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Nancy Wake: Die Geschichte einer sehr mutigen Frau

Von Brigitte Leyh

Irgendwo in einem englischen Second-hand-bookshop habe ich ein Buch über sie entdeckt, und seitdem ärgert es mich, dass kaum jemand je von ihr gehört hat: Nancy Wake, die Frau, die in der französischen Untergrundbewegung („maquis“) der Auvergne 7000 Mann befehligte, und die den Nazis im besetzten Frankreich durch ihre Sabotageakte und Überfälle große Schwierigkeiten bereitete.

Die gebürtige Australierin, die mit dem Fallschirm über Frankreich absprang, erhielt mehr Kriegsauszeichnungen für Tapferkeit und Verdienst als jede andere Britin, auch Paris und Washington zeichneten sie mit Ehren aus: Frankreich verlieh ihr die Médaille de Résistance, die nur wenige Franzosen und Französinnen, praktisch aber kein Ausländer bekam. Wakes reicher französischer Ehemann Henry Fiocca wurde in Marseille, wo heute eine Straße nach ihm benannt ist, von den Nazis zu Tode gefoltert, weil er ihnen nicht verriet, wo sich Nancy aufhielt.

Russell Braddons spannendes Buch ist eine von Wake selbst autorisierte Biografie. Es enthält Fotos von Nancy Wake, von ihren Kampfgenossen, ihren falschen Ausweisen und ihren Auszeichnungen. Braddon schildert seine Heldin differenziert und auch in ihrer Ambivalenz: Die ehemals „große Dame“ der Marseiller Schickeria, die notfalls ihre etwas verlotterten Gesellen mit derben Flüchen in die Kampfpositionen treibt, ist stets entzückt, wenn die Londoner Einsatzzentrale für sie Eau de Cologne oder Gesichtscreme zwischen Panzerabwehrfäuste und Gewehre packt und über der Auvergne abwerfen lässt. Solche Fallschirmladungen kommen nach ihren per Funk gegebenen Anweisungen 20 mal pro Monat, die BBC kündigt dann immer ein „Special for Hélène“ (ihr damaliges Pseudonym) an. Londons massive materielle Unterstützung sichert ihre Machtposition ab, die sie sich durch Durchsetzungsvermögen und Organisationstalent außerdem verdient. Zuerst aber musste sie die Männer der Résistance, die immer in Geldnöten waren, davon überzeugen, dass es sich lohnte sie nicht einfach zu töten und das von ihr mitgebrachte Geld Londons an sich zu reißen, ohne auf sie zu hören.

Nancy Wakes Karriere als Widerstandskämpferin begann mit der Einberufung ihres Mannes. Statt als Schickeria-Dame zuhause zu warten, lernte sie an einem Tag das Autofahren und rumpelte mit einem privaten Lastwagen an die Front, wo sie Verwundete einsammelte und in Sicherheit brachte. In Marseille gefangene britische Offiziere – obwohl gebürtige Australierin fühlte sie sich immer doch auch als Britin – baten sie als leidenschaftliche Patriotin um erste gefährliche  Kurierfahrten. Danach verhalf sie vielen von der Gestapo in Südfrankreich Verfolgten auf der Flucht. Unerschrocken und zäh nutzte sie jedes Schlupfloch, sodass die Nazis der mysteriösen effektiven Widerstandskämpferin bald den Namen „Die weiße Maus“ gaben.

Nancy Wake aber führte ihr elegantes Leben mit ihrem Mann Henri Fiocca in Marseille zunächst demonstrativ weiter. Als sie dann aber unter falscher Identität ins Gefängnis kam und ihre Kameraden unter Folter preisgeben sollte, konnte sie nur mit Glück entkommen, und sie wusste, dass es mit ihrem bürgerlichen Leben vorbei war. Aus Liebe zu ihrem Mann Henri musste sie darauf verzichten, ihn noch einmal zu sehen und ohne ihn fliehen, waghalsig und zu Fuß über die verschneiten Pyrenäen nach  Spanien und dann nach England. 

In Londons Kriegskabinett schätzte man sie bereits und ermöglichte ihr dort und in Schottland unter Colonel Buckmaster eine Guerilla-Ausbildung, mit der sie nach Frankreich zurückkehren konnte.

Eine der vielen Stärken Nancy Wakes liegt wohl in ihren Führungsqualitäten und ihrem Verantwortungsbewusstsein. Sie besteht trotz ihres ungeheuren Mutes energisch darauf, dass jede Vorbereitung einer Sabotageaktion die genaue Planung eines Fluchtwegs einschließt – eine bei manchem Rebellen durchaus als unheroisch angesehene Maßnahme, die aber Erfolg und Überleben der Widerstandsgruppen sicherte. 

Ende des Krieges marschiert Nancy mit ihren Leuten in Vichy ein. Dann sucht sie sich in Australien eine neue Aufgabe, geht 1949 in die Politik und bereitet als Spitzenkandidatin der Liberal Party 1951 der gegnerischen Labour Party einige Probleme. Ab Kriegsende aber werden diese Daten ebenso wie ihre Rückkehr nach England nur kurz erwähnt. Ihr Tod in London 2011 als 98jährige war der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung immerhin eine kleine Notiz wert: „Australische Kämpferin gegen Nazis ist tot“.

Zu ihren  Heldentaten hat Nancy Wake ein so beiläufiges Verhältnis, dass es Russell Braddon fast zur Verzweiflung bringt, ihr ihre Erlebnisse abzuringen. Wenn sie dieses Buch hätte schreiben müssen, wäre es wohl sehr kurz und einsilbig geworden. Die Motive für ihren gefährlichen Einsatz im Krieg sind für sie ganz einfach: Sie hasst Krieg und Gewalt, und sie findet es nicht richtig, sich als Frau in Kriegszeiten darauf zu beschränken, den Soldaten nur hold zuzuwinken und ihnen Ohrenschützer zu stricken.

Autorin: Brigitte Leyh
Eingestellt am: 02.03.2018

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Stefanie sagt:

    eine tolle Geschichte ist das!

    Zurecht bist Du verärgert, dass sie so wenig bekannt ist
    Danke für den anregenden Artikel.

  • Thomas_U sagt:

    Danke!

    Bei amazon.de gibt es noch einige günstige Exemplare unter „fremdsprachige Bücher“.

  • Gudrun Nositschka sagt:

    Eine beeindruckende Frau. Ich kenne übrigens aus meiner Verwandtschaft keine einzige Frau, die sich darauf beschränken (durften), den Soldaten hold zuzuwinken und Ohrenschützer zu stricken. Wenn diese Frauen Kinder hatten, haben sie sehr viel dafür getan, mit ihnen zu überleben. Frauen ohne Kinder mussten gegen ihren Willen in der Rücstungsindustrie arbeiten, wurden zum Arbeitsdienst eingezogen, wirkten als Rote – Kreuz – Schwestern. Keine einzige von ihnen war für Krieg und Gewalt.

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