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Perspektivenwechsel: Wichtig ist nicht, was ich mit dem Ehrenamt schenke, sondern was freiwilliges Engagement mir gibt

Von Juliane Brumberg

Ich stimme mit Dorothee Markert überein: Das Wort „Ehrenamt“ kommt aus der Männerwelt und trifft nicht das, worum es ihr in ihrem Artikel „Die Freude am Schenken bewahren: Das Ehrenamt als bedrohte Kostbarkeit“ geht: Es geht nicht um Ehre und auch nicht um ein Amt, es geht um Arbeit, die der Gesellschaft oder Teilen von ihr zu Gute kommt und freiwillig geleistet wird. Deshalb bevorzuge ich den Begriff „freiwilliges Engagement“.

Dekanatsfrauenfrühstück

Dekanatsfrauenfrühstücke sind ein Beispiel für Projekte, die ohne unbezahltes hausfrauliches Engagement im Hintergrund nicht stattfinden könnten. Foto: Ines Rein-Brandenburg

Und deshalb finde ich auch, dass nicht alle Tätigkeiten, die Dorothee in ihrem Artikel beschreibt, zum freiwilligen Engagement oder Ehrenamt gehören. Wenn Frauen dazu angehalten werden (oder sich selbst dazu anhalten), für das Gemeindefest Kuchen zu backen oder Salate mitzubringen, ist das kein Ehrenamt, sondern eine Verpflichtung. Genauso ist es, wenn Eltern bei der Schulanmeldung ihrer Kinder dazu verpflichtet werden, für den Schulbetrieb notwendige(?) unbezahlte Arbeit einzubringen. Solche Pflichten sind lästig. Wenn sie mir unnötig erscheinen, würde ich versuchen, sie abzulehnen. Wenn sie für das Funktionieren der Gemeinschaft notwendig sind, muss ich mir überlegen, ob ich ihnen nachkommen kann oder ob ich daran arbeite, andere Lösungen oder Organisationsformen dafür zu finden. Schwierig ist es, wenn ich von anderen „Ehren- oder Hauptamtlichen“ zum Kuchen backen vereinnahmt werde, wie Dorothee es beschreibt. Oder wenn ich mich aus Solidarität mit denen, die sowieso schon so viel zu tun, verpflichtet fühle, zu backen oder an der Salattheke zu stehen, wenn ich es gar nicht will. Möglicherweise hilft da nur ein klares „nein“, um zum Nachdenken anzuregen und die Diskussion in Gang zu bringen.

Etwas Anderes ist es mit meinem selbst gewählten „freiwilligem Engagement“ für ein Projekt, eine Sache oder eine Organisation. In der Tat verschenke ich da etwas an die Allgemeinheit – meine Arbeitskraft, meine Gesangsstimme oder einen leckeren Kuchen. Doch der Aspekt des Schenkens ist dabei für mich überhaupt nicht wichtig. Ich engagiere mich freiwillig in ganz unterschiedlichen Projekten, nicht weil ich etwas geben will, sondern weil ich das Projekt sinnvoll finde, weil ich mein Potential oder meine Begabungen dort entfalten kann und das als befriedigend empfinde, weil ich dort mit interessanten Frauen zusammenkomme, von denen ich etwas lernen kann oder mit denen ich gerne etwas gemeinsam tue oder einfach, weil es mir Spaß macht. Diese Sichtweise schützt mich übrigens auch vor dem Helfersyndrom.

Ob die „Gesellschaft“ das, was ich mit meinem freiwilligen Engagement mache, braucht und es als Geschenk betrachtet, danach frage ich nicht. Das ist mir auch egal. Wichtig ist für mich, dass ich einen Sinn darin sehe. Wenn sich dann herausstellt, dass andere sich davon beschenkt fühlen, auch einen Sinn darin sehen und mir Anerkennung geben, dann freue ich mich und es motiviert mich, weiterzumachen.

