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Rubrik erzählen

Dzammilas Vorbild

Von Safeta Obhodjas

Eine Erzählung

Good Girls Only

Bild: Kerstin Lichtblau

Als ich an diesem Morgen den Raum betrat, in dem ich die Lesung für die Oberstufe des Geschwister – Scholl – Gymnasiums halten sollte, fiel mir sofort ein bekanntes Gesicht auf. Wer hätte die dunklen, leuchtenden Augen meiner Nachbarin Dzammila übersehen können? Diese unerwartete Begegnung war für keine von uns beiden angenehm. Wir kannten uns gut, obwohl wir bis zu diesem Moment kaum einige Sätze miteinander gewechselt hatten. Unsere Gärten in der Wiesenstraße waren nur durch einen niedrigen Zaun voneinander getrennt. Die spärlichen Büsche und Blumenbeete, die dort wuchsen, konnten nicht verhindern, dass wir uns gegenseitig beobachteten und kennen lernten.

So sah ich jeden Tag, wie Dzammila im Garten oder auf der Terrasse mit ihren jüngeren Geschwistern spielte, wie die Kleinen lärmten und herumtobten und sich, sobald ihr Vater von der Arbeit nach Hause zurückkam, in ruhige, brave Kinder verwandelten, obwohl er seine Stimme nie erhob. Ich sah, wie sich eine Freundschaft zwischen Dzammila und einem Nachbarjungen entwickelte, wie sie CDs und Videokassetten austauschten, bis sie von ihrem älteren Bruder erwischt und geohrfeigt wurde. Auch Dzammilas Mutter mischte sich ein. Laut und kreischend. Ich konnte ihre Sprache zwar nicht verstehen, erriet aber leicht, was sie sagte. Es schien mir, dass diese kleine Frau eine gute Hüterin ihrer Tradition war und versuchte, Dzammila die Tugenden einer gehorsamen Tochter beizubringen. Ich war sicher, es handelte sich um die gleichen Befehle, die ich einst von meiner Nana (Großmutter) und manchmal auch von meiner Mutter gehört hatte: „Mädchen, Schande über dich, dein Rock ist zu kurz! Schnell, zieh einen anderen an, bevor dein Vater kommt! Dzammila, wo sind deine Geschwister? Hab‘ ich dir nicht gesagt, du sollst auf sie aufpassen? Wenn sie wieder was getan haben, wirst du dafür büßen! Hab‘ ich dir nicht gesagt, nach der Schule sofort nach Hause zu kommen?“

Die Stimmung in der Nachbarsfamilie erinnerte mich an meine eigene Kindheit, die sich weit weg von hier, in einem bosnischen Provinznest, abgespielt hat. Und doch schien mir, im Vergleich mit meiner jetzigen Situation, meine Kindheit wie eine einzige sonnige Oase. Um meine Kriegserlebnisse und die Realität einer Flüchtlingsexistenz in einem fremden Land zu verdrängen, fing ich an, meine Kindheitserinnerungen als Grundlage neuer Erzählungen zu benutzen. Zuerst schrieb ich eine Geschichte mit dem Titel „Der Preis“ und war sehr zufrieden damit, wie ich die widersprüchlichen Seiten des Charakters meines Vaters dargestellt hatte.  Dadurch vergab ich ihm alles, was mich früher verletzt hatte. Meine neu entdeckte Kindheit gab mir Kraft, die Herausforderungen der Fremde zu bewältigen.

Ich hätte damit meine Seele fast heilen können, wenn mein Mann nicht darauf bestanden hätte, psychisch im Krieg und auf der Flucht zu verweilen. Das war eine Zeit schrecklicher Auseinandersetzungen zwischen uns. Nur taube Ohren in unserer Nachbarschaft hätten diese Streitereien überhören können. Um seinen nicht enden wollenden Analysen der Situation auf dem Balkan zu entkommen, pflegte ich während des Sommers im Garten an einem Tisch unter einem Pflaumenbaum zu arbeiten. Doch in der Wohnung wurde es ihm bald zu eng. Er konnte es nicht lange allein dort aushalten und kam dauernd zu mir hinaus, mit immer neuen Erklärungen, warum der Krieg ausgebrochen und wer schuld daran sei. Er tat so, als ob wir in einem Wartezimmer lebten und unser Leiden niemals vergessen dürften. Er merkte gar nicht, wie unsere Beziehung daran langsam zerbrach.

