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Rubrik denken, handeln

Nicht der Rede wert

Von Dorothee Markert

Care-Arbeiten frühmorgens

Letzten Sommer las ich einen Artikel von Sarah Ditum aus der Zeitschrift „NewStatesman“, der sich auf eine Untersuchung der National Academy of Sciences of the USA bezog. In einer großen internationalen Studie hatten Forschende herausgefunden, dass Menschen signifikant glücklicher und mit ihrem Leben zufriedener sind, wenn sie andere Menschen dafür bezahlen, ihnen die Hausarbeit abzunehmen, wobei in der Studie explizit nur untersucht wurde, wie es sich auswirkt, wenn Geld ausgegeben wird, um „sich freie Zeit zu kaufen“. Die Art der Arbeit, um die es ging, wurde nur am Rande erwähnt, und diejenigen, die diese Arbeit dann verrichten, kamen überhaupt nicht vor.

Sarah Ditum schreibt, Männer hätten schon immer gewusst, dass es glücklicher mache, das Putzen und Aufräumen jemand anderem zu überlassen, schon lange bevor es so etwas wie „Wirtschaft“ überhaupt gegeben habe. Und trotz aller Emanzipation würden Frauen immer noch dazu erzogen, sich für diese Arbeiten zuständig zu fühlen. Ihnen werde nach wie vor von klein auf eingeredet, Care-Arbeiten seien für sie besonders befriedigend. Die Autorin plädiert schließlich dafür, dass Frauen sich kein schlechtes Gewissen machen lassen sollten, wenn sie jemanden zum Putzen anstellen („to hire a cleaner“), wobei auch sie keinen Gedanken an die Personen verschwendet, die jene Arbeiten dann tun müssen.

Als ich diesen Artikel las, war ich gerade mit meinem Leben extrem unzufrieden, weil das Verhältnis zwischen einsamer Haus- und Gartenarbeit und auf „Welt“ ausgerichteten produktiven und im weitesten Sinne politischen Arbeiten nicht mehr stimmte. Ich arbeitete zwar genau wie meine Partnerin meistens von morgens bis abends, doch wenn ich gefragt worden wäre, was ich gemacht habe, wäre es mir peinlich gewesen, all die belanglosen Dinge aufzuzählen, die mich rund um die Uhr beschäftigt hatten. Sie dagegen hatte immer etwas Interessantes zu erzählen. Plötzlich konnte ich verstehen, warum Frauen früher oft sagten: „Ich arbeite nicht, ich bin nur Hausfrau“, worüber ich mich damals besonders dann aufgeregt habe, wenn meine Schüler und Schülerinnen dies über ihre Mütter sagten. Eigentlich hätten die Frauen sagen müssen: „Ich arbeite den ganzen Tag, aber nichts davon ist der Rede wert“.

Seit mehr als 25 Jahren vertrete ich in meinen Vorträgen, Artikeln und Büchern nun schon die These, es liege vor allem an der mangelnden Wertschätzung, dass Hausarbeit und Care-Arbeit in unserer Kultur ein Schattendasein führen, dass diese Arbeit unsichtbar und unbeliebt ist und schlecht oder gar nicht bezahlt wird. (Mehr über die Begriffe Care-Arbeit, Hausarbeit und Reproduktionsarbeit hier). Dass sie notwendig ist für das Überleben und die Grundlage bildet für ein gutes Leben, ist ja einfach eine Tatsache. Und dass ihre Missachtung mitverantwortlich ist für den schlechten Zustand unserer Erde, weil Menschen in Machtpositionen sich lange nicht um Umwelt und Ressourcen schonendes Produzieren und das Aufräumen danach gekümmert haben und das auch jetzt noch viel zu wenig tun, bleibt auch weiterhin meine feste Überzeugung. Doch inzwischen denke ich, es hat auch mit der Art dieser Tätigkeiten selbst zu tun, dass sie unsichtbar und unbeliebt sind, und ich befürchte, dass ihre Aufwertung daran nicht wirklich etwas ändern kann.

Hannah Arendt, die sich in ihrem Buch Vita activa mit den Formen menschlichen Tätigseins auseinandersetzte und unter anderem auch zeigte, was am „Arbeiten“, „Herstellen“ und „Handeln“ jeweils das Befriedigende und Sinnstiftende ist, übersah dabei ebenfalls die unsichtbarsten und unbeliebtesten Tätigkeiten – das Putzen, Waschen, Reparieren und Aufräumen – , die in keine ihrer Kategorien passen, aber zeitlich den größten Teil der Care-Arbeit ausmachen. (Warum bestimmte Care-Tätigkeiten besonders unsichtbar und unbeliebt sind, untersuchte ich hier schon einmal mit Bezug zu Arendts Unterscheidungen).

