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Forum für Philosophie und Politik

Rubrik unterwegs

Nairobi-Tagebuch

Von Michaela Moser

Michaela Moser über das Weltsozialforum in Kenia

20. Jänner

Nairobi SettlementsZwei Stunden hab ich gebraucht, um aus dem Flughafen Nairobi rauszukommen (der Erwerb eines Visums am Flughafen ist doch weniger einfach als angekündigt bzw. wollten eben sehr viele Leute ein Visum). Auf der Fahrt ins Guesthouse dann gleich links vom Flughafen eine Herde Giraffen – wow! Super blauer Himmel, total schöne Bäume – ich bin fasziniert und beschließe, Nairobi sofort zu mögen.

Das Guesthouse gehört den 7-Tage-Adventisten, einer hier scheinbar recht verbreiteten religiösen Gruppe … säuselnde Jesus-Musik in der Rezeption, aber die Leute sind sehr freundlich, die Zimmer sind einfach, super sauber und sehr okay – und ich werd jetzt erst mal eine Runde schlafen.

Der Spät-Morgenschlaf wurde bald unterbrochen durch ein erstes Meeting mit der Gruppe, zu der ich hier eingeladen wurde und die von Dignity International gemeinsam mit Partnerorganisationen aus Nairobi organisiert wurde. Dignity ist eine kleine Menschenrechtsorganisation, die vor allem mit Organisationen auf Grassroot-Level arbeitet und mit Blick auf (vor allem) ökonomische, soziale und kulturelle Menschenrechte: www.dignityinternational.org

Den Rest der Woche werde ich also gemeinsam mit Frauen und Männern aus Mumbai, Bangkok, Sao Paolo und Malaysien verbringen – und mit Aye Aye von Dignity International, sowie den FreundInnen aus zwei lokalen Organisationen hier. Alle arbeiten (und leben teilweise auch) in Slums oder kommen von einer „Assembly of the Poor“ (Thailand) und versuchen die Situation vor allem im Hinblick auf Zugang zu „basic social services“ also Wohnen, Essen, Schule, Gesundheitsversorgung … zu verbessern. Neben Austausch und Workshopsangeboten am WSF soll es auch Überlegungen bezüglich Vorbereitungen einer „World Assembly of the Poor“ geben. Es ist wichtig, dass diese Verbindungen hergestellt werden und zum nächsten WSF sollte es uns gelingen, auch aus Europa Leute aus den Betroffenen-Projekten mitzubringen. Die „Armen“ Europas sind nämlich ziemlich unsichtbar – auch hier am WSF herrscht das globale Bild „armer Süden – reicher Norden“ – das natürlich nicht von ungefähr kommt. Trotzdem „stört“ es (mich jedenfalls), wenn zum Beispiel bei der Eröffnungsveranstaltung im teil „struggles of people“ aus Europa ein italienischer Alt68er spricht, der sich noch dazu dann für alle Untaten Europas „entschuldigt“, genauer gesagt „um Verzeihung bittet“. Das fand ich eher daneben. Erstens sind die kolonialen und post-kolonialen Verbrechen unentschuldbar – oder jedenfalls nicht im Rahmen so einer Rede – und zweitens finde ich es auch einen unpassenden Ausdruck dessen, was es natürlich an „geerbter“ und „aktueller“ Mitverantwortung und Mit“schuld“ gibt – aber auch in diesem Zusammenhang gibt es Besseres zu tun, als plakativ um Verzeihung zu bitten.

Überhaupt sind diese Eröffnungsreden – jedenfalls die von den WSF-Promis und „Gründern“ – eher mühsam und sehr vorhersehbar. Das liegt zum Teil in der Natur der Sache und sicher kann man manche Missstände nicht oft genug benennen… Naja – mir sind in jedem Fall die kleineren Workshops und Präsentationen von und Diskussionen mit diversen kleineren und größeren Gruppen, Organisationen, die zum Glück den Großteil des WSF-Programms ausmachen, lieber.

Ansonsten aber super Stimmung bei der Eröffnung – tolle Musik, viel Tanz mit den Leuten vom Nairobi Peoples‘ Settlements Network und viele spannende Gruppen (jedenfalls soweit man das aufgrund der Transparente sagen kann). Auffällig, dass auch etliche Gruppen aus Afrika dabei sind, die sich als „sexuelle Minderheiten“ outen: Sexual Minorities Uganda demand their rights – Kenia Gay and Lesbian groups speak out … das widerspricht den alten – und vor allem in entwicklungspolitischen Zusammenhängen verbreiteten Analysen – dass es im „Süden“ fast ausschließlich um ökonomische Fragen geht und sexuelle Rechte praktisch nicht vorkommen.