Ich musste den Abstand zu ihm gewinnen und baute aus meinen Büchern, aus meinem Schreiben und Lesen eine Schutzwand um mich auf. In dieser kleinen Nische versuchte ich, eine neue Sprache und eine neue Kultur kennenzulernen. Es ärgerte ihn, dass ich eine Beschäftigung nur für mich fand und im Exil geistig weiter existierte. Dadurch sank unser gegenseitiger Respekt auf den Nullpunkt und noch tiefer, bis uns klar wurde, dass ein Zusammenleben nicht mehr möglich war. Unseren letzen Streit hörten Dzammila und ihre Mutter in ihrem Garten mit.

Ich arbeitete unter dem Baum, als er zu mir kam, fest entschlossen, das Ende unserer Ehe als Sieger zu erreichen. Er beschuldigte mich, kein Verständnis für ihn und sein Leid zu haben. „Ich bin auch nicht verschont geblieben, ich habe auch alles verloren“, sagte ich und steckte meine Nase tiefer in ein Buch, um mich vor ihm zu verstecken. Plötzlich flogen meine Bücher, Hefte und Papiere quer durch den Garten. „Hör auf, deine Stärke vor mir zu demonstrieren! Was meinst du, wer du bist?! Für mich bist du nur eine eingebildete, hochnäsige, kaltherzige Zicke, die nur Einsamkeit verdient“, schrie er mich an, bleich vor Wut. „Dann geh‘ doch endlich“, – meine Stimme war schrill – „lieber Einsamkeit als mit dir begraben zu sein. Du lebst nicht mehr, du vegetierst nur. Und zwingst mich, geistig zu sterben! Deine einzige Freude ist es, mich seelisch zu quälen!“

Ich war froh, dass Dzammila und ihre Mutter, die in ihrem Garten saßen, uns nicht verstehen konnten. Nachdem mein Mann in unsere Heimat zurückgekehrt war, fand ich ein neues Betätigungsfeld. Ich arbeitete an Projekten interkultureller Vereine mit, die sich mit der Situation der Migrantinnen in Deutschland befassten. Dort wurde ich oft als ein Vorbild dargestellt und eingeladen, Lesungen zu machen. Die Organisatorinnen und Moderatorinnen fanden immer sehr nette Formulierungen für mein feministisches Engagement. „Eine Frau, die in einer traditionell – islamischen Familie geboren wurde und aufwuchs und es später wagte, ihren eigenen Weg zu gehen. Eine Schriftstellerin, die den Mut hatte, die Gesellschaft aus der Sicht einer Frau darzustellen…“ – Diese schmeichelhaften Worte waren Balsam auf meine Wunden, ich vergaß dabei, wie sehr ich meinen Mann vermisste und wie mich die Einsamkeit in der letzen Zeit quälte. Jetzt war ich überzeugt, dass meine Arbeit einen Sinn hatte.

Der Auftrag, einen Vortrag über die Situation der Frauen im Exil zu halten, führte mich an diesem Morgen in Dzammilas Klasse. Die Schulleiterin, die mich eingeladen hatte, stellte mich mit Emphase den Schülern und Schülerinnen vor und bat mich, meine Erzählung „Der Preis“, die sie schon kannte, vorzulesen. Sie war neugierig, fragte mich, ob ich meine eigenen Erlebnisse in meine Literatur hätte einfließen lassen. „Nur ein wenig“, sagte ich lächelnd. Während ich vorlas und meine Wege zwischen den Kulturen offenbarte, verfolgten mich Dzamilas Augen mit angespannter Aufmerksamkeit.

„Mädchen, verstehe mich nicht falsch“, dachte ich und betonte, dass mein Vater mir trotz seines patriarchalischen Benehmens eine glückliche Kindheit ermöglicht hatte. Als die Lesung zu Ende war, spürte ich sofort, dass sich die Schulleiterin mir gegenüber ganz plötzlich kalt und distanziert benahm. Ich konnte ihre Unzufriedenheit aus ihren versteinerten Gesichtszügen ablesen. Es war mir klar, dass ich ihre Erwartungen nicht erfüllt hatte.

