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Rubrik denken

Relation statt Religion

Von Caroline Krüger

In letzter Zeit ist mir öfter die Frage begegnet, weshalb denn „die“ Religionslosen keine Einheit bildeten, weshalb sie schwer zu erforschen seien, so wenig gemeinsam hätten (vgl. z.B. SPIEGEL, Juli 2011). Auch privat begegnete mir diese Frage, so dass ich mich nun
einmal damit auseinandersetzen möchte.

„Ich glaube an nichts“

Foto: Dorothee Markert

Eine Freundin erzählte, dass sie vor Jahren einmal auf Reisen von Muslimen gefragt worden sei, woran sie glaube. Als sie „an nichts“ geantwortet habe, habe sie einen großen Aufruhr ausgelöst. Die jungen Frauen, mit denen sie unterwegs war, begannen, darüber zu diskutieren, ob sie sie eventuell einen Abhang hinunterschubsen sollten, da sie ja eine „Ungläubige“ sei. Ein Mädchen habe dann eingegriffen und gesagt: „Nein, sie ist doch so ähnlich wie wir; sie hat es einfach nicht gut gesagt.“

Die Freundin war sehr erleichtert und auch ziemlich schockiert von dem Erlebnis.

Was genau hat sie „nicht gut gesagt“ ?, überlege ich mir. Ihr „an nichts“ war offensichtlich als eine krasse Zurückweisung erlebt worden, viel schlimmer und ganz anders, als wenn sie einfach eine andere Glaubenszugehörigkeit genannt hätte, wie „Ich bin Christin“.

 

Was bedeutet die Frage: „Woran glaubst du“? Es ist eine Frage, die eine Voraussetzung beinhaltet; die Voraussetzung, dass die Gesprächspartnerin eine Religionszugehörigkeit hat oder dass sie sich in ihrer Antwort zumindest darauf bezieht, ob sie eine Religionszugehörigkeit hat. Die Aufteilung der Menschen in zwei Gruppen, nämlich Gläubige und Nicht-Gläubige wird vorausgesetzt. Gläubige sind hierbei Angehörige verschiedener Religionen, nicht nur der eigenen, während Nicht-Gläubige alle anderen sind.

Wer also auf die Frage positiv antwortet, glaubt „an etwas“ – einen Gott, eine Göttin, mehrere Götter oder Göttinnen…

Und wer „an nichts“ antwortet?

Wer „an nichts“ antwortet, möchte vielleicht sagen, dass sie nicht an Gottheiten glaubt. Die Einteilung in Gläubige und Nicht-Gläubige wird stillschweigend akzeptiert, jedoch werden die Inhalte zurückgewiesen. „An nichts“ enthält auch die Botschaft: „ich verstehe, wonach du fragst und akzeptiere deine Voraussetzung, aber ich mache nicht mit, ich glaube an nichts.“ Das ist in gewissem Sinn auch eine Zurückweisung des Anderen oder kann so empfunden werden.

Und außerdem – stimmt es denn wirklich? Gibt es Menschen, die „an nichts“ glauben? Menschen, die nicht an Gottheiten glauben, glauben nicht in allen Lebensbereichen „an nichts“. Gibt es vielleicht eine andere Möglichkeit, so eine Frage zu beantworten, ohne die GesprächspartnerInnen vor den Kopf zu stoßen (aber auch ohne die eigenen Überzeugungen zu verbergen)?

 

Eine andere Antwort und eine andere Frage?

Es gibt viel mehr, woran wir glauben, wovon wir überzeugt sind, was wir wichtig finden, als Gottheiten. Daher gibt es auch mehr und andere Möglichkeiten, die Frage „Woran glaubst du?“ zu verstehen und zu beantworten als mit „an nichts“.

