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Frauen und Informatik

Von Claudia Conrady

Durch bewussten Einsatz von Gleichheit/Differenz als moralische Kategorie können gerechtere Verhältnisse zwischen Frauen und Männern geschaffen werden, meint Claudia Conrady und bezieht sich dabei auf ein interessantes Praxisbeispiel aus einer Schule in Niedersachsen.

Foto: geralt - pixabay

Foto: geralt – pixabay

Stellen Sie sich vor, wie unsere Welt wohl in 100 Jahren aussehen könnte. Mir fallen da Datenbrillen in Form von Kontaktlinsen und die Möglichkeit, sich von Ort zu Ort zu beamen ein oder gar Urlaub in Virtual Reality Ressorts, in denen man sich am Strand die Sonne auf den Bauch scheinen lässt, während man eigentlich zu Hause auf dem Sofa sitzt. Wenn ich an die Menschen denke, die diesen Fortschritt eingeläutet, vorangetrieben und entwickelt haben werden, sehe ich vor meinem geistigen Auge hauptsächlich Männer. Und das wird vermutlich in den nächsten Jahrzehnten so sein. Zumindest, wenn die Geschlechterverhältnisse in den informationstechnischen Berufszweigen sich so weiterentwickeln wie bisher. 2014 waren laut ITK-Branchenreport der IG Metall nur rund 29 Prozent der Beschäftigten weiblich. In die mittleren Führungsetagen schaffen es lediglich 4,4Prozent% der Frauen, in die höchste Führungsebene sogar nur 3 Prozent[1].

MINT-Fachkräftemangel motiviert Frauenförderprogramme

Dabei mangelt es nicht an Förderprogrammen. Initiativen wie der „Girls Day“ oder „Komm, mach MINT“. bemühen sich darum, junge Frauen bereits im Schulalter für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik zu begeistern. Bei Mathe, Biologie und Chemie fruchten diese Anstrengungen zunehmend. Physik, Informatik oder Technik hingegen werden gesellschaftlich nach wie vor als Männerdomänen wahrgenommen. Die Rolle der Wirtschaft in der MINT-Förderung wird in der Regel damit erklärt, dass Deutschland in MINT-bezogenen Berufen unter enormem Fachkräftemangel leidet und daher Frauen, aber auch Männer, dort dringend gebraucht werden, um die Stärke des Wirtschaftsstandorts zu behaupten. Kritische Stimmen warnen davor, dass dieses Engagement lediglich dazu diene, durch eine größere Zahl an Berufsanfänger*innen, die miteinander konkurrieren, die Gehälter drücken zu können. Noch zählen das Ingenieurwesen und die informationstechnischen Berufszweige schließlich zu den Branchen mit den höchsten Einstiegsverdiensten.

Entscheidend ist die Teilhabe an der medialen und technischen Welt

Dieser Einwand mag berechtigt sein, doch spielt eine ganz andere Frage eine viel entscheidendere Rolle. Technisierung und Digitalisierung dominieren momentan die Entwicklung unserer Gesellschaft und verändern die Art, wie wir arbeiten, wie wir lernen, wie wir kommunizieren, wie wir leben. Ohne Zugang zu und Verständnis von (informations-)technischem Grundwissen wird Menschen und in den gegenwärtigen Generationen vor allem Frauen die Teilhabe am gesellschaftlichen Wandel entzogen. Sie werden unfähig eine Welt mitzugestalten, in der sie immer wieder mit den Konsequenzen einer voranschreitenden Technisierung und Digitalisierung konfrontiert werden. Selbst in typischen „Frauenberufen“ und „-branchen“ schreitet die Entwicklung voran und droht ähnliche Geschlechterverhältnisse zu manifestieren. In Pflegeberufen werden in Zukunft Roboter Einzug halten, in den Schulen und Universitäten stehen Lehrende vor der Herausforderung, mit digitalen Ressourcen zu unterrichten und im Verlagswesen heißen die Schlagworte E-Book, digital publishing und SEO[2], um nur drei Beispiele zu nennen.

Koedukativer Unterricht in Naturwissenschaften erzeugt kein vermehrtes Interesse bei Mädchen

Ziel dieses Beitrags ist es zu zeigen, dass durch den bewussten Einsatz von Gleichheit/Differenz als moralische Kategorien gerechtere Verhältnisse zwischen Männern und Frauen geschaffen werden können. Eine Möglichkeit zur gleichberechtigten Teilhabe an der Entwicklung der Gesellschaft wäre, den Versuch zu starten in der weiterführenden Schule einen verpflichtenden Informatikunterricht einzuführen. Wie gut dieser Ansatz funktioniert, zeigt sich am Beispiel des Faches Physik. Hier gibt es diesen koedukativen Unterricht ab der siebten Klasse an fast allen Schulformen. Dennoch (oder gerade deshalb?) fühlen sich Mädchen dort oft gleichaltrigen Jungen unterlegen und entwickeln ein negatives Selbstbild im Bezug auf ihre Fähigkeiten in Physik. Der Versuch, Gleichheit/Differenz als Kategorien ganz auszuschalten, erweist sich der Praxis leider oft als Sackgasse. Die Geschlechterstereotype, die bei Berufsbildern mitschwingen, manifestieren sich bereits im Grundschulalter und leider gehört es nach wie vor zum Habitus in (informations-) technischen Fächern, diese als Bollwerk gegen die Emanzipation und den Einfall von Frauen zu verteidigen. Ein Bild, das nach wie vor den gesellschaftlichen Diskurs bestimmt und viele Mädchen in der Unsicherheit der Berufswahlentscheidung abschreckt. Welche Alternative besteht nun, um der Komplexität der Geschlechterverhältnisse gerecht zu werden?

