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Neue Geschichte mit alten Lücken

Von Ina Praetorius

Ina Praetorius über das neue Buch von Hans Joas: Die Sakralität der Person. Eine neue Genealogie der Menschenrechte, Berlin (Suhrkamp) 2011.

Sakralität der Person. Ein Mann in der noch unvollendete serbisch-orthodoxe St. Sava-Kirche in Belgrad. Foto: Ina Praetorius

Es scheint immer noch Leute zu geben, die meinen, letztgültige moralische Werte entstünden so, wie Immanuel Kant sich das am Ende des achtzehnten Jahrhunderts vorgestellt hat: durch zeitenthobene, rein rationale Argumentation, ohne Bezug auf Geschichte und Erfahrung.

Wie soll ich es mir anders erklären, dass der Sozialphilosoph Hans Joas im Jahr 2011 ein Buch publiziert hat, in dem er auf 300 Seiten beweist, dass es anders ist: dass auch die vermeintlich universalen Werte – ihm geht es insbesondere um Menschenwürde und Menschenrechte – auf kontingenten Entstehungsgeschichten beruhen?

Wie kam die Menschenwürde in die Welt?

An der Entstehungsgeschichte des Wertes der unverlierbaren Menschenwürde haben, entgegen der gängigen Vorstellung, er sei in der europäischen Aufklärung gegen die Kirche proklamiert worden, laut Joas die Religionen mit ihrem sich über Jahrhunderte entwickelnden Glauben an die „Sakralität der menschlichen Person“ einen gewichtigen Anteil. Aber auch historische Zufälle, gravierende kollektive Leiderfahrungen – etwa das Trauma des Sklavenhandels oder des Holocaust – oder eine gesteigerte „Empfindsamkeit“ durch zunehmenden Wohlstand.

In historischen Einzelstudien, zum Beispiel zur Vorgeschichte der französischen „Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte“ von 1789, der amerikanischen „Bills of Right“ oder der Menschenrechtserklärung von 1948 zeichnet Joas die komplexen ökonomisch-politischen und religiös-kulturellen „Handlungsverkettungen“ (S. 32) nach, die jeweils dazu geführt haben, dass an einem nicht prognostizierbaren Punkt der Geschichte eine neue Werteordnung in die Welt kam, die man dann im Rückblick häufig als „Entdeckung“ präexistenter Universalien oder als Ausführung eines wie auch immer gearteten göttlichen Willens (fehl-)gedeutet hat.

Warum aber bindet uns, was zufällig entstanden ist?

Hans Joas will aber nicht nur Beiträge zur Frage der Entstehung der Menschenrechte leisten. Er will auch die moralphilosophische Frage beantworten, warum Werte trotz ihrer kontingenten Entstehungsgeschichten Gültigkeit beanspruchen können: Warum fühle ich mich, warum fühlen sich ganze Kollektive an Prinzipien wie die „unantastbare Menschenwürde aller“ oder das „Recht auf Leben“ gebunden, auch wenn bekannt ist, dass solche Prinzipien nicht ewige Wahrheit, sondern „historische Individualitäten“ (S. 164ff) sind?

Um auf diese Frage zu antworten, entwickelt Joas im Anschluss an Ernst Troeltsch eine historiographische Methode, die er „affirmative Genealogie“ (S. 147-203) nennt. Sie siedelt sich jenseits von Kants Rationalismus einerseits, Nietzsches „Genealogie der Moral“ andererseits an, widersteht aber auch der Versuchung, in eine objektivistische Geschichtsteleologie nach Hegel’schem Muster zurückzufallen. In die Mitte dieser affirmativen Genealogie rückt Joas die „unvermeidliche Selbstpositionierung des Historikers“ (S. 182-186), durch die sich der vermeintlich unüberwindliche Graben zwischen Sein und Sollen überspringen oder umgehen lässt:

„Wo das in Rede stehende Sein selbst ein Sollen beinhaltet – wie bei historisch entstandenen Normen und Werten –, setzen wir uns nicht nur zur Faktizität, sondern auch zu den Geltungsansprüchen historischer Gebilde in ein Verhältnis. Wir ersetzen nicht Geltungs- durch Genesediskussion, wenn wir die Genese für geltungstheoretisch relevant erklären.“(S. 186)

Durch diesen Denkansatz wird es, so Joas, möglich, bei aller Einsicht in die historische Relativität der Menschenrechte ihren Geltungsanspruch zu bejahen. Indiz für die Aufrichtigkeit der Selbstpositionierung ist ihm „das Gefühl der subjektiven Evidenz bei affektiver Intensität“, aus dem sich „Selbstgewissheit ohne den Anspruch auf Zeitlosigkeit“ (S. 163) ergibt – und bestimmte wertgeleitete, aber deshalb nicht willkürliche Konstruktionen der Vergangenheit.

Wer ist Hans Joas?

Und wie verortet sich Hans Joas nun selbst?