Wer zum Beispiel antwortet: „Ich glaube an Beziehungen zwischen Menschen, an Zusammenhalt und Vertrauen“, eröffnet einen anderen Bezugsrahmen und ordnet die Frage in einen eigenen, anderen Denkraum ein. Für die GesprächspartnerInnen werden Anknüpfungspunkte gegeben, und die Möglichkeit, Gemeinsames zu entdecken, wird eröffnet. Während „an nichts“ als eine Form der Rebellion angesehen werden kann („ich weiß zwar, was du wissen willst, aber ich will nicht mitmachen, ich glaube an nichts“) und daher abweisend wirkt, ist das Zeigen eigener Werte eine Einladung zum Gespräch. Zugleich ist die zweite, eigene und ausführliche Antwort auf eine andere Art sehr viel „rebellischer“ als das einfache „an nichts“. Sie lädt zwar zum Gespräch ein, wechselt aber den Diskurs: Von einem Gespräch über Religion, über die Bindung an eine Gottheit, kommen die GesprächspartnerInnen zu einem Gespräch über Beziehungen allgemein. Die Beziehung zu einer Gottheit kann eine davon sein; sie beherrscht jedoch nicht den Diskurs.
Die Eingangsfrage, weshalb die Religionslosen keine Einheit bilden, ist eine Frage, die den Diskurs vorgibt. Im religiösen Diskurs gibt es nur die Kategorie „Religiöse“ und „Religionslose“. Weder die einen noch die anderen bilden im Übrigen eine wirkliche Einheit. Um eine Erkenntnis darüber zu erhalten, woran ein Mensch glaubt, was er oder sie wirklich wichtig findet, ist eine andere Frage nötig. Sie kann gleich formuliert sein wie die „alte“ Frage: „Woran glaubst du?“ oder auch anders: „Was ist dir wichtig“? Gemeint sein könnte damit aber mehr als die Frage nach der Religionszugehörigkeit.

 

Relation statt Religion

Die Frage nach der Religionszugehörigkeit bleibt durch den vorgegebenen Diskurs in einer gewissen Enge gefangen. Wird die – eventuell gleich lautende – Frage offen gestellt, kann sie zu einer Frage nach Bindungen werden, nach „Relation“.

Diese Frage als Frage nach der Relation, nach Bindung im Allgemeinen, lässt eine Antwort erwarten, die mehr verspricht als diejenige nach der Religion, der Bindung an eine Gottheit.

Wenn wir die Frage „Woran glaubst du?“ als eine offene Frage stellen und wenn wir sie offen beantworten, können wir etwas Gemeinsames finden, das nicht auf die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe beschränkt ist. Die Frage nach der „Einheit der Religionslosen“ erübrigt sich und das Gespräch kann beginnen.

 

Autorin: Caroline Krüger
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 22.01.2012
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Else Shamel sagt:

    …“..an nichts“ – diese Antwort kann vor allem Angst hervorrufen. Da ist jemand, der alle Regeln verneint, der die üblichen Werte nicht anerkennt…und nch schlimmer…diese Antwort stellt auch die Religion bzw. deren denken in Frage..das verunsichert sehr stark.
    Frau/Mann muss sehr vorsichtig sein und es ist sehr wohl zu überlegen, wie man die Ablehnung oder das Nicht-mehr-Anerkennen der üblichen Religionen definiert oder bekennt…

  • Helga Laurinat sagt:

    22.01.2012

    „an nichts glauben“ – das ist ein Trugschluss!
    Selbst ein Atheist glaubt, dass er nichts glaubt…
    Helga Laurinat

  • Chräcker Heller sagt:

    Das ist (auch) meine Standardantwort: ich glaube (und das Wort betone ich dann meist auch immer), das es keinen Gott gibt.

    Und je nach Gesprächslage füge ich Umgangssprachlich)an… wissen tu ich es freilich nicht… – und wenn es dann die Gesprächssituation weiter erlaubt noch gerne meine Meinung: ich traue eh nie den Leuten, die ihren Glauben meinen zu wissen.