Good Girls Only 2

Bild: Kerstin Lichtblau

Während wir in ihrem Büro Kaffe tranken, herrschte zwischen uns ein unangenehmes Schweigen. Ich fragte mich, ob es an meinem Deutsch gelegen hätte. Sie bemerkte meine Verlegenheit und bemühte sich, freundlicher zu wirken. „Wissen Sie, Sie haben unsere Sprache wirklich gut gelernt. Alle Achtung“, sagte sie. „Danke, aber ich habe offensichtlich etwas falsch gemacht.“ Meine Verlegenheit wurde durch meine Neugier verdrängt. Ihr Gesicht bekam einen etwas milderen Ausdruck.

„Sie haben…. Sie haben nicht genug betont, dass Sie sich von Ihrer Familie distanziert haben. Die Mädchen müssen deutlich hören, dass Sie in Ihrem Kampf gegen die Tradition gesiegt haben. Sie haben sicher noch mehr Lesungen in Schulen. Ich werde Ihnen einige Tipps geben, bei Ihrem nächsten Auftritt…“.

„Entschuldigen Sie!“ Ich versuchte, ihre Worte zu verdauen. „Wer hat gesagt, dass ich mich von meiner Familie, von meinen Wurzeln, distanzieren möchte?!“ „Sehen Sie, Sie haben Ihre eigene Emanzipation nicht im Griff!“ „Kein Wunder, ich habe ja nichts mehr im Griff, mein eigenes Leben kommt mir fremd vor.“ Mit Humor versuchte ich, unser Missverständnis zu überspielen. „Nein, nein, verstehen Sie mich nicht falsch, aber wie können Sie zu einer Familie stehen, zu einer islamischen Familie, die Sie in Ihrer Kindheit so schlecht behandelt hat? Das haben Sie doch selber beschrieben!“

„Sie haben das falsch verstanden. Ich habe beschrieben, wie ich die Hürden der Tradition mit der Hilfe meiner Familie beseitigt habe. Ja, mein Vater war sehr patriarchalisch, er hat sich manchmal wie ein Despot aufgeführt. Das hatte nichts mit Religion zu tun, er glaubte nicht an Gott. Er hat uns trotzdem viel gegeben. Er arbeitete sehr hart im Wald und auf unseren Feldern, um uns ernähren und in die Schule schicken zu können. In unserem Land herrschten schwere Zeiten. Ich war das erste Mädchen in meiner Familie, das die Schule besuchen durfte. Ich war das erste Mädchen in unserer Gemeinde, das einen Preis für Literatur gewonnen hat…“

„Aber ihr Vater wollte Sie verprügeln, als er von diesem Preis erfahren hat!“ „Das stimmt, aber nur deshalb, weil ich ihn nicht um Erlaubnis gefragt, sondern heimlich an dem Wettbewerb teilgenommen habe. Aber als meine Lehrerin ihm erklärte, dass er stolz auf seine Tochter sein soll, hat er nachgegeben. Ich habe meine Schulferien mit anderen Kindern am Meer verbracht und bin zum ersten Mal aus meine Dorf herausgekommen. Das war mein Preis. Der Preis für meine Geschichte. Mein Vater hat mir das nicht verboten.“

„Jetzt sprechen Sie wie Ihre alte Oma in der Geschichte. Ich habe eine selbstbewusste, entschlossene Frau erwartet…“ Eine halbe Stunde heftiger Diskussion führte zu nichts, wir verabschiedeten uns, ohne uns einig geworden zu sein. Ich vergaß sofort alle Tipps, die sie mir für meine nächsten Lesungen gegeben hatte.