Von meinen Tätigkeiten in Haus und Garten kann ich nur einen kleinen Teil dem „Arbeiten“ zurechnen, nämlich den, in dem ich Lebensmittel produziere. Der macht Freude und erscheint sinnvoll. Über den kann ich auch sprechen, er ist der Rede wert. Hier folgt auf die Anstrengung irgendwann die Belohnung, wenn ich meine Kräutertees, Johannisbeeren und Kiwis ernten kann.

Schönes Unkraut oder ungepflegter Hauseingang?

Das kreative „Herstellen“ kam zu Beginn meines Lebens mit Garten noch zum Zuge, als wir den Hof und die Beete anlegten, Stauden pflanzten und alles schön gestalteten. Jetzt beschränkt sich das Gestalten darauf, wo ich welche Blumen aussäe. Der größte Teil meiner Arbeit besteht aus Pflegen, Aufräumen und Saubermachen, damit die Natur nicht alles überwuchert, und diese Tätigkeiten bestehen aus ewiger Wiederholung und vermitteln mir immer wieder das Gefühl, meine Zeit und meine Kraft sinnlos zu verschwenden. Wenn ich mit dem Unkraut-Entfernen am einen Ende des Grundstücks fertig bin, kann ich am anderen wieder anfangen.

Von den Tätigkeiten im Haus könnte höchstens das Kochen noch dem „Herstellen“ zugerechnet werden, und das ist ja neben dem Einkaufen die Haushaltstätigkeit, die Männer am ehesten mal übernehmen. Kochen ist jedoch ein Herstellen, dessen Produkt nicht lange in der Welt bleibt, allenfalls als ausgeklügeltes Rezept. Beim Alltagskochen, das oft unter Zeitdruck und aus der Notwendigkeit heraus geschieht, einmal am Tag etwas Warmes in den Magen zu bekommen, kann wohl kaum von einem „Herstellen“ gesprochen werden. Wie es den Frauen in Frankreich gelingt, dafür zu sorgen, dass zumindest dieser Aspekt ihrer Care-Tätigkeiten „der Rede wert“ wird, habe ich letzten Sommer wieder bewundert: Es gab unendliche Gespräche darüber, wie die eine und die andere dieses oder jenes Gericht zubereitet, was die besten Zutaten dafür sind und wo man sie bekommt. Noch ist Frankreich ja ein Land, in dem dem gemeinsamen Essen mit der Familie gesamtkulturell (also nicht nur von Seiten der Frauen) ein hoher Stellenwert beigemessen wird.

Weil mein Alltagskochen ebenso wie die anderen Care-Arbeiten größtenteils aus ewiger Wiederholung besteht, würde ich gern noch viel mehr auf vorgefertigte Lebensmittel zurückgreifen, doch leider weiß ich, dass sie oft ungesunde Stoffe enthalten und dass diejenigen, die sie produzieren, dies meistens unter schlechten Arbeitsbedingungen tun und miserabel bezahlt werden – von der zusätzlichen Müllproduktion einmal abgesehen. Es ist ja kein Zufall, dass einige der größten Konzerne durch die industrielle Produktion von fertigen oder halbfertigen Lebensmitteln oder durch Putz- und Waschmittel reich wurden.

Erträglicher werden die von sich aus nicht der Rede werten Care-Tätigkeiten, wenn sie mit „Handeln“ verknüpft werden können, wenn also dabei gesprochen, nachgedacht oder auf andere Menschen und damit auch auf „Welt“ Einfluss genommen werden kann, wobei ich mich selbst zum Ausdruck bringen kann als die Person, die ich bin. Solange Care-Arbeiten also im Kontakt mit Kindern oder mit ihnen zusammen erledigt werden oder gemeinsam mit anderen Erwachsenen, verschwindet die stumme Mühsal hinter einem als sinnvoll erlebten „Handeln“, über das dann wiederum mit anderen gesprochen werden kann. Wie leer die Care-Arbeit an sich ohne Verknüpfung mit einem „Handeln“ ist, nehme ich verstärkt wahr, seit ich in Rente bin und während dieser Tätigkeiten nicht mehr über meine beruflichen Vorhaben und auch seltener über sonstige Projekte nachdenke.

