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Rubrik erinnern

Fördern, mehren, wachsen lassen… Zum Tod von Ursula Knecht

Von Dorothee Markert

Ursula spricht beim Matriarchatskongress in Jena, vier Wochen vor ihrem Tod

Ursula Knecht war eine der aktivsten Patinnen von bzw-weiterdenken. Wahrscheinlich haben wir die Idee, bestimmten Frauen die Patinnenschaft unseres Onlineforums anzutragen, nur deshalb entwickelt, weil wir Ursula kannten. Denn sie empfahl unsere Seite, gewann Frauen als Autorinnen, las, kommentierte – und schrieb auch selbst für uns. Sie lebte das, was wir uns zu Beginn des Projekts bzw-weiterdenken vornahmen: Verschiedene Stränge der Frauenbewegung zusammenzubringen, allen wertschätzend zuzuhören, als wichtig erkannte Projekte zu unterstützen und Beziehungen zu den nachfolgenden Generationen aufzubauen.

Wenn Ursula etwas gut fand, dann gab sie es großzügig weiter. Das galt vor allem für Ideen, Bücher, Texte, aber auch für die köstlichen (und sehr teuren) „Luxemburgerlis“, von denen sie immer einen großen Karton voll zu unseren Treffen mitbrachte. Wenn ich nach einer Vortragsveranstaltung noch Bücher übrig hatte, konnte ich sicher sein, dass Ursula sie mir abkaufen würde, um sie zu verschenken, vor allem auch an jüngere Frauen, zu denen sie eine ganz besondere Beziehung hatte.

Obwohl Ursula nur fünf Jahre älter war als ich, verkörperte sie für mich das Bild einer Großmutter, wie ich sie mir gewünscht hätte: Eine ältere Frau, die von vielen Erfahrungen erzählen konnte, die viel nachgedacht und von anderen gelernt hatte. Vor allem aber war sie eine Frau, deren Wohlwollen ich mir sicher sein konnte, so dass ich mich angenommen und aufgehoben fühlte in ihrer Nähe. Wenn sie bei einer Tagung dabei war, bei der ich referieren musste, verschwand meine Angst, denn ich wusste, dass sie Freude an mir und meinen Gedanken haben und später die Diskussion durch zusätzliche Beispiele bereichern würde, die meine Thesen unterstützen oder weiterentwickeln würden. Lange bevor sie wirklich Großmutter wurde, was sie sehr glücklich machte, lebte sie diese Großmutterqualitäten. Eine der jungen Frauen im Züricher Frauenzentrum, die Ursula einmal zu einer Veranstaltung eingeladen hatten, erzählte mir, sie sei seither für sie und ihre Mitstreiterinnen eine „Großmutter“ gewesen, eine ältere Frau, von der sie lernen konnten und die ihre Aktivitäten mit Wohlwollen begleitete.

Beim Veröffentlichen ihrer eigenen Texte war Ursula eher zögerlich, da brauchte sie selbst Ermutigung und Unterstützung. Ihren letzten Text auf bzw-weiterdenken, einen Vortrag, den sie ein dreiviertel Jahr zuvor gehalten hatte, veröffentlichten Freundinnen von ihr, als sie schon nach einem Herzinfarkt im Koma lag. Er ist wie ein Vermächtnis, in dem sie nochmals auf die Ideen und Anliegen eingeht, die ihr wichtig waren. Mich hat besonders ihr Vorschlag beeindruckt, nicht nur üble Nachrede zu vermeiden, sondern sich in „guter Nachrede“ zu üben. Auch das hat sie uns vorgelebt.

Ursula Knecht tat aber weit mehr, als andere zu unterstützen und zu ermutigen. Mit anderen Frauen zusammen brachte sie Großartiges in die Welt. Vor mehr als 25 Jahren gelang es ihr und ihren Mitstreiterinnen, mitten in Zürich ein Garten-Labyrinth aufzubauen, als „öffentliche Hausfrauen“ einen Ort zu schaffen und zu pflegen, an dem Menschen zusammenkommen können, um sich an der Schönheit der Pflanzen zu freuen, über gutes Leben und gutes Zusammenleben in der Stadt nachzudenken oder beim Gang durch das Labyrinth einfach nur innezuhalten. Über ihre Vision eines anderen Zusammenlebens in der Stadt schrieb sie, ausgehend vom Labyrinthgedanken, ihren ersten Artikel für bzw-weiterdenken.

