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Mein erstes Lehrjahr als Rentnerin

Von Dorothee Markert

Foto: Dorothee Markert

Foto: Dorothee Markert

Auf mein „bedingungsloses Grundeinkommen“ hatte ich mich schon lange gefreut. Ich ging davon aus, dass ich mit dem Wegfallen meiner eher ungeliebten Tätigkeiten zum Geldverdienen endlich all meine Zeit den Dingen widmen könnte, die mir immer schon wichtiger waren: der politischen Arbeit, dem Schreiben, vielleicht auch noch ab und zu dem Übersetzen. Und dass ich endlich damit aufhören könnte, mit der Wahl meiner Studienrichtung und meiner pädagogischen Berufe sowie mit meinen Ängsten und Begrenztheiten zu hadern.

So war ich sehr überrascht, dass mir der Abschied schwer fiel: von den Kindern und Jugendlichen, die mich vielleicht noch gebraucht hätten, von den Kolleginnen und Kollegen, von der Selbstsicherheit, die mir meine fachliche Kompetenz ja auch gegeben hatte, vom Gebrauchtwerden überhaupt, davon, dass es Orte in der Welt gab, an denen mein Name auftauchte, und Menschen, die etwas von mir erwarteten.

Nach etwa einem Jahr der Umstellung habe ich nun begriffen, dass der Rentenbeginn nicht nur bedeutet, ein bedingungsloses Grundeinkommen zu bekommen, sondern dass es viel zu lernen gibt, wenn es denn wirklich ein Neuanfang werden soll, also der Beginn einer bewusst gelebten und gestalteten, einer wirklich wertvollen und beglückenden letzten oder vorletzten Lebensphase.

Sich der Leere stellen … oder auch nicht

Ich hatte überhaupt nicht damit gerechnet, dass ich zusammen mit dem Abschied von einem Teil meiner bisherigen Tätigkeiten mit einem Gefühl der Leere konfrontiert sein würde, durch das mir auch der Antrieb für das verlorenging, was ich selbstverständlich hatte fortsetzen wollen. Mein ganzes Begehren war plötzlich weg, alles, was mir wichtig gewesen war, war in Frage gestellt. Ich musste mich zwingen, die Dinge, die ich noch versprochen hatte, zu Ende zu bringen. Wenigstens das gab mir noch eine Zeitlang Halt, zusammen mit den alltäglichen notwendigen Haushaltstätigkeiten.

Ich konnte plötzlich sehr gut verstehen, warum viele Rentnerinnen und Rentner diese Leere gleich wieder zu füllen versuchen, indem sie dann doch noch mit einem kleinen Lehrauftrag in der Schule weitermachen oder neue, meist ehrenamtliche Verpflichtungen eingehen, weil ja schnell Anfragen kommen an die, „die doch jetzt viel Zeit haben“. Oder warum sie ihre gesamte Zeit mit einer Reise nach der anderen verplanen oder sich so sehr in die Enkelbetreuung einbinden lassen, dass sie schließlich wieder darüber klagen, nun gar keine Zeit mehr für sich zu haben. Oder indem sie gleich einen Job annehmen, um nicht mit gar so wenig Geld auskommen zu müssen.

Solche Zeiten der Leere und des unauffindbaren Begehrens, die wohl jede Übergangssituation im Leben begleiten, sind wirklich sehr schwer auszuhalten. Ich konnte mich in der ersten Zeit kaum zu etwas von dem aufraffen, was ich mir vorher vorgestellt hatte, weder zu häufigem Bloggen, noch zu einer langen Reise zu Fuß mit Open End, noch zum gründlichen Ausmisten bei mir zuhause. Manches, was mir lange sehr wichtig gewesen war, interessierte mich plötzlich nicht mehr. Ich hatte keine Lust mehr, zu Vorträgen zu gehen, obwohl ich mir doch so lange gewünscht hatte, mehr Zeit dafür zu haben. Ich reagierte allergisch auf alle Theorien und sogar auf Bewegungen zur Weltveränderung, die mir bisher am Herzen gelegen hatten, zum Lesen irgendwelcher anspruchsvoller Literatur hatte ich schon gar keine Lust. Fast alles, wofür ich mich engagiert hatte, kam auf den Prüfstand, und ich sah leider auch deutlich, wie wenig Veränderung ich mit meinem Engagement bewirkt hatte, verglichen mit dem, was ich mit meinem Leben vorgehabt und mir einmal vorgestellt hatte. Diese Erkenntnis war zwar bitter, doch sie gab mir auch die Freiheit, von nun an noch gründlicher zu prüfen, wofür ich mich noch einsetzen möchte.

