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Abschied von der Logik des Selben

Von Ina Praetorius

Vor 25 Jahren erschien Luce Irigarays „Ethik der sexuellen Differenz“

Luce Irigaray

Luce Irigaray diskutiert mit Studentinnen bei einem Seminar im Juni 2007. Foto: Laura Green

Im Jahr 1984, also vor fünfundzwanzig Jahren, ist in Paris ein Buch erschienen, das  seither die Welt bewegt wie kaum ein anderes. Das Buch heißt „Ethique de la Différence Sexuelle“ und enthält zwölf Vorlesungen, die die belgisch-französische Philosophin und Psychoanalytikerin Luce Irigaray im Wintersemester 1982 in Rotterdam gehalten hat. Im Jahr 1991 ist es in deutscher Sprache im Suhrkamp Verlag erschienen, als „Ethik der sexuellen Differenz“.

Nur wenige haben das kleine gelbe Buch selbst gründlich gelesen. Weder zur französischen noch zur deutschen Ausgabe gab es eine zweite Auflage. Zu kompliziert, zu unzugänglich sind vielen Leserinnen und Lesern die Gedankengänge der feministischen Denkerin, die angesichts der ungelösten Geschlechterfrage eine radikale Umwälzung unserer gesamten Kultur für notwendig hält und gleich selbst einleitet. Irigaray entwickelt ihre zukunftsschwangeren Ideen fast immer im Dialog mit den „großen Denkern“ des Abendlandes, mit Sigmund Freud und Jacques Lacan zunächst, in der „Ethik“ dann mit Platon und Aristoteles, Descartes und Spinoza, Merleau Ponty und Lévinas. Wer Irigarays Bücher verstehen will, müsste also eigentlich auch alle diese Denker kennen, und das ist viel verlangt.

Den 25. Geburtstag der „Ethik“ sollten wir trotzdem ausgelassen feiern. Denn zusammen mit „Speculum“ und anderen Texten Irigarays hat das Buch nichts weniger als eine neue Frauenbewegung in Gang gesetzt: in Italien zuerst, dann auch in Deutschland, den Niederlanden, Amerika und inzwischen wohl auf der ganzen Welt.

Was ist so besonders an Irigarays Denken?

Schon in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als ihr erstes umstrittenes Hauptwerk „Speculum“ (auf Französisch 1974, auf Deutsch 1980) erschien, wusste sie: Gleichberechtigung ist kein Ziel in sich, sondern allenfalls Begleiterscheinung einer viel weiter reichenden politischen und kulturellen Umwälzung. Die entscheidende Wende wird nicht durch die üblichen Gleichheitsforderungen der Frauen eingeleitet, auch wenn die dazugehören. Sie  beginnt vielmehr mit dem Andersdenken der Geschlechterdifferenz und damit der gesamten Wirklichkeit.

Das Denken, in dem wir uns täglich bewegen, ist nämlich unfähig, zwei – oder mehrere – Geschlechter zu repräsentieren. Zwar gibt es die Wörter „Mann“ und „Frau“. Aber das Weibliche kommt in der gegebenen symbolischen Ordnung nicht als das zur Darstellung, was es ist: ein unangleichbar Anderes Menschliches. Vielmehr wird „die Frau“ systematisch dem Mann subsumiert, auch dann noch, wenn sie „gleich“ ist: Sie erscheint als „gleich wie…“, als „anders als…“, „mehr als…“ oder „weniger als…“, mithin niemals als eigenständiger Maßstab, an dem sich die unzähligen voneinander verschiedenen Frauen messen könnten. Wegen dieser Unfähigkeit, Zwischenräume zwischen sich und Anderen zu respektieren und verschiedene Logiken zuzulassen, ist die vergehende symbolische Ordnung des Patriarchats dazu verurteilt, sich auf die Welt zerstörerisch auszuwirken.

