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Rubrik erzählen

„Du hast gar nichts Weibliches an dir“

Von Inga Wocker

Eine persönliche Erzählung

Kurzhaar

Foto: ooxoo/photocase.com

Du hast gar nichts Weibliches an dir.

Vor kurzem bin ich wieder mal in sehr drastischer Form kritisiert und abgeurteilt worden, von einem Mann. In diesem Moment ist es einfach an mir abgeprallt, ich weiß schließlich wie ich aussehe und wie ich wirke, aber einige Zeit später hat es mich trotzdem nachdenklich gemacht. Ich habe mich gefragt, ob da nicht vielleicht generell etwas falsch läuft:

Frauen wollen die gleichen Karrieremöglichkeiten wie Männer. Dazu ahmen sie „männliche“ Verhaltensweisen nach, kleiden sich überkorrekt, geben sich keinerlei Blöße, arbeiten mindestens 150-prozentig, sind nie krank, spielen meist eine Rolle.

Junge Mädchen sehen in der beginnenden Entwicklung ihres weiblichen Körpers eine Gefahr. Er wird ihr Feind, den sie bekämpfen müssen, lieber hungern sie, um nur ja keine Brüste und Rundungen zu bekommen, schneiden sich die Arme und andere Körperteile kaputt und weisen damit ein Frauenbild zurück, das sie größtenteils von außen vorgehalten bekommen.

Auf der Suche nach einem Partner verstecken Frauen oft ihre Klugheit und Intelligenz, um den Zukünftigen nicht zu verschrecken, sie leben in einer Beziehung, die für sie unbefriedigend ist, in der sie misshandelt oder geringgeschätzt werden und nicken noch demütig mit dem Kopf, weil sie glauben, nichts besseres verdient zu haben.

Was Weiblichkeit bedeutet, kann aber im Grunde genommen nur jede Frau für sich selbst herausfinden. Daher kann ich hier auch nur versuchen, meine eigenen Erfahrungen in diesem Prozess zu schildern. Vielleicht gelingt es damit jedoch wenigstens ein Stück, diesen Begriff wieder den Händen von Männern und der Gesellschaft zu entreißen und jeder Einzelnen zurückzugeben.

Als Kind hatte ich keine Vorstellung was es bedeutet eine Frau zu sein. Mein Grundschulfreund hatte ein kleines Teil, was mir fehlte, aber das störte weder ihn noch mich. In der 4. Klasse jedoch änderte sich das. Plötzlich wurden wir ausgelacht, ein echter Junge gibt sich doch nicht mit Mädchen ab, ich war schlagartig nur noch auf mein Geschlecht reduziert, alles andere zählte nicht mehr.

Ich „floh“ daher konsequenterweise auf eine Mädchenschule. Wieder war das Geschlecht egal, wir waren ja unter uns, hier hatte die Vielschichtigkeit Raum sich zu entfalten. Es gab Mädchen, die waren gut in Englisch und Deutsch, andere waren Mathe-Asse oder Sportskanonen, viele waren einfach nur mittelmäßig, hatten ein interessantes Hobby oder konnten gut zeichnen oder zuhören.

Zu Beginn meines Studiums geriet ich zufällig in eine fast reine Männerclique, weil sie Unikino anbot und sich hochschulpolitisch engagierte. Immer noch war mein Frausein für mich kein Thema, ich dachte gar nicht in diesen Kategorien. Ich wurde unfreiwillig zur „Quotenfrau“, um bei Hochschulwahlen auch Studentinnen anzusprechen, und bei allem was ich nicht konnte stand ich unversehens stellvertretend für das ganze weibliche Geschlecht. Ich kämpfte an gegen dieses spöttisch-überhebliche „typisch Frau“, wenn ich zum Beispiel nicht Motorradfahren wollte und Fußball langweilig fand, dabei hätte ich einige Klassenkameradinnen aufzählen können, die selbst Motorrad fuhren und echte Fans für irgendeinen Fußballverein waren.

Es gibt zuviele feste Bilder von Frausein, zuviele Schablonen, die mir entgegengehalten werden, denen ich entsprechen soll, die mir jedoch fremd sind, von außen aufgezwungen. In dieser Situation kann sich kein authentisches Frau-Ich entwickeln, ich glaube, bis heute ist es mir nur höchst bruchstückhaft gelungen, ein positives Bild von mir als Frau zu entwickeln.

