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Rubrik denken

Reden wir mal über Scheiße

Von Antje Schrupp, Ina Praetorius, Michaela Moser, Ursula Knecht-Kaiser

Videoreihe: Warum Scheißethik ein guter Ansatzpunkt für feministische Ökonomie ist

Hausarbeit, Putzen, die Versorgung von Kindern und andere Tätigkeiten aus dem Bereich der „Carearbeit“ sind schon lange ein wichtiges Thema in der feministischen Ökonomie und Theorie. Eine Gruppe feministischer Denkerinnen hat diesen Debatten jetzt mit einem neuen Begriff eine zugespitzte Wendung gegeben: Sollten wir nicht lieber gleich über Scheiße reden? Denn darum geht es schließlich, letzten Endes.

Wir brauchen also, so der Vorschlag, eine „Scheißethik“. Eine Ethik, die sich nicht allein in den höheren Regionen des Geistes zuhause fühlt, sondern sich den faktischen Gegebenheiten stellt und damit vor allem eben der Frage, was mit all der Scheiße passiert und wie das zu denken wäre.

Die Idee entstand nicht aus heiterem Himmel, sondern baut auf diversen Vorarbeiten auf, zum Beispiel sind aus diesem Denkkreis schon Kongresse, Bücher und ein Text über das Grundeinkommen entstanden. Bei einem kürzlichen Treffen in Innsbruck wurde jetzt auch ein neues Medium ausprobiert: In vier kleinen Videos erklären Ina Praetorius, Michaela Moser, Ursula Knecht und Andrea Trenkwalder-Egger, was sie mit „Scheißethik“ meinen:

Ina Praetorius, von der die ursprüngliche Idee zu diesem Begriff stammt, erzählt erst einmal, wie es dazu kam:

Michaela Moser beschreibt dann, wie die Scheißethik mit der Bedürftigkeit zusammenhängt.

Ursula Knecht steuert eine Geschichte zum Thema „Geld und Scheiße“ bei:

Und Andrea Trenkwalder-Egger denkt über die Scheisse als Gabe nach:

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Gré Stocker-Boon sagt:

    Liebi Lüüt,“Scheisse“ ist,es braucht keinen Coach,man kommt auch ohne Coach zurecht,
    z.B. wenn wir Musik machen wollen.Wir brauchen nicht immer ein Gegenüber, aber Menschen,die gewillt sind vorbei zu kommen und dran zu bleiben,um miteinander zu einem Ergebnis zu kommen, was total „happy“ macht.Den Mut und die Ausdauer sollte man/Frau haben,die eigene Nützlichkeit in Kreativität umzusetzen.Eben,dem altbekannten Muster Nützlichkeit ein Schnippchen schlagen !

  • Elisabeth sagt:

    In der analen Phase im Kleinkindalter wird nach Erik Erikson in der Auseinandersetzung mit Scheisse „Autonomie gegen Scham und Zweifel“ gelernt.
    Freue mich an der neuen Sichtweise der Scheissethik und erhoffe mir mehr Mut und Selbstvertrauen für die klein-Gehaltenen welche die Dreckarbeit machen.
    Letztlich stammen wir alle aus der Ur-Suppe.

  • Anja sagt:

    Zu Eurer Diskussion fällt mir eine kleine Anekdote ein:
    Vor Jahren traf ich einen jungen Studenten aus den USA, der wohl zum ersten mal in Deutschland war. Nach einem Toilettenbesuch kam er – halb entrüstet, halb belustigt – auf uns zu und berichtete von dieser für ihn völlig neuen Art von Toilette: Dass sein „Geschäft“ nicht sofort in einem Wasserloch verschwindet, sondern erst mal da liegt, bis er gezogen hatte, das kannte er nicht und er kommentierte es mit den Worten: „I don’t want to see my shit!“

  • Lucia sagt:

    „Scheissethik hat Zukunft“

    Ich bin begeistert, vielen Dank !
    Wunderbare Gedanken und Anregungen.
    Die Fräude über diese wird mich in Zukunft begleiten.

    Kann es sein, dass Frau Praetorius in Dld. wenig bekannt ist ? Ihr Buch „Weit über Gleichberechtigung hinaus“ liegt schon in meinem Bücherstapel zum Lesen.

    @Anja – das wundert mich nicht.
    Stichwort amerikanischer (Anal-)Puritanismus.

