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Alleinerziehende oder Einsamversorgerin?

Von Silke Kirch

Foto: Dorothee Markert

Wenn Sigmar Gabriel sagt, seine Frau sei eigentlich unter der Woche alleinerziehend, hat er ja vielleicht irgendwie Recht, zugleich aber muss er selbstverständlich damit rechnen, dass alle diejenigen, die tatsächlich allein mit ihren Kindern leben, sich gegen diese Verwässerung des Begriffs wehren. Denn es macht einen Unterschied, ob es irgendwo einen Partner gibt, der auch für das Familieneinkommen sorgt, der auch Überweisungen tätigt, der wenigstens gelegentlich mitdenkt, oder ob eine jeden Fahrradflicken, jeden krankheitsbedingten Ausfall, jeden Familienausflug, jedes Geburtstagsgeschenk und jede neue Waschmaschine selbst organisiert und finanziert.

Den Begriff „Einsamversorgerin“, den Bernadette Conrad als freie Übersetzung des schwedischen „Ensamversörjere“ anführt, finde ich viel passender für das, was eine sogenannte alleinerziehende Mutter leistet. Denn es geht ja nicht um Erziehung allein, nein, ganz im Gegenteil, das Erziehen ist nur ein Teil der Arbeit, die sogenannte Alleinerziehende leisten, und es ist eingebettet in ein sehr vielschichtiges Leben mit einem oder mehreren Kindern. Was mir an dem Begriff „Einsamversorgerin“ gefällt, ist, dass er einen Horizont stiftet, in dem vielfältige Tätigkeiten rund um das Kinderhaben wertschätzend mitgedacht werden können: Geld verdienen, eine Wohnung einrichten, für alle großen und kleinen Bedürfnisse Sorge tragen, vorausschauen, nachdenken, planen, regulieren, kochen, waschen, putzen, einkaufen. Das Erziehen findet zwischendrin sowieso immer statt, aber wenn es ein gutes Fundament an Beziehungen gibt, ist es eigentlich niemals eine einsame Angelegenheit – ganz unabhängig von der Lebensform.

Und genau darum geht es: Der Grund für eine Trennung ist ja zuweilen und vielleicht nicht einmal selten ein Mangel an nährenden Beziehungen in der Familie, an Beziehungen, die ganz wesentlich Voraussetzung für das Wohlergehen von Menschen (jeden Alters) sind. Wie ich in meinem Beitrag über das „Alleinerziehen“ ausgeführt habe, verschleiert der Begriff „alleinerziehend“ die Tatsache, dass Menschen Beziehungen, Aufmerksamkeit und Zuwendung brauchen, um wachsen zu können, und nicht Erziehungsmaßnahmen. Wer alleine mit Kindern lebt, sorgt für körperliche, seelische und wirtschaftliche Sicherheit aller Familienmitglieder sowie für ein soziales Netzwerk, für Beziehungen, in denen das Kind mehr und mehr zu sich selbst finden und selbstständig werden kann und in denen die Einsamversorgerin Rückhalt findet. Das ist die breite Basis der Versorgungsleistungen, innerhalb derer das Erziehen eine Rolle spielt, aber man kann das Erziehen als Tätigkeit davon nicht isolieren. Diese Basis zur Verfügung zu stellen und aufrecht zu erhalten ist eine enorme Leistung. Sie ist aus dem Bewusstsein der Notwendigkeit und der Bereitschaft für die volle und konsequente Übernahme von Verantwortung für das Heranwachsen und das Wohlergehen der eigenen Kinder gewählt worden. Es ist die je singuläre Leistung jeder einzelnen Einsamversorgerin, all dies im Alleingang nahezu ungespiegelt zu meistern. Das Versorgen ist ganz wesentlich aus Not geboren, einer Not, die jedoch nicht singulär ist, sondern die aller Menschen. Wer damit trotzdem alleine gelassen ist, braucht Worte, die diesem Umstand wenigstens Rechnung tragen. „Einsamversorgerin“ ist ein solches Wort.

 

Der Begriff „Einsamversorgerin“ stammt von: Bernadette Conrad: Die kleinste Familie der Welt. Vom spannenden Leben allein mit Kind. 348 S. btb 2016. ISBN 978-3-442-75635-3

Autorin: Silke Kirch
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 08.02.2017
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Anja sagt:

    Das ist ein wunderbarer Begriff, eine sehr nützliche Verschiebung des Blickwinkels! Toll.

  • c. sagt:

    es ist die größte Schande in BRD, dass jedes 5. Kind in Hartz4-Umständen aufwächst (d.h. Kind von EinsamversorgerIn, die von prekären Jobs oder AufstockerHartz4 lebt, mit wenig bis null Altersvorsore) dann muss das Kind später selbst im eigenen Leben hohe Sozialabgaben an die Gesellschaft zahlen, die es in Armut gedeihen ließ. Die Einsamversorgerin setzt ihr Armutsleben als Rentnerin nahtlos fort (es gibt von Rentenkasse 30 Euro monatl. pro Kind angerechnet). Das nette Umformulieren von alleinerziehen zu einsamversorgen bleibt hier irrelevant – Armut ist „grausig“.

  • Inga Thies sagt:

    „allein ver-sorgende“ Mütter nenne ich die Frauen in Mutter-Kind-Familien, denn so einsam wie in der Ehe sind die allermeisten Frauen mit ihren Kindern nach der Trennung nicht. Einsamkeit weckt wenig hilfreiches Mitleid bis hin zu Klischees „Naja, selber schuld…“ Nach meiner Erfahrung vernetzen sich die allein ver-sorgenden Mütter (zwangsläufig) & werden oft zu sozial fitten & beziehungsstarken Frauen, allerdings meist in – staatlich gewollter – skandalöser materieller Armut. Insofern sind viele reich & arm zugleich. Mehr Geld für a l l e Kinder = Kindergrundsicherung ist d i e Wirksame „Raus aus der Armut Lösung“.

  • Dr. Gisela Forster sagt:

    Ihr sprecht mir aus der Seele…war selbst 20 Jahre lang Einsamversorgerin, habe alles alleine machen und auch alleine zahlen müssen, weil der Vater immer wieder ausgewichen ist. Meine Mutter sagte, ich solle nicht juristisch gegen ihn vorgehen, sonst wird alles emotional noch viel schlimmer. Schutz und Hilfe gibt es für Einsamversorgerinnen in Deutschland praktisch nicht.
    Dr. Gisela Forster

  • c. sagt:

    to Inga Thies:
    Erfahrung als prekär-Einsam-VersorgerIn = das „sozial-fitte“ und „beziehungsstarke“ networking o.g. Frauen reduziert sich (zwangsläufig) auf small-Pflicht-talk mit Leuten bei der „Tafel“ und „jobcentern“. Ohne Geld sind Beziehungen ….ALLES …kaum möglich (s. Exklusion)

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