In einem Kommentar meinte auch Antje Schrupp, das Problem mit der Care-Arbeit habe vor allem damit zu tun, dass sie ins Private, Familiäre, Zweisame abgedrängt worden sei und dass sie mit Einsamkeit und Isolation zusammenhänge, mit Beziehungsarmut. Sie erinnert daran, dass in der Russischen Revolution die „Beziehungsweisen“ anfangs sehr wichtig genommen wurden, als die Neuorganisation von Care- und Erwerbsarbeit in neue Sozialformen und kollektives Leben eingebettet war. Wenn ich von meiner Erfahrung ausgehe, beispielsweise mit dem Leben in Wohngemeinschaften oder mit anderen Gemeinschaftsprojekten, kann ich mir schon vorstellen, woran diese und spätere linke und feministische Versuche, neue Wohnformen aufzubauen, hauptsächlich gescheitert sind: Die Verteilung der unattraktivsten Care-Arbeiten gelang nie gleichmäßig, weil diese für bestimmte Menschen (mehr Männer als Frauen) nicht der Rede wert und daher weitgehend unsichtbar waren, während andere (mehr Frauen als Männer) dafür erzogen worden waren, ihre Notwendigkeit wahrzunehmen und sich für ihre Erledigung zuständig zu fühlen. Die Letzteren zogen es daher irgendwann nach unendlichen ergebnislosen Auseinandersetzungen zum Thema „Hausarbeit“ vor, nur noch für sich selbst oder für ihre eigene Kernfamilie zu putzen und aufzuräumen.

Im Bemühen um Aufwertung der Haus- und Familienarbeit wurde unter anderem das Bild einer souveränen „Haushaltsmanagerin“ gezeichnet, die ihr kleines Reich regiert und dabei frei über ihre Zeit verfügen kann. Leider stimmt das mit der Wirklichkeit nicht überein, ich halte das für eine Form des Schönredens, um den Job attraktiver erscheinen zu lassen. In allem muss ich mich als im Haushalt Tätige nach dem richten, was draußen in der Welt als wichtig gilt. Es gibt nur kleine Zeitfenster für gemeinsame Mahlzeiten, auf die ich mich einstellen muss. Handwerker kommen irgendwann zwischen 8 und 12 Uhr. Ich werde in meinen sonstigen Tätigkeiten immer wieder unterbrochen, beispielsweise um Pakete entgegenzunehmen, den Stromableser hereinzulassen, für den Schornsteinfeger das Kamintürchen freizuräumen und hinterher wieder aufzuräumen. Eine Invasion von Lebensmittelmotten oder Ameisen zwingt mich, sofort die Speisekammer gründlich zu putzen und die offenen Lebensmittel in Gläser zu füllen, was mehr als einen Tag dauert. Weil Frost angesagt ist, muss ich empfindliche Pflanzen hereinholen, auch wenn ich an dem Vormittag etwas anderes vorhatte. Weil die Fruchtfliegen überhandnehmen, muss ich den Komposteimer im Spätsommer und Herbst fast täglich leeren und saubermachen. Sicher ist ein weiterer Grund für die Unbeliebtheit von Care-Tätigkeiten, dass sie von Notwendigkeiten diktiert werden, dass hier kaum Raum für Freiheit ist, dass es dienende Tätigkeiten sind, die dafür sorgen, dass das, was eigentlich wichtig ist, funktioniert.

Wenn ich mich über das Zuviel an Haus- und Gartenarbeit beklage, ist die für mich ärgerlichste Erwiderung: „Aber du musst das doch nicht machen!“. Es stimmt, ich muss die Hecke nicht spritzen. Aber wenn ich es nicht mache – und zwar sofort – fressen die Raupen sie innerhalb von wenigen Tagen kahl, womit die Arbeit von Jahren, diese Hecke zu pflegen, vernichtet ist. Es stimmt, ich muss die Kochtöpfe nicht einweichen oder sofort spülen, aber wenn ich es nicht mache, schufte ich am nächsten Tag dreimal so lange, um sie wieder sauber zu bekommen. Es stimmt, ich muss den sich ausbreitenden Efeu nicht herausreißen, aber wenn ich es nicht mache, wächst er an den Büschen und Bäumen hoch, die ich viele Jahre lang geschnitten und gedüngt habe, und erstickt sie, und die Wurzeln durchziehen den ganzen Garten, so dass ich Tage brauche, um ihn einigermaßen davon zu befreien.

Antje Schrupp hat einmal einen schönen Text über das Müssen geschrieben und über den Konflikt zwischen Notwendigkeit und Freiheit.  Sie weist darauf hin, dass viele Frauen häufig Notwendigkeiten empfinden, die ihnen Pflichten auferlegen, auch wenn kein äußerer Zwang existiert. Ich spritze die Buchsbaumhecke, obwohl mich niemand zu dieser für mich sehr unangenehmen Tätigkeit zwingt, weil „die innere Logik der Situation dies erforderlich macht“. Natürlich steht diese innere Logik im Zusammenhang mit bestimmten Entscheidungen, in diesem Fall haben wir entschieden, für das Überleben der Hecke zu sorgen, anstatt sie herauszureißen und eine andere zu pflanzen. Bei Care-Arbeiten für Menschen und Tiere leuchtet deren Notwendigkeit sicher mehr Menschen unmittelbar ein – sie sollen ja überleben bzw. ein gutes Leben haben. Bei Care-Arbeiten für Dinge ist das nicht so, denn ich kann die Dinge immer auch wegwerfen und neu kaufen, zumindest so lange, wie unsere Erde noch die Ressourcen dafür hergibt und noch Möglichkeiten für die Entsorgung des Mülls bereitstellt. Ich habe immer noch im Ohr, wie Til Schweiger in seinem Film „Honig im Kopf“ seiner Frau, die sich darüber aufregt, dass sein dementer Vater die Küche abgefackelt hat, nonchalant antwortet: „Dann kaufen wir eben eine neue“.

