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Von allem Anfang an: Mütter, Kinder und der Ursprung des Sprechens

Von Elisabeth Jankowski

In Italien ist das wichtige Buch von Dean Falk: „Wie die Menschheit zur Sprache fand“ erst vor einigen Monaten erschienen, während es in Deutschland schon 2009 übersetzt und veröffentlicht wurde. Dort ist es allerdings mit einem anderen Vorzeichen als in Deutschland versehen. Wenn man sich die Titel in den drei von mir ausgewählten Sprachen ansieht, merkt man sofort, wie jede Rezeption auf einen anderen kulturellen Nährboden fällt.

Der Originaltitel: Finding Our Tongues: Mothers, Infants, and the Origins of Language.

Der italienische Titel: Lingua madre: Cure materne e origini del linguaggi.

Der deutsche Titel: Wie die Menschheit zur Sprache fand: Mütter, Kinder und der Ursprung des Sprechens.

Als Übersetzerin und Fremdsprachenlehrerin interessiert mich immer wieder, wie ein Titel  oder einige bedeutende Begriffe und Bezeichnungen übersetzt wurden. Das Buch von Dean Falk gibt uns eine Reihe von interessanten Aufschlüssen über den Stand der Auseinandersetzung  oder der Reflexion zum Thema Muttersprache. Dazu verrät dieses Vorgehen, wie sehr die Übersetzung von der Vertiefung eines Themas durch die jeweilige Kultur abhängt.

Der Originaltitel gefällt mir gut, weil er mit einem Verb beginnt und dann die Protagonisten benennt, um erst am Ende  den Substantivblock the Origins of Language, der auf die Philosophiegeschichte anspielt, hervorzuheben.

Bei der Übersetzung ins Italienische, auch wenn das Buch erst im März 2011 erschienen ist, bemerkt man, dass hier eine Debatte über die Muttersprache stattgefunden hat. Schon die Unterscheidung zwischen Muttersprache (madrelingua) und Sprache der Mutter (lingua della madre) und Grundsprache  (lingua madre) zeugt von der starken Ausdifferenzierung dieses Begriffs. Mit Muttersprache meint man die uns allen gemeinsame Sprache, in die wir hineingeboren werden, und es ist ein Begriff, der im öffentlichen Raum verwendet wird, ohne dass man präsent hat, dass es die Sprache der Mutter ist. Der Sinn ist abgeschliffen und das Subjekt Mutter nicht mehr bedeutungsvoll. Erst wenn man genauer hinsieht, versteht man, worauf er sich ursprünglich bezieht.

Lingua madre bezeichnet eigentlich, dass diese Sprache die Mutter, das heißt der Ursprung allen Sprechens ist, und deshalb ist er eine sehr gelungene Übersetzung ins Italienische, da auch im Buch von Dean Falk mit der Sprache der Mutter der Urgrund allen Sprechens gemeint ist, weil die Sprache in der Beziehung zwischen Mutter und Kind immer schon entstanden ist und heute noch entsteht.

Mit Sprache der Mutter ist die konkrete Sprache der eigenen Mutter gemeint. In Italien existiert eine lange Tradition  des Diskurses über Muttersprache. Schon Dante hatte die Wahl, und sich dazu entschieden, in der Volkssprache (lingua volgare) zu schreiben, weil er die Muttersprache als die Grundlage aller Beziehungen und seines eigenen Daseins ansah. Aber erst Luisa Muraro und Chiara Zamboni haben den Diskurs über die Muttersprache weiter vertieft und sie  auch als den wesentlichen Ort der weiblichen Beziehungen ausdifferenziert. Dazu muss hinzugefügt werden, dass auch die Autonomiebewegung Norditaliens, die Lega, großen Wert auf die Muttersprache, das heißt ihren eigenen Dialekt legt und sich auf die Muttersprach-Philosophie von Diotima bezieht. Einen Missbrauch der eigenen Ideen kann man nie ausschließen. Auch wenn hier sichtbar wird, dass bei traditionsorientierten Gruppierungen die Wahrung der Muttersprache immer im Vordergrund steht und man dieses Bedürfnis nicht einfach ignorieren kann. Es ist nur wichtig, die Rolle der Muttersprache als befähigende und nicht als begrenzende Instanz aufzufassen.

