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Hrdy und andere große Mütter

Von Dagmar Margotsdotter-Fricke

Hrdy und andere große MütterNa endlich! Dieses Buch lüftet das bestgehütetste Geheimnis einer jeden patriarchalen Gesellschaft: die Bedeutung der Großmütter und (Groß-)tanten mütterlicherseits als wahre Hüterinnen des Wohlergehens aller – der Mütter, Kinder und Männer.

„Auf der Suche nach der Pleistozän-Familie“ findet die Anthropologin in spannenden Vergleichen zahlreiche Netzwerkmodelle, in denen Mütter ihre Kinder großziehen, nur nicht das Modell „Vater/Mutter/Kind“.

Vaterschaft ist zwar eine biologische Tatsache, hat aber laut Hrdy im sozial-biologischen Kontinuum so wenig Bedeutung, dass sie von Anfang an nur mit Hilfe nackter Gewalt und passender Ideologie behauptet werden konnte – nicht erst seit der letzten Frauenbewegung ein offenes Geheimnis. Ohne zimperlich zu sein, legt sie seitenlang den Finger auf die Wunde und fragt: Was ist los mit den Vätern? Gar nichts, noch nie gewesen, antwortet sie als Anthropologin. Und mit den Großvätern? Auch nichts.

In den meisten Fällen und Zeiten der Menschheitsentwicklung trugen Männer als Väter wenig zum Überleben von Kindern bei, wenn sie nicht sogar eher eine Bedrohung für die Kleinen waren. Patriarchat,[1] die Herrschaft der Väter, bedeutete für Mütter von Anbeginn an bis heute Angst und Schrecken, Not und Isolation, und damit für Kinder schlechte Überlebenschancen.

Aber Männer sind, wie die Wissenschaftlerin erinnert, weit weniger Väter, als dass sie immer Söhne sind und häufig Brüder und Cousins, d.h. Geschwister ersten und zweiten Grades.

Wir brauchen Männern also keinen Platz zu geben. Sie haben bereits einen, haben ihn in der Entwicklung der Menschheit immer gehabt: an der Seite ihrer Schwestern. Das patriarchale System zerstört genau diese solide und für Kinder so wichtige, nichtsexuelle Liebes- und Lebensverbindung zwischen den Geschlechtern, indem es die Mutter und ihre Schwestern und Brüder auseinanderreißt.

Jetzt, wo wir zusammen mit Frauen wie Hrdy dabei sind, Großmütter wieder ans Licht zu heben und ins Zentrum unseres Bewusstseins zu stellen,[2] könnten wir die alten Mütter ja einmal fragen, wo ihre Söhne sind, ihre Brüder und ihre Enkel.

Eine Matriarchin wird sagen: „Hier, genau hier“, und auf den Kreis ihrer Lieben zeigen.

Was wird wohl unsere Großmutter antworten?

Eigentlich müsste die Autorin wegen Verrats am Vaterland in Verdacht geraten,[3] denn sie erklärt die Vaterrolle nicht nur für meist bedeutungslos, sie beweist sogar, welche Gefahr eine jede Vaterideologie für Frauen und Kinder bedeutet, und stellt dem Patriarchat das Zeugnis aus, das es verdient: Es ist ein lebensbedrohliches Problem für alle Lebewesen auf Erden!

Unerschrocken und geradezu unbarmherzig zieht Hrdy Bilanz, wie es um die Kinder des Homo sapiens und damit der Menschheit bestellt ist: Wenn früher das Überleben der Kinder abhängig davon war, ob sie eine Mutter, eine matrilineare Großmutter und Tanten hatten und wie feinfühlig diese mit ihnen umgingen, so hat sich heute „die Überlebensrate selbst der bedürftigsten Jungen weitgehend von der Feinfühligkeit der Betreuungsperson abgekoppelt“ (S. 398). Noch nie hat es in der menschlichen Geschichte so viele seelisch kranke Kinder gegeben wie heutzutage, stellt sie nüchtern fest.

„Desorganisierte Bindung“ heißt das neue Schlagwort: Statt bei Angst die Mutter oder Bindungsersatzpersonen als sicheren Hafen zu empfinden, wie alle Primatenkinder das tun, reagiert eine zunehmende Zahl von Kindern verwirrt und desorientiert; diese Kinder wirken abwesend oder erstarren plötzlich, als würde sie die Nähe der Mutter beängstigen oder als wären sie durch widersprüchliche Emotionen wie gelähmt. Solche Kinder haben später Schwierigkeiten, die Gefühle anderer zu deuten (Empathie), sind wesentlich aggressiver und anfälliger für Verhaltensstörungen.

Grund für die desorganisierte Bindung ist, so Hrdy, dass Kinder ihrerseits wiederholt beängstigendem Verhalten von Seiten der Bindungspersonen ausgesetzt sind. Oder diese Bindungspersonen sind selbst verängstigt, sodass sie entweder kein Gespür für die kindlichen Bedürfnisse besitzen oder nicht darauf reagieren.