Antje Schrupp betont, das Sich-verpflichtet-Fühlen zu Care-Arbeiten sei nicht von vornherein besser als der Hinweis auf die Abwesenheit von Zwängen. Vielmehr seien beide Varianten gewissermaßen „verseucht“ von einer patriarchalen Kultur, „die die Sphären von männlicher Unabhängigkeit und Ungebundenheit einerseits und von weiblicher Hingabe und Selbstaufopferung andererseits als Gegensätze konstruierte, die sich in ihrer schädlichen Absolutheit gegenseitig definieren und aufrechterhalten.“ In dem Film „Honig im Kopf“ ist es schließlich auch wieder die Ehefrau, die einsieht, dass ihr Schwiegervater Betreuung nötig hat, und die dafür ihren geliebten Beruf aufgibt, nachdem ihr Mann und ihre Tochter entschieden haben, dass es dem alten Vater nicht zuzumuten ist, im Heim zu leben.

Obwohl das Leugnen ihrer Notwendigkeit ein beliebter Schachzug von Care-Arbeits-Verweigerern im Streit um eine gerechtere Verteilung dieser Tätigkeiten in der Partnerschaft ist, glaube ich nicht, dass die Fähigkeit, solche Notwendigkeiten wahrzunehmen, zwischen den Geschlechtern wirklich so unterschiedlich verteilt ist. Auch Menschen, die keine Care-Arbeit an Dingen leisten wollen, schätzen eine gepflegte Umgebung, empfinden Ekel bei Verschmutzungen und üblen Gerüchen und fühlen sich nicht wohl, wenn sie selbst oder ihre Kleidung ungepflegt sind. Der Unterschied entsteht hauptsächlich dadurch, dass die einen Menschen dazu gedrängt und dahingehend erzogen werden, sich für Care-Tätigkeiten zuständig zu fühlen, während anderen dies eher abtrainiert wird. Während kleine Jungen noch gern im Haushalt helfen, lernen sie irgendwann von männlichen Vorbildern und durch den Druck Gleichaltriger, dass solche Tätigkeiten mit ihrer männlichen Ehre nicht vereinbar sind. Hier entsteht immer wieder neu die Jahrtausende alte Scheidung zwischen höheren und niederen Sphären, zwischen oben und unten, zwischen Herren und Dienenden, die meistens mit geschlechtsspezifischen Zuordnungen einhergehen, aber nicht notwendigerweise. In Sklavenhaltergesellschaften oder Gesellschaften mit großen sozialen Unterschieden lernen auch manche Mädchen und Frauen, dass es unter ihrer Würde ist, bestimmte Tätigkeiten zu verrichten, weil dafür die niedriger bewertete Kategorie Mensch zuständig ist. Und an dieser Stelle entsteht bei den „Herren“ auch das Bedürfnis nach Macht und Geld, um ja nicht in die Kategorie Mensch absteigen zu müssen, die sich die Care-Arbeiten nicht von anderen abnehmen lassen kann.

Ich selbst wurde sehr früh und sehr gründlich darauf gedrillt, mich für Care-Arbeit zuständig zu fühlen, immer sofort wahrzunehmen, wo es etwas zu helfen oder aufzuräumen gibt und sogar vorausschauend zu handeln, um unangenehme Aufräumarbeiten zu vermeiden. Wenn ich sehe, dass ein volles Glas am Rand eines Tisches steht – sogar vor einem mir völlig unbekannten gestikulierenden Menschen – bringe ich es fast nicht fertig, es nicht weiter in die Mitte zu schieben. Auch im Restaurant muss ich an mich halten, am Ende nicht das Geschirr zusammenzustellen oder es zumindest der Bedienung zuzureichen. Bei Einladungen hält mich nichts auf meinem Stuhl, wenn ich sehe, dass es etwas hereinzutragen oder wegzubringen gibt. Wenn andere sich entspannt zurücklehnen und sich bedienen lassen, staune ich darüber, wie sie das fertigbringen, aber ich kann mich auch massiv darüber ärgern. Neulich hätte ich meinem Sitznachbarn im Zug am liebsten die Meinung gesagt, als ich beobachtete, wie er einfach sitzen blieb und weiter seine Zeitung las, nachdem er seine Frau gefragt hatte, ob sie ein Papiertaschentuch habe. Sie sagte, es sei in ihrem Mantel oben in der Gepäckablage. Da er sich nicht rührte, unterbrach sie ihre Lektüre und holte ihm schließlich die Taschentücher, obwohl das von ihrem Platz aus viel schwieriger war, als es für ihn gewesen wäre.