Durch die sehr parteiübergreifende Bekräftigung der Sprache als Muttersprache in Italien hat der Übersetzer Paolo A. Dossena einen fruchtbaren Nährboden für seine Arbeit gefunden. Seine Übertragung ist ausgezeichnet, und er verwendet für die Ammensprache den sehr zutreffenden talienischen Begriff maternese.

Die Übersetzung ins Deutsche ist anders. Deutschland hat eine reiche Tradition zum Thema Ursprung der Sprache. Man denke nur an Herder und Humboldt. Es ist das Verdienst dieser Sprachforscher, unser Idiom vom Himmel auf die Erde geholt zu haben. Auch wenn Johann Georg Hamann von der Sprache als der Gebärmutter der Vernunft spricht und diese wunderschöne Metapher gebraucht, ist doch das Subjekt Mutter als Vermittlerin von Sprache noch nicht gesellschaftsfähig.

Es gibt eine Menge Hypothesen über den Ursprung der Sprache: Sie sei göttlichen Ursprungs und deshalb anfangs perfekt und erlebe später den eigenen Niedergang, oder sie sei das Ergebnis eines Gesellschaftsvertrages. Für einige waren es die Jäger, die zur Verständigung Rufe und Laute ausgestoßen haben, um sich untereinander zu verständigen. Bei den Marxisten ist die Sprache ein Instrument, wie es ein Werkzeug sein kann. Und bei Chomsky ist sie immer schon angeboren und steht deshalb jederzeit zur Verfügung.

Die Semiotik mit dem Beitrag von John L. Austin und Ludwig Wittgenstein hat den linguistischen Diskurs weiter entwickelt und erkannt, dass Sprache im Sprechen entsteht und dass die Gefühle und die Wahrnehmungsfähigkeit Grundlage aller Versprachlichung der Erfahrung sein muss.

Herder, ein Vorläufer der modernen Empathie-Debatte in der Linguistik und in den Neurowissenschaften, denkt leider patriarchalisch, wenn er von einer Muttersprache und einer Vatersprache redet. Die Mutter versorgt das Kind mit Milch und der Vater mit Geist. Aber wir wollen das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Anzuerkennen ist, dass er die frühkindliche Sprachentwicklung in den Vordergrund stellt. Eine Weiterentwicklung des Muttersprachen-Begriffs im letzten Jahrhundert ist aber durch die nationalsozialistische Linguistik  mit Leo Weisgerber und dessen Theorie von der Muttersprache  verhindert worden.

Hier sieht man, wie das Deutsche noch unter diesem Missbrauch leidet. Hätte man nicht in der Zwischenzeit für Ammensprache, Erstsprache oder Babyssprache einen überzeugenderen Begriff finden können? Ammen gibt es schon lange nicht mehr, und die heutigen Mütter vom Prenzlauer Berg zum Beispiel haben sicherlich ihren Studienabschluss und wollen nicht mit den Ammen in einen Topf geworfen werden. Außerdem war das Wort  Ammensprache auch und vor allem Ausdruck einer patriarchalen Kultur, die der Frau nur den leiblichen Teil des Aufziehens eines Kindes zugestand. Gerade diese Aufspaltung zwischen körperlicher Versorgung und geistiger Entwicklung haben unter anderem die italienischen Philosophinnen aus den Angeln gehoben. Für sie ist Sprache immer ein holistisches In-Beziehung-treten, bei dem es keine Spaltung zwischen Körper und Geist gibt.

Aber worüber spricht nun das Buch von Dean Falk?

