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Beziehungen der Ungleichheit

Von Antje Schrupp

„Precious“ – ein Film über das Begehren unter katastrophalen Bedingungen

Precious

Fett, ungeliebt, abgeschrieben: Ihre lakonische Darstellung von Precious brachte Gabourey Sidibe eine Oskarnominierung ein. Foto: css-Studios

Wie funktioniert eine Beziehung unter Ungleichen? Wie kann das Begehren auch unter katastrophalen Bedingungen einen Weg finden? Selten wurde diese Frage so dramatisch inszeniert wie in diesem Film.

Precious, die Hauptfigur, ist 16 Jahre alt. Das erste, was man an ihr wahrnimmt, ist, wie sie ungeheuer fett sie ist. Die Jugendliche lebt bei ihrer Mutter, die brutal und resigniert ist, von Sozialhilfe lebt und keine Gelegenheit auslässt, ihrer Tochter auf allerdrastischste Weise zu sagen, dass sie eine Schlampe, ein Nichts ist. Vom Freund der Mutter wird Precious regelmäßig vergewaltigt. Als sie zum zweiten Mal schwanger ist, fliegt Precious von der Schule. Die Sozialarbeiterinnen kriegen nichts aus ihr heraus, von ihrer Mutter werden sie an der Nase herum geführt. Dass Precious überhaupt überlebt hat, ist, so kann man vermuten, der Großmutter zu verdanken, die auch jetzt die Enkelin versorgt, deren Rolle aber leider im Nebulösen bleibt.

Um die Situation zu überleben, behilft sich Precious mit Phantasien vom „American Dream“. Sie träumt von einer Karriere als Star, imaginiert sich in Filmrollen hinein, und schottet sich ansonsten ab, versucht, nicht aufzufallen und sagt mehr oder weniger gar nichts.

Doch sie hat Glück. Ihr Mathematiklehrer hat erkannt, dass sie eigentlich begabt ist, die Schulleiterin vermittelt sie an eine Alternativschule. Dort trifft sie eine Lehrerin, der es gelingt, eine Beziehung aufzubauen.

Es ist weniger, was hier erzählt wird, als wie es erzählt wird, was den Film zu etwas Besonderem macht. Produziert und promotet wurde er von Oprah Winfrey, Künstlerinnen und Künstler wie Lenny Kravitz oder Mariah Carey sind in Nebenrollen zu sehen. Der Film, der auf dem Roman „Push“ der New Yorker Autorin Sapphire aufbaut, ist eine afroamerikanische Antwort auf das Versagen des „weißen“ Fürsorgestaates, der die „armen Schwarzen“ zu Objekten von Armutshilfe macht.

Als Alternative legt der Film, der Ende der 1980er Jahre spielt, „schwarze Selbsthilfe“ nahe. Blu Rain, die Lehrerin, steht für ein mittelständisches Milieu. Sie engagiert sich aus Liebe zum Unterrichten für die Alternativschule und ermutigt Precious, sich auszudrücken, ihre eigene Geschichte zu erzählen.

Das ist eine ganz ähnliche Antwort, wie sie die Frauenbewegung durch die politische Praxis der Beziehungen gefunden hat. Die Beziehung zwischen Blu und Precious ist von einer Ungleichheit geradezu astronomischen Ausmaßes. Die alternative Lebensweise der einen eröffnet der anderen Horizonte, die sie vorher nicht erahnen konnte, und die Erfahrung, dass sich die andere für sie interessiert, sie liebt, versetzt sie in die Lage, endlich das zu tun, was sie für richtig hält – in diesem Fall der Sozialarbeiterin von den Vergewaltigungen zuhause zu erzählen.

Als Precious nach der Geburt ihres zweiten Kindes aus der Wohnung ihrer Mutter flieht, kommt sie zunächst bei Blu und ihrer Lebensgefährtin unter. Eine besonders schöne Szene des Films zeigt, wie sie den beiden bei ihrer Unterhaltung zuhört, und kein Wort versteht. Aber sie versteht, dass die beiden „smart“ sind und dass ihnen etwas an ihr liegt. Denn es geht gar nicht darum, etwas Bestimmtes zu lernen. Die Ratschläge, die Blu ihr gibt – etwa den, das Baby zur Adoption freizugeben – befolgt Precious nicht. Sie passt sich nicht einfach dem mittelständisch-alternativen Lebensstil an, sondern sie wird tatsächlich das Subjekt ihrer selbst.

Ein sehenswerter Film, für den Gabourey Sidibe zu Recht für ihre Interpretation der Precious für den Oscar als beste Schauspielerin nominiert wurde und die Darstellerin ihrer Mutter, Mo’nique, den Oscar als beste weibliche Nebenrolle bekam.

Autorin: Antje Schrupp
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 18.03.2010

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