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Rubrik unterwegs

Unterwegs in Irland vor der Volksabstimmung zur Abtreibung

Von Dorothee Markert

Es war sehr bewegend, in einem Video die jubelnden und weinenden Frauen in Irland zu sehen, als bekannt wurde, dass die Mehrheit der Irinnen und Iren bei der Volksabstimmung am 25. Mai 2018 zugestimmt hatte, den Zusatzartikel in der Verfassung zum Recht auf Leben zu streichen. Dieser enthielt ein totales Abtreibungsverbot, das sogar dann galt, wenn das Leben der Schwangeren in Gefahr war. Nun ist der Weg frei für humanere Gesetze, doch die Auseinandersetzungen gehen weiter.

Als ich Ende April in Dublin landete, hätte ich ein solches Ergebnis nicht für möglich gehalten, denn die widerlichen Plakate der AbtreibungsgegnerInnen dominierten das Straßenbild. Neben den üblichen Fotos von Föten im Großformat stieß mich vor allem der Sprachgebrauch ab. Durchgehend wurde davon gesprochen, dass hier Babies getötet werden sollten. Beispielsweise wurde behauptet, in England würde jedes fünfte Baby ermordet – und so etwas wolle man nicht nach Irland holen. In jeder Kirche lagen Broschüren für das „Nein“ aus, eine ganze äußere Kirchenwand wurde als Anschlagtafel für ein Riesenplakat genutzt.

Die Argumentationen auf den wenigen und kleinen Plakaten der BefürworterInnen der Streichung erschienen mir viel zu schwach, um gegen diese Art von Emotionalisierung anzukommen. In den drei Wochen meiner Irlandreise dachte ich bei jedem neuen „Yes“-Plakat, das ich entdeckte, über dessen Aussage nach und überlegte, wo ich zustimmen konnte, welche Argumente mir stark und wirkungsvoll erschienen und mit welchen ich überhaupt nicht einverstanden war.

Das Problem ist ja, dass die „AbtreibungsgegnerInnen“ so tun, als befürworte die Gegenseite die Abtreibung selbst und sei so gefühl- und herzlos, dass sie kein Problem damit habe, sie noch bis kurz vor der Geburt durchzuführen. Es ist nicht leicht, in wenigen Worten zu vermitteln, dass man zwar für die Aufhebung aller Abtreibungsverbote eintritt, doch Abtreibung trotzdem nicht befürwortet, allenfalls als Notlösung. Schon zu Beginn der Frauenbewegung hinderte mich diese Schwierigkeit daran, mich in den Kämpfen für eine Streichung des § 218 klar zu positionieren und mich vorbehaltlos dafür zu engagieren. Und im vergangenen Jahr war es wieder eine Aussage zur Abtreibung, die meine Kritik an den Leitlinien des neu gegründeten Feministischen Netzwerks auslöste.

Zum Glück half mir ein Satz von Luisa Muraro beim Nachdenken, den ich mir bei ihrem Vortrag in Rüsselsheim notiert hatte: „Keine Frau kann dazu gezwungen werden, Mutter zu werden“. Diesen Satz brachte ich nun mit den Worten auf den Plakaten ins Gespräch. Er weist zum einen auf die Tatsache hin, dass Frauen auch in finstersten patriarchalen Zeiten Wege gefunden haben, ungewollte Schwangerschaften zu verhindern oder abzubrechen, wobei sie große Risiken eingingen und oft auch an den Folgen starben. Auf einem der irischen Plakate erfahren wir, dass mehr als 170 000 Irinnen jährlich gezwungen sind, ins Ausland zu gehen, um abtreiben zu können. Mehrere Plakate bitten um das „Ja“ „for Women’s Health“ oder „for Care“. Auf einem erfahren wir, dass der Nachweis, eine Abtreibungspille genommen zu haben, die Verurteilung zu 14 Jahren Gefängnis nach sich ziehen kann.

