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Rubrik handeln

Körper-Macht

Von Silke Teuerle

Was gekürzte Schamlippen mit Macht zu tun haben

„Kamerun: Mütter ‚bügeln‘ die Brüste ihrer Töchter“ überschreibt die belgische Tageszeitung De Standaard Anfang Juli einen Artikel (7./8. Juli 2007). In derselben Woche erscheint die Flair , ebenfalls in Belgien und Modeblatt für Mädchen und junge Frauen, mit der Titelstory: „Schamlippen-Scham“ (Heft 28/10. Juli 2007). Wie gut, dass mir diese Artikel jetzt erst in die Hände fallen. Sonst hätten sie mir den sowieso schon verregneten Sommer völlig versaut. Denn ich bin wütend! Unglaublich wütend! So stinkwütend, dass mir das Adrenalin durch den Körper saust – und das will was heißen! Denn in dem Maße habe ich das in meinem ganzen Leben bisher erst zwei Mal erlebt. Das erste Mal als junges Mädchen, als mich mein Nachbarjunge in der Schule anpöbelte, mit dem Ergebnis, dass ich ihm eins drauf gab und kurze Zeit später völlig orientierungslos gegen die Wand des Klassenzimmers donnerte und mit einer so-gerade-nicht-Gehirnerschütterung nach Hause durfte.

Das andere Mal vor zwei Jahren, als ich in der friedlichen Weihnachtszeit an der Eispiste in Gent vier großen Jungs offensichtlich den Weg versperrte, woraufhin sie hemmungslos rempelten und mein Geschimpfe recht unbeeindruckt ignorierten, weil sie meine Sprache nicht sprachen. In Englisch konnte ich ihnen auch nicht vermitteln, dass sie sich besser benehmen sollten, und das machte mich so rasend, eben so Adrenalin-rasend, dass ich kurz davor war, meine Faust in den mir am nächsten liegenden Magen zu bohren. Aussichtsloses Unterfangen natürlich. Ich hätte ja keinen Fitzel Chance gehabt. Und so endete es mit einem simplen Abzug und also ohne Gehirnerschütterung. Und noch mehr Wut. Aus Machtlosigkeit.

Dass Mütter ihre Teenager-Töchter in Kamerun vor Schwangerschaften schützen wollen, indem sie die verführerischen und Männer wohl zum Sexualakt animierenden Brüste mit heißen Steinen bearbeiten, um diese am Wachstum zu hindern, macht mich genauso wütend. Adrenalin-rasend wütend. Dass Frauen 1500 € ausgeben, um ihre kleinen Schamlippen kürzen zu lassen, wegen eines Schönheitsideals, das schon in unsere Unterhosen gekrochen ist und geprägt ist von glattrasierten Pornopussis, macht mich fast noch viel wütender. Und genauso machtlos. Das einzige, was mir dazu einfällt, ist meinen Computer und mein Denkvermögen zu nutzen und einen Artikel zu schreiben, in dem ich letzteres mit Leuten teile, die sich über solche Dinge sowieso mindestens genauso ärgern. Ob das etwas bewirkt, ist die Frage. Aber vielleicht stellt mich (und hoffentlich auch andere) dieser Akt der Reflexion und des Teilens in meine Macht, die ich dann auch noch auf andere Weise nutzen kann. Einen Versuch ist es zumindest wert.

Denn den Einbruch des Schönheitsideals zwischen unsere Beine erlebe ich als den größten und weitest reichenden Angriff auf unsere Macht. Dort sind wir Frauen am verletzbarsten, durch Vergewaltigung, Missbrauch, Folter. Und Schönheitsoperationen. Dies ist der Platz unserer Lust. Und dort kreieren und schenken wir Leben, eine Tatsache, der sich offensichtlich nur Wenige bewusst sind. Wenn Frauen sich an ihren Schamlippen herum schneiden lassen, lassen sie sich in ihrer Macht beschneiden, in ihrem letzten Fitzelchen weiblicher Macht, das sie noch haben. Und das macht mich einfach rasend!