Nahtstellen zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit

Problematisch ist es oft dann, wenn es in Projekten bezahlte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen gibt und welche, die sich freiwillig und unbezahlt engagieren. Dafür habe ich mir ganz klare Regeln gesetzt: Ich mache es nur so lange, wie ich einen Sinn in dem Projekt sehe, solange ich nicht das Gefühl habe ausgenutzt zu werden, sondern entsprechende Wertschätzung bekomme, und so lange es mir Spaß macht und es nicht zu einer Quelle des Ärgers in meinem Alltag wird. Klar ist, dass dabei immer Tätigkeiten anfallen, die nicht so viel Spaß machen, aber nun mal dazugehören und gemacht werden müssen, und klar ist auch, dass es manchmal Situationen gibt, über die ich mich fürchterlich ärgere. Aber auch das gehört dazu und lässt sich ertragen, solange ich in dem Gesamtprojekt einen Sinn sehe und solange ein achtsames Miteinander herrscht.

Ich habe diese Haltung immer deutlich kommuniziert und bisher keine schlechten Erfahrungen gemacht. Ich habe allerdings auch klare Grenzen gesetzt: Als eine Kollegin, für die ich gegen geringes Entgelt Artikel zu feministischen Themen geschrieben habe, mich um journalistische Mitarbeit bei einem anderen Projekt, das nicht zu meinen „Herzensanliegen“ gehörte, bat, habe ich gesagt „ja, aber nur gegen angemessene Bezahlung“. Das hat sie anstandslos akzeptiert. Eine klares „nein“ (von mir) in dem ein oder anderen Fall heißt noch lange nicht, dass das Projekt dann stirbt. Vielmehr fordert es die Verantwortlichen zu neuen kreativen Lösungen heraus.

Umgekehrt versuche ich, wenn ich zum Beispiel unbezahlte Helferinnen für die Organisation eines Workshops brauche, der mir sehr am Herzen liegt, darauf zu achten, dass die Frauen Spaß an der Sache haben und Anerkennung für ihre Hintergrundtätigkeiten bekommen.

Backen

Backen für ein sinnvolles Projekt kann durchaus Spaß machen. Foto: Juliane Brumberg

Auch auf freiwilliges „hausfrauliches“ Engagement bei den diversen Festen gibt es verschiedene Sichtweisen. Manchmal ist es eine Pflicht, der ich notgedrungen nachkomme, manchmal habe ich zwar keine Lust zum Backen, finde aber den Zweck, für den gebacken wird, sinnvoll. Wenn ich mich mit dem Projekt nicht identifiziere, habe ich meinem Mann oder den Kindern schon gesagt: „Nicht mit mir, das müsst Ihr selber machen“, beziehungsweise habe ich mich den entsprechenden Listen verweigert. Ich erinnere mich aber auch noch daran, wie ich bei den ersten Kindergartenfesten als junge Mutter stolz und mit Spaß meine Kuchen abgeliefert und den gemeinsame Abwasch gerne wahrgenommen habe, weil er eine gute Möglichkeit war, mit anderen Frauen ins Gespräch zu kommen.

Gesetze sind keine Problemlösungen

In der Bayerischen Evangelischen Landeskirche gibt es seit dem Jahr 2000 ein Ehrenamtsgesetz , durch das ehrenamtliche Tätigkeiten aufgewertet und z.B. Reisekostenerstattungen geregelt werden. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Nicht gelöst ist darin die Machtfrage – wer also bei strittigen Entscheidungen das letzte Wort hat, der oder die Hauptamtliche oder die Ehrenamtlichen? Meiner Meinung nach haben die Ehrenamtlichen oder freiwillig Engagierten da eine gute Position, denn niemand kann sie zu ihrem Engagement zwingen – was es für die Hauptamtlichen nicht leichter macht. Vielleicht ist es aber auch manchmal wichtig, den Pfarrer daran zu erinnern, dass er niemand zu freiwilligem Engagement verpflichten kann. Nicht geregelt ist in dem Ehrenamtsgesetz auch die Frage der Verantwortung, wenn es um finanzielle Fragen geht.

