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Eine Politik, die von weit her kommt

Von Dorothee Markert

Ein weiteres Kapitel aus der von Dorothee Markert zusammengefassten Serie über das Diotima-Buch „Das Fest ist hier“: Federica Giardini fragt nach dem Sinn der Arbeit zur Geschlechterdifferenz in der gegenwärtigen Zeit der Krisen und angesichts neuer politischer Bewegungen

Link zum Beginn der Serie 

Diotima: Das Fest ist hier

Diotima: Das Fest ist hier

Federica Giardini lehrt Philosophie in Rom. Zusammen mit Annarosa Butarelli hat sie 2008 das Buch Il pensiero dell’esperienza („Das Denken der Erfahrung“) herausgegeben.

Die Autorin schreibt zunächst über die Besonderheit der „gegenwärtigen Zeit“, die sie als eine Zeit heftiger Veränderungen wahrnimmt, gezeichnet vom Ringen um ein neues Gleichgewicht, nachdem frühere Werte und Wertmaßstäbe verloren gegangen sind. Bei der Suche nach neuen Maßstäben dominieren die aus der „Familie der Ökonomie“, die von der mächtigen Illusion eines Denkens getragen sind, das „Kriterien der Quantität als Antwort auf das Bedürfnis nach neuen Gewissheiten benutzt“ (S. 51). Dies geschieht unter anderem beim westlich-liberalen Demokratiemodell, bei statistischen internationalen Vergleichskriterien, beim Umgang zwischen einzelnen Menschen auf der Kosten-Nutzen-Basis, bei der Idee der Justiz als einer Kontrollinstanz, die über bestimmte Prozeduren abläuft, bei der Reduktion der Zeit auf Produktivzeit und bei der Auswahl und Bewertung von Wissen danach, ob es zur Hervorbringung nützlicher Kompetenzen beiträgt, ob es also wiederum für Produktivität genutzt werden kann. Giardini erinnert daran, dass Maßstäbe, die sich auf eine Quantität beziehen, nur ein Ausschnitt aus der viel größeren Familie des Symbolischen sind, „also jenes Bereichs, in dem sich die Artikulation zwischen Körper und Wort, Bedürfnis und Begehren, Notwendigkeit und Möglichkeit abspielt“ (S. 52). Mehr Frauen als Männern sei bewusst, dass das Leben Wertmaßstäbe besitzt, die der Markt nicht kennt.

Auch Giardini setzt sich mit der „neuen Welle von Bewegungen“ auseinander, die rund um den Globus entstanden sind. Folgende Merkmale dieser Bewegungen hält sie für bemerkenswert: Der Erfahrung und der direkten Teilnahme wird hoher Wert beigemessen, neue Regeln werden in der Praxis aus den Bedürfnissen und Wünschen der Beteiligten entwickelt, es gibt eine andere Vorstellung von Gerechtigkeit, eine, die „über dem Gesetz“ steht, und Beziehungen werden als zentrales Moment in der Politik betrachtet. Da hier vieles aus der Kultur der Frauenbewegung umgesetzt wird, stellt sich nun die Frage, ob die Geschlechterdifferenz noch einen Sinn hat, ob die Arbeit daran noch notwendig ist. Giardini meint, hier werde eine neue Arbeit der Geschlechterdifferenz notwendig, man müsse jedoch sehr genau hinspüren, um neue Spannungslinien überhaupt wahrzunehmen.