Da ich ja eigentlich vorhatte, im Sommerhalbjahr lange unterwegs zu sein, vermied ich zunächst einmal alle zeitlichen Festlegungen. Auf keinen Fall wollte ich mich gleich wieder in irgendetwas einbinden lassen. So verbaute ich mir den Sprung aus der Leere in neue Aktivitäten, stattdessen wählte ich den anderen Weg, um die Leere aushaltbar zu machen: Ich „beamte“ mich weg durch Krimi-Lesen, Computer-Spielen und das Lösen von Sudokus und beschwichtigte mich damit, „dass ich mir das jetzt auch mal erlauben“ könne. Doch bald merkte ich natürlich, dass mir das auf Dauer nicht gut tat. Auch wollte ich die begrenzte und kostbare Lebenszeit nicht einfach so verschwenden. Durch diese Erfahrung verstehe ich nun aber sehr gut, warum Suchtgefährdung im Alter ein Thema ist.

Öffentliche Bücherei in Tel Aviv

Öffentliche Bücherei in Tel Aviv

Eine große Hilfe und wichtiger Trost waren in dieser Zeit die Freundinnen, die mich zu etwas einluden oder etwas von mir wollten, und die wenigen Kontexte, an denen ich noch festhielt. Ganz wichtig waren Gespräche mit anderen Neu-Rentnerinnen. Auch das Zusammenleben mit einer weiterhin Berufstätigen war sehr hilfreich, so stand ich wenigstens morgens auf. Um wieder aus dem „Rückzugs-Sumpf“ herauszukommen, stellte ich ein paar Regeln für mich auf: Täglich wenigstens einmal aus dem Haus gehen, zumindest in den Garten, frühestens am Spätnachmittag mit dem Romane-Lesen anfangen, mich nach dem Zeitunglesen am Morgen und einem Sudoku an den Computer setzen, um wenigstens die Mails zu checken.

Diese eher schwierige Phase dauerte etwa ein halbes Jahr. Dann war ich plötzlich „durch“ und kann mich seither an dem freuen, was sich an Neuem entwickelt hat, während ich auf gewisse Weise „wegen Umbau geschlossen“ war.

Erstaunliche Veränderungen

Plötzlich habe ich viel weniger Angst, Dinge auszuprobieren, vor denen ich mich bisher gedrückt habe, beispielsweise Reisen im Internet zu buchen, mich in die Funktion neuer Küchen- und Haushaltsgeräte einzuarbeiten oder mit meinem Outfit zu experimentieren. Ich beginne fast so etwas wie Freude am Überwinden von Schwierigkeiten zu bekommen, auf jeden Fall macht es mir Freude, etwas zu lernen, und es ist ja dann auch eine schöne Belohnung, wenn etwas schließlich klappt. Dabei wächst mein Selbstvertrauen, wodurch ich wiederum leichter an neue Aufgaben herangehe. Für Dinge, die ich immer schon mal ausprobieren wollte, ergeben sich plötzlich Gelegenheiten, die ich dann auch sofort ergreife. Dieses Jahr waren es das Bergwandern und die Erfahrung, bei der Weinernte zu helfen.

Ich bin freier und mutiger, meine Meinung hinzustellen und dazu zu stehen. Plötzlich bin ich nicht mehr so außenorientiert und eine solche Konfliktvermeiderin wie früher, es kann sogar vorkommen, dass mir Auseinandersetzungen Spaß machen. Diese Erfahrungen wachsender Souveränität passen gut zu dem Begriff „Frei-Frau“, den ich von einer Rentnerin gehört habe, die mittlerweile schon in ihrem vierten Ruhestands-Lehrjahr ist und immer noch viel zu lernen hat, wie sie sagt.

