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Rubrik erinnern

Erinnerung an Lisa Fittko

Von Christiana Puschak

Eine selbstlose und mutige Kämpferin

Lisa FittkoSich an Lisa Fittko zu erinnern, heißt an eine Frau zu erinnern, die Solidarität lebte, Zivilcourage zeigte und Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur leistete.

Wie ein roter Faden durchzieht die Überzeugung, etwas verändern zu können, ja verändern zu müssen, ihr Leben. Getragen wird ihre Überzeugung von den Ideen und dem Geist des Sozialismus und sie fühlt sich zeitlebens dem Ideal der Mitmenschlichkeit verpflichtet. Ihr Handeln ist von Selbstlosigkeit und Uneigennützigkeit geprägt.

Bereits in den 20er Jahren engagiert sich die 1909 als Elizabeth Eckstein im heute ukrainischen Uzgohrod Geborene politisch in einer Jugendgruppe, eine Einstellung, die sicherlich durch die Haltung ihres Vaters beeinflusst war, der während und nach dem Ersten Weltkrieg eine Antikriegszeitschrift herausgab. Wachen Auges gegenüber sozialen Spannungen im Berlin der ausgehenden Weimarer Republik nimmt sie aktiv an Demonstrationen teil: „In diesem Berlin gab es immer mehr Arbeitslose, immer mehr Hunger. Braune Horden ermordeten rücksichtslos ihre politischen Gegner und versuchten die Stadt zu terrorisieren. Doch das Berlin meiner Erinnerung blieb auch weiterhin schön und glücklich, wir waren bereit, es gegen die Nazi-Gefahr zu verteidigen.“ Diese Bereitschaft, etwas unternehmen zu müssen, setzt sich fort, als 1933 die Nationalsozialisten an die Macht gelangen. In ihrem Buch Solidarität unerwünscht gibt sie Einblick in die Welt der Bedrohungen und Verhaftungen, der Bespitzelungen und Denunziationen, der Folterungen und Hinrichtungen, aber auch die des Widerstandes aus dem Niemandsland: Sie schreibt und verteilt Flugblätter, errichtet ein Netzwerk, setzt ihr eigenes Leben aufs Spiel: „Angst dürfen wir jetzt nicht haben, Angst lähmt, und man muß jetzt unsere Stimmen hören.“ Erst als ihre Verhaftung bevorsteht, flieht sie im Herbst 1933 über Leitmeritz nach Prag: „In Prag waren viele hundert Emigranten … – das halbe romanische Cafe.“ Dort lernt sie ihren zukünftigen Ehemann Hans Fittko kennen, der „wegen ’geistiger Urheberschaft’ eines Mordes an einem SA-Mann … in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden (war).“ Mit ihm verfasst sie Artikel, Flugblätter und Aufrufe an das deutsche Volk und organisiert „den Transport der Literatur ins Reich“. Auf Druck deutscher Behörden werden sie aus der Tschechoslowakei ausgewiesen und gehen in die Schweiz nach Basel, um von dort aus ihre Aktivitäten fortzusetzen. Auch hier droht ihnen Gefahr, als Behörden der Schweiz einem Auslieferungsbegehren der Gestapo für Hans Fittko stattgeben. Rechtzeitig flüchten sie nach Holland, wo sie ihre Arbeit unermüdlich fortsetzen und über Kontaktpersonen Publikationen wider die Nazi-Diktatur ins Deutsche Reich schmuggeln.Verhaftungen einiger ihrer Kontaktpersonen veranlassen sie, nach Paris zu gehen, einer Stadt voller Menschen ohne Arbeitsrecht und oft sogar ohne Aufenthaltsgenehmigung: „Ja, wie lange würde das für uns noch dauern? … doch  was auch immer geschehen würde, wir würden nie aufgeben, Widerstand zu leisten.“

Finanzielle Sorgen, beengte Wohnverhältnisse, Streitigkeiten unter den Exilanten wie eine latente „Fremdenpsychose“ bei der französischen Bevölkerung bestimmen den Alltag. „Bei Ausbruch des Krieges waren wir in Frankreich, und mit dessen Niederlage saßen wir mit Zehntausenden von deutschen Emigranten in der Falle.“

Von der französischen Regierung werden die Exilierten zu „feindlichen Ausländern“ erklärt und im September 1939 in Sammellager verschleppt und interniert: Hans nach Vernuche und Lisa nach Gurs. Aus diesem Frauenlager gelingt ihr zusammen mit einigen anderen Frauen wie Anja Pfemfert, Martha Feuchtwanger und Hannah Arendt mittels gefälschter Papiere die Flucht. Sie schlägt sich bis nach Toulouse durch, trifft im nahe gelegenen Montauban ihren Mann wieder und gemeinsam gelangen sie nach Marseille, wo Unzählige auf Pässe, Visen und Schiffspassagen zur Ausreise warten.

Nach Bekanntwerden des Artikels 19 des Waffenstillstandsvertrags zwischen Deutschland und der Vichy-Regierung, der auf Verlangen die sofortige Auslieferung von deutschen Flüchtlingen im unbesetzten Frankreich zum Inhalt hat, planen Lisa und Hans die Flucht über die Pyrenäen: „Wir ergeben uns nicht. Wir haben eine Aufgabe. Unsere Aufgabe ist jetzt, aus dieser Falle zu entkommen. Wir müssen uns selber retten … wir müssen versuchen, uns gegenseitig zu retten.“ Lisa erkundet die Grenzregion, sucht Verbindungen herzustellen und Grenzwege ausfindig zu machen. In Banyuls-sur-Mer trifft sie auf Azéma, den Bürgermeister des Ortes, der ihr von einem alten Schmugglerweg, „er nannte ihn la route Lister“, über die Berge berichtet und Unterkunft und Verpflegung sichert.