Zuerst sollten wir uns bewusst machen, dass die jetzige Zeit ein Kind des Ereignisses der feministischen Revolution der 70er Jahre ist. Die gegenwärtigen Veränderungen sind die Folge jenes Auszugs aus der Hausarbeitssphäre, durch die die von den Frauen dort geleistete Gratisarbeit nun mehr und mehr ins Blickfeld rückt. Dazu gehört auch das Ende des Wohlfahrtsstaats, der ohne jene Gratisarbeit von Frauen nicht mehr in der Lage ist, Vorsorge und Unterstützung zu gewährleisten. Von diesen Veränderungen sind Frauen und Männer gleichermaßen betroffen, doch sie erleben sie vor dem Hintergrund unterschiedlicher Vorgeschichten. Gefühle von Verlust und Trauer oder die Freude über neue Möglichkeiten sind hier nicht symmetrisch verteilt. Während Männer die Trauer über das Ende der lebenslangen Vollzeit-Berufstätigkeit und des damit verbundenen männlichen Vollbürger-Seins verarbeiten müssen, sind Frauen gerade erst aus ihrem „unvollständigen“ BürgerIn-Sein herausgetreten und haben eine Idee davon bekommen, wie eine Arbeit jenseits der Trennung zwischen Haushalt und Öffentlichkeit, zwischen Produktion und Reproduktion für sie aussehen könnte. Zudem leben in diesen Zeiten unterschiedliche Frauengenerationen, die sehr unterschiedliche Erinnerungen mitbringen. Aus all dem ergibt sich ein neuer Bedarf an Feminismus. „Tatsächlich besteht ein Bedürfnis nach Wissen, nach Texten, nach Reflexionen, die jenen neuen Herausforderungen der jungen Leute an ihre Zeit eine Basis geben“ (S. 56).

Wie sollen wir uns in diesem Raum verorten, der so reich an Desorientierendem ist? Wie können wir vermeiden, nur zu reagieren und nichts von dem in den vergangenen Jahrzehnten erworbenen Wissen zu nutzen?

Der erste Schritt ist, sich klarzumachen, dass die Differenz sich nicht auf die schon entdeckten Inhalte beschränkt, die im Laufe der Zeit herausgearbeitet worden sind. „Die Geschlechterdifferenz ist vielmehr jener Raum selbst, den Frauen und Männer im Laufe der jeweiligen Zeit schaffen und immer wieder neu erschaffen – durch die Art, wie sie leben, von Generation zu Generation“ (S. 57). Sie ist also nichts, was historisch in bestimmte Perioden eingeordnet werden kann, sondern eine Konstante, die von Epoche zu Epoche wirkt. Sie ist zwar historisch, verweist aber immer auf die ganze Menschheit, sie ist der Handlungs- und Verhandlungsspielraum, in dem sich die Menschheit notwendigerweise und ständig wiedererschafft. Die Geschlechterdifferenz ist also mehr als ein Identitätsmerkmal, sie ist immer in Bewegung und gehört politisch gesehen zur Ordnung des Konflikts über die Orientierung in Beziehungsformen. Es handelt sich dabei um einen typischen Schwellenkonflikt, der an der Schwelle zwischen Natur und Mensch, zwischen Menschlichem und Politischen liegt – noch vor allen jeweils institutionalisierten Aufteilungen und Zuordnungen. Die Geschlechterdifferenz ist ein Bestandteil alles Politischen, weil sie dem Menschlichen immanent ist. Die institutionalisierte Politik ist in ihrem Bemühen um Stabilisierung ständig damit beschäftigt, den Riss der Geschlechterdifferenz zuzudecken, indem sie Positionen anhand von Hierarchien, von Höher- und Minderwertigkeit oder anhand von Auseinandersetzungen zwischen schon festgefügten Parteiungen verteilt.

