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Rubrik lesen

Den inneren Überzeugungen folgen

Von Britta Erlemann

Über den Roman „Florence“ von Malwida von Meysenbug

Meysenbug

Malwida von Meysenbug

Als ich einer Freundin von Malwida von Meysenbugs Roman „Florence“ erzählte, und dass es weh tue, ihn zu lesen, fragte sie mich, ob ich mich mit der Protagonistin identifiziere. – Muss es nicht weh tun, einfühlend lesend mitzuerleben, wie eine junge Frau durch Erziehung so in ihrem Wesen beschnitten wird – wie ein Baum, der seine Äste dem Licht entgegenstreckt und immer wieder zurechtgestutzt wird? Denn die Hauptfigur Florence, die versucht, ihren inneren Überzeugungen, ihrem eigenen Wahrheits- und Gerechtigkeitsempfinden zu folgen, wird von der Elterngeneration ein ums andere Mal zurechtgewiesen. So erklärt etwa die Mutter ihr an einer Stelle, ein junges Mädchen müsse keinen eigenen Charakter haben. Verwirrungen bei der Protagonistin bleiben nicht aus. Das Ganze gipfelt in einer Art symbolischem Mord der Tochter durch den Vater.

In dem 1860 abgeschlossenen Bildungs- und Entwicklungsroman übt die Autorin Gesellschaftskritik, indem sie die bestehenden Beziehungen von Geschlechtern, Ständen, insbesondere der Eltern zu ihrer Tochter Florence und die Folgen mit scharfem Verstand zeichnet. „Trotz des englischen Milieus waren alle in diesem Roman aufgeworfenen Fragen auf deutsche Verhältnisse übertragbar und sind noch jetzt aktuell“, heißt es auf den Internetseiten der Kasseler Malwida von Meysenbug-Gesellschaft. – Die Ausprägungen der behandelten Probleme sind sicherlich heute subtiler geworden, haben aber im Wesentlichen tatsächlich nach wie vor Relevanz.

Malwida von Meysenbug (1816-1903), geboren in Kassel, gestorben in Rom, ist vor allem durch ihre Autobiografie „Memoiren einer Idealistin“ bekannt geworden. Sie gehört zu den Frauen, die sich durch Wort und Tat am demokratischen Aufbruch von 1848 beteiligten und sich für die Frauen in der Gesellschaft einsetzten. Sie wurde von der politischen Polizei überwacht und setzte sich deshalb nach England ab. Dort schlug sie sich in den Jahren 1852-62 als Privatlehrerin, Erzieherin und Übersetzerin durch, schrieb aber auch politische und kulturpolitische Beiträge für deutsche Blätter. Ihr im Nachlass als handschriftliches Manuskript überlieferter Roman „Florence“ ist jetzt erstmals veröffentlicht worden.

Malwida von Meysenburg „Florence – Roman aus dem viktorianischen England“, Herausgegeben von Ruth Stummann-Bowert, Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2007, 104 Seiten, 16.80 Euro. Der Roman ist online zu beziehen.

Autorin: Britta Erlemann
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 22.06.2008

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