Wer selbst Mutter ist oder sich wissenschaftlich mit der Sprachentwicklung bei Kindern beschäftigt hat, war immer schon überzeugt, dass das Wort Muttersprache schon in patriarchalischer Zeit nicht umsonst entstanden war. Die Sprache entsteht offensichtlich in der Beziehung zwischen Mutter und Kind. Auch grundlegende Texte zu diesem Thema wie zum Beispiel das Buch von Roberta Michnick Golinkoff und Kathy Hirsh-Pasek mit dem Titel

How Babies Talk: The Magic and Mystery of Language in the First Three Years of Life  ist nicht einmal ins Deutsche übersetzt worden. Das Buch von Steven Pinker  mit dem Titel Der Sprachinstinkt. Wie der Geist die Sprache bildet gründet sich zwar auf die Chomskische Grundannahme der angeborenen Sprachfähigkeiten, beweist aber durch seine Ausführungen eher das Gegenteil. In diesen und anderen Texten zur Sprachentwicklung des Kindes ist es eigentlich selbstverständlich, dass die Mutter das Kind an die Sprache heranführt, aber nirgendwo wird es ausdrücklich gesagt. Das Subjekt steht in der Linguistik immer im Hintergrund, und man muss es sich dazudenken, wahrscheinlich weil die Sprachgewohnheit immer noch das männliche Subjekt als universell setzt. Gerade aber bei dem Diskurs über  Muttersprache ist das besonders paradox.

Dean Falk spricht in ihren Buch zum ersten Mal ausdrücklich von der Mutter, die die erste Spracherfahrung mit ihrem Kind erlebt. Das Wort Mutter wurde bisher von der Linguistik nicht genannt, man sprach eher von Sender und Empfänger oder in der Pädagogik von Bezugspersonen.

Dean Falk, Anthropologin und Neurowissenschaftlerin, erklärt, wie es bei der Evolution vom Menschenaffen bis zum Menschen mit aufrechtem Gang dazu kommen konnte, dass Mütter mit ihren Kindern zu sprechen begannen: Da das Neugeborene sich nicht nicht mehr am Körper der Mutter festkrallen konnte, musste die Mutter zu Lauten greifen, um das Band zwischen Mutter und Kind aufrecht zu erhalten, während sie zum Beispiel Beeren oder Pilze sammelte, um die Ernährung sicher zu stellen. Damit aber das Kind sich nicht  vernachlässigt fühlte, begann die Mutter mit ihm zu sprechen. “Der Verlust des Körperkontakts  zwischen Müttern und Babies wurde also zu einem Meilenstein in der Entwicklung der Menschheitsgeschichte. Er war es, der unseren Vorfahren half, ihre Stimme zu finden.” (S.84)

Wieder einmal wird in der Evolution ein Mangel zu einer Ressource für Neues, und die Mutter beginnt, Laute zu formen und später eine kindgerechte Sprache zu entwickeln, um das Kind zu beruhigen und mit ihm in Kontakt zu bleiben: Für Dean Falk entsteht Sprache deshalb im Austausch zwischen Mutter und Kind und nicht bei Männern auf der Jagd. Und sie sagt in der Einleitung:

Einer der Gründe dafür, dass wir die Rolle der Ammensprache für die Sprachentwicklung lange Zeit missverstanden haben, mag mit unserem Männer- bzw. Frauenbild zu tun zu haben. Spätestens seit den Tagen Charles Darwins hat man Männer aufgrund des hauptsächlich ihnen zugeschriebenen Wirkungskreises Jagd, Kampf und Werkzeugherstellung als primäre Motoren der Evolution betrachtet. Erst in jüngerer Zeit werden auch Frauen als Triebfeder der Evolution geehrt, denn sie haben Nahrung gesammelt und ihren Töchtern beim Aufziehen des Nachwuchses geholfen. Doch trotz langjähriger intensiver Forschungen zu den Ursprüngen von Sprache gibt es noch viele Studien, die danach fragen, woher eigentlich die Ammensprache kommt und welche Bedeutung sie hat.”

Falk zitiert zahlreiche Forschungserfahrungen, um den Unterschied in der Sprachentwicklung bei Schimpansen- und Menschenbabies, zu unterstreichen. Besonders berichtet sie über die Untersuchungen der berühmten Anthropologin und Ethnologin Jane Goodall, die durch ihre Experimente mit Schimpansen weltbekannt geworden ist.

