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Rubrik denken, studieren

Dezentrierung als das Politische des Ethischen

Von Andrea Günter

Zum Abschluss ihrer Betrachtungen zur Ethik
bringt es Andrea Günter noch einmal auf den Punkt !

Im ersten Buch der Politeia entwickelt Platon Gerechtigkeit als das Gut, das ein Gemeinwesen zu erstreben hat, damit es gelingen kann. Gerechtigkeit wird als die mediale Kraft kenntlich, die eingespielte Positionen überwindet, indem das Denken in Form von Positionen grundsätzlich überschritten wird. Denn gleichgültig, ob sich jemand als ein berechtigter Schuldenempfänger herausgestellt hat, als Freund oder Feind, als Fremder oder zugehöriger Mitbürger, als Überlegener, der seine Interessen aufgrund seiner Macht oder seines Wissens durchzusetzen vermag, oder als Unterlegener, der sich aufgrund der Verhältnisse nur mit Müh und Not wehren kann, aus solchen Positionierungen ist nicht herleitbar, was gerechterweise getan werden muss. Aus der Sicht der Gerechtigkeit ist beispielsweise nicht der gewohnte Freund der Freund, erweist er sich als ungerecht. Denn ein Ungerechter ist nicht der Freund des Gerechten. Der Freund des Gerechten ist der Gerechte.[1]

Zu solchen Umdeutungen wirft Thrasymachos dem Sokrates vor, er würde ihm das Wort im Munde herumdrehen. Mit diesem Vorwurf liegt Thrasymachos vollkommen richtig. Sokrates dezentriert eingespielte Positionierungen von Freund und Feind, indem er von dem Gerechten her bestimmt, wie menschliche Bezüge zu qualifizieren sind. Das Fremde kann sich dem Gerechten als zugehöriger erweisen als das Eigene, und zwar dann, wenn es gerechter ist als das Eigene. Dann ist das Zugehörige das Fremde und das Eigene das, was dem Gerechten nicht (länger) zugehört. Außerdem gibt es den Fall, dass das Fremde und das Eigene gleichermaßen schön sein können. Zwei verschiedene Weisen sind schön, mit diesem Urteil kommentiert Sokrates gleich zu Beginn des Textes die unterschiedlichen Weisen, in der die Athener und die Thraker die Ankunft einer neuen Göttin im Hafen feiern, als beiderseits gelungen.

Die Dezentrierung besteht also nicht in der bloßen Auflösung von Positionen. Sie besteht darin, das Gerechte zum Zentrum von Veränderungen der Positionierungen und eingespielten Bezügen zu machen. Etablierte Positionierungen werden damit nicht unbedingt aufgehoben. Sie können und müssen sich allerdings entlang des Gerechten bewähren. Damit sind sie immer wieder neu zu beurteilen.

Im Zusammenhang mit politischen Theorien entsteht eine auffällige neue Sichtweise. Denn Politik wird oftmals als Folge des Antagonismus von Positionen verstanden: Herrscher und Beherrschte, Freund und Feind, Interessensgegner (Chantal Mouffe)[2], Männer und Frauen treffen aufeinander. Der Konflikt scheint die Menschen zu regieren, also muss der Umgang damit geregelt werden.

Dass divergierende Positionen aufeinandertreffen, führt zu Konflikten, besagt aber nicht, wie diese überwunden werden können. Außerdem ist nicht bloß ein solcher Antagonismus, so Platon, die Voraussetzung dafür, dass gerecht gehandelt werden muss. Auch eine einigermaßen ausgewogen aufgestellte Gesellschaft braucht die Orientierung an Gerechtigkeit als Ausrichtung am höchsten Gut. Denn Verhältnisse verändern sich ständig, jede Veränderung wirkt sich auf die vorhandenen Spannungen zwischen Gerechtem und Ungerechtem aus. Soll Gerechtes stabilisiert und gemehrt, Unrechtes aber verringert werden, muss auch eine einigermaßen gut aufgestellte Gesellschaft darauf achten, dass die Orientierung an Gerechtigkeit aufrechterhalten bleibt. Das Gerechte ist nicht selbstverständlich, es braucht jederzeit Engagement.

Die Herausforderung, die sich dabei stellt, liegt allerdings nicht darin, die verschiedenen Positionen aufzuheben. Es geht vielmehr um die Entscheidungsgrundlage, die politisches Handeln leiten muss. Sie besteht darin zu erkennen, dass ein jedes Handeln entweder Unrechtes oder aber Gerechtes mehren kann, und zwar unabhängig davon, ob die Situation konflikthaft oder harmonisch ist. Und je nachdem, in welche Richtung eine Handlung wirksam wird, wird das Zusammenleben beeinflusst, Zwietracht wird verstärkt oder aber das Zusammenleben wird gestärkt. Also nicht erst der Konflikt, die Proportionalität zeigt die Reibungen an, die gerecht entwickelt werden müssen.

Das ist auch der Grund, warum sich Überlegene und Mächtige vernünftigerweise an Gerechtigkeit orientieren müssen. Fehlt ihnen diese Einsicht, destabilisieren sie das Zusammenleben und folglich ihre eigene Position, womit sie gegen die eigenen Interessen verstoßen. So liegt es im eigenen Interesse von Regierenden, gut regiert zu werden, was sie selbst dazu anleiten müsste, gut zu regieren.