Weil ich als junge Lehrerin keine Lust hatte, als Frau die Zuständigkeit für das Wegräumen und Spülen der Kaffeetassen in meinem Schulkollegium zugeschoben zu bekommen, entschied ich mich, mich gar nicht am schulischen Kaffeetrinken zu beteiligen. Nur so war es mir möglich, mich von der Zuständigkeit für diese Care-Arbeiten zu befreien und mich nicht darüber ärgern zu müssen, dass andere ihre schmutzigen Tassen immer wieder stehen ließen oder den letzten Kaffee austranken, ohne neuen zu machen. Wenn ich mich nicht zuständig fühlen will für eine bestimmte Care-Arbeit, muss ich das bewusst entscheiden. Ich weiß von Frauen in Leitungspositionen, dass sie sich ihr Sich-zuständig-Fühlen für Care-Tätigkeiten abtrainieren mussten, weil das nicht zu dem Habitus einer Machtposition passte. Ich war innerlich immer stolz auf mein Care-Arbeiten und fühlte mich dadurch nicht einer niedrigen Kategorie Mensch zugehörig, vielleicht auch deshalb, weil ich mich immer wieder sehr bewusst dafür entschied. Aber wahrscheinlich wurde das von außen anders wahrgenommen, nämlich als disqualifizierendes „Mutti“-Verhalten, das dann den Maßstab setzte für das, was mir an intellektuellen Fähigkeiten oder Führungsqualifikationen zugetraut bzw. eben nicht zugetraut wurde.

Während ich früher für eine Aufteilung von Care-Arbeiten nach Vorlieben plädiert habe, sehe ich nun die Gefahr, dass dabei wieder all die Tätigkeiten, die nicht der Rede wert sind, bei den einen Menschen und die interessanteren bei den anderen landen könnten. Ich denke, dass wir eine gleichmäßige und gerechte Beteiligung aller Menschen an den unerquicklichen, unsichtbaren und unbeliebtesten Care-Arbeiten anstreben sollten, um die Verbindung dieser Tätigkeiten mit einem Oben und Unten, mit Sich-bedienen-Lassen und (Be)Dienen aufzubrechen. Denn ich finde, dass es keinem Menschen zusteht, solche Tätigkeiten komplett zu verweigern, und dass es keinem Menschen zuzumuten ist, ausschließlich solche Arbeiten zu verrichten, bei denen sein oder ihr kreatives und sinnstiftendes Potential keine Chance auf Entfaltung hat. Auch dann nicht, wenn die Bezahlung dafür gut genug wäre, was bis jetzt kaum irgendwo der Fall ist. Ich denke, wir sollten zudem einen neuen Anlauf nehmen, um über weitere Möglichkeiten nachzudenken, möglichst viele dieser Tätigkeiten zu „vergesellschaften“, mit all dem Wissen über Care-Arbeit im Gepäck, das wir inzwischen erarbeitet haben.

Fotos: Dorothee Markert

Ich befürchte allerdings, dass die Voraussetzungen dafür heute schlechter sind als in den 70er-Jahren. Denn leider wurde in der Hoch-Zeit der Frauenbewegung die Chance vertan, sich für eine Erziehung einzusetzen, die die Jungen im selben Maß wie bis dahin nur die Mädchen darauf vorbereitete, notwendige Care-Arbeiten wahrzunehmen und sich für ihre Erledigung zuständig zu fühlen. Statt die Erziehung der Jungen mehr an die frühere Mädchenerziehung anzupassen, wurde überwiegend der umgekehrte Weg gegangen: Auch Mädchen sollten jetzt nicht mehr gegenüber den Jungen „benachteiligt werden“, indem sie im Haushalt helfen mussten. Währenddessen beobachte ich, dass Mütter, manchmal auch beide Eltern, nun oftmals die Rolle der Dienenden in den Familien innehaben, die hinter ihren Kindern herräumen, sich für sie abstrampeln und sich manchmal von ihnen herumkommandieren lassen wie von Paschas und Königinnen. Ich befürchte, dass es für Menschen, die wie diese Kinder mit der Erfahrung aufgewachsen sind, dass andere für die Care-Arbeit zuständig sind, naheliegender ist, später jemanden dafür zu bezahlen oder, wenn dafür das eigene Einkommen nicht ausreicht, eine Person zu heiraten, die noch nach dem alten weiblichen Rollenmuster erzogen wurde. Dass manche Männer auch nicht vor Beschimpfungen und Gewalt zurückschrecken, um Frauen wieder zu diesen Tätigkeiten zu zwingen, zeigen die erstarkenden rechten und maskulinistischen Bewegungen. Das von ihnen gern verwendete Schimpfwort „Schlampe“ bezieht sich ja auch auf beide Bereiche, in denen ihnen die Selbstbestimmung von Frauen ein Dorn im Auge ist, in meiner Jugendzeit bezog sich dieses Wort ausschließlich auf „schlampige“ Hausfrauen und hatte mit Sex noch nichts zu tun.

