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Neubegehren muss als Sehnsucht empfunden und als möglich erlebt werden

Von Gudrun Bosse

"Neubegehren" war für viele "das Wort" der Denkumenta. Eleonora Bonacossa hat es noch während der Tagung  selbst gestickt. Foto: Frauenbildungsvernetzung/Flickr.com

„Neubegehren“ war für viele „das Wort“ der Denkumenta. Eleonora Bonacossa hat es noch während der Tagung selbst gestickt. Foto: Frauenbildungsvernetzung/Flickr.com

Auch ich bin leider bei der Denkumenta nicht dabei gewesen, verfolge aber „Beziehungsweise Weiterdenken“ fast von Beginn an mit großem Interesse und möchte mich nun mit einem Beitrag beteiligen.

Warum es oft kein politisches Handeln im Sinne von „Entscheidungen treffen, Verantwortung übernehmen“ gibt, fragt Antje Schrupp. Ich glaube, es liegt daran, dass diese neue Form politischen Handelns, wie sie in „Beziehungsweise Weiterdenken“ , wie sie von den Frauen des Differenzfeminismus entwickelt wird, die sich auch in einer neuen Sprache, wie im „ABC des guten Lebens“ begonnen, niederschlägt, in neuen Formen von Beziehung, dass diese andere Form von Politik dessen bedarf, was von Matthias Jung als „das Wort der Denkumenta“ bezeichnet wird: Neubegehren.

Dagegen steht der – ziemlich weit durchgesetzte – Versuch, Frauenpolitik an die bestehenden Verhältnisse anzupassen und sie in die Bahnen der „Selbstoptimierung“ und des wirtschaftlichen Vorteils zu lenken und somit ihrer Fähigkeit, Wandlung hervorzurufen, zu berauben. Und das Denken und Fühlen und das Begehren so zu begrenzen. Das ist der Mainstream, der das Begehren (ab)lenkt.

Statt dessen? Matthias Jung schreibt im Zusammenhang mit dem Begriff des Neubegehrens von einer „Bewegung der ganzen Person“, auf ein Neues hin, es drücke sich darin eine Sehnsucht nach einem „Mehr“ aus, das dem „Auf der Welt sein“ Sinn gibt.

Ich möchte hier gerne eine Unterscheidung zwischen „Ich“ und „Selbst“ einführen, die meiner Meinung nach fälschlicherweise als Gleiches verwendet werden. Im Mainstram geht es um eine „Ich-Optimierung“, nicht um eine Selbst-Optimierung.

Selbst, das ist etwas, das über die gesellschaftliche Anpassung und Realitätsbewältigung hinausgeht, etwas, das unserem „Wesenskern“ entspricht, einer Dimension, die sich nicht korrumpieren lassen will, sondern sich entfalten möchte – sich entfalten können sollte.

Luisa Muraro verdeutlicht in ihrem Buch „Der Gott der Frauen“ das Gemeinte. Sie schreibt, es gehe darum, Ferien zu machen von „auswendig gelernten Wahrheiten, fingierten Worten, richtigen Antworten, vom stets guten Willen, von verhängnisvollen Lügen, Schuldgefühlen, von Belohnungen, die schlimmer sind als Strafen, wenn jene zu sehr unter den Erwartungen bleiben, die sie wecken. Ferien von der Mühe, in dieser Welt zu sein, die weiterhin Versprechungen macht, die sie nicht hält und uns veranlasst, die besten Dinge einzutauschen, die eine Frau hat (und auch ein Mann, möchte ich ergänzen): Die Intelligenz der Kindheit, den Wunsch zu spielen, die Fähigkeit zu staunen, die Liebe auf den ersten Blick, leuchtende Augen.“

Es gibt Psychologen, die alle Süchte als Ergebnis dieser fehlgeleiteten Sehnsucht nach uns selbst interpretieren. Mir scheint, dass in der Bewegung des Differenzfeminismus Politik wieder verstanden wird als: Die Sehnsucht und die Fähigkeit, echte Beziehungen zu uns selbst und zu anderen aufzunehmen. Und dabei wird auch etwas berührt, das über diese Welt hinausgeht, das man Anderswelt, Gott/Göttin und….. genannt hat.

Luisa Muraro nennt es „die Quellen seines Lebens“, die niemand gänzlich verlieren könne, die im liebevollen Kontakt mit dem Leben liegen, „ohne den wir nicht zur Welt gekommen wären.“ Vielleicht bedarf es auch eben dieser Kraft, um sich aus den Widrigkeiten der „Ich-Optimierung“ lösen zu können. Spiritualität, nicht verwechselt mit den „Ritualen, die Körper und Sinne einbeziehen“, sondern als eine in allen Religionen enthaltende Sehnsucht nach „dem Anderen“ ist lebens-not-wendig.