Obwohl er die Selbstpositionierung des Historikers für methodisch unabdingbar hält, lässt er seine Leserinnen und Leser weitgehend im Unklaren über sein eigenes Herkommen. Wir können zwar ahnen, dass er an die „Sakralität der Person“, in der er das zentrale Motiv zur historischen Entwicklung der Menschenwürde und -rechte sieht, „glaubt“. Seine Ausführungen über die Unsterblichkeit der Seele und das Leben als Gabe Gottes – diese beiden Glaubensinhalte profiliert er als die wesentlichen Elemente der jüdisch-christlichen Tradition, die in die moderne Idee der unantastbaren Menschenwürde einmünden – lassen jedenfalls Sympathie erkennen.

Letztlich aber bleibt er doch dem Habitus des Universitätsprofessors verhaftet, der den eigenen Standpunkt, indem er ihn verbirgt, zum archimedischen Punkt macht, von dem aus ein quasi göttliches Urteil über den Lauf der Dinge möglich zu werden scheint. Schon Immanuel Kant konnte zwar in seiner „Metaphysik der Sitten“ unvermittelt von der „Heiligkeit“ der Person sprechen, verweigerte dem unverkennbar religiösen Begriff aber die Verortung in seinem eigenen kontingenten Herkommen.

Bleibt also im akademischen Betrieb des einundzwanzigsten Jahrhunderts, trotz des Anspruchs, „Neues“ zu sagen, doch alles beim alten professoralen Pseudouniversalismus?

Die unbenannte Matrix

Im Kapitel über „Das Leben als Gabe“ (S. 232-250) schreibt Joas:

„Wir alle wissen, dass wir uns in unserer körperlichen Existenz nicht selbst geschaffen haben, sondern unser Leben einem Akt der Zeugung und jahrelangen Betreuung meist durch unsere Eltern verdanken. In allen Kulturen werden daraus bestimmte Normen der Dankbarkeit gegenüber den Eltern, der Familie oder dem Volk abgeleitet.“ (S. 239)

In dieser Beschreibung des menschlich-individuellen Herkommens klaffen präzise benennbare Lücken: Es fehlen neun Monate des unvermischten und unverwandelten, ungetrennten und unzerteilten Zustands „Zwei in Einer“ der Schwangerschaft. Es fehlt die Geburt als das Durch/Einander jeden menschlichen Anfangs und als der Eintritt in die bis zum letzten Atemzug bezogen bleibende menschliche Freiheit. Und es bleibt unbenannt, dass nicht neutrale „Eltern“, sondern überwiegend – und programmatisch – Mütter die „Betreuung“ leisten, also Angehörige des Geschlechts, das in der gesamten westlichen Geistesgeschichte tendenziell als stumme Materie (zu griechisch Meter/Mutter) fehlgedeutet wurde – und offensichtlich noch wird.

Aus solchen nicht zufälligen, sondern einem Jahrhunderte alten denkerischen Usus folgenden Auslassungen ergeben sich Fragen: Haben wir uns denn nur „in unserer körperlichen Existenz nicht selbst geschaffen“ (S. 239)? Ist nicht auch unsere geistige Existenz (sofern wir uns dem durchaus fragwürdigen Dualismus vorerst noch anschließen wollen) unaufhebbar eingebettet in eine Matrix, die wir nicht selbst gewählt haben?

Ist es Zufall, dass Hans Joas in seiner Bibliographie 159 männliche Namen auflistet, neben nur 9 weiblichen? Und ist, was uns letztlich zum guten Handeln motiviert, vielleicht gar kein „Wert“ und keine „Norm“? Ließe sich das grundlegende menschliche Sollen wirklichkeitsgetreuer aus einem in unserer Geburtlichkeit begründeten elementaren, zu kultivierenden Bezogenheitsbewusstsein ableiten? Etwa in kritischer Anknüpfung an Martin Luthers Intuition vom „Fliessen“ des Guten aus der von Gott geschenkten Fülle:

„Sieh, so fließt aus dem Glauben die Liebe und die Lust zu Gott und aus der Liebe ein freies, williges, fröhliches Leben, dem Nächsten allein zu dienen“ (Von der Freiheit eines Christenmenschen, Ausgewählte Schriften Bd. 1, Frankfurt a.M. 1983, S. 241f.

Es bleibt noch viel zu tun, bis sich ereignen wird, was Luce Irigaray in der Einleitung zu ihrer „Ethik der sexuellen Differenz“ (Frankfurt 1991, S. 12) eine „nichttraditionelle, fruchtbare Begegnung zwischen den Geschlechtern“ nennt, hier: zwischen Denkerinnen und Denkern des guten Lebens und Handelns. Aber eine solche Begegnung wäre möglich und würde uns vielleicht sogar „die Rettung bringen“ (S. 11)?

