beziehungsweise – weiterdenken

Forum für Philosophie und Politik

Rubrik denken

Blockaden_Strategien eines feministischen Politikwechsels

Von Antje Schrupp

Das Institut für Solidarische Moderne beschäftigt sich in unterschiedlicher Weise mit den Möglichkeiten eines Politikwechsels, unter anderem auch in feministischer Perspektive. Antje Schrupp arbeitet in einem dieser Kreise mit und hat für die dortigen Debatten ein kleines Papier über Blockaden und Strategien eines feministischen Politikwechsels verfasst, das sie auch hier zur Diskussion stellt.

Blockaden strategischer Bedingungen eines Politikwechsels

Die Abneigung vieler Frauen gegen die herkömmlichen (männlichen) politischen Organisationsformen und Verfahrensweisen („Machtspielchen“) führt derzeit zu einem Rückzug engagierter Frauen und somit zu einer „Wiedervermännlichung“ vieler traditioneller Institutionen. Dies wird aber nicht als politischer Konflikt thematisiert, sondern in der Regel als Defizit der Frauen interpretiert. Quotendebatten zum Beispiel werden immer noch so geführt, als solle damit „den Frauen etwas Gutes getan“ werden, während doch vor allem die Institutionen selbst davon profitieren würden.

Frauen, die sich in Institutionen oder Parteien engagieren, sind weiterhin starken Assimilierungserwartungen ausgesetzt (sie sollen sich „den Spielregeln anpassen“). Es herrscht immer noch ein universalistisches Menschenbild vor, wonach das Männliche (Weiße, Heterosexuelle usw.) die Norm ist, an dem sich die „Anderen“ (Frauen, PoCs, Queers usw.) messen lassen bzw. vor denen sie sich bewähren und legitimieren müssen.

Institutionen und Parteien kreisen vor allem um ihre Selbsterhaltung. Die Bereitschaft, sich selbst grundlegend in Frage stellen zu lassen, ist gering, es geht mehr um Machterhalt als um Politik und Gesellschaftsgestaltung. Auch entschlossene und konfliktbereite Frauen bewirken kaum langfristigen Veränderungen: Selbst wenn sie in ihrem Einflussbereich Veränderungen anstoßen, bleibt dies von ihrer Präsenz abhängig. Sobald sie gehen, kehren die Institutionen wieder in ihren alten Modus zurück. Es ist sozusagen, wie wenn man in einem zähen Brei rührt, der sich träge wieder in die Ausgangsposition begibt, sobald man mit dem Rühren einmal nachlässt.

Möglichkeiten ihrer Überwindung

Wenn sich in konkreten Politikfeldern (zum Beispiel Kandidaturbereitschaft) signifikante Unterschiede zwischen Frauen und Männern zeigen, könnte das bewusst als Potenzial zur Veränderung gelesen und diskutiert werden. Die Abwesenheit von Frauen ist ein Zeichen des Autoritätsverlustes der betreffenden Institution, da sie es offenbar nicht schafft, für Frauen attraktiv zu sein. Institutionen, in denen Frauen nicht freiwillig (also ohne Quote) in gleicher Weise vertreten sind wie Männer, sind nicht repräsentativ für die Gesellschaft und verlieren zu Recht an Relevanz und Legitimation. Man sollte ihnen keine Autorität zusprechen.

Es ist eine politische Entscheidung zu treffen: Will ich die tradierten Institutionen retten (etwa durch mehr „Frauenpower“) oder bin ich ihnen keine Loyalität schuldig? (Ich entscheide mich für Letzteres.) Es geht aber auch nicht darum, diese alten Institutionen zu zerstören. Wir können ihnen einfach zuschauen, beim Sterben oder beim Sich Erneuern, je nachdem, und dann entsprechend handeln. Das Zentrum des eigenen politischen Handelns muss außerhalb der Institution liegen (etwa in einem feministischen Netzwerk), aber nicht in Gegnerschaft zu ihr. Es kann auch sinnvolle Politik innerhalb der Institutionen gemacht werden, wenn man sie nicht als Autorität anerkennt, sondern als Gegebenes mit Realismus hinnimmt.

Das Augenmerk sollte weniger auf inhaltlichen Differenzen liegen als vielmehr auf den Verfahrens- und Organisationsweisen des Politischen, da dies das größte Hemmnis für Änderungen ist und den Frauen das größte Unbehagen bereitet (während Frauen inhaltlich ja sehr unterschiedliche bis gegensätzliche Ansichten vertreten). Frage: Wie können Verfahrensweisen gefunden werden, die dem „Anderen“ Gehör und Aufmerksamkeit verschaffen, ohne dass es sich vorher assimilieren muss? Gibt es innerhalb der Institutionen Personen, die an einer Veränderung interessiert sind? Zu diesen Beziehungen aufbauen.

Bewusstsein für die Wichtigkeit von Räumen und Örtlichkeiten („Settings“) entwickeln: Politik raus aus den Parlamentsgebäuden und Sitzungssälen bringen. Zum Beispiel Diskussionen über Hartz IV oder Ordnungspolitik in einem Tagestreff für Obdachlose führen….