Aber vielleicht erst mal zur Klärung: Was ist denn überhaupt Macht? Ich zitiere aus Irene Fleiss‘ Buch „Als alle Menschen Schwestern waren „(S.80/81), wo sie ihrerseits Begriffe von Gerda Weiler benutzt, um den Unterschied deutlich zu machen zwischen Macht, wie wir sie in der Regel erleben und kennen, und wie ich sie verstehe, wenn ich von weiblicher Macht höre und spreche: „…sie [Gerda Weiler] unterscheidet ‚Macht-Habertum‘, das sich auf gewaltsam angeeigneten Besitz von Macht stützt, von ‚Seins-Macht‘, ‚die auf Können, Kraft und schöpferischer Potenz beruht'“.

„Können, Kraft und schöpferische Potenz“, ja, daran muss ich denken, als ich über dem Spiegel hocke und meine Schamlippen vergleiche mit denen, die in der „Flair“ abgebildet sind. Denn dort haben sie sich sehr bemüht, die unterschiedlichsten Sorten Schamlippen auf Passfotogröße abzubilden. Aber erstens sehe ich nicht wirklich Unterschiede und zweitens keine einzigen, die aussehen, wie meine. Das liegt vor allem schon mal daran, dass alle Venushügel so gut wie ratzekahl rasiert sind, aber auch daran, dass die kleinen Schamlippen so kurz sind, dass sie in den keusch (schamhaft!) zusammengehaltenen Beinen kaum sichtbar sind. Frau sieht also nichts weiter als mädchenhafte Venushügel mit höchstens einem Irokesen-Schamhaarschnitt und einem kleinen Pünktchen, hinter dem sie den Rest der kleinen Schamlippen vermuten kann.

Ich inspiziere mich weitaus weniger jugendfrei und genieße meine Lippen, die ich eher mit einer Blume assoziiere als mit einem „Ducheinander“, wie die niederländische Filme-Macherin Sunny Bergman die Region zwischen den Beinen in ihrer Doku über plastische Chirurgie (Beperkt Houdbaar) scherzhaft nennt, in weitaus volleren Zügen. Dass diese Lippen nicht der Norm entsprechen könnten, auf die Idee bin ich echt noch nicht gekommen! Und erst recht nicht darauf, dass es überhaupt eine Schamlippen-Norm gibt. Brüste vergrößern, Fett absaugen, Po aufmotzen, fand ich immer schon beunruhigend. Aber jetzt frage ich mich, was sie uns eigentlich noch alles aufschwatzen wollen! Und was es bedeutet, wenn Frauen sich mehr Sorgen machen über das Aussehen ihrer Schamlippen als darüber, dass jungen Mädchen die Brüste verstümmelt werden, wodurch sie ihre zukünftigen Kinder nicht nähren werden können. Was wissen diese Frauen über ihre Macht? Was wissen wir alle über unsere weibliche Macht, unsere „Seins-Macht“? Nicht Macht über andere, sondern unsere innere Macht, weibliche Werte zu leben und einzufordern, Werte, die uns nähren, die das Leben schützen anstatt es zu verstümmeln, unser Leben, das Leben anderer, das Leben unseres Planeten und zukünftiger Generationen.

Mein Körper kann Leben nähren. Mein Schoß gebiert, und meine Brüste nähren, was mein Bauch, mein Blut, genährt hat. Mein Körper kann das! Wissen wir das überhaupt? Ich habe bei mir auf der Arbeit mal einen kleinen Test gemacht. 9 Frauen, 7 Männer, zwischen 20 und 47, alles andere als repräsentativ, aber doch spannend. Frage war: „Weiblich – woran denkst du, wenn du das hörst?“. Unter Angabe von Geschlecht und Alter konnte anonym auf Zettelchen alles aufgeschrieben werden, was ihnen so einfiel. Wenn ich diese Eigenschaften in innere und äußere unterteile, fällt erst mal auf, dass Frauen eher mehr zu den inneren einfällt (11 gegenüber 8 äußeren). Bei Männern ist es umgekehrt und weitaus auffälliger, 24 äußere Eigenschaften gegenüber 7 inneren. Frauen sind sich bei den äußeren sehr viel einiger. Von den 8 Eigenschaften wurden fünf von mehreren Frauen aufgeführt: Lingerie, sexy, elegant, verführerisch und schön. Bei den Männern gab es nur bei elegant eine Wiederholung, ansonsten hatte jeder Mann so seine eigene Vorliebe (wie z.B. lange Haare, Stiefel, attraktiv, Lächeln, sexy…) Sowohl bei den Männern als bei den Frauen gab es bei den inneren Eigenschaften nur eine, die mehrere angaben: lieb! (Die kennen mich noch nicht, wenn ich Adrenalin-gesteuert bin!) Ein 24-jähriger Mann erwähnte die Fortpflanzung, eine 38jährige Frau Schwangerschaft. Das war’s.