Ich merke, dass mein Name ohne feste Verpflichtung in irgendeinem Kontext aus der Welt verschwindet. Was kann ich dagegen tun, ohne wieder zusätzliche Verpflichtungen anzunehmen? Plötzlich wird es für mich wichtiger als früher, dort sichtbarer zu werden, wo ich noch tätig bin oder wo eine meiner früheren Tätigkeiten nachwirkt. Beispielsweise setze mich dafür ein, dass ich ordentlich zitiert werde, was mir bisher eher peinlich gewesen wäre. Und ich verstehe besser, woher das kommt, was wir früher abfällig die „Ehrenkäsigkeit“ älterer Leute genannt haben.

Vielleicht weil mir bewusster ist, wie begrenzt die Zukunft ist, die ich noch habe, verschiebt sich die spätestens seit Beginn des Erwachsenenlebens angenommene Zukunftsorientierung auf eine zunehmende Gegenwartsbetonung, durch die jeder einzelne Tag und jeder Moment darin kostbar wird. Insofern finde ich nicht, dass das „Alter die neue Jugend“ ist, wie es zurzeit in den Medien öfter behauptet wird. Eher lebe ich so in den Tag hinein, wie ich es als Kind gern getan hätte.

Anders arbeiten

Bei meinen Tätigkeiten ist es nicht mehr so wichtig, bestimmte Ziele zu erreichen und eine Arbeit dann auch wieder abzuschließen. Es ist wichtig, dass ich eine Arbeit habe, ein „Werk“, an dem ich immer wieder weiter machen kann. Ich genieße es, diese Arbeit zu haben, und ich kann sie aber auch länger liegen lassen, wenn mir etwas Neues im Leben entgegenkommt, auf das ich auch Lust habe oder dem ich aus anderen Gründen Vorrang einräume. Während es mich früher gestresst hat, wenn ich zu viele offene Baustellen hatte, weil mich der Druck belastete, sie innerhalb einer bestimmten Zeit zu einem Ende bringen zu müssen, bin ich jetzt froh darum. Dass ein Artikel für bzw-weiterdenken, ein Text für mein Blog, das Abtippen eines alten Textes oder das Übertragen von Kriegsbriefen meiner Eltern dann irgendwann auch fertig wird, ist nicht mehr so wichtig, wichtiger ist, dass ich mit dem, was ich schaffe und mit meinem Leben, während ich damit beschäftigt bin, zufrieden bin. Nichts muss fertigwerden, und schon gar nicht zu einem bestimmten Termin.

Zwischendurch übe ich immer wieder Akkordeon oder auch mal eine Abfolge von Karatetechniken oder erledige Alltagsdinge. Statt hundertmal über etwas hinwegzusehen, weil ich „jetzt keine Zeit“ habe, entscheide ich spontan, „Das mach ich mal eben“. So wird mein Umfeld nach und nach aufgeräumter, mein Garten bunter, auch ohne große Hauruck-Aktionen. An manchen Tagen wird daraus ein lustvolles Mich-Verzetteln. So „arbeite“ ich ohne Probleme von morgens bis abends durch – manchmal vergesse ich sogar die Mahlzeiten – und es geht mir gut dabei, auch körperlich, weil Kopf- und Handarbeit sich immer wieder abwechseln. Im Gegensatz zu früher empfinde ich das Arbeiten selbst als schön, der Gegensatz zwischen Arbeit und Freizeit ist weitgehend aus meinem Leben verschwunden.

Zeit anders erleben

Am erstaunlichsten ist die Veränderung im Zeiterleben. Paradoxerweise bin ich großzügiger mit meiner Zeit denn je, obwohl mir gleichzeitig sehr viel mehr bewusst ist, wie kostbar sie ist. Während die Zeit früher raste, wenn ich mich bemühte, sie optimal zu nutzen, vergeht sie jetzt irgendwie langsamer, während ich in aller Ruhe meinen diversen Tätigkeiten nachgehe und mir für alles „viel Zeit lasse“. Trotzdem kommt der Abend natürlich immer viel zu früh.

Ebenso großzügig mit meiner Zeit wie mir selbst gegenüber bin ich auch gegenüber anderen. „Ich hab Zeit“ ist ein Satz, den ich mich immer öfter sagen höre. So hat die Pflege von Beziehungen für mich fast immer Vorrang vor dem „Werk“: Mails schreiben, telefonieren, jemanden treffen, bei Facebook oder in bzw-weiterdenken kommentieren, liken oder auf Kommentare antworten, all das, was ich früher vor allem als zusätzliche Belastung erlebt habe, die mir „die Zeit stahl“. Ich bin froh, dass ich nun auch zu allen Beerdigungen von Menschen gehen kann, die ich gekannt habe, was mir früher aus beruflichen Gründen oft nicht möglich war. Sechs Beerdigungen waren es in diesem Jahr.