Abends gab es dann noch ein feines Welcome-Dinner – inklusive Kostprobe diverser kenianischer Biersorten – in einem Lokal namens West Down (oder so ähnlich) – natürlich wieder mit Lifemusik und Tanz und guter Stimmung.

Und jetzt die erste Nacht unterm Moskitonetz, das hier schön über unseren Betten hängt. Hab zwar noch keine einzige Mücke hier erspäht – aber sicher ist sicher und irgendwie fühlt es sich ja sogar ein bisschen himmelbettmäßig an unter diesem Netz.

21. Jänner

Weil die ersten Sessions am WSF schon um 8.30 Uhr anfangen und unsere Gruppe für eine davon verantwortlich ist, müssen wir schon schon um 7 Uhr los, offiziell jedenfalls, in der Realität wird?s dann eh 7.30, bis alle so weit sind. Die FreundInnen aus Thailand haben jede Menge landestypische Lebensmittel mitgebracht und bieten mir als Ergänzung zum Frühstück getrocknetes Schweinefleisch (in Pulverform) und ein bisschen frische Chillisauße und auch Nescafé an (der sei besser als der Instantkaffee, den es in unserem Guesthaus gibt) – aber essensmäßig bleib ich – obwohl durchaus experimentierfreudig – vorerst mal bei meinem Toast mit Peanutbutter.

Dann zum WSF – wo viele Leute aus vielen Ländern noch ein wenig orientierungslos herumirren – auf der Suche nach Zelten, Workshops, Informationen …

Wir finden unser Zelt und unsere Session ist vermutlich die erste des gesamten WSF – denn wir starten ziemlich pünktlich um 8.30h und es geht um „housing“ und „eviction“ also in erster Linie um die Lebenssituation von den Menschen in den informellen Settlements von Nairobi (die ihre Ort nicht mehr Slums genannt haben wollen – „denn in Slums leben nur Tiere“) und um die Erfahrung von brutalen Räumungen dieser Siedlungen, weil das Land als Baugrund gebraucht wird, lokale PolitikerInnen korrupt sind und die Bauindustrie da natürlich mehr zu bieten hat …. Seit einiger Zeit gibt es allerdings Selbstorganisation in den Siedlungen und seit einem Jahr versucht das Nairobi People’s Settlements Network, die verschiedenen Gruppen und Initiativen zu vernetzen, um mehr politischen Einfluss zu gewinnen. Mehrere Frauen und Männer aus verschiedenen informellen Siedlungen haben von ihrer Situation erzählt und von ihren Kämpfen für Verbesserungen – vor allem der sanitären Situation (Stichwort: Flying Toilets = Plastiksackerl als Toilettenersatz, das dann auf die Straße geworfen wird) und der Gesundheitsversorgung (das nächste Krankenhaus ist oft 20km entfernt und die Behandlung ohnehin zu teuer).

Wir kämpfen ein wenig später um ein Mittagessen – 2 Stunden anstellen für ein Sandwich um 400 Schilling (ca. 3 Euro) – die Preise sind skandalös – vor allem für die teilnehmenden AfrikanerInnen natürlich, aber auch allgemein.

Mit unseren neuen FreundInnen vom Nairobi People’s Settlements Movement besuchen wir dann noch eines der informellen Settlements, Korogocho … sehr beindruckend, auch verstörend natürlich – die anderen vergleichen die Zustände mit den Slums in Mumbai und Bangkok …

22. Jänner

Nairobi T-Shirt

Fotos: Michaela Moser

Heute ist die Atmosphäre spürbar dichter geworden – am zweiten Tag beginnt auch bei so einer Riesenveranstaltung einiges an Dynamik. Zuerst haben schon mal einige unserer afrikanischen FreundInnen gemeinsam mit Leuten aus Südafrika kostenlosen Eintritt zum Social Forum erkämpft und – wie sie erzählt haben – die Wachleute an den Toren „ziemlich ins Schwitzen gebracht“; später haben sie und andere eine WSF interne Demo gegen die hohen Preise für Essen und Wasser organisiert, auch beim Organisationskomitee ihre Beschwerden eingebracht und ab morgen dürfen ihre eigenen Leute Essen und Trinken am WSF-Gelände verkaufen. Mal schauen, wie sich die Preisgestaltung dann da entwickelt – vor den Toren des Sportzentrums sind die Preise für eine Flasche Wasser nämlich innerhalb der letzten 24 Stunden schon ziemlich raufgegangen. Der Markt reagiert auch hier schnell ….