Nun gehöre ich wirklich nicht zu den Frauen, die sagen, Frauen stünden erst in ihrer Macht, wenn sie Kinder kriegen. Mir geht es hier um das Potential! Um überhaupt mal eine Idee dafür zu bekommen, was weibliche Macht bedeuten könnte. Denn „Können, Kraft und schöpferische Potenz“ sind ja weitaus weiter reichend gemeint als bloß aufs Kindermachen bezogen. Schönes Wort übrigens: „Kindermachen“! Aus dem Niederländischen geklaut. Mag ich lieber als das „Kinderkriegen“- als ob Kinder uns zuflögen! Christa Mulack hat in ihrem Buch „Der Mutterschaftsbetrug“ sehr ausführlich wissenschaftliche Fakten zusammengetragen, die deutlich machen, dass das eben nicht so ist, und wir uns eine absolut falsche Vorstellung machen vom Akt der „Empfängnis“.

Erstens ist der Samen kein Samen, in dem, wie im Gemüsesamen, alle Information enthalten ist, und der nichts weiter als die Erde (Mutter Erde, den weiblichen Körper) braucht, um Frucht zu werden. Der männliche Samen entspricht vielmehr Pollen und braucht also eine Blüte, ein Ei, um überhaupt zu irgendwas zu werden. Unser Sprachgebrauch führt uns also mal wieder irre (obwohl wir natürlich alle wissen, dass es Sperma und Eizelle braucht – Sprache prägt!). Der Pollen braucht aber nicht nur unser Ei. Er braucht sozusagen die gesamte Blüte unseres Schoßes. Denn Sperma wird erst durch unseren fruchtbaren Schleim in unserer Höhle (der so genannten „Scheide“) brauchbar. Es braucht ihn z.B. auch zur Fortbewegung. Würde unser Schleim den Pollen nicht durch unsere Höhle leiten, ihn schützen und nähren, käme er nie an. Außerdem werden hier die schlechten Pollen aussortiert. Die guten hängen sich schließlich an die Eileiterwand, um dort überhaupt erst mal heranzureifen. Ohne diesen kühlen Ort in unserem Innersten (2°C kälter als die Eizelle) würde das Sperma gar nicht befruchtungsfähig. Die Wärme der Eizelle schließlich zieht das Sperma an, das es so kühl gar nicht wirklich mag. Aber auch dort kommt das Sperma nicht von selber weiter. Ohne die chemischen Botenstoffe der Eizelle (unserer und also weiblicher Eizelle!) wüsste der gute Pollen nicht wohin. Die Eizelle öffnet sich auch erst, wenn sie einen gefunden hat, der ihr gefällt. Und sie ist es auch, die seinen Schwanz vom Kopf trennt. Denn den Schwanz braucht sie ja nicht.

So ist das! Ich möchte mit dieser Darstellung (ich denke mal, genau wie Frau Mulack) die Rolle des männlichen Spermas bei der Befruchtung absolut nicht schmälern, sondern lediglich dazu beitragen, die wirkliche Rolle des weiblichen Körpers unters Volk zu bringen, anstatt uns von Ausdrücken wie „Samen“ oder „Kinderkriegen“ irreführen zu lassen. Die Frau empfängt nicht, sie nimmt. Und macht! Im wahrste Sinne des Wortes. Danke, Christa Mulack!

