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Älterwerden als große Chance

Von Juliane Brumberg

0717-9 kutter jahre geschenkt.inddDas war der Autorin besonders wichtig: Der Fahrradkorb auf dem Cover ist leer! Nicht gefüllt mit abwertenden Klischeevorstellungen von alten Frauen oder älteren Ladies aus einschlägigen Illustrierten, die so jugendlich aussehen (müssen), wie ihre Töchter. Vielmehr können die Leserinnen ihren eigenen „Korb“ füllen mit neuen Bildern von sich selbst als alt werdenden Frauen. Es geht um einen Blick auf einen bislang unbekannten Lebensabschnitt, das sogenannte „Voralter“, die Jahre, nachdem wir die 60 überschritten haben. Noch unsere Großmütter kleideten sich bereits als 60jährige wie alte Frauen und fühlten sich vermutlich auch so. Umfragen zufolge empfinden sich Frauen heute um 10 bis 15 Jahre jünger, als ihr Geburtsdatum besagt.

Erni Kutter, die viel zu Frauengeschichte und spirituellen Frauentraditionen  geforscht hat, nennt diese Jahre „geschenkte Jahre voller Chancen und Herausforderungen, Gaben und Aufgaben“. In ihrem Buch bietet sie dazu eine Fülle von Bildern für die verschiedenen Bereiche des Älterwerdens an – und zeigt, wie wir dabei trotz nachlassender Kräfte durchaus wirksam in der Welt sein können. Das Wichtigste ist wohl, die eigene Haltung zum Altern nicht in eine falsche Richtung zu lenken: „Gerade im Blick auf die schrecklichen Szenarien, die manche Medien angesichts der Zunahme alter, pflegebedürftiger Menschen oder fehlender Pflegekräfte entwerfen, sollte nicht in Vergessenheit geraten, dass es in unserem Land genügend gesunde, kreative und engagierte Menschen gibt, die bereit und fähig sind an einer neuen Alltagskultur und auch einem gesellschaftlichen Wandel mitzuwirken und ihre visionären Kräfte dafür einzusetzen.

Besonders wichtig finde ich das Kapitel „Großmütter verändern die Welt – eine Älteste werden“, in dem die Autorin daran erinnert, dass es in vielen traditionellen Gesellschaften die Aufgabe der Alten war, sich um das „große Ganze“, um das Wohl und die Zukunft der Sippe zu kümmern. Könnten es nicht gerade sie sein, „die frei und erfahren genug sind, die Zukunft unseres Planeten und all seiner Bewohner_innen zu ihrer Sache zu machen?“ Sie bezieht sich auf Dorothee Sölle, wenn sie feststellt, dass Politik und Spiritualität untrennbar zusammengehören und Visionen eine Kraft sind, die die Welt verändern kann, im Großen wie im Kleinen. Auch unsere Sprache lenkt den Blick in die richtige Richtung. Nicht umsonst heißt es Großeltern und nicht Kleineltern. Als Beispiel verweist sie auf die Machtworte des Rats der Großmütter .

Schwieriger ist es beim Älterwerden mit den Themen Krankheit und Nachlassen der Kräfte. Hier verraten schon die Kapitelüberschrift „Der Wunsch, verschont zu werden taugt nicht“ sowie Untertitel wie „Krankheit als Auslöser von Reifungsprozessen“, „Auch starke Frauen dürfen schwach sein“, „Krank und dennoch heil sein“ ein alternatives Verständnis von Krankheit und Gesundheit. Es ist jedoch überhaupt nicht so, dass die Autorin Tipps für gutes Altern im Sinne einer Ratgeber-Literatur gibt. Sie geht von sich selbst aus und erzählt, was ihr bei ihren eigenen Erfahrungen mit schwerer Krankheit und Nähe zum Tod geholfen, was den Genesungsprozess ihres kranken Körpers und ihrer versehrten Seele unterstützt hat. Mich als Leserin hat das sehr zum Nachdenken über meine eigenen Prozesse angeregt.