Heute früh wurde wieder von unserer Nairobi-Partnerorganisation ein Workshop organisiert – diesmal zum Thema: Zugang zu grundlegenden sozialen Diensten und Gütern – es ging um Wasser, Sanitäranlagen, Bildung, Gesundheitsversorgung, Straßen … alles was jedeR von uns eben so an sozialer Infrastruktur braucht, um halbwegs ein Leben in Würde zu führen. Nachmittags haben wir dann einen Workshop für ein erstes Brainstorming im Sinne einer „World Assembly of the Poor“ organisiert. Dann gab es Kleingruppen und ein Plenum mit vielen Ideen für die globale Selbstorganisation und Vernetzung von Armutsbetroffenen – und eine Superenergie im Raum.

Frauen aus Südafrika haben erzählt, wie verheerend sich die Planung für die Fußball WM 2010 auf die von Armut betroffenen Menschen in Südafrika auswirkt. Alle anderen Bauprojekte wurden quasi eingestellt – Leute wurden zwangsumgesiedelt bzw. vertrieben, weil wo sie lebten Straßen für die neuen Stadien gebaut werden sollen. Spontan hatten wir die Idee, eventuell zeitgleich mit der Fußball WM die Assembly of the Poor in Südafrika zu organisieren und die Tatsache, dass die ganzen Medien dort sein werden, für uns zu nutzen …

Der Besuch im Settlement gestern hat auch noch nachgewirkt – es war nicht mein erster Besuch in einem „Slum“ – aber erstmals war ich mit Leuten dort, die tatsächlich dort wohnen, von dort kommen … die in vielerlei Hinsicht und auf den ersten Blick Leute „wie wir“ sind… Ich merke, wie auch ich diese Vorstellung von „den Armen“ als den „Anderen“ auf gewisse Weise habe und es mir schwer fällt, mir vorzustellen, dass diese Frauen und Männer in solchen Zuständen leben. Extrem imponierend jedenfalls ihr Engagement, der Versuch, die Selbstorganisation der BewohnerInnen zu stärken und zu vernetzen.

In den Settlements von Nairobi wohnen zwischen 300.000 und 1 Million Menschen – da gibt es auch viele Spannungen – unter anderem zwischen verschiedenen Gruppen. Zum Beispiel sind wir gestern auch in einem Viertel vorbeigekommen, in dem Flüchtlinge aus Somalia wohnen. Und es gibt Hausbesitzerinnen – scheinbar alles Frauen – die von den anderen Miete verlangen und viel Macht zu haben scheinen … es gibt teilweise eine Art „Wassermafia“ von Leuten, die die Wasserverteilung kontrollieren. Über all das werden wir in den nächsten Tagen noch mehr und genaueres erfahren …

Jetzt gibt?s erstmal Abendessen – in einem nahegelegenen Hotel. Ich freu mich ehrlich gesagt auf ein Bier. Bei den 7-Tage-Adventisten geht’s ja sehr strikt zu – und Alkohol wird hier keiner ausgeschenkt.

23. Jänner

Da unsere heutige Vormittags-Aktivität in den Jeevanjee Gardens, einem Park im Zentrum, stattfand, durften wir etwas länger schlafen, denn von unserem Gästehaus sollten wir den anvisierten Park in 20 min locker erreichen. Nachdem sich aber schon der Abmarsch verzögerte – Gruppen sind nun mal träge Einheiten, vor allem internationale Gruppen (wir warten hier fast immer vor allem auf die InderInnen, aber auch fast alle anderen haben einen sehr entspannten Zeitbegriff), wir auch zum Hingehen ziemlich lange brauchten und uns dann eine Ecke vor dem Park noch der große Kaffeedurst „überfiel“, gingen wir – trotz Verspätung – noch ins Java-Coffee-Haus auf einen super-guten Kaffee. Der kenianische Kaffee zählt ja zu den besten der Welt …