Nach wie vor bemühe ich mich, nur wenige zeitliche Festlegungen zu haben. Mein Terminkalender ist fast leer, ich verwende ihn inzwischen als Tagebuch, in dem ich die Kostbarkeiten meiner Tage festhalte, weil meine Vergesslichkeit natürlich auch zunimmt. Das Wichtigste ist mir, so frei wie möglich zu sein, damit ich offen sein kann für die Möglichkeiten, die sich mir bieten, also für das Leben, wie es mir entgegen kommt.

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Elfriede Harth sagt:

    Liebe Dorothee, als Mitlernende im dritten Lebensabschnitt finde ich mich wieder in vielem, was Du schreibst. Besonders vielleicht in der Freude am Unvollendeten und Unvollendbaren. – Ja, wir müssen doch auch für die Nachwelt noch was zu tun übrig lassen! :-)! Denn auch sie müssen diese Erfahrung machen dürfen, dass die Welt danach dürstet, verändert und verbessert zu werden, aber dass alle Mühe eben Stückwerk bleibt und, dass das was sich schließlich (am meisten) verändert durch all den Einsatz frau selbst ist! Dadurch wird klar, dass das Sein wichtiger ist als das Haben.

  • sammelmappe sagt:

    Bei aller Anerkennung der Reflexionen zum neuen Lebensabschnitt, finde ich es mehr als problematisch die Rente oder Pension mit einem bedingungslosen Grundeinkommen gleichzusetzen.

    Ich kenne zu viele Menschen, die jetzt schon in der Altersarmut sind, andere, die absehbar über das Rentenalter hinaus arbeiten.

    Das bedingungslose Grundeinkommen nennt sich nicht ohne Grund: bedingungslos.

  • Sonja sagt:

    Das habe ich so gern gelesen! Meine beste Freundin ist im gleichen Lehrjahr des Ruhestands wie ich, wir haben seither viel „tiefere“ Gespräche und sind froh, einander zu haben. Beide waren wir Lehrerinnen, vermissen aber die Schule überhaupt nicht…
    Gruß von Sonja

  • Fidi Bogdahn sagt:

    „Komisch ist dieses Leben (geworden)..“, sagte ich vorhin am Telefon und wurde prompt besorgt zurück gefragt: „Was ist los???“ Aber es ist nichts „los“; es ist nur einfach so (geworden); und ich nehme es tagtäglich wahr, dass es so ist wie es ist – jetzt und hier;
    und ich möchte auch gar nicht, dass es wieder anders wird, obwohl es mich manchmal in eigentümliche (Ver?)Stimmung bringt und ich dann nur sage: komisch… Und genau in solch einem Moment kommt Dorothee mit ihrem heutigen weiterdenken in meine Lebensbude. Ja, ich kenne und erlebe das alles auch so schon länger, was du da beschreibst, Dorothee. Und jetzt merke ich, wie durch dein weiterdenken sich in mir ein wohliges heiterdenken ausbreitet… Das ist doch im allerleersten Sinne komisch, oder? Hab Dank!

  • Paul Mazal sagt:

    Ich bin mit bald 53 vielleicht noch ein Jungspund – und trotzdem tauchen am weiteren Horizont die Vorboten dieses kommenen Lebensabschnitts auf: Freunde, die in Pension gehen, und mich zu mehr oder weniger positiven Stellungnahmen animieren … die Einführung des Pensionskontos in Österreich mit allen Erhebungen, Befragungen und der Meldung der „derzeitigen Pensionsanwartschaft“ … das Erleben der eigenen Eltern nach bald 20 Jahren Pensionistendasein im Stress … Ich danke herzlich für diesew Zeugnis von der Leere, die zugelassen sein möchte, und Freiheit bedeutet. Vielen Dank!

