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Was Neurowissenschaften (nicht) über die Geschlechterdifferenz wissen

Von Silke Kirch

Lässt sich im Gehirn etwas über das Geschlecht ablesen? Silke Kirch hörte dazu einen Vortrag der Biologin Sigrid Schmitz vom Bereich Gender Studies an der Universität Wien.

Neurowissenschaften sind eine Leitdisziplin. Ob Neuropädagogik, Neuroethik, Neuroästhetik – das Präfix „Neuro“ scheint überall zu passen und überall neue Horizonte aufzumachen. Da liegt es nahe, zu fragen, was denn die Neurowissenschaften zu dem Thema Geschlechterdifferenz zu sagen wissen. Sigrid Schmitz, Biologin im Bereich Gender Studies an der Universität Wien, sprach darüber bei einem Vortrag in Frankfurt auf Einladung des Arbeitskreises Frauen der Evangelischen Akademie.

Wie Wissen überhaupt produziert wird, ist in Bezug auf die Frage nach dem Unterschied zwischen den Geschlechtern von besonderem Interesse. Aber da wird es auch schnell heikel: Kann die landläufig propagierte oder gar feststellbare größere Empathiefähigkeit und Sprachbegabung von Frauen sowie das vorgeblich bessere räumliche Vorstellungsvermögen von Männern in Brain-Scans per MRT oder PET tatsächlich sichtbar werden? Und ist das dann ein Ergebnis der Evolution oder angeboren? Beides wäre so etwas wie alter Biologismus in neuen Tassen: Neurowissenschaften als letzte Bastion der biologischen Festschreibung von Geschlechterstereotypen?

Es sieht ganz so aus, als würde diese Gefahr bestehen. Die These der Forscherin ist, dass Neuroplastizität heute Hochkonjunktur hat, solange es um die Optimierung des Gehirns als einer in der Leistungsgesellschaft hochrelevanten Ressource geht, dass aber paradoxerweise umgekehrt Hirnscans schnell als Beweismittel für einen Status Quo verwendet werden, wenn es um Konventionen geht, deren Veränderbarkeit unerwünscht ist. Wie etwa tradiertes weibliches oder männliches Rollenverhalten. Dann wird eindrücklich die Evolution bemüht und die Fähigkeit, evolutionär herausgebildete Gehirnstrukturen (die für geschlechtsspezifisches Verhalten verantwortlich seien) nachhaltig zu verändern unter der Hand grundlegend in Frage gestellt.

Eine spannende Beobachtung. Aber auch ein spannendes Konstrukt. Schmitz‘ Ausführungen darüber, wie Forschende es anstellen, bestimmte Hirn-Areale bestimmten vermeintlich geschlechtsspezifischen Verhaltensweisen zuordnen und dann zu testen, ob diese Areale bei männlichen oder weiblichen Testpersonen tatsächlich männlich oder weiblich funktionieren, streiften das Groteske. Deutlich drängte sich die Vermutung auf, dass Geschlecht ein Konstrukt ist und anderes nicht zugelassen wird. Das zeigen auch Ergebnisse mancher Forscherinnen wie die die sehr spannenden und in ihrer visuellen Aufbereitung beeindruckenden „Brain Mosaicisms“ der Forschungsgruppe um Daphne Joel aus Tel Aviv. Ihre ausführlichen Testreihen zeigten sehr deutlich, dass jedes Gehirn anders ist und keine eindeutige Zuordnung zu einem Geschlecht zulässt.

Mehr und mehr wurde deutlich, dass die Forschung in den Methodenfragen stecken bleiben muss, wenn sie sich selbst ernst nimmt. Denn Bilder aus den so genannten bildgebenden Verfahren sind ihrerseits Konstrukte, sie bilden nicht wirklich etwas ab, sodass grundsätzlich in Frage steht, was überhaupt sich in Bezug auf Geschlecht aus einem Hirnscan ableiten lassen könnte. Haben die Kategorien weiblich/männlich einen Nutzen für die Neurowissenschaften, sind sie überhaupt operationalisierbar? Oder werden sie beim Brainscan vorab methodisch mit „eingescannt“ und können dann eben auch sichtbar werden?

Sehr viel spricht dafür, dass genau dies passiert, und es gibt gleich mehrere Forschungsfelder, die sich mit diesen Fragen beschäftigen: So zeigt sich, dass Studien mit wenigen Teilnehmenden häufiger signifikante Unterschiede in den Scans von Frauen und Männern belegen als Studien mit vielen Teilnehmenden – etwas bei Tests zur Wortpaarerkennung oder Reimbildung. Das bedeutet, dass die Mittelwerte aus gemischten Zufallsgruppen von den Mittelwerten aus reinen Frauen- oder Männergruppen nicht abweichen.

Ob Gender einen Unterschied in den Neurowissenschaften macht, hängt ganz wesentlich vom methodischen Vorgehen, von der Interpretation der Ergebnisse, aber auch vom Setting selbst ab. Unterzieht man Frauen einem mathematischen Test, so schneiden sie viel schlechter ab, wenn sie zuvor ankreuzen müssen, ob sie Mann oder Frau sind; müssen sie zuvor nur angeben, welche Nationalität sie haben, unterscheiden sich ihre Testergebnisse nicht von der Gruppe der Männer. Dieses Phänomen heißt „Stereotype Thread“. Gezeigt hat sich zudem, dass Studien, die einen Unterschied konstatieren, häufiger zitiert werden als andere Studien, was die ForscherInnen „Publication Bias“ nennen.

Die schlechte Nachricht ist: Wer Geschlechterstereotype zementieren will, dem bieten die Neurowissenschaften eine breitangelegte blühende Spielwiese. Die gute Nachricht ist: Da wir alle um die Ecken denken können, bilden die Neurowissenschaften plastischer als jede andere Disziplin auch die Annahme ab, dass die Kategorie Geschlecht letztlich eben ein Konstrukt ist.

Zu diesem Thema ist auch Cordelia Fines Buch „Die Geschlechterlüge“ lesenswert.

Autorin: Silke Kirch
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 02.07.2014
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • „Und ist das dann ein Ergebnis der Evolution oder angeboren?“

    Das sind doch keine Alternativen! Wenn etwas Ergebnis der Evolution ist, dann ist es uns / dem Individuum angeboren. Alles andere ist „ansozialisiert“.

  • Gudrun Nositschka sagt:

    Und welche Bedeutung hat der wesentliche stärkere Balkan bei Frauen, der beide Gehirnhälften verbindet? Bisherige Erkenntnisse sind wohl, dass dadurch Ausfälle in der einen oder anderen Gehirnhälfte schneller kompensiert werden können, z. B. nach einem Schlaganfall. Das Sprachzentrum von Frauen erholt sich in der Regel, wesentlich seltener bei Männern. Kategorie Geschlecht nur ein Konstrukt? Fähigkeiten Leben zu tragen, zu gebären und zu nähren nur ein weibliches Sozialkonstrukt? Warum lehnen Frauen ihre Biologie so sehr ab? Weil sie im Patriarchat seit einigen tausend Jahren mit Füßen getreten worden ist? Mehr Stolz ihr Töchter von Müttern!

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