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Es gibt Alternativen zur Logik des Marktes

Von Ina Praetorius

Lässt sich „das Soziale“ der Handlungslogik des hart kalkulierten Tauschens unterwerfen, ohne dass Wesentliches verloren geht? Ina Praetorius über das Buch „Sharing and Caring“ von Andrea Trenkwalder-Egger.

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Manchmal macht wissenschaftliches Arbeiten Sinn: dann nämlich, wenn eine Forscherin, die schon lange mit Leidenschaft nach Wegen in ein gutes und gerechtes Zusammenleben sucht, in ihrer unverwechselbaren Gegenwart eine unbeantwortete Frage entdeckt und beschließt, Zeit und Energie zu investieren, um genau dieser Frage auf den Grund zu gehen: Denkend und schreibend wendet sie sich an Vordenkerinnen und Vordenker, an Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, und immer wieder auch an sich selbst.  Manchmal springt bei solcherart passionierter Forschungsarbeit ein Doktortitel heraus, aber das ist letztlich zweitrangig. Im Zentrum steht, für die Leserin deutlich spürbar, das Begehren nach vertiefter Erkenntnis für eine lebenswerte Zukunft.

Was tun wir, wenn wir geben?

Andrea Trenkwalder-Egger, Dozentin für soziale Arbeit am Management Center Innsbruck (MCI) und eine der neun Autorinnen des „ABC des guten Lebens“, will wissen, was wir tun, wenn wir jemandem etwas geben oder schenken und wenn wir Geschenke annehmen und, vielleicht erst nach einer gewissen Zeit und frei vom Zwang zum „gerechten Tausch“ Geschenke erwidern.

Andrea Trenkwalder-Egger.

Andrea Trenkwalder-Egger.

Ihre Frage hat einen bestimmten Entstehungsort: Als Dozentin für soziale Arbeit ist sie von einer Entwicklung betroffen, die in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts eingesetzt hat, und die sie als „ökonomische Wende“ (23) oder, salopper, als „BWL-isierung“ (25) der sozialen Arbeit bezeichnet. Was Protagonistinnen der bürgerlichen Frauenbewegung im neunzehnten Jahrhundert als Frauenberuf im Sinne einer öffentlich wirksamen fürsorglichen  „Mütterlichkeit“ erfunden haben, wird im Zuge neoliberaler Politik der um sich greifenden, scheinbar überlegenen, angeblich alternativlosen Marktlogik unterworfen: aus Zuwendung wird Berechnung, aus Hilfeempfängerinnen werden zahlungspflichtige Kundinnen, aus Fürsorge wird Sozialmanagement, aus Gabe wird Tausch.

Andrea Trenkwalder-Egger will wissen: Lässt sich „das Soziale“ überhaupt der Handlungslogik des hart kalkulierten Tauschens unterwerfen, ohne dass Wesentliches verloren geht? Was genau geht verloren, und wie kann es wiedergewonnen werden? Ist die Logik des Tauschens, die erwachsene, unabhängige, wohlversorgte, berechnende, „gleiche“ Partner voraussetzt, tatsächlich alternativlos? Beruht sie nicht vielmehr jederzeit auf einer (vorsätzlich?) unsichtbar gemachten Sphäre „weiblicher“ Gaben und natürlicher Vor-Gaben? Hängt der breite Widerstand von SozialarbeiterInnen gegen die Vermarktlichung der eigenen Profession womöglich mit einer umfassenderen Bewegung zugunsten einer „Kultur des Teilens“(11) zusammen? Könnte eine systematische Untersuchung unterschiedlicher Distributionslogiken – Tausch, Gabe, Geschenk, Almosen, Raub… – und der dahinter stehenden Welt- und Menschenbilder also auch für aktuelle kapitalismuskritische Bewegungen wie Commoning, Share-Economy oder das Projekt eines bedingungslosen Grundeinkommens relevant werden? Was geschieht mit der asymmetrischen Handlungslogik der Gabe, wenn sie – tendenziell in allen diesen Bewegungen – aus der konventionellen Aufspaltung in eine „männlich“ konnotierte Dominanzkultur und eine „weiblich“ konzipierte privatisierte Kompensation befreit wird? Könnte das vermeintlich auf den ewigen Ausgleich der harten Marktlogik angelegte „Weibliche“ dann revolutionäre Kräfte zugunsten eines guten Zusammenlebens aller entwickeln?