  • Antje Schrupp sagt:

    @sammelmappe – Ich glaube, Dorothee wollte damit nicht sagen, dass jeder alte Mensch oder alle, die Renten bekommen, ein bedingungsloses Grundeinkommen haben, sondern dass SIE jetzt – als Rentnerin – ein bedingungsloses Grundeinkommen hat, weil sie jeden Monat Geld bekommt, ohne dass sie noch eine Gegenleistung dafür zu erbringen hat.

    Ich finde diesen Vergleich hier gerade sehr wichtig, weil ja ein großer Einwand gegen das Grundeinkommen ist, dass die Leute nichts mehr arbeiten würden und aus sozialer und gesellschaftlicher Teilhabe herausfallen. Im Prinzip sind Rentnerinnen (sofern sie nicht zusätzlich auch noch arm sind) ja prinzipiell mit genau dieser Situation konfrontiert, und von daher passt der Vergleich in dieser Hinsicht schon, nämlich bezogen auf die Frage: Wie können Menschen sinnvolles Tätigsein unabhängig von Erwerbsarbeit organisieren. Mir gefällt an dem Artikel, dass das weder idealisiert wird nach dem Motto „Gar kein Problem“ (wie es manche BGE_Werber machen), aber eben auch nicht als vollkommen utopisch dargestellt, sondern es geht eben genau darum, die Bedingungen zu untersuchen, unter denen es gelingen kann.

  • Hans-Joachim Wienert sagt:

    Ich habe jetzt auch ein Jahr mit Renteneinkommen hinter mir und genieße es, Texte zu verfassen. Mir ist es leicht gefallen, meinen alten Beruf abzulegen so dass ich keine Trauerarbeit leisten musste. Aber auch ich muss unverändert mehr Zeit für Alltägliches und Liegengebliebenes einsetzen als ich erwartet habe.
    Nicht erkannt aber auch nicht vermisst habe ich bei Dorothee, ob sie Bedingungen erkannt hat, unter denen das Genießen des Alters gelingt.
    Ich befürchte, es ist einfacher zu definieren, bei welchen negativen Bedingungen ein erfülltes Rentnerleben nicht gelingen wird. Dies hätte aber nur Nutzen, wenn man im Vorgriff auf den Renteneintritt die Randbedingungen gestalten kann. Doch wer hat schon diesen Genius in der Lebensgestaltung. Aber vielleicht gibt es Einrichtungen, wo man üben kann.

  • Ute Plass sagt:

    @Antje – „…. sondern es geht eben genau darum, die Bedingungen zu untersuchen, unter denen es gelingen kann“.

    Als Grundeinkommensbefürworterin stelle ich mir schon sehr lange ebenfalls die Frage: Welche gesellschaftlichen Bedingungen(Einsichten, Haltungen, kulturelle Techniken..) braucht ein bedingungsloses Grundeinkommen?
    Antworten darauf finde ich in dem nach wie vor aktuellen schönen Text: http://www.gutesleben.org, der u.a. verdeutlicht, dass wir uns unser Leben nicht erst verdienen und unsere Existenzberechtigung nicht unter Beweis stellen müssen.
    Wenn diese Einsicht als eine Art Tageslosung von LebensAnfang an vermittelt würde, dürfte das dazu beitragen, dass wir uns nicht unter Nützlichkeits/ Leistungskategorien bewerten, sondern im Lebensfluss bleibend immer wieder u.a. fragen und erkennen, was brauche ich, und wo werde ich gebraucht? Dies würde den Ausstieg aus der Lohnarbeitslogik mit befördern und die Aufgaben, die sich uns stellten und denen wir uns stellen wollten, werden nicht von der (bezahlten)Erwerbsarbeitszeit bestimmt, sondern von der Frage nach Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit eines selbst bestimmten Tuns.
    Selber ‚Grundeinkommensbezieherin‘ überlasse ich mich schon eine geraume Zeit diesem Frage-Lebensrhythmus. 🙂

  • Dorothee Markert sagt:

    Über die Kommentare zu meinem Text habe ich mich sehr gefreut, vielen Dank dafür. Denn sie zeigen mir, dass ich mit den beiden Anliegen verstanden worden bin, aus denen heraus ich diesen Text geschrieben habe: Zum einen die beglückende Erfahrung weiterzugeben, dass es sich lohnt, durch die Zeit der Leere und des Rückzugs hindurchzugehen, weil danach wirklich eine neue Qualität möglich wird. Zum anderen von meinem Leben mit einem Grundeinkommen zu berichten, das ich als bedingungslos empfinde im Vergleich zu Hartz IV oder Arbeitslosengeld, auch wenn es an ein bestimmtes Alter gebunden ist und in der Höhe nicht dem entspricht, was sich die Menschen wünschen, die sich für ein BGE engagieren. Vor 6 Jahren habe ich übrigens zum Thema „Bedingungsloses Grundeinkommen“ diesen Artikel geschrieben, der m.E. immer noch aktuell ist: http://www.bzw-weiterdenken.de/2009/05/grundeinkommen-einstieg-in-den-umbau/

  • Vielen Dank für diesen ehrlichen Bericht über eine Zeit, die man sich im Vorfeld ganz anders gewünscht, erträumt hatte. Mir ist ähnliches passiert, als meine vier Kinder so nach und nach das Haus verlassen haben – kein „Leeres-Nest-Syndrom“ – sondern die Freude darauf, endlich viel mehr Zeit für mich zu haben, all das machen zu können, was 30 Jahre eher hintenan stand. Und außerdem noch dazu die Chance als Lehrerin nach langer Pause wieder einsteigen zu können! Und dann sehr schnell: die Erfahrung dieser Leere, dieser Enttäuschung, die eigenen Erwartungen nicht erfüllen zu können, mit diesem Mehr an Zeit eigentlich nichts Vernünftiges anfangen zu können. „Wegbeamen“ durch banale Tätigkeiten (es lebe das Internet) der „Rückzugssumpf“, das kenne ich alles gut….schließlich als psychische Erkrankung diagnostiziert und auch so behandelt. Nach dem Bericht von von Dorothee bin ich nun voller Hoffnung, dass diese Zeit der Leere irgendwann überwunden sein wird und sich auch mir neue Horizonte öffnen, bevor dann das Rentnerleben beginnt.

  • elfie kriester sagt:

    liebe Dorothee,
    ich habe gerade Deinen Artikel gelesen. Ich bin jetzt die 3. Woche in Rente und bin gespannt und auch etwas besorgt was auf mich zukommt. Bin ich vorbereitet? Geht das überhaupt? Jedenfalls werde ich mir Zeit lassen, bevor ich mich wieder in neue Aktivitäten stürze.
    Danke für den Text. Ich wollte noch nach Deinem Blog fragen, würde gerne mehr von Dir lesen.

  • Schier, Johanna Helen sagt:

    Hallo liebe Dorothee!

    Dein Artikel „trifft“ den Ton (Plong!) der bei mir
    gut ankommt.Danke dafür.In meinem Bücherregal stehen
    schön aufgereiht verschiedene Romane von Simone de Beauvoir.
    Die Idee, erst am späten Nachmittag mit dem Lesen von Romanen
    zu beginnen gefällt mir.Vllt fange ich heute mit der nochmaligen Lektüre der Werke von S. Beauvoir an.

    Ich bin interessiert an Deinem Blog. An welcher Stelle finde ich ihn?

  • Antje Schrupp sagt:

    @Johanna: Dorothees Blog findest du hier: https://dorotheemarkert.wordpress.com/

  • Schier, Johanna Helen sagt:

    Hallo Dorothee.

    Deinen Blog habe ich inzwischen entdeckt.Lesenswert—vielleicht
    könnte es ein bisschen weniger sein (Textlänge!)Dennoch freue ich mich auf Deine neuen Einfälle.

    Zu Deinem Artikel an dieser Stelle:
    Du beschreibst Deine Erfahrungen des Renteneintritts nach
    jahrzehntelanger Festanstellung. Somit bist Du in einer völlig
    anderen Situation als Akademiker_innen mit „Zickzackbiografie“
    und_oder befristeten Jobs.Vllt kommen noch weitere Kommentare
    von diesen a n d e r e n Frauen. Übrigens! Mir fällt auf:
    Weiterbildungseinrichtungen knüpfen mit ihren Bildungsangeboten
    für ältere Rentner_innen in der Regel an Erfahrungen von
    Arbeitnehmerinnen mit jahrzehntelanger Erwerbstätigkeit an,
    Hauptthema ist das „LOCH“ nach Ende der Berufstätigkeit.

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