Trotzdem finde ich es begrüßenswert, wenn es von kirchlicher oder staatlicher Seite Initiativen gibt, die freiwilliges Engagement begleiten und koordinieren oder überhaupt dazu motivieren. Denn letztendlich kann es sehr viel Freude machen und zu einer win-win-Situation führen.

Wenn das Begehren ins Spiel kommt

Konfliktpotentiale, die immer wieder benannt werden müssen, enthält die Nahtstelle zwischen bezahltem beruflichen und unbezahltem freiwilligen Engagement. Zum Beispiel, wenn die Obrigkeit versucht, staatliche Verpflichtungen an Ehrenamtliche zu delegieren. Da muss vehement widersprochen werden! Ebenso, wenn ehemals bezahlte Tätigkeiten plötzlich von denselben oder anderen Menschen unbezahlt und freiwillig geleistet werden sollen. Trotzdem kann es gute Gründe geben, diese Arbeit unbezahlt zu verrichten, und zwar dann, wenn sie sonst überhaupt nicht getan würde, ich sie aber für so sinnvoll halte, dass ich unbedingt möchte, dass sie getan wird – und wenn ich mich dabei nicht ausgenützt fühle, vom Staat, von der Kirche oder von wem auch immer. Das ist die Stelle, an der das Begehren ins Spiel kommt.

Ich weiß nicht, ob mit dieser Sichtweise erreicht werden kann, Tätigkeiten, die ursprünglich freiwillig verrichtet wurden und die sich als ein großer Gewinn für die Gesellschaft herausgestellt haben, zu bezahlten Tätigkeiten zu machen. Wenn die Gesellschaft die Notwendigkeit dieser Tätigkeit eingesehen hat und sie nicht angemessen bezahlt, nutzt sie die Freiwilligen aus. Müssten diese nun, sobald sie die Ausnutzung erkannt haben, ihr freiwilliges Engagement aufkündigen? Es stellt sich folgende Frage: Welches Begehren ist stärker: Das, sich für eine angemessene Bezahlung dieser Tätigkeit zu engagieren oder das, diese Tätigkeit, die ich sinnvoll finde und die mir Freude macht, weiter zu tun? Auf die Gefahr hin, dass ich ausgenutzt werde!

Das erinnert mich an eine Publikation, an der ich gerne und mit Freuden – unentgeltlich – mitgearbeitet habe: Schwierig wurde es dann, als einige Kolleginnen vorschlugen, dieses Projekt nicht weiter unbezahlt zu betreiben. Doch anstatt Artikel zu schreiben, was mir Spaß macht, sollten nun in der für freiwilliges Engagement vorgesehenen oder zusätzlich zu investierender Zeit Sponsoren gesucht und Anzeigenkunden geworben werden. Das macht mir erstens keinen Spaß, zweitens sah ich keinen Sinn darin, weil die Erfolgsaussichten gering waren und drittens drohte es wegen der zu erwartenden Absagen zu einer Quelle des Ärgers zu werden. Auch hier gilt es also, genau hinzuschauen, wo das eigene Begehren liegt und sich dementsprechend zu verhalten. Trotzdem bleiben die Nahtstellen problematisch.

Unlust bei bezahlter Arbeit

Sie sind aber auch aus einem anderen Grund problematisch. Ich habe schon öfter erlebt, dass, wenn jemand aus einem freiwilligen Engagement für ein Projekt oder eine Institution  zu einer bezahlten Tätigkeit für dieselbe Sache gewechselt ist, die Begeisterung dafür schlagartig nachgelassen hat. Der Schwung ist dahin, die Arbeitszeit wird akribisch aufgelistet und es wird versucht, die Arbeit mit minimalem Aufwand zu erledigen. Macht freiwilliges Engagement so viel mehr Freude als die Erwerbsarbeit für dasselbe Thema?