Wir können also jetzt an den Punkt kommen, wo wir sagen: „Über die Differenz weiß ich nichts mehr, ich kann erst wieder neu etwas über sie erfahren, wenn ich vom Gegenwärtigen ausgehe.“ Wenn die Krise auch die Krise der Maßstäbe ist, die uns das Handeln ermöglichten, können wir diese Krise als einen geschichtlichen Vorgang wahrnehmen und annehmen, der die Positionen und Beziehungen untereinander verändert. „Keine von uns hat sich für die Arbeit an der weiblichen Differenz begeistert, weil sie uns Identität gab, sondern weil sie noch nicht begangene Räume eröffnete, in die wir uns hineinwagen konnten, um dort neue Landschaften zu kultivieren. Heute kommt es wieder zu einer solchen Öffnung, teilweise auf ganz andere, unvorhergesehene Weise, teilweise werden auch Ahnungen von damals vollständig wieder aufgenommen und neu belebt“ (S. 58). Wir müssen uns wieder neu dem Begehren öffnen. Unser „Kompass“ ist dabei die Intensität, die volle Präsenz, das Zeichen für die Begegnung von Erfahrung und Politik. Politisches Sprechen bedeutet, dass wir zeigen können, wo diese Erfahrung in Bewegung kommt, wo sie ein Durcheinander erzeugt, wo sie sich verändert. Wir müssen auch akzeptieren, dass die Worte dafür erst nach neuen Begegnungen gefunden werden können. Denn es geht nicht um Worte, die schon gesprochen werden und nun neue „Körper“ finden, in denen sie sich inkarnieren können, sondern um veränderte Worte, die die Realität zum Ausdruck bringen. Diese will nicht bestätigt werden, sondern will immer wieder neu die freie Gestaltung des Sinns der Geschlechterdifferenz geschehen lassen (Diese Formulierung stammt von Luisa Muraro).

In einer Anekdote über Heraklit zeigt dieser an einem Getränk aus Mehl und Wasser, dass es sich nur mischt, wenn es geschüttelt wird. Ebenso sei jede Einheit immer nur das vorläufige Ergebnis eines Prozesses aus Dynamiken, Konflikten und Regelungen im Spiel der Beziehungen. Das Heil der Stadt – so Heraklit – impliziert das In-Bewegung-Bringen dessen, was getrennt ist. Und das Gemeinsame hat nichts Statisches, Dauerhaftes. Ebenso ist es mit der Geschlechterdifferenz, die auf eine ursprüngliche Teilung und Trennung hinweist. Wenn sie von dieser Figur der Stasis aus gedacht wird, führt die Geschlechterdifferenz also zu einem uralten und völlig neuen Wissen: Die Gemeinsamkeit, die Gemeinschaft, ist immer das Ergebnis des Zusammenführens von Getrenntem. Bei der Differenz geht es also nicht nur um einen bestimmten Teil der sozialen Organisation, sondern um ihre gesamte Ordnung, um jene Koordinaten, die sich durch Aufgaben, Rechte, Pflichten und Repräsentationen herausbilden.

Welches sind nun die Konfliktpunkte in der Gegenwart, die durch das Wirken der Geschlechterdifferenz aufgedeckt werden? Giardini hält es für vielversprechend, zunächst vom Bereich der Familie auszugehen, der traditionell den Frauen zugeordnet war.

In der Familie erleben wir derzeit den Zusammenbruch der Dynamiken psychischer Identifikationen nach dem ödipalen Dreieck und stehen vor einer Tabula Rasa, die die Frage nach Vor- und Nachteilen der Identifikation neu aufwirft.

Das Wissen der Frauen um die Bedürftigkeit aller und das Offenbarwerden der Tatsache, dass die Vorstellung vom unabhängigen Individuum eine Illusion ist, zieht die Suche nach neuen Formen solidarischen Zusammenlebens jenseits der traditionellen Ehe nach sich, die alle Arten von Beziehungen und Freundschaften umfassen. Darüber hinaus geht es auch um die Vorstellung von BürgerIn-Sein generell, nachdem deutlich wurde, dass in der Figur des Arbeiter-Bürgers die Reproduktionsarbeit unsichtbar gemacht worden ist. Die Care-Krise durch den Auszug der Frauen aus ihren alten Pflichten zeigt, dass die Care-Arbeit keine Variable ist, die ohne Rest in den Arbeitsmarkt integriert werden kann. Wir finden hier derzeit überwiegend weibliche Migrantinnen, die wieder an den Rand des Markts, des BürgerIn-Seins und der Rechte gedrängt werden. Es wird klar, dass das BürgerIn-Sein nicht nur mit dem Produktiv-Sein verknüpft werden darf. Notwendig wird eine Art Feminisierung der Arbeit aller. Für die Produktion bedeutet das, dass sie sich politisch so verändern muss, dass sie sich den Merkmalen sogenannter Pflegetätigkeiten annähert.