Danach dann die Veranstaltung im Park, wo als Ergänzung bzw. Nebenveranstaltung zum WSF ein so genanntes „Citizen’s Forum“ abgehalten wurde. Diesmal auch mit einem Beitrag von mir über „Armut in Europa“ – eine ziemliche Herausforderung. Hab schon in der Vorbereitung bemerkt, dass ich normalerweise vor allem zu JournalistInnen, PolitikerInnen oder anderen NGO-Leuten oder WissenschafterInnen über Armut spreche. Den Leuten aus den Settlements hier in Nairobi etwas über Armut in Europa zu erzählen, das sowohl ihre als auch die Situation bei uns ernst nimmt und deutlich macht, dass es auch in Europa Armut gibt – ohne die Unterschiede zu verschleiern – ist/war nicht so einfach.

Denn auch wenn es Gemeinsamkeiten gibt – vor allem in der Analyse dessen was es ganz grundsätzlich braucht, also Partizipation der Betroffenen, Zugang zu sozialen Dienstleistungen und Gütern, soziale Infrastruktur, Informations- und  Kommunikationsmöglichkeiten – sieht es im Konkreten auf den verschiedenen Kontinenten doch recht unterschiedlich aus. Auch wenn sich einige der Roma-Siedlungen oder auch die Favelas in Portugal abgesehen von der Größe nicht wesentlich von den informellen Siedlungen in Nairobi unterscheiden dürften, der Großteil der Armutsbetroffenen in Europa hat „absolut“ gesehen natürlich ein besseres Leben, und es gibt alles in allem wohl doch recht wenige, die nicht einmal (am Gang) eine Toilette haben.

Ein entscheidender Unterschied jedoch – und wenn man so will eine „Zusatzbelastung“, die die Leute in Nairobi kaum kennen, ist sicherlich die Isolation, die Armut in Europa für viele bedeutet. Bei den europäischen Treffen von Menschen mit Armutserfahrungen ist das immer ein Thema. Auch wenn das leicht zynisch klingen kann, aber dieses Problem gibt es natürlich kaum, wenn 300.000 bis 1 Million armutsbetroffene Menschen in einer Siedlung zusammen leben. Für die Leute hier, mit denen ich dann noch gesprochen habe, ist das entsprechend unvorstellbar – und insofern auch nicht so leicht als Problem erkennbar.

Aber unmittelbare Vergleiche sind ohnehin nicht zielführend und Menschen vor die Entscheidung: Toilette oder FreundInnen zu stellen, wäre dann tatsächlich zynisch.

Nachmittags gab’s dann erstmals ein wenig „freie“; Zeit im WSF-Gelände. War mit Helen und Nadja unterwegs, die beide grad ein Praktikum bei einer der Organisationen machen, mit denen wir hier in Nairobi viel Kontakt hatten. Nadja ist Kanadierin und studiert Entwicklungspolitik, Helen ist aus Nairobi und Jurastudentin – und möchte Anwältin werden. Und in ihrem Fall scheint das auch realistisch zu sein, sprich, sie meint, dass sie das Geld aufbringen wird können. Ganz im Unterschied zu den vielen Kindern in den informellen Siedlungen. Freier Zugang zur Bildung geht dort nicht über die Volksschule hinaus – alles weitere kostet und das kann sich praktisch niemand leisten. Was bedeutet, dass eine riesige Zahl an Jugendlichen praktisch nichts zu tun hat, da es Jobs natürlich auch keine gibt für sie.

In Korogocho, der Siedlung, in der wir vorgestern waren, gibt es seit einiger Zeit „Jungle-Afrika“, eine Jugend-Theater-Tanz-Gruppe, die auch heute vormittag wieder einige beeindruckende kurze Stücke über ihre Lebenssituation aufgeführt hat. Und es gibt „Women of Hope“, eine Frauen-Tanz-und-Sing-Truppe, und sicherlich noch zahlreiche andere ähnliche Gruppen. Hab ihnen eine CD mit den Fotos versprochen, die ich von ihren Aufführungen gemacht habe. Sie haben sich ein paar der Bilder gleich ganz begeistert am Fotoapparat angeschaut …

Nachmittags bin ich dann auch noch ein bisschen allein am WSF Gelände herumgestreunt, hab kurz in einen Workshop zu Gay and Lesbian Rights reingeschaut, und es hat sich erneut bestätigt, dass jedenfalls in Zusammenhang mit den Anliegen so genannten „Minderheiten“ viel passiert ist auf den Weltsozialforen, wo das in den ersten Jahren offensichtlich eher ein Tabu war. Auch hat sich hier offensichtlich ein Süd-Süd-Netzwerk gegründet, in dem Frauen und Männer aus Afrika, Asien, Lateinamerika und der Karibik vernetzt zusammenarbeiten.