Irigaray hält also den Abschied von der mann-menschlichen, nur scheinbar neutralen und objektiven „Logik des Selben“, für eine epochale Aufgabe, deren Wirkungen weit über die sogenannten „Frauenfragen“ hinaus reichen. Dieser Abschied ist harte Arbeit, erzeugt immer wieder Schwindelgefühle und ist doch mit Abstand das Wichtigste, das wir zu tun haben, weil er alles, was wir handelnd unternehmen, in einem neuen Licht erscheinen lässt. Irigaray schreibt:

„Die sexuelle Differenz stellt eine der Fragen oder die Frage dar, die in unserer Epoche zu denken ist. Jede Epoche hat – Heidegger zufolge – eine Sache zu ‚bedenken’. Nur eine. Die sexuelle Differenz ist wahrscheinlich diejenige unserer Zeit. Diejenige, die uns, wäre sie gedacht, die ‚Rettung’ bringen würde? Aber ob ich mich der Philosophie, der Wissenschaft oder der Religion zuwende, diese Frage wird ständig verdeckt, immer beharrlicher im Verborgenen gehalten. Wie eine Problematik, die die vielfältigen Formen der Zerstörung der Welt aufhalten und einem Nihilismus Einhalt gebieten könnte, der seine Bestätigung lediglich in der Umkehrung schon existierender Werte und deren monotoner Vervielfachung erfährt: Konsumgesellschaft, Zirkularität des Diskurses, mehr oder weniger bösartige Krankheiten unserer Epoche, Untauglichkeit der Worte, Ende der Philosophie, religiöse Verzweiflung oder Rückfall in Religiosität, wissenschaftlicher und technischer Imperialismus ohne Berücksichtigung des lebendigen Subjekts usw. Die sexuelle Differenz würde den Horizont einer noch unbekannten Fruchtbarkeit eröffnen…“ (11)

Luce IrigarayIrigaray fordert uns also heraus, die Geschlechterdifferenz – und damit alles, das Ganze – jenseits, oder vielleicht besser: diesseits der Gewohnheiten, die man uns in Schulen und Universitäten, Medien, Religionen und offiziellen Politiken ununterbrochen als die normalen und einzig richtigen andient, noch einmal von vorne zu denken. Unermüdlich stellt sie Zusammenhänge her zwischen den scheinbar begrenzten so genannten „Frauenfragen“ und all den anderen Problemen, die uns in der Gegenwart beschäftigen. Erst wenn wir solche Zusammenhänge erkennen und durchdenken, haben wir, so Irigaray, die Chance, die nachhaltigen Veränderungen zu bewirken, die wir uns wünschen.

Ausgangspunkt der notwendigen „kopernikanische(n) Revolution“ (Speculum, 169) im Denken  könnte die Ur-Tugend des philosophierenden Menschen sein: das Staunen angesichts des Vielen, das ich nicht verstehe. Bei allen abendländischen Denkern, mit denen Irigaray sich befasst, findet sie Ansätze für das, was sie sucht, jedoch fast immer am Rande und vor allem: nicht dort, wo das Staunen in erster Linie hingehören würde, nicht in den Ausführungen über die Beziehungen zwischen den Geschlechtern.

Am Anfang von Platons „Gastmahl“ zum Beispiel ist der Gedanke einer nicht festlegenden Erkenntnis in der Intervention der abwesenden, nur in Sokrates’ Worten präsenten Diotima noch da: der Eros erscheint als beständige Vermittlung, die sich nicht verzwecken lässt zum Vehikel von Definitionsmacht. Auch Aristoteles’ Physik des Ortes könnte, würden ihre sexuellen Untertöne mitbedacht, Anknüpfungspunkte für eine Ökonomie der Leidenschaften bieten, die das Weibliche nicht länger zur bloßen Materie degradieren würde, über die hinweg das männliche Formprinzip seine Beheimatung in einem unzugänglichen Göttlichen sucht. Descartes hat die Leidenschaft der „admiration“, des Staunens, als den Anfang des Erkennens und Denkens bezeichnet: die Leidenschaft der ersten Begegnung, von der er dann allerdings meint, sie solle der Jugend vorbehalten bleiben und sich möglichst bald verwandeln ins übliche zweifelsfreie Bescheidwissen des gefestigten virilen Subjekts. Spinozas Begriff von Gott als einer sich selbst umschließenden notwendigen Wesenheit ließe sich, weitergedacht in menschliche Bezogenheit hinein, öffnen auf ein nicht vereinnahmendes Verständnis von Gottes- und Nächstenliebe. Merleau-Ponty ahnt, dass es in der Philosophie einen Neuanfang, eine Rückkehr in vorsprachliche Erfahrungsräume brauchen würde, um neuen Sinn zu finden, und dennoch verfängt er sich wieder im Herkömmlichen, weil er vom Primat des Sehens und Sprechens nicht lassen kann. Lévinas schließlich entdeckt endlich das Weibliche als unverfügbares Gegenüber – und nimmt ihm doch wieder seinen Eigensinn, indem auch er nicht mit wirklichen Frauen rechnet, die – im Plural! – für sich selbst sprechen.

