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Rubrik erinnern

Die Donaupriesterin Gisela Forster

Von Juliane Brumberg

Von der Frauenbewegung im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts kennen wir die feministischen Frontfrauen. Doch ohne die weniger prominenten vielen „Frauen aus der zweiten Reihe“ wäre der große Erfolg der Frauenbewegung nicht möglich gewesen. In einer kleinen Serie möchten wir auf bzw-weiterdenken über einige von diesen Frauen erzählen. Wie sind sie zu ihrem frauenpolitischen Engagement gekommen, was machen sie heute?

Wir freuen uns übrigens über Artikel oder Vorschläge zu weiteren Frauen, deren Leben wir hier vorstellen können.

 

Ich besuche Gisela Forster in ihrem Kunsthaus am Wörthsee. Seit fünf Jahren öffnet sie das wunderschön über dem See gelegene oberbayerische Häuschen in jedem Frühjahr für ein Kunstprojekt. In diesem Jahr hat sie sich künstlerisch mit dem auseinandergesetzt, was sich hinter der Fassade der fröhlichen Segelboote auch noch verbirgt, was in unserem „inneren Darknet“ an geheimen Wünschen und Sehnsüchten schlummert. „Lassen wir nur für heute und nur für diesen Moment unsere dunklen Wesenszüge, unsere Schattenvariationen zu…“ schrieb sie in ihrem Begleittext zur Ausstellung.

Auf der Rückseite ihrer Kunstinstallation, kommen die Netze zum Vorschein, in die die Menschen verstrickt sind.

Allein dieser erste Blick in das Kunstprojekt zeigt schon zahlreiche Facetten von Gisela Forsters vielseitigen Interessen. Sie hat Kunst studiert und viele Jahre als Oberstudienrätin für Kunst an einem katholischen Gymnasium gearbeitet. Parallel dazu hat sie ein Architekturstudium an der TU-München als Diplom-Ingenieurin abgeschlossen. Später ist sie dann ihrer Liebe zur Philosophie gefolgt, hat ein Studium absolviert und mit diesem 1998 den Doktortitel der Philosophie erworben. Es folgte ein Ausbildungskurs für Weiheämter in der katholischen Kirche. Dass sie in den neunziger Jahren außerdem noch Kreisrätin für die Grünen im Landkreis Starnberg war, eine Ausbildung zur staatlich geprüften Pflegefachkraft absolviert hat und als Pflegedienstleiterin einer Alzheimer-Station tätig war, geht da schon fast unter….

Trotzdem sagt das alles noch nichts über die Frauenpower von Gisela Forster. Mir begegnet eine sympathische, temperamentvolle, selbstbewusste 72jährige. „Ich war wohl von Anfang an das, was man heute als hochbegabt bezeichnet“, sagt sie, ohne dass es in irgendeiner Weise überzogen wirkt. Sie ist lediglich klar und benennt die Dinge, wie sie sind.

Als ich sie nach ihrem Zugang zum Feminismus frage, antwortet sie: „Ich bin auch Feministin, aber ich bin noch viel mehr: ein bisschen Revoluzzerin, ein bisschen Rebellin – und dann auch wieder ganz gelassen. Keine Gewalt, aber die Welt umzubauen, da bin ich gerne dabei.“ Dass Frauen stärker sind, hat sie schon als kleines Mädchen bemerkt. „Wenn die Konflikte zwischen meinem Stiefvater und den Familienangehörigen eskalierten, war nur ich in der Lage, den Streit friedlich zu schlichten, die Männer kannten keine andere Lösung als Gewalt.“ Diese Erfahrungen in friedlicher Konfliktlösung haben ihr später viel geholfen. Um dem Unfrieden bei sich zu Hause zu entkommen, hat sie auf Bildung gesetzt. „Weil ich nicht gern zu Hause war, habe ich jeden Wahlkurs besucht, jede Sprache gelernt, jeden Erste-Hilfe-Kurs mitgemacht. Dadurch war mein Selbstbewusstsein nie gering.“