  • A. Onwu sagt:

    Durchdringender Ansatz, ganz und gar nicht ohne Tiefe. Mir fallen dazu die Dalit in Indien ein, die quasi die Funktion von Aborten übernehmen, Länder ohne Toiletten- und Kanalisationssysteme, Initiativen, Toiletten einzuführen, das Traumsymbol Scheisse = Gold (oder wie auch schon genannt Geld), wieviel Scheiße wir uns im übertragenen Sinne zuführen über z.B. Medien, Nahrung (hier auch: die Schlachthäuser, wieviel Scheiße wird eigentlich dort mit verarbeitet und überhaupt der Schlachthof als Ort eines hochgradigen Aufkommens an Scheiße), Medikamente usw., dann zudem die Millionen Haustiere in Österreich, Schweiz und Deutschland und die Tierheime, auch hier Mengen an Scheiße, aber ich sehe noch nicht, dass sich alles, was mir an Ideen kommt, automatisch in ein kritisch-feministisches Weltbild integriert. Manches erscheint mir auf den ersten Blick sogar gegenläufig. Bitte weiter diskutieren!

  • @A.Onwu: danke für die Ermutigung zum Weiterdenken und die vielen vielen Anregungen, wo wir auch überall noch hindenken können: Dalits, Haustiere, Schlachthäuser, Kanalisation… Was ist deiner Meinung nach ein „kritisch-feministisches Weltbild“? Ist das eines, das die ganze Scheisse weiterhin ausblendet? Dann gehört es halt kritisiert, dann muss es halt zum kritisch-kritisch-feministischen Weltbild werden. Oder? Ein terminologischer Vorschlag ist: postpatriarchal. Aber wir sind schon auf der Suche nach einem besseren Begriff. Bitte mitsuchen!

  • Friederike sagt:

    Großartig; ich bin froh, von dieser schöne Institution zu wissen.

    Außerdem ein weiterführender Link, der zeigt, dass die Scheiße – wenigstens hierzulande – doch alltäglich on our minds ist:

  • Anna Hoffmann sagt:

    Rettungsboot Scheiße?

    Mit der Verdrängung der Scheiße verdrängen wir den Teil an uns, der uns täglich „erdet“ und der uns an unser eigentliches natürliches Wesen und Sein erinnert. Unsere Scheiße beweist uns regelmäßig unsere Verbundenheit zur Erde und zur Natur und ihren Kreisläufen. Das macht Scham und Angst! Und so flüchten wir vor diesem Prozess, der uns (offenbar schmerzlich) an unsere Vergänglichkeit (und daran gebunden auch an das Werden) und letztlich an unser Ausgeliefertsein an das Leben erinnert.

    Genauso geschieht es auch mit Geburt, Krankheit und Tod in unserer Gesellschaft. Auch diese Bereiche werden (durch klinische und hygienische Inszenierungen) in ihren natürlichen Vollzügen verdrängt. Alles körperliche Prozesse/Lebensvollzüge, denen wir nicht entkommen können. Im Gegensatz zur Scheiße, wird in diesen Bereichen jedoch gut verdient…

    Scheiße ist wohl der einzige Aspekt des Lebens, den wir nicht beschönigend oder ausreichend weginszenieren können, weswegen er möglichst klein gehalten wird. Es ist daher besonders wichtig endlich und immer wieder hinzuschauen (im Kleinen jede für sich und wie hier im Diskurs).

    Ich denke an Babys, für die das Scheißen wirklich eine Beschäftigung ist, der sie sich äußert konzentriert und schamlos widmen. Sich in dieser Form sich selbst und seinem Körper zu widmen, ganz bei sich zu sein, kann daher wohl auch als ein Ausdruck an Selbstliebe betrachtet werden. Ebenso wie es als Akt der Nächstenliebe bezeichnet werden kann, sich um die Scheiße von anderen zu kümmern.

    Sich um die eigene oder die Scheiße von anderen zu kümmern, muss sich ja nicht ausschließlich auf das Ausscheidungsprodukt beziehen, sondern kann eben alles sein, was uns so als „Scheiße“ im alltäglichen Leben vorkommt.

    Scheiße ist eine geniale Erfindung unserer Natur, denn so penetrant wie sie uns täglich verfolgt und uns auf uns selbst verweist, ist sie vielleicht diejenige, die uns immer wieder rettet, weil sie uns „verortet“ (uns unseren Platz im Leben zeigt, indem sie uns aufs Örtchen zwingt).

    Sie zwingt uns, zur Ruhe zu kommen, in uns zu gehen und loszulassen. Dank ihr kommen wir alle fast täglich wenigstens einmal „zu uns“ und (tatsächlich und symbolisch übertragbar) in Verbindung zu unserem Innersten, das wir wenigstens dann (hinter verschlossenen Türen) nach außen kehren dürfen. Und das kann wirklich ein Genuss und eine Erleichterung sein! Danke Scheiße!

  • Dorothee Markert sagt:

    Danke für diesen schönen und klugen Kommentar!

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