Von Seiten der Organisation gibt?s scheinbar ziemlichen Frust, so a la: jetzt haben wir das 7. WSF und die Weltrevolution ist immer noch nicht ausgebrochen. Ich glaub, die Organisatoren sind zu stark Teil einer organisierten Linken, die in mancherlei Hinsicht sehr unflexibel ist – und vor allem scheinen sie nicht wirklich zu sehen, dass – vom WSF sicherlich mit ausgelöst oder jedenfalls gestärkt – an vielen Orten kleine Revolutionen in Gang gekommen sind.

24. Jänner

Den freien Vormittag hab ich genutzt, um wenigstens ein paar Stunden im Zentrum von Nairobi zu verbringen, einen Eindruck vom Stadtzentrum mit nach Hause zu nehmen, und ein paar Bücher kenianischer SchriftstellerInnen zu kaufen.

Nachmittags waren wir dann in Kibera, das mit seinen über 1 Million geschätzten EinwohnerInnen als einer der größten „Slums“ über die Grenzen Kenias hinaus „bekannt“ ist (der zweitgrößte in Afrika nach Soweto, Südafrika). Wir haben zunächst die Baustelle eines sogenannten „Upgrading Programms“ angeschaut, das von Regierung und UN-Habitat umgesetzt wird. Konkret werden da kleine Wohnungen für insgesamt 600 Familien gebaut, diese sollen dann aus einem Teil von Kibera umgesiedelt werden, der dann wiederum abgerissen wird und wo dann neue Wohnbauten hingestellt werden sollen.

Wie das aber genau funktioniert, wie die Auswahl getroffen wird etc., weiß niemand so wirklich. Außerdem sind die BewohnerInnen von Kibera empört, da sie in das Projekt in keinster Weise einbezogen sind, es gibt Gerüchte, dass der Mietpreis unerschwinglich sein soll. Außerdem ist die Siedlung zu weit entfernt vom Rest Kiberas, in keinster Weise behindertengerecht gebaut und – soweit ich das gesehen habe – sind auch keinerlei Strukturen vorgesehen, die notwendig sind, damit die informelle Ökonomie der Siedlung mit ihren vielen Geschäftchen und Werkstätten etc. weiter“leben“ kann.

Kein Wunder also, dass es den Leuten in Kibera lieber wäre, die Regierung würde ihnen einfach „ihr“ Land geben, so dass sie als BesitzerInnen selbst für alle weiteren Entwicklungen sorgen könnten.

Später dann noch ein Kurzbesuch im Office des Hakijamii Trust, einer unserer Partnerorganisationen in Nairobi, Zeit zum Duschen und Umziehen im Hotel -und dann ging’s auf zum Abschiedsfest, zu dem auch die TeilnehmerInnen von verschiedenen Dignity-Seminaren der letzten Jahre eingeladen waren. Es war ein rauschendes Fest: das Bier ist geflossen, eine super Musik-Truppe – aus Kibera – hat aufgespielt, es gab ein feines Buffet, wir haben getanzt und getanzt und getanzt – ich habe schon ewig nicht mehr so viel getanzt wie in dieser Woche  – und die (vor)letzten von uns  (ein paar unermüdliche FreundInnen aus Nairobi haben wohl die ganze Nacht weitergemacht) sind so um 2 Uhr dann ins Bett gefallen.

25. Jänner

Der letzte Tag begann – wie immer mit reichlicher Verspätung – mit einer Planungssitzung unserer Gruppe und einiger der Nairobi-PartnerInnen. Konkrete Planungen für einen „Global Assembly of the Poor“ gibt es noch nicht, aber wir halten fest, dass es diese „Assembly“ jedenfalls im Gedanken gibt – und unabhängig davon, ob es möglich sein wird, so etwas als eine große Veranstaltung tatsächlich einmal zu organisieren.

