ja durchaus Sinn. Mein Körper ist das Bindeglied zwischen mir und der Welt. Ich benutze seine Sprache, um etwas zu verdeutlichen und ich sehe an der Haltung anderer, ob sie das Gesagte gut oder böse meinen. Körperlosen E-Mails muss ich Erklärungen hinterher schicken, weil mein Ton missverstanden wurde. Ich kann mit meinem Körper sogar ganze Weltanschauungen ausdrücken: ich kann mir den Kopf rasieren, ausschließlich schwarze Klamotten tragen oder barfuß durch die Stadt schlendern. Und ich kann meinen Körper zur politischen Litfaßsäule machen, indem ich mir Friedenstauben aufs Revers meiner Jacke hefte oder T-Shirts trage, auf denen steht, dass ich Bush blöd finde.

Trotzdem mag ich es nicht, wenn mir hinterher gepfiffen wird und man meint, mir Komplimente über mein Aussehen machen zu müssen. Wenn man meint, dem Ausdruck verleihen zu müssen, was auch wortlos passiert: Ich werde zu ganz viel Etwas gemacht, zu nur sehr wenig Ich und überhaupt nicht zu Nichts. Jaja, sage ich, wenn ich zu hören kriege, ich sei so eine schöne Frau. Und denke: Aber was hat das mit mir zu tun? Nichts, glaube ich. Weswegen ich mich eben hin und wieder hemmungslos meinen Nichts-Illusionen hingebe. In einer so ausgesprochenen Bilderwelt, wie der unsrigen, ist dieses Bindeglied Körper nämlich zum Selbstzweck geworden. Was da ursprünglich mit der Welt verbunden werden sollte, interessiert herzlich wenig.

giaEs sind ja auch nicht irgendwelche Bilder, über die sich unsere Welt ausdrückt. Es sind Fotografien. Schnellbilder. Massenprodukt. Realitätsabbildungen, auch mit Photo Shop, da wird Manipulation halt als Realität verkauft. Es könnte bloß meine subjektive Wahrnehmung sein, könnte aber auch einfach stimmen: Fotografie ist Inszenierung, Malerei fühlt sich authentischer an. Vielleicht, weil sie in ihren Ursprüngen eng verbunden war mit Spiritualität. Ich denke da zum Beispiel an die Höhlenmalereien alter Kulturen und natürlich an Gemälde in Tempeln und Kirchen. Wenn ich im Museum „Alte Sammlung“ sehe, weiß ich, dass ich mir dort Szenen aus der Bibel anschauen kann.

Ich habe Kunst allgemein immer als eine Brücke erlebt, sowohl im Kunst machen als auch im Kunst erleben, egal ob Malerei, Musik, Schrift, eine Brücke zwischen meiner Seele, diesem authentischen, unausgedrückten Ich und der Welt. Ich erinnere mich, wie ich als klapperdürres Ding in Wien war und mir Werke von Egon Schiele angesehen habe. Da gibt es zum Beispiel dieses Gemälde, „Tod und Mädchen“, auf dem ein hässlicher, dunkler Mann als der Tod eine Frau hält. Das hat mich ganz atemlos gemacht. Auf einen Schlag hatte ich meine Magersucht, mein Sehnen verstanden, ohne sie wirklich konkret zu verstehen, und konnte mein Sehnen auch erleben ohne Angst: In einer warmen Umarmung mit dem Tod nicht als konkreter Tod, sondern als Bild des Nichts, als Ort, an dem ich mein Sein nicht sein muss, sondern ein authentisches, unausgedrücktes, nicht reflektiertes Ich bin.

Das macht Kunst mit mir: Sie verbindet mich mit Menschen, Künstlern und Künstlerinnen, die etwas Ähnliches empfunden haben müssen, es ist Vernetzung, ohne dass wir voneinander wissen und auf einer Ebene, die zeitlos, nicht greifbar und auch nicht ohne weiteres lebbar ist, es ist aber genau diese Ebene, die mir fehlt und weswegen ich zu Kompensationsverhalten greife, wie zum Beispiel Hungern. Hungern macht aus meinem Körper diese Brücke, die auch Kunst schlägt, macht aus ihm ein Werk wie die späteren Bronzeskulpturen von Alberto Giacometti: lang und dünn, abstrakt.

