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Weibliche Bilder des Göttlichen finden

Von Bettina Schmitz

Über Gertrude Raven Crossiers Buch „Psychotherapie im Raum der Göttin“

Psychotherapie im Raum der Göttin„[…] damit weibliches Bewusstsein schöpferisch in der Welt wirken kann, brauchen Frauen und Männer weibliche Bilder des Göttlichen, gleichgültig ob innerhalb oder außerhalb der Kirchen.“

Sinnliche Venus, Leben spendende Urmutter oder Rachegöttin? Von welchem Frauenbild fühlen wir uns angezogen? Inspirieren angehende Top Models, die sich beim Pole Dance anzüglich an einer Stange reiben, unsere Sehnsucht nach weiblicher Erotik?  Die Phase, in der Frauen ihre Unterdrückung Männern zum Vorwurf gemacht haben und sich als Opfer fühlen konnten, ist zumindest in den westlichen Gesellschaften prinzipiell vorbei. Unter den Folgen der Unterdrückung von Weiblichkeit aber leiden Frauen und Männer, wie wir heute wissen.  In einer Kultur, die sich lange Zeit ein Bild von Gott als Vater gemacht hat, ist der Bezug auf weibliche Aspekte des Göttlichen angesagt. Diese Neuorientierung wirkt sich auf alle Bereiche des Lebens aus. Gebiert das Wiedererwachen weiblicher Kräfte wilde Frauen, vor denen wir uns fürchten müssen? Oder werden heilsame Energien freigesetzt, die eine notwendige Veränderung der Gesellschaft unterstützen?

Es ist fast nicht möglich, Gertrude Croissiers reichhaltiges Buch unabhängig von ihrer Person und vom persönlichen Erleben zu besprechen. Selbstverständlich enthält Psychotherapie im Raum der Göttin eine Fülle unschätzbar wertvoller Informationen über die in unseren Gesellschaften verdrängte Weiblichkeit. Auf seine Weise ist das Buch eine späte Fortführung von Christine de Pizans Geschichte von der Stadt der Frauen. Doch Croissier ist nicht so sehr am Ruhm vergessener Frauen interessiert als vielmehr an der Pflege einer allumfassenden Heilkraft für Männer und Frauen. Deshalb geht es ihr auch nicht darum, einzelne Frauen herauszustellen sondern das weibliche Bewusstsein insgesamt zu stärken.

Die vier Teile des Buches beleuchten unterschiedliche Aspekte eines Aufhellungsprozesses: „Teil I. Mutter-Heilung“ beschäftigt sich nicht nur mit dem, was Frauen, Müttern in der Vergangenheit angetan wurde und noch immer angetan wird, sondern auch mit der schwer einzugestehenden Schuld, die gerade Frauen darüber empfinden, dass sie diese Verbrechen nicht haben verhindern können. Das zur Kenntnis zu nehmen, nicht nur intellektuell sondern mit allen Zellen, ist eine Herausforderung, vor der Raven Croissier zurecht warnt. Das Kapitel könne zunächst auch übersprungen werden, wenn eine/r sich noch nicht bereit fühle, schreibt sie zu Beginn unter „Hinweise zum Gebrauch des Buches“. Nicht nur an dieser Stelle zeigt sie sich als erfahrende Therapeutin, die nicht „über ihre Klient/innen“ schreibt, sondern diese häufig in Berichten, Gedichten und Gemälden selbst zu Wort kommen lässt. Auch ihr eigener Heilungsprozess ist einer der Fäden durchs Buch.

Teil II ist der „Angst vor der Weiblichen Urkraft“ gewidmet. Schutzpatron ist Pluto als Motor jeglichen Heilungs- und Transformationsprozesses, der – wie in den orphischen Mysterien besungen – dabei hilft „kühnbeherzt die Dunkelheit zu durchschreiten“ (S 153). Als Schattenbilder  des Großen Weiblichen zeigt Gertrude Croissier Schlange, Katze, Spinne, Kröte etc. – archetypische Bilder, wie sie auch in ältesten Darstellungen bereits auftauchen. Der letzte Abschnitt ist der Angst der Frau vor weiblicher Macht gewidmet.