Monoedukativer Modellversuch nutzt Gleichheit/Differenz um sie zu überwinden

In Niedersachsen wollte das Gymnasium Sulingen im Jahr 2008 einen Informatikleistungskurs anbieten.  Dazu musste eine gewisse Mindestanzahl an Schüler*innen das Fach bereits in der Mittelstufe durchgehend belegt haben. Ohne Schülerinnen, die sich schon früh für Informatik entscheiden, kann also ein solcher Kurs nicht zustande kommen. Die Lehrkräfte standen vor dem Problem, Mädchen in der Pubertät für Algorithmen, Programmieren und Computer zu interessieren. Sie entschieden sich dafür, Gleichheit/Differenz als Kategorie zu nutzen und neben koedukativen Angeboten in der Mittelstufe einen Informatikkurs nur für Mädchen einzurichten. In diesem geschützten Raum konnten die Schülerinnen ohne den direkten Vergleich mit gleichaltrigen Jungen über die Grundlagen der Informatik ein positives Selbstbild entwickeln und mit Selbstbewusstsein in die gemischtgeschlechtlichen Kurse der Kursstufe wechseln, die seit Einführung der „Mädchenkurse“ regelmäßig zustande kommen. Das Gymnasium hat diese Praxis als Erfolgsrezept entdeckt und gilt inzwischen als Vorzeigeschule in Niedersachsen, was die Wahl von Informatik als Prüfungsfach in der Kursstufe, den Mädchenanteil in Informatikkursen und den Mädchenanteil im Informatikabitur betrifft.

Gleichheit/Differenz lassen sich ethisch qualifizieren

Der hier gewählte partiell monoedukative Ansatz zeigt auf, dass Gleichheit/Differenz sich ethisch qualifizieren lassen. Die gerechteren Verhältnisse, d.h. mehr Frauen für Informatik zu interessieren und ihnen damit die gestaltende Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen, konnten nur erreicht werden, indem eine zeitlich begrenzte Geschlechtertrennung bewusst in Kauf genommen wurde. Geschlechtergerechtigkeit wird so nicht von auf Gleichheit/Differenz reduziert. Stattdessen wird das Konzept von Gleichheit/Differenz  genutzt, um moralische Kategorien als Maßstab einzuführen. Es ist unsere moralische Verpflichtung, die Voraussetzungen zu schaffen um allen Menschen Teilhabe an der zukünftigen Entwicklung unserer Gesellschaft zu ermöglichen. Das Beispiel aus Niedersachsen demonstriert, wie sich die Lehrkräfte einer ontologischen Argumentation entzogen haben. Ihre Begründung beruht nicht auf der Überzeugung, dass Mädchen eigene Informatikkurse brauchen, weil sie anders sind. Ihre Begründung beruht auf dem Verständnis, dass Mädchen eigene Informatikkurse brauchen, weil sie in koedukativen Kursen ständig ins Verhältnis zu technikaffinen Jungen gesetzt und dadurch gehemmt werden, ihr Potenzial zu entfalten. Genauso wenig besteht das Ziel darin, „Fraueninformatik“ als eine eigenständige und abgeschlossene Parallelwissenschaft zur (Männer-)Informatik zu etablieren, sondern darin, über gleichnamige Studiengänge Frauen den Einstieg in die Informatik zu erleichtern und sie auf die Aufgabe vorzubereiten, gemeinsam mit Männern „Informatik“ und ihr Bild in der Gesellschaft zu verändern. Als Maßstab dient die Frage, wie sehen in Zukunft die Verhältnisse aus, die wir als gerecht empfinden werden.

Gerechtere Zukunft beginnt mit der gerechteren Beteiligung an ihrer Gestaltung

Um die Zukunft in all ihren Facetten und Dimensionen mitzugestalten, müssen Frauen in den Bereichen der Informatik und Technik ausreichend qualifiziert werden. Das bedeutet nicht, dass zukünftiges Pflegepersonal Informatik studiert haben muss, aber ohne Grundverständnis der Abläufe und Konsequenzen einer digitalen Gesellschaft werden Frauen leichter zum Spielball. Die Perspektive des Mobiles nutzt eine Leitfrage Platons, um verschiedene Kategorien miteinander ins Verhältnis zu setzen: Wie wollen wir leben? Daraus ergibt sich, dass Gleichheit/Differenz dann eingesetzt werden können, wenn sie durch gerechtere Beteiligung an der Zukunft gerechtere zukünftige Verhältnisse versprechen.