Um auf den Ausgang zurückzukommen: Neubegehren muss als tiefe Sehnsucht empfunden und als möglich erlebt werden. Muss viele Anfeindungen und Missverständnissen aushalten und bestehen. Muss sich vielleicht überhaupt als mögliche Form von jeder/jedem Einzelnen erst finden und formen lassen.

Mir scheint, es geht viel weniger darum, dass man einen Preis zu zahlen hat, wenn man sich gegen den Mainstream stellt, sondern darum, dass schwer zu finden und zu fühlen ist, wonach die Suche geht und wie die Beziehungen, „die Politik“, gestaltet werden können, um ein noch schwer zu fassendes Begehren in Realität zu überführen. Jedenfalls schwer für diejenigen, die erst am Beginn ihrer Suche stehen.

Ich empfinde es als „Sprung“, der im Alltag gewagt werden muss. Vielleicht auch erst einmal in der Form, dass man in den alltäglichen Beziehungen mehr Offenheit und „Authentizität“ riskiert, und so sein „Anderes Wollen“ ins Leben bringt.

Und ich meine, schon die bewusste Frage, welchen Preis ich zahlen kann und will, statt sich (und die anderen) mit einem „Ich habe keine Zeit“ abzufinden, setzt voraus, dass eine Sehnsucht nach einem „Mehr“ so stark geworden ist, dass es lebens-wert erscheint, die Gebundenheit durch den Mainstream in Frage zu stellen, aufzulösen, und die Verunsicherung durch dieses noch nicht bekannte „Mehr“ anzunehmen, auf sich zu nehmen.

 

Autorin: Gudrun Bosse
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 23.10.2013

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Liebe Gudrun Bosse,

    als ich gestern ein Interview mit einem Radiosender zu den Heute beginnenden Koalitionsverhandlungen der Regierung gab, habe ich genau auf den von Ihnen insistierten Gedanken verwiesen, ihn im Gespräch als roten Faden in die Antworten auf die Fragen des Journalisten fließen lassen. Ich glaube, und deswegen danke ich Ihnen für Ihren Artikel, dass das ‚Spannungsfeld‘ (real im Außen, gefühlt im Innen)zwischen Selbst und Ich genau das ist, was die sogenannte Spiritualität in JEDEM auslöst. ‚Neubegehren‘ ist für mich eine treffende Vokabel, besser ein Begriff nach Hegelschen Massstäben, der Historizität einbindet und das ICH zum SELBST zurückführen kann. Und das ist es, was diese Welt, nicht nur die politische ‚braucht‘!
    Danke für Ihre Inspiration,
    herzlich Ingrid Siegel

  • ehemalige Studentin des Matriarchats sagt:

    „Ich glaube, und deswegen danke ich Ihnen für Ihren Artikel, dass das ‘Spannungsfeld’ (real im Außen, gefühlt im Innen)zwischen Selbst und Ich genau das ist, was die sogenannte Spiritualität in JEDEM auslöst.“

    Spiritualität und „göttliche“ Vorstellung sind mir auf dem Weg aus dem Patriarchat auch wichtig. Die Grundlagen der Spiritualität hat in meinem Fall meine Mutter in mich hinein-„getragen“. Sie hat sich für sich entschieden, an dem realen Zustand im Patriarchat nicht zu verzweifeln und spirituell Hilfe zu suchen. Mit ein paar Frauen fand sie Heil für sich in der kath. Kirche vor dem Maria-Altar. Mich als Kind schleppte sie einfach mit.

    Real brauchte sie Geld, um die Familie um die Runden zu bringen. Sie hat sich nicht auf eine Mutter-Rolle im patriarchalischen Sinne herunterstufen lassen, wo die Frau als „Gehilfin“ des Mannes lediglich U N B E Z A H L T E Arbeit im Sinne der Familie und im Sinne der patriarchalischen Gesellschaft zu erledigen hat. Sie wurde – mit allen Vor- und Nach-Teilen -irgendwann berufstätig; bekam Geld für bestimmte Tätigkeiten und konnte in ihrem Sinne ruhig täglich in den Spiegel gucken.

  • Sabrina Bowitz sagt:

    „Ich empfinde es als „Sprung“, der im Alltag gewagt werden muss. Vielleicht auch erst einmal in der Form, dass man in den alltäglichen Beziehungen mehr Offenheit und „Authentizität“ riskiert, und so sein „Anderes Wollen“ ins Leben bringt“
    Ich merke auch, dass ich ganz oft davon vergiftet bin, was die anderen jetzt von mir denken werden. Insbesondere unter Frauen seltsamerweise, ich habe immer die Sorge, dass ich dann, je nach der Art des Kreises dieser Frauen, nach dem Äußeren bewertet werde. Dabei ist das ja bei Männern meistens noch viel stärker, da habe ich dann mehr die
    Angst nur Objekt zu sein.
    Mir ist nur dieser ewige Kampf aufgefallen als ein Freund heute zu mir meinte, dass Frauen mehr darauf achten würden, was andere Frauen tragen. Diese Schere zwischen den Geschlechtern.
    Ich habe ihm vehement widersprochen weil ich das Pauschalisierende nicht richtig finde, dennoch ist ja ein Stück Wahrheit daran. Auf irgendeine Art und Weise werden wir dazu erzogen, auch Männer, andere zu bewerten und sie nach dem Äußeren einzuschätzen oder nach dem was sie „leisten“ und „sind“ (also den Beruf).
    Was traurig ist, weil dann wirkliche Verbindungen, einfach
    aufgrund der Angst und der Missgunst schon, nicht möglich sind.