Woran liegt es, dass viele Menschen ihr Leben in die „böse“ Arbeitszeit und die „gute“ Freizeit“ unterteilen? Wünschenswert wäre es, wenn wir auch unsere bezahlte Arbeit, mit der wir einen großen Teil unserer Lebenszeit verbringen, so gestalten können, dass sie uns Freude macht und dass wir einen Sinn darin erkennen. Das ist nicht immer möglich, weil manchmal der Druck, den Lebensunterhalt zu verdienen, so groß ist, dass wir nicht wählerisch sein können. Trotzdem halte ich es für hilfreich, immer wieder zu überprüfen, ob wir in unserer Berufstätigkeit einen Sinn erkennen und ob sie uns erfüllt, oder ob und warum sie uns Unbehagen verursacht und ob wir an dieser Situation etwas verändern wollen oder nicht. Es kann gute Gründe geben, an einer unbefriedigenden Berufstätigkeit festzuhalten. Wenn wir uns bewusst dafür entscheiden, ist das etwas anderes, als wenn wir schicksalsergeben immer im alten Trott weitermachen. Das ist nicht so viel anders als beim freiwilligen Engagement.

Mir geht es wie Dorothee, es bleiben mehr Fragen als Antworten. Auf jeden Fall stimme ich ihrem Anliegen zu: Wir sollten uns das „Ehrenamt“ oder „freiwilliges Engagement“ als Kostbarkeit bewahren und darüber hinaus versuchen, auch unsere Erwerbsarbeit zu einer Kostbarkeit zu machen. Vielleicht sind wir dann auf der richtigen Spur, wenn wir konsequent unser Begehren zum Maßstab unseres Handelns machen?

Autorin: Juliane Brumberg
Eingestellt am: 16.11.2010
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Danke für diese klaren Gedanken!
    Ich lese/empfinde sie wie eine Richtschnur:
    mich selbst danach zu bemessen/zu orientieren, ist mir gleichbedeutend, den Bezug zur eigenen inneren Freiheit selbstverantwortlich zu erhalten/zu bewahren.

  • Antje Schrupp sagt:

    @Juliane – Du beschreibst eine gewisse Alternative von „Spaß machen“ und „Geld verlangen“ – am Beispiel der Artikel, für die du richtiges Honorar verlangst, wenn sie nicht zu einem Projekt gehören, das dir am Herzen liegt. Ich habe das auch lange so gemacht, finde es aber inzwischen falsch: Warum soll ich für Dinge, die mir Spaß machen und die ich wichtig finde, kein Geld bekommen? Mein Ziel ist, dass ich von der Arbeit an den Dingen, die mir Spaß machen und die ich wichtig finde (und die ich daher auch gut mache), auch leben kann, während ich die Dinge, die mir keinen Spaß machen und die ich unwichtig und unnötig finde, möglichst gar nicht tue, auch nicht für Geld.
    Eine Sache, die du bei deiner Praxis nicht berücksichtigst, ist aber, dass du tatsächlich dazu beiträgst, die Honorare für „professionelle“ Journalistinnen zu drücken, wenn du für niedrige Honorare schreibst. Was du dir ja nur leisten kannst, wenn du nicht für deinen Lebensunterhalt arbeiten musst. Zumal du ja eine ausgebildete Journalistin bist, also eine tatsächliche Konkurrenz (anders als „Hobbyschreiberinnen“).