Stellen Sie sich vor, wie unsere Welt wohl in 100 Jahren aussehen könnte. Wenn wir es schaffen, mehr Frauen jeden Alters für informationstechnische Bildung zu interessieren, wird sie nicht nur anders, sondern vor allem gerechter werden.

[1]      Zum Vergleich: In der Buchbranche liegt der Frauenanteil bei 80 %. Immerhin 16 % der Führungskräfte sind hier weiblich.

[2]      Search Engine Optimization (dt. Suchmaschinenoptimierung): SEO bezeichnet Maßnahmen, die dafür sorgen, dass eine Webseite ohne zusätzliches Marketingbudget bei den Treffern einer Suchmaschine möglichst weit vorne landet.

Autorin: Claudia Conrady
Redakteurin: Juliane Brumberg
Eingestellt am: 18.07.2016
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Elfriede Harth sagt:

    Ich stimme voll zu, dass es wichtig ist, uns als Frauen für diese Technik zu interessieren. In den Ursprüngen dieser Technik haben Frauen eine wichtige Rolle gespielt, das darf nicht vergesen werden. Dann aber wurde sie hauptsächlich für militärische Zwecke weiter entwickelt. Es ist daher wichtig, dass wir uns bei der Entwicklung und dem Einsatz im alltäglichen Leben einbringen. Nicht nur junge Frauen, auch alte sollten nicht davor zurückschrecken, sich damit zu befassen. Es gibt Kurse, die sich an Frauen richten, um wenigstens Grundlagen oder minimlae Kenntnisse zu erlangen. Das ist wie früher Lesen und Schreiben oder Rechnen.

  • Ute Plass sagt:

    Sehr wichtiger Beitrag, den ich sogleich an einige Eltern weitergesendet haben, damit diese sich entsprechend für ihre
    Kinder engagieren 🙂

  • Christine Wartberg sagt:

    Von meiner Tochter und ihren Klassenkolleginnen weiß ich dass es keine Scheu vor dem technischen und auch informationstechnologischem Bereich gab. Schülerinnen an meiner Schule beschweren sich dass sie bei einem Vortrag „Frauen in die Technik“ teilnehmen sollen, weil „das interessiert uns halt nicht“.
    Was ist der Grund dass das von vielen so kategorisch abgelehnt wird? Ich habe seit Jahren verstärkt den Eindruck, dass das mit dem Bild von Frau in den Medien aber auch besonders mit dem Reden über Mathematik (und daraus schließend mit der Technik) in (Kinder)bücher, Filmen und Printmedien zusammenhängt. Wenn Mathe als unnötig, den Schülerinnen und Schülern nicht zumutbar, nicht verstehbar udgl. von frühester Kindheit vermittelt wird (ich habe fast alle Bücher gelesen, die meine Tochter zwischen 6 und 14 las), dann ist das Gehirnwäsche – die ja auch fruchtet.

  • Johanna Helen Schier sagt:

    Claudia Conrady:“ … aber ohne Grundverständnis der
    Abläufe und Konsequenzen einer digitalen Gesellschaft werden Frauen leichter zum Spielball…“
    Brilliante IT Kenntnisse und ein entsprechendes Grundverständnis vehindern auch bei ausgebildeten Akademiker_innen Ingenieuren_innen leider in keiner Weise zum Spielball zu werden, wenn die entsprechenden Tele-Kommunikationsanbieter sich verweigern und die Kunden_innen
    „auflaufen“ lassen. Auch IT Experten_innen beklagen zwei bis dreimonatige Internet- und Festnetzausfälle.

  • Anna Buchwald sagt:

    Nix gegen Frauen in MINT Fächern, aber ich finde auch wichtig, dass die Frauen, die sich dafür nicht interessieren, die Zukunft unserer Gesellschaft selbstbewußt mitgestalten! Wenn sich mehrheitlich Frauen für Soziales, Kunst, Kultur und Sprache(n) interessieren, sollte in diese Sparten auch entsprechend Geld fließen, so dass dadurch die künftige Gesellschaft gestaltet wird!
    Denn es ist kein Naturgesetz, dass Pflegeberufe im Verhältnis zu technischen Berufen unterbezahlt sind.

  • Claudia Conrady sagt:

    Auf gar keinen Fall soll hier die Rolle der sozialen und künstlerischen Berufe in der Gesellschaft geschmälert werden. Vielmehr ist es eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, dass Pflegeberufe so miserabel bezahlt werden! Als Mathematikerin und Amerikanistin träume ich von einer Zukunft, in der Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften nicht mehr gegeneinander ausgespielt werden, sondern gemeinsam die Welt gerecht gestalten.

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