Es könnten aber auch gute Bedingungen für eine gerechte Aufteilung der unsichtbaren Care-Arbeiten sein, wenn weder Frauen noch Männern die Zuständigkeit dafür und die Wahrnehmung ihrer Notwendigkeit anerzogen worden ist. Aber nur dann, wenn alle Geschlechter die Verantwortung dafür übernehmen, dass es bei den Lern- und Aushandlungsprozessen über die Erledigung dieser Tätigkeiten keinen Rückfall in alte Rollenzuweisungen und in ein daraus abgeleitetes Oben und Unten geben darf.

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Esther Gisler Fischer sagt:

    Herzlichen Dank liebe Dorothee für deinen eindrücklichen. sowohl persönlichen wie analytischen Bericht!

  • Fidi Bogdahn sagt:

    uffffffffff

  • Johanna Helen Schier sagt:

    Es ist und bleibt ein Dilemma.
    Wollen wir weiterhin individuelle Wege gehen?
    Die Privatheit der Hausarbeit bleibt?
    Manche, vorwiegend Akademikerfamilien,lassen die
    unangenehmsten Carearbeiten von weiblichen Putzhilfen
    verrichten und bezahlen sie mehr oder weniger angemessen.

  • Esther Gisler Fischer sagt:

    Wieder mehr gemeinsam tun, liebe Johanna: Definitiv! Nicht Care-Arbeiterinnen beschäftigen, die dann als Arbeitskräfte in ihren Herkunftsländern fehlen!

  • Antje Schrupp sagt:

    Liebe Dorothee, danke für den Text, der wieder einmal ein Thema weiterdreht, von dem wir eigentlich dachten, es wäre schon ausdiskutiert.

    Im aktuellen „Spiegel“ gibt es unter der Überschrift „Die neuen Diener“ eine große Geschichte, die den Aspekt aufgreift, dass durch das „Outsourcing“ der Hausarbeit wieder feudalistische Elemente in die Gesellschaft zurück kehren. Interessanterweise wählen auch sie die Formulierung von „Nicht der Rede Wert“:

    „Normalisierungsarbeit nennen Soziologen all das Putzen, Bügeln und Windelnwechseln. Ziel ist es, etwas wiederherzustellen, das in Unordnung geraten ist. Das erklärt, warum diese Arbeit nicht nur als lästig gilt, sondern als kaum der Rede wert.“

    Leider gibt es den Text nur in Print oder hinter einer Bezahlschranke: https://magazin.spiegel.de/SP/2017/48/154432474/index.html

  • Fidi Bogdahn sagt:

    „Gleichmäßige und gerechte Beteiligung aller Menschen an den Care-Arbeiten, gesellschaftliche Anerkennung“ etc.- ja, das ist das eine.
    Das notwendig andere aber ist -aus meiner betroffenen Care-Sicht empfunden-
    die „Verbindung dieser Tätigkeiten mit einem Oben und Unten, mit Sich-bedienen-Lassen und (Be)Dienen aufzubrechen“ –
    und zwar zu allererst in (meinem und) den eigenen Herzen!

  • Jutta Pivecka sagt:

    Liebe Dorothee, beim Lesen Deines Textes habe ich vieles wiedererkannt.

