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Von Opfern reden

Von Antje Schrupp

Maria K. Moser untersucht die Ambivalenz des Opfer-Begriffs

Moser OpferDie Rede von Opfern hat einen hohen Stellenwert in feministischen, aber auch vielen linken Bewegungen und Theorien, und zwar immer dann, wenn es darum geht, Gerechtigkeit herzustellen für die Unterdrückten und Benachteiligten. Allerdings ist die Opfer-Rede höchst ambivalent, denn sie tendiert dazu, die Betroffenen nicht als handelnde Subjekte zu sehen, sondern ihre Passivität erst recht zu betonen.

Maria Katharina Moser thematisiert in ihrer Studie, die unter anderem auf Gruppengesprächen mit Frauen aus NGOs in Österreich und auf den Philippinen beruht, die Klippen des Opferbegriffs: Zunächst das Auseinanderklaffen von Selbst- und Fremdwahrnehmung – manchmal fühlen sich Frauen als Opfer, werden aber nicht so gesehen (weil zum Beispiel ihr Erleben nicht für schlimm gehalten oder geleugnet wird), oft ist es aber auch anders herum – Frauen wird der Opferstatus zugesprochen, obwohl sie sich selbst nicht als solche fühlen. Ein zweiter Irrtum ist die Vorstellung, Opfer hätten grundsätzlich „keine Wahl“ (gehabt), sie seien prinzipiell unschuldig. Das führt dazu, dass Opfer sich passiv verhalten müssen oder aber Gefahr laufen, ihren Opferstatus zu verlieren (und damit Zuwendung und Unterstützung). Eine schwierige Konstruktion, zumal sich meistens eine Beteiligung der betroffenen Frau am Geschehen in dieser oder jener Form nachweisen lässt. Last not least werden gerne „Opfergruppen“ gebildet – „die“ Frauen oder „die“ Armen – wodurch das individuelle Schicksal dem des Kollektivs untergeordnet oder vor dessen Hintergrund interpretiert wird.

Maria Moser plädiert stattdessen für eine situationsbezogene Opfer-Rede, die immer mit der Möglichkeit rechnet, dass Menschen auch in schwierigen Lebenslagen handeln, und die gleichzeitig Gewalt und unterdrückerische Strukturen klar benennt sowie Täter und Täterinnen zur Verantwortung zieht, also für „das Anerkennen dessen, dass einer Frau etwas geschehen ist (Gewalt, Ungerechtigkeit, Diskriminierung), ohne die Passivität und den Objektstatus fortzusetzen.“ (Seite 127) Hintergrund ist die seit einigen Jahren von feministischen Denkerinnen bearbeitete „Weltsicht der Freiheit in Bezogenheit“ – Maria Moser gehört etwa zu den Autorinnen des von Ina Praetorius herausgegebenen Aufsatzbandes „Sich in Beziehung setzen“. Wenn man davon ausgeht, dass soziale Realität und symbolische Ordnungen zwar das Handeln von Frauen prägen und auch einschränken, so bedingen sie die weibliche Freiheit doch nicht absolut. „Bezogenheit“ und auch Abhängigkeit bedeutet eben nicht, keine Handlungsmöglichkeiten zu haben.

