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Rubrik leben

Vielehe als Wahlmöglichkeit

Von Dorothee Markert

Auch ich habe in letzter Zeit gedacht, dass es keinen Grund gibt, uns muslimischen Gesellschaften gegenüber überlegen zu fühlen, weil wir angeblich die Vielehe überwunden haben, die sie noch praktizieren. Dabei hatte ich gar nicht an die Patchwork-Familien gedacht, wobei mir Antje Schrupps Argumentation hierzu sehr einleuchtet.

Mir kam dieser Gedanke, als ich eine Frau kennenlernte, die in einer heimlichen Zweitfamilie aufgewachsen ist, mit einem liebevollen Vater, der fast täglich zu Besuch kam, über den aber natürlich nicht in der Öffentlichkeit gesprochen werden durfte. Während es zuhause Liebe, Respekt und Wertschätzung für die Mutter gab, wurde sie „draußen“ als Frau mit einem unehelichen Kind bedauert oder verachtet. Kurz darauf erzählte mir eine andere Frau, dass vor dem Tod ihres Vaters im Krankenhaus eine Zweitfamilie aufgetaucht sei, von deren Existenz sie nichts gewusst hatte. Beim Gespräch mit der Krankenhausseelsorgerin erfuhr sie, dass dies sogar ziemlich oft vorkommt.

Denken wir an die zahlreichen heimlichen Liebesverhältnisse, die nicht zu einer Trennung der vorgeblich monogamen Hauptbeziehung führen, so haben wir in Wirklichkeit die Vielehe nicht nur seriell, sondern auch parallel. Doch während es bei der in islamischen Ländern praktizierten Vielehe eine Reihe von Vorschriften gibt, an die sich die Männer halten müssen – sie müssen die Frauen möglichst gleich behandeln und mit jeder Frau mindestens einmal pro Monat ins Bett gehen, damit sie die Chance hat, schwanger zu werden (denn mit jedem weiteren Kind, vor allem wenn es ein Sohn ist, steigt ihr Ansehen) – so gibt es für die Zweitfrauen (und auch für die Zweitmänner) hierzulande keinerlei Anerkennung und Schutz, während die offiziell monogamen Erstbeziehungen durch Verbergen, Lügen und dem damit verbundenen Vertrauensbruch ebenfalls vergiftet werden.

Offen zu ihrer nichtmonogamen Lebensweise stehen dagegen viele schwule Männer. Als ich mich zusammen mit ihnen politisch für die gleichgeschlechtliche Ehe einsetzte, hat es mich sehr befremdet, dass sie in Zeitungs-Interviews über die Tatsache sprachen, neben dem meist gleichaltrigen Partner auch noch Beziehungen zu jüngeren Männern zu haben. Dass man die Ehe wollen könne, ohne monogam leben zu wollen, konnte ich nicht nachvollziehen. Auch dachte ich, dies müsse unserer Kampagne doch schaden. Sogar ein schwuler Pfarrer, in dessen Wohnung ich während eines Arbeitstreffens übernachtete, machte keinen Hehl daraus, dass auch er nicht monogam lebte, obwohl sein Partner mit ihm im Pfarrhaus wohnte. Der Sänger der Band „Rosenstolz“, der mit seinem Song „Ja, ja, ich will für uns das Hochzeitsfest“ die Kampagne für die gleichgeschlechtliche Ehe unterstützte, hatte kein Problem damit, sich gleichzeitig öffentlich als „promisk“ lebend zu bezeichnen. In lesbischen Beziehungen haben wir eher die serielle Form der Vielehe: Oft bleiben die Ex-Partnerinnen ein Leben lang nahe Freundinnen, die bei allen Festen und manchmal sogar im Urlaub dabei sind und alle zusammen eine Art Großfamilie (mit allen Vor- und Nachteilen) bilden.

Ich plädiere in Ergänzung zu Antje Schrupps Vorschlag dafür, von serieller oder paralleler Vielehe zu sprechen anstatt von serieller Monogamie oder von Liebesverhältnissen und Fremdgehen. Ein offener Umgang damit eröffnet auch Gestaltungsmöglichkeiten, Absprachen und Regelungen, die das Zusammenleben erleichtern können. Es könnte zu „erspartem Leiden“ (Luisa Muraro) führen, wenn Frauen und Männer die Wahl bekommen, sich offen für eine monogame oder eine polygame Lebensweise zu entscheiden. Denn dann könnten sie auch leichter den Partner oder die Partnerin finden, der oder die mit der jeweils bevorzugten Lebensweise einverstanden ist.

Die Frage ist nur, wovon dann Vorabendserien im Fernsehen, Liebesfilme und Liebesromane noch handeln sollen …

Autorin: Dorothee Markert
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 18.01.2009

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Tobias Straub sagt:

    viels lieben im Leben

    Wir können wohl vieles lieben (Eltern, Kinder, Beruf), aber nur eine(r/m) unser Herz ’schenken‘. Wenn einen geschlechtliche Liebebeziehung zwischen zwei Menschen schon schwierig ist, dann erst recht wischen 3, 4…

    Mag sein, dass das für oberflächliche Menschen, oder für solche, in denen Neid und Eifersucht nicht vorhanden sind, funktioniert. Also für Ausnahmefälle. Es entspricht aber nicht der Natur des Menschen. Natürlich kennen wir viele Variationen im menschlichen Charakter. Nur muß man sie vom Wesen des Menschen an sich unterscheiden. Eine geradezu politische Handlung wäre es, das für die Gesellschaft zu proklamieren.

    Wichtiger wäre es die Menschen überlegen und erproben zu lassen, wie sich Beziehungen zu zweit für beide möglichst glücklich gestalten lassen.

    Solche Themen unterbrechen zugegeben die Langweile und dienen der Unterhaltung. Darin liegt allein ihr Nutzen.

  • Julia sagt:

    Hallo Tobias!

    So ein Blödsinn! Warum sollten wir nicht mehreren Menschen „unser Herz schenken“ können. Warum ist die Liebe, die wir unseren Kindern oder Eltern entgegenbringen können, mehrfach vorhanden, die zur_m Partner_in aber nicht?

    Viele Grüße, Julia

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