    Dennoch ist es mir auch wichtig, noch eine andere Perspektive einzuführen. So wie Dir jene auf die Nerven gehen, die sich nicht „zuständig“ fühlen, so haben mich schon als junges Mädchen oft jene (und meist sind das eben Frauen) genervt und zur Verzweiflung getrieben, die sich dauernd „zuständig“ fühlen und alle „umsorgen“, alles „aufräumen“ und „herrichten“ wollen. Ich habe oft gedacht, wenn ich meine Oma und meine Großtanten beobachtet habe, dass ich niemals so werden wollte wie sie, weil ihre dauernde Beschäftigung mit Sorge-Arbeiten aus meiner Sicht jedes Gespräch mit ihnen unerträglich machte, da sie es immer und immer wieder unterbrachen, um irgendwem was zu bringen, was wegzuräumen oder einzurichten. Nie konnte man mit ihnen einmal zusammensitzen und in Ruhe reden oder spielen, dauernd sprangen sie auf, kochten, brutzelten, wischten, boten was an. Nie konnten sie mal etwas stehen lassen, nie fragten sie eine oder einen direkt, ob er oder sie dieses oder jenes selbst machen könnte, nie kamen sie zur Ruhe. Ich habe sie dabei nicht nur als Opfer des Patriarchats wahrgenommen, sondern auch als dessen Agentinnen. Zum Glück hatte ich auch andere weibliche Vorbilder, an denen ich mich orientierte: meine andere Oma, eine liebe Nachbarin und Freundin, meine eigene Mutter (zumindest teilweise), die sich gelegentlich Zeit für Nichtstun, für lange Gespräche, für Spiele und Unfug nahmen und dabei kein schlechtes Gewissen hatten oder erzeugten, obwohl die Spüle oder der Wäschekorb noch voll waren.
    Auch heute noch geht es mir in manchen Frauenrunden so. Ich empfinde die dauernde Räumerei, dieses Hin- und Hergerenne von Gastgeberinnen und vielen weiblichen Gästen als störend. Es genügt nie Wasser anzubieten, immer muss ein ganzes Auswahlsortiment an Getränken (und Kuchen etc. pp.) her. Ich selbst bin als Gastgeberin gar nicht dankbar, wenn die Gäste bei mir in der Küche herumwerkeln, da ich mich lieber auf die Gespräche konzentrieren möchte. Dann räume ich auch hinterher gern alleine auf. Leider gibt es aber viele Frauen, die den Hinweis, dass ihre Hilfe und Mitarbeit gar nicht gewünscht ist und sie sich ruhig einmal entspannen können, ignorieren.
    Daher finde ich nach wie vor auch wichtig, kritisch gegen sich selbst zu bleiben und sich zu fragen, was wirklich notwendig ist (Windeln wechseln) – das muss dann gerecht geteilt werden – und was auf eigenen Entscheidungen beruht (Bügeln) – das macht, wem es wichtig ist. Über das Notwendige müssen wir streiten, aber wir können nicht andere in die Pflicht für Konsequenzen von Entscheidungen nehmen, die wir ohne sie getroffen haben (nämlich z.B.gebügelte Hemden zu haben oder eine schöne Hecke). Das ist sicher in Einzelfällen nicht immer ganz trennscharf möglich, aber m.E. im Grundsatz dennoch nötig. Deshalb geht es zwar einerseits darum, Jungen und Männer dazu zu erziehen, Verantwortung für Sorgearbeiten zu übernehmen, aber immer noch genauso sehr darum, Mädchen und Frauen dazu anzuregen, klarer zu definieren, was sie selbst wollen und sich herauszunehmen, das, was nicht notwendig ist, auch zu lassen, wenn es ihnen nicht wichtig genug ist oder wenn es nicht erwünscht ist. In meiner Familie (durchaus im Sinne des großen Familienclans) sehe ich da im Übrigen durchaus Fortschritte, bei den Mädchen und Jungen, Frauen und Männern gleichermaßen.

    Im Grunde glaube ich aber, dass das stets weniger durch Worte gelingt als durch Vorbilder. Deshalb bleibe ich auch weiterhin öfter mal ganz ungerührt sitzen und fühle mich nicht zuständig für alles!

    Der weiteren „Vergesellschaftung“ von Sorgearbeiten stehe ich eher ablehnend gegenüber, aber das ist noch einmal ein ganz anderes Feld. 🙂

  • Judith sagt:

    ich erinnere mich da an eine begebenheit, als ich mal an so einem nachmittagskräuterseminar teilnahm. die frau die dieses seminar leitete, führte uns (hauptsächlich waren es wohl frauen), durch einen klosterkräutergarten, zeigte den interessierten verschiedene kräuter, und zum abschluß wurde noch kräutertee getrunken, frisch zubereitet. nur noch wenige frauen waren anwesend, als sie dann sagte: es wäre schön wenn wir die tassen noch zusammen spülen könnten. einige frauen schrien sofort: natürlich gerne, meiner meinung nach auch ausreichend viele. ich ging. ich unterschrieb noch, daß ich an einem kräuterstammtisch interessiert sei, also notierte dort meine adresse. naja, sie hat sich nie bei mir gemeldet. ich kann es natürlich nicht mit sicherheit sagen, aber ich hatte schon den eindruck, daß mir dies verhalten meinerseits verübelt wurde. also man darf sich auch unter frauen garnicht erlauben es sich auch mal einfach zu machen, wie eben oft männer, und gerade die frühere generation von ihnen. und das habe ich eben auch oft in frauenkreisen erlebt, das gewisse dinge, dann doch auch irgendwie eingefordert werden, eben keine mal aus der reihe tanzen darf. leider!