    Aber gleichwohl ist es mit meinem Glauben schwerer, sich als Gemeinschaft zu fühlen. Gottesgläubige haben es da leichter, weil die Art des Gottesglauben vielleicht differenzierter sein kann als mein Glaube, und daher die Gruppierungen anfangs in der Geschichte übersichtlicher war. Man schloss sich dann zusammen um Halt bei einander in seinem Glauben zu finden. Und auch Schutz. Das ist aber nun alles Laienüberlegung von mir.

    Es käme mir auch unsinniger vor mit meinem Glauben, mich mit Gleichgläubigen regelmäßig in einem Raum (darf auch gerne ein Landschaftsraum sein) und meinen Glauben mit Halt gebenden Ritualen in Andachten zu packen… (Und das meine ich nicht abwertend diesen gegenüber…)

  • Regine sagt:

    An Beziehungen glauben ist eine wunderschöne Antwort wie ich finde, weil sie in meine Vorstellungen und Werte einfach zu integrieren ist und ich innerlich „ja“ sagen kann.

    Sie grenzt auch nur bedingt aus, nämlich diejenigen, die nicht an Beziehungen glauben. Dennoch würden sich jene wohl nicht so zurückgewiesen fühlen, weil der neue Denkraum noch mit so wenig Werten belegt ist.
    Ich bin neugierig, wie sich dieser Denkraum entwickelt.

    Danke Caroline für Deine differenzierten Gedanken.

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Ich glaube (daran) -und da kann kommen was da will,
    dass ich lebe. Mehr vermag ich über „Gott“ nicht zu sagen.
    Denn was auch immer das heißen mag „leben“,
    wissen tu ich darüber doch letztlich nichts.
    Und dass ich es heute so sage, das ist für mich gut so
    und ich lasse es so sein -das, was (m)ein Leben ist. –
    Mir ist es zu wenig, an Gott zu glauben:
    ich möchte „Gott“ immer neu erfahren in jeder Beziehung.
    Und das heißt für mich in Gott leben schon heute ewig!
    Was gib es dann noch zu glauben?

  • beate l sagt:

    „ich glaube an nichts!“

    das hört sich für mich unabhängig an, freiheitlich. ich bin unabhängig von regeln, ritualen, auch von druck,d er durch religion gemacht wird. ich kann nach meiner nase entscheiden, ich ordne mich nicht unter (bei den großen religionen ist ja meistens eine religiöse hauptamtlichenschicht da, der sich unterzuordnen gilt).

    für mich ist der text ein interessanter impuls: weg von der verbindung zum religiösen, einfach etwas anderes hören und so antworten. den raum öffnen, der sich sonst auf das religiöse beschränkt hätte. raum auch für spiritualität. Vielleicht dann auch ein raum ohne die harten diskussionen, die es mit missionarisch-eifrigen menschen geben kann.

  • ursula knecht sagt:

    Danke, Caroline, für deinen konstruktiven Denkansatz.
    Wir werden immer häufiger mit Menschen ins Gespräch kommen, die nicht an Gott glauben und keiner Religion angehören. Ihnen zu sagen, dass sie irgendwo doch „religiös“ seien, weil Religio Verbundensein bedeutet (bedeuten kann), ist nicht aufrichtig, nimmt diese Menschen nicht ernst, grenzt aus. Ina Praetorius hat den Ausdruck „Intervitales Gespräch“ geprägt. Das erweitert den Horizont der „interreligiösen“ und „interkulturellen“ Diskurse. Kürzlich hat ein Muslim aus Pakistan, der schon lange in der CH lebt, anlässlich einer Interrelgiösen Feier in Zürich für eine Mädchenschule in Pakistan, die er aufgebaut hat, um Unterstützung gebeten. (www.LivingEducation.org)
    Er hat erzählt, dass eine junge Lehrerin aus der CH, die dort unterrichtet, von einer pakistanischen Schülerin gefragt wurde, ob sie Christin sei. Die Lehrerin antwortete: „Nein, ich glaube nicht an Gott“. Das löste einen Schock an der Schule aus. Der Schulleiter brauchte drei Tag, um die Schülerinnen zu beruhigen, indem er ihnen erklärte, dass diese junge Frau kein schlechter Mensch sei und keine „Ungläubige“, die es zu verfolgen gelte. Dank seiner Bereitschaft, dieses Thema sorgfältig zu bearbeiten, konnte die junge Frau weiter unterrichten.