Verheißungsvolle Anfänge sind in der Geschichte des Denkens also immer wieder steckengeblieben im Willen zur Macht. Die „Ethik der Leidenschaften“, die Andere und Anderes achtet, begehrt, berührt, ohne die bleibenden Zwischenräume zu zerstören, steht weiterhin aus:

„Bleibt etwas von der Verwirklichung der sexuellen Differenz … noch unausgesprochen oder ist nicht übermittelt worden? Noch wartend in dem Schweigen, das über einer Geschichte liegt, die das Wesentliche darstellen würde? Eine Energie, eine Morphologie, ein Wachsen und Erblühen, die für das Weibliche noch in Erscheinung treten müssen? Öffnung zu einer noch und immer offenen Zukunft? Die Welt bleibt ratlos angesichts dieser eigentümlichen Ankunft.“ (28)

Seit Luce Irigaray diese Sätze geschrieben hat, ist ein Vierteljahrhundert vergangen. Ein neues Jahrtausend ist angebrochen. Sind wir der „eigentümlichen Ankunft“ einer Kultur, die das Weibliche nicht mehr vom Männlichen, das Differente nicht mehr vom Selben ableitet, sondern fähig ist, „Zwei“ und „Viele“ zu denken, näher gerückt? Ich meine, ja: Viele Menschen wissen heute nicht mehr, was oben und was unten, was Mann und Frau, Gott und Welt, Wissenschaft und Glaube, schwarz und weiß ist. Solche  Verunsicherung, so unangenehm sie sich zuweilen anfühlen mag, ist ein Fortschritt, sofern sie sich nicht als moralische Beliebigkeit, sondern als Schritt auf dem Weg in eine noch nicht sichtbare, aber herannahende postpatriarchale Ordnung des Zusammenlebens versteht.

Und vor allem: Frauen haben sicht- und spürbar angefangen, (sich) selbst und gemeinsam zu denken, immer weniger beeindruckt vom zwanghaften Durchblick der Herren, die noch immer zu wissen meinen, was Weiblichkeit ist, und doch längst ins Leere greifen, weil von dort, wo sie die Frauen vermuten, längst der Exodus in ein anderes, besseres Land stattgefunden hat.

Es bleibt noch viel zu tun. Aber die Anfänge sind gesetzt. Ich weiß nicht, wer und wo ich heute wäre, gäbe es Luce Irigarays geheimnisvoll zukunftsschwangere Texte nicht. Ich lese sie immer wieder, entdecke jedes Mal Neues und werde immer dankbarer…

Autorin: Ina Praetorius
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 02.11.2009

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Bettina Baeumler sagt:

    Heidegger

    Habe gerade im Rahmen eines Buches mich mit Heidegger beschäftigt und bin etwas verstört, dass er im Text als ein Baustein für die Grundlage der Gedanken verwendet wird. Kann mir das wer erklären? Was hat sie denn an seinen Gedanken so fasziniert?

  • Ina Praetorius sagt:

    Alles ist faszinierend…

    Irigaray ist eine akribische und leidenschaftliche Sucherin, die sich nicht so schnell von dem Gedanken abbringen lässt, dass ein Gedankensystem – wie zum Beispiel das von Heidegger – nicht „zu ihr passt“. Sie sucht lange und intensiv, bis sie irgendeinen Gedanken findet, den sie aufgreifen und weiterspinnen kann. Das macht ihr Denken für mich so wunderbar unberechenbar und facettenreich – bei gleichzeitiger strenger Fokussierung auf ihr Eigenes, das Projekt der Dekonstruktion des virilen Subjekts. Was sie bei Heidegger ausser diesem mir einleuchtenden Gedanken, dass jede Zeit im Grunde nur EIN Thema hat, sonst noch gefunden hat, weiss ich gerade nicht. Aber vermutlich hat sie auch in seinem verschrobenen Werk Tiefenbohrungen vorgenommen, die Erstaunliches zutage fördern.

  • Sandra Divina Laupper sagt:

    Sehr geehrte Frau Praetorius, vielen, vielen Dank für Ihren Beitrag. Er hat mir genau jene Informationen zu dem Text von Irigaray (der leider nicht mehr im Handel ist) eröffnet, die ich brauchte! Viele liebe Grüße,Sandra

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