  • Dorothee Markert sagt:

    Vielen Dank für eure Kommentare mit wichtigen Ergänzungen. Ja, liebe Fidi, „das Oben und Unten aufbrechen, zuerst im eigenen Herzen“!
    Jutta und Judith, eure Kommentare sehe ich zwar nicht als konträr zu dem, was ich geschrieben habe, denn im Zitat von Antje, das ich zustimmend zitiert habe, steht ja klar, dass beide Haltungen patriarchal verseucht sind, das Sich-immer-zuständig-fühlen und das Gegenteil. Doch ihr habt Recht, dass ich in meinen Beispielen nur den Ärger über Care-Arbeits-Verweigerung sichtbar werden ließ. Deshalb noch die Ergänzung, dass ich dabei bin, nicht nur zu staunen, wie Menschen es fertigbringen, sich bedienen zu lassen, sondern das auch selbst zu lernen. Ich bin sehr dankbar, wenn ich explizit aufgefordert werde, sitzen zu bleiben und mich bedienen oder bekochen zu lassen. Als mir das mit 15 Jahren zum ersten Mal passierte bei einer jungen Tante in den Ferien, wo ich eigentlich zum Babysitten hinging, sagte ich zu ihr, ich würde mich fühlen, als sei ich Königin Elisabeth. Inzwischen kann ich es auch schon mehr genießen, wenn wir im Hotel sind, dass andere die Care-Arbeit für mich machen müssen, ohne dass ich ein schlechtes Gewissen habe. Gegen die Angst, alles würde verwahrlosen, wenn ich nicht ständig dagegen vorgehe, hilft mir, dass ich zwischendurch auf Reisen bin und zuhause trotzdem alles ganz gut läuft. Offensichtlich führt das Sich-Identifizieren mit diesen Tätigkeiten dazu, sich innerlich aufzublasen, sich damit wichtig zu machen, um dem Gefühl der Sinnlosigkeit etwas entgegenzusetzen.

  • Judith sagt:

    liebe dorothee! ich finde solche beiträge wichtig, genauso solche tätigkeiten, aber sie können schon öde sein, und deshalb im allgemeinen nicht sehr begehrt, womit ich jetzt die tätigkeiten meine..und ja, sie wurden gerade der früheren generation von frauen übertragen, und scheinen nicht erwähnenswert zu sein, was ich persönlich nicht finde..und ja nur das gegenteil zu praktizieren, ist auch wie eine trotzreaktion, die vielleicht auch mal gut ist, (wobei mal trotzig sein, nicht das schlechteste ist)..aber für sich selbst zu schaun, was ist für mich stimmig, mich zwischen diesen polen von dienen und sich bedienen lassen einzupendeln gefällt mir…also jenseits von gut und böse zu agieren..lg judith

  • Cornelia Roth sagt:

    Also, mich macht es zeitenweise sehr zufrieden, wenn ich etwas, was sich immer wiederholt, wie das Bad putzen oder das Unkraut jäten wieder fertig gemacht habe. Es ist nicht nur „in Ordnung bringen“, sondern auch „wieder neu beginnen/weitermachen“ können: man hat wieder Lust, sich im Bad aufzuhalten, die Pflanzen haben wieder Luft zum weiterwachsen. Diesen Aspekt des Neubeginns, überhöht ausgedrückt: weiterleben zu ermöglichen, kann bei der langweiligen Care-Arbeit zufriedenstellen und dieser Aspekt sollte nicht untergehen. Voraussetzung ist für mich allerdings: die Balance zu anderen Tätigkeiten muß unbedingt stimmen. Und ich muß insgesamt genügend Zeit haben. Ein Problem ist für mich, daß ich soviel verschiedenes dauernd will oder meine zu wollen, daß ich für nichts in Ruhe Zeit habe und da erscheint die langweilige Carearbeit dann besonders lästig: sie ist ja wie ein kleines kreisendes Innehalten, bei dem scheinbar nichts Neues geschieht. Währenddessen drängen all die vielen Berufsnotwendigkeiten oder neuen Projekte. Ich kann mir vorstellen, daß die Ergebnisse der „Glücksumfrage“ auch mit dem Zeitmangel zu tun haben, der in großen Teilen der Welt herrscht – für viele Menschen anders als bei mir dabei nicht selbst gewählt. Also auch mit dem Zeitaspekt unseres Wirtschaftens.

  • Ich plädiere dafür, bezahlte Hausarbeiten nicht wegzudiskriminieren! Immerhin geben solche Jobs Menschen eine Arbeitsmöglichkeit, die aufgrund mangelnder Bildung oder einer Lebenssituation, die anderes nicht erlaubt, gar keine Chance haben, in ein sogenanntes „Normalarbeitsverhältnis“ zu gelangen (das ja auch immer weniger „normal“ wird).

    Das sag ich als eine, die das selbst nicht in Anspruch nimmt, da ich alleine lebe und in Juttas Sinn „unnötige“ Arbeiten auf nahe null reduziert habe.

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