Eine Fülle weiterführender Fragen

Im ersten Teil ihres bei aller inhaltlichen Fülle erfreulich schlanken Buches nimmt Andrea Trenkwalder-Egger die Leserin mit auf einen Rundgang durch die Ideengeschichte der sozialen Arbeit – und damit des Beziehungsgeschehens und der Distributionslogik der Gabe. Im zweiten Teil untersucht sie die konkrete Wirkweise der Tausch- und der Gabenlogik anhand der empirischen Analyse eines konkreten Handlungsfeldes, nämlich der aktuellen sozialarbeiterischen Agenda des Bundeslandes Tirol im Bereich der Jugendarbeitslosigkeit. Dabei stellt sich heraus, dass auch die Tauschlogik in der sozialarbeiterischen Praxis durchaus Vorteile hat – sofern sie sich eben nicht als die einzig mögliche überlegene Logik etabliert.

Weil die Autorin es versteht, sich ausufernden akademischen Debatten zu entziehen, sich stattdessen kurz zu fassen, sich verständlich auszudrücken und auf ihre Fragestellung fokussiert zu bleiben, entlässt insbesondere der erste, ideengeschichtlich orientierte Teil die (nicht im engeren Sinne sozialarbeiterisch tätige) Leserin in eine Fülle weiterführender Fragestellungen: Könnte die Wiederentdeckung der Bedürfnistheorie Ilse Arlts nicht nur SozialarbeiterInnen, sondern auch Menschen inspirieren, die sich in der Bewegung des Urban Gardening engagieren? Was kann es mir in meinem alltäglichen Zusammenleben mit geflüchteten Frauen helfen, wenn ich deutlicher als bisher zwischen dem einseitigen Akt des Almosens und dem auf  Gegenseitigkeit angelegten Akt der Gabe, zwischen einem „Bedürfnis“ und einem „Wunsch“ unterscheiden lerne? Könnte die Commons-Bewegung an die Erfahrungen von SozialarbeiterInnen anknüpfen, die in ihrer Ausbildung gelernt haben, die Vor- und Nachteile unterschiedlicher Distributionslogiken im Sinne eines gedeihlichen Zusammenwirkens mit ihren KlientInnen pragmatisch zu nutzen? Sollten wir alle wieder einmal Herbert Marcuses Theorie von den wahren und den falschen Bedürfnissen aufgreifen? Wäre es an der Zeit, eine Koalition zwischen kritischen SozialarbeiterInnen und der Bewegung für ein bedingungsloses Grundeinkommen zu schmieden? Würde es einer solche Koalition endlich gelingen, den obsessiv auf die Tauschlogik fixierten Mainstream der ökonomischen Wissenschaft zu einer Einbeziehung der Gabe-Logik in Gestalt unbezahlter Care-Leistungen zu bewegen?

Andrea Trenkwalder-Eggers ertragreiche wissenschaftliche Arbeit schließt mit dem Wunsch, Theoretikerinnen und Praktiker der sozialen Arbeit mögen „sich ihrer reichen Tradition und ihres Erfahrungsschatzes rund um das Phänomen der Gabe … erinnern und sich in die aktuelle Debatte des Sharings“ einmischen (184). Meine Leseerfahrungen sagen: ja, eine solche Rückbesinnung auf eine gehaltvolle Tradition würde uns alle, die wir an unterschiedlichen Orten an einer Überwindung der allzu dominanten Marktlogik wirken, weiterbringen!

Andrea Trenkwalder-Egger: Sharing & Caring. Das Phänomen der Gabe in der Sozialen Arbeit, Opladen, Berlin & Toronto (Budrich UniPress) 2016, 204 Seiten, 26 Euro.