Ich erinnerte mich daran, dass mich das Abtreibungsverbot auch nicht interessierte, als ich zu Beginn meines Studiums und des politischen Aufbruchs von 1968 einen Sommer lang glaubte, schwanger zu sein. Damals konnten wir noch keine Schwangerschaftstests in der Apotheke kaufen. Es war keine Frage, dass ich zuerst einmal nach einem Job suchte, um das Geld für eine illegale Abtreibung zusammenzubekommen. Denn dem Vorschlag meines Freundes „Dann heiraten wir halt“ – damals die logische Folge einer Schwangerschaft – wollte ich auf keinen Fall nachkommen. Trotzdem weiß ich nicht, ob ich mich letztlich wirklich für eine Abtreibung entschieden hätte. Ich hatte Glück und musste diese Entscheidung dann doch nicht treffen.

Abtreibungsverbote und Strafandrohungen verhindern heutzutage Abtreibungen nicht oder nur selten, vor allem dann, wenn es möglich ist, in ein Nachbarland zu reisen, um dort den Abbruch durchführen zu lassen. Doch sie verschlechtern die Bedingungen, unter denen abgetrieben werden muss. Natürlich werden in anderen Gegenden der Welt Frauen bis heute gezwungen, ungewollte Schwangerschaften auszutragen und die Kinder zur Welt bringen, doch trotzdem stimmt Luisa Muraros Satz, dass keine Frau gezwungen werden kann, ihrem Kind eine (ausreichend gute) Mutter zu werden. Ich verstehe Luisa Muraros Aussage also andererseits auch so, dass nichts Gutes dabei herauskommt, wenn versucht wird, Frauen zur Mutterschaft zu zwingen, weder für die Frauen noch für die ungewollten Kinder.

Auf einigen Plakaten wurde indirekt auf die Notlage hingewiesen, die zur Abtreibung führen kann, und darum geworben, für Frauen aus dem persönlichen Umfeld, die in eine solche Situation kommen könnten, mit „Ja“ zu stimmen: „Für Mitgefühl in einer Krise“, „Eine Frau, die du liebst, könnte dein Ja brauchen“. Andere Plakate wiesen indirekt auf die Absurdität hin, Frauen das Mutter-Sein zuzutrauen, aber nicht die Entscheidung dafür oder dagegen: „Vertraue Frauen“, „Deine Schwester, deine Freundin, deine Tochter – vertraue ihr“. Andere Plakate kombinierten mehrere solcher Aussagen, denen ich insgesamt gut zustimmen konnte: „Ja für Würde, ja für Mitgefühl, ja für Gesundheit“, „Ja für Mitgefühl und Respekt“.

Nicht einverstanden war ich mit Aussagen, die so tun, als gehe es bei der Frage nach einer Abtreibung nur um den eigenen Körper einer Frau, denn das ist einfach nicht wahr. Auch wenn ich nicht damit einverstanden bin, wie „AbtreibungsgegnerInnen“ das potentielle Leben instrumentalisieren, das da vernichtet wird, meine ich, dass Aussagen im Sinne von „Mein Bauch gehört mir“ ihren Argumentationen in die Hände arbeiten. Auch wenn ich jegliche staatliche Reglementierung von Abtreibung ablehne, so stimmt es doch nicht, dass dies eine rein private Angelegenheit ist, wie in folgenden Plakattexten ausgedrückt: „Manchmal braucht etwas Privates öffentliche Unterstützung“, „Unsere Körper, unsere Entscheidung“.

Auf die am Zustandekommen solcher Notlagen maßgeblich mitbeteiligten Männer wies nur ein Plakat hin „Stop shaming women“ – Hört auf, Frauen die Schuld zuzuschieben. Stattdessen wurde auf mehreren Plakaten „Solidarität“ eingefordert, beispielsweise in Verbindung mit der Aussage „Jemand, den du kennst, braucht das Recht zu wählen“.

Völlig daneben fand ich im Zusammenhang mit dem Thema Abtreibung Plakate der „Feministisch-sozialistischen Bewegung“, auf denen es hieß „Ja für Gleichheit, Freiheit und Wahl“, denn wie soll in diesem Punkt Gleichheit hergestellt werden?