Im Rahmen ihres Engagements im und für das Labyrinth konnte Ursula auch etwas von dem umsetzen, was sie sich vielleicht erträumt hatte, als sie einmal Theologie studierte, bevor sie sich in einem schmerzlichen Prozess von ihrer Kirche und der christlichen Religion abwandte: Sie trug dazu bei, für andere spirituell heimatlose Menschen einen Rahmen zu schaffen, in dem sie bestimmte Festtage gemeinsam und auf würdige Weise begehen konnten. Im Labyrinth war Ursula bei ihren Ansprachen zu Weihnachten, beim Willkommenheißen der neugeborenen Kinder und bei Jahreszeiten- und Abschiedsfesten eine Art Priesterin einer einfachen weltlichen Alltags-Spiritualität. In einem Text zu dieser Dimension ihres Engagements spricht sie sogar davon, dass die Menschen, die ins Labyrinth kommen, für sie ihre „Gemeinde“ seien, einschließlich der „Randständigen“, die sich auf dem Platz daneben aufhalten und Alkohol trinken.

Das Züricher Labyrinth wirkte als Vorbild für viele weitere Labyrinthe, die im Lauf der folgenden Jahre in anderen Städten entstanden, sich miteinander vernetzten und internationale Kongresse organisierten, jedes Mal in einer anderen Stadt. Im Rahmen dieser Bewegung hielt Ursula in Dresden im Jahr 2000 einen Vortrag über die politische Bedeutung von Labyrinthen, den sie aus Anlass von 25 Jahren Mauerfall später auf bzw-weiterdenken veröffentlichte. Zum 20-jährigen Jubiläum des Züricher Labyrinths gestaltete sie mit anderen Frauen zusammen das schöne Buch „Erzähl mir Labyrinth“, das 2011 im Christel Göttert Verlag erschienen ist.

Ich lernte Ursula Knecht bei der zweiten Flugschrift-Tagung kennen, also vor etwa 16 Jahren. In einer Pause erzählte sie eine Zigarettenlänge lang davon, wie ihr Muttersein ihr in der Zeit ihres Lebens in Afrika den Kontakt zu afrikanischen Frauen erleichtert hatte. Schon damals hätte ich gern mehr erfahren, doch wir „mussten“ ja mit unserer Tagung weitermachen.

Einige Jahre lang beschränkte sich unsere Kommunikation auf Mails und veröffentlichte Texte, bis es nach dem gemeinsamen Formulieren eines Textes auf der Mailingliste „Gutes Leben“ zu einem ersten persönlichen Treffen dieser Liste in Zürich kam. Wenn ich den Beginn jenes Textes von 2004 über ein bedingungsloses Grundeinkommen lese, habe ich immer ihre Stimme im Ohr, weil sie diese Worte so oft zitiert hat: „Wenn ein Kind zur Welt kommt, wird es im allgemeinen von seinen Angehörigen willkommen geheißen. Das bedeutet: Es wird begrüßt als Mitmensch, der oder die auf die Erfüllung bestimmter Grundbedürfnisse angewiesen ist und bleiben wird. […] Damit das Leben der Neugeborenen gelingen kann, versprechen wir ihnen Nahrung, Obdach, menschliche Nähe, körperliche und geistige Entfaltungsmöglichkeiten, ein Leben in Würde. Solche Versprechen einzulösen und die dazu nötigen Ressourcen bereit zu stellen, ist nicht nur Sache der Eltern, sondern der ganzen Gesellschaft. Es ist die primäre Aufgabe der Politik.“

Eine intensive Zusammenarbeit mit Ursula begann für mich mit dieser Gruppe zum „guten Leben“. Wir schrieben zu neunt das Büchlein „ABC des guten Lebens“ und bereiteten anschließend die „Denkumenta“ vor, bei der die Thesen unseres Büchleins diskutiert werden sollten. In dieser Zeit entstand auch ihr Gedicht „Akronym vom guten Leben“ . Zusammen mit Caroline Krüger veröffentlichte sie außerdem einen Text, in dem die beiden ihre These erläutern, von Fürsorge abhängig zu sein, müsse vom Stigma zum Paradigma werden.

Ursula hatte einen großen Anteil daran, dass aus der Denkumenta 2013 eine Veranstaltung wurde, bei der nicht nur über gutes Leben nachgedacht, sondern dies auch gelebt wurde. Sie und die anderen Frauen aus der Gruppe um das Züricher Labyrinth brachten ein Stück Labyrinth-Kultur in die Tagung ein: Sie bauten aus den Stichworten unseres ABCs ein Labyrinth auf, bei dem abends am Lagerfeuer gesungen wurde, und luden in weiteren Veranstaltungen zum Musizieren und Tanzen ein. Eine Denkumenta, bei der Ursula nicht mehr dabei sein wird, mag ich mir im Moment noch gar nicht vorstellen.