 

Autorin: Ina Praetorius
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 01.06.2016

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Ich verfüge nicht über akademische Meriten, meine Erfahrungen basieren auf 10 Jahren Sozialdiakone, 3 Jahren Entwicklungszusammenarbeit und 20 Jahren Selbständigkeit im Bereich Werbung/Kommunikation und seit 6 Jahren mit Coaching. Mein Unternehmen heisst marktwärts und ich denke konsequent in Märkten. Die Vorstellung von Markt beginnt bei mir in der elementaren Ausgangslage des Lebens, nämlich des Austausches. Markt ist für mich eine Grundbedingung von Leben, die Auswüchse, die sich im Zuge der Rationalisierung des Lebens und damit verbundenen Strukturen herausgebildet haben sind Erfahrungen, die wir als Gesellschaft scheinbar machen müssen. Ich fordere nicht weniger Markt, sondern viel mehr Markt. Das heisst, ich fordere viel mehr Einsicht in die Austauschgeschehnisse des Lebens und darauf aufbauend die Auseinandersetzung damit, was ich als Lebewesen dazu beitragen kann, damit Lebendigkeit erhalten wird. Markt beginnt bei mir selber, im Austausch, den ich mit mir selber pflege, wie ich selber mit mir umgehe, daraus erfolgt mein nächstes Umfeld (Partnerschaft, Familie) dann die weitere Umgebung (Arbeit, Vereine etc.) Ich bin ein Unternehmen und ich bringe mich mit meinen Qualitäten ein in ein Spektrum, wo Menschen von mir etwas erhalten, das ich biete. Ich selber wiederum bin angewiesen auf ein Umfeld, das mir geben kann, was ich benötige (das müssen nicht nur Menschen sein, das kann auch die Natur sein). Märkte brauchen Pflege (Respekt, Rücksicht, Sympathie …) Genau so, wie der Kapitalismus geniale Aspekte für das Zusammenleben in sich trägt, hat auch das Denken in Märkten Qualitäten, welche mir eine Perspektive als Anbieter von Qualitäten ermöglicht. Die Ökonomisierung des Lebens und damit des Menschen unter dem Leitgedanken von Rendite, Profit und von Nützlichkeit führt sich selber mehr und mehr ad absurdum. Die kritische Reflektion und der konstruktive Austausch mit den Vertretern dieser Entwicklung ist unabdingbar (auch das ist ein Markt). Es gilt, die positiven Ansätze der bestehenden Systeme anzuerkennen und beharrlich an einer Entwicklung der Weltanschauungen zu arbeiten. Plattformen wie bzw-weiterdenken sind dafür hervorragende Möglichkeiten.

  • @Heinz: Es ist tatsächlich eine Möglichkeit zu sagen: Das ganze Leben ist Tausch, angefangen vom natürlichen Stoff-Wechsel (Stoff-Aus/Tausch) bis hin zum geldregulierten Markt. Eine andere Möglichkeit ist es, die asymmetrische Gabe als das Umfassende zu sehen und den symmetrischen Tausch als nachgeordnete, auf „Gleichheit“ und „Gerechtigkeit“ beruhende Form der Distribution zu verstehen. Diese zweite Sicht gewinnt für mich vor allem dann Plausibilität, wenn ich die Menschen von ihrem Anfang, der Geburt, und der bleibenden Angewiesenheit auf asymmetrische Zuwendung her denke. Alle diese verschiedenen Möglichkeiten, die unterschiedlichen Distributionslogiken zueinander in ein Verhältnis zu setzen, kommen in dem Buch vor. Ich war am Anfang der Lektüre tendenziell deiner Meinung, dass Tausch sich als Oberbegriff am besten eignet. Nach der Lektüre hat sich diese Meinung zugunsten der Gabe verschoben.

  • Ute Plass sagt:

    Stimme dem sehr zu, was Andrea Trenkwalder-Egger zur Ökonomie der Gabe schreibt:
    „Um der unheimlichen Waren-Ökonomisierung des Sozialen etwas entgegenzusetzen, ist es erforderlich sich der
    Ökonomie der Gabe wieder zu erinnern und sie bewußt im öffentlichen Raum zu installieren. Das bedingungslose Grundeinkommen wäre ein Schritt in diese Richtung.“
    http://www.armutskonferenz.at/files/trenkwalder-egger_oekonomisierung_des_sozialen-2006.pdf

    Einen schönen Abstimmungsverlauf zum Grundeinkommen, liebe Ina, wünsche ich Dir und allen Mitstreiterinnen. 🙂

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