Ein weiteres Thema ist, wie man im Alter alleine leben und dennoch verbunden sein kann, ein Unterkapitel trägt den für manch Eine oder auch Einen provozierenden Titel „Ein Lob des Alleinseins“. Wichtig ist auch das Kapitel „Abhängigkeit und Bezogenheit als Grundbedingungen des Menschseins“ in dem Erni Kutter Gedanken aus dem ABC des guten Lebens  mit eigenen Überlegungen zum Leben in der dritten und vierten Lebensphase ergänzt. Gerade älteren Frauen, die ein Leben lang stark waren und für andere gesorgt haben, könnten es diese Gedanken  erleichtern, die eigene Bedürftigkeit zu spüren und in Würde auf Fürsorge von Anderen angewiesen zu sein.

Und dann führt Erni Kutter noch die schwarze Alte ein, die winterliche Gestalt der strengen alten Göttin mit Namen Holla oder Perchta, die mit Strenge über die Einhaltung der natürlichen Zyklen und Gesetzmäßigkeiten des Lebens und des Kosmos wachte. Auch das darf also eine Ältere im Winter ihres Lebens: Gehorsam und Einsicht in eine höhere Ordnung einfordern, die im eigenen und im Interesse aller Geschöpfe eingehalten und respektiert werden muss. Wir müssen nicht unbedingt eine immer verständnisvolle und gütige Omi werden und auch keine „weise Alte“, wir dürfen unserem ureigenen Begehren nachgehen und unsere Emotionen zeigen bis zum Schluss.

Mein Resümee nach einem grauen Winterwochenende mit diesem Buch: Es macht richtig Lust auf das Älterwerden und die Jahre, die uns geschenkt sind.

Jahre, die uns geschenkt sind, Eine Spiritualität des Älterwerdens für Frauen, Patmosverlag Ostfildern 2016, 144 S., 14,99 €.

Autorin: Juliane Brumberg
Redakteurin: Juliane Brumberg
Eingestellt am: 26.02.2016
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Bari Ritter sagt:

    Danke für die Buchbesprechung, das klingt interessant. Es passt grad gut in meine Lebensphase.
    ich habe gerade eine unangenehme Phase des Älterwerdens abgeschlossen und es tat heut morgen kaum was weh. Da kam mir der Gedanke, dass ein hundertprozent funktionierender
    Körper nicht lebensfähig ist. Denn das „Versagen“ der körperlichen Gesundheit ist ja sozusagen das gleiche (?mir fällt jetzt kein wirklich passendes Substantiv ein)
    wie das wodurch wir uns einstellen können auf Veränderungen in einer sich verändernden Welt, was Entwicklung und Wachstum und damit Leben erst möglich macht.
    Frauen lernen ja ab der Pubertät in mit ihrem Körper sich an ständige Veränderungen
    anzupassen, allein durch die körperliche monatliche Umstellung von schwanger werden können und nicht schwanger sein. Diese notgedrungene Fähigkeit sich immer wieder mit auch körperlichen Veränderungen zu arrangieren, hilft glaube ich auch beim Altwerden. Sie ist eine hohe wertvolle Lebenskunst.
    lG Bari

  • lodders ,claudia sagt:

    Liebe juliane
    das fahrrad ist eher ein männerrad und für junge frauen gut geeignet, die noch die beine nach hinten schwingen können . ältere frauen werden bei diesem model doch etwas schwierigkeiten haben.nichts für ungut!
    claudia l.

  • ursula jung sagt:

    Danke,Juliane!
    Das Buch werde ich sofort kaufen.
    Mein Fahrrad sieht übrigens ähnlich aus,liebe Claudia. Trotzdem muß ich (81 Jahre alt) „die Beine nicht nach hinten schwingen“. Wie ich das mache? Na,rate mal!“

  • ursula jung sagt:

    Hallo, wo ist denn mein Kommentar zum Fahrrad – Bild geblieben?
    Ursula Jung

  • ursula jung sagt:

    Oh, welch ein Wunder! Er ist wieder da.

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