    Ich mache es praktisch so, dass ich die Entscheidung für oder gegen das Einklagen angemessener Bezahlung von der Verfasstheit des Auftraggebers abhängig mache. Also: Für eine kleine, von einem Kollektiv herausgegebene anarchistische Zeitung schreibe ich gratis, für ein Produkt, das von einem Verlag herausgegeben wird, der ein kommerzielles Unternehmen ist, verlange ich Honorar. Wenn mich eine studentische selbstverwaltete Gruppe zu einem Vortrag einlädt, mache ich es gratis, wenn mich offiziell der Asta oder gar eine Institution wie die Kirche oder eine Kommune einlädt, mache ich es nur gegen volles Honorar. Am liebsten mache ich natürlich Sachen gratis, die ich mir selber ausgedacht habe, oder mit-ausgedacht, wie bzw-weiterdenken. Wenn aber irgend eine Organisation mich nicht bezahlen kann, ist sie betriebswirtschaftlich schlecht aufgestellt und sollte nicht von mir künstlich am Leben gehalten werden. Oder sie ist betriebswirtschaftlich gut aufgestellt, und will mich nur abzocken.

    So oder so hat es etwas mit der Abwertung von „weiblichen“ Tätigkeiten zu tun, wenn sie nicht bezahlt werden, denn wenn die Fenster am Gemeindehaus renoviert werden müssen oder die Putzfirma die Büros in der Stadtverwaltung putzt, verlangt man ja auch nicht, dass die das ehrenamtlich machen, weil die Gemeinde so wenig Geld hat.
    Also: Dass du persönlich über ehrenamtliches Engagement nach dem Motto entscheidest: „Macht es mir Spaß und finde ich es sinnvoll“, kann ich zwar verstehen, aber ich halte es für eine politisch problematische Herangehensweise. Weil sie genau die alte Schiene („Aber du tust es doch aus Liebe, wozu brauchst du dann noch Geld“) bedient. Meine Antwort darauf ist: Ja, ich tue es aus Liebe, aber ich will trotzdem Geld. Oder gerade deshalb. Denn es ist, genau wie du sagst, eine Verpflichtung und kein Geschenk, Liebe hin oder her. Verpflichtung heißt, ich kann es nicht einfach sein lassen. Da kommt das Begehren tatsächlich ins Spiel: Mein Begehren ist meine Verpflichtung, nicht das, was mir andere von außen vorschreiben. Aber das heißt gerade nicht, dass es meine Privatsache ist, für die ich selber zahlen muss. Gerade weil mein Begehren sagt, das ist eine Verpflichtung für mich, bin ich dafür verantwortlich, auch das dazugehörige Geld bzw. die materiellen Rahmenbedingungen sicherzustellen. (Wobei die Rahmenbedingungen nicht unbedingt mit Geld zu tun haben müssen, das stimmt schon, das wäre noch mal ein anderes Thema. Ich wollte nur darauf hinaus, diesen Gegensatz Begehren/Geld aufzulösen)

  • Juliane Brumberg sagt:

    Mehr Fragen als Antworten

    Was bisher noch nicht in die Diskussion eingebracht wurde – und darauf macht Dein Kommentar, Antje, aufmerksam, ist die Tatsache, dass als Voraussetzung für freiwilliges Engagement oder ehrenamtliche Arbeit der Lebensunterhalt gesichert sein muss. Neben der eigenen Erwerbsarbeit oder der Versorgung durch den Ehepartner oder die Ehepartnerin sowie einem anzustrebenden Grundeinkommen für alle, kann dies in unserem derzeitigem System auch durch eine Rente oder Pension, durch eine Erbe oder durch so etwas wie einen Lottogewinn gegeben sein.
    Nun bietet sich ein weiterer Perspektivenwechsel an. Es gibt viele Arbeiten, von denen es wünschenswert ist, dass sie getan werden, für die aber kein Geld da ist. Wer, wenn nicht diejenigen, die genug Geld für ihren Lebensunterhalt haben, könnten sie tun? Die, die schon durch ihre Erwerbstätigkeit am Ende ihrer Möglichkeiten sind oder die, die genügend Geld für ihren Lebensunterhalt haben und ein Begehren für dieses oder jenes Projekt verspüren?
    Die Gretchenfrage ist dabei natürlich: sollen sie sich unbezahlt bei der Geldbeschaffung engagieren, also dafür, dass die Arbeit in dem Projekt bezahlt wird, oder sollen sie sich bei der eigentlichen Arbeit des Projekts einbringen. Ich denke, dass es hier für keine eindeutigen Antworten gibt. Diese Antwort müssen jeder Mann und jede Frau entsprechend ihres Begehrens und ihrer Fähigkeiten für sich selber finden. Das verhilft ja auch zu einem Reichtum entsprechend der unterschiedlichen Menschen und evt. auch zu unerwarteten überraschenden Lösungen.