  • robin sagt:

    Hallo, hier fehlen doch Kommentare? Ich wollte auf einen antworten…

  • Antje Schrupp sagt:

    @robin – nein, Grade nochmal geschaut, alle Kommentare sind freigeschaltet!

  • Lily Baumann-Steiner sagt:

    „Auf die Frage an was man glaube, die Antwort „nichts zu bekommen, löst beim Gegenüber das Gefühl aus, im Schilf zu stehen. Der Wind ist aus dem Segel und man kann nicht kontern. Ich denke, dass dort das Problem liegt. Die meisten Menschen wollen doch von ihrem Glauben reden und den andern davon überzeugen.

  • Gré Stocker-Boon sagt:

    Liebi Lüüt, Kürzlich war es wieder so,da gab es Mutter und Tochter,die mit vorgelegten Fragen auf der Strasse uns anhielten und baten,ob wir Zeit hätten,sie zu beantworten.Wir wollten.Die erste Frage lautete,ob wir einer Kirche zugehörig seien und welcher.Und dann ging wieder das Missionieren,Bekennen und Kontern los.Es wird damit wieder eine Mauer aufgerichtet,wo kaum ein Durchkommen ist,ohne heftig zu werden.Am Schluss sind dann sogenannt die Fragenden die GewinnerInnen.

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Lily, das kenne ich gut von den Zeugen Jehovas:
    es klingelt, sie stehen plötzlich vor der geöffneten Tür
    und sagen, sie wollen mit mir über Jesus sprechen.
    „Ja“, sag ich freundlich und klar, „das wollen SIE, aber ich nicht!“
    und dann wünsche ich ihnen einen frohen Glauben -wirklich!
    (ohne zur Co“Abhängigen“ geworden zu sein.)

  • gerade lese ich den Artikel „Relation statt Religion“ von Caroline Krüger. Ich bin sehr einverstanden!
    Ich möchte den Hinweis geben, dass dieser Gedankengang Thema der feministischen Theologie und der feministischen Sozialethik ist: Carter Hayward (1982, deutsch: Und sie rührte sein Kleid an, Stuttgart 1986) und Beverly W.Harrison ( Making the Connections, deutsch: Die Neue Ethik der Frauen, Kreuzverlag Suttgart,1991).

    Ausführlich schildert die Beziehung zwischen Religion und Sozialethik mein Buch „Jenseits von Gott und Göttin. Plädoyer für eine spirituelle Ethik“, München 2001

    Carola Meier-Seethaler: Jenseits von Gott und Göttin. Plädoyer für eine spirituelle Ethik. C.H .Beckverlag München, 2001

    mit herzlichen Grüssen

    Carola

  • Ich bin voll einverstanden mit den Überlegungen von Caroline Krüger und froh um das in Erinnerung rufen von Konzepten feministischer Theologie durch Carola Meier-Seethaler. Ich prsönlich habe Religion immer schon als Relation verstanden; nicht einfach an eine göttliche Instanz, sondern an das Transzendente, das in der Immanenz immer wieder aufscheint; -auch gerade in Beziehungen zu Menschen.

  • Johanna Helen Schier sagt:

    Caroline Krüger. „Woran glaubst Du?“
    Als Christin, die schon vor Jahren aus „dem Verein Kirche“
    ausgetreten ist, lese ich gerade interessiert den Beitrag von C. Krüger. Was würde i c h spontan antworten bei der Frage? Siehe da: 1 Korinther 13: „Wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnisse und hätte allen Glauben, so dass ich Berge
    versetzen könnte und hätte der LIEBE nicht, so wäre
    ich n i c h t s.“

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