Aber Dean Falk geht einen Schritt weiter, indem sie die Phylogenese der Menschen mit der Ontogenese des Individuums nicht gleichsetzt, aber doch bei beiden Ähnlichkeiten feststellt. Wenn wir die Entwicklung des Kindes beobachten, bekommen wir gleichzeitig einen Einblick in die Entstehungsgeschichte des Menschengeschlechts, auch wenn natürlich keine völlige Übereinstimmung festzustellen ist. Jedes Leben durchläuft wesentliche Etappen, die auch die ganze Menschheit durchlaufen hat.

Natürlich könnte man sagen, dass alles nur biologisch determiniert sei und die evolutionsantreibende Kraft der Frau eigentlich dadurch noch nicht bewiesen sei. Dean Falk unterstreicht allerdings, wie sehr die Mütter sprachentwickelnde Verhaltensweisen einsetzen, die nicht nur die Babysprache fördern, sondern auch ihre eigenen Verhaltensweisen verändern.

Die Frau und Mutter als Subjekt in Beziehungen ist somit geboren und bleibt gleichzeitig als lehrende und lernende Kraft ein Motor der menschlichen Entwicklung. Wenn man an die Auseinandersetzung in der feministischen Semiotik der 80er Jahre zurückdenkt, die sich darüber beklagte, dass die Frau sich nicht als Subjekt setzen will oder kann, dann erfährt man durch die Untersuchungen von Dean Falk, dass sie immer schon bestimmendes Subjekt gewesen ist und deshalb vielleicht keine Absicht hatte, sich ausdrücklich in den Vordergrund zu rücken. In ihrem Werk wird ganz deutlich, dass Sprache in der Beziehung entsteht und zunächst einmal nicht als Information oder als Performation, sondern als Schaffen von Vertrauen und Zuwendung. Auch unter diesem Gesichtspunkt ist der Beitrag dieses Buches ganz wichtig, denn lange haben Strukturalismus, Kognitivismus und Semiotik, auch die feministische Sprachkritik, diese einfache Tatsache ausgeklammert oder geleugnet und verschleiert. Der Ursprung in der Mutter-Kind-Beziehung wird der ganzen Auseinandersetzung um Subjekt und Ansprache im Dialog eine andere Stoßrichtung verleihen. Besonders geht daraus hervor, dass Sprache mehr als Informationsübertragung und Performativität ist, dass sie auch noch ganz viele andere Aspekte aufweist.

Die Mutter unterrichtet, wie Dean Falk in Kapitel 5 erklärt, die Sprache immer in der Beziehung, die sowohl das Kind als auch die Mutter verändert. Es handelt sich um Kulturarbeit und nicht um biologisches Agieren. Dabei ereignet sich Sprechen als multimodales Handeln, bei dem die Worte nur einen Teil der Aussage ausmachen.

Diese Babysprache ist universell, auch wenn die Beziehung in anderen Kulturen manchmal nicht dual sondern über die Mutter an die vielen Komponenten der Großfamilie oder Dorfgemeinschaft gerichtet ist.

Vielleicht ist ja die Möglichkeit, überhaupt Fremdsprachen zu unterrichten, nur über dieses universelle Lernen und Verstehen der Babysprache erklärbar. Wir alle wissen, wie gut man sich in einer Familie im Ausland die wesentlichen Dinge einer Sprache aneignen kann.

Endlich erkennen wir, dass die Babysprache oder Ammensprache keine Unart von ungebildeten Müttern ist, sondern der bessere Weg zur Sprachentwicklung des Kindes. Dean Falk fordert uns auf, sie wieder bedenkenlos zu gebrauchen, denn es geht ja beim Kleinkind nicht darum, die korrektere Standardsprache zu erlernen, sondern um viel tiefergreifendere Prozesse der Einführung in Phonetik, Semantik, Syntax und Beziehungsfähigkeit des heranwachsenden Mädchens oder Jungen.

Dean Falk: Von allem Anfang an. Wie die Menschheit zur Sprache fand: Mütter, Kinder und der Ursprung des Sprechens, DVA 2009. Übersetzung aus dem Englischen von Susanne Kuhlmann-Krieg.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Autorin: Elisabeth Jankowski
Eingestellt am: 17.07.2011
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