Einstweilen und im Sinne einer Beförderung des in Gang befindlichen Paradigmenwechsels seien Hans Joas folgende Texte zur Lektüre empfohlen:

Artur R. Boelderl, „Born to be alive“. Zur philosophischen Bedeutung der Gottesgeburt. Erwägungen im Konjunktiv, in: Theologisch-praktische Quartalsschrift 4/2008, 388-395

Andrea Günter, Die weibliche Hoffnung der Welt. Die Bedeutung des Geborenseins und der Sinn der Geschlechterdifferenz, Gütersloh 2000

Luce Irigaray, Ethik der sexuellen Differenz, Frankfurt 1991

Ina Praetorius, Wir kommen durch einander. Eine Passage, in: Dies., Rainer Stöckli Hgg, Wir kommen nackt ins Licht, wir haben keine Wahl. Das Gebären erzählen, das Geborenwerden. 150 Szenen aus der Schönen Literatur zwischen 1760 und 2011, Herisau 2011, 195-221

Ina Praetorius, Die Würde der Kreatur – weiter gedacht, in: Dies., Immer wieder Anfang. Texte zum geburtlichen Denken, Ostfildern 2011, 117-133

Diana Sartori, „Du sollst.“ Ein mütterliches Gebot, in: Diotima, Jenseits der Gleichheit.

Diotima: Über Macht und die weiblichen Wurzeln der Autorität, Königstein/Ts 1999, 11-44

Christina Schües, Philosophie des Geborenseins, Freiburg/München 2008.

Autorin: Ina Praetorius
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 13.06.2012
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Ingeborg Dietsche sagt:

    Danke, liebe Frau Praetorius,

    für diese Besprechung und die darin geäußerten Gedanken. Ja, das Sein von der Zeugung, Schwangerschaft und Geburt her betrachten – das eröffnet völlig neue Gedankengänge! Diese „sinn-losen Lücken“ werden dann schmerzlich deutlich!

    Ingeborg Dietsche

  • Tex_Red sagt:

    Vielen Dank für diese ausführlich-umsichtige Besprechung, die den Horizont erweitert und mir, was die (unbewussten?) „Auslassungen“ betrifft, besonders erhellend scheint.

    Herzlich grüßt
    Ulrike

    Ulrike Reißfelder
    | Text, Redaktion, PR |
    Sofienstr. 32, 77654 Offenburg
    Tel. 0781/2 84 25 54
    Mail: u.reissfelder@t-online.de

  • gabi Bock sagt:

    Sehr kompliziert und spekulativ…

  • Juliane Brumberg sagt:

    Es ist erschreckend, dass der Diskurs über die Geburtlichkeit, der ja schon seit Jahren verfolgt werden kann, von männlichen Wissenschaftlern einfach ausgeblendet wird. Warum sind sie so wenig an den klugen Gedanken interessiert, die aus der Frauenbewegung kommen?

  • Am 13. Juni 2012 habe ich den Link zu dieser Buchbesprechung an Hans Joas geschickt (hans.joas@uni-erfurt.de) mit dem Vorschlag, sich dazu zu äussern. Zunächst bekam ich keine Antwort. Nachdem ich am 27. Juni nachgehakt hatte, teilte er mir mit, er habe kein Interesse an einer Auseinandersetzung. Ich fragte ihn daraufhin, ob er mir nicht trotz seiner inneren Widerstände diese drei Fragen beantworten wolle: 1. Warum lesen Sie so wenige Bücher von Kolleginnen? 2. Warum übergehen Sie in Ihrer Anthropologie des Anfangs Schwangerschaft, Geburt und mütterliche Fürsorge? 3. Wie verhalten sich solche Ausblendungen zu Ihrem Verständnis von Moral? – Daraufhin teilte mir Hans Joas noch einmal mit, er habe kein Interesse an einer Auseinandersetzung und ich solle ihn nicht weiter belästigen. Leider hat er mir am 7. Juli 2012 auch untersagt, unsere Korrespondenz hier zu publizieren.

  • Adelheid v.Guttenberg sagt:

    Liebe Ina,
    vielen Dank für diese Anmerkungen. Ich bin mehr und mehr überzeugt, dass wir geschlechtsspezifische, physische und daraus sich ableitende psychische und handlungsorientierte Charakteristika untersuchen und bewerten müssen. Und dass daraus folgend die mütterliche/väterliche Seite, die Fürsorge für das Leben, Animus und Anima in beiden Geschlechtern für unser Überleben ihre Wirkung entfalten könnten.
    Denn: was gibt es Dümmeres als diese Männer, die Kriege führen, was gibt es Dümmeres als Rüstung, Rüstung, Drohnen z.B., die wir jetzt anschaffen müssen, was gibt es Dümmeres als dies gewalttätige Handeln, das andere verletzt und Menschen und Erde zerstört. Unser natürlichen Grundlagen gilt es zu achten und eine natürliche Grundlage sind auch die Geschlechter. Und daraus kann kein Machtanspruch und keine Unterwerfung abgeleitet werden.
    Sehr herzliche Grüße,
    Adelheid
    (wir waren in Breklum zusammen)

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