Noch ein paar weitere Begegnungen hatte ich mit Ursula, immer bei Tagungen, wo ich referieren musste, und da blieb kaum Zeit für persönliche Gespräche. Zweimal lud sie mich als Referentin zu Labyrinth-Veranstaltungen in Zürich ein, worüber ich mich sehr freute.

„Fördern, mehren, wachsen lassen“ sind mögliche Übersetzungen für das lateinische Wort „augere“, von dem der Begriff „Autorität“ abgeleitet ist. Eine Autorität mit dieser Qualität, die unsere Welt so dringend braucht, hat Ursula verkörpert, für mich, aber sicher auch für viele andere. Ich bin dankbar für das, was uns durch sie geschenkt wurde, und sehr traurig über ihren viel zu frühen Tod.

Am 5. November 2017 findet im Züricher Labyrinth ab 13:30 Uhr eine Abschiedsfeier für Ursula Knecht statt.

Autorin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 02.11.2017
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Ursula sagt:

    Danke,liebe Dorothee für deinen Nachruf. Er lässt mich innehalten und die ,wenn auch wenigen, doch für mich kostbaren Begegnungen mit Ursula erinnern.

  • gabriela sagt:

    danke liebe caroline, für das teilen dieser schönen worte von ursulas wegbegleiterin dorothe. vieles empfinde ich genau so. bin dankbar, dass ich auch ein stück weg mit ursula gehen durfte, im labyrinthkreis.

  • Gudrun Nositschka sagt:

    Ich danke für diesen Nachruf, liebe Dorothee. Die Worte „Fördern, mehren, wachsen lassen“ empfinde ich als Sinnbild für ihr und auch unser Wirken.
    Herzliche Grüße zu den Labyrinth-Frauen in Zürich, Gudrun

  • Dagmar Gruß sagt:

    Vielen Dank für diesen zu Herzen gehenden Nachruf.
    Ich wundere mich derzeit, wie plötzlich ein neuer Mensch ins Leben fällt und wie plötzlich ein Mensch verschwindet – während das Leben weitergeht. Ins Leben fallen und aus dem Leben fallen – irgendwo muss doch die Einzigartigkeit jede_s/r einzelnen aufbewahrt werden, oder? Selbst jene, die mich am meisten stören, sind doch unverzichtbar … und solche, die es um sich herum warm werden ließen erst recht.

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Es muss schon damals vor ca. 20 Jahren mit Ursula so gewesen sein…
    als ich ihr bei einem (Differenz?)FeminismusSeminar die Frage stellte,
    was es mit „ihrem“ Labyrinth, von dem sie so begeistert erzählte, auf sich habe.
    (ja freilich wusste ich, was ein schnödes(!) Labyrinth ist, als ich fragte!)

    Da verlor sie gar nicht viel Worte, packte mich rückwärts mit halber Drehung
    und raste mit mir -ohne mich zu fragen- nach draußen auf den großen Parkplatz
    (-normalerweise zieh ich in solch übergriffigen Situationen die Reißleine;
    aber bei Ursula…; da war ich neugierig, wollte sehen, was folgt-).
    „Ich zeig dir, wie das Labyrinth angelegt ist!“ rief zu mir noch zu,
    und schon begann eine unvergleichliche labyrinthische Achterbahnfahrt.

    Ich hörte sie hinter mir vergnüglichst Tempo machen,
    vorne wurde es immmmer schneller -auf den großen Bögen des Labyrinths;
    selbst wenn die Richtung mit rasanter Kurvenführung um 180° drehte,
    wurde es keineswegs langsamer -gab es für sie kein Halt mehr-
    vor lauter Begeisterung ob des LabyrinthBildes auf Pflasterstein.
    Und für mich gab es kaum mehr Halt im Rollstuhl bei so viel Fliehkraft…

    Aus dem PflasterLabyrinth gab es für mich doch ein entkommen 🙂
    aber die Frage nach „ihrem Labyrinth“ war mir da nicht beantwortet worden.
    Macht nichts! Das Erlebnis war es damals Wert.

  • Valentina Stipanic sagt:

    Berüht mich sehr, ich hätte sie gerne kennengelernt. Danke für diesen einordnenden Nachruf. Die gute Nachrede werde ich weitervermitteln und mich jetzt näher mit Ihren Texten beschäftigen. Und überhaupt brauchen wir genauso solche Frauen um eine schöne Idee zum altern zu entwickeln.

  • Dorothee Markert sagt:

    Danke, liebe Fidi, das zeigt nochmals eine ganz andere Seite von Ursula!

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