Die heute so veränderte Familie war immer ein Raum, der von Körpern bewohnt war, die noch nicht oder nicht mehr als Bürger betrachtet wurden – an ihrer Grenze endete die Politik. Wenn die Familie nicht mehr ihre eigenen Regeln produziert, wird sie zu einem Raum, auf den es immer mehr Zugriffe von Gesetzen, von neuen Reproduktionstechnologien bis hin zu Regelungen über das Sterben gibt. Notwendig ist ein Rückgriff auf das weibliche Wissen über unsere Fähigkeiten zur Selbstregulierung in Situationen und Bereichen, die die Tradition als Chaos bezeichnet, damit nicht im Juristischen die einzige symbolische Quelle gesehen wird. Das Gemeinsame, das Zusammenleben, bildet sich hier durch Praktiken und offene Prozesse heraus, die sich der jeweiligen Probleme annehmen.

Die Geschlechterdifferenz ist das dem Universalen angemessenste Thema, da sie ihre Grenzen nicht in der üblichen Politik hat, da sie auf dem Menschlichen insistiert, da sie immer offene und erneuerte Vermittlung ist, die das Leben nicht von den einzelnen Subjekten ablöst und daher die Grenzen der Nation und der kulturellen Identität überschreitet. Wir haben hier auch das Instrument, um die Rhetorik zu deuten, die den „Export der Demokratie“ begleiten, was im Namen der Frauenbefreiung oder der Menschenrechte für Menschen geschieht, die angeblich noch nicht menschlich sind. Wir haben eine noch frische Erinnerung daran, wie es war, „unvollständige“ Bürgerin zu sein.

Wir könnten das BürgerIn-Sein an eine generative Dimension binden, an die Fähigkeit zur Vermehrung von Beziehungen und zu deren Wachstum hinsichtlich der Intelligenz und Kraft, die notwendig sind, um eine Welt der Teilhabe hervorzubringen.

Diotima, La festa è qui, Napoli 2012, 175 S., € 16,99

Link zum nächsten Abschnitt: „Vom Gegenwärtigen profitieren“ 

Autorin: Dorothee Markert
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 04.03.2014
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • „Notwendig wird eine Art Feminisierung der Arbeit aller. Für die Produktion bedeutet das, dass sie sich politisch so verändern muss, dass sie sich den Merkmalen sogenannter Pflegetätigkeiten annähert.“

    Wie könnte das aussehen? Ich kann mir darunter grade gar nichts vorstellen. Heutige Produktionsprozesse sind doch meist weitgehend automatisiert. Was könnte denn eine Veränderung in Richtung der Merkmale von Pflegetätigkeiten bei den wenigen noch erforderlichen menschlichen Planungs-, Steuerungs- und Überwachungsarbeiten bedeuten? Ich fürchte: nur die schlechte Bezahlung.

  • „sondern weil sie noch nicht begangene Räume eröffnete, in die wir uns hineinwagen konnten, um dort neue Landschaften zu kultivieren“ So schöne Sätze, das kann dann ein ganzes Lebensprogramm werden, neue Räume zu entdecken und neue Landschaften! Vielen Dank!

  • Antje Schrupp sagt:

    @ClaudiaBerlin – Ich kenne den Text zwar auch nur aus der Zusammenfassung hier, aber ich könnte mir vorstellen, dass zum Beispiel so etwas wie „Nachhaltigkeit“ schon ein Schritt in die Richtung wäre. Oder sowas wie dass Wohlbefinden aller Beteiligten wichtiger ist als Effizienz (so wie Dorothee es mal in diesem Blogpost beschrieben hat: http://dorotheemarkert.wordpress.com/2010/04/17/rationalisierung/). Aber auch vielleicht die Erkenntnis, dass die Beziehungsqualität, zum Beispiel unter KollegInnen, auch im Beruf sehr viel wichtiger ist, als sie in der Arbeitsorganisation oft genommen wird… Vielleicht so in die Richtung.