Vorhandene Positionen gehören zwar schon der Vergangenheit an. Sie werden jedoch nicht überwunden, indem sie abgeschafft oder ausgewechselt werden. Die Herausforderung, die das Politische bewältigen muss, ist eine ethische. Wollen alle Seiten im Ausblick auf die gemeinsame Zukunft gerechter aufgestellt werden, braucht es die Bereitschaft der Personen zur Selbstdezentrierung, dann ihre Befähigung zur Neuverbindung. Darauf basiert das Demokratische.[3]

Das Gelingen des Zusammenlebens ist dabei kein übergeordneter Gesichtspunkt, dem die Interessen von Einzelnen unterworfen werden. Es steht nicht Subjektivem entgegen. Im Gegenteil, es braucht dieses vielmehr, denn ohne dessen Berücksichtigung ist es nicht gerecht. Allerdings, es ist perspektiviert: Subjektives ist so zu praktizieren, dass es „maßvoll“ ist. Dies bedeutet, so zu handeln, dass das Zusammenleben nicht geschwächt wird, woraus der einzelnen Person Pflichten, aber gleichermaßen auch Ansprüche erwachsen.[4] Im öffentlichen Gebrauch der Vernunft wird aus Subjektivem Maßvolles und Orientierendes.

Das Gerechte bezieht sich auf die Beziehung zwischen Subjektivem, Pluralität und dem Gelingen des Zusammenlebens. Gerade weil es eine zentrale Erkenntnis unserer Zeit ist, dass weder Gott noch die Natur allgemeingültiges Wissen garantiert, wird das Ethische stark. Die Einsicht in die Relevanz des Subjektiven begründet keinen Werteverlust, im Gegenteil, sie verlangt regelrecht das Ethische.

Qualifiziert stattdessen das Moralische die Art und Weise, wie Menschen sich aufeinander und dabei immer auch subjektiv und in Verschiedenheit auf die Dinge beziehen, bleibt es uneindeutig und unbestimmbar, kann nicht wie eine Substanz, sondern muss als eine Relation, ein Zwischen, ein Verhältnis, eine Proportionalität bestimmt werden. Diese Kategorisierung ist wiederum dann ethisch, wenn die Komplexität des Relationalen als moralisches Dilemma virulent und entsprechend praktiziert wird. Eine solche spezielle Relationalität lässt sich in der Verbindung von Proportionalität und dem Guten fassen, wie sie die Größe „Gerechtigkeit“ zum Ausdruck bringt.

Als Relativum bleibt das Ethische auf den Dialog angewiesen, auf den Einsatz für Gerechtigkeit und das Gute, ohne auch dieses in Form einer Substanz oder gar entlang einer Substanz definieren zu können. Das aber ist das Potential des Ethischen, seine Antwort auf eine besondere Herausforderung an die menschliche Erkenntnis, eine Antwort, die selbst der Qualifizierung und Bildung bedarf.



[1] Werde ich in Zukunft mein Freund sein/bleiben, wenn ich xy tue? Werde ich mein Freund bleiben, wenn ich Unrechtes tue, übersetzt Hannah Arendt diese Überlegung in eine Selbstbefragung und qualifiziert derart den Dialog mit sich selbst als Grundform menschlichen Denkens und Seins, vgl. Arendt: Zwischen Vergangenheit und Zukunft, 150ff.

[2] Mouffe: Über das Politische, a.a.O.

[3] Ausführlicher in Günter: Dezentrierung und Neuverbindung. Zur Ökologie des Verhältnisses von Öko­nomie, Ethik und Politik, in: dies, die Kultur des Ökonomischen, 159-174.

[4] In Bezug auf die Vernunft lernen wir: Die Vernunft ist nicht überlegen. Subjektives darf nicht übertrumpft werden. Eine Vernunft, die sogar stolz darauf ist, genau dies zu tun, etwa objektiv zu entscheiden, eine solche Vernunft ist ungerecht.

Autorin: Andrea Günter
Redakteurin: Christel Göttert
Eingestellt am: 20.10.2013

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Sabrina Bowitz sagt:

    „Das Gerechte ist nicht selbstverständlich, es braucht jederzeit Engagement“.
    Das erachte ich für einen sehr wichtigen Satz, da viele die Gerechtigkeit als etwas Festes sehen oder Errungenschaften für die Gerechtigkeit als ewig Gegebenes. Das Gerechte als etwas zu sehen, das täglich Engagement braucht, ist wichtig.

    Auch die Selbstbefragung, die in der Lesart Arendts herauskommt, ist wichtig, dass jede und jeder sich selbst zu fragen hat: Kann ich mit so einem Menschen zusammenleben bzw kann ich mich dann selbst noch ertragen, wenn ich dies und das mache?

    Auch der Hinweis in den Fußnoten erachte ich als sehr bedeutsam:
    „Die Vernunft ist nicht überlegen. Subjektives darf nicht übertrumpft werden. Eine Vernunft, die sogar stolz darauf ist, genau dies zu tun, etwa objektiv zu entscheiden, eine solche Vernunft ist ungerecht“.
    Spannend!
    Vielen Dank für den Artikel!

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