    Danke für den anregenden Artikel!

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Selten habe ich hier einen neuen Beitrag so gelesen – ihn immer wieder neu überflogen.
    Ich wollte empfinden können und somit besser verstehen,
    von welchem Standpunkt aus du, Gudrun Bosse, dies geschrieben hast.
    Und jetzt WEISS ich es zwar auch nicht, merke aber -deine Gedanken nochmals lesend-
    Ruhe in mir aufkommen und auch Dankbarkeit für die Gedanken, weil es DEINE sind.
    Jetzt kann ich auch die Überschrift so stehen lassen, selbst wenn ich meine,
    dass NEU-BEGEHREN nichts muss!
    Und MEHR muss ich dazu nicht sagen.

  • Antje Schrupp sagt:

    @Fidi – die Überschrift nehme ich auf meine Kappe, ja, das „muss“ ist nicht so besonders glücklich gewählt…

  • gudrun sagt:

    Ich freue mich, dass die Kommentare Zustimmung zu der von mir vorgeschlagenen Differenzierung Ich/Selbst und den damit verbundenen Erfahrungen /Gedanken ausdrücken. Das Wissen um dieses „Selbst“ und die Möglichkeit, sich darauf zu beziehen, kann, so wie es die Kommentare bestätigen, Orientierung geben und Gelassenheit gegenüber den Einschränkungen des „Mainstream-Alltags“ vermitteln.
    Ich finde es wichtig, sich auf diese Ebene des Selbst einzulassen, auch wenn der Sprung nach draußen nicht immer (sofort)gelingt Kürzlich las ich, im Zusammenhang mit neuen Formen der Enegiegewinnung, wie sich unsere Wortwahl in Bezug auf die umgebende Welt geändert hat: Vom Wort „Schöpfung“, das noch Spiritualität berührt, über „Natur“, das die Mitgeschöpfe mit umfasst, hin zum Begriff „Umwelt“, der nur noch Parameter des Überlebens, wie z.B. Erderwärmung usw. als wichtig erachtet.
    So wird es darum gehen, sich dem Selbst und dem darin enthaltenen Begehren zuzuwenden und dieses in einer neuen,vielleicht auch manchmal ursprünglicheren, lebendigen
    Sprache zur Welt zu bringen.
    Ich fühle mich jedenfalls ermutigt, in dieser Richtung weiter zu denken, zu fühlen und zu erfahren!

  • Dorothee Markert sagt:

    Danke für diesen Artikel, der mir hilft, mich mit dem Begriff „Neubegehren“ anzufreunden, mit dem ich auf der Denkumenta nicht so viel anfangen konnte, auch wenn er dort so viel Begeisterung auslöste. Entstanden ist er ja durch das Ersetzen der “ Gier“ in „Neugier“ durch das Wort „Begehren“. Inzwischen wird er aber genauso gebraucht, wie ich seit ca. 25 Jahren den Begriff „Begehren“ verwende, der in meinem Leben, Denken und Vermitteln zentral ist. Dieses Wort hat aber immer wieder Missverständnisse ausgelöst. Die Wortschöpfung „Neubegehren“ in Verbindung mit der Unterscheidung zwischen Ich und Selbst erscheint mir nun hilfreich für die Vermittlung zu sein, denn im Begehren liegt auch die Möglichkeit, Neues in die Welt zu bringen.

  • Liebe Gudrun,

    herzlichen Dank für Ihren klaren Artikel, dem ich sehr zustimme. Er erschien gerade, als ich am Schreiben meines Blogbeitrages saß. Sie bringen es auf den Punkt: es geht darum sich auf das Selbst zu besinnen und zu beziehen.Darum Wege zu finden, wie es in diese Welt fruchtbringend eingebracht werden kann. Das ist einer der Gründe, warum ich das Wesenskernspiel entwickelt habe. Mit Ihrem Beitrag verknüpft sich für mich so schön, was ich auf der Denkumenta kennen und erleben durfte und meinem Anliegen mit dem Spiel.
    Der Blogbeitrag findet sich hier, ich habe Sie darin zitiert: http://sichtbarblog.wordpress.com/2013/10/25/der-wow-effekt-sich-selbst-ausschlieslich-positiv-begegnen/

  • Gré Stocker-Boon sagt:

    Mein Sprung geht über die Grenze,erst recht lernte ich so eine Grenze er-kennen.

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