Wir können davon ausgehen, sagt die Anthropologin, dass „früher die Bedingungen, die zu einer schwerwiegenden Bindungsstörung bei einem Kind führten, nicht mit dem Überleben dieses Kindes vereinbar gewesen sein dürften“ (S. 400). Mit anderen Worten, sie wären gestorben. Diejenigen, die keine fürsorgliche Mütter und/oder auch keine Allomütter hatten, wie Hrdy die matrilineare Großmutter und Tanten nennt, wären auf kurz oder lang eingegangen. Die, welche aber überlebten, hatten automatisch ein „Gefühl emotionaler Sicherheit“. Heute dagegen wachsen Menschenkinder mit verheerenden Auswirkungen von Vernachlässigung heran. Was das für unser Miteinander, aber auch für den Umgang mit Mutter Erde bedeutet, ist unabsehbar.

Es ist ein Teufelskreis, denn Kinderfürsorge ist eine Kunst, die ver-lernt werden kann, ermahnt uns Hrdy. So zeigen Untersuchungen an nicht verwandten Pflegemüttern, dass deren Fähigkeit zur Einfühlung und Fürsorge wiederum abhängig davon ist, wie vernachlässigt und desorganisiert gebunden sie sich selbst als Kinder erlebt haben. Pfeifen das nicht schon längst die Spatzen(mütter) vom Dach?

Doch das Problem, so Hrdy, ist das Ausmaß der Lieblosigkeit. Woher sollen Fürsorglichkeit, Einfühlung und Liebe auch kommen, wenn immer weniger Menschen Mütterlichkeit erlebt haben und erleben, fragt sie. Und Mütterlichkeit ist, so die Mutter dreier erwachsener Kinder, jedenfalls bisher der Schlüssel zum Überleben von uns Menschenaffen gewesen, genau wie bei allen anderen Primaten auch. Umfassender gesagt: Großmütterlichkeit, denn eine Mutter, die noch eine eigene Mutter an ihrer Seite hat, welche sie beim Bemuttern liebevoll unterstützt, ist wie ein Sechser im Lotto des Lebens eines Kindes, sagt die Mittsechzigerin, die selbst sehnsüchtig darauf wartet, ihre Familie begroßmuttern zu dürfen.

Leider vermittelt Hrdy in wenigen Zeilen (S. 396) eine Theorie über die Entstehung des Patriarchats, die schon längst von der modernen Matriarchatsforschung durch Heide Göttner-Abendroth und der kritischen Patriarchatstheorie durch Claudia von Werlhof widerlegt worden ist. Dann wieder spricht sie von postpatriarchalen Verhältnissen, die sie in nachindustriellen Gesellschaften vorzufinden meint. Was fehlt, ist der Schritt, Frauen aufzufordern, sich wieder zu erinnern an alt-bewährte, von der Anthropologin selbst vielbeschriebene „Residenzmustern“ wie Schwesterlichkeit und matrilinearer Fürsorge. Stattdessen mutmaßt Hrdy: „Ich habe keinen Zweifel daran, dass unsere Nachkommen in Tausenden von Jahren (ob auf diesem Planeten oder einem anderen) zweibeinige Menschenaffen sein werden (…) und sie werden vermutlich noch intelligenter sein als die heutigen Menschen“ (S. 405). Wenn eine nicht weiß, dass ein Happy End in Amerika nicht gesetzlich vorgeschrieben ist, würde sie es ab jetzt wahrscheinlich vermuten. Denn: Sollten wir nicht lieber dumm bleiben, statt mit dieser Art Intelligenz die Erde zu miss- und zu verbrauchen?

So sehr mir damals in ihrem Buch „Mutter Natur“ (2000) eine eigene klare Haltung als Mutter fehlte – auch sie gehörte wie viele von uns zu der ideell verängstigten Sorte Mensch, die noch immer Mutter genannt wird – so klar, stark und mutig offenbart die Forscherin in diesem Buch ihr Motiv und ihre eigene Haltung: Aus der suchenden, fragenden Mutter Hrdy ist eine stolze Großmutter geworden, die den Platz zurückfordert, der jeder Großmutter dieser Erde gebührt: mit all ihrem Wissen und Können im Kreise ihrer Schwestern und Brüder, Töchter und Söhne, EnkelInnen und UrenkelInnen – den Platz einer weisen Matriarchin eben!

Hinweise und Anmerkungen

Sarah Blaffer Hrdy: Mütter und Andere. Wie die Evolution uns zu sozialen Wesen gemacht hat. Berlin Verlag, Berlin 2010, 537 Seiten, 28,80 €

[1] Schade, im Gegensatz zum Begriff Patriarchat kam das Wort Matriarchat Hrdy nicht ins Buch, dagegen matrilokal, matrilinear, mütterzentriert u.Ä. sehr wohl.

[2] Siehe dazu auchinternationalergoddesskongress2010.de

[3] Wenn es im Mutterland Orden gäbe, würde ich ihr einen verleihen wollen.

Autorin: Dagmar Margotsdotter-Fricke
Redakteurin: Bettina Bremer
Eingestellt am: 16.04.2010

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Frigga Haug sagt:

    vielen dank für die rezension zu hrdy, – da ich zu ganz entgegengesetzten einschätzungen zu diesem buch gekommen bin, würde ich mich freuen, Ihr läset auch dies oder macht es euren leserinnen sonstwie zugänglich. mein beitrag heißt Hilfsbereitschaft als Überlebensstrategie. Hrdys Forschungen zu Jungenaufzucht und Menschwerdung und ist abgedruckt in das argument 294, S. 709-722

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