An diesem Nachmittag saß ich einsam und unglücklich unter dem Pflaumenbaum in meinem Garten. Im Augenblick hasste ich meine Arbeit als Schriftstellerin, eine große Last lag auf meiner Seele. Wie konnte ich meine Kindheitserinnerungen auf diese Weise ausnutzen und sie so verraten? Nie mehr in meinem Leben habe ich solch ein Gefühl vollkommener Geborgenheit gehabt, wie damals, im Haus meines Vaters. In einem Haus, das es nicht mehr gibt, das im Krieg niedergebrannt wurde. Es gab keinen Platz mehr auf der Welt, an den ich zurückkehren konnte, keinen Menschen, den ich um Rat bitten konnte. Er hatte doch, auf seine Art und Weise, alles für uns getan.

Wütendes Geschrei aus dem Nachbargarten riss mich aus meinen Erinnerungen und meinem Selbstmitleid. Dzammilas Mutter und ihr älterer Bruder standen neben dem Zaun. Es vergingen einige Minuten, bis ich begriff, dass ihr Geschrei mir galt. „Sie sind die Frau, die unsere Familie ins Unglück gestürzt hat!“ übersetzte der Junge. Schlagartig wurde mir klar, dass dieser Auftritt etwas mit meiner Lesung in der Schule zu tun haben musste.

„Was habe ich Ihnen getan?“ Ich bemühte mich, ruhig zu bleiben. „Sie haben unsere Dzammila angestiftet, eine ungehorsame Tochter zu werden!“ „Warten Sie mal, ich habe mit Ihrer Tochter kein einziges Wort gewechselt“, schrie ich zurück und war schon auf dem Weg, in meine Wohnung zu verschwinden. Aber meine Neugier war stärker. Ich wollte wissen, was ich dieses Mal verbrochen hatte.

„Sie waren doch heute morgen in ihrer Klasse?“ Der Junge vermied es, mir während der Übersetzung in die Augen zu schauen. „Sie haben gesagt, dass Sie eine Muslimin sind, und trotzdem eine Frau, die ihre eigenen Entscheidungen trifft. Von Kindheit an! Ihr Vater war ein guter Mensch, Sie haben seine Würde und Ehre vor der ganzen Gemeinde zerstört. Sie sind gegangen, wohin Sie wollten, ohne Ihren Vater nach seiner Erlaubnis zu fragen. Meine Tochter sagte mir, unsere Nachbarin ist eine Muslimin und ihr Vorbild. Dzammila hat uns gedroht, von zu Hause wegzulaufen, wenn wir ihr nicht erlauben, an einer Klassenfahrt teilzunehmen. Sie sind eine böse Frau! Sie haben Ihren Mann weggejagt, wir konnten alle sehen, wie schlecht Sie ihn behandelt haben. Eine Muslimin kümmert sich um ihre Familie und ihr Zuhause. Und was tun Sie? Sie schreiben und lesen den ganzen Tag. Ihr armer Mann! Er hatte nichts zum Essen, jeden Tag hat er Sie gebeten, etwas Vernünftiges zu tun. Sagen Sie nie wieder, dass Sie eine Muslimin sind. Ich bin mir sicher, Sie werden aus dieser Wohnung ausziehen müssen, mein Mann wird nicht damit einverstanden sein, dass unsere Tochter jeden Tag so ein schlechtes Vorbild vor Augen hat!“

Als die kleine Frau ihre Wut an mir abgelassen hatte, drehte sie sich um. Der Junge stand immer noch da, er wollte mir noch etwas sagen. „Ich bitte Sie, unsere Situation zu verstehen. Wir haben hier niemanden, unsere Familie muss zusammenhalten“, sagte er mit gesenktem Kopf und so leise, dass ich ihn kaum verstehen konnte. „Mein Vater musste von Anfang an sehr hart arbeiten, um uns ernähren und in die Schule schicken zu können. Wir dürfen ihn nicht enttäuschen, meine Schwester darf nicht so wie diese westlichen Mädchen werden. Wir alle lieben Dzammila, wir wollen sie beschützen. Ohne den Schutz der Familie wäre sie hier verloren. Das wissen Sie doch.“

Während er redete, warf ich einen Blick auf das Haus, in dem sie wohnten. Am Fenster stand Dzammila. Sie lächelte mich an und winkte mir zu, bevor sie in der Dunkelheit ihres Zimmers verschwand.

Autorin: Safeta Obhodjas
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 11.02.2007

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