Völlig verspätetet brechen wir zur WSF-Abschluss-Veranstaltung im Uhuru-Park auf, die einige von uns dann gar nicht mehr wirklich besuchen können, weil ein weiteres Treffen mit BewohnerInnen einer informellen Siedlung geplant ist. Am Weg dorthin „verlieren“ wir die indischen KollegInnen – die in eine Telefonstube „abzweigen“.

Schließlich kommen wir doch irgendwie ins Settlement Mukuru und treffen dort auf einige PreisträgerInnen des WSF-Marathons, der am Morgen von, in bzw. durch mehrere(n) „Slums“ von Nairobi organisiert wurde. Unter anderem wurde der Marathon von einem katholischen Netzwerk mitorganisiert – die katholische Kirche scheint auf den ersten Blick hier ganz gute Arbeit zu machen und mit den CBOs – Community Based Organisations – zusammenzuarbeiten (Mehr Infos unter: www.kutokanet.org). Die Leute hier sind übrigens unheimlich religiös – aufgeteilt auf zig verschiedenen Kirchen unterschiedlichster Ausrichtung – und fast jedes Treffen, jeder Workshop wurde mit einem Gebet begonnen. Das wäre für die europäischen TeilnehmerInnen einer Global Assembly of the Poor sicher eine ziemliche Herausforderung.

Über 20.000 Menschen liefen bei dem Marathon mit, was die Erwartungen der lokalen OrganisatorInnen weit übertraf. Stolz präsentierten uns Frauen aus Mukuru Pokale und Medaillen, die sie (bzw. ihre Kinder) für den dritten, bzw. fünften und zehnten Platz bekommen hatten. Gleichzeitig tauchte die Frage auf, was sie von ihrem Lauftalent eigentlich hätten, wenn sie trotz allem die Schulbildung ihrer Kinder nicht finanzieren könnten.

Ein Kollege aus Thailand, der sich unserer kleinen Gruppe für diesen Tag angeschlossen hatte und offensichtlich von einer ländlichen Organisation kommt, gab außerdem Tipps, wie die BewohnerInnen von Mukuru das dort teilweise zur Verfügung stehende Land vor ihren Häusern auch unter widrigsten Bedingungen zum Anbau von Gemüse verwenden könnten und somit ein Stück Lebensqualität durch Selbstversorgung erreichen.

Bei mir blieben nach diesem weiteren Treffen in einer der Siedlungen viele Fragen – nicht zuletzt auch im Zusammenhang mit der so genannten Entwicklungszusammenarbeit – offen, womit ich mich in den letzten Jahren zugegebenermaßen wohl nur recht oberflächlich beschäftigt habe. Okay, die kenianische Regierung mag sehr korrupt sein und unsere eigenen Regierungen nehmen viel zu wenig Geld in die Hand, wenn es um die so genannte Entwicklungszusammenarbeit geht. Trotzdem, angesichts der vielen EZA-Organisationen etc., die, soweit ich das mitbekommen habe, in den unterschiedlichsten Siedlungen in Nairobi aktiv sind, fragt man sich schon, warum die Zustände dort immer noch so katastrophal sind.

In Europa hab ich irgendwie das Gefühl die Armut zu „verstehen“, wenn man das so sagen kann, sowohl was die Ursachen betrifft, als auch was notwendige Gegenstrategien wären und woran sie scheitern. Hier allerdings verstehe ich – obwohl ich mich doch generell zu den eher informierteren Menschen zählen würde – vieles nicht; so müsste es doch zumindest möglich und leistbar zu sein, Schulen für alle Kinder und Jugendlichen zu bauen und auszustatten und natürlich auch mit LehrerInnen zu „bestücken“, für ein Sanitärsystem und ausreichende Wasserversorgung zu sorgen, eine zumindest minimale Gesundheitsversorgung und halbwegs begeh- und befahrbare Straßen – um einmal im Bereich „soziale Infrastruktur“ zu bleiben. Woran kann das scheitern, außer am politischen Willen hier und dort – oder überseh ich da was?

Von Mukuru kommen wir gerade so rechtzeitig in unser Guesthouse zurück, dass ich mich waschen, umziehen, von den KollegInnen aus Malaysien, Indien und Thailand und von Aye Aye verabschieden kann – und dann geht’s schon ab zum Flughafen.

Adieu Nairobi, adieu Kenia. Ich will wiederkommen.

Autorin: Michaela Moser
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 07.02.2007

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