Die Kunst wurde abstrakt als die Fotografie erfunden wurde. Die erste fotografische Abbildung war 1816 entstanden. Wirklich bekannt wurde die Fotografie 1839, als die Daguerreotype-Kamera vorgestellt wurde, benannt nach ihrem Erfinder. Wirklich populär wurde dieses Medium als 1891 Filmrollen auf den Markt kamen und die umständlichen Platten ablösten. Genau dazwischen machte sich der Impressionismus ans Werk, zwischen 1860 und 1880 nämlich, wobei die Farben nur noch mit kurzen, komma-ähnlichen Strichen auf die Leinwand gesetzt wurden. Sie wurden auch erst auf der Leinwand vermischt. Das ergab keine klaren Abbilder mehr wie vorher in der Alten Malerei, sondern eher verschwommene Eindrücke. Auf den Impressionismus folgte der Fauvismus, später tauchten der Kubismus auf, der Expressionismus, es wurde abstrakter und abstrakter, Schiele, Picasso, Kandinsky, …

Zufall? Glaube ich nicht. In der Entwicklung von Kultur gibt es keine Zufälle. Diese Entwicklungen werden durch zufällige Erfindungen in die Gänge gebracht, dann aber machen sie Sinn. Als die Fotografie sich in unsere Gesellschaft mischte, verspürte die Kunst das Bedürfnis, sich dem Konkreten zu entziehen, so wie ich das Bedürfnis verspürte, meinen Körper dem Konkreten zu entziehen, nicht dem Foto, nicht dem Abbild, sondern dem Blick, der alles in Relation zu Bildern sieht, zu Abgebildetem und vor allem Festgehaltenem.

Und warum? Weil das Abstrakte mehr mit meiner Seele zu tun hat als das Konkrete. Weil die Winnetou -Weisheit, dass Fotos dem Menschen die Seele rauben, vielleicht stimmt. Weil Seelen sich nicht festhalten und in ein Viereck von 9×13 cm pressen lassen. Weil meine Seele soviel mehr ist als ein Blick, der dieses Format gewöhnt ist, fassen kann. Weil meine Seele im Nichts so abstrakt sein kann, wie sie nur will, weil sie da eben vollkommen sein kann, wer sie ist. Und weil ich meine Seele bin, nicht festzuhalten und soviel mehr als das Konkrete fassen könnte. Weil ich nicht verwechselt werden möchte mit dem Konkreten, mit meinem Körper. Weil ich möchte, dass mein Körper als das gesehen wird, was er ist: ein biologisch wunderbar faszinierendes Etwas, über dessen Sinne ich meine Seele füttern kann und das es möglich macht, diese in die Welt zu tragen.

Deshalb auch ist das Nichts eine Illusion. Als Nichts könnte mein Körper eben auch nichts. Ich könnte nicht fühlen, nicht sehen, nicht denken, nicht schreiben. Ein authentisches Ich ist nur möglich außerhalb der Reflektion, die aber brauche ich, um mir meines Ich bewusst zu sein. Es bringt mir nichts, wenn mein Ich authentisch und unausgedrückt ist, denn dann merke ich nichts davon. Trotzdem fröne ich ab und zu immer noch dieser Illusion. Wenn es mich mal wieder nervt, dass sich zu schnell ein Bild gemacht wird. Nicht nur von mir. Bei allem: Schnellschlüsse, Massenprodukte, pure Realitätsabbildungen. Wenn nicht weiter geguckt wird als die eigene Nase lang ist. Wenn nur geglaubt wird und besprechbar ist, was sichtbar ist. Wenn mich mein Sein in dieser konkreten, ungerechten Welt mit ihren Hunger-Nöten anstrengt und ich mich verflüchtigen möchte, zerfließen, mich vermischen mit den anderen, die ähnlich empfinden. Zeitlos, nicht greifbar und auch nicht wirklich lebbar. Dann träume ich vom Nichts, sehne mich nach anderen Zuständen. Und wenn ich wieder Mut habe, dann gucke ich auch wieder, sehe ich, fühle ich und füttre meine Seele. Dann denke und schreibe ich, baue ich Brücken mit meinem Viereinhalb-Finger-Tippsystem von meinem Ich aus bis in die Welt.

Autorin: Silke Teuerle
Redakteurin: Silke Teuerle
Eingestellt am: 18.02.2007

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