Widerstände – auch innerhalb linker, emanzipatorischer Kreise

(Weiße, heterosexuelle usw.) Männer verstehen oft nicht, was weibliche Differenz ist, weil sie Frauen (und andere „andere“) nur als Variante ihrer selbst denken (können?). Sie glauben, dem Feminismus gehe es um die Gleichstellung mit ihnen selbst. Sie verstehen nicht, dass es um eine Veränderung der Welt dem weiblichen Begehren_dem Begehren der Anderen entsprechend geht. (Wie Louise Michel sagte: „Behaltet eure Privilegien, wir wollen sie nicht!“)

Es ist sehr schwer, diese Blockade zu überwinden, und das führt zu mancherlei Frustration. Daher ist auch unter Feministinnen die Versuchung groß, eigene politische Inhalte ohne Vermittlung, also mit den Mitteln der traditionellen institutionellen Macht durchzusetzen. Zumal ihre Verbündeten (linke Männer zum Beispiel), sie als Verbündete häufig nur solange akzeptieren (und hofieren), wie ihre überkommenen Politikkonzepte nicht grundlegend in Frage gestellt werden.

Damit aber wird das Spiel gerade nicht durchbrochen.

Autorin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 27.10.2014
Tags:

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Monika Hengartner sagt:

    Vielen Dank für die Auflistung dieser vielen guten Impulse dazu, wie eine politische Veränderung zu mehr „Ganzheit“ möglich ist und mit welchen Widerständen es gilt, entspannend umzugehen.
    „Es geht…nicht darum, diese alten Institutionen zu zerstören. Wir können ihnen einfach zuschauen, beim Sterben oder beim Sich Erneuern, je nachdem, und entsprechend handeln.“
    Interessant!
    Dies bedingt wohl viel persönlich gereifte Stärke und (politisch-beziehungsmässig) Gelassenheit.

  • Gudrun Nositschka sagt:

    Leider war und ist es manchmal noch so, dass es auch Frauen gibt, die sich für Feministinnen halten, denen es darum geht, so sein zu wollen wie patriarchale Männer. Das wurde auch von EMMA so propagiert. Mary Daly hat ausführlich über das trügerische patriarchale Angebot der Assimilation geschrieben. Dafür scheinen Frauen zurzeit ggf. sogar bereit zu sein, ihre Kompetenzmöglichkeiten im wahrsten Sinne „einfrieren“ zu lassen und mit ihren intellektuellen Fähigkeiten die Erträge des Kapitals zu steigern. Wie schaffen wir es, diese Frauen zu „politisieren“?

  • Annegret St. Barth sagt:

    Schöne Theorie. „Einfach beim Sterben zuschauen!?“ Wie naiv ist das denn. Fukushima- beim Sterben zuschauen. So einfach ist es leider nicht. Leider.

  • Antje Schrupp sagt:

    @Annegret _ Es war von Institutionen wie Parteien, Universitäten, Kirchen, Gewerkschaften usw. die Rede, nicht von Fukushima. Vielleicht versuchst du, den Gedanken erst einmal zu verstehen?

    Ganz abgesehen davon, dass es zu Fukushima momentan keine Lösung gibt, auch in keiner anderen politischen Strategie, oder weißt zu eine?

  • Ute Plass sagt:

    Fukushima macht doch deutlich, wie notwendig es ein Engagement außerhalb der tradierten Politik und Institutionen braucht. Ohne den Druck einer Anti-Atomkraft-Bewegung gäbe es hierzulande den sog. Atomausstieg nicht.

    Ist es nicht so, dass die emanzipativen Anliegen der Frauenbewegung eine stärkere gesamtgesellschaftliche ‚Sprengkraft‘ entfalten konnten, weil sie (noch) nicht in bestehende Institutionen und parteipolitische Machtspiele eingehegt waren?
    Eine immer wieder diskutierte Frage: Wie gelingt es, dass Parteien, Macht-Institutionen… uns dienstbar sind und nicht umgekehrt wir ihnen?

    Und ja, Antje:
    „Es kann auch sinnvolle Politik innerhalb der Institutionen gemacht werden, wenn man sie nicht als Autorität anerkennt, sondern als Gegebenes mit Realismus hinnimmt.“

  • Bari sagt:

    Mir fällt grad keine Institution ein, in der es keine Frauen gibt. Vielleicht außer ein paar Burschenschaften. So dass ich die Idee zwar gut finde, aber ich jetzt nicht weiß, wem ich beim Sterben zuschauen kann.

  • Gabi Dallinger sagt:

    „…weil sie (Männer) Frauen…nur als Variante ihrer selbst denken (können)“.
    Frau muss manchmal in Politik und Institutionen lange im „nur“ leben und agieren, um „auch“ das andere (d.h. die Veränderung der Welt) anstreben und einbringen / vermitteln zu können. Dafür braucht frau Strategie, strategisches Denken und das Aneignen von Verfahrens und Organisationsweisen. Das sage ich, die 40 Jahre in verschiedenen Zusammenhängen selbiges gemacht hat und sieht, dass doch einiges aufgegangen ist.

Weiterdenken