Interessant ist in diesem Zusammenhang die Unterscheidung von passivem „victim“ und aktivem „sacrifice“, also zwischen „geopfert werden“ und „ein Opfer bringen“ – eine Unterscheidung, die es in den meisten Sprachen gibt, jedoch nicht im Deutschen. Vielleicht wird deshalb das „sich aufopfern“ einer Frau für andere oft mit einem passiven „Opfer“ sein gleich gesetzt oder verwechselt. Maria Moser schlägt vor, die Opfer-Rede möglichst immer von den abstrakten Sphären herunter zu holen und auf den konkreten Kontext zu beziehen, also das Opfer-sein in einer bestimmten Situation zu sehen und nicht zum Wesen oder zum bestimmenden Merkmal der Betroffenen zu erklären. Doch auch die situative Opfer-Rede löst die Ambivalenz zwischen passiv und aktiv letztlich nicht auf. Vielmehr ist, so Mosers Resümee, ein neues Verständnis von Autonomie notwendig, das eigenständiges Handeln und Sorge für andere nicht als Gegensatz sieht, sondern als mögliche sinnvolle Handlungsoption: Das „Zusammendenken von Autonomie und Orientierung an anderen“, schreibt Moser, ist „zentral für die Reformulierung  des Opfer-Begriffs“ (139). „Opfer-Bringen wird im ausgehenden Patriarchat nicht als Ausdruck falscher Weiblichkeitsnormen verabschiedet, sondern aus der Logik der androzentrischen symbolischen Ordnung herausgelöst und aus einer Weltsicht der Freiheit in Bezogenheit neu gedacht: als reflektierter, bewusster Verzicht auf eigene Interessen zugunsten von jemand anderem. Nicht trotz, sondern in aller Ambivalenz.“ (146)

Ich finde dieses Buch sehr hilfreich, weil die Analyse mir hilft, mein Unbehagen an der Verwendung dieses Begriffes „Opfer“ zu verstehen und zu durchschauen – und möglicherweise kann ich nun tatsächlich wieder „von Opfern reden“, was ich bisher vermieden habe. An einem Punkt jedoch finde ich Maria Mosers Ansatz gewissermaßen „zu kurz gesprungen.“ Am Ende sieht es in ihrem Szenario nämlich doch aus wie ein objektives „Urteil“: Irgend ein übergeordnetes Subjekt stellt sich die Frage, ob diese oder jene Handlung dieser oder jener Frau autonom ist oder nicht, ob hier von Opfer die Rede sein sollte oder nicht, und so weiter. Bezogenheit beschränkt sich dann auf die Anerkenntnis der Bezogenheit des (etwaigen) Opfers in seinem/ihrem sozialen Kontext.

Das ist natürlich nicht falsch. Aber ist die Bezogenheit, um die es bei der Rede vom Opfer nicht gehen müsste, vor allem auch meine Beziehung als Redende und Analysierende zu der Frau, um deren Handeln oder Erleben es geht? Ein im Buch immer wiederkehrendes Beispiel ist Cora, eine der Diskutantinnen aus dem philippinischen Gespräch, die davon erzählte, wie sie ein Opfer brachte: Sie verzichtete auf den Kauf von Körperpflegemitteln zugunsten von Essen für die Familie. Ist das eine autonome Entscheidung? Oder ist sie Weiblichkeitsklischees gefolgt? War es sinnvoll oder unnötig?

Ich bin der Meinung, dass das aus den objektiven Umständen grundsätzlich nicht herausgelesen werden kann, selbst wenn man neue Kriterien für diese Analyse fände. Man kann sich in dieser Hinsicht weder auf Coras Aussage noch auf die externe Einschätzung irgend einer Beobachterin verlassen. Aber möglicherweise ist es im Gespräch, in der Auseinandersetzung, vielleicht sogar im Konflikt mit Cora herauszufinden. Die Beziehung, auf die es hier ankommt, ist nicht nur die von Cora zu ihrer Familie und Erziehung oder zur konkreten Notsituation. Sondern es ist auch die Beziehung der Beobachterin, die sich über Cora Gedanken macht, zu ihrem eigenen Kontext (Überzeugungen, kulturellen Werten etc., persönlich Erlebtem) sowie der Beziehung der beiden untereinander, die ihre Differenz zum Ausgangspunkt für ein besseres Verständnis der Welt (und ihrer jeweiligen Situation darin) nutzen.

Maria Katharina Moser: Von Opfern reden. Ein feministisch-ethischer Zugang. Ulrike Helmer-Verlag, Königstein 2007.

Autorin: Antje Schrupp
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 08.05.2007

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