Fünf starke Tanten trugen dazu bei, dass sie Frauen nie als das schwache, benachteiligte Geschlecht erlebt hat; und ihre Schulzeit auf einem Münchner Mädchengymnasium: „Da wurden die Mädchen sehr gefördert. Wir hatten nur einen männlichen Lehrer in Latein, der hat sich nur für hübsche schlanke Mädchen interessiert, über den konnte ich nur mit dem Kopf schütteln…“

Beim täglichen Aktmodellieren während des Kunststudiums hatte sie die Gelegenheit, die Bewegungen und Wirkungen des Menschen zu ergründen. Gleichzeitig ging die 68er Revolution an den bayerischen Hochschulen los „und ich war immer dabei, Demozüge von der Ludwigsstraße zum Stachus, Sitzblockaden, Reden, endlose Nachtdiskussionen, Widerstand, Selbstbehauptung, Durchsetzung, Veränderung, Mut zum eigenen Denken, Ankratzen der politischen Hierarchien ebenso wie der kirchlichen Absolutismen. Ich war oft selbst im Zweifel, ob ich das alles verstehe, aber Revolution zu machen, das hat mich tief ergriffen und es hat mir Spaß gemacht.“ Die junge Studentin hat dabei viel gelernt: „Revolution funktioniert nicht über die miesepetrige Tour, man muss lustig sein, dann gehen die Menschen mit. Und man darf nie Siegesfreude zeigen. Wenn man gewonnen hat, muss man cool bleiben, das ist sonst zu viel für die Verlierer.“

Ihr feministisches „Erwachen“ erfolgte jedoch viel später. Zunächst wurde sie begeisterte Kunsterzieherin am katholischen Klostergymnasium in Schäftlarn und bekam drei Kinder, zwei davon vom Schuldirektor, einem katholischen Priester, der sich nicht zu seiner Liebe und seinen Kindern bekennen durfte und wollte. Gisela Forster nahm das hin, litt auch darunter, beteiligte sich aber an der Verschleierung der Wahrheit und kämpfte sich durch die volle Problematik des Alltags als alleinerziehende Mutter. Erst als sie 1980 auf die in Gründung befindliche Initiativgruppe der vom Zölibat betroffenen Frauen  stieß, gingen ihr die Augen auf. „In der Öffentlichkeit wurde ja immer nur darüber diskutiert, was der Zölibat für Männer bedeutet. Wie Frauen darunter zu leiden hatten, blieb – mit unserer Unterstützung – unsichtbar. Die ganze Diskriminierung als alleinerziehende Mutter, bei der Schulanmeldung und überhaupt, das habe ich immer so weggewischt. Aber da, als wir betroffenen Frauen zusammenkamen, da ist der ganze katholische Sumpf rausgekommen.“ Die vom Zölibat betroffenen Frauen hatten zwei Ziele: „ Wir wollten kirchenpolitisch tätig sein und wir wollten weinen darüber, dass wir dieses System gedeckt hatten.“ Sie gingen auf die Straße und stolz berichtet Gisela Forster: „Dabei kamen mir meine Demo-Erfahrungen zugute.“ Sie sagt allerdings auch: „Ohne den Anstoß von außen durch die Initiativgruppe wäre es nicht dazu gekommen, den habe ich gebraucht.

Danach hat sie in vielen kirchlichen Widerstandsgruppen mitgearbeitet, bis sie 1998 an dem Ausbildungskurses für Weiheämter in der katholischen Kirche teilnahm, der Ende 2001 mit einer Prüfung bei katholischen Professoren und Theologen zur Befähigung zur Weihe endete. Und dann folgte 2002 die gut vorbereite Weihe zur katholischen Priesterin auf einem Donauschiff mit sehr großer Resonanz in den Medien. „Womit wir allerdings nicht gerechnet hatten war, dass wir plötzlich so viele Feinde haben würden, die von außen auf uns angesetzt wurden.“