    Für sehr bedeutsam halte ich außerdem die Frage, die Du ansprichst, Antje: Es gibt Menschen, die durch ihre Erwerbsarbeit mehr Geld verdienen, als sie verbrauchen können oder wollen und die deshalb ihre beruflichen Fähigkeiten gerne zusätzlich bei einem freiwilligen, unbezahlten Engagement einbringen. Dürfen sie das?
    Es ist wichtig, zu überprüfen, ob wir, wenn wir unsere beruflichen Fähigkeiten ohne Bezahlung ehrenamtlich in ein Projekt einbringen, ob wir damit dazu beitragen, dass bezahlte Stellen für diese Tätigkeit eingespart werden. Oder, am Beispiel journalistischer Arbeit, ob wir mit dem Schreiben von gering bezahlten Artikeln dazu beitragen, dass Honorare gedrückt werden. Das sind für mich Bereiche von freiwilligem Engagement, die überhaupt nicht in Frage kommen und die ich gemeint habe, wenn ich davon geschrieben habe, immer darauf zu achten, dass ich nicht ausgenutzt werde. Ich würde nicht auf die Idee kommen, für einen gewinnorientierten, kommerziellen Zeitungsverlag kostenlos oder für ein geringes Honorar Artikel zu schreiben. Was Anderes ist das für eine Zeitschrift, wie z.B. die Virginia „Zeitschrift für Frauenpolitik“ die von ganz viel freiwilligem Engagement lebt, mit der niemand Geld verdient, die ohne die professionelle unbezahlte Arbeit nicht bestehen könnte und von der ich es aber für wichtig halte, dass es sie gibt. Du beschreibst ja auch dass Du es so ähnlich machst, Antje.
    Ich möchte keinen Gegensatz zwischen Begehren und Geld aufbauen. Es ist immer am besten, wenn sich das Begehren mit dem Geld verdienen verbinden lässt. Aber es würde mich sehr beeinträchtigen, wenn ich meinem Begehren nicht mehr nachkommen kann, weil die Gesellschaft kein Geld dafür gibt.
    Mein Anliegen ist, dass freiwilliges Engagement, das zumeist einem tiefen Begehren entspricht, nicht nur noch nach der Wirtschaftslogik betrachtet wird, und zwar in beiden Richtungen: Also dass der Staat, die Kirche oder ein Unternehmen mit freiwillige Engagement kalkulieren, um Geld zu sparen, aber auch umgekehrt, dass ich mich nicht mehr unbezahlt engagieren darf, weil dadurch ja evt. eine Bezahlung dieser Tätigkeit verhindert werden könnte. Ich denke, hier bedarf es von Fall zu Fall größter Wachsamkeit der Betroffenen, denn es geht auch um das UNBEZAHLBARE, von dem Ursula Knecht in ihrem Kommentar unter Dorothees Artikel Die Freude am Schenken bewahren schreibt.
    Heißt „gutes Leben“ nicht auch, sich von der Wirtschaftlichkeitslogik zu lösen?
    Meine Frage an Antje, deren Eintreten dafür, dass uns das Engagement unseres Begehrens so wichtig sein sollte, dass wir es auch angemessen bezahlt sehen wollen, ich gut nach vollziehen kann, ist also: Müssen wir uns der Wirtschaftslogik beugen und auf der Bezahlung unseres freiwilligen Engagements bestehen, wenn wir das Geld eigentlich gar nicht für unseren Lebensunterhalt oder für unser Wohlergehen brauchen?
    Fehlt hier nicht eine andere Anerkennungskultur (siehe mein Kommentar unter Dorothees Artikel)?

