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Ein ganz „normaler“ Weg zum Tod

Von Hella Mansour

Das bewusste Sterben einer 45-jährigen Krebskranken – im Film dokumentiert

Bilder, die bleibenDer Sarg in Form eines Bootes steht im Raum, Gesine Meerwein hat ihn selber ausgesucht und legt nun die Musik für ihre eigene Trauerfeier fest. Sie hat sich voll und klar mit dem bevorstehenden Tod ausgesöhnt und ihn akzeptiert. Das gibt ihr Raum, die letzten Schritte aktiv zu gestalten.

Zu sehen ist das im Film „Bilder die bleiben“, einem Dokumentarfilm über Abschied und Tod einer 45-jährigen Krebskranken; ein äußerst ehrlicher, mutiger und dennoch überaus sensibler Film. Die Freiburger Filmemacherinnen und Freundinnen von Gesine, Katharina Gruber und Gisela Tuchtenhagen haben ihn gedreht.

Der Film endet nicht mit dem Tod, sondern geht darüber hinaus, indem er auch das Begräbnis und die endgültige Verabschiedung der Verstorbenen durch Freundinnen und Familie zeigt. Mich hat die Schilderung des dreimonatigen Sterbeprozesses tief berührt, weil er von der Protagonistin Gesine Meerwein aktiv und selbstbestimmend angenommen wird.

Nicht die anonymen Mitarbeiter eines Bestattungsinstituts sondern die Freundinnen legen den Leichnam in den Sarg und schmücken ihn. Die dreitägige Aufbahrung und der damit verbundene Zugang zu der Toten Tag und Nacht waren eine wichtige und große Erfahrung für Familienangehörige und Freundinnen. Das dieses nicht nur zu Hause, sondern auch in einem Hospiz, wo Gesine in ihren letzten vier Wochen lebte und dann starb, möglich ist, war für mich und wohl auch viele andere Zuschauerinnen neu.

Das Agieren von Gesine hat meine Erkenntnis verstärkt, dass es sinnvoll ist, sich schon früh und immer wieder mit Abschied und Tod zu beschäftigen. Der Film zeigte mir, dass es bei weitem nicht genügt, eine Patientenverfügung auszufüllen. Einmal mehr wurde mir klar, wie weit der Weg zu der Erkenntnis ist, dass der Tod genauso zu meinem Leben gehört wie die Geburt meiner Kinder. Allein das Wissen über den endgültigen Abschied genügt nicht; ich darf das Ende meines Lebens nicht wegschieben, sondern muss es mir immer wieder vergegenwärtigen. Der Film hat viele meiner Ängste beseitigt oder zumindest reduziert, vor allem die Angst, bei einer tödlichen Krankheit allem und jedem ausgeliefert zu sein.

Schlüsselerlebnis war für mich die Szene, als Gesine mit einer Freundin ihre eigene Todesanzeige kreierte – und dies mit Gelassenheit ohne Anflüge von Verzweiflung oder Angst. Ich war tief beeindruckt. Was mich sehr verwunderte, war, dass ich während des ganzen Films nicht ein einziges Mal traurig wurde. Alles war irgendwie ein normaler Ablauf bei Gesine – Krankheit, Schmerz, nötige Vorbereitungen, Abschiedsgespräche, Tod; keine Panik, keine Verzweiflung – und ich wage zu sagen: keine Ängste.

Der Film zeigt aber auch ganz klar auf, dass es dazu anderer Menschen bedarf, die zur Seite stehen und absolut ehrlich der Sterbenden gegenüber sind – wie wichtig es ist, Freundinnen zu haben.

Wenn ich bedenke, mit wieviel Tabus der Tod und das Sterben belegt sind, mit welcher großen Anonymität, Entfremdung, ja sogar Lieblosigkeit die letzte Zeit eines Menschen oft verläuft, mit wieviel Ängsten der Sterbenden und noch mehr der Hinterbliebenen dieser Prozess besetzt ist, kann ich den Filmemacherinnen nur ein großes Danke für ihren Mut und ihre Sensibilität aussprechen.

Der Film wird bundesweit in Zusammenarbeit mit Selbsthilfe- und Hospizgruppen, mit Frauen- und Gesundheitsprojekten gezeigt. Auch auf DVD ist „Bilder die bleiben“ zu erwerben. Kontakt und Bestellungen unter: info@lebenskuenstlerinnen.de

Autorin: Hella Mansour
Redakteurin: Juliane Brumberg
Eingestellt am: 02.12.2008

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