Zu meinem letzten Kritikpunkt, der Ablehnung von Aussagen, die ein Recht auf Abtreibung postulieren, fasste Antje Schrupp ein Interview mit Luisa Muraro folgendermaßen zusammen: „Abtreibung: Kein Recht, sondern manchmal einfach eine Notwendigkeit. Das Thema, um das es bei all dem geht, ist die unselige Verquickung von Staat/Gesetz und Hineinregieren in den (weiblichen) Körper. Ob Abtreibung, Reproduktionsmedizin, „Leihmutterschaft“, Prostitution/Sexarbeit usw. – das alles sind Themen, wo die ethische Entscheidung bei den betreffenden Frauen/Personen selbst liegen muss. Die man nicht entlang von universalen Maßstäben nach abstrakten Kriterien regeln kann, die man dann „auf alle“ anwendet, wie es das Wesen von Gesetzen ist. Polizei und Justiz haben sich darauf zu beschränken, zu verhindern, dass andere Personen/Männer hier übergriffig werden und die Frauen/betreffenden Personen unter Druck setzen, zwingen, ausbeuten, ob in die eine oder in die andere Richtung.“

Autorin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 26.06.2018
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Brunhild Krüger sagt:

    Vielen Dank für die Informationen und vor allem für diese wunderbaren Argumente.
    Darf ich hierzu noch eine praktische Erfahrung aus der Situation in der DDR ergänzen?
    Als damals, 1971 (glaube ich war es), die Volkskammer die Streichung des Paragraphen, der Abtreibung unter Strafe stellte, beschloss, wurde überall heftig darüber diskutiert. Letztlich hat sich diese Entscheidung aber bewährt und zwar aus einem noch ganz anderen Aspekt:
    Parallel zu dieser juristischen Entscheidung wurde die „Pille“ erst verbilligt und schließlich kostenlos an alle Frauen (auch unverheiratete) abgegeben und ein umfangreiches Sozialprogramm zur Förderung junger Familien gestartet. Es gab z. B. für junge Familien einen Ehe-Kredit von 5000 Mark, der jeweils um 1000 Mark für das erste und zweite Kind, um 1500 Mark für weitere Kinder erlassen wurde. Kindersachen waren hoch subventioniert, so dass die ÖKONOMISCHE bzw. FINANZIELLE Situation immer seltener ein Hinderungsgrund für ein Kind war.
    Worauf ich jedoch vor allem verweisen will (und ich habe im persönlichen Bekanntenkreis drei konkrete Beispiele dafür erlebt), ist die Tatsache, dass es Frauen nun leichter fiel, sich FÜR ein Kind zu entscheiden. In den drei Familien gab es jedesmal schon zwei (Wunsch-)Kinder. Als die Frauen zum dritten Mal – nun aber ungewollt – schwanger wurden und vor der Entscheidung standen, diese Kind auszutragen, entschieden sie sich BEWUSST UND FREIWILLIG FÜR DIESES KIND. Es wurde dann sozusagen im Nachhinein ein „WUNSCHKIND“.

  • Ute Plass sagt:

    „Völlig daneben fand ich im Zusammenhang mit dem Thema Abtreibung Plakate der „Feministisch-sozialistischen Bewegung“, auf denen es hieß „Ja für Gleichheit, Freiheit und Wahl“, denn wie soll in diesem Punkt Gleichheit hergestellt werden?“

    Treibt seltsame Blüten, dieses „Gleichheitspostulat“. Hast du die besagte Bewegung mal darauf aufmerksam gemacht?

  • Dorothee Markert sagt:

    @Brunhild Krüger: Danke für deine Ergänzung! Ja, Abtreibungen aus finanziellen Gründen könnten staatliche Maßnahmen tatsächlich verhindern helfen, und es ist eine Schande, dass das nicht geschieht. In Freiburg gab es in den 80er-Jahren einen Modellversuch, da wurden Alleinerziehende einige Jahre lang zusätzlich zur Sozialhilfe finanziell unterstützt, so dass sie auf 1000 DM monatlich kamen, wovon man damals recht gut leben konnte. Einige Frauen aus meinem Umfeld haben sich in dieser Zeit einen Kinderwunsch erfüllt oder Kinder bekommen, die ursprünglich nicht geplant gewesen waren.
    @Ute Plass: Nein, außer mit einer Frau im Hostel, die ein Abzeichen mit „Yes“ trug, hatte ich während meiner Reise keine Gespräche mit Aktivistinnen.

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