Dass wir solchem Irrglauben wie der „Empfängnis“ (und das ist ja nun lange nicht der einzige) auf den Leim gehen, hängt in meinen Augen damit zusammen, dass wir die Natur und damit (weibliche) Körper nicht als eine mit uns verbundene, gegebene Wirklichkeit erleben. Hilary Valentine schreibt: „Unsere moderne Kultur geht davon aus, dass Menschen von der Natur getrennt und ihr überlegen sind und dass es unsere Aufgabe ist, die Natur zu unserem eigenen Vorteil auszubeuten.“ (Die zwölf wilden Schwäne, zusammen mit Starhawk, S.121). Wir nehmen unsere Körper nicht von innen heraus wahr, sind nicht mit ihnen verbunden und verlagern sie also in einen Außenbereich. Wir als Subjekt erleben aber nicht nur die Natur und die Körper als einen solchen Außenbereich, sondern auch unsere (patriarchal-kapitalistische) Kultur, die diese Teilung hervorgerufen hat. Diese Kultur wird uns als eine gegebene Wirklichkeit verkauft. Unveränderbar. Dabei ist sie etwas vom Menschen Geschaffenes. Diese „Wirklichkeit“, die immer ferner von uns (EU, Konzerne, Börse…) gestaltet wird, steht somit weiter von uns entfernt als unsere Körper. Ich denke, dass es unser Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber dieser als unveränderbar geltenden Wirklichkeit ist, das uns nach unseren Körpern greifen lässt.

Die Mütter in Kamerun stehen machtlos gegenüber den frühzeitigen Schwangerschaften ihrer Töchter, durch die sie sich wirtschaftlich ins Aus bugsieren. Meiner Meinung nach geht es dabei nicht wirklich um frühzeitige Schwangerschaften. In noch unberührten Kulturen stellen diese nämlich kein Problem dar. Das Problem ist das System, das nach Kolonisierung, Plünderung, Krieg mit der Natur nicht mehr verbunden ist, und diese nicht mehr von innen heraus erlebt. In so einem System sind frühzeitige Schwangerschaften sehr wohl ein Problem. Diesem System gegenüber fühlen wir uns machtlos. Unsere Körper sind uns näher. Über die können wir sehr wohl Macht ausüben. „Macht-Habertum“, wohlverstanden. Und also probieren wir mit heißen Steinen, Diäten und Skalpellen unsere Körper zu beherrschen. In der Hoffnung, dass ein bearbeiteter Körper das Paradies verspricht.

Unsere Körper sind unsere Macht! Unsere „Seins-Macht“! Von innen heraus erlebt, geben sie uns alles, was wir brauchen! In ihnen liegt „Können, Kraft und schöpferische Potenz“! Lasst uns das nie, aber auch wirklich nie wieder vergessen! Denn Macht ist auch eine Frage des Glaubens. Ich glaube nicht an den Schöpfer Gott, ich glaube nicht ans Patriarchat, ich glaube nicht an Geld. Ich glaube an meinen Körper, an mein Können, meine Kraft und meine schöpferische Potenz! Und ich weiß: dunkle, flattrige Schamlippen in einem Wald aus Lockenhaar sind das Schönste, was es gibt!

Autorin: Silke Teuerle
Redakteurin: Silke Teuerle
Eingestellt am: 15.11.2007

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Admar Ego sagt:

    …es geht noch konsequenter.

    Es ist richtig, dass die Frau macht; z.B. den Menschen. Es ist jedoch unzu-länglich beschrieben, wenn Sie sagen, dass Frau/frau nimmt, anstatt empfängt, denn sie macht ausschießlich aus ihrem Ei (zu 100%) ein Kind. Es ist lediglich das WIE, das durch 50% Genmaterial des genommenen Spermas, mitbestimmt wird.
    Ansonsten stimme ich voll und ganz mit Ihrem Beitrag überein. Ich erziehe selbtsverständlich in diesem Sinne meine Tochter und hoffe, dass ihre Generation den Gedankten der Macht der Frau, insbesondere durch die unbeschreibliche Fähigkeit des Machens von Menschen, festigen können und so zum Umbruch der Gesellschaft beitragen werden.
    Einen schönen Tag

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