    Ich möchte noch ein Beispiel anfügen, bei dem es um die Vermischung der Sphären von Erwerbsarbeit und Gratisarbeit geht, die Antje in dem Kommentar zu Dorothees Artikel erwähnt. Eine Bekannte von mir erzählte neulich, dass sie ihr freiwilliges Engagement in verschiedenen Projekten zurückfährt, weil sie ihre Kraft lieber in dem Bereich ihrer Berufstätigkeit einbringen möchte. Sie ist die Leiterin eines Kindergartens, wird dort einigermaßen bezahlt und hat das Gefühl, dass es ihrer Arbeit dort – und damit auch ihrer Freude daran – zu Gute kommt, wenn sie dort mehr arbeitet, als in ihrem Dienstvertrag festgelegt ist. Sie leistet also unbezahlte Überstunden oder freiwilliges Engagement für ein Projekt ihres Begehrens, das zugleich ihre Erwerbsarbeit ist. Eigentlich wünschenswert, dass uns die berufliche Arbeit so viel Spaß macht, dass wir dort gerne länger arbeiten, auch ohne Bezahlung, weil uns unser Einkommen reicht. Aber: Fördert sie damit nicht auch die Ausbeutung von Erzieherinnen und die Abwertung und Unterbezahlung der Arbeit im Kindergartenbereich? Oder bringt sie das „Unbezahlbare“ ein? Ich weiß es nicht.

  • Antje Schrupp sagt:

    @Juliane – es geht ja nicht um „Dürfen“. Dürfen tut man natürlich alles. Die Frage ist, ob es sinnvoll ist und ob alle (oder ich) das gut finde. Bei deinem Beispiel von der Kindergarten-Leiterin finde ich es zum Beispiel ziemlich eindeutig, dass das, was sie macht, problematisch ist. Sie setzt die Standards an Anforderungen hoch, die an andere Kita-Leiterinnen gestellt werden. Sie geht letztlich einem Konflikt aus dem Weg, nämlich dem, sich für eine bessere Ausstattung der Einrichtung einzusetzen. Ein Kindergarten ist nämlich kein „Projekt“, sondern eine Institution, auf die Eltern sogar einen Rechtsanspruch haben. Und in diesem Fall wäre der Einsatz für bessere Ausstattung überaus notwendig, eine Notwendigkeit, die sie mit ihrem Einsatz geradezu verschleiert. Zumindest wenn sie daraus nicht eine öffentliche politische Aktion macht in dem Sinne: Schaut her, ich arbeite Gratis, weil ansonsten die Kinder nicht ordentlich betreut werden. Das „Unbezahlbare“ bringt sie sowieso ein, auch während ihrer normalen Arbeitszeit.

  • A. Onwu sagt:

    Es handelt sich in keinem Fall um ein Ehrenamt, das ist Bauchpinselei ohne jeglichen Inhalt. Daher nenne ich, was ich tue, wenn ich es tue, freiwillige Mitarbeit. Das trifft die Sache doch wohl eher und verlangt denen, die hauptamtlich bezahlt beschäftigt sind, auch eher den entsprechenden Respekt ab; den lassen sie nämlich meist und gern vermissen. Ich lasse es inzwischen daher ganz sein und engagiere mich nur noch da, wo ich möchte und dies punktuell, also zeitlich begrenzt, um nicht vereinnahmt zu werden wie ein Möbelstück! Es muss auch nicht immer Institution, große Gruppe, Verein, Kirche, Gemeinde sein … man kann tolle Klein- und Kleinstaktionen machen mit Menschen aus dem Bekannten-/Freundeskreis, die dann auch noch in der Zeitung stehen, weil sie so gut ankommen.

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