Beginnend mit den Amazonen als Ur-Bildern weiblicher Kraft geht es in Teil III um „Die Geschichte der wilden Frau“.  Den ersten Abschnitt beendet eine Anleitung, das Vermächtnis der Amazonen in uns selbst zu aktivieren. Solche Anleitungen runden die Darstellung immer wieder ab. Besonders beeindruckend die allererste zu Beginn des Buches „Das Gefäß des Lebens erschaffen“. In diesem vorgestellten Gefäß, nämlich uns selbst, dürfen wir große Gefühle halten, anstatt sie mit zusammengebissenen Zähnen aushalten zu müssen, wie viele von uns es gelernt haben. Große Erschütterungen, Verletzungen, Unglück, aber auch Glück und Fülle zu halten, diese Fähigkeit müssen wir uns erst wieder aneignen. Doch zurück zu Teil III, der Geschichte der wilden Frau. Diesen Teil beschließt das Kapitel über die Inquisition als systematischer Feldzug zur Vernichtung der wilden Kräfte.

Gisela Schreiber und Lisa Kuttner

Gisela Schreiber und Lisa Kuttner gründeten in Würzburg die Reihe beWEGEn zusammen mit Bettina Schmitz, die das Foto machte.

Passend hierzu beginnt der vierte Teil „Wilde Kräfte – Im Dienste des Lebens“ mit dem Kapitel „Die Hexen sind wieder unter uns“. Dieses letzte Kapitel macht in besonderem Maße deutlich, wozu das ganze Werk gedacht ist, geprägt von dem Bewusstsein, dass das individuelle Leid, das Leid einzelner Frauen nicht zu trennen ist von der kollektiven Leidensgeschichte von Weiblichkeit. Diesem können wir aufträumend begegnen. Aufträumen ist eine Methode, mit diesem Leid ‚aufzuräumen‘. Es nimmt kulturelle Bilder und Nachwirkungen aus der Vergangenheit auf, aktiviert die eigene Fähigkeit Geschichten zu bilden und sich im Bewusstsein der Verbundenheit aller Menschen mit den Menschen der Vergangenheit und ihrem Leid zu identifizieren. Solche Erinnerungen, die in uns aktiv sind, können wir nochmals erleben, ohne an ihnen zugrunde zu gehen oder verrückt zu werden. Sie stattdessen im „Gefäß des Lebens“ zu halten, hilft dabei, sie  mit der Unterstützung anderer zu wandeln. Die Geschichten wieder und wieder erzählen, bis sie passen. Mit der Hexe und dem wilden Kind in uns können wir die Erinnerung ans Mutterland lebendig halten und endlich nachhause kommen.  Das bedeutet Heilung, Heilung nicht nur für Männer und Frauen sondern im ganzheitlichen Bewusstsein aller Kreatur und der gesamten Schöpfung.

Im Rahmen der Reihe beWEGEn* las Gertrude Raven Croissier am 16. Mai 2009 im bewegungs raum in Würzburg aus ihrem Buch. Der bewegungs raum wurde ins Leben gerufen, nicht nur für Körperarbeit und Körpertherapien, sondern auch um das Leben immer wieder von einer anderen Seiten zu betrachten, das Bewusstsein zu erweitern, zum Beispiel durch Philosophie und Poesie, und so eine ganzheitlichen Entwicklung zu unterstützen. Gertrude Raven Croissier passt ausgezeichnet in diesen Raum. Ihr Ansatz kann sich nur in der Praxis, in der eigenen gelebten Erfahrung verwirklichen, indem die Verletzungen von Weiblichkeit, deren Auswirkungen bis in die Gegenwart reichen, aufgeträumt werden. Die Frauen und Männer, die zur Lesung aus Psychotherapie im Raum der Göttin gekommen waren, konnten erleben und am eigenen Leib (und Geist) spüren, wie ein Feld der Heilung sich bildete und machtvolle weibliche Kräfte unmittelbar auf die Zuhörerinnen wirkten. Wir dürfen schon gespannt sein auf ihr nächstes Buch, das den Gedanken der Heilung aufgreift, nicht mehr speziell bezogen auf  Weiblichkeit sondern im Sinne eines allumfassenden Bewusstseins. Die Rezensentin freut sich besonders auf Wechselbeziehungen zwischen der Weisheit der Heilung und des Eros …

*  die Reihe beWEGEn wurde gegründet von Gisela Schreiber, Lisa Kuttner und Bettina Schmitz

Gertrude Raven Croissier, Psychotherapie im Raum der Göttin. Weibliches Bewusstein und Heilung, fabrica libri 2007, ca. 430 Seiten, 32, – Euro

Autorin: Bettina Schmitz
Redakteurin: Ursula Pöppinghaus
Eingestellt am: 06.06.2009

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