Einfacher ist es da, Klischees und Bilder nur zurückzuweisen und ihnen ein hartes Nein entgegenzuschleudern. Das bedeutete für mich lange Zeit Rückzug, Verstecken der Weiblichkeit, innere Zerrissenheit und Feindschaft mit meinem weiblichen Körper. Ich trug Hosen, feste Stiefel, Pullies, die meine zum Glück ohnehin nur kleine Oberweite verbargen, kurze Blousonjacken, oft wurde ich für einen jungen Mann gehalten, was mir natürlich nur recht war.

Während einer Therapie, in der ich von meinem Therapeuten vielleicht zum ersten Mal einen Raum nur für mich bereitgestellt bekam, fand ich das erste Mosaikteil meines Frauseins: raspelkurz geschorene Haare – und selbst mein Therapeut sah darin nur wieder eine Negation des Weiblichen.

Inzwischen habe ich für mich noch weitere Mosaiksteine gefunden, Stärke und Kraft gehören dazu, Verantwortung übernehmen und Zuversicht, Fürsorge und Beschützerin sein, ja, auch Wut und Aggression, kämpfen wie eine Löwin, totale Einsatzbereitschaft. Viele Attribute werden sofort in männlich oder weiblich eingeteilt, doch sind sie meiner Meinung und meinem Empfinden nach erstmal völlig neutral, Farben, Gerüche, Klänge werden schließlich auch nicht einem bestimmten Geschlecht zugeordnet.

Meine kurzen Haare sind für mich immer noch ein Zeichen meiner Weiblichkeit, sie stehen für Klarheit und Direktheit, nichts wird vertuscht und beschönigt, im Gegenteil, ich zeige mich damit unmittelbar, ohne Maske. Ich habe mich selbst von sehr viel Überflüssigem befreit, so wie ich auch vom Stein alles wegschlage, um die Figur darin herauszuholen, eine Frau.

Die persönliche Frau in dir ist vielleicht ganz klein und verletzlich, die Angst davor, was passieren wird, wenn sie sich tatsächlich zeigt, ist manchmal riesengroß. Wenn wir uns jedoch nicht irre machen lassen von den Schablonen und Mustern um uns herum, die uns alle erzählen wollen, wie „Frau“ zu sein hat, dann ist der Weg offen für eine Vielfalt in allen nur vorstellbaren Farben und Formen, und die Welt wird aufleuchten.

Autorin: Inga Wocker
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 15.03.2010

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Monika Matheis sagt:

    du bist nicht weiblich…

    danke für diese einsichten!
    trifft es genau…ich bin 48 und
    habe eine Tochter von 11, die anfängt
    ihren Körper kritisch zu sehen…
    das beunruhigt mich total, ich wünsche
    mr so sehr, daß sie lernt ihren Körper
    zu lieben!
    Heute erst habe ich eure Seite durch
    einen Tipp entdeckt und bin dankbar,
    nichts braucht Frau heute mehr als
    andere Frauen die selbst denken!
    Hier werde ich öfter sein….
    Herzliche Grüße
    Monika

  • Stephanie Gogolin sagt:

    weiblich oder nicht

    … ein sehr guter Artikel. Ich habe ihn gleich nach dem Lesen verlinkt.

    Selbst wenn frau all ihre urweibliche Kraft und Verantwortung lebt, bedeutet dass nicht immer, dass sie sich selbst auch erkennt.

  • Anna Hoffmann sagt:

    Ist nicht jede Frau von Natur aus weiblich? Ich wünsche uns allen, dass wir einfach beginnen, in die uns gegebene Weiblichkeit zu vertrauen – sie ist einfach da, wir müssen sie nicht machen oder werden!
    Wir Frauen sind doch wunderbar weiblich, es gibt keine andere Weiblichkeit als in uns. Sie schwirrt nicht irgendwo „da draußen“ herum. Obwohl uns das oft vorgegaukelt wird in Form von tausenden scheinbaren Idealen und Vorbildern, die uns in den Medien und in den Köpfen begegnen.
    Wann kommen wir endlich zur Ruhe, lassen uns sein, wie wir sind? Wir sind doch wunderbar! Und das Weibliche in uns ist ganz von allein, es braucht uns gar nicht 😉
    Wenn wir Glück haben, können wir es sein lassen, es wahrnehmen ohne zu bewerten und einfach daraus schöpfen!

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