  • Dorothee Markert sagt:

    Antje hat ja dankenswerterweise schon geantwortet. Federica Giardini führt diesen Gedanken auch nicht weiter aus. Aber ich denke ähnlich wie Antje an die Qualität der Beziehungen, die Würde der Einzelnen, die Qualität und Nachhaltigkeit der Produkte und Produktionsverfahren, die Freude an der Arbeit, an ein Arbeiten ohne Überforderung und Hetze, an ein Bemühen um Schönheit und gesunde Umgebung, also all das, was im Care-Bereich gerade verloren geht.

  • Karina Starosczyk sagt:

    „Die Care-Krise durch den Auszug der Frauen aus ihren alten Pflichten zeigt, dass die Care-Arbeit keine Variable ist, die ohne Rest in den Arbeitsmarkt integriert werden kann.“

    Mit Sicherheit lasse ich mich freiwillig nicht in den Arbeits-Moloch „integrieren“!

  • Karina Starosczyk sagt:

    Ich mache keinem Menschen Vorwürfe, der Tag für Tag seine Lebens-Energie einsetzt, um für das Wohlergehen der Kinder und der Familie zu sorgen. Ich „arbeite“ auch zuhause, ohne gesehen zu werden – geschweige denn entlohnt zu werden. Ich habe in diesem Blog von den täglich sterbenden Sehnlichten in mir geschrieben. Tag für Tag spüre ich, dass meine Lebens-Energie für dies und jenes im Sinne der Familie verfließt, und es merkt und würdigt keiner. Du kannst sagen, dass ich womöglich mit den falschen Menschen in meiner Wohnung hause – ich fühle mich als Frau auf jeden Fall nicht gewürdigt. Leider, auch ich habe keine Idee, wie dieses jahrtausende-alte System schnell wie möglich von der Bühne wegzuschaffen ist. Ich mache viele kleinen Schritte, die mir bei uns zuhause möglich sind. Ich halte die Augen auf…

  • Fidi Bogdahn sagt:

    @Karina, so wie du den Text wohl aus deiner FamilienLebenssituation liest,
    lese ich heute als Mitfrau eines 50 Frauen umfassenden Wohnprojekts,
    (- in dem manche ganz doll moralisierend „Gemeinsamkeit“ fordern,
    was andere dazu bringt „Hilfe!“ zu schreien und von Gemeinsamem wegzubleiben-);
    und als solche lese ich in diesem so wundervollen Text die Anekdote über Heraklit
    -das mit dem Getränk aus Mehl und Wasser-
    und ich lasse mich bewegen…ohne mich zu verlieren!

  • Karina Starosczyk sagt:

    „…und ich lasse mich bewegen…ohne mich zu verlieren!“

    Und das finde ich sehr wichtig. Danke Fidi – bleibe daran

  • ehemalige Studentin des Matriarchats sagt:

    Liebe Dorothee Markert

    Ich habe Deinen Text zur Geschlechterdifferenz nochmals gelesen und folgend besprochen:

    „Die Geschlechterdifferenz ist also mehr als ein Identitätsmerkmal, sie ist immer in Bewegung und gehört politisch gesehen zur Ordnung des Konflikts über die Orientierung in Beziehungsformen. Es handelt sich dabei um einen typischen Schwellenkonflikt, der an der Schwelle zwischen Natur und Mensch, zwischen Menschlichem und Politischen liegt – noch vor allen jeweils institutionalisierten Aufteilungen und Zuordnungen.“

    Ja, ich sehe es auch so, dass die Geschlechterdifferenz mehr als Identitätsmerkmal ist. Sie ist einerseits eine natürliche Unterscheidung zwischen Menschen als Frauen und Männer und anderseits eine symbolische Kategorisierung. Ohne die konkrete Frau oder den konkreten Mann zu kennen, um die es sich im Gespräch handelt, haben wir grundsätzlich eine bestimmte Vorstellung darüber, was einen Mann und was eine Frau ausmacht. Unsere natürlichen Schritte als Menschen geschehen einbezogen in vielfältige symbolische Ordnungen. Wir handeln als Menschen und stellen uns die Handlungs-Schritte vor. Wir Menschen sind reflektierende Wesen.

    Ich finde es falsch, eine Schwelle zwischen Natur und dem Menschen zu flankieren. Es ist die unsägliche Vorstellung der „post-patriarchalischen“ Zeit: Ein Mensch, der über die Natur steht (herrscht). Es ist eine unsägliche Hierarchie-Vorstellung. Die patriarchalisch-monotheistischen Gottes-Vorstellungen haben in den letzten Jahrtausenden ein Menschen-Bild kreiert, das über der Natur steht. Es gibt einen Unterschied zwischen mir als Menschen und der Blume. Gehören wir aber nicht beide in unserer Unterschiedlichkeit zu der „Familie der Natur“?

    Seit Jahrtausenden herrscht die „göttliche“ Vorstellung, dass der Mensch sich die Erde untertan zu machen hat. Diese bestimmte Gottes-Vorstellung liefert die Legitimation dafür, dass Menschen sich über die Natur stellen. Auch der Mann stellt sich in Folge dieser Logik über den anderen Teil des Menschen, also über die Frau, die angeblich aus der Rippe des Mannes vom Gott gemacht wurde und der Natur aufgrund ihrer Niedrigkeit näher steht als der Mann. Er ist – wohl infolge dieser Logik – des göttlichen Geschlechts, während sie als seine „Gehilfin“ zu fungieren hat.

    Unabhängig davon, ob einer daran glaubt oder nicht, haben diese jahrtausende-lang existierenden Bilder gewisse Macht über die menschliche Existenz. Sowohl Frauen wie auch Männer sind bewusst handelnde Menschen, die u.a. durch Erziehung geformt worden sind. Unterschiedliche Menschen haben unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie die Frau-Mann-Beziehung zu gestalten ist.

    Sowohl Frauen wie Männer sind natürliche Wesen. Der natürliche Ursprung des weiblichen und männlichen Menschen ist keine konstruktivistisch geprägte Annahme – sondern eine Tatsache. Sowohl Frauen wie Männer empfinden Schmerz und können aus Fr(ä)ude lachen oder weinen. Wir bewegen einander und begrenzen uns. Alle kommen wir als weibliche und männliche Geschlechter aus dem Schoss einer Frau auf die Welt und haben sowohl weibliche wie männliche Züge. Den konstruktivistischen Fallen von höher und niedriger bzw. besser und schlechter können wir nur entkommen, wenn wir uns als Männer und Frauen mit der Natur „solidarisieren“ und nicht über sie stellen. Wir brauchen einen Paradigma-Wechsel. Ein paradigmatisches Umdenken benötigt mehrere Generations-Leben, um in der Welt präsent zu werden (vgl. S. Lanka). Für mich persönlich stellt sich so die Frage: Was kann ich hier und heute tun, um den Paradigma-Wechsel voranzutreiben?

    „Die institutionalisierte Politik ist in ihrem Bemühen um Stabilisierung ständig damit beschäftigt, den Riss der Geschlechterdifferenz zuzudecken, indem sie Positionen anhand von Hierarchien, von Höher- und Minderwertigkeit oder anhand von Auseinandersetzungen zwischen schon festgefügten Parteiungen verteilt.“

    Und so treibt die Gender-Politik ein neutrales Phantom des Menschen vor sich hin, das angeblich höher und besser als die niedrige Natur ist.

    Ich finde die Auffassung wichtig und richtig: „Über die Differenz weiß ich nichts mehr, ich kann erst wieder neu etwas über sie erfahren, wenn ich vom Gegenwärtigen ausgehe.“ Und heilsam wirken die folgenden Worte auf mich: „Keine von uns hat sich für die Arbeit an der weiblichen Differenz begeistert, weil sie uns Identität gab, sondern weil sie noch nicht begangene Räume eröffnete, in die wir uns hineinwagen konnten, um dort neue Landschaften zu kultivieren.“ Ich wünsche mir, dass die männlichen Wesen von dem hohen Ross runterkommen und ihre Menschlichkeit auf Augenhöhe mit Frauen erleben.

    „Wir müssen uns wieder neu dem Begehren öffnen. Unser „Kompass“ ist dabei die Intensität, die volle Präsenz, das Zeichen für die Begegnung von Erfahrung und Politik. Politisches Sprechen bedeutet, dass wir zeigen können, wo diese Erfahrung in Bewegung kommt, wo sie ein Durcheinander erzeugt, wo sie sich verändert. Wir müssen auch akzeptieren, dass die Worte dafür erst nach neuen Begegnungen gefunden werden können. Denn es geht nicht um Worte, die schon gesprochen werden und nun neue „Körper“ finden, in denen sie sich inkarnieren können, sondern um veränderte Worte, die die Realität zum Ausdruck bringen. Diese will nicht bestätigt werden, sondern will immer wieder neu die freie Gestaltung des Sinns der Geschlechterdifferenz geschehen lassen (Diese Formulierung stammt von Luisa Muraro).“

    „Das Wissen der Frauen um die Bedürftigkeit aller und das Offenbarwerden der Tatsache, dass die Vorstellung vom unabhängigen Individuum eine Illusion ist, zieht die Suche nach neuen Formen solidarischen Zusammenlebens jenseits der traditionellen Ehe nach sich, die alle Arten von Beziehungen und Freundschaften umfassen.“ Wenn wir einander als Geschlechter auf Augen-Höhe begreifen, gibt es keinen der über uns herrscht oder den wir als niedrigen Ballast mitschleppen müssen…

    Die Vorstellung über die Care-Arbeit ist in der Gegenwart vielfältig. „Es wird klar, dass das BürgerIn-Sein nicht nur mit dem Produktiv-Sein verknüpft werden darf. Notwendig wird eine Art Feminisierung der Arbeit aller. Für die Produktion bedeutet das, dass sie sich politisch so verändern muss, dass sie sich den Merkmalen sogenannter Pflegetätigkeiten annähert.“

    Mit/in den Gedanken über Matriarchat habe ich neulich das Ostara-Fest gefeiert: „Die ungebundene Fröhlichkeit, die Herzensfreude über die sichtbare Wiederkehr der Formen, Farben, Dufte und Töne der Frühhlingsgöttin in ihren Aspekten von Mut, Unerschrockenheit, Kreativität, Entfaltung weiblicher Energie, wird durch die Aufforderung zum Trauern, Fasten, Hungern und Entbehren umgeformt. Wir sollen und dürfen nicht mit der kosmischen Kraft in Verbindung treten. Wie schmerzlich, dass sich viele Frauen danach richten und sich selbst verleugnen.“ Im matriarchalen Verständnis ist der Frühlingsanfang Jahr für Jahr die Grundlage der weiblichen Schöpfungskraft – in unterschiedlichen Kulturen unterschiedlich genannt. Zum „christlichen“ Ostern wird seit 325 der Tod und die Auferstehung des Herren gefeiert…

  • Karina Starosczyk sagt:

    „Entschuldigung, aber ich musste bei dieser Passage echt lachen. Ich lese die Bibel nicht als einen Bericht über die ehemaligen sozialen Tatsachen oder „Soll-Ansagen“ an mich selbst, sondern als einen Bericht über die Denkweise der Bibel-Verfasser!“

    Eigentlich kommt mir auch ein Grinsen dabei… Ich erlebe aber im Hier und Jetzt, dass die selbst- und fremd-angezettelten Kriege eine grausame Realität sind. Ob Ukraine oder woanders… überall ist was zu holen. Und die „göttlichen“ Bücher – sehe z. B. die Bibel -legitimieren die „Raub-Züge“.

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