Im vergangenen Jahr, also 15 Jahre später, ist eine umfangreiche Doktorarbeit von Barbara Velik-Frank über die Donau-Priesterinnen erschienen, in der beschrieben ist, wie professionell Gisela Forster die Öffentlichkeitsarbeit damals betrieben hat. „Ich war sicher in 40 Talkshows“, berichtet sie. Abgesehen davon, dass den Frauen die Tätigkeit als geweihte Priesterin  ein ernsthaftes Anliegen war, wollten sie mit dieser Aktion natürlich auch auf den großen Missstand aufmerksam machen, dass Frauen in der katholische Kirche jegliche heilige Handlung und jegliche Entscheidungsbefugnis verwehrt ist und dass es ausschließlich Männer sind, die darüber bestimmen was Frauen dürfen und was nicht. Den Frauen war klar, dass die römisch-katholische Kirche das nicht akzeptieren würde und sie mit der Exkommunizierung rechnen mussten, die dann 2003 auch folgte.

Wenn die promovierte Philosophin die symbolische Bedeutung dieser Priesterinnenweihe beschreibt, holt sie etwas aus: „Der Erfolg ist politisch ganz immens, weil die Aktion bildnerisch und inhaltlich so deutlich war, dass die Menschen auf Verstandesebene und auch sinnlich auf ein Unrecht aufmerksam wurden, das in der römisch-katholischen Kirche seit Jahrtausenden herrscht. Die Religionen haben die Lücken des Nichtverstehens der Welt ausgenutzt und eigene diktatorische Systeme erdacht. Diese sind wissenschaftlich nicht begründet, aber trotzdem sehr wirksam, weil sie in autoritärem Stil erhoben und verkündet werden. Die männlichen Kirchenhierarchien bestimmen in allen westlichen Religionen nicht nur, was man glauben muss, sondern entscheiden auch über die Personen, die bestimmen dürfen, wie Mensch und Welt sein sollen. Frauen sind die Nebenfiguren, die Helferinnen, die Unterdrückten, die Sklavinnen… Gleichberechtigung kann also nur erreicht werden, wenn die Religionen ihr Problemlösungsdiktat UND ihren einseitigen männlichen Machtanspruch aufgeben. Sonst rudern wir vergebens. Mit der Priesterinnenweihe sind wir 2002 in das hierarchische männliche System der Kirchen eingebrochen und haben damit weltweit Aufmerksamkeit erreicht. Es war ein Steinchen auf dem Weg zur Gleichberechtigung der Frau.“

Gisela Forster selbst ist heute nicht als Priesterin aktiv, da ihr die Leitung der Kirche eine Gemeinde versagt hat. Jedoch wird sie immer wieder darum gebeten Beerdigungen abzuhalten. „Da kommen Menschen auf mich zu, die Gott den Herrn bei der Trauerfeier nicht haben wollen. Das mache ich gerne und ziehe dazu mein Priesterinnengewand an. Ich spreche dann über die Weite des Weltalls und die Philosophie des Seins.“

Mit der katholischen Kirche hat sie weitgehend abgeschlossen. „Die ist ein Finanzsystem, ein Kunstsystem – sehr wichtig; dann ein soziales System – sehr schwach, ein zutiefst frauenverachtendes System und ein Sündenpfuhl.“ Stattdessen engagiert sie sich im Vorstand vom Evangelischen Diakonieverein in Starnberg, nimmt an Seminaren bei der katholischen Frauenseelsorge teil – und sie hat vier Enkelkinder, davon „drei Mädchen, die ich zu starken Frauen erziehen möchte.“ Von Zeit zu Zeit kommen – erstaunlicherweise – hochrangige katholische Würdenträger auf sie zu und bitten um ein Gespräch.

Gisela Forster neben einem von ihr gemalten Porträt ihrer Mutter.
Fotos: Juliane Brumberg

Ich habe Gisela Forster nicht als klassische Frauenbewegungsfrau erlebt. Mit ihrer früh kultivierten weiblichen Kraft war sie jedoch sofort dabei, wenn es darum ging, Ungerechtigkeiten gegenüber Frauen anzuprangern und abzuschaffen, gemäß ihrem Lebensmotto „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Im Moment fühlt sie sich gerade in einer Ruhephase, „aber ich denke, dass ich wieder einen Aufbruch starte.“ Wie die Frauen gesellschaftlich da stehen, findet sie völlig ungenügend, „denn Frauen haben einen sehr großen Verstand, sie gestalten den Fortschritt. Die Zukunft des Mannes dagegen ist ungewiss, man weiß heute nicht, in welcher Rolle sich die Männer wiederfinden werden.“ Und dann verkündet sie zum Abschluss noch eine sehr ernst gemeinte Provokation: „Die Ehe ist eine der dümmsten Erfindungen, die den Menschen eingefallen ist. Sie hat so schreckliche Rollenbilder für die Frauen hervorgebracht. Die Menschen können auch ohne Ehe gute Eltern sein.“ Wie Gisela Forster es vorgelebt hat!

