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Rubrik denken

Vom Gegenwärtigen profitieren

Von Dorothee Markert

Elisabetta Cibelli schrieb das vierte Kapitel des Diotima-Buchs „Das Fest ist hier“, übersetzt und zusammengefasst von Dorothee Markert. Am Ende des Textes steht der Link zum fünften Kapitel, von Antje Schrupp, das in voller Länge auf Deutsch verfügbar ist.

Diotima: Das Fest ist hier

Diotima: Das Fest ist hier

Link zum Beginn der Serie

Beim Diotimatreffen 2011, bei dem über den Sinn dessen nachgedacht wurde, was damals gerade geschah, nahm Elisabetta Cibelli Gefühle zwischen Freude und Angst wahr. Freude wurde vor allem in Bezug auf die neuen Bewegungen zum Ausdruck gebracht, in deren Praxis in vielfacher Hinsicht die Nähe zur Politik der Geschlechterdifferenz zu erkennen ist. Spürbar war aber auch der Einfluss des öffentlichen Diskurses, der durch Gefühle von Angst vor Verlust und Niedergang geprägt war. Elisabetta Cibelli möchte in ihrem Text zeigen, wie wir uns von der Ebene entfernen können, die uns durch das öffentliche Gespräch aufgezwungen wird. Sie schreibt: „Ein kleines Leben war in mir am Wachsen […] und ich merkte, dass seine Existenz von kaum zwei Zentimetern mich in ein schon gegenwärtiges Anderswo versetzte“ (S. 66).

Zunächst denkt Elisabetta Cibelli über die Möglichkeiten des Begriffs „profitieren“ nach, der schon von Carla Lonzi in dem berühmten Text von 1974 „Wir spucken auf Hegel“ gebraucht wurde, in ihrem Aufruf, von der Differenz zu profitieren. Im Jahr 2002 erschien dann das Diotima-Buch Approfittare dell’assenza (Vom Ausgeschlossensein profitieren). Von dem zu profitieren, was gerade geschieht, heißt nach einem Ansatzpunkt für Veränderungen zu suchen, so dass man nicht mehr in einem Horizont von Verlust verbleiben muss. Profitieren heißt hier, von einer ursprünglich als nachteilig bewerteten Situation zur Wahrnehmung eines Gewinns zu kommen, aus einer unangenehmen Situation das herauszupicken, was etwas anderes ankündigt, die Einladung anzunehmen, sich vorteilhaft und kreativ in der Realität zu positionieren, auch wenn das schwierig ist. Ein Beispiel dafür ist die Politik der Frauen, die aus dem Ausschluss von der Macht der Männer eine Gelegenheit gemacht haben, etwas anderes hervorzubringen. Es gibt immer eine Möglichkeit, an der Grenze zu arbeiten, ohne sich von ihr erdrücken zu lassen, „weil das Gegenwärtige nicht das ganze Reale ist, sondern nur ein Teil davon“ (S. 67).

Das Gegenwärtige ist zur Zeit auf den ersten Blick ja tatsächlich von einem Verlustszenario gezeichnet: vom Verlust von Arbeit, von Sozialabbau, Verlust von Geldern für öffentliche Einrichtungen, Verlust von Zusammengehörigkeitsgefühl. In diesem Epochenübergang zeigen sich aber auch Ansätze von positiven Veränderungen, beispielsweise in den Beziehungen zwischen Männern und Frauen und in der Geburt von politischen Bewegungen, die sich von der Macht und ihren Mechanismen fernhalten.

Für das 1990 erschienene Diotima-Buch Mettere il mondo al mondo (Die Welt zur Welt bringen) schrieb Chiara Zamboni einen Artikel mit dem Titel „Das Unerhörte“. Darin geht es um die Frage, wie der Übergang vom Gegenwärtigen und schon Gegebenen zum „Unerhörten“ gelingen kann, zum Außerordentlichen und Unvorhergesehenen. Um einen Sinn für ein Reales zu bekommen, das mehr ist als das Schon-Gegebene, Gegenwärtige, bedarf es einer Beziehung zwischen dem, was ist, und dem, was unerhört, unvorhergesehen ist. Eine politische Praxis, die Realität konstruiert, geht folglich über das Schon-Gegebene hinaus, wagt sich ins Unerhörte, ins unvorhergesehene „Unmögliche“ und (noch) Unvorstellbare hinein. Reales politisches Handeln verbleibt also nicht in der Ordnung der Möglichkeit und Plausibilität, wie sie das Gegenwärtige beinhaltet, sondern bewegt sich in Richtung auf ein Anderswo. Chiara Zamboni verwendet für die Darstellung des Durchgangs zwischen dem, was ist, und dem „Unerhörten“ das Bild eines Schnitts. Elisabetta Cibelli schlägt stattdessen das Bild einer schmalen Öffnung, eines Spalts, vor (italienisch: „feritoia“), weil ein solcher Schnitt ja auch eine Wunde (italienisch: „ferita“) der Subjektivität ist, die uns Schmerzen empfinden lässt, über die anfangs nicht gesprochen werden kann, da sie erst noch gedeutet und benannt werden müssen. Das Wortspiel ferita – feritoia, Wunde und Öffnung, verweist auf die Verletzlichkeit, die während unvorhergesehener Übergänge, während der Prozesse und in den Beziehungen, die Realität konstruieren, erlebt wird.