Statt selbst zu fliehen, übernehmen Lisa und ihr Mann die Aufgabe, Gruppen von drei bis vier Personen bis zu dreimal die Woche von Banyuls-sur-Mer zur spanischen Grenze zu bringen, unter ihnen den Philosophen Walter Benjamin. Benjamin, der Probleme mit dem Herzen hat, entwickelt eine Theorie, wie er die Strecke zu bewältigen vermag, nachzulesen in „Mein Weg über die Pyrenäen“: „Ich mache in regelmäßigen Abständen Halt – die Pause muss ich machen, bevor ich erschöpft bin. Man darf sich nie völlig verausgaben.“ Das Allerwichtigste aber ist ihm seine Aktentasche: Ich darf sie nicht verlieren. Das Manuskript muß gerettet werden. Es ist wichtiger als meine eigene Person.“ Nach erfolgreichem Grenzübertritt verabschiedet sich Lisa von ihm und ist erleichtert, ihn und sein Manuskript in Sicherheit zu wissen. Erst später wird sie erfahren, dass dies Benjamins letzter Weg war. Er, der jede Möglichkeit bedachte, nimmt sich das Leben, als er von den spanischen Grenzwachen erfährt, dass sich die Bestimmungen geändert hätten und er nach Frankreich zurückgeschickt werden könnte.

In Zusammenarbeit mit Varian Fry und dem Emergency Rescue Committee können auf diesem Weg viele Gefährdete gerettet werden. Ab April 1941 werden alle Rettungsaktionen unterbunden, da allen Personen, die keine gebürtigen Franzosen sind, der Aufenthalt in der Grenzregion untersagt wird.

In dieser Lage nehmen Lisa und Hans Fittko Varian Frys Angebot zur Überfahrt nach Kuba an. Das kubanische Exil sollte sich als eine Zeit der Hoffnung und Enttäuschung erweisen.
Nach Kriegsende planen Lisa und Hans nach Deutschland zurückzukehren: „Natürlich wollten wir zurückgehen, wir alle, wir politische Emigranten … Das war ja schließlich der Sinn der ganzen Emigration gewesen; sich am Leben zu erhalten,  um dann eben zurückgehen zu können.“ Aber eine schwere Erkrankung Hans Fittkos und die schlechte medizinische Versorgung in Kuba machen 1948 die Übersiedlung in die Vereinigten Staaten von Amerika notwendig: „Auf Kuba konnte nicht einmal eine Diagnose gestellt werden, man erklärte seinen Zustand mit den Jahren der Verfolgung, den Lebensbedingungen, dem Klima.“ Aber auch in den USA – „wir wollten ja keine Amerikaner werden, eigentlich. Nicht, weil wir Amerika hassen, aber wir hatten keinerlei besonderes Interesse daran“ – kann die medizinische Wissenschaft Hans nicht helfen. Er stirbt 1960.

In Amerika arbeitet Lisa als Sekretärin, Fremdsprachenkorrespondentin und in der Verwaltung der University of Chicago als Büroleiterin. Lisa wird zur Versorgerin ihrer Familie: ihres Ehemannes, ihrer Mutter und ihres Vaters, so dass ihr wenig Zeit für politisches Engagement bleibt. Politisch aktiv wird sie erst wieder während des Vietnamkriegs; sie wird Vorsitzende des Friedensrats in Chicago.

Dass Lisa Fittko ihre Erinnerungen in „Solidarität unerwünscht“ und „Mein Weg über die Pyrenäen“festhält, ist Benjamins Freund Gershom Scholem zu verdanken, der Lisa Fittkos Geschichte über Benjamins Flucht und seine Aktentasche zu publizieren gedachte, was sie aber ablehnte; stattdessen beginnt sie mit deren Niederschrift.

Ihre beiden Bücher erfahren große Resonanz: „Es gibt gewisse Bücher, … hinter denen eine der Weißen Rose würdige Lebensgeschichte steht. Lisa Fittkos Erinnerungen sind von dieser Art.“, so Jürgen Habermas in seinen kleinen politischen Schriften, publiziert unter dem Titel „Eine Art Schadensabwicklung“.
Sie wird mit Auszeichnungen und Ehrungen bedacht und erhält 1986 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. In einem Schreiben an den damaligen Bundespräsidenten bedankt sie sich für diese Ehrung, prangert aber zugleich die mangelnde Anerkennung der Widerstandsbewegung in Deutschland an. Zu Lebzeitenwird ihr in dem französischen Küstenort Banyuls-sur-Mer ein Denkmal gesetzt, auf dem ihr Name und der ihres Mannes eingraviert sind. Die Erinnerungsstätte ehrt die am 12. März 2005 in Chicago Verstorbene.

Sich ihrer Lebensgeschichte zu erinnern, sollte Mut geben, Solidarität als erwünscht den Erniedrigten, Geknechteten und Ausgestoßenen gegenüber zu zeigen, die keine öffentliche Stimme haben: „Der Traum von Frieden und Freiheit lebt überall.“

Literatur

Lisa Fittko: Mein Weg über die Pyrenäen, München 1985/2004, 336 S., 8,50 €

Lisa Fittko: Solidarität unerwünscht, München 1992, 224 S., 17,90 €

Autorin: Christiana Puschak
Redakteurin: Bettina Bremer
Eingestellt am: 18.01.2010

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