Zum weiterlesen:
www.virtuelle-dioezese.de
Kulturprojekte von Gisela Forster: www.kulturstrasse.de
Barbara Velik-Frank, Die Donaupriesterinnen, Graz 2016, 400 S., ISBN-10: 3743911337
Karin Jäckel, Gisela Forster: Denn das Weib soll schweigen in der Kirche. Bastei Verlag 2004, 457 S., ISBN 3-404-61552-2.

Werner Ertel, Gisela Forster: Wir sind Priesterinnen. Patmos Verlag 2002, 208 S., ISBN 3-491-70363-8.

Autorin: Juliane Brumberg
Redakteurin: Juliane Brumberg
Eingestellt am: 18.07.2018
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Ute Plass sagt:

    Freue mich sehr, liebe Gisela, hier über dich zu lesen.
    So wie du damals die Gruppe „Vom Zölibat betroffene Frauen“ als Anstoß für kirchenpolitische Aktivitäten gebraucht hast, so sehr hat die Gruppe auch deine Power und deinen Einfallsreichtum
    gebraucht. Denke gerne an unsere Diskussionen und Aktivitäten zurück.
    Gibt es inzwischen von dir die Kunstinstallation über Marienbilder und den Leuchtschrein mit dem Hymen Mariens (sozusagen als Pendant zur Vorhaut Gottes, die du ja bereits in deinem Andechser Kulturstraßenprojekt ausgestellt hast)? :-)

  • Regina sagt:

    Danke für dieses wertvolle Porträt!!

  • Brigitte Leyh sagt:

    Liebe Juliane,
    toller Text über eine großartige Frau!!!

  • irmgard sagt:

    Liebe Gisela, danke für den interessanten Beitrag. Wir kennen uns seit der Grundschule, aber wieder einmal einige Details aus Deinem aufregenden Leben erfahren. Meine Hochachtung an Dich und Juliane Brumberg. Irmgard

  • Johanna Helen Schier sagt:

    Juliane Brumberg, Danke für diesen Bericht über eine
    starke und hochbegabte Frau. Sie ist zur Zeit in einer
    schöpferischen Ruhepause. Beruhigend zu lesen, denn:
    es gibt einen Zusammenhang von Hochbegabung und Burnout.

  • Gerda Maria Sperl sagt:

    Mit grossem Stolz habe ich diesen Artikel ueber Dich gelesen, der mich sehr beruehrt hat. Wir haben viel gemeinsam – Du insbesondere bezueglich der Rolle der Frau in unserer Gesellschaft, ich in meinem Lebensprojekt, die Aermsten der Armen in Afrika zu unterstuetzen.
    Deine Kusine Gerda aus Rom.

  • Rotger Heilmeier sagt:

    Ein schöner Text,
    der meine verstorbene Mutter, Liselotte Heilmeier-Beerheide,
    gefreut hätte.

  • My dear
    What a wonderful life …..as one of the seven Donau priest erin Ben I will always be grateful to you and Christine Lumetzbergervfor the firefight , courage and hard work it took to organize our ordination. I will always remember fondly our conversations I advance of that great sacred event. And yes……I am glad they captured part of your essence the fun living
    Little girl who lives to play and knows how to help her girl playmates to manifest the joyful essence of priestly sisterhood.
    As a mother if 6 , grandmother if 13 and great grandmother of Theodora birn this june I have earned the right to
    Not only call myself ordained in apostolic succession to Peter and Paul
    But as an elder in ancient succession to Miriam, Mary and Mary magdala . Please co

  • How about staying in touch ?
    In love and gratitude
    Dagmar ( Angela White)

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