Diese Verletzlichkeit hat mehrere Gesichter. Sie kann zum Stillstand und zu Wiederholungen im Sprechen und Handeln führen, die nicht befreiend wirken, sondern die Menschen im Gegenwärtigen festnageln, ohne dass es ihnen gelingt, es zu ertragen. Die Wunde bleibt in diesem Fall der Gewalt des Kontextes ausgesetzt. Die Verletzlichkeit ist aber auch ein beweglicher und nicht endgültig festgelegter Zustand, der darauf drängen kann, Symbolisches zu schaffen, in dem ein neuer Horizont der Realität erkennbar wird. So hat die Verletzlichkeit der Frauen in der patriarchalen Ordnung etwas Unerhörtes hervorgebracht, das inzwischen auch die Männer in einen Befreiungsprozess von einer Ordnung hineingezogen hat, die auch für sie unterdrückend geworden war.

Elisabetta Cibelli erklärt am Beispiel ihrer eigenen ungesicherten Beschäftigungssituation nochmals, was sie mit dem Unterschied zwischen dem Verbleiben in der Ordnung des schon gegebenen Gegenwärtigen und dem Ermöglichen von Durchgängen zum Außerordentlichen, Unerhörten, meint: Es könne befreiend sein, in der Erwerbsarbeit nicht mehr das einzige Instrument zu sehen, um das Lebensnotwendige zu bekommen. Nur wenn wir uns nicht mehr darauf konzentrieren, das Recht auf Erwerbsarbeit oder ein Grundeinkommen einzufordern, können sich Durchgänge auftun, weg vom Mangel- und Verlustdenken, hin zur Erfindung von Praktiken, die nicht die ganze Verantwortung für die Subsistenz dem Mechanismus von Einkommen und Gelderwerb anvertrauen. Elisabetta Cibelli leugnet nicht, dass wir von diesen Mechanismen abhängig sind. Doch wenn das Denken diese Abhängigkeit ständig verstärkt, bleiben wir beim symbolischen und materiellen Elend stehen, und das hilft uns nicht weiter. Denn es blockiert unsere Fähigkeit zu kreativem Denken. „Damit riskieren wir, die Möglichkeiten des Lebens im Prekariat nicht zu entdecken, das eigene Verletztsein nicht in allen Konsequenzen zu erfahren und es nie in eine Öffnung verwandeln zu können. […] Es ist heute dringlicher denn je, Praktiken herauszuarbeiten, die den Geldbedarf zur Befriedigung der unumgänglichen materiellen Bedürfnisse reduzieren“ (S. 70). Das stellt uns vor umfangreiche und sehr komplexe Herausforderungen. Wir sollten uns dabei nicht vom bedrückenden Gegenwärtigen einschüchtern lassen.

Ausgehen müssen wir also von den Lebensumständen, die eine Öffnung hin zum Unerhörten am notwendigsten haben. Das sind die mit unseren Verletzungen verbundenen Situationen, die darauf warten, sich in Öffnungen zu verwandeln. Ungesicherte Arbeitsverhältnisse sind eine Wunde unserer Zeit, die uns dazu aufruft, uns auf eine andere Ebene zu begeben, um zu verhindern, dass wir unsere eigenen Kräfte sinnlos vergeuden. Dabei ist es gut, uns mit anderen auszutauschen, die ebenfalls die Herausforderung des Unerhörten annehmen wollen. Das schöpferische politische Handeln in Richtung auf das Unerhörte erweitert immer den Bereich der Sagbarkeit und macht es möglich, neue Lebensumstände wie die des Prekariats gedanklich zu erschließen.

Link zum 5. Kapitel „Das heimliche Fest“, von Antje Schrupp

Link zum 6. Kapitel „Jenseits der Empörung“

Diotima, La festa è qui, Napoli 2012, 175 S., € 16,99

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Toller Text, wunderschön, danke fürs Teilen! Am liebsten war mir dieser Satz:
    „[…]in dem ein neuer Horizont der Realität erkennbar wird. So hat die Verletzlichkeit der Frauen in der patriarchalen Ordnung etwas Unerhörtes hervorgebracht, das inzwischen auch die Männer in einen Befreiungsprozess von einer Ordnung hineingezogen hat, die auch für sie unterdrückend geworden war“

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Ich hab mal in diesem wunderbaren Text bisschen Worte für mich reingetauscht…
    und dann steht da:

    „…die Möglichkeit des Lebens in der Krankheit zu entdecken und damit das
    eigene Verletzsein (m)einer Gesundheit in allen Konsequenzen zu erfahren
    und in eine Öffnung zu verwandeln…“;
    und nicht an der Öffnung stehen bleiben!

    Dann eröffnen sich -nicht nur